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Angriffe auf den Rechtsstaat: Die Baader/Meinhof-Bande, die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen und die Stasi im Operationsgebiet Westberlin

Angriffe auf den Rechtsstaat: Die Baader/Meinhof-Bande, die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen und die Stasi im Operationsgebiet Westberlin

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Angriffe auf den Rechtsstaat: Die Baader/Meinhof-Bande, die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen und die Stasi im Operationsgebiet Westberlin

Länge:
526 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 25, 2013
ISBN:
9783732228669
Format:
Buch

Beschreibung

Der Autor war nach dem Studium der Rechtswissenschaften seit 1969 fast ausschließlich in der Berliner Strafjustiz tätig, zunächst als beisitzender Richter in einer großen Strafkammer mit allgemeiner Zuständigkeit, unterbrochen von einer 16-monatigen Ermittlungstätigkeit bei der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht, seit 1979 als Mitglied eines Strafsenats des Kammergerichts und seit 1982 als Vorsitzender einer großen Strafkammer mit Zuständigkeit zunächst für Wirtschaftsstrafsachen, dann Rauschgiftdelikten und zuletzt Schwurgerichtsverfahren – dem „Sahnehäubchen“ der Strafgerichtsbarkeit. Im Jahre 1994 zum Vorsitzenden Richter am Kammergericht befördert, saß er bis zu seiner Pensionierung zwei Strafsenaten vor, davon einem mit erstinstanzlicher Zuständigkeit für geheimdienstliche Agententätigkeit und anderes.

Mit Erreichen der Altersgrenze ungern in den Ruhestand verabschiedet, entdeckte der Verfasser seine Neigung zur Schriftstellerei. Nach Niederschrift umfänglicher – wegen der sehr persönlichen Bezüge aber nur der Familie und einem engen Freundeskreis zugänglich gemachten – Lebenserinnerungen wandte er sich in einer weltanschaulichen Dogmen und speziell dem Christentum mit juristischer Akribie auf den Grund gehenden Arbeit unter dem Titel „Vom Pietisten zum Freidenker – Unausweichliche Folge konsequenten Nachdenkens“ auch an eine größere Leserschaft. Sie ist als Buch im selben Verlag erschienen.

Die hier behandelten Fälle stammen aus der Zeit des Autors als beisitzender Richter am Landgericht, als beisitzender Richter am Kammergericht und als Vorsitzender Richter am Kammergericht. Anliegen der Veröffentlichung ist nicht nur, anhand von – durch ihn mit verantworteten und größtenteils auch von ihm selbst schriftlich begründeten – Strafurteilen Geschichte zu bewahren, ideologische Hintergründe zu beleuchten und einer in Unkenntnis der damaligen Verhältnisse zunehmenden Verklärung jener Zeit zu begegnen. Der Verfasser will zudem um Verständnis für die Probleme der Richterschaft in schwerer Zeit und manche verkannte prozessuale Maßnahme werben.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 25, 2013
ISBN:
9783732228669
Format:
Buch

Über den Autor

Der als evangelischer Christ getaufte, erzogene und in fester Glaubenszuversicht aufgewachsene Verfasser war als Strafrichter in verantwortlichen Positionen tätig. Nur dem Gesetz und seinem Gerwissen unterworfen, sah er sich häufig dem Problem konfrontiert, unbekannte Materien vorurteilsfrei, nüchtern und unparteiisch auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen, ohne sich dabei von Gefühlen, Gruppeninteressen oder dem Zeitgeist beeinflussen oder irritieren zu lassen.


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Buchvorschau

Angriffe auf den Rechtsstaat - Eckhart Dietrich

Eckhart Dietrich

Angriffe auf den Rechtsstaat

Die Baader/Meinhof-Bande, die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen und die Stasi im Operationsgebiet Westberlin

(aus Originalurteilen mit Erklärungen und Anmerkungen)

Books on Demand

Meinen geschätzten Kollegen vom Landgericht Berlin und vom Kammergericht

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Erstes Kapitel

Die „Baader/Meinhof-Bande"

Vorgeschichte der Bandenbildung

Gründung der Bande

1. Ziele der Bande

2. Aufbau einer Untergrundorganisation

a) Tarnungsmaßnahmen

b) Anlage von Schlupfwinkeln

c) Ausrüstung mit Kraftfahrzeugen

d) Bewaffnung, Herstellung von Sprengstoff

e) Einrichtung eines Nachrichtendienstes

f) Beschaffung von Geld durch Banküberfälle

-- Tatort Rheinstraße 1

-- Tatort Altonaer Straße 5

-- Tatort Südwestkorso

g) Weitere Vorhaben

Festnahme von Bandenmitgliedern

Bemerkungen zu Vorstehendem

Zweites Kapitel

Die „Bewegung 2. Juni"

I. Bildung einer terroristischen Vereinigung

1. Gründung, Ziele und personelle Zusammensetzung der Bewegung 2. Juni

2. Ausrüstung und Schlupfwinkel der Bewegung 2. Juni

a) Ladenwohnung in der Birkbuschstraße 48

b) Personenwagen VW Golf

c) Wohnung in der Schöneweider Straße 7

d) Garage Nr. 6 in der Otto-Suhr-Allee 151 und Pkw Austin Morris GT

e) Garagen Nr. 5 und 9 in der Schlossstraße 4 sowie Pkw Audi und VW Golf

f) Garage Nr. 18 in der Eisenacher Straße 71/71a

g) Wohnung Koloniestraße 35 und VW Kastenwagen

h) Wohnung Fraenkelufer 58

i) Kellerwohnung in der Steinmetzstraße 76 sowie Pkw VW Passat, BMW 2000 und BMW 1800

j) Weitere Stützpunkte und Kraftfahrzeuge

k) Wohnung in der Motzstraße 8

l) Pkw VW Golf GLS

3. Das weitere Bestehen der Bewegung 2. Juni

II. Entführung des Zeugen Peter Lorenz

III. Ausbruch aus der Vollzugsanstalt für Frauen in Moabit

IV. Anlage und Unterhaltung eines Waffenverstecks im Tegeler Forst

V. Entführung des Zeugen Walter Palmers

VI. Befreiung Till Meyers aus der Untersuchungshaft- und Aufnahmeanstalt Moabit

VII. Straftat der Angeklagten Stürmer

Drittes Kapitel

Die „Revolutionären Zellen"

