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Berlin - Königsberg: Mit dem Rad nach Russisch-Ostpreussen

Berlin - Königsberg: Mit dem Rad nach Russisch-Ostpreussen

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Berlin - Königsberg: Mit dem Rad nach Russisch-Ostpreussen

Länge:
265 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 21, 2015
ISBN:
9783739250724
Format:
Buch

Beschreibung

Reinhard Rosenke ist rußlanderfahren und der russischen Sprache mächtig. Seine Reisedevise lautet: Neugierig immer weiter - mit eigener Kraft und mit einem Zelt im Gepäck. Sein Herz schlägt für Osteuropa mit seinen Landschaften und Menschen. Das besondere Interesse gilt den dramatischen historischen Brüchen des 20. Jahrhunderts in diesem Teil Europas. Mit der Radreise ins nördliche Ostpreußen verwirklicht er einen langgehegten Traum.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 21, 2015
ISBN:
9783739250724
Format:
Buch

Über den Autor

Reinhard Rosenke (*1940), ging in DDR-Berlin zur Schule, verließ aber seine ihn schikanierende sozialistische Heimat und wurde Lehrer in West-Berlin. Vom Elternhaus früh ans Wandern und damit an körperliche Entbehrungen gewöhnt, wurde ihm Wandern - zu Fuß und auf dem Rad - zur lebensbegleitenden Freizeitaktivität. Besonders strapaziöse und abenteuerliche Touren unternahm er, zusammen mit seinem Bruder, in Alaska und Australien. 2006 umrundete er allein die Ostsee auf dem Fahrrad in einer 10.000-km-Schleife, 2008 radelte er 4000 km von Berlin nach Wolgograd und 2009 zog es ihn nach Russisch-Ostpreussen. 2010 entschied er sich für eine Gebirgswanderung: von Zittau durchs Riesengebirge, Glatzer Bergland, Niedere und Hohe Tatra, Wald- und Ostkarpaten. Seine letzten Abenteuer begannen auf Containerschiffen: 2011 nach Neuseeland mit anschließender Radtour durch Neuseeland, Tasmanien und Samoa - 2015 von Buenos Aires zum Kap Hoorn und ein Abstecher in die Anden.


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Buchvorschau

Berlin - Königsberg - Reinhard Rosenke

Kaliningrad

Durch Polen

Warum leicht, wenn’s auch schwer geht

In flottem Tempo rattert der Regionalexpress gen Norden. Im Gegensatz zum überfüllten S- Bahn-Abteil, in das ich mich heute früh nur dank der Freundlichkeit anderer „Opfer" der unendlichen Berliner S-Bahnmisere (Schlamperei, Reparaturstau, unzumutbare Fahrpläne) mit Fahrrad und Gepäck pressen konnte, sitze ich nun bequem und unbehelligt neben meinem angegur-teten Rad. Gerade ist ein Radfahrer, Biologe von Beruf, ausgestiegen, mit dem ich mich intensiv unterhalten hatte. Zu intensiv! Denn ein Blick auf die Uhr zeigt, dass mein Umsteigebahnhof Angermünde längst hinter uns liegen müsste. Von dort aus wollte ich bis Schwedt/Oder fahren.

„Nee, junger Mann, wir sind ja schon in Mecklenburg, erklärt mir eine Sitznachbarin. Zu zornigen Selbstvorwürfen bleibt keine Zeit mehr, denn gerade kündigt die Melodie „ Wer recht in Freuden wandern will als nächsten Halt den Ort Nechlin an. Also nichts wie raus mit der schweren Last!

Mutterseelenallein stehe ich mit dem beladenen Fahrrad und meiner Ratlosigkeit auf dem langen, schmalen Bahnsteig, während der Zug schon wieder rollt. Hoher Buchenwald umgibt die Bahnstation, deren Namen ich noch nie gehört habe. Es ist ein friedlicher, sonniger Donnerstagmorgen im Juli. Nun erst habe ich Zeit zum Fluchen und Lamentieren. Ich wollte mir mit dieser Zugfahrt einen Radltag ersparen. Mein Visum für das nördliche Ostpreußen (Kaliningrader Gebiet) gilt ab morgen, und jeder Anfahrtag geht mir für Ostpreußen verloren. Für heute stand eine volle Tagestour in Polen auf dem Plan. Und nun habe ich nicht nur Zeit verplempert, sondern werde viel Kraft aufwenden müssen, um die zu weit gefahrene Strecke wieder zurückzu spulen. Sollte ich den Gegenzug abwarten und zurückfahren? Nein! Hier soll meine Radreise beginnen.

