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Die Comtesse: Historischer Roman über das 17. Jahrhundert, die Frauen, den König und seinen Gärtner

Die Comtesse: Historischer Roman über das 17. Jahrhundert, die Frauen, den König und seinen Gärtner

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Die Comtesse: Historischer Roman über das 17. Jahrhundert, die Frauen, den König und seinen Gärtner

Länge:
386 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 4, 2011
ISBN:
9783844873924
Format:
Buch

Beschreibung

"Die Comtesse" erzählt die Geschichte von Héloise de Clement-Barentin, Comtesse de Bellefort.
Wir schreiben das Jahr 1660. Als Gesellschaftsdame Marie-Thérèses, der Infantin von Spanien und Königin von Frankreich, reist Héloise an den Hof und geniesst sogleich die Gunst Louis XIV.
Der junge König wünscht sich einen repräsentativen Palast ausserhalb von Paris. Das Jagdschlösschen seines Vaters im Val-de-Galie (Versailles) scheint nicht die besten Voraussetzungen zu bieten: Sumpflandschaft umgibt das erst wenige Jahrzehnte alte, schmucke Gebäude. Doch Louis hat eine Vision, und um diese umzusetzen, braucht er die erfahrensten Baumeister Frankreichs: Louis Le Vau, Charles Le Brun und André Le Nôtre.
Im März 1661 überschlagen sich die Ereignisse. Premierminister Mazarin stirbt und Louis XIV. übernimmt die Regierungsgeschäfte - allein.
Inzwischen beginnen die Planungen für den Palast. Louis konzentriert sich auf die Gartenanlagen und lädt seinen 'Gärtner' zum Sommerfest nach Fontainebleau. Dort begegnet André Le Nôtre der hübschen Héloise und verliebt sich in sie.
Ob diese Liebe eine Chance hat?
Herausgeber:
Freigegeben:
May 4, 2011
ISBN:
9783844873924
Format:
Buch

Über den Autor

Amalia N. Kardonas wurde in Hagen, Westf. geboren. Sie studierte einige Semester Kunstgeschichte, Archäologie und Romanistik in Giessen und Düsseldorf und absolvierte eine Ausbildung zur Floristin. Seit sie Versailles Ende der 80er Jahre zum ersten Mal besuchte, beschäftigt sie sich immer wieder mit der Baugeschichte des Palastes und der Parkanlagen. Die Comtesse ist ihr erster historischer Roman. Ihre zweite Leidenschaft ist die Photographie. Einige ihrer aktuellen Arbeiten sind auf der Autorenwebsite zu sehen. Unlängst gewann Frau Kardonas einen Photowettbewerb und eine weitere Photographie wird im Kalender eines Künstlernetzwerkes ihrer Heimatstadt zu sehen sein.


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Buchvorschau

Die Comtesse - Amalia N. Kardonas

Plessis-Macé.

Versailles

Paris, Februar des Jahres 1661

Keine Sorge, Monsieur LeNôtre, dieser Tag wird für uns alle einzigartig«, rief der Vicomte und beugte sich rasch vor in den flackernden Lichtschein, den eine einzelne, in einem Glas gefangene Kerze in das nachtdunkle Innere der Kutsche warf.

André LeNôtre sah ihn im Kerzenschein energisch nicken. Er wunderte sich, dass der Vicomte, ein Mensch, mit dem er seit ein paar Augenblicken in einer Kutsche saß, so selbstgerecht daher redete. Woher nahm er die Impertinenz zu glauben, André mache sich Sorgen? Seine Zusammenkunft mit dem König von Frankreich war für André einzigartig. Aber weshalb sollte er sich Sorgen machen, die der Vicomte durch einen belanglosen Satz dahin zu wischen versuchte? Sein Begleiter erschien ihm ein wenig zu aufgeweckt für die frühe Stunde.

Obwohl er nur eine Armlänge entfernt schräg rechts gegenüber auf dem Polster thronte, konnte André ihn, sofern er sich in den Schatten der Sitzbank zurücklehnte, nicht deutlich erkennen. Ein süßlicher Duft drängte seine Gegenwart auf, und dieses kleine, weiße Taschentuch, das er zwischen den Fingerspitzen seiner linken Hand hielt und gelegentlich vor seinem Gesicht hin- und herwedelte. André hielt kurz den Atem an, um nicht auffällig husten zu müssen.

