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Seneb I – Im Zeichen der Isis: Historischer Roman

Seneb I – Im Zeichen der Isis: Historischer Roman

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Seneb I – Im Zeichen der Isis: Historischer Roman

Länge:
642 Seiten
8 Stunden
Freigegeben:
May 20, 2015
ISBN:
9783940281685
Format:
Buch

Beschreibung

Ägypten um 2400 vor Christus: Nachdem Pharao Userkaf den Sonnenkult als neue Staatsreligion eingeführt hat, befindet sich das Reich in größter politischer Unruhe. Die Staatskasse ist leer und die Provinzfürsten von Ober- und Unterägypten stehen in einem Machtkampf mit dem Pharao.
Als Sohn des ersten Schreibers am Hofstaat wurde Seneb gemeinsam mit Sahure, dem Sohn des Pharaos, unterrichtet. Auf gefahrvollen Reisen in Diensten Userkafs wächst nun die Freundschaft der beiden jungen Männer. Gemeinsam entdecken sie ein Komplott ungeahnten Ausmaßes und schweben fortan in ständiger Lebensgefahr. Nach dem Tode Userkafs tritt Sahure die Nachfolge an und Seneb wird dessen engster Vertrauter und unermüdlichster Kämpfer für das Wohl des Reiches.
Seneb I – Im Zeichen der Isis eröffnet einen detailreichen Blick in die Welt des alten Ägypten und ist zugleich der Auftakt zu einer epischen Romanreihe voller Spannung, Intrigen und Abenteuer.
Freigegeben:
May 20, 2015
ISBN:
9783940281685
Format:
Buch

Über den Autor

Walter P. Kögler wurde 1952 geboren und wuchs in Furth i. Wald auf. Seit über drei Jahrzehnten lebt er mit seiner Ehefrau in Landau a. d. Isar. Seine Passion für die Pharaonenzeit und für die Mysterien des Alten Ägypten bewogen ihn zu ausgedehnten Entdeckungsreisen nilabwärts. Von Kairo bis Abu Simbel fahndete er nach Spuren der fünftausend Jahre alten, faszinierenden und geheimnisvollen Geschichte der untergegangenen Hochkultur.


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Buchvorschau

Seneb I – Im Zeichen der Isis - Walter P. Kögler

Wer die wunderbaren steinernen Zeugnisse des „Alten Ägypten"

nicht mit eigenen Augen gesehen hat,

kennt die Welt nicht!

Ein Buch überlebt die Zeit länger als ein gebautes Gebäude,

als ein steinernes oder granitenes Bauwerk.

Der Leib der Menschen verfällt zu Staub und Sand,

die Namen werden unbedeutend und aus dem Gedächtnis gestrichen,

das Buch aber erinnert zeitlos an den Verfasser.

In Liebe und Dankbarkeit

für

meine Frau Karin und meine Tochter Melanie

Handelnde Personen

Historische Persönlichkeiten und Protagonisten

* Namen sind geschichtlich belegt

** Kapitelunterteilungen – Ableitungen aus den Weisheits- und Totenbüchern der Ägypter

Glossar

Verzeichnis altägyptischer Namen und Begriffe

Die Barke des Re verschwand langsam am westlichen Horizont. Der Himmel verfärbte sich langsam in sein fahles, markantes Abendrot. Fast lautlos ruderte ich den Nachen, ein breites Boot aus dicht gebundenen Papyrusblättern mit geringem Tiefgang, durch das Schilfrohr. Angespannt stand Prinz Sahure breitbeinig am Bug, den Speer wurfbereit in der rechten Hand. Entfernt hörten wir die Rufe meines Shens Tufur, der mit Prinz Harub im Schilfdickicht auf Beute lauerte. Es war der zwölfte Tag im Mond Pachons, der Periode des Schemu im sechsten Regierungsjahr des Pharao Userkaf, als wir uns nach langer Zeit wieder einmal zum Fischfang verabredet hatten.

Wir hatten uns ziemlich weit von Perunefer, dem Hafen von Mennefer, entfernt, bis wir unser liebstes Fischrevier seit der Jugendzeit in dem Wirrwarr der Sumpfarme des Hapi in der Nähe des Sobek-Tempels erreicht hatten. Die ruhige Stille wurde hier nur vom spuckenden Plätschern des Hapi, dem Ausfluß aus Osiris, an die gefaserte, geflochtene Schilfwand des Bootes oder vom gelegentlichen Brüllen der entfernt badenden Nilpferde gestört. Ich erinnerte mich an die Kindertage, als mir mein Vater Meneher das Fischjagen mit dem Speer und den Umgang mit dem gebogenen Wurfholz für die Vogeljagd beigebracht hatte; später als Jugendliche waren wir in der Periode des Schemu sehr oft mit den leichten Nachen in den teilweise marschigen und sumpfigen Wasserwegen, von fast zehn Ellen hohen, dichten Papyrusbüschen und büschelgekrönten Schilfwäldchen bewachsenen, wild verzweigten Seitenarmen des Hapi unterwegs, wenn uns der strenge Lehrer Pamene Freizeit vom anstrengenden Unterricht gewährte, um Fische zu fangen.

Nach der Überschwemmungszeit, die das Delta in eine große Wasserfläche verwandelt hatte, waren die Felder und Wiesen mit fruchtbarem Schlamm des Hapi überzogen. Die Bauern waren zufrieden, da der Hapi um fast sechzehn Ellen gestiegen war und sie mit reicher Ernte rechnen konnten. Das schwarze Fruchtland würde dank des Hapi wieder zu neuem Leben erwachen und auch die ärmsten Romet mit Nahrung versorgen. Der Hapi war in sein Flußbett zurückgekehrt und die rege Schiffahrt wieder reibungslos möglich. Das ufernahe Land war wieder aus den Fluten aufgetaucht; einige höher gelegene Getreidefelder waren bereits abgetrocknet und konnten schon von Landarbeitern mit hölzernen, breitblättrigen Hacken oder mit ochsengezogenen Pflügen gepflügt werden. Das von den Bauern gesäte Saatgut wurde anschließend von Rinder- und Ziegenherden, die von Hirten über die Äcker getrieben wurden, in den noch feuchten Boden getreten. Bizarr geformte Sandbänke waren aus den weichenden Fluten des Hapi wieder aufgetaucht und wurden von zahlreichen sonnenbadenden Krokodilen mit weit aufgerissenen Mäulern in Beschlag genommen.