1. Vorgeschichte

2. Entstehen und Wirken der Revolutionären Zellen

3. Eintritt des Angeklagten in die Revolutionären Zellen und deren Strukturen

4. Straftaten der Revolutionären Zellen während der Mitgliedschaft des Angeklagten

a) „Postsparbuchaktion" (Erbeuten mehrerer 100.000 DM mittels gefälschter Sparbücher)

b) „F-Kampagne" (vor allem Schusswaffenattentat auf den Leiter der Berliner Ausländerbehörde)

c) Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der Zentralen Sozialhilfestelle für Asylbewerber

d) Erbeuten einer großen Menge Sprengstoff aus einem Steinbruch

e) „F-Kampagne" (Schusswaffenattentat auf einen Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht)

5. Weiterer Werdegang des Angeklagten

6. Diskussionen über den weiterenWeg

7. Rückzug des Angeklagten aus den Revolutionären Zellen und deren Ende

Zur Kronzeugenregelung

Viertes Kapitel

Die Stasi im „Operationsgebiet Westberlin"

Vorbemerkungen

Fall 1

Fall 2

Fall 3

Fall 4

Fall 5

Fall 6

Fall 7

Fall 8

Fall 9

Fall 10

Fall 11

Anmerkung zur strafprozessualen Verwertbarkeit von Stasi-Treffberichten

Fall 12

Anmerkung zur strafrechtlichen Sanktionierung geheimdienstlicher Agententätigkeit

Schlussbetrachtung

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Als ich mich kürzlich einer Heilbehandlung unterziehen musste, fragte die engagierte junge Physiotherapeutin, die meinen Namen in den Krankenakten gelesen hatte, was ich „denn für ein Doktor sei. Sie schien erleichtert, als ich mich als Jurist zu erkennen gegeben hatte; bei einem Mediziner würde sie sich wohl in ihrer Arbeit kontrolliert gefühlt haben. Wir kamen während der mehrwöchigen Behandlung ins Gespräch und sie wollte mehr wissen. Ob ich Rechtsanwalt sei? Nachdem ich mich zu meinem Beruf als Strafrichter bekannt hatte, bat sie, ich möge ihr doch mal „meinen interessantesten Fall schildern. Danach stand mir gar nicht der Sinn. Ich erwähnte daher lediglich, dass ich an mehreren sehr zeitaufwendigen Verfahren mitgewirkt hätte und einige, wie etwa die gegen Vorläufer der RAF, besonders belastend gewesen seien. Zu meiner Überraschung erwiderte sie: „RAF, was ist denn das?"

Mich hat das Erlebnis nicht ruhen lassen. Sollte in der nachwachsenden Generation alles schon vergessen sein, was einst die Grundfesten unserer Demokratie erschütterte? Dabei ist über die RAF noch verhältnismäßig viel geschrieben worden. Es gab aber auch andere Gruppierungen mit ähnlicher Zielsetzung. Mit mehreren hatte ich beruflich zu tun.

Ich habe daraufhin meine alten Unterlagen durchforstet und die seinerzeitigen Erlebnisse anhand von sämtlich unter meiner Mitwirkung gesprochenen – und in ihrer schriftlichen Begründung allermeist aus meiner Feder stammenden – Strafurteilen aufgeschrieben. Vor die Wahl gestellt, die Geschehnisse in flottem Feuilletonstil zu schildern oder es bei der präzisen, wenn auch mitunter etwas drögen Juristensprache zu belassen, habe ich mich für eine weitgehend authentische Darstellung entschieden. Die Geschehnisse und viele Originalzitate von Äußerungen der Betroffenen und aus in der Hauptverhandlung verlesenen Urkunden sprechen auch so für sich. Soweit dem Leser etwa Tatortschilderungen oder die Aufzählung von Beweismitteln zu langatmig erscheinen, mag er die Seiten getrost überspringen. Andererseits verdeutlichen diese Passagen den Umfang damaliger Beweiserhebung.

Der letzte Abschnitt behandelt Fälle von geheimdienstlicher Agententätigkeit zugunsten der damaligen DDR. Sie haben eine andere Qualität und Zielsetzung, lassen sich aber auch unter das Generalthema einordnen. Hier sind weniger spektakuläre Einzelfälle geschildert, als anhand einer ganzen Reihe von Urteilen Operationsvorhaben und Arbeitsweise der Stasi und ihrer Helfershelfer beschrieben.

Mir ging es bei allem nicht nur darum, Geschichte zu bewahren, ideologische Hintergründe zu beleuchten und einer in Unkenntnis der damaligen Verhältnisse zunehmenden Verklärung jener Zeit zu begegnen. Auch will ich anhand einiger Beispiele um Verständnis für die Probleme der Richterschaft in schwerer Zeit und manche verkannte prozessuale Maßnahme werben.

Zu meiner Person: Nach dem Studium der Rechtswissenschaften seit 1969 fast ausschließlich in der Berliner Strafjustiz tätig, war ich zunächst beisitzender Richter in einer großen Strafkammer des Landgerichts, unterbrochen von 16-monatiger Ermittlungsarbeit bei der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht, nach dem im Jahre 1979 abgelegten „dritten Staatsexamen"¹ Mitglied eines Strafsenats des Kammergerichts², seit 1982 Vorsitzender einer großen Strafkammer und ab 1994 Vorsitzender zweier Strafsenate des Kammergerichts, einem Revisions- und Rechtsbeschwerde-Senat sowie einem erstinstanzlichen Senat. Die hier behandelten Fälle stammen aus meiner Zeit als beisitzender Richter am Landgericht, als beisitzender Richter am Kammergericht und als Vorsitzender Richter am Kammergericht.