Er erfuhr von seinem Reisebegleiter in kürzester Zeit und ohne, dass dieser einmal Luft holen musste, mehr als ihm notwendig erschien: dass er Frédéric Noblet heiße, ein Vicomte aus Troyes in der Champagne und vor wenigen Tagen am Hof des Königs in Paris eingetroffen sei; dass er das außerordentliche Vergnügen habe, dem ersten Kammerherrn seiner Majestät unterstellt zu sein; dass Monsieur LeNôtre die leichte Nervosität, die er seinetwegen habe, verzeihen möge; dass dieser Tag allein deshalb einzigartig sei, weil ihm die außerordentliche Ehre übertragen worden sei, den geschätzten André LeNôtre nach Versailles zu begleiten.

André musste wegen dieser Ehre mitten in der Nacht aufstehen, was ihm bereits die Stimmung verdarb. Er nahm ein schnelles Frühstück zu sich, rollte seine Aufzeichnungen und Skizzen sorgfältig in ein Futteral aus geschmeidigem Kalbsleder und wartete viel zu lange auf die Kutsche. Dabei fror seine Laune weiter ein. Der Kutscher wollte sein wertvolles Futteral mit den gewöhnlichen Packstücken hinter dem Kutschbock vertäuen, doch André gab ihm mit knapper Geste zu verstehen, das unerhörte Vorhaben schnellstens zu vergessen.

»Der Tag wird für uns alle einzigartig«, sagte der Vicomte. ›Wir werden es bald sehen‹, dachte André und starrte aus dem Fenster in ein gemächlich der Nacht entgleitendes Paris. Der Himmel nahm einen Hauch des neuen Tages an. Andrés Blick ruckelte im Tempo der Kutsche über das Kopfsteinpflaster und glitt hinter grauglänzenden Kaimauern über die schwarzen Wogen der Seine. Der Nebelschleier, der den Strom im Herzen von Paris wie ein löchriges Netz bedeckte, verhieß nichts Einzigartiges. Die Fahrt nach Versailles dauerte bestimmt zwei Stunden. Zwei Stunden in Gegenwart eines aufgeweckten und redseligen Vicomtes.

Vielleicht wäre es in Versailles wärmer? Vielleicht regnete es sogar? Vielleicht schwieg der Vicomte bis zum Ende der Reise? Vielleicht, vielleicht. ›Welche Aussichten für einen Februarmorgen.‹ André lehnte sich mit geschürzten Lippen zurück und schlug die Beine übereinander.

Der Kutscher ließ in dem Moment die Peitsche knallen, die Pferde zogen das Tempo an und André fand sich durchgeschüttelt wie in einer Kogge bei schwerem Seegang. Der Wagen schlingerte, wenn sie in eine weite Kurve bogen, denn er hing nur an breiten Lederschlaufen zwischen den eisernen Achsen. Die mannshohen, mit Eisenringen bereiften Holzräder an der hinteren Achse schlugen auf den Pflastersteinen Krach und machten kultivierte Unterhaltung unmöglich. ›Zwei Stunden‹, dachte André und starrte wieder auf die nebelverhangene Seine.

Bald wich die Nacht und gab dem Inneren der Kutsche Konturen. André sah dem Vicomte zu, wie er mit schnellen Handgriffen das Glas von der Kerze hob, Daumen und Zeigefinger anfeuchtete und, ohne zu zögern, die Kerzenflamme erstickte. Er brachte es sogar fertig, sich nicht zu verbrennen, denn er verzog nicht einmal die Miene.

Der Vicomte verbreitete eine Aura, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Sie war animalisch, wenn auch nicht wild oder gefährlich. Flink wie ein Wiesel registrierten seine Augen jede noch so vage Bewegung und die Nase ragte lang und spitz hervor wie die einer Wühlmaus. Bei Hofe gab es sicherlich ungezählte Affären, wo er selbige mit Wonne hineinstecken konnte. Bald senkte der Vicomte den Kopf und rieb seine dünnen Finger eifrig wie eine sich putzende Stubenfliege, bald korrigierte er die Sitzhaltung und zupfte an der unglaublich weit gebauschten Rheingrafenhose herum. Der Hosenrock, ein weißes Ungetüm mit leuchtend gelbem Schößchen und roter Borte, war übersät mit Galants, den Bändern und Ösen, ohne die kein Höfling heutzutage sein Gemach verließ. Es waren mehr, als André je an einem gebauschten Stück Stoff oder dem Gewand einer Dame zählte. Der Vicomte beugte sich vor und sah auf seine Schuhe. Dort standen, Insektenfühlern gleich, lange Fächer ab. Er nickte, zupfte an der Weste und dem darunter hervorquellenden Hemd herum und wedelte ein wenig mit seinem Tüchlein. Ein winziges, schwarzes Samtpflästerchen auf der Wange betonte eine künstliche Blässe, die ihn jedoch nicht adelte, sondern eher kränklich aussehen ließ.