Vor zwei Tagen, am zehnten Tag des Pachons in der Periode Schemu, wurde das bedeutende Fest zu Ehren des Gottes Min gefeiert, um dem Gott für den Beginn einer neuen Periode der Fruchtbarkeit zu danken. Min war ein gütiger Gott für alle, der Gott der Fruchtbarkeit, der Ernte und der Zeugung, und lockte die Romet aus dem ganzen Land Kemet in die festlich geschmückte Hauptstadt Mennefer. Die kahlgeschorenen Priester des Min, gekleidet in weiße wallende Tücher mit einem blauen Streifen am Saum, geleiteten Pharao Userkaf, würdevoll gewandet mit dem Nemes, dem gefältelten Königs-Kopftuch, und das herrschaftliche Gefolge, angeführt von Neferhetepes, der Gemahlin des Pharao, mit der Prinzessin Meretnebty und den Prinzen Sahure und Harub durch die Straßen von Mennefer zum Min-Tempel. Der Tempel hatte bei weitem nicht die Ausmaße und die Ausstattung wie der Ptah-Tempel, dem Stadtgott von Mennefer gewidmet. Aber er war architektonisch beeindruckend gestaltet und verfügte über prächtig gepflegte Außenanlagen.

Die großen hölzernen Tempelpforten der mächtigen, mit farbigen Wandmalereien verzierten Pylonen waren an diesem Ehrentag für die Bevölkerung geöffnet worden. Die Romet waren zu Hunderten in den gepflasterten Innenhof geströmt, um die Zeremonie hautnah miterleben zu können.

Ich sah nur die Prinzessin Meretnebty, „meine kleine Sonne". Sie trug ein langes, weißes, durchscheinendes Kleid mit feinen Längsfalten, das nur über der rechten Schulter von einem schmalen Träger gehalten wurde. In ihr langes, schwarzseidiges Haar, das ihr auf die wohl gerundeten Schultern fiel, waren Hunderte kleine blaue und goldene Perlen eingeflochten. Leider fiel kein Blick ihrer dunklen, mandelförmigen Augen, die grün-schwarz geschminkt waren, auf mich. Ihre unheimliche, ja einfach magische Ausstrahlung hätte mich erbeben lassen.

Beim Anblick des göttlichen Herrschers warfen sich die Romet, die in Scharen den Weg säumten, auf die Knie und streckten ihre Arme auf dem festgestampften Lehmboden aus.

Im lichtdurchfluteten Vorhof des Tempels standen unzählige große Lehmkrüge und schwere Khar mit Saatgut aus Emmer und Weizen sowie Gerste und Flachs.

Die sechs Ellen hohe vergoldete Gestalt des Min im Wickelgewand mit von zwei hohen Federn geschmückter Kappe und mit der Geißel in der rechten erhobenen Hand, die linke Hand lag auf dem mächtig erigierten Glied, wurde von den Priestern, welche die langen Holzstangen mit der Statue auf den nackten Schultern trugen, aus dem Tempelsanktuar geholt und auf einem Steinblock abgestellt, damit er der Zeremonie beiwohnte.

Unter Jubelgesängen der anwesenden Romet brachten Userkaf und Neferhetepes dem Fruchtbarkeitsgott Opfer dar. Userkaf legte Getreidesäcke, Blumen und schwere goldene Ketten auf dem Altar aus Granit nieder und streute Weihrauch über die glühenden Kohlebecken.

Durch den aufsteigenden Nebel aus den Weihrauchbecken schritt Prinzessin Meretnebty, die ich seit der Kindheit nur Meret rief, mit leicht geröteten Wangen in anmutigen kleinen Schritten zur Göttergestalt. Min-Priester waren ihr dabei behilflich, einen mit Getreideähren und blauen Kornblumen geflochtenen Kranz um das große Glied zu legen.

Der erste Hohepriester des Min, Tuminhe, segnete mit salbungsvollen Worten gestenreich die Saat mit geheiligtem Wasser aus dem Tempel, damit die Saat rasch aus dem vom Hapi geschenkten fruchtbaren Boden sprieße.

Tuminhe verbeugte sich ehrfürchtig vor der goldschimmernden Statue und begann mit getragener Stimme den Gott zu lobpreisen:

„Heil Dir, oh göttlicher Min, der Du für das Leben spendende Wasser des Hapi sorgst.

Damit die Felder mit fruchtbarem Schlamm überzogen und die Weiden und Gärten bewässert werden.

Dank Dir werden alle Münder satt und alle Romet in unserem geliebten Land Kemet bringen Dir reiche Opfergaben."

An das erwartungsvoll schweigende Volk des Min-Festes gewandt, fuhr Tuminhe fort:

„Die Boten aus Abu und Waset haben uns die Pegelstände der steinummantelten Schächte, der Nilometer mitgeteilt. Das Wasser des Hapi ist fast bis zur fünfzehnten Kerbe gestiegen."

Frenetischer Jubel brach unter den wartenden Romet aus, denn alle wußten von der lebenswichtigen Bedeutung der Kerben:

– Zwölf Ellen/Kerben bedeuten Hunger und Not,

– dreizehn Ellen/Kerben bedeuten ausreichend Wasser,

– fünfzehn Ellen/Kerben bedeuten gute Versorgung und

– sechzehn Ellen/Kerben bedeuten Überfluß an Essen.

Begleitet wurde der jährliche Festakt von würdevollen Gesängen der Min-Priester; Priesterinnen des Min, deren langes, schwarzes Haar mit blauen Bändern geschmückt war, spielten auf metallenen Sistren glockenhelle Lieder, die von den Wänden des Tempels widerhallten. Über den Vorhof zogen aus aufgestellten goldenen Schalen schwere Duftwolken des reichlich geopferten Weihrauchs, die den gesamten Tempelbereich schwängerten und die Tempelgebäude verschleierten.

Zum Abschluß der Zeremonie erhielten alle Bauern des Gaus von den Min-Priestern symbolisch einen Scheffel des Saatgutes für ihre Äcker. Die zahlreichen Festbesucher strömten zur Statue des Min, um sie zu berühren, damit etwas von der mächtigen Kraft des Schutzgottes der Fruchtbarkeit auf sie überging.

Pharao Userkaf kehrte nach Abschluß der Zeremonie in einem majestätischen Zug durch die breite Hauptstraße, vorbei an jubelnden Rometmassen, in das Per-Ao zurück.

„U-ser-kaf, U-ser-kaf …" Die Hochrufe auf den Pharao hallten durch die Straßen und Plätze. Männer, Frauen und Kinder tanzten und klatschten im Takt der Rufe in die Hände. Der Jubel nahm erst ein Ende, als sich die Palasttore schlossen.

Alle hohen Beamten des Palastes, Mitglieder der Fürstenhäuser und des Herrscherpalastes waren nach Beendigung der Feierlichkeiten zu einem großen Bankett zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes im Per-Ao eingeladen, das bis in die frühen Morgenstunden dauerte.

Seit Mittag waren wir in einem von Brackwasserseen und riedgrasbewachsenen Tümpeln umgebenen Buschdickicht eines verschlungenen Seitenarms des Nils unterwegs, um Fische zu jagen.