In den ersten drei Kapiteln brauchte ich die Namen der meisten Angeklagten und anderer Tatbeteiligter nicht zu verschweigen; sie sind mittlerweile „Personen der Zeitgeschichte", wie ihre vielfältige Erwähnung in diversen Druckschriften und dem Internet zeigt. Im vierten Kapitel wurden Phantasienamen verwendet. Familiennamen anderer Personen sind – wie in Veröffentlichungen juristischen Inhalts nicht unüblich – meist durch Großbuchstaben ersetzt worden, bei Polizeizeugen unter Angabe ihres Dienstgrades ohne Vornamen. Wo es angezeigt schien, wurden auch gewisse Daten oder Anschriften unterdrückt. Soweit zum Verständnis vollständige Namensangaben Unbeteiligter notwendig waren, sind diese verändert. Auch die Namen von Kollegen habe ich verschwiegen. Soweit sie sich in dieser Arbeit wiederfinden, grüße ich sie.

Berlin, im November 2009 Eckhart Dietrich


¹wie man die „obergerichtliche Erprobung" beim Oberlandesgericht in Juristenkreisen nennt

²des aus historischen Gründen so bezeichneten Berliner Oberlandesgerichts

Erstes Kapitel

Die „Baader/Meinhof-Bande"

In Großverfahren, also solchen, bei denen erfahrungsgemäß mit einer langen Verfahrensdauer zu rechnen ist, kann der Vorsitzende die Zuziehung sogenannter Ergänzungsrichter und Ergänzungsschöffen anordnen, die der Verhandlung beizuwohnen und im Falle der Verhinderung eines Richters oder Schöffen für diesen einzutreten haben³, um auf diese Weise das Verfahren ordnungsgemäß zu Ende führen zu können.

Als mir seitens der Verwaltung des Landgerichtspräsidenten bedeutet worden war, dass ich in dem Verfahren gegen Asdonk und andere wegen Vergehens nach § 129 StGB⁴ u.a. als erster Ergänzungsrichter vorgesehen sei, ahnte ich nicht, was auf mich zukommen würde, konnte dem auch argumentativ nichts entgegensetzen und nur hoffen, dass „der Ergänzungsfall" nicht eintreten würde. Diese Hoffnung währte nur kurz.

Angeklagt waren sechs Mitglieder der „Baader/Meinhof-Bande"⁵, der Vorgängerin und Wegbereiterin der „Rote Armee Fraktion (RAF)". Als ihr Rädelsführer war der damalige Rechtsanwalt Horst Mahler⁶ vom Kammergericht bereits zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden, die im Rahmen einer späteren Gesamtstrafenbildung mit der Sanktion aus einer anderen Verurteilung noch um zwei Jahre aufgestockt wurde. Vor den Schranken des Landgerichts standen die Soziologiestudentin Brigitte Asdonk, der Betriebsschlosser Hans-Jürgen Bäcker, die Assessorin Monika Berberich (welche mit ihren zwei Prädikatsexamen die Möglichkeit einer glanzvollen juristischen Karriere ausschlug), die zur Tatzeit noch nicht volljährige Hausgehilfin Irene Goergens, der Kraftfahrzeugmechaniker und Inhaber einer eigenen Werkstatt Eric Grusdat sowie die Medizinalassistentin Ingrid Schubert.

Die Hauptverhandlung begann am 24. November 1972. Wie sich das Verfahren gestaltete, ist schwer zu beschreiben. Es begann jedenfalls so chaotisch, dass eine beisitzende Richterin bereits am ersten Verhandlungstag wegen attestierter bedrohter Schwangerschaft aus dem Verfahren ausschied und ich in das Quorum⁷ eintrat. Die Angeklagten gaben lange Erklärungen ab, in denen sie den Staat und seine Organe verunglimpften, ohne sich direkt zu den ihnen zur Last gelegten Straftaten (gemeinschaftlicher Raub in Tateinheit mit Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung und unerlaubtem Waffenbesitz) zu äußern. Es wurde deshalb eine lange und aufwändige Beweisaufnahme nötig, um die in akribischer Polizeiarbeit zusammengetragenen Indizien in prozessual verwertbarer Weise in das Verfahren einzuführen. Deren Umfang ist aus den weiter unten auszugsweise mitgeteilten Urteilsgründen zu ersehen. Auch einzelne Anwälte ergriffen gern das Wort, ohne dass ihr Beitrag den Fortgang des Verfahrens gefördert hätte.⁸ Oft entstand aus dem weitgehend mit Sympathisanten der linken Szene besetzten Zuschauerraum Unruhe. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben, und die Justiz musste sich erst langsam auf die neue Lage einstellen. So wurden etwa später vor Sitzungsbeginn die Personalausweise der Zuhörer fotokopiert, damit der Vorsitzende anhand der Lichtbilder Störer erkennen und mit vergleichsweise läppischen Ordnungsstrafen belegen konnte. Es war jedoch unübersehbar, dass Justitia mit der Strafprozessordnung von 1879 nur ein Holzschwert führte.

Ich erinnere einen Tag, an dem sich die Angeklagten in der Untersuchungshaftanstalt untereinander verständigt hatten, nicht mehr am Verfahren teilzunehmen. § 230 StPO bestimmte aber: „Gegen einen ausgebliebenen Angeklagten findet eine Hauptverhandlung nicht statt. Ist das Ausbleiben des Angeklagten nicht genügend entschuldigt, so ist die Vorführung anzuordnen …" Das Gericht hatte also hinsichtlich des weiteren Vorgehens keine Wahl. Gegen die angeordnete Vorführung wehrten sich die Angeklagten derart heftig, dass sie schließlich auf Liegen gefesselt in den Sitzungssaal getragen werden mussten. Dort störten sie trotz Ermahnung des Vorsitzenden nachhaltig die Verhandlung durch lautes Schreien, weswegen andere Bestimmungen des Gerichtsverfassungsgesetzes zur Anwendung kommen mussten. Nach § 176 GVG obliegt „die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Sitzung … dem Vorsitzenden." § 177 GVG regelt: „Beschuldigte …, die den zur Aufrechterhaltung der Ordnung getroffenen Anordnungen nicht Folge leisten, können aus dem Sitzungszimmer entfernt … werden." Also wurden die Angeklagten wieder zurück in die Haftanstalt geschickt. In der Presse verstand das niemand. Unser Verhalten wurde als eines Rechtsstaats (der von den Angeklagten ja gerade bekämpft wurde!) unwürdig und menschenverachtend bezeichnet. Die Richter seien völlig verrückt geworden und wüssten nicht mehr, was sie wollen: „Erst lassen sie die Angeklagten mit Gewalt herbeischleppen und dann schmeißen sie sie raus." – Später (1974) wurde § 231 b StPO eingeführt, dessen erster Absatz lautet: „Wird der Angeklagte wegen ordnungswidrigen Benehmens aus dem Sitzungszimmer entfernt …, so kann in seiner Abwesenheit verhandelt werden, wenn das Gericht seine fernere Anwesenheit nicht für unerlässlich hält und solange zu befürchten ist, dass die Anwesenheit des Angeklagten den Ablauf der Hauptverhandlung in schwerwiegender Weise beeinträchtigen würde."