Auch André kleidete sich ›à la mode‹. Die tadellose Erscheinung spiegelte sein Ansehen und die Weisheit seines gereiften Alters wider. Niemand sollte wagen, ihm etwas Gegenteiliges zu unterstellen. Pumphosen besaß er zur Genüge, doch sie waren nicht mit Galants übersät. Die Weste über dem weißen Hemd war elfenbeinfarben wie die Hose, langärmelig und hoch geschlossen. Von der Hüfte abwärts ließ er die eng untereinander stehenden, winzigen Knöpfe offen, damit die Schöße ihn nicht einengten. Heute trug er seinen knielangen Mantel aus mitternachtsblauem Atlas, der sich in lebhaftem Kontrast von der hellen Weste abhob. Die Ärmel waren weit umgeschlagen, der Saum reichte bis zum Ellenbogen. Die Strümpfe waren schneeweiß, seine Schuhe wie immer sauber und poliert. Die pechschwarze Allonge teilte sich über der hohen Stirn und fiel in kunstvoll gedrehten Locken über die Schulter. Wer wollte ihn daran hindern, eine ordentliche Perücke zu tragen? Er bestand darauf, die beste Qualität zu tragen, und nein, er trug niemals eine Rhingrave wie Monsieur oder der aufgeweckte Vicomte. André war groß gewachsen und kräftig. In seinem kantigen Gesicht zog eine Cäsarennase Blicke auf sich. Seine Gemahlin behauptete oft, die Nase sei wie er: außergewöhnlich dominant. André antwortete ihr stets, er sei sehr wohl außergewöhnlich, aber nicht dominant.

Seinen Händen konnte jeder ansehen, dass er zupacken konnte, obwohl André in den letzten Jahren häufiger einen Zeichenstift über Skizzenpapier führte als Erdreich umzugraben. Für die notwendigen Gartenarbeiten kommandierte er eine Armee von Gärtnern. Er wurde immerhin bald achtundvierzig Jahre alt.

André konnte die Neugierde, die den Vicomte dazu trieb, ihn über den Rand des Tüchleins im Blick zu halten, beinahe greifen. Sobald er jedoch seinen Blick wie zufällig kreuzte, wich der Vicomte aus. So verbrachten sie eine Weile schweigend miteinander. ›Wie alt mag der Knabe sein?‹ André versuchte zu schätzen. ›18, 20? Er könnte mein Sohn sein.‹ Ein nachdenklicher Blick aus dem Fenster. ›Unmöglich‹, korrigierte er sich im nächsten Gedanken. Keines seiner Kinder wäre wie der Vicomte gewesen.

»Monsieur«, rief dieser prompt zwischen seine Gedanken. »Ich hörte, ihr erhieltet erst vorgestern die Nachricht seiner Majestät? Den Anliegen seiner Majestät hat jeder allerhöchsten Vorrang zu gewähren.« Der Vicomte nickte bekräftigend, André nickte gemächlich zurück. Wieder ein Wedeln mit dem Tüchlein und wieder wehte ein Schwall der süßlichen Luft zu ihm hinüber. Er zog die Augenbrauen zusammen und überlegte. Maiglöckchen! Sein Begleiter roch nach Maiglöckchen. Wälzte er sich nach dem Aufstehen in einem Beet, um so intensiv danach zu riechen? Nicht einmal Monsieur gab sich so weibisch, und über die Eskapaden des Bruders seiner Majestät konnte man nächtelang unterhalten werden.

»Ich bin ja erst seit kurzem in Paris«, plauderte der Vicomte. »Ich finde, man übertreibt es hier mit dem Kleiderzwang, nicht wahr?«

André hob eine Braue. »Wie genau meint ihr das?«

»Die Höflinge, die seine Majestät jeden Tag belagern, Monsieur. Habt ihr sie schon einmal gesehen? Sie staffieren sich aus wie Pfaue und stolzieren umher.« Er hob das Kinn und warf ein verächtliches ›pah‹ in die Kutsche. Es vermengte sich mit den Maiglöckchen und blieb aufdringlich zwischen ihnen hängen.

»Ihr werdet Euch diesem Diktat nicht unterwerfen«, stellte André fest und betrachtete ihn aufmerksam von der Allonge bis zu den Schuhfächern.