Nicht weit entfernt von unserem Fischfanggebiet befand sich auch ein mir vertrauter Ort, ein kleiner versteckter, von dichten Papyrusstauden umrandeter Tümpel, der am Tage von Lotosblüten, den Lieblingsblumen meiner „kleinen Sonne, bedeckt war. Sie liebte diese Blumen, da nach den Mythen der Schöpfergott in Gestalt eines Kindes aus einer Lotosblüte hervorgegangen war und die Blumen daher bei den kultischen Riten von den Priestern den Göttern geopfert wurden. Oftmals fuhr ich alleine mit meinem Papyrusnachen zu dieser versteckten Sumpflandschaft, um in der abgeschiedenen Einsamkeit aus meinem Herzen drängende hoffnungsvolle Gebete an Hathor, die Göttin der Liebe, zu richten und verträumte Zwiegespräche mit meiner „kleinen Sonne zu halten.

Der Name brannte Tag und Nacht in meinem Herzen. Das winzige Flämmchen der Liebe war in meinem Ka zu einer lodernden Flamme geworden. Während ich, in dem korbartigen Sitz aus Papyrusstengeln lehnend, versonnen die geschwungenen, nach Licht und Wärme strebenden Blütenblätter, die das goldfunkelnde Blütenherz mit den goldenen Kelchen freigaben, die glitzernd zwischen den dunkelgrünen Blättern standen, betrachtete, wühlte ein seltsamer, feuriger Schmerz in meiner Brust. Deutlich glaubte ich in einer aufgeblühten Lotosblüte ihr Gesicht, fast greifbar nah, zu erkennen, ihren betäubenden Duft zu riechen und ihren heißen Atem zu spüren. Die Liebe zu Meret hatte sich tief in meinem nach glühenden Zärtlichkeiten schreienden Herzen eingebrannt und würde erst enden, wenn das Licht in meinen Augen erlosch. Erst am Abend, wenn Re seine strahlende Tagesfahrt im Westen beendete und die Lotos ihre Blüten in der sich langsam einnistenden Dämmerung schlossen, fuhr ich zurück nach Perunefer in den heimatlichen Hafen.

Niemand kann sein Dasein im Diesseits hinauszögern;

es gibt niemanden, der nicht zu Osiris gehen muß.

Die Spanne des irdischen Lebens

ist nicht länger als die Strahlen des Re.

Bisher war unsere Ausbeute gering; nur zwei mittelgroße Nilbarsche und ein Wels lagen auf dem Boden des flachen Nachens.

Ich betrachtete Prinz Sahure, der, nur mit einem Shendit, einem weißen, gefältelten Schurz, und ledernen Sandalen bekleidet, angespannt in die modrigsüßlich riechende Tiefe starrte. Lediglich ein goldener Armreif mit der Uräus-Schlange zierte seinen gestählten Körper. Seine großgewachsene, muskulöse Gestalt glänzte in der untergehenden Sonne. Er war zu einem jungen Mann, zu einem königlichen Prinzen gereift.

Seine markanten Gesichtszüge waren angespannt, als er, mit einem langen Wurfspieß bewaffnet, in die Tiefe des Wassers starrte. Wenn er die Weihen der Götter in der Tempelschule des Ptah abgeschlossen hatte, würde er, als erstgeborener Sohn, vom Pharao Userkaf zum Horus im Nest ernannt werden.

Mit Wehmut erinnerte ich mich an unsere gemeinsame Jugendzeit, die wir in der Schreiberschule im Palast verbracht hatten. Als Söhne des ersten Schreibers des Pharao Userkaf durften ich und mein älterer Shen Tufur die Ausbildung gemeinsam mit den Prinzen Sahure und Harub sowie der Prinzessin Meretnebty im Palast unter dem strengen Lehrer Pamene absolvieren. Die Jungen im Viertel der hohen Beamten beneideten mich, da ich und mein Shen im Palast ein und aus gehen konnten. Ich dagegen sah den Jungen gleichen Alters oft traurig nach, wenn sie sich zum Spielen auf den Feldern trafen, während ich über den heiligen Zeichen saß.

Die lange Schulzeit war lehrreich, aber auch hart gewesen. Oft spürten wir den Stock des alten Pamene, wenn wir uns beim Versuch, Hieroglyphen zu schreiben, ungeschickt anstellten oder beim Unterricht unaufmerksam waren. Oft, sehr oft mußten wir uns von ihm dabei den Satz: „Das Ohr eines Jungen ist auf seinem Rücken; er hört nur, wenn er Prügel bekommt", anhören. Dabei machte der Lehrer keinen Unterschied zwischen mir, meinem Shen und den königlichen Prinzen. Lediglich Prinzessin Meretnebty wurde, wenn überhaupt, von Pamene nur mit strengen Worten getadelt. Trotzdem hatten wir immer Zeit, um Streiche auszuhecken und Pamene zu ärgern. Die Tage und Wochen mit meiner kleinen Sonne waren geprägt von ungetrübter Freude. Wo es die Zeit erlaubte, verbrachten wir die freien Stunden gemeinsam. Da wir uns gegenseitig anspornten, litten unsere schulischen Leistungen nicht darunter. Trotz unserer jugendlichen Unbekümmertheit war uns beiden bewußt, daß Pamene unserem Treiben andernfalls ein jähes Ende bereitet hätte.

Ich liebte es, in der wenigen Freizeit mit Prinzessin Meretnebty im prächtigen Palastgarten Senet, ein Brettspiel mit verschiedenen Spielsteinen und Wurfhölzern, zu spielen und gemeinsam die Stunden am See, mit dem türkisfarbenen Steinboden, im Palastgarten mit den duftenden Lotosblüten zu verbringen. Hand in Hand liefen wir durch die blühende Gartenlandschaft des Herrscherpalastes. Wir planschten johlend im warmen Wasser, um dann unsere nackten Körper in der heißen Sonne trocknen zu lassen. Wenn meine Lippen ihre Stirn berührten und ich mit den Fingern zärtlich die Linien ihres Gesichtes nachzeichnete, tobte tief in meiner Brust eine Flut mir unbekannter Regungen. Oft diskutierten wir aber nur über belanglose Palastgerüchte oder sie erzählte aufgeregt von Amtsgeschäften ihres Vaters, des Pharao Userkaf, den sie manchmal bei Audienzen begleitete.

Zuweilen lagen wir aber nur wortlos nebeneinander und schauten uns gegenwartsverloren in die Augen. Ich ertrank in diesen Augen, die wie tiefe, lapislazulifarbene Seen schimmerten, und betrachtete fasziniert die verdunstenden Wassertropfen auf ihrer makellosen Haut. Es gefiel ihr, wenn ich ihren verführerischen Körper mit blauen Kornblumen, die ich im Palastgarten gepflückt hatte, bedeckte. Ein freudiger Schauer durchbebte dabei ihren makellosen Körper. Der Kontrast ihres honigfarbenen Leibes mit dem Blau der Blumen erinnerte mich an weißgelbe, flockige Wolken vor dem tiefen, azurblauen Firmament. Manchmal lagen wir nur am Beckenrand des Teiches, hörten dem sachten Plätschern, den seufzenden Wellen des Wassers zu und betrachteten fasziniert eine blaue Lotosknospe, die ihre zarten, goldbestäubten Kelchblätter öffnete.