Eine Landkarte von dieser Gegend habe ich natürlich nicht dabei. Nechlin muss am nördlichen Rand der Schorfheide liegen. Eine verlassene Chaussee kreuzt die Bahnstrecke und teilt den Hochwald in eine Sonnen- und eine Schattenseite. Sie lädt mich ein: Komm, lass den Ärger hinter dir, denke nicht an Zeit und Kilometer.

Stille. Kein Auto, seit ich hier stehe. Die Einsamkeit nimmt mich auf. Grelles Sonnenlicht und Baumschatten sprenkeln die Fahrbahn. Mit dem gleichmäßigen Auf und Ab der Pedale, dem Atemrhythmus, mit der Frische des Waldes und den zunehmend vergnüglichen Gedanken an das vor mir liegende freie Vagabundenleben wird meine Seele wieder heiter. Allerdings - der Gedanke, ich würde mit meiner ostwärts gerichteten Fahrt schon irgendwann an den Oderstrand gelangen, ist mir zu vage. Wie ist meine geographische Position?

Der Wald weicht zurück, Kornfelder breiten sich aus, eine Kirchturmspitze verrät den nächsten Ort. Das Ortsschild „Nieden macht mich nicht schlauer. Auf einem Bauernhof hantiert ein Mann im blauen Arbeitsdress an seinem Auto. Ich frage ihn. Er kriecht, die Zigarette im Mundwinkel, wortlos in den alten Mercedes, kramt ein Weilchen und kann mir jetzt mit öligem Zeigefinger unseren Standort auf der Karte zeigen: „Se woll’n über de Oder? Fahr’n Se hier, über Löcknitz, Bismark, Linken. Zwei alkoholisierte Typen sind dazugekommen, ernsthaft um meinen weiteren Weg bemüht. In Wollkow schenkt mir ein kleiner, drahtiger Feuerwehrmann eine Flasche Mineralwasser und eine neue Karte der Uckermark. Die Freundlichkeit der Menschen passt so richtig zum Sonnenscheinwetter!

Beim Weiterfahren denke ich amüsiert an die Bemerkung eines Mit-Fünfzigers auf dem S- Bahnhof Südkreuz, mit dem ich heute früh geplaudert hatte. Bei der Erwähnung meines Reiseziels „Königsberger Gebiet, erwiderte er trocken: „Da brauche ich nicht mehr hin, habe ich alles im Fernsehen gesehen. Ja, hat der Mann nicht recht? Eine auf Anschaulichkeit und Effekte aufgebaute TV- Berichterstattung ersetzt das Reisen, man kann ja nicht überall hin. Der Satz passt auf die Lebenshaltung vieler Mitbürger. Überspitzt gesagt: das Fernsehen als Erlebnisersatz. Ein kleines Kontrastmittel dazu könnte mein heutiger Tag sein, von dem ich die zweite Hälfte noch nicht kenne und der, wie jeder weitere Tag auch, von Menschen, Wetter, Ärger, Freude, Hunger, Essen, Anstrengung, Genuss, Erwartung, Enttäuschung bestimmt sein wird.

In Löcknitz schüttet sich eine große schwarze Wolke aus. Rechtzeitig entkomme ich in einen Fleischerladen mit Mittagstisch. Die Chefin empfiehlt mir Salzkartoffeln, Schmorkohl und Buletten. So nimmt alles seinen Gang. Am frühen Nachmittag stehe ich endlich auf der Oderbrücke.

Wie mir dieser Fluss gut tut! Emsig strömt sein Wasser mit der ihm eigenen Melodie des Rauschens und Glucksens der Ostsee zu. Von oben betrachtet, zeichnet sich auf seiner Oberfläche ein Wettlauf der unterschiedlichsten graphischen Figuren ab, die kreisend, abdriftend, vorwärts schießend, schlängelnd herannahen und sich wieder entfernen. Die Himmelsfarben und die Spiegelungen der Pflanzen und Uferkonturen bleiben, wechseln, fließen mit dem Wasser heran, eilen wieder davon. Ich sehe flache Ufer, schilfbekränzte Buchten. Das Fehlen gerader, vom Menschen aufgezwungener Linien verleiht dem Strom Natürlichkeit und Würde.

