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Kadonien

Kadonien

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Kadonien

Länge:
384 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 10, 2015
ISBN:
9783739253046
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Buch im Ruhrgebiets-Jargon – sprachgewandt, urkomisch und voller Gags.


„Kadonien“, das ist die lustige und originelle Geschichte von vier ebenso originellen Typen, erzählt von einem von ihnen, dem Arbeitslosen Willi Wittischek. Die Geschichte spielt in Gelsenkirchen-Horst und ist dementsprechend im Ruhrgebiets-Dialekt geschrieben.

Als die Firma Schimanski Stahl und Eisen „die Schotten dicht macht“, wird Willi Wittischek arbeitslos.
Aus Langeweile sucht er per Zeitungsinserat Partner zum Kartenspielen und lernt so das Ehepaar Dr. Hans-Werner und Ilse Böse sowie die Steigerswitwe Hilde Kowalski kennen. Wittischek erzählt seinen neuen
Freunden eigentlich völlig beiläufig von seinem Traum, einen eigenen Staat zu gründen, in dem alles gerecht und ehrlich zugeht.
Dr. Böse ist von dieser fixen Idee fasziniert und kauft von der Bergwerksgesellschaft das Gelände der
stillgelegten Zeche Nordstern. Es gelingt ihm sogar, von der Stadt Gelsenkirchen, von der Landesregierung
Nordrhein-Westfalen und schließlich auch über einen ehemaligen Studienfreund im Trubel des Umzuges der
Bundesregierung von Bonn nach Berlin vom Kanzleramt die Bestätigung zu erhalten, dass „Kadonien“ auf dem ehemaligen Zechengelände Nordstern als souveräner Freistaat anerkannt wird.

Willi Wittischek, Hilde Kowalski und das Ehepaar Böse verleihen sich selbst die Titel zum Großherzog und zur Großherzogin von Kadonien und hissen auf dem Förderturm ihre Staatsfahne. Dem gemeinsamen Kanasterspiel
entsprungen nennen sie ihre Währung „Jokers“ und werden in ihrem herrschaftlichen Frieden erst gestört, als der Nachbarstaat Deutschland damit beginnt, auf dem Zechengelände Nordstern die Bundesgartenschau vorzu-bereiten. Dr. Böse, inzwischen Großherzog Hans-Werner von Kadonien, ist auch dieser Situation gewachsen und
weiß durch die Errichtung eines Supermarktes in der ehemaligen Waschkaue und eines Kiosk über die zahlreichen Besucher der Bundesgartenschau an Devisen für Kadonien zu kommen.

Als der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland dem Freistaat Kadonien einen Besuch abstattet, gibt
Dr. Böse seinen Freunden bekannt, dass er als Euro-Koordinator nach Brüssel berufen wurde und Herrn Wittischek vorher diesen Traum vom eigenen Staat erfüllen wollte.

Die Attraktionen der Bundesgartenschau Gelsenkirchen sind in die Handlung dieses Buches eingebunden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 10, 2015
ISBN:
9783739253046
Format:
Buch

Über den Autor

Heinz-E. Klockhaus isst seit frühester Jugend Schriftsteller und Textdichter. Er hat ca. 3.000 Liedertexte verfasst und stellt mit "Fritz und Fritzchen" bereits sein 16. Buch vor., davon 9 betriebswirtschaftliche Fachbücher und 3 Bände mit Gedichten, Kurzgeschichten und Lebensweisheiten. Ein Redakteur hatte mal sehr treffend über ihn geschrieben "Der Mann passt in keine Schublade."