Ein anderer Trick – ich erinnere nicht, ob er auch in diesem Verfahren zur Anwendung kam – bestand darin, dass sich Angeklagte durch Einnahme krank machender Substanzen oder Nahrungsverweigerung selbst verhandlungsunfähig machten. Dem ist der Gesetzgeber 1974 ebenfalls entgegengetreten. § 231 a Abs. 1 StPO besagt: „Hat sich der Angeklagte vorsätzlich und schuldhaft in einen seine Verhandlungsunfähigkeit ausschließenden Zustand versetzt und verhindert er dadurch wissentlich die ordnungsgemäße Durchführung oder Fortsetzung der Hauptverhandlung in seiner Gegenwart, so wird die Hauptverhandlung … in seiner Abwesenheit durchgeführt oder fortgesetzt, soweit das Gericht seine Anwesenheit nicht für unerlässlich hält."

Die Vorschriften bescherten freilich neue Probleme; denn beide Paragraphen hatten einen Absatz 2, demzufolge der Angeklagte, sobald er wieder verhandlungsfähig ist bzw. wieder vorgelassen wird, durch den Vorsitzenden „von dem wesentlichen Inhalt dessen zu unterrichten" ist, „was in seiner Abwesenheit verhandelt worden ist". Über den „wesentlichen Inhalt" ließ sich trefflich streiten, etwa über die Wiedergabe einzelner Äußerungen inzwischen vernommener Zeugen. Viele Ablehnungsgesuche (siehe bald weiter unten) ließen sich mit der Begründung anbringen, der Vorsitzende habe den Verhandlungsverlauf tendenziös geschildert.

Nach 21 Prozesstagen war auch der – kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand gesundheitlich angegriffene – Landgerichtsdirektor am Ende seiner Kräfte und der zweite Ergänzungsfall ließ mich zum Berichterstatter aufrücken. Dem bisherigen, der nun als Vorsitzender amtierte, war das sehr recht, enthob es ihn doch der Pflicht späterer Urteilsabsetzung⁹.

Auch das weitere Verfahren gestaltete sich zähflüssig. Wann immer die Verteidiger wollten, vielleicht weil ein anderes lukratives Mandat lockte oder eine besonders heikle Prozesssituation bevorstand, hatten sie es in der Hand, die weitere Fortsetzung der Verhandlung am selben Sitzungstag durch einen „unaufschiebbaren Antrag" zu blockieren. Ihre Pflichtverteidigergebühren hatten sie nach damaliger Fassung der Rechtsanwaltsgebührenordnung bereits verdient, unabhängig davon, wie lange die Sitzung an einem Tage dauerte. Jedem Angeklagten waren wegen des Umfangs des Verfahrens und dessen zu erwartender Dauer zwei Pflichtverteidiger beigeordnet worden, von denen jeweils mindestens einer in der Hauptverhandlung anwesend sein musste. Mitunter waren einige von ihnen nur so lange im Sitzungssaal zugegen, bis die mit der Protokollierung der Verhandlung beauftragte Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle ihre Anwesenheit in der Sitzungsniederschrift vermerkt hatte, womit ihr Gebührenanspruch dokumentiert war. Nach gegenwärtiger Rechtslage ist die Höhe der Pflichtverteidigergebühren nach der Dauer der Verhandlung in drei Stufen gestaffelt.

Besagter „unaufschiebbarer Antrag" konnte auf § 24 StPO gestützt werden, wonach „ein Richter … wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden" kann. „Wegen Besorgnis der Befangenheit findet die Ablehnung statt, wenn ein Grund vorliegt, der geeignet ist, Misstrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters zu rechtfertigen." Derartige Befangenheitsanträge konnten auf die aberwitzigsten Behauptungen gestützt werden (etwa ein Richter habe während einer die Angeklagten belastenden Zeugenaussage genickt und damit zu erkennen gegeben, dass er die Angeklagten ungeachtet der noch ausstehenden weiteren Beweisaufnahme bereits für schuldig halte) und machten sich besonders „gut", wenn ein aussageunwilliger Zeuge endlich dazu gebracht worden war, vor der Strafkammer zur Vernehmung zu erscheinen, und er nun unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt werden musste. Denn § 29 StPO bestimmte: „Ein abgelehnter Richter hat vor Erledigung des Ablehnungsgesuchs nur solche Handlungen vorzunehmen, die keinen Aufschub gestatten." Manche Verteidiger hatten einen Vorrat von mit Schreibmaschine geschriebenen Ablehnungsanträgen dabei, aus dem sie sich bei Bedarf in der Weise bedienten, dass sie in einzelnen nur noch handschriftlich das aktuelle Datum einsetzten (dabei ist die Ablehnung „unverzüglich" geltend zu machen¹⁰, was eine vorherige schriftliche Vorbereitung in der Anwaltskanzlei eigentlich ausschließt).