Die bei Tagesanbruch aus dem Wasser auftauchenden roten und blauen göttlichen Lotosblüten waren die Lieblingsblumen meiner „kleinen Sonne". Nach den Mythen der Romet entstand diese Seerosenart aus dem Urwasser und öffnet ihre Blüten, wenn Re mit dem göttlichen Licht im Osten erscheint. Gemeinsam atmeten wir den süßen Duft der lieblichen Blüte, den göttlichen Wohlgeruch ein.

Bei vielen Gelegenheiten erlaubte sie mir, daß ich ihr nasses, seidenweiches Haar, auf dem bläulich schwarze Schatten spielten, zu langen Strängen flocht, die ihr dann wie dunkle Strahlen des Re auf die perlenfarbigen Schultern fielen.

Wenn Re im Westen verschwunden war und sich die dunklen Schatten der Nacht verbreiteten, kehrte völlige Stille im Palastgarten ein. Wir flüsterten uns, beseelt von einer geheimen Begierde, die süßesten Liebesworte zu. Ihr warmer Atem streifte meine glühenden Wangen wie ein sanfter, lockender Lufthauch.

Manchmal berührte sie mich mit ihrer Hand an der Wange und diese Geste erfüllte mein Herz mit einem Feuer, das mit keiner mir bekannten Wärme zu vergleichen war. Grillen zirpten einschmeichelnde Lieder. Wir saßen aneinandergelehnt auf dem Rasen und betrachteten zwischen den Sykomoren und Dumpalmen Hunderte von Glühwürmchen bei ihrem verwirrenden Tanz. Entfernt begann eine Nachtigall leise ihr Lied in die Dunkelheit zu trällern. Tief in meinem Herzen brannte ein heißer Wunsch. Überglücklich wünschte ich mir bei diesen berührenden Gelegenheiten, ewig mit meiner „kleinen Sonne" hier zu verharren.

Eine vertraute Zweisamkeit hatte sich zwischen uns entwickelt; prickelnde Gefühle überlagerten unser irdenes Dasein. Eine leichte Berührung von ihr brachte meinen Körper zum Brennen und entflammte unbeschreibliche Gefühle, die ich bisher nicht kannte.

Oft tollten wir, die Umwelt vergessend, gedankenlos bis zur Erschöpfung im ausgedehnten Palastgarten, bis wir eng umschlungen auf dem Grasboden landeten und selbst erschraken. Ihr erhitzter, jugendlicher Frauenkörper, der sich mit gewölbten Hüften an mich preßte, schien meine körperlichen und seelischen Schmerzen ins Unerträgliche zu verstärken. Sie neckte mich lächelnd und liebte es, mit ihrer Zunge in meinem Ohr zu spielen und ihr warmes Gesicht in meine Schulterbeuge zu schmiegen. Ihre sanften und zarten Bewegungen erinnerten meinen Körper an die göttlichen Zuneigungen einer goldenen Göttin. Wir wagten nicht, die Geheimnisse unserer Körper zu erforschen. Die angeborene Scheu hinderte uns, den sehnsuchtsvollen Schritt der gegenseitigen Liebe zu wagen. Langsam befreiten wir uns jedes Mal aus unserer aneinandergeschmiegten Umarmung, wobei wir uns schmerzhaft tief in die Augen schauten, um das Innerste im Gegenüber zu erforschen. Ein brennender Funke hatte sich in unseren Kas entzündet. Die Zeit schien für uns beide aber noch nicht gekommen. Unsere Berührungen blieben zärtliche Andeutungen. Ich hatte tief in mein wogendes Herz gehört und die trommelnden Schläge der Kammern gaben mir ein eindeutiges, reines Zeichen zurück. Das empfindliche, liebliche Band zwischen uns hatte sich zu einer dicken, vieltauigen Schiffstrosse entwickelt.

Eines Abends, als der Trost spendende, Vergessen schenkende Schlaf ausblieb, hatte ich ihr ein Gedicht geschrieben, um meine Gefühle, mein Empfinden zu „meiner kleinen Sonne" zu Papyrus zu bringen:

Mein karges Zimmer wird zum säulengetragenen Palast,

wenn du mich des Tags herzberührend angelächelt hast.

Wenn ich die heiligen Zeichen des Thot zu Papier bringe,

dann ich barfuß durch die rote Wüste für dich ginge.

Meine Sandalen brennen unter meinen Füßen,

wenn du ausnahmsweise vergißt, mich zu grüßen.

Wenn mein Becher mit Wasser leer steht,

dann zu schnell die Zeit mit dir vergeht.

Wenn sich das Korn wiegt im linden Wind,

dann komme ich zu dir, du allerliebstes Kind.

Wenn die Sonne den Dunst vom Hapi weht,

dann unsere junge Liebe nie vergeht.

Wenn der Bildhauer Motive in den Stein meißelt,

dann wird unsere Verbindung von Fremden gegeißelt.

Sie nannte mich Shemer, mein Freund. Eine Auszeichnung, die mich jedes Mal innerlich jubeln ließ und ein unglaubliches, unbeschreibliches Glücksgefühl bei mir hervorrief. Eine grenzenlose Seligkeit hatte von mir Besitz ergriffen; ein zartes Flämmchen der Liebe flackerte in meinem Herzen und konnte von keinem noch so starken Wind ausgeblasen werden.

Prinz Sahure und mir fiel es leichter als den anderen, Hieroglyphen zu schreiben und zu lesen. Mein Vater Meneher förderte mein Talent durch zusätzliche, nicht enden wollende Unterrichtsstunden, damit ich einmal das Amt des ersten Schreibers des Pharao übernehmen konnte. Während mein Shen bereits in seinem Zimmer schlief, war ich im Schein der Öllampe sitzend noch damit beschäftigt, mit einem Binsenstengel Hieroglyphen auf Tonscherben zu malen und Texte der Papyrusrollen abzuschreiben. Oft brannten mir die überanstrengten Augen und die göttlichen Zeichen begannen verschwommen vor meinen Augen zu tanzen.

Unzählige Scherben und flache Kalksteinsplitter hatten sich in einer Ecke meines Zimmers gestapelt, bevor ich Hieroglyphen auf Papyrus schreiben durfte. Geduldig und ohne Unrast hatte ich Bogen um Bogen mit meiner kleinen säuberlichen Schrift gefüllt, innegehalten und bedächtig überlegend an meiner Binse gekaut. Die sinnreiche Sprache, triadenfach in Wort, Bild und Schrift, der Götter von Kemet wurde mir Tag für Tag vertrauter. Wenn mein Blick die Zeichenkolonnen überflog, fühlte ich, wie mein Herz weit wurde, und ich glaubte zu verstehen, was der ibisköpfige Gott Thot, der Herr der Gottesworte, mit dem ich lange Zwiegespräche geführt hatte, von mir verlangte. Das Schreiben und Lesen der göttlichen Worte schenkte mir Augenblicke selbstvergessenen Glücks.