»Niemals Monsieur«, stieß der Vicomte hervor. »Ich habe sofort nach meiner Ankunft gesehen, was der echte Kavalier bei Hofe trägt. Ich erkenne sofort, wer ›à la mode‹ gekleidet ist und wer versucht, den großen Stil nachzuahmen. Am ärgsten trifft es doch die Herren aus den ärmlichen Provinzen, nicht wahr, Monsieur? Man sieht sofort, wer sich die besten und teuersten Gewandschneider und Perruquiers ¹ leisten kann.«

»Da habt ihr gewiss recht.« André lehnte sich zurück und strich zufrie-den über seine Weste.

»Und ihr, Monsieur?«

»Wie bitte?«

»Seit wann seid ihr in Paris?«

»Ich wurde in Paris geboren«, entfuhr es André. Er war so verblüfft über die simple Frage, dass er antwortete, ohne sich dessen bewusst zu sein. Was fiel dem Vicomte ein, ihn zu fragen, woher er kam? Sah er nicht, dass André ein echter Parisien war? Die zu Schlitzen verengten Augen des Vicomtes schienen ihm viel zu vielsagend und seine Gedankenlosigkeit ärgerte ihn.

»Ich benutze ständig Calèchen, auch daheim in Troyes, doch so übel wie jetzt ist mir noch nie geworden«, jammerte der Vicomte nach einiger Zeit verlegenen Schweigens. Seine Hände bebten und das schlaff herab hängende Ende des Tüchleins zitterte mit ihm.

»Dem Herrn sei Dank, wir sind gleich da.« André starrte aus dem Fenster auf der linken Seite, doch der Vicomte hob matt die Hand und wies hinüber auf die andere.»Versailles ist dort.«

André rückte hinüber. In dem Moment erreichten sie das hohe, schmiedeeiserne Tor. Die Frühlingssonne schien von einem wolkenlosen Himmel. Das gleißende Licht brach sich im goldenen Portalaufsatz, dem Wappen der Bourbonen mit den drei Lilien, und blendete ihn. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. ›Es ist soweit‹, dachte André. ›Bald zeigt sich, ob deine Referenzen genügen!‹ Allein der König wog ab und seine Entscheidung wies den Weg, den Andrés Karriere heute nahm.

Er beugte sich vor, öffnete das Fenster und sofort wehte kühle Luft herein. Er atmete tief ein. »Es wird ein einzigartiger Tag«, murmelte er und hob das Kinn.

»Was sagtet ihr, Monsieur LeNôtre?« Der Vicomte kauerte in seiner Ecke und war weiß im Gesicht wie eine frisch gekalkte Wand.

»Es ist gleich geschafft.« André betrachtete seinen Reisebegleiter mitleidig und beschloss, ihn ab sofort und nur in Gedanken Frédéric zu nennen. »Vielleicht solltet ihr von Kutschfahrten zu früher Stunde Abstand nehmen?« Er war ehrlich besorgt.

»Absolut unmöglich, Monsieur!« Frédéric setzte sich auf, stieß »Seine Majestät« hervor, schlug sich die Hand vor den Mund und schluckte zwei-, dreimal mit weit aufgerissenen Augen. André sah ihm an, dass der aufsteigende Brechreiz einen ätzenden Geschmack hinterließ und sein Mitleid wuchs.

Die Kutsche schwankte leicht in ihrer Aufhängung, Frédéric ruckte unsanft zurück, verdrehte die Augen und stöhnte. Lakaien rissen die Tür auf, stellten den Tritt bereit. André erhob sich, legte dem Vicomte eine Hand auf die Schulter und nickte ihm zum Abschied aufmunternd zu. Er nahm sein Futteral, stieg rasch aus der Kutsche und holte tief Luft.

Auf dem Platz vor dem Schloss roch es nach Pferden und feuchter Erde, nach Heu, arbeitenden Menschen und frischem Brot. Dieses Bukett war für André leichter zu ertragen als Frédérics Maiglöckchen.

Am frühen Vormittag liefen Knechte vorbei, trugen Körbe, schoben Karren und hielten über den eigenen Lärm, den weitklingenden Hammerschlägen aus der Hufschmiede und über die wiehernden Pferde hinweg lautstark Kontakt miteinander.

Ein junger Mann in königsblauer Livree eilte direkt auf André zu, grüßte ihn mit unerklärlichem Akzent und erkundigte sich nach dem Verlauf der Reise. André nickte und der Livrierte schritt mit hoch erhobenem Kinn quer über den Platz auf eine Brücke zu.