Auch dieses Schwert der Verteidigung ist heute – jedenfalls was seine Anwendung zu verfahrensfremden Zwecken anbelangt – stumpf; denn 1978 ist § 29 StPO ein zweiter Absatz angefügt worden, der besagt: „Wird ein Richter während der Hauptverhandlung abgelehnt und würde die Entscheidung über die Ablehnung eine Unterbrechung der Hauptverhandlung erfordern, so kann diese so lange fortgesetzt werden, bis eine Entscheidung über die Ablehnung ohne Verzögerung der Hauptverhandlung möglich ist; …"

Vor allem aber schwebte über dem Gericht ständig das Damoklesschwert des § 229 StPO: „Eine unterbrochene Hauptverhandlung muss spätestens am elften Tage nach der Unterbrechung fortgesetzt werden, widrigenfalls mit dem Verfahren von neuem zu beginnen ist." Die Vorschrift ist an sich vernünftig: Der Richter soll das Verfahren nicht vertrödeln und dadurch seinen unmittelbaren Eindruck von der Hauptverhandlung schmälern. Doch was das für ein mehrjähriges Verfahren bedeutet, liegt auf der Hand. Keine Krankheit, kein Urlaub oder sonstige Hinderungsgründe waren erlaubt. Der Gesetzgeber hatte mit Strafverfahren vom Umfang der hier beschriebenen einfach nicht gerechnet.

Ich erinnere einen Fall aus meiner Wirtschaftsstrafkammer, als uns der Verteidiger in einer umfangreichen Sache mit Anträgen zur Haftfähigkeit seines Mandanten und Ablehnungsgesuchen so weit gebracht hatte, dass wir am Ende des zehnten Verhandlungstages noch nicht „zur Sache verhandelt"¹¹ hatten und er hoffen konnte, das Verfahren nach vielmonatiger Verhandlungsdauer torpediert zu haben. Den in Untersuchungshaft genommenen Angeklagten hätte man wohl nicht länger festhalten können. Am Abend des mir unvergesslichen Tages verwarfen wir das letzte Ablehnungsgesuch als unzulässig¹² und verkündeten in demselben Beschluss unter Punkt 2, dass einem noch unbeschiedenen älteren Beweisantrag der Verteidigung auf Vernehmung irgendeines belanglosen Zeugen entsprochen werde und dieser demnächst geladen werden solle. Das war Verhandlung zur Sache! Der Verteidiger war wütend. Wir hätten getrickst.

Auch hier ist das Gesetz – sogar mehrfach – den Verhältnissen angepasst worden. In der gegenwärtigen Fassung lautet § 229 StPO:

„(1) Eine Hauptverhandlung darf bis zu drei Wochen unterbrochen werden. (2) Eine Hauptverhandlung darf auch bis zu einem Monat unterbrochen werden, wenn sie davor jeweils an mindestens zehn Tagen stattgefunden hat. (3) Kann ein Angeklagter oder eine zur Urteilsfindung berufene Person zu einer Hauptverhandlung, die bereits an mindestens zehn Tagen stattgefunden hat, wegen Krankheit nicht erscheinen, so ist der Lauf der in den Absätzen 1 und 2 genannten Fristen während der Dauer der Verhinderung, längstens jedoch für sechs Wochen, gehemmt; diese Fristen enden frühestens zehn Tage nach Ablauf der Hemmung. Beginn und Ende der Hemmung stellt das Gericht durch unanfechtbaren Beschluss fest. (4) Wird die Hauptverhandlung nicht spätestens am Tage nach Ablauf der in den vorstehenden Absätzen bezeichneten Frist fortgesetzt, so ist mit ihr von neuem zu beginnen. Ist der Tag nach Ablauf der Frist ein Sonntag, ein allgemeiner Feiertag oder ein Sonnabend, so kann die Hauptverhandlung am nächsten Werktag fortgesetzt werden."

Trotz der genannten und manch anderer Fußangeln konnte am 28. Juni 1974, also nach 19-monatiger Verhandlungsdauer, ein Urteil gesprochen werden, das hernach auf die Revision der Angeklagten vom Bundesgerichtshof in allen Punkten bestätigt wurde. Die Angeklagten wurden wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes in Tateinheit mit Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, und zwar in einem besonders schweren Fall, sowie in weiterer Tateinheit mit unerlaubtem Waffenbesitz allesamt zu Freiheitsstrafen von sieben bis dreizehn Jahren verurteilt. Zu ihren Taten heißt es in den Urteilsgründen:

Vorgeschichte der Bandenbildung

Die Bundesrepublik Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie; ihre verfassungsmäßige Ordnung entspricht den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates im Sinne des Grundgesetzes. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus. Die Bürger können die Geschicke des Staates durch Teilnahme an allgemeinen, unmittelbaren, freien, gleichen und geheimen Wahlen sowie aktive Mitarbeit in den politischen Parteien mit gestalten. Trotz der unschätzbaren Vorzüge dieser Staatsform mangelt es ihr nicht an Nachteilen. Dazu gehört ihre Schwerfälligkeit bei der Verwirklichung als notwendig erkannter Reformen.

Als Studenten die „Herrschaftsverhältnisse" an den Universitäten unerträglich schienen und sich durchgreifende Universitätsreformen nicht abzeichneten, brachten sie – in Berlin etwa seit 1968 – ihren Unmut in immer machtvolleren Kundgebungen zum Ausdruck. Dabei gingen sie mit der Forderung nach einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft über rein studentische Anliegen hinaus, veranstalteten außerhalb des Universitätsbereichs zunehmend unfriedlicher verlaufene Demonstrationen und hofften vergeblich auf größeren Zulauf aus der Arbeiterschaft.

Unter dem Eindruck der studentischen Protestbewegung wurden Universitätsreformen eingeleitet. So trat beispielsweise im August 1969 das Berliner Universitätsgesetz in Kraft, das den Studenten neben Hochschullehrern, Assistenten und anderen Dienstkräften weitgehende Mitbestimmungsrechte einräumte.

1969 löste sich die sogenannte antiautoritäre Studentenbewegung auf. Ein beträchtlicher Teil der Studentenschaft trat den „Marsch durch die Institutionen" an, um seinen Vorstellungen in den neu gewonnenen Positionen Geltung zu verschaffen. Zurück blieb eine verhältnismäßig kleine Zahl radikal Gesinnter, die weitere Reformen als allein der Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse dienend ablehnte und auf eine grundlegende Gesellschaftsveränderung durch Ablösung der „herrschenden Klasse" hinarbeitete.

Einige glaubten, diesem Ziel im bewaffneten Partisanenkampf nach südamerikanischem Vorbild näher kommen zu können. Zur Herbeiführung bürgerkriegsähnlicher Zustände und Vorbereitung der als Endziel vorhergesehenen Revolution sollten spektakuläre Einzelaktionen dienen, mit denen man die Schwächen des herrschenden Systems aufzeigen, „die Herrschenden" verunsichern und unter dem potenziell revolutionären Teil der Bevölkerung Anhänger zu gewinnen hoffte.