Auch die Lernstunden in Rechnen und Geographie, Baukunst sowie die Geschichten und Lehren der Weisheit aus früheren Pharaonenzeiten hatten mich fasziniert. Oft begleitete ich meinen Vater in das Archiv des Palastes, das Haus der Schriftrollen, in dem kahlgeschorene Priester des Ptah Papyrusrollen abschrieben und in endlosen Wandregalen stapelten. Es war ein langer, dornenreicher Weg, bis ich die göttlichen Zeichen schreiben und lesen konnte. Mein Tun war von dem Wunsch beseelt, bester Schreiber zwischen dem Großen Grün und den Katarakten im Süden zu werden.

Mein Vater wies mich in das System der Ablage ein und ließ mich die Aufzeichnungen der alten Dynastien sowie den Schriftverkehr der früheren Pharaonen lesen. Ich hatte begonnen, die Geheimnisse der Schriftsymbole des großen Gottes Thot, dem Gott der Weisheit und der fast siebenhundert göttlichen Bildzeichen, die sich beliebig miteinander kombinieren ließen, zu verstehen. Mein Vater war bereits alt und hatte das Amt des ersten Schreibers des Pharao schon viele Jahre inne. Er hatte viel von der gehörten und aufgezeichneten Weisheit während der Ausübung seines Berufes in sich aufgenommen. Gefesselt war ich vor allem von historischen, juristischen und theologischen Dokumenten über den Pyramidenbau und Berichten über Reisen der Romet in benachbarte und ferne Länder.

Ich konnte den weisen Greisen bei den Unterrichtsstunden im Haus des Wissens fasziniert stundenlang bei ihren Erzählungen zuhören.

Einige Monde durfte ich beim Hemnon in den Amtsstuben der Baumeister verbringen. Beeindruckt studierte ich die Skizzen und Baupläne der Mastabas und der Pyramiden. Hemnon war ein geduldiger Lehrer und nahm mich oft mit auf den memphistischen Friedhof. Vor Ort erklärte er mir ausführlich und geduldig die einzelnen Baufortschritte am Haus des Westlichen für den Pharao Userkaf und die detaillierten Aufgaben und Tätigkeiten der einzelnen Bautrupps.

Begeistert lief ich jedes Mal die steil ansteigende Rampe zum höchsten Punkt der halbfertigen Pyramide hoch, um von diesem Aussichtspunkt den Blick nach Norden zu den drei weiß glänzenden Pyramiden von Gise zu werfen.

Die goldverkleideten Pyramidone gleißten strahlend im hellen Licht des Re über unserem Land Kemet. Die benachbarte beeindruckende Stufenpyramide des Osiris Djoser mit der weißen Umfassungsmauer bildete dazu einen kontrastreichen Gegensatz. Endlos weit erstreckte sich die öde, steinige Wüstenlandschaft an drei Seiten, lediglich im Osten war fruchtbares Land um das silbern glänzende Band des Hapi zu erkennen.

Von den Architekten des Baumeisters lernte ich den Umgang mit dem Senklot und den hölzernen Setzwaagen ebenso wie die Ausrichtung des Pyramidenfeldes nach den Bahnen der inneren Planeten des Sonnensystems. Fasziniert und gelehrig hörte ich ihnen zu, wenn sie mir die einzelnen Bauphasen mit papyrenen Plänen und zerlegbaren Holzmodellen erklärten. Die Vermesser erklärten mir, wie sie die mathematisch berechneten Vorgaben und den Fortschritt der Arbeiten an der Pyramide mit hölzernen Setzwaagen, bestehend aus zwei Holzleisten, die wie ein auf den Kopf gedrehtes V geformt waren, überprüfen. An der im Bau befindlichen Pyramide lehrten sie mich auch geduldig den Einsatz des Winkellots, Mercket genannt, und den Umgang mit dem Peilinstrument, dem Bai.

Stolz hatte ich nach Abschluß der achtzehn Monde dauernden Schreiberlehre von meinem Vater Meneher eine kleine Statue von Thot, dem ibisköpfigen Gott der Schreiber, entgegengenommen. Die fein geformte Statuette aus weißgelbem Sandstein bewahrte ich in einer Nische meines Zimmers im elterlichen Wohnhaus auf.

Überstrahlt wurde die harte Ausbildung aber durch die Anwesenheit der anmutigen, liebenswerten Prinzessin Meret. In meinen Augen war sie zu der anmutigsten, lieblichsten jungen Ägypterin im ganzen Lande Kemet herangewachsen. Mein Herz klopfte oft bis zum Hals, wenn ich in ihrer Nähe war. Die ausstrahlende Wärme ihrer Haut verbrannte mein überquellendes Herz. Doch die Weisheit der Keuschheit fruchtete in unseren Körpern. Aber die Monde der Schulzeit waren viel zu schnell vorübergegangen.

Ein Gelehrter, der seinen Körper mit ausreichender Speise versorgt,

dem wird es dadurch an nichts fehlen im Diesseits.

Der Wissende wird verehrt durch das, was er lehrt.

Nachdem wir unsere Jugendlocke, das Symbol der Jugend, verloren hatten, mußten wir zwölf Monde lang eine Ausbildung in der Mescha, beim Heer in der nahe gelegenen Garnison in Mennefer absolvieren. Die Garnison grenzte im Norden an den Herrscherpalast und umfaßte ein Haupthaus und sieben Baracken sowie Ställe für die Esel. Schweißtreibend war der Alltag in den nüchternen Unterkünften und auf dem Exerzierplatz.

Die Offiziere brachten uns unbedingten Gehorsam zum Wohle und zum Schutz unseres Landes Kemet bei und unterwiesen uns in den verschiedenen Kampftaktiken.

Während der Ausbildungszeit konnte ich weder meine Eltern noch Prinzessin Meretnebty sehen, da ich, wie alle anderen Rekruten auch, die Garnison während der militärischen Dienstpflicht nicht verlassen durfte. Nach der täglichen zermürbenden praktischen Ausbildung fielen wir todmüde auf die Strohmatten in den Unterkünften. Die Garnison mit dem Standartenzeichen des Ptah umfaßte fünf Abteilungen zu je zweihundert Mann.

Pharao Userkaf hatte das stehende Heer zum Schutz des Nildeltas gegen die Libu im Westen und die Apiru im Osten eingerichtet. Unterwiesen wurden wir im Speerwerfen, Schwertkampf und Bogenschießen.

In sportlichen Wettbewerben trainierten wir Ausdauer im Laufsport und in langen Märschen sowie Ringen im Zweikampf zwischen den Rekruten. Prinz Harub und mein Shen, der zu einem gedrungenen, muskulösen jungen Mann herangereift war, entschlossen sich, bei der Mescha zu bleiben.

Während Prinz Harub vom Pharao zum königlichen Stellvertreter der Garnison ernannt wurde, hatte sich Tufur zum Standartenträger der Abteilung der Schwertkämpfer hochgedient. Kamese, der große General der Garnison, war von dem unbändigen Mut und der Unbesiegbarkeit im Schwertkampf meines Shens begeistert; die Männer seiner Einheit verehrten ihn und jubelten ihm zu.