André sah es zum ersten Mal, das Schloss im Fenn des Val-de-Galie. Das Schloss, das Louis XIII. für die Vergnügungen während und nach der Jagd errichtete und seinem Sohn in offensichtlich tadellosem Zustand hinterließ. André war ehrlich überrascht von seiner Größe und Eleganz, als er einen breit angelegten Graben und den mit Marmor großzügig ausgelegten Ehrenhof überquerte.

Der Livrierte öffnete eine Tür in der Mitte des Gebäudes und wandte sich hinter dem Eingang nach rechts. André folgte ihm. In den wenigen Räumen wanderte sein Blick neugierig an den Wänden entlang. Später wäre genug Zeit, die Gemälde und Plastiken genauer zu betrachten. Eine geschlossene Tür steigerte Andrés Neugier. War seine Majestät in diesem Raum?

Der Livrierte streckte sich, um an den hoch angebrachten Knauf zu gelangen. Es sah aus als versuche er, den Flügel zu öffnen, ohne mit der nach innen schwingenden Tür in den Raum gefegt zu werden. Doch er meisterte die Hürde und gewann seine Haltung wieder. »Wünscht ihr zu warten, Monsieur?« Er näselte so stark, dass André ihn kaum verstand.

Warten?‹ Er erwartete, sofort mit dem König zu sprechen »Wie lange wird es dauern?«

Der Livrierte verzog keine Miene. »Solange es Seiner Majestät gefällt, Monsieur«, näselte er und André nickte wieder – was blieb ihm übrig, als zu warten? Er schritt in ein prunkvoll ausgestattetes Empfangskabinett. Die Tür wurde geschlossen. Er war allein mit sich und seinen Gedanken.

____________________________________

¹ Perruquier = Perückenmacher

Ein Lustgarten für Apoll

Seine Ungeduld ließ sich schwer mit dem erzwungenen Nichtstun vereinbaren. Er versuchte, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, indem er in die Ferne blickte. Helles Licht flutete durch zwei schmale Fenster, die vom Boden bis fast hinauf zur Decke reichten. Beide standen offen.

Ein Dutzend Portraits zeigten Ahnen der königlichen Familie. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch und auf einer Kommode die größte Blumenvase, die André jemals gesehen hatte. Das Gefäß schimmerte wie Porzellan, war bauchig und verjüngte sich nach unten bis auf den Umfang seines Handgelenks. Der Fuß, auf dem das Gewicht des Pokals ruhte, war so stark wie eine zehnjährige Fichte. An schmalen Hälsen reckten einige Dutzend Papageientulpen ihre rotgelb geflammten Häupter hervor. Sie bestimmten den Raum vollkommen mit ihren gewaltigen Blütenkelchen und den langen, grünen Blättern. Zu Beginn des Jahrhunderts hätte man für eine Zwiebel ein Amsterdamer Stadtpalais eintauschen können.

Andrés Hingabe zu Tulpen war gespalten. Einerseits symbolisierten sie ein erfülltes Leben. Die verschlossenen Blütenkelche kokettierten wie Backfische, um jeden Tag selbstbewusster ihre innere Schönheit zu offenbaren. Während die Jugend dahinging, verneigten sie sich demütig vor ihrem Publikum. Im gleichen Atemzug erinnerten Tulpen ihn an den Tod. Es mochte Zufall sein. Doch jedes Mal, wenn er ihm begegnet war, nach durchwachten Nächten und bangen Stunden am Bett seiner Kinder, stand ein Strauß Papageientulpen im Haus. Der Tod holte sie, eines nach dem anderen, während Tulpen gediehen. Als auch sein Jüngster den Kampf verlor, schwor André, dass er die Tage, die ihm blieben, bis zur letzten Minute auskostete und seiner Berufung widmete.

Er blickte aus dem Fenster in den hellen Tag und mit einem kurzen, energischen Kopfschütteln verjagte er die bitteren Erinnerungen. Carpe diem!

Er trat an die geöffneten Fenster und atmete tief ein, um die Spannung zu lösen. Weshalb ließ Louis ihn warten?

André versuchte, sich abzulenken, indem er sich auf die Landschaft konzentrierte. Ihm gefiel die Weite, die sich bis zum Horizont entfaltete, auch wenn es Sumpfland war, dass er mühsam trockenlegen musste. Er ignorierte die bescheidene Terrasse dort draußen, sah über das niedrige Geländer und die Treppchen hinweg. Er war Visionär und konnte das gewaltige Parterre mit den zwei Bassins sehen, das er plante und an deren Wasserspielen sich Louis erfreute. In seiner Phantasie erblühte der Garten mit seinen Statuen und Brunnen, die im Licht schimmerten.