Buchvorschau

Kadonien - Heinz-E. Klockhaus

Wie an jedem Werktach klingelte auch an diesem Morgen mein Wecker. „Willi Wittischek, Schimanski Stahl und Eisen ruft. Wie an jedem Werktach schimpfte ich auf den fadammten Wecker und wusste nich, dattich bald sein Klingeln vermissen würde. Zähneputzen, waschen, rasieren, anziehen, frühstücken, Blick inne Zeitung, wat wieder für Grausamkeiten und für Ungerechtichkeiten inne Welt passiert sind. Nix tut so gut wie’ne Tasse Kaffe, wenne noch müde bis. Halb sieben begrüss ich meinen alten VW-Käfer anne Laternengarage. „Na, Käfer, hasse ausgeschlafen? Schimanski Stahl und Eisen ruft. Den Weg kennt mein Auto im Schlaf. Dat Stüxken Schlangenwallstrasse hoch, Galopprennbahn und Horster Schloss vorbei und dann immer gradeaus bis Buer-Beckhausen. Typischet Kohlenpottwetter, grauer Himmel und die Sonne hinter die Wolken am kämpfen, datse auch mal dat Ruhrgebiet sieht. Kurz vor sieben sind wir, mein Käfer und ich, wie immer bei Schimanski Stahl und Eisen aufen Parkplatz, kannze die Uhr nach stellen. Trotzdem war an diesem Tach alles anders. Die Kollegen standen aufen Hof und diskutierten. „Wat is los? frachte ich den Czervinsky. „Nix is los, Deinen Blaumann kannze im Spint lassen, Wittischek. Belechschaftsversammlung, Schimanski macht die Schotten dicht. „Ach du Scheisse, rutschtet mich raus, „und wat wird aus uns?

„Ja, wat wohl", sacht der Czervinsky, „stempeln gehen und anne Nüsse spielen. Fleicht hasse ja Glück und bis der fümfmillionste Aabeizlose in Deutschland, dann krisse bestimmt ne Auszeichnung und Ehrenurkunde.

Oder hasse noch ne reiche Omma, die dich ein sonniget Leben inne Südsee faerbt?"

Nee, sonne reiche Omma hattich nich. Wat nütztet, wenne noch locker zehn Jahre malochen kannz und keiner will dich? Wie oft hab ich auf Schimanski Stahl und Eisen geschimpft und auf den dowen hochnäsigen Vorarbeiter, und gezz liefen se mir nachts über die Bettdecke und ich träumte vergeblich davon, dat der Wecker mal wieder klingelt: „Schimanski Stahl und Eisen ruft. Hatter gezz von seine Hochnäsichkeit, gezz is der Vorarbeiter auch ein armet Schwein und aabeizlos. „Wennet überhaupt eine Schuld aufe Welt gibt und vom lieben Gott nich alles vorbestimmt is, dann is die CDU schuld, hatte der Czervinsky gesagt.

„Is doch keine christliche Pattei, die sich selbst die Diäten erhöht und für unsereins keine Arbeit hat. Sowat kannze doch nur wählen, wenne ein Konto inne Schweiz und dein Häusken im Tessin has. Wirsse sehn, gezz wird alles anders, wenn die SPD anne Regierung is. „Hasse recht, Czervinsky, is nich christlich, wenne keine Arbeit has, sarich, „aber sozial isset auch nich. Oder glaubse noch an Weihnachtsmann, dat die SPD uns wieder’n Jopp besorgt? Na also. Is nich christlich, is nich sozial, is nich liberal und grün sindse mich schon lange alle nich da oben. Aber wir fallen zum Glück ja bloss vonne unterste Stufe. Die oben sind, fallen viel tiefer. „Nee, sachter, „dat is nich wahr. Die halten sich an irgendeiner Stufe fest un krabbeln wieder ganz nach oben. Aber wir fallen vonne unterste Sprosse in Dreck un bleiben im Dreck. „Weisse, wovon ich träum? sarich, „ich träum von ein eigenen Staat, in dem alles gerecht zugeht. „Da kannze lange träumen, sacht der Czervinsky. „Machet gut, Czervinsky, gezz hasse Zeit für Dein Schrebergarten und kannz auch mal inne Woche morgens am Rhein-Herne-Kanal angeln gehn."