Im Kampfgetümmel

Nun bin ich also in unserem Nachbarland Polen, für das ich durch die Erfahrungen zurückliegender Reisen viel Sympathie empfinde. Ich wappne mich mit einem kleinen Vorrat polnischer Wörter und Sätze, die auf einer Pappe griffbereit in der Hosentasche verwahrt sind, und tausche Sloty gegen Euro.

Auf meiner Karte fehlt dieser von der Stadt Stettin (Szczecin) beherrschte nordwestliche Teil Polens. Prompt gerate ich über Straßenbaustellen, Straßenstilllegungen, Straßenneubauten, Umleitungen, neu angelegte Plätze mit provisorischer Ausschilderung zu autobahnähnlichen Schnellstraßen. Die schwüle Hitze lässt den Schweiß in Strömen fließen. Mir ist zumute wie im Kampfgetümmel: pausenlos unter Beschuss, aber unbewaffnet. Von den Autos verfolgt, eingeholt, eingekesselt, gestoppt, verjagt. Gnadenlos umbraust mich der Verkehr während dieser „rushhour". Ich kann dem geräuschvollen Strom nicht ausweichen, denn die Brücken über die verschiedenen Oderarme zwingen mich zum Durchhalten. Ich fühle mich wie eine Ratte im Testlabyrinth. Am Ende verwandelt sich die für mich entscheidende Ausfallstraße in eine Autobahnauffahrt. Verzweifelt frage ich mich: Was nun? Zurück?

Aber wohin zurück? Ich kehre um. Seitwärts führt eine Auffahrt zu einem Hotel. Kurz entschlossen schlage ich diesen Weg ein. Vor dem stattlichen Hotelbau sitzen deutsche Gäste im Baumschatten bei Kaffee oder Bier. Sie beäugen mich, fragen nach Woher und Wohin. Sie loben mein Vorhaben, kramen in ihren Erinnerungen, als auch sie einmal mit Sack und Pack „zünftig" durch die Lande gezogen waren. Ich schätze sie allerdings jünger ein als mich. Mir ist nicht nach Palaver zumute.

Berlin-Südkreuz: Warten auf den Regionalzug

In Polen angekommen

Die Weichsel, der polnische Strom

Die Marienburg, einstige Zentrale des Deutschen Ritterordens

Früh übt sich, was ein Ritter werden soll

Elbing (Elblag)

Auf dem Parkplatz steht ein deutscher Reisebus aus Bielefeld. Vorne am Einstieg lehnt rauchend der Fahrer und unterhält sich auf Polnisch mit einem Bekannten. Ich spreche ihn an: „Guten Tag, sprechen Sie deutsch? - „ Ein bisschen. - „Darf man auf der Autobahn dort vorne in Richtung Goleniow mit dem Fahrrad fahren? - „Ja, das dürfen Sie. - „Sind Sie ganz sicher? - „Ja, garantiert. - „Dziekuje barzo (schönen Dank)."

Mann, bin ich froh! Mir ist, als hätte man mich von Fesseln befreit. Die 40 Kilometer bis Goleniow will ich sogleich unter die Pedale nehmen. Tiefhängende Wolken haben alle Schleusen geöffnet. Regenschauer sorgen an diesem Spätnachmittag für ein fahles Dämmerlicht. Der Seitenstreifen gehört allein mir, was mich allerdings nicht vor den kalten Spritzfontänen der vorbeirasenden Autos schützt. Ich bin auf Gedeih und Verderb bis nach Goleniow an die Straße gebunden, denn ein hoher Zaun schirmt sie vom Hinterland ab.

Spät am Abend, als ich reichlich erschöpft das Licht in meinem kleinen, ordentlichen Hotelzimmer ausknipse, geht mir noch einmal der Satz von heute morgen durch den Kopf: „Da brauche ich nicht mehr hin. Habe ich alles im Fernsehen gesehen." Armer Kerl, denke ich. Aber ich meine natürlich nicht mich.

Geheimnisvolles Ostpreussen

Ich bin unterwegs zum „nördlichen Ostpreußen, dem seit Ende des letzten Krieges russischen „Königsberger Gebiet bzw. „Kaliningradskaja Oblastch". Kalinin war ein hoher Funktionär in der stalinistischen Nomenklatura.