Die Gärten sollten der Verherrlichung Apolls und dem Ruhm des Königs dienen. Andrés Aufgabe war es, die Sonne in eine Oase der Ruhe zu betten. Er musste einen Traum zum Leben erwecken und die Allegorie der Sonne wie einen Diamanten in seinen ungezählten Facetten glitzern lassen: gigantische Bassins, in denen sich das Schloss spiegelte; Fontänen, die sich mit der Mittagssonne vergnügten und sich in schillernden Lichterbögen brachen; schlanke Hecken, die helle Schatten spendeten; ein Kanal, der sich endlos ausdehnte und mit flüssigem Gold gefüllt zu sein schien, wenn die Abendsonne darin versank. Eine Symphonie, deren Komponist allein dem Licht huldigte, wenn der König es endlich duldete und ihn nicht länger warten ließ!

André wandte sich um. Behutsam legte er das Futteral auf den Tisch, löste die Bänder und rollte die Skizzenblätter vorsichtig auseinander. Ein zufriedenes Lächeln erhellte sein Gesicht.

Der Türknauf bewegte sich und der Flügel schwang sanft nach innen. Im Türrahmen erschien ein Knabe, wiederum in königsblauer Livree, und verkündete mit überraschend tiefer, deutlicher Stimme:

»Seine Majestät heißt Euch willkommen.«

»Vielen Dank«, erwiderte André und erwartete im nächsten Moment, seine Majestät zu sehen. Der Knabe blieb jedoch stocksteif in der Tür stehen und blickte ihn mit großen Augen an.

»Seine Majestät erwartet Euch auf der Terrasse, Monsieur«, ergänzte er, trat auf den Gang und machte den Weg frei.

Die dem Garten zugewandte Seite des Jagdschlosses Louis XIII.

Nach einer Gravur von Israël Silvestre

Seine allerchristlichste Majestät

Der weiße Kies reflektierte das grelle Sonnenlicht noch intensiver als das Wappen am Schlosstor. André kniff die Augen zu. Jemand trat an ihn heran, stellte sich als premier gentilhomme de la chambre du roi ² vor und forderte ihn auf, genau dort, direkt am Eingang, zu warten. Seine Majestät werde bald Zeit für ihn haben.

›Warten, immer nur ausharren und warten‹, schimpfte André in Gedanken. Liebend gern hätte er auf das Protokoll gepfiffen und wäre auf den König zugegangen. Stattdessen zwang er sich, dem Obersten Kammerherrn seiner Majestät zu danken und sein Futteral nicht zu kneten oder unter den Arm zu klemmen. Es kostete ihn Mühe, ruhig zu stehen und nicht nervös mit der rechten Schuhspitze auf den Kies zu tippen. In dem Moment entdeckte er den König.

Louis de Bourbon et Navarre, der vierzehnte Souverän in der Folge französischer Könige, die ihren Taufnamen nach Ludwig dem Heiligen erhielten, erschien auf dem oberen Plateau, etwa zwanzig Schritte entfernt am Geländer und drehte André den Rücken zu. Ein Schwarm von Hofschranzen belagerte ihn und erlaubte André nur gelegentlich einen Blick auf seinen zukünftigen Auftraggeber. Die Höflinge, vor deren modischen Extravaganzen Frédéric ihn warnte, trugen bonbonfarbene Westen und schneeweiße Rhingraven, zwischen denen ihre Chemisen üppig hervorquollen. Ihre Perücken reichten bis auf die Hüften. Sie verbeugten sich mit einer Hand auf dem Rücken und kratzfüßelten unablässig. Stimmengewirr und geziertes Lachen hing wie eine Dunstglocke über der Gruppe. Die Höflinge lechzten nach Gunst. Ein Wort, allein eine Geste seiner Majestät genügte, um ihren Tag vollkommen zu machen.

Louis trug eine goldschimmernde Weste mit blauer Schärpe, ein Hemd mit weit gebauschten Ärmeln und roten Galants.

Dunkelblonde Locken fielen tief auf seinen Rücken. André erfuhr von seinem Freund Charles LeBrun, dass Louis nur von mittelmäßigem Wuchs sei. Dennoch überragte er seine Höflinge um Haupteslänge, was an den roten Absätzen liegen musste, die ihm allein vorbehalten waren, und an der gebückten Haltung der Schranzen. André hörte hinter vorgehaltener Hand noch mehr über des Königs Eroberungen, doch es lag ihm fern, zweifelhaftem Geflüster ungeprüft Glauben zu schenken.