Anfangs war dat ma ganz nett, morgens bis halb zehn im Bett, Zeitung raufholen und wieder bis halb elf inne Falle und kucken, wattet Neuet inne Welt gibt. Für ein Brötchen, watte dich vom Bäcker mitbacken lassen kannz, reicht auch dat Aabeizlosengeld. Kannze ersma ganz zufrieden sein mit dein neuet Schicksal. Aber irgendwann hasse ausgeschlafen un dann geht dat los mitti gähnende Langeweile. Geden Tach aufe Markenstrasse oder durche Schrebergärten latschen un dich die ollen Rentner bekucken un Tauben füttern willze ja schliesslich aunich für den Rest deinet Leems. Ab und zu aufe Rennbahn, sind ja nich mehr viele Rennen in Horst und mehr kannze dich von dein Aabeizlosengeld aunich leisten, als mal ein riskanten Gaul mit drei Beine auf Sieg oder Platz zu wetten.

Und auf Schalke gehn is auch nur alle vierzehn Tage, aber da ärgersse dich ja auch bloss. Nichma mehr am Zeitunglesen hasse richtich Spass.

Früher, wie die Bildzeitung neu raus kam un noch’n Groschen kostete, warnse über ihr am herziehen, watse für blutige Schlachzeilen hat un dat son Bildrepporter zuerst mitti Toten gesprochen hat undse interwjute.

Heute kräht da kein Hahn mehr nach und gedet Käseblättken, wat bissken auf sich hält, besteht nur noch aus solche Schlachzeilen. Dat Kleingedruckte brauchse gaanich mehr lesen. Wenn der Kanzler nach Amerika fliecht un vorn ausgerollten Teppich aufe Gangwä sacht „Guten Tach, weiler nich weiss, datat bei die Amis „Gut Mornink heisst, dann is dat dat Einzige, watte noch zum Schmunzeln inne Zeitung findes. Der Rest is Mord und Totschlach. Da fageht dich die ganze Lust anne Lecktüre.

Anfangs hab ich ja gedacht, mich ne neue Arbeit zu suchen. Aber watte da angeboten kriss, kannnze inne Feife rauchen. Datse dich nich gleich sagen, du sollz die Rotaugen im Rhein-Herne-Kanal unter die Brücke jagen wennet rechnet, is noch’n Wunder. Der mitti rote Jacke beim Aabeizamt kuckt ja immer ganz wichtich in seine Kattei. Aber die Kaate hälter immer so schräch, datte nich sehn kannz, datta gaanix draufsteht. Mit sein tüpischet Beamtengesicht kuckter ein dann ganz merkwürdich an, als wenner am denken wär. Un in Wirklichkeit denkter bloss, hoffentlich haut der Kerl bald ab, dasse in Ruhe Fliegen im Büro zählen kannz. Wenne Glück has, krisse dann wieder son Vorstellungsgespräch, wode die Menschen umschuppen sollz, die im Stehn gestorben sind oder sowat Ähnlichet, un dafür brauchse aunoch Abbitur. Nee, irgendwann kapituliersse dann wie der Ohrnkneifer vor der Schuhsohle und sachs zu dein Rasierspiegel:

Ackzeptiert, bisse ein von fümf Millionen Aabeizlose, musset ja auch geben, damit die Oppesition für die nächste Wahl wat zu versprechen hat.

Wat sitzte eigentlich den ganzen Tach hier rum? Gezz, wosse endlich Zeit has für dat, wosse früher nie Zeit für gehabt has, da hättese doch gezz Zeit für. Mit diese weise Selbsterkenntnis fing ich am grübeln, wattich früher, als ich noch bei Schimanski Stahl und Eisen war, gerne getan hätte. Angeflogen kommt ja nix, wenne nur so dasitzt. Da musse schon selbst die Inniziatife ergreifen.