Innerhalb der letzten vier Jahre ist es das dritte Mal, dass ich mein Rad in östliche Weiten lenke. 2006 ging es von Berlin durch Polen, die baltischen Staaten über Russland auf die skandinavische Halbinsel, 2008 von Berlin über Polen, Weißrussland, die Ukraine bis an die Wolga. Diesmal ist die Tour kürzer, erfüllt mich aber mit nicht weniger Spannung. Mir ist, als wäre es noch nicht lange her, als der „Eisernen Vorhang einen nahezu undurchdringlichen Trennungsgürtel zwischen den freien europäischen Demokratien und den kommunistischen Diktaturen bildete. Heute, zwanzig Jahre später, hat mein „Ritt gen Osten für mich noch immer etwas ungemein Faszinierendes. Die Entdekkerlust findet dort ein weites Feld, und das Erkunden auf eigene Faust birgt viel Geheimnisvolles.

Ostpreußen: Welche Assoziationen verbinden wir Deutsche mit diesem Namen? Jüngere Mitbürger werden zumeist mit den Schultern zucken. Die „Königsberger Klopse und der „Tilsiter Käse bringen sie gedanklich nicht nach Ostpreußen. Bei den Älteren werden, wenn überhaupt, Gedanken und Begriffe ins Bewusstsein tropfen wie diese: sehr weit weg; früher deutsch; weite menschenleere Landschaften; Bernstein; Flüchtlingstragödien bei Kriegsende; der herzhafte ostpreußische Dialekt.

Mich interessiert mit dem Älterwerden immer mehr die Frage: Was ist echt an mir? Warum zieht mich „dieses magisch an, lässt mich „jenes kalt? Die besten Antworten darauf finde ich, wenn ich in meine Kindheit und Jugend zurück tauche, in eine Entwicklungsphase, in der es an mir noch unverbildete Seiten gegeben haben müsste. Schon als Zehn- bis Zwölfjähriger trieb ich mich allein im Wald herum, angelte an den einsamsten Stellen, röstete Brot am Lagerfeuer, kletterte leidenschaftlich gern auf Bäume, interessierte mich für alles, was da kreuchte und fleuchte, half beim Hüten der Ziegenherde meines Freundes. All das wollte ich nicht tauschen gegen den Fußballplatz, Kinobesuche, elektrische Eisenbahn oder die Anziehungskraft einer Gruppe. Später ging es zusammen mit meinem Bruder und mit Freunden auf große Fahrt mit dem Fahrrad. Bis heute hält der Trend zum Forschen und Erkunden an und meine Reisewünsche lassen sich weit zurückverfolgen.

Was treibt mich nach Ostpreußen, und warum ist das so? Das „Was hat man schnell im Kopf, dem „Warum will ich versuchen, auf den Grund zu gehen. Mit den ersten Menschen aus Ostpreußen kam ich bewusst als Achtjähriger in Kontakt. Denn drei Jahre nach Kriegsende zog die Familie Langhau in das Köpenicker Gartenhaus, wo wir wohnten. Ein Zimmer musste für den schon älteren Malermeister, seine Frau und seine steinalte Mutter reichen. Ergrauter, spärlicher Haarwuchs, die Nikkelbrille funkelnd auf seiner „Karl-Valentin-Nase, sprach er in unverfälschtem Ostpreußisch sehr deutlich, freundlich und belehrend mit uns Kindern. Wenn die Langhaus von ihrem gefallenen Sohn sprachen, kullerten die Tränen. Als sie eines Tages weggezogen waren, hatte Ostpreußen in mir Wurzeln geschlagen. Die fast täglichen Suchsendungen des Deutschen Roten Kreuzes in den Rundfunksendern begleiteten uns über Jahrzehnte hinweg. Der hohe Anteil gesuchter und suchender Kinder und Eltern aus Deutschlands östlichster Provinz, die in den letzten Kriegsmonaten und den Nachkriegswirren von ihren Angehörigen getrennt worden waren, blieb konstant hoch. Mit ein bisschen Phantasie konnte sich jeder Zuhörer ausmalen, was für Schicksale sich hinter den dürren Worten der Ansager verbargen. Bis in unsere Zeit hinein entwickelte sich Ostpreußen durch die unterschiedlichsten Dokumentationen zu einem Synonym für „Flucht: Flucht vor der Roten Armee im Winter 1945.

In den 50er Jahren begannen vor allem Illustrierte unterschiedlichster Couleur über Fluchtschicksale in den ehemaligen Ostgebieten zu berichten. Ich wusste ziemlich früh

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