Als habe er seinen fordernden Blick gespürt, drehte Louis sich langsam um. Das Stimmengewirr endete abrupt.

»Schnell, die Stufen hinab. Monsieur, ich will eine tiefe Reverenz von Euch sehen«, zischelte der Oberste Kammerherr. Nur wenige Augenblicke, nachdem André das Parterre erreichte, trat Louis erhobenen Hauptes aus dem Pulk seiner Höflinge hervor. André legte die linke Hand auf den Rücken, stellte das rechte Bein vor und verbeugte sich.

»Wir sind erfreut, Euch zu sehen.« Louis deutete ihm mit einer knappen Geste, sich aufzurichten und André sah seinen König konzentriert und erwartungsvoll an.

Louis’ rehbraune Augen, die hohen Wangenknochen und die vollen Lippen der Bourbonen erweckten den Eindruck eines sensiblen, jungen Mannes, während die Nase und das schlanke, vorstehende Kinn mit der kleinen Kerbe den Eindruck ins Dynamisch-Entschlossene umkehrten. Er trug einen dünnen Oberlippenbart, der mit Pomade in Fasson gestreckt war. Ihm verdankte Louis, dass sein Lächeln, und war es noch so herzlich, spöttisch wirkte.

»Monsieur LeNôtre«, ergriff Louis das Wort. Allein die drei Worte klangen aufrichtiger als vieles, was André an diesem Tag zu hören bekam.

»Eure Reise war angenehm?«

»Vollendet, Sire.«

»Ihr habt Uns etwas mitgebracht?«

»Die ersten, schlichten Skizzen, Sire.« André klopfte sanft auf das Futteral. ›Die sind alles andere als bescheiden‹, fügte er in Gedanken hinzu.

»LeNôtre, Wir sind überzeugt, dass sie prunkvoll sind. Unser Park wird nicht nur ein angemessener Rahmen für Unsere repräsentativen Pflichten, sondern das Paradies auf Erden.« Er machte eine ausschweifende, alles umfassende Geste. André nickte.

»Ein Irrgarten dort links, gegenüber eine Bühne für die Aufführungen Molières und dort«, Louis zeigte auf das Fenn vor ihm, »bis zum Horizont wollen Wir einen Wassergraben für Unsere Galeeren. Ach ja, und Skulpturen, viele Skulpturen. Dafür wird LeVau sorgen. Ihr dürft Uns jetzt Eure Pläne zeigen.« Er hob die linke Hand und deutete seinen Höflingen, ihm zu folgen. André schritt neben ihm die Stufen zum unteren. Plateau Dort stand links vor der Mauer ein großer Tisch, über dem sich ein blütenweißer Baldachin bauschte. Sie stellten sich an die hintere Seite des Tisches – mit der Landschaft, die sich ihnen fügen sollte, vor Augen. Die Höflinge beeilten sich, mit ihrer Sonne Schritt zu halten, und plapperten aufgeregt.

André legte sein Futteral behutsam auf den Tisch, löste die Bänder und rollte es betont langsam auseinander. Damit er beide Hände frei bewegen konnte, hob er eine Handvoll weißer Kieselsteine auf und legte sie auf die Ecken der oberen Skizze. Er klopfte mit dem Zeigefinger auf verschiedene Stellen, zeigte auf die sumpfige Landschaft vor ihnen und überließ seiner Majestät das Vergnügen sich vorzustellen, wie er das Val-de-Galie in ein Paradies der Fontänen und des Lichts verzauberte. André war vollkommen zufrieden, denn Louis folgte seinen Anleitungen und nickte begeistert.

»Sire, beachtet die Größe der Menagerie, die Ihr dort errichtet. Ihr werdet seltenen Vögeln, Löwen, Tigern und Krokodilen vom Nil ein Zuhause geben.«

»LeNôtre, Wir geben Euch fünftausend Louis d’Or!«, platzte Louis heraus.

»Hier, auf der Nordseite, wacht Neptun über ein spiegelglattes Meer, und dort, am Beginn des großen Kanals, wird Apoll den Sonnenwagen lenken, gezogen von vier gewaltigen Rössern.«

»Werden Wir dort Fontänen haben, wenn es Uns gefällt?«

»Selbstverständlich Sire, so viele ihr für notwendig erachtet.«

»Auch hier erhaltet Ihr fünftausend.«

»Eine Orangerie für Eure Kollektion von Zitrusbäumen, direkt am Südflügel des neuen Schlosses.«

»LeNôtre, Ihr bekommt mehr als fünftausend Louis d’Or für Unsere Orangenbäume. Besorgt Uns auch silberne Kübel, mehr als tausend Stück.« Die Höflinge applaudierten, um Enthusiasmus und Großmut ihrer Sonne zu würdigen. André hielt inne.