Prinz Harub war eher ein kühler Stratege geworden, der die Soldaten zu einer durchorganisierten, schlagkräftigen Division drillte.

Die Rekrutenzeit an den Waffen, der Kampf Mann gegen Mann und die anstrengenden Touren in der westlichen Wüste bei sengender Sonne mit geschulterter Ausrüstung hatten auch mich vor harte Bewährungsproben gestellt.

Ich war froh, als die Ausbildung abgeschlossen war und ich mich wieder meiner weiteren Lehre im Haus des Wissens und der Schreibertätigkeit widmen konnte. Ich begleitete auch meinen Vater, wenn der Pharao seiner Dienste bedurfte, um ihn zu entlasten.

Meinem Vater fiel es zunehmend schwerer, die Worte des Pharao schnell auf dem Papyrus festzuhalten, da seine Sehkraft nachgelassen hatte. Ich schrieb die Worte des Pharao mit, damit mein Vater dann den Text leichter ergänzen konnte.

Wißbegierig nahm ich mit anderen Höflingen an den Lehrgängen für Architektur, Mathematik, Schiffsbau und Astronomie teil.

Oftmals hatte ich nächtelang mit meinem Vater auf dem Dach unseres Hauses über die ruhmreichen Pharaonen der alten Zeit wie Chufu oder Chaefre diskutiert. Über glanzvolle Zeiten meiner Vorfahren, die ich während meiner Ausbildung als Schreiber lesen mußte. Diese mächtigen Pharaonen waren nach ihrem Tod zu den Göttern aufgestiegen, aber ihre Pyramiden und Totentempel strahlten noch immer am westlichen Rand der Wüste.

Dennoch bereiteten die Pyramiden den königlichen Baumeistern große Sorgen. Alle ausgeklügelten Sicherungsmaßnahmen hatten sich als unzuverlässig erwiesen. Immer wieder geschah es, daß verbrecherische Romet Tunnel gruben und in die Pyramiden und Mastabas eindrangen und die Schätze der Pharaonen raubten. Oftmals wurden sogar die einbalsamierten Körper der Verstorbenen geschändet. Aufgabe der Priesterschaft des Ptah war es, die Grabkammern unter Beachtung der rituellen Beerdigungszeremonien wieder herzustellen und die Häuser des Westens neu zu verschließen.

Mein Vater berichtete mir von Verhandlungen beim Hohen Gericht, in dem über Grabräuber die Todesstrafe verhängt wurde. Sie wurden im roten Land bei lebendigem Leib im Sand vergraben oder gepfählt und erlitten einen langsamen, qualvollen Tod.

Ich warf immer wieder die Frage auf, ob Pharao Userkaf im Vergleich zu früheren Dynastien ein schwacher Pharao war. Aber die intensiven Gespräche mit meinem Vater führten uns zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Ich folgte meinem Vater gerne in den Palast in der Hoffnung, die anmutige Prinzessin Meretnebty wiederzusehen. Meine Liebe zu ihr wuchs von Mond zu Mond wie eine Mauer, die mit jeder Ziegelreihe immer höher wurde. Meine Gedanken an meine kleine Sonne vermehrten sich von Tag zu Tag, wie das Auffädeln von Perlen zu einer immer länger werdenden Kette.

Seit meiner Zeit in der Garnison hatten sich unsere Wege getrennt und ich sah die Prinzessin nur selten bei feierlichen Anlässen. Prinzessin Meretnebty wurde im privaten Bereich der großen königlichen Gemahlin Neferhetepes in die Pflichten einer Tochter des Pharao eingewiesen. Als leibliche Tochter des Gottgleichen war sie dazu ausersehen, die fünfte königliche Dynastie aufrechtzuerhalten.

Wer auf den Rat seines Herzens hört, schläft voller Ruhe.

Wer seine Worte weise abwägt, schläft ohne falsche Träume.

Wer ein Geheimnis verkündet, macht sich Feinde.

Wer es mit Absicht wiederholt, beschädigt sein Ansehen.

Wer sich von den Göttern abkehrt, bleibt auch den Göttern fremd.

Angespannt schweigend saßen wir nebeneinander, während der Nachen träge auf dem Wasser des Hapi schaukelte. Das uns umgebende raschelnde, dichtsträuchige Papyrusdickicht war erfüllt vom Gesang verschiedenartig zwitschernder Vögel und vereinte sich mit dem Glucksen und Platschen des Hapi. Ein leichter Wind brachte das Schilf zum Flüstern. Grünblau gemaserte Libellen schwirrten ziellos über die ruhige Wasseroberfläche.

„Seneb, träumst du wieder?" Der freundliche Zuruf von Prinz Sahure riß mich aus meinen Gedanken.

Ich schalt mich selber wegen meiner Unachtsamkeit, während ich einen Blick in das seichte, klare Wasser warf. Zu viel konnte im ausgedehnten Röhricht des Wasser- und Sumpfgebietes des Nils passieren. Die Gefährlichkeit der Krokodile und Nilpferde war nie zu unterschätzen. Zu oft waren in der Vergangenheit unachtsame Kinder und unvorsichtige Fischer Opfer der gefräßigen Nilbewohner geworden.

„Laß uns zum Palast zurückfahren, Seneb. Die Köche in der Palastküche werden sich über unsere geringe Beute dennoch freuen", rief mir Sahure mit einem leisen Lächeln zu. Im angrenzenden, undurchdringlichen Papyrusdickicht raschelte plötzlich etwas. Hartfaserige Papyrusstauden und abgestorbene Schilfrohre kratzten unter dem Bug eines flachen Nachens. Aus dem undurchdringlichen Gestrüpp des Hapi-Irrgartens war ein platschendes Wasserrascheln zu vernehmen.

„Wie war euer Fang?" hallte der Ruf zu uns.

Das leichte Boot wurde von meinem Shen Tufur mit kräftigen Ruderschlägen aus dem struppigen Papyrusdickicht mit den braunen Schilfbinsen längsseits gepaddelt. Eine Schar buntgefiederter Enten stob plätschernd und quakend aus den dicht gewachsenen, rauschenden Pflanzenstauden mit den hochgewachsenen Binsen und weißen Blütendolden. Freudestrahlend hielt Prinz Harub die Angelhaken mit fünf Nilkarpfen hoch.

„Unsere Fangmethode war doch die bessere", meinte er triumphierend mit stolz aufblitzenden Augen.

„Wir müssen zurück zum Palasthafen. Heute abend findet ein Empfang mit den Gaufürsten statt", erinnerte Prinz Sahure seinen Shen.

Seite an Seite paddelnd verließen wir das Dickicht und fuhren den von Ibissen gesäumten Nilarm entlang der nördlichen Vorstadt, an der weißen Stadtmauer vorbei bis zur Einmündung des Kanals, der zum Perunefer führte. Die die Stadt Mennefer, welche von Pharao Djoser vor rund zweihundert Jahren gegründet wurde, überragende goldene Spitze eines Obelisken leuchtete in den letzten Strahlen der Sonne. Langsam ruderten wir am Viertel der hohen Beamten mit ihren Villen vorbei zum gemauerten Kai des Palasthafens.