Soweit wusstich schomma Bescheid über meine Sittuation als Aabeizlosen. Aber wat sollze machen, datti Inniziatife auch für wat gut is? Mit sonne Fragen war ich schomma ne Zeit ganz gut beschäfticht. Und bei diese Annalüse spielt auch dat Wetter eine Rolle. Ganz zu schweigen, dattet Herbst wird. Son richtigen Sommer ohne Regen gibtet ja sowieso nich mehr. Den hamse ja mit ihre ganzen Atomfasuche und dat Umweltgedöhne länx fasaut. Wennze dich also aufet Wetter nich falassen kannz, un dat kannze nich, dann isset dat Fanümpftichste, du suchs dich wat Sinnvollet, watte in geschlossene Räume ausüben kannz.

Auf fremde Beerdigungen gehen is bei dieset Sauwetter ja aunich dat Wahre.

Mann o Mann, dattich da nich gleich drauf gekomm bin! Wie Schuppen fielet mich vonne blauen Augen:

Gezz hasse doch Zeit für dein geliebten Doppelkopp. Warss doch schon früher immer son leidenschaftlichen Kaatenspieler. Für diesen Einfall hättich beinah ‚n Luftsprung gemacht, wenn mir nich im letzten Moment meine Bandscheibe eingefallen wär, und wat schlimmer is, dattich ja gakeine Mitspieler hab, - von gleichwertige Gechner mal ganz zu schweigen. Solche innere Trauer dauert aber bei einem einfallsreichen Menschen nich ewich, weil ihn dann ein neuer Einfall heimsucht. Wenn die Andern über ein Inserat inne Neue Ruhrzeitung ein gleichgesinntet warmet Herz für besinnliche Stunden und füret Leem suchen können, warum sollet dannich auch ein Gleichgesinnten für mich geben, dem ‚ne Kreuzdame inne Hand lieber is als ‚ne Annemarie anne Hacken?

Mit dieser logischen Feststellung konnte ich sehr zufrieden sein und damitse nich wieder durch irgendeinen abwegigen Gedanken erschüttert wird, liess ich meine Inniziatife die Zügel und machte mich gleich aufe Socken nach die Neue Ruhrzeitung. „Hier is nur die Radaktion, sachte der Glazzkopp am Empfang inne Rüttenscheider Strasse, „für ne Anzeige müssen se anne Anzeigenannahme in dat Hochhaus anne Altenessener Strasse. Bevor ich fragen konnte, wat sonne Anonxe kostet, hatter dat runde Glasfensterken, durch dat ich sprechen musste, schon wieder zugeklappt un war inne Zeitung am blättern. Auch ‚n dowen Jopp, dacht ich, nur Zeitung lesen und durche Luke sagen, datte hier falsch bis. Fleicht würd der Glazzkopp auch lieber Doppelkopp spielen als durch sein Fensterken kucken.

Mit sonne aabeizmaaktpolitische Gedanken beladen ging ich inne Altenessener Strasse.

Gottseidank waret Paterre und da hing auch schon dat Schild „Anzeigen-Annahme." Dadrunter stand’n Schreibtisch und auf den Schreibtisch ‚n Kompjuter. Aber ganz ohne Menschen könnse auch im Zeitalter vonne Technik nich, dachte ich erleichtert, als mich dat Frollein frachte:

„Kann ich wat für Sie tun?" Mädken, dachte ich, ein Knopp mehr hättse ja von deine Bluse zuknöppen können.

Musse ja Angst haben, datti Brüstkes aufe Tastatur fallen. „Ja, sarich, „Sie können wat für mich tun, und überlechte schon, oppet nich doch wat Besseret als Doppelkopp gibt. „‘N Inserat willich aufgeem. „Und für welche Ruprick? frachtese und setzte sich in Possetur vor den Kompjuter. „Dat weiss ich nich", sachte ich.

„Wollense wat fakaufen oder suchen se wat?"

„Eintlich such ich wat", sarich drauf.