Mit einer solchen Aktion waren bereits Andreas Baader und Gudrun Ensslin hervorgetreten. Sie hatten am 2. April 1968 in einem Frankfurter Kaufhaus Brandsätze gelegt. Das Landgericht Frankfurt am Main verurteilte sie deswegen rechtskräftig zu Freiheitsstrafen von je drei Jahren Zuchthaus¹³. Andreas Baader konnte sich der Strafvollstreckung zunächst entziehen. Bei einer Verkehrskontrolle wurde er am 4. April 1970 in Berlin festgenommen und der Strafanstalt Tegel zur Verbüßung der Strafe zugeführt.

In der Folge gelang es dem seinerzeit noch als Rechtsanwalt zugelassenen Horst Mahler, für Andreas Baader, der angeblich zusammen mit Ulrike Meinhof ein Buch über „Organisation randständischer Jugendlicher" schreiben wollte, die Ausführung von der Vollzugsanstalt zu einer wissenschaftlichen Bibliothek durchzusetzen. Bei dieser Gelegenheit wurde Andreas Baader am 14. Mai 1970 mit Waffengewalt aus dem Gebäude des in Berlin-Dahlem … gelegenen Zentralinstituts für soziale Fragen befreit, wobei der Angestellte Georg L angeschossen und schwer verletzt wurde. Nach der Befreiungsaktion, an welcher … auch die Angeklagten Goergens und Schubert beteiligt waren, hielten sich Ulrike Meinhof, die sich zusammen mit Baader in der Bibliothek aufgehalten hatte, und Horst Mahler verborgen.

Gründung der Bande

Die Polizei löste daraufhin eine Großfahndung aus. Bevor es zu Festnahmen kam, setzten sich Horst Mahler, Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ingrid Schubert und Irene Goergens zusammen mit Brigitte Asdonk, Hans-Jürgen Bäcker und … weiteren Gesinnungsgenossen in den Nahen Osten ab.

Sie lebten etwa sechs Wochen lang in einem jordanischen Lager palästinensischer Freischärler und machten sich neben dem Gebrauch von Schuss- und Explosivwaffen mit der Guerillatechnik vertraut. Welche Unterstützung ihnen zuteil wurde, zeigt der Umstand, dass die Angeklagte Goergens mit einem am 20. Juni 1970 von der Konsularabteilung der Botschaft der Vereinigten Arabischen Republik in Amman auf den falschen Namen „Raga Ibrahim" ausgestellten und mit ihrem Lichtbild versehenen Pass für palästinensische Flüchtlinge ausgestattet worden war. Der Pass wurde später in der Wohnung des Zeugen Eike Falkenstein – von der noch mehrfach die Rede sein wird – zusammen mit anderen Beweismitteln … sichergestellt.

Während dieser Zeit organisierte sich der Kern jener Bande, die wenig später mit der Begehung zahlreicher Straftaten in der Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlins (West) in Erscheinung trat. In langen Diskussionen bekräftigten die genannten Personen ihre gemeinsame Überzeugung, dass die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland – ungeachtet aller ihnen grundgesetzlich garantierten Freiheitsrechte – in Wahrheit „von den besitzenden Klassen" unterdrückt und ausgebeutet würden und eine Änderung dieser Verhältnisse nur im Wege gewaltsamen Umsturzes erreichbar sei. Sie beschlossen, den bewaffneten Guerillakampf aufzunehmen und in Solidarität mit allen Unterdrückten als Revolutionäre gegen „die parlamentarische Form der Diktatur der Bourgeoisie" zu kämpfen.

Mit diesem Ziel kehrten sie gegen Ende Juli/Anfang August 1970 heimlich nach Berlin zurück.

Hier begannen sie mit dem geplanten Aufbau einer Untergrundorganisation, die später von ihnen „Rote Armee Fraktion (RAF)" genannt und unter der Bezeichnung „Baader/Meinhof-Bande" bekannt wurde. Gleichzeitig bemühten sie sich, unter Gesinnungsgenossen weitere Mitglieder zu werben. Daraufhin schlossen sich ihnen zunächst die Angeklagte Berberich und Anfang September 1970 der Angeklagte Grusdat und der Zeuge Karl-Heinz Ruland an. Die Bandenmitglieder unterwarfen sich einer kollektiven Willensbildung. Gemeinsame Entschlüsse waren für alle verbindlich und wurden von allen getragen. Mitläufer wurden nicht geduldet.

1. Ziele der Bande

Als Richtschnur zur Verwirklichung ihres gemeinsamen Vorhabens betrachteten die Mitglieder der Bande das seit Mai 1970 in deutscher Sprache verbreitete „Mini-Handbuch des Stadtguerilla", in dem der Autor Carlos Marighella mit Ratschlägen für das taktische Vorgehen von Terroristen zum bewaffneten Kampf „gegen die schmachvolle Militärdiktatur Brasiliens und ihre Gräueltaten" aufruft. In dem deutschen Nachwort des Mini-Handbuchs, dessen Kenntnis und Beherzigung von allen Bandenmitgliedern erwartet wurde, heißt es: „Das Mini-Handbuch für den Stadt-Guerilla wird eines der wichtigsten Bücher sein für jeden, der als Konsequenz der unvermeidlichen Schlacht gegen Bourgeoise und Imperialismus den Weg der bewaffneten Rebellion einschlagen will".

Dieser Meinung waren auch die Angeklagten. Sie folgten dem Aufruf Marighellas: „Alle, die dieses Mini-Handbuch lesen und zu der Schlussfolgerung kommen, nicht untätig bleiben zu können, fordere ich auf, den Instruktionen zu folgen und den Kampf aufzunehmen."