Die Anlegestelle war geschmückt mit blau-weißen Fahnen und Bannern. Etliche prunkvolle Schiffe mit goldenen Schmuckleisten der Gaufürsten, zu erkennen an den verschiedenen Gauzeichen, hatten bereits angelegt. Geschäftiges Treiben beherrschte den Platz. Bootsleute holten die Segel ein, vertäuten die doppelt gedrehten Seile, Diener schleppten Kisten und Truhen aus den Zelten auf den Vorderdecks in die Residenzräume. Vor der Halle des Eingangsbereiches, oberhalb des Kais, hatten sich weißgekleidete Priester des Ptah versammelt. Der stämmige Nubier Tehi, Vorsteher der Palastwache, kontrollierte mit wachen Augen gemeinsam mit seinen Wächtern den Menschenfluß in den Palastbereich. Kein Unbefugter durfte ohne Kontrolle das königliche Areal betreten.

Am Ende der Residenztreppe erwartete uns bereits ungeduldig Nebu, der Leibdiener der Prinzen, dem sie den Fischfang und die Nachen übergaben.

„Ihr seid spät dran, meine königlichen Prinzen. Eure Diener warten bereits", empfing uns Nebu mit fürsorglicher Miene. Er war seit der Kindheit der Prinzen ein väterlicher Freund.

„Du hast ja recht, mein alter Nebu, erwiderte Prinz Harub. „Wir müssen noch in das Badehaus und uns ölen und salben lassen, aber wir werden rechtzeitig fertig sein für den Empfang der Gaufürsten.

„Sehen wir uns heute abend beim Empfang?" fragte mich Sahure, während er seinen Arm um meine Schulter legte.

„Wenn mein Vater erlaubt, daß wir ihn begleiten", antwortete ich und wandte mich unsicher fragend an meinen Shen Tufur.

Ich wußte, daß mein Vater für derartige gewährte Privilegien des Pharao wenig übrig hatte. Er hatte in seinem Leben an unzähligen Festlichkeiten teilnehmen dürfen. Nun, im fortgeschrittenen Alter, ermüdeten ihn die langen Abende der Feste. Nur auserwählten hohen Beamten und Persönlichkeiten der Hauptstadt war es vom Pharao erlaubt, an den seltenen Festlichkeiten und Banketten teilzunehmen.

Wir verabschiedeten uns von den beiden Prinzen und schlenderten an der mit Palmen und dornigen Akazien gesäumten Palaststraße, am hektischen Platz der Händler vorbei, in das, abgeschieden von Lärm und Geschäftigkeit, ruhige Viertel der hohen Beamten. Die Schatten wurden bereits länger. Re beendete seine Sonnenfahrt am blaßblauen Himmel.

Insgeheim hoffte ich natürlich, daß ich mit meinem Vater an dem Empfang teilnehmen durfte. Vielleicht konnte ich Prinzessin Meretnebty, die ich liebevoll „meine kleine Sonne" nannte, wiedersehen und ein paar Worte mit ihr reden.

Durch die hölzerne Gartenpforte betraten wir den ummauerten elterlichen Garten, dessen Mittelpunkt ein von Alraunen und Malven umspieltes Wasserbecken bildete, und folgten den von Dattelpalmen, Granatapfelbäumen, Feigen und Tamarisken gesäumten Weg zum Vorplatz des Hauses. Die beiden Diener der Eltern, Geru und Mentere, waren damit beschäftigt, im Badehaus den Badezuber mit frischem Wasser zu befüllen und Essenzen, Öle und Tücher bereitzulegen.

Unsere Mutter Nech-Bet kam aus dem Küchenbereich und schalt uns mit freundlicher Stimme ob unseres späten Heimkommens.

„Euer Vater hat sich nach dem anstrengenden Tag im Palast in sein Schlafgemach zurückgezogen, um etwas zu ruhen. Ihr sollt ihn heute abend zu dem Bankett in das Per-Ao begleiten", rief uns unsere Mutter freundlich zu, während wir uns der Schurze entledigten und in den Badezuber stiegen.

Die Diener reinigten uns gründlich mit Natron und duftenden Essenzen, trockneten uns ab und ölten unsere Körper mit Dattelöl ein.

Nachdem ich einen frischen weißen Shendit umgebunden hatte, kämmte ich mein schulterlanges schwarzes Haar mit einem Holzkamm.

Ich stieg die Stufen zum offenen ersten Stock des kalksteinverputzten Lehmziegelhauses hoch und holte aus einer kleinen Kiste in meinem karg eingerichteten Zimmer, möbliert mit einem Holzbett mit geflochtener Bespannung aus Pflanzenfasern und einer Bastmatte als Auflage und einem kleinen Tisch, meinen wertvollsten Besitz: ein schwarzes ledernes Halsband mit einem türkisbesetzten Amulett in Form des Udjat-Auges. Das Auge des Horus, das Symbol für das Licht, das die bösen Geister abwehren sollte. Ein Geschenk der Prinzessin Meretnebty. Ich legte das Halsband um und betrachtete mich zufrieden in einem polierten Bronzespiegel mit dem einem Lotosstengel ähnelnden verzierten Griff, den ich mir von meiner Mutter geliehen hatte.

Im gefegten Hof warteten bereits mein Vater Meneher, würdevoll gekleidet mit einem bodenlangen weißen Schurz und einer schwarzen gelockten, kugelförmigen Perücke, und mein Shen Tufur, der als Zeichen seiner Einheit einen bronzenen Armreif mit zwei gekreuzten Schwertern trug. Wir verabschiedeten uns von unserer Mutter Nech-Bet und machten uns auf den Weg zum Palast. Die Aussicht, Meretnebty zu treffen, ließ mein Herz wild klopfen.

Was den Unbelehrbaren angeht, der nicht lernen will, für den werden andere nichts tun.

Er sieht Gelehrtheit in der Dummheit,

Unwahrheit in der Wahrheit.

Die Dämmerung hatte sich bereits auf das Land gesenkt, aber der Herrscherpalast war schon von Weitem zu sehen. Erleuchtet von Fackeln und großen Öllampen, bot er ein prächtiges Bild oberhalb der Stadtmauern.

Nachdem wir von den Palastwachen am Eingangstor zum Palastbereich eingelassen wurden, durchschritten wir den beiderseits mit widderköpfigen Skulpturen versehenen treppenförmigen Aufgang zum Herrscherpalast.

Beim Betreten des bemalten Palmsäulenganges, der von zwei lebensgroßen Statuen des Ptah aus weißem Kalkstein flankiert wurde, reichten uns die nur mit einem golden leuchtenden Gürtel bekleideten jungen Dienerinnen duftende Salbkegel, die wir uns auf das Haupt setzten.

Im hell erleuchteten Empfangssaal mit vier wuchtigen Papyrusbündelsäulen, der mit Lotosblüten geschmückt war, die einen schweren, süßlichen Duft verströmten, warteten bereits viele geladene Gäste.