„Also Ankauf. Nee, so kommwer nich weiter, dachte ich. „Moment, Frollein. Ja, ich such wat, aber nich, wat sie fleicht denken. Ich such nix zum kaufen, ich such wat Komplizierteret, ein Menschen sozusagen. Sie nickte faständnisvoll und musterte mein karriertet Hemd. „Also eine Bekanntschafts- oder Heiratsanzeige?"

„Nu lassense mich domma ausreden, Frollein, sonz reden wir morgen noch, oppich ‚n Elefanten mit ein Glasauge oder ne Braut für einsame Stunden such." Sie machte ihren roten Mund wiene Schüppe, als wennse beleidicht wär und sachte:

„Bitte! Bitte! Wat suchense also?"

„Also, sarich, „ich such Gleichgesinnte fürn Doppelkopp. „Doppelkopp? Wattis dat denn? Dat is wieder ma tüpisch, dachtich, wat du kleinet Biest da hinter den offenen Knopp has, dat weisse ganz genau, aber ‚n anständiget Kaatenspiel, dat kennze nich. Wenn du kleinet Luder glaubs, dattich dich dat gezz erklär wat Doppelkopp is, bisse schief gewickelt. „Dat is wat für hinter faschlossene Türen mit zwei schwatte Damen.

Ihre Neugierde sprangse so richtich ausset Gesicht, dat ich alten Sack wat weiss, watse noch nicht kannte.

„Schreimse ma in dat Inserat eimfach MITSPIELER FÜR DOPPELKOPP GESUCHT, dat reicht."

Dat mitti Anzeige inne Ruhr-Nachrichten fluppte besser als ich dachte. Eine Woche, nachdem ich dat Inserat aufgegeben hatte, waren schon fümf Briefe im Kasten. Soviel krich ich sonz dat ganze Jahr nich, die Weihnachtskaaten ma nich mitgerechnet. Ich holte mir ne Pulle Bier aussen Kühlschrank, setzte mich auf mein Sofa und öffnete mit grosser Spannung meine Post. Lieben Insserent, stand in ein Brief, ich bin eine Steigerswitfe von ein fastorbnen Steiger un spiel für mein Leem gerne Doppelkopp. Hier inne Kollenie sind alle Berchleute fazogen un gestorben un könn auch kein Doppelkopp mehr.

Da is nur noch meine Nichte Paula, aber die hat ganz andre Dinge im Kopp als wie Kaatenspieln un is im Fatraun gesacht auch viel zu dösich.

Würde mich sehr geährt fühlen, wennse mich berücksichtigen tun un haben wollen un bin auch eine ganz faträchliche Nichtraucherin, Ihre Hilde Kowalski.

Da siehsse ma, denk ich, die Weiber sind donnich alle so bekloppt wie die vonne Zeitung mit nix im Kopp un offne Bluse. Mitti Steigerswitfe hatte ich schomma ‚n guten Fang gemacht, bevor ich se überhaupt kannte. Wie machse wohl aussehn, dachte ich. Is ja auch egal, oppet ne dünne Hippe is oder ne dicke Matrone.

Fleicht isset ja auch ‚n ganz anziehendet Wesen un für noch mehr zu gebrauchen als bloss Doppelkopp.

Sonne Steigerswitfe hat auch ne ganz passable Rente, datse sich leisten kann, paa schicke Klamotten zu besitzen un nich nur billige Fummel fonne Wollwort. Eins steht fest, die Steigerswitfe war schomma so gut wie engaschiert. Dafür konntich die nächsten beiden Briefe gleich fagessen. Der eine schien so einen von die ewigen Studenten zu sein.

„Un darum suche ich nach eine Beschäftigung inne Semmesterferien."