Nach dem Mini-Handbuch ist das „entscheidende Merkmal des Stadtguerilla", „dass er ein Mensch ist, der mit der Waffe kämpft". Da es unwahrscheinlich sei, dass er längere Zeit unerkannt seinem Beruf nachgehen könne, ergebe sich die „Notwendigkeit der Enteignung so klar wie der helle Mittag". Der Stadtguerilla könne „unmöglich existieren und überleben, ohne zu kämpfen und zu enteignen". Als Angriffsziele der „Enteignung" kämen in erster Linie „Vermögen und Produktionsmittel" in Betracht, „die der Regierung, den Monopolkapitalisten, Großgrundbesitzern und Imperialisten gehören". Für jeden Stadtguerilla sei es wichtig, sich immer vor Augen zu halten, dass er nur existieren könne, wenn er bereit sei, „Polizisten und andere Unterdrücker zu töten", und wenn er sich entschlossen habe, „den Reichtum der Monopolkapitalisten, Großgrundbesitzer und Imperialisten zu enteignen". Die Früchte dieser „Enteignung" kämen der „Entwicklung und Verbesserung der Stadt-Guerilla-Technik" zugute und dienten unter anderem zum „Kauf, Herstellung und Transport von Waffen und Munition" sowie dem „täglichen Unterhalt von Kämpfern, befreiten Gefangenen, Verfolgten und Verwundeten". „Für den Stadt-Guerilla, der mit nichts anfängt und anfangs keine Unterstützung hat", gelte folgende „Logistikformel: „M G W M S, wobei „M für Motorisierung, „G für Geld, „W für Waffen, „M für Munition und „S" für Sprengstoff steht.

Bei umsichtig ausgeführten Aktionen, die nur wenige Minuten dauern dürften, ziehe sich der Stadt-Guerilla blitzartig in Autos zurück und entkomme so der Verfolgung. Der Weg müsse im Detail bekannt und vorher auf Zeit probegefahren sein. Die Polizei verfolge blind; sie wisse nicht, welcher Fluchtweg genommen werde. Unter den „verwundbarsten Zielen für den Angriff" nennt das Mini-Handbuch an erster Stelle „Kredit- und Bankgesellschaften" Der „Bankenangriff" sei „eine typische Enteignung" und als „populäres Beispiel des Angriffs eine Art Vorexamen des Stadt-Guerillas während seiner Ausbildung in der Technik der revolutionären Kriegsführung".

Unter der Parole „Die Lücke der revolutionären Theorie schließen – Die Rote Armee aufbauen!" verfasste oder mitverfasste Horst Mahler nach seiner Festnahme in der Haftanstalt eine Kampfschrift, in der die den Bandenmitgliedern gemeinsame Überzeugung, dass „unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen die bewaffnete Phase des Klassenkampfes unvermeidlich" sei und deshalb „eine Rote Armee der revolutionären Klassen" aufgebaut werden müsse, auch ihren späteren schriftlichen Niederschlag fand. Bezeichnend für den inneren Zusammenhalt der Bande ist Mahlers Warnung vor „Schwätzern, Angebern und Zauderern" sowie Leuten, „die nicht völlig entschlossen sind, am Kampf teilzunehmen", mit denen man sich nicht einlassen dürfe. Noch während der Hauptverhandlung erklärte der Angeklagte Grusdat in der Sitzung vom 22. Mai 1973 zu den Richtern der Kammer gewandt: „Seid Euch nicht so sicher! Die Revolution schreitet voran! Bald haben wir auch Euch!"

2. Aufbau einer Untergrundorganisation

Entsprechend den Empfehlungen Marighellas nahmen die Angeklagten zusammen mit den übrigen Bandenmitgliedern den Aufbau der geplanten Untergrundorganisation in Angriff, wobei sie zugleich als Nahziel das Bestehen des „Vorexamens" als Stadt-Guerillas, also ihren ersten bewaffneten Bankraub, im Auge hatten und vorbereiteten. Sie waren sich darin einig, nur bei fortlaufender Verübung von Straftaten, insbesondere Diebstahl von Kraftfahrzeugen, Fälschung und Verfälschung von Ausweispapieren aller Art, Erwerb und Besitz von Schusswaffen, Munition und Sprengstoff sowie der Beschaffung von Geld durch Raubüberfälle, „existieren und überleben" zu können. Sie waren entschlossen, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben und die Gesetze des Staates zu missachten. Bei diesem Entschluss mag die übrigen Mitglieder der Bande beeindruckt haben, dass auch ein so bekannter Mann wie der damalige Rechtsanwalt Horst Mahler der Gruppe als einer der Wortführer und Organisatoren angehörte. Den an der Baader-Befreiung Beteiligten war wegen der zu erwartenden hohen Strafen die baldige Rückkehr in ein bürgerliches Leben ohnehin verbaut.

a) Tarnungsmaßnahmen

Da sie damit rechneten, dass bei ihren Aktionen Bandenmitglieder verhaftet werden könnten, suchten sie die Ermittlungstätigkeit der Polizei durch die Verwendung von Decknamen, mit denen sie sich selbst ansprachen und die sie bei schriftlichen Nachrichten verwendeten, von vornherein zu erschweren.

Die Angeklagten führten folgende Decknamen: Asdonk =„Clara", Bäcker =„Harp", Berberich =„Nelli", Goergens =„Peggy", Grusdat =„Atze" und Schubert =„Nina" und „Irene".

Von den übrigen Bandenmitgliedern nannten sich: Andreas Baader = „Hans", Gudrun Ensslin =„Grete" und „Gerda", Manfred Grashof =„Carlos", Heinrich Jansen =„Ali" und „Max", Horst Mahler =„James", Ulrike Meinhof =„Anna" und „Marie", Astrid Proll =„Rosi", Karl-Heinz Ruhland =„Kalle" und Petra Schelm = „Prinz".

Demselben Grund diente auch folgende Vorsichtsmaßnahme: Die Bandenmitglieder verhielten sich – einem weiteren Ratschlag Marighellas entsprechend – bei der Verteilung von bestimmten Aufgaben nach dem sogenannten konspirativen Prinzip. Jeder bekam nach Möglichkeit nur von dem Kenntnis, was er für seinen Tatbeitrag wissen musste, um im Falle der Verhaftung nicht zu viel verraten zu können.