Das Licht der unzähligen Öllampen und der an den Wänden angebrachten Fackeln spiegelte sich in den großen Bronzespiegeln wider. Die bunt bemalten Wände zierten Szenen, die den Pharao bei der Fisch- und Vogeljagd am Nil und in der Wüste bei der Löwenjagd darstellten. Dominiert wurde der Saal aber auf der Stirnseite von Horus, in goldener stilisierter Falkengestalt dargestellt. Darunter war der Name des Pharao mit seinem Goldnamen „Der vollkommene Goldfalke" in einer Kartusche wiedergegeben.

Zwischen den wartenden Gästen huschten Diener und reichten Getränke: Imt, weißen Wein aus dem östlichen Nildelta, sowie roten Wein aus den Oasen Dakhla und Fayum und fein gesiebtes Bier. Die aufgestellten kniehohen Tische auf dem mit dicken Schilfmatten und Kissen ausgelegten Boden aus rötlich leuchtendem polierten Granit waren mit Früchten dekoriert. Weintrauben, Datteln, Feigen und Nüsse waren zu sehen.

In der rechten Hälfte des Saales hatten sich die geladenen Gaufürsten mit ihrem Gefolge versammelt. Ihrem Stand entsprechend waren sie in Tuniken aus feinem Leinen gekleidet, trugen aufwendige Perücken und kostbaren Schmuck. Sie schienen in heftige, angeregte Gespräche vertieft zu sein.

Neben einer bunten, reichverzierten Säule verfolgte Panemhep, der Oberpriester des Schöpfergottes Ptah, der als Vorsteher der Priester von Ober- und Unterägypten an der Spitze der Priesterschaft stand, mit unbeweglicher Miene mit drei untergeordneten Ptah-Priestern das Geschehen. Seine bedeutende Stellung symbolisierten das Pantherfell über seinem geölten Oberkörper und der reiche Goldschmuck über seiner Brust.

Vor dem Podest, auf dem der prächtige Königsthron und Stühle für die Gefolgschaft des Pharao aufgestellt waren, unterhielten sich der drahtige Kamese mit sonnengebräuntem Gesicht, gekleidet mit der Generalsuniform, Hemnon, der Medech des Pharao, und Amenhep, der junge Oberpriester des Re mit Sechemkare, dem altgedienten Wesir und Richter von Unterägypten.

Kamese winkte uns zu sich. „Das müßt ihr euch anhören, sagte er mit ernster Miene. „Der gute Hemnon hat Probleme mit dem Haus des Westens für den Pharao.

„Das Gangsystem, die Totenopferkapelle im Westen der Pyramide und die Grabkammern sind erstellt, aber die Pyramide ist erst halbfertig; die Steinbehauer haben die letzten Kalksteine erst in einer Höhe von sechzig Ellen verlegt. Die Stützkonstruktionen und der Neigungswinkel bereiten mir Sorgen. Der Totentempel und die Kultpyramide mußten aus Gründen der Stabilität auf die Südseite der Pyramide verlegt werden und können deshalb erst in zwei Monden vollendet werden. Der südöstliche Aufweg zum Plateaurand muß noch gepflastert werden. Es wird noch lange dauern, bis die Pyramide ihren Namen ‚Rein sind die Stätten des Userkaf‘ wirklich verdient."

„Der Pyramidenkomplex soll doch neben der Nekropole des Osiris Djoser, er lebe ewig, erstrahlen", fuhr er betrübt fort.

„Ich habe einfach zu wenig Arbeitskräfte und Material für die Grabstätte auf dem memphitischen Königsfriedhof", klagte Hemnon, der für alle Bauten des Pharao zuständige Architekt, mit gramvollem Gesichtsausdruck und klammerte sich an sein Zepter.

Der Wesir Sechemkare unterbrach den Medech: „Vor vielen Monden bereits habe ich dem Pharao geraten, für sein Haus des Westens das Plateau bei Gise zu wählen, wo noch genügend felsiger Grund vorhanden ist, um die Standsicherheit zu garantieren. Keiner hat bis heute verstanden, warum der Sohn von Pharao Mykerinos, Pharao Schepseskaf, beide mögen ewig leben, seine Ruhestätte nicht in Gise, sondern in Abusir errichten ließ. Wegen seiner Verehrung zu Pharao Djoser, er lebe ewig, wollte unser Herrscher aber unbedingt neben dessen Stufenpyramide sein Haus des Westens errichten. Auch meinen Vorschlag, anstelle einer gewaltigen Pyramide eine verhältnismäßig kleinere Mastaba, wie der prächtige Bau ‚Kühle Stätte des Schepseskaf‘ des Pharao Schepseskaf, er lebe ewig, zu errichten, lehnte er kategorisch ab."

„Vom Schatzmeister höre ich nur immer, daß die Staatskasse leer sei", warf Hemnon bedauernd ein.

„Ist das etwa der Grund, warum alle Gaufürsten versammelt sind und keine Frauen eingeladen wurden?" fragte Kamese und nestelte an der Goldkette mit der goldenen Fliege an seiner Brust, welche ihm der Pharao für seine Verdienste verliehen hatte.

„Die Lage ist ernst, das Schatzhaus leert sich von Mond zu Mond, gab Sechemkare zu verstehen. „Ich darf natürlich nicht zu viel verraten, aber es scheint, daß die Mehrzahl der Provinzfürsten dem Pharao die zustehenden Zahlungen verweigert und die Abgaben an das Per-Ao immer geringer ausfallen. Auch die dringend notwendigen Goldlieferungen aus Nubien haben nachgelassen. Gerade aus diesem Grund ist gestern bereits Nachit, der Fürst von Nubien, in Mennefer eingetroffen. Er bespricht sich seit heute nachmittag mit unserem Wesir Ptah-Schepses, der dieses Amt bereits unter dem Osiris Schepseskaf, er lebe ewig, ausübte. Außerdem ist es ja ein offenes Geheimnis, daß Pharao Userkaf sich zum Sonnenglauben hingewandt hat und mit dem Sonnengott Re tief verbunden ist. Panemhep fürchtet um seine Macht in Kemet, sollte Re anstelle von Ptah zur neuen Staatsreligion ernannt werden.

An den Medech Hemnon gewandt fuhr er fort: „Ich habe Pharao Userkaf gewarnt, sein Haus des Westens auf der Felsebene bei Abusir zu errichten. Die Steinbrüche dort sind seit dem Pyramidenbau von Pharao Djoser, er lebe ewig, erschöpft und der freie felsige Untergrund reicht nicht aus, um den Pyramidenkomplex traditionell in Ost-West-Ausrichtung standsicher zu erstellen." Achselzuckend wandte er sich ab.

Die Dienerinnen waren zwischenzeitlich damit beschäftigt, die Tische mit Alabasterschalen und leuchtendblauen Fayencebechern zu dekorieren. Speisen wurden aufgetragen. Den Gästen wurden Getränke gereicht. Gebratene Gänse, gegrillte Enten und Rinderbraten sowie frisch

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