Wennich sowat schon hör. Un wattis nache Semmesterferien? Davon schreibter nix. Nee, du steck ma lieber deine Nase inne Bücher, datte den Staat nich ein Leem lang aufe Tasche liechs. Sowat kannich nich noch unterstützen, da mach ich mich ja mit faantwortlich für dat sinnlose Plündern von den Barföck. Der kricht schomma ne Absage oder soll auf ne Antwort warten, bisser alt un grau is.

Zwischen diese beiden Möchlichkeiten werd ich noch abwägen, wat besser is für ihn zu kurrieren. Der andre Brief, der aunich infrage kam, war auch von son jungen Schnösel un sogar mitti Schreibmaschine getippt. Wie hoch datti Einsätze sind wollter wissen, um die wir spielen, weiler umsonst gaanich ers anfängt.

Täte mich ja reizen, ihm ma zu zeigen, wat ne Hake is, aber dat kannich ja schon alleine die Steigerswitfe nich antun. Wat soll die denn von mir denken, wenn ich anfang, alle abzuzocken. Keine Bange, liebe Hilde, dem sagen wir auch ab. Ein Gentelmänn weiss doch, watter einer faträchlichen Steigerswitfe schuldich is.

Auf den nächsten Umschlach stand DR. HANS-WERNER BÖSE aufgedruckt. Oje, mit son richtigen Dockter weisse ja gaanich, wiesse dich richtich fahalten sollz. Un wenner dannoch so is wie er heisst, kannze ihn von vornerein fagessen. „Sehr geehrter Inserent, schrieb er, Insserent nur mit ein S, kannze sehn, son Dockter weiss aunich alles. „Ich beziehe mich auf Ihr Inserat in den Neuen Ruhrnachrichten und teile Ihnen mit, dass ich und meine Gattin an einer Spielrunde grosses Interesse haben. Seine Gattin willer auch gleich mitbringen. Warum eintlich nich? Die Steigerswitfe un ich, un den Dockter mit seine Gattin, hättenwer doch die Runde komplett.

Fleicht kuckter ja bei die Gelegenheit auma nach meine Bandscheibe. So gesehn wär auch der im vierten Brief nich schlecht, wosse ab un zu paa Scheiben Zungenwurst für umsonst kriss. Aber nach solche Kritterien kannze ja nich Doppelkopp spielen un der Mensch kann aunich alles haben aufe Welt un von Doppelkoppspieler aunoch Grützwurst oder ‚n halbet Schwein als Zugabe falangen, wenner schon‚ n Dockter fürde Bandscheibe in Aussicht hat. „Ich bin ein Katzoff im Rentenalter, wennse wissen, wat das is. Mein Laden hat gezz mein Sohn und ich würde gerne ein bissken Kaatenspieln in meine viele Freizeit, die ich gezz hab."

Türlich weiss ich, dat ein Katzoff ein Metzger is. Aber mein Gefühl sacht, die Steigerswitfe un der Dockter mit Gattin sind genau die richtigen Paatner. Im fümften Brief stand nur, rufense mich unter die angegebene Tellefonnummer gegen achtzehn Uhr an zwex persönlichet Kennenlernen.

Nix, watter is, nichma ‚n Absender aufn Kuwär. Kannze lange vor dein Tellefon sitzen un auf mein Anruf waten. Der Katzoff kricht ein höflichen Brief: Lieber Metzgermeister im Ruhestand. Is vernünftich, datse im Alter auch den Sohn mal ranlassen.

Dem Czervinsky und mir ging et ja viel schlechter,als wir aufet Altenteil verfrachtet wurden und ich hoffe, dass Ihr Sohn doch noch ab und zu mit einem Kottlett bei seinem Vatter vorbeikommt. Bedaure vielmals, unser Faein nimmt keine Mitglieder mehr auf, gezeichnet Dockter Hans-Werner Böse un Gattin, Steigerswitfe Hilde Kowalski un ich, ihr hochachtunxvoller Willi Wittischek.

Inne Schublade vonne Witrine lach noch’n karrierten Block un paar Umschläge. Wann schreibt unsereins schomma ‚n Brief? Liebe Steigerswitfe. Zunächst tutet mir leit, dat Ihr fastorbnen Gatte nich mehr am Leem is un freu mich, datse ebenfalls ein ganz faträchlichen Menschen und von dat Laster Rauchen nich behaftet sind. Wat son richtigen Steiger is, den hab ich auch als Raucher inne Erinnerung und hoffe, dass ihr abgelebter Gatte auch geraucht hat und Sie dafür Faständnis haben un nich böse sind, wennich rauchen tu. Böse is dat Stichwort; denn Böse is auch der Name von ein Dockter, den ich aunonich kenne un deshalb mit seine Gattin für mich noch unbeschreiblich is. Fleicht hamse ja auch wat anne Bandscheibe wie ich un der Dockter fasteht wat davon, datter für uns wat tun kann. Muss nu aber nich unbedingt Bandscheibe sein, kann auch mitte Nieren oder mit dat Herz wat nich stimmen. Mitte Galle werdense ja hoffentlich keine Malesse haben, weil dat keine frietfärtigen Menschen sein sollen. Sonz gibtet nix zu erzählen, watwer nich besprechen können.

Geben Sie mir die Ähre für ein erstet Kennenlernen am Sonnaamt um vier in meine Wohnung. Is ja nich weit vonne Kollenie, wennse noch gut zu Fuss sind. Ich hab mich mein Leemtach nich so gefreut wie auf Ihnen un hoffe, dat der Dockter mit seine Gattin auch anwesend is. Ihr hochachtunxvoller Willi Wittischek.

Ein schöner Brief, kann man für eine Steigerswitfe nich besser formeliern.

Türlich, für ein Ackerdemicker musse andre Worte suchen. Sehr geährten Dockter Böse un sehr faährte Dockters-Gattin. Wie ich soeben an die Steigerswitfe Hilde Kowalski ausse Kollenie geschrieben habe, erwarte ich Sie am Sonnaamt um vier un freu mich auf ein Kennenlernen, nich ohne Ihnen und ihre Gattin für die Zuschrift auf meine Anonxe zu danken.

Wir spielen mit zwei Spitzen, watti Herzzehnen sind un ohne Fleischlosen und ohne Schweinchen. Wennse dat ihre Gattin schomma sagen, obwohl ich fagessen habe, dat auch in den Brief an die Gattin fom fastorbenen Steiger Kowalski zu erwähnen.

Is ja auch egal. Die Frauen sind ja in solche Sachen immer ‚n bissken dösiger wie wir Männer, aber dat bleibt unter uns und brauch ich Ihnen als Dockter ja gaanich erst zu sagen.

Ährlich gesacht freu ich mich, datse sich auf meine Anonxe gemeldet haben, weil son Doppelkopp ja auch wat mit Niewo zu tun hat. Grüssense Ihre Gattin und paakense ihrn Wagen am Sonnaamt ruhich vor mein Garten-Törken, da muss um die Zeit wieso keiner rein un raus un Blagen gibtet hier keine, die Schrammen in ihrn Lack kratzen. Also dann ma bis Sonnaamt, Ihr hochachtunxvoller Willi Wittischek. Pe-Es: Ich hoffe, dattet Sie nich stört, wenn ich ein frietfärtigen Menschen und ein Raucher bin.

Alzet am Sonnaamt auf viertelvorvier zuging, wurde ich doch etwas nerwös. Hoffentlich is dat dem Dockter und seiner Gattin nich alles zu einfach in meine bescheidenen Verhältnisse als Normalsterblicher. Sonne Ackerdemicker haben ja ‚n ganz anderen Leemsstandard wie unsereins. Watti Ärzte alleine mitti Krankenscheine für’n Schmu machen sollen und die AOK über die Ohrn haun, stand noch unlänx inne Zeitung. Aber fleicht gibtet ja auch da sonne un sonne und ausgerechnet der Böse is einer von die Guten. Die Türken sind ja aunich alle gleich und’n katholischen Passter wird fleicht auma für’n Moment evangelisch, wenner ne hübsche Haushälterin hat. Waten wir et also ab. Noch mehr gespannt war ich ja ährlich gesacht auf die Steigerswitfe und spinxte schon paamal hinter de Gadine, wat da wohl gleich auf mein Häusken zukommt. Is wie bei die Ziehung vonne Lottozahlen, wosse immer hoffs, datti richtigen kommen. Aha, da fährt einer ganz langsam, scheint nache Hausnummer zu suchen.

Könnter sein, ne Olle hatter auch aufem Beifahrersitz. Gezz hälter an und die Olle kuckt hier rüber. Döskopp, hab doch geschrieben, datte vor mein Törken paaken kannz.

Tüpisch Ackerdemicker. Hauptsache, se machen et anders als alle andern, so sind se. Wennse unsereins gegen nen grippalen Infeckt mit ‚n halben Schemiekonzern die Innereien vergiften, saufense selbst nur Kamillentee und machen Wadenwickels, wennse auch ma die Grippe heimsucht.

Ich warf noch ein letzten Blick die Strasse länx nache Steigerswitfe, aber noch nix in Sicht, da stand der Dockter mit seine Gattin schon anne Tür und schellte. Wattat fürn Auto war, konnt ich gaanich erkennen.

Jedenfalls ein Stern hatter nich dran, dat wundert mich. „Guten Tag. Mein Name ist Böse. Das ist meine Frau. – „Guten Tag, Wittischek, dat is mein Häusken, tretense doch näher. Wat hat die Natur denn da zusammengefücht, dachte ich. Er mit den ackerdemischen Tittel, auf ein junget Gesicht umme vierzich schon ne halbe Pläte. Hat man ja viel bei die Schenies, datse vor lauter Denken die Haare ausgehn. Sie ein ganzen Kopp grösser un so spindeldürr, datte gaanich dran denken möchtes, wat da noch übrichbleibt, wennse die Klamotten auszieht. Dat einzige Dicke anne Dockters-Gattin waren die Gläser von ihre Brille. Nee, wat is die dünn! „Nehmen Sie doch Platz. Wir hatten gerade jeder einen Platz eingenommen un der Dockter mit seine Gattin spinxten mitte Augen nach meine Möbel und womöchlich, wie lange ich nich mehr neu tappeziert hatte, da schellte es wieder an meine Türe. „Dat wird die Steigerswitfe sein, sachte ich für den Dockter und seine Gattin, „kuckense sich ruhich ‚n bissken um. Da anne Decke is die Faabe noch nich ganz trocken vom letzten Kälken." Ich weiss aunich, wieso ich so gespannt auf die Steigerswitfe war, als hätt ich noch nie ne Steigerswitfe gesehn. Wie sonne Steigerswitfe aussieht, weiss doch wieso jeder zwischen Stoppenberg und Polsum un länx die Emscher.

Bissken anders sah Frau Kowalski ja aus, aber dat bestäticht nur die Regel. Aus ein gutmütiget Gesicht lächelte se mich an und überreichte mir ein kleines Päcksken in Seidenpapier mit eine rote Schleife drum.

„Ein kleinet Mitbringsel", sachtese.

„Dat war doch nich nötich, Frau Kowalski, sachte ich, weil man dat in so Momente so sacht. „Packense ‚t aus, Herr Wittischek. Ich hab man bloss für alle Fälle ‚n neuet Doppelkoppspiel mitgebracht. Kosten bei uns im Einkaufszenter nur zweineunundneunzig. Kann man doch nix gegen sagen, oder? „Nee, dat kann man wirklich nich. Kommense doch durch, Frau Kowalski. Dann willich ma bekannt machen: Dat is Frau Kowalski un dat is Frau Dockter Böse un dat is der Herr Dockter Böse