Gegenüber fremden Personen traten die Bandenmitglieder unter anderen, ebenfalls falschen Namen auf. Um bei einer Überprüfung ihrer Personenidentität, namentlich bei Verkehrskontrollen nicht erkannt zu werden sowie auch zur Täuschung von Vertragspartnern fälschten oder verfälschten sie eine große Anzahl von Personal- und Kraftfahrzeugpapieren. Sie benutzen dabei entweder echte, ihren Inhabern auf meist nicht geklärte Weise abhanden gekommene Ausweispapiere oder amtliche, durch strafbare Handlungen erlangte Formularbogen, die sie selbst ausfüllten und mit falschen Stempelabdrucken versahen. In mehreren Fällen stellten sie auch die Ausweisvordrucke unter Verwendung echter Papiere durch Fotomontage her. Die Qualität der Fälschungen war so gut, dass die Papiere den üblichen Kontrollen standhielten.

Bei ihrer späteren Festnahme wurden bei den weiblichen Angeklagten folgende Ausweispapiere vorgefunden:

Die Angeklagte Asdonk war im Besitz des durch Einfügung ihres Passbildes verfälschten Bundespersonalausweises der Zeugin Monika F. Die Angeklagte Berberich besaß neben dem unverfälschten Reisepass der Zeugin Birgit W. einen total gefälschten Führerschein auf den Namen „Birgit W." und einen ebenfalls total gefälschten Kraftfahrzeugschein für einen gestohlenen Pkw Ford 15 M Coupé mit dem falschen polizeilichen Kennzeichen B-P 3328 des angeblichen Halters Dr. Karl S.

Die Angeklagte Goergens hatte den durch Einfügung ihres Passbildes verfälschten Reisepass der Zeugin Karin S und einen auf denselben Namen lautenden total gefälschten Führerschein bei sich, während die Angeklagte Schubert den durch Einfügung ihres Passbildes verfälschten Reisepass der Dorothea R. und einen auf denselben Namen ausgestellten total gefälschten Führerschein mit sich führte.

Bei Horst Mahler wurde nach seiner Festnahme der durch Einfügung seines Passbildes verfälschte behelfsmäßige Berliner Personalausweis des Zeugen Günther Unruh, ein auf denselben Namen lautender total gefälschter Führerschein sowie ein ebenfalls total gefälschter Kraftfahrzeugschein für den Pkw Ford 20 M mit dem polizeilichen Kennzeichen B-ZM 395 des angeblichen Halters Reiner D. gefunden.

Die Angeklagte Berberich legte am 9., 10. und 11. September 1970 bei der betrügerischen Anmietung von Kraftfahrzeugen mehreren Autovermietern den mit ihrem Lichtbild versehenen und hinsichtlich des Geburtsjahres von „1950" auf „1940" verfälschten Personalausweis der Zeugin Heidi Miller vor, der dieser am 22. August 1970 in dem Lokal „Top Ten" in Hamburg abhanden gekommen war.

Zur Herstellung oder Verfälschung der zur Tarnung verwendeten Papiere hatte die Bande in der in Berlin-Kreuzberg, Erkelenzdamm 59/61 gelegenen Wohnung des Zeugen Heinz-Dietrich K. eine besondere Werkstatt eingerichtet, in der sie über ein von Bandenmitgliedern zusammengestelltes Fotolabor mit unter anderem einer Linhof-Kamera, einem Vergrößerungs- und einem Vervielfältigungsgerät verfügten. Als „Chef-Fälscher" der Bande war Manfred Grashof tätig.

Eine Fülle des von der Bande besessenen Fälschungsmaterials wurde am 11. Februar 1971 von den Zeugen Kriminaloberkommissar B. und Kriminalhauptmeister G. bei einer Durchsuchung der Wohnung des Zeugen Eike Falkenstein in Frankfurt am Main aufgefunden und von den Zeugen Kriminaloberkommissar T. und Kriminalhauptmeister M. im einzelnen asserviert¹⁴. Hierzu gehören ein Bündel von Druckstöcken (Rotaprintplatten) zur Herstellung von Vordrucken für Kraftfahrzeugscheine und Führerscheine, drei Rollen mit grünem und grauem Silbondpapier – wie es für die Herstellung von Kraftfahrzeugzulassungen und Führscheinen verwendet wird –, etliche Tüten mit Nieten, Nietzangen und eine Nietmaschine – womit Lichtbilder in Ausweispapieren befestigt werden können –, eine Schneidemaschine sowie zahlreiche Stempel mit Prägungen wie „Einwohnermeldeamt", „Der Stadtdirektor i.A.", „Der Polizeipräsident Hamburg", „Der Standesbeamte in Lang-Göns" und viele andere mehr sowie Aluminiumfolien mit solchen Stempelabdrucken, ferner eine Tüte mit Fotoabzügen von amtlichen Siegelmarken für Kraftfahrzeugkennzeichen und eine Reihe gefälschter TÜV-Plaketten auf blauem Grund. Neben fertigen Vordrucken von Kraftfahrzeugschein- und Führerscheinformularen wurde eine Vielzahl von Bundespersonalausweisen, behelfsmäßigen Berliner Personalausweisen, in- und ausländischen Reisepässen, Führerscheinen, Kraftfahrzeugzulassungen und Kraftfahrzeugkennzeichen sichergestellt.

Ein ebenfalls aufgefundener schwarzer Ringordner enthielt unter anderem eine Hülle mit der wahrheitsgetreuen Aufschrift „Ausrangierte Scheine Halter fiktiv !!!", in der sich neun gefälschte Kraftfahrzeugscheine befanden, von denen – wie unten im Einzelnen ausgeführt – mindestens acht die teilweise ebenfalls verfälschten technischen Daten von durch die Bande erbeuteten Kraftfahrzeugen enthielten. Alle hierbei verwendeten Vordrucke waren als Falsifikate untereinander druckbildidentisch, die Zulassungen mit den Nummern F-HK 138, F-CM 503, F-PS 299, F-PT 302, F-PZ 715 und F-CN 848 zudem mit derselben – am 8. Oktober 1970 in der Berliner Bandenunterkunft Hauptstraße 19 von dem Zeugen Kriminalhauptmeister N. sichergestellten – Reiseschreibmaschine vom Typ „Olympia Monika", Nr. 3 592 589 ausgefüllt worden. Zusammen mit den Fälschungsunterlagen wurden in der Wohnung Falkenstein mehrere

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