»So redet doch weiter, LeNôtre!« Louis musterte ihn ungeduldig.

»Ich werde kein Wort mehr sagen«, entschied er und fügte sofort hinzu: »Ihr werdet Euch ruinieren, wenn ich Euch noch mehr zeige.«

»LeNôtre, Wir fordern Euch auf, Uns mehr zu erzählen. Wo errichten Wir die Grotte der sagenhaften Thetis?«

»Rechts von Euch, Sire. Nahe den Wasserreservoirs. Nirgendwo sonst wäre ein geeigneter Platz, der Sonne ihre Schlafstatt zu bereiten.« Die Hofschranzen seufzten.

»Nur weiter, LeNôtre. Ihr habt noch mehr Entwürfe!«

André schob die Kieselhäufchen beiseite, hob die Zeichnung an und legte die Häufchen der Reihe nach auf den nächsten Plan. Sein Blick huschte über die Gesichter der Höflinge, die am Tisch standen und derjenigen, die ihre Köpfe reckten, um ja nichts von dem Schauspiel zu verpassen.

»Sire, ich habe mir erlaubt, kolorierte Zeichnungen für die verschiedenen Lustgärten anzufertigen.« André präsentierte die umfangreichste Zeichnung, in die er eine Woche Arbeit investiert hatte. Die ›aahs‹ und ›oohs‹ der Höflinge waren erwarteter Lohn und das Leuchten in Louis’ Augen die Auszeichnung, die er erhoffte.

»Ihr habt die einmalige Gelegenheit, heute in die Zukunft zu blicken, Sire«, sagte er und sah Louis mit großen Augen an, als wolle er ihn hypnotisieren. »Beachtet die Gartenanlagen links und rechts des Tapis Vert.« Louis studierte die Zeichnung genau.

»Dort sehen Wir zwei weiße Flächen. Was werden Wir dort für ein Vergnügen bereiten?« Louis tippte mit dem Zeigefinger auf die Stellen, an denen nach Andrés Berechnung Platz für ein Theater oder ein Labyrinth war. Beide Boskette waren für Versailles noch nicht angelegt, geschweige denn ausgearbeitet.

Er musste auf die Pläne von Vaux-le-Vicomte zurückgreifen, wenn ihm nichts Neues einfiel. War es klug, sie überhaupt in Erwägung zu ziehen? Das war eine der Fragen, die er in den Gesprächsverlauf zu werfen gedachte wie Steine in einen See und noch während dieser Konferenz wollte er die Antworten sehen.

»Versailles wird einzigartig«, sagte er.

»Nichts anderes erwarten Wir von Euch.«

»Bisher Dagewesenes werde ich …«

»… werdet Ihr in den Schatten stellen. Wir möchten neue Ideen. Einmaliges, Unübertroffenes. Ihr werdet Uns nicht langweilen mit Lustgärten, die Ihr schon einmal gebaut habt.«

»Damit werdet Ihr Vaux-le-Vicomte die Schau stehlen«, beschwor André leise.

Louis reagierte heftiger als erwartet: »Vergesst Vaux!« Seine Stimme explodierte. »Vergesst Vaux-le-Vicomte und vergesst Fouquet!« Genauso abrupt senkte er die Stimme zu einem kaum hörbaren Raunen.

»Uns sind die Machenschaften Unseres Finanzverwalters bekannt. Mit dem Schloss, das er sich auf Kosten Unseres Volks leistet, und in welches er sich erdreisten wird, Uns einzuladen, hat er die Grenze des Geschmacks weit überschritten. Ihr seid maßgeblich an dieser Prachtentfaltung beteiligt.« André nickte bedächtig. ›Er kann Fouquet noch nichts entgegen setzen‹, dachte er. Der nächste Gedanke schoss ihm wie ein Blitz durch den Kopf. ›Wer sonst wäre dazu in der Lage als ich?‹ Louis fixierte ihn derweil aus Augenschlitzen.

»Meine Anwesenheit in Vaux-le-Vicomte ist nicht erforderlich, Sire. Ich stehe Euch sofort zur Verfügung.«

»Das Geringste, was Wir von Euch erwarten, LeNôtre«, erwiderte Louis. Er entspannte sich von einer Sekunde zur anderen und sein Lächeln war so herzlich wie in den ersten Augenblicken ihres Gesprächs. »Vaux-le-Vicomte spiegelt das Können seiner Erbauer und Euer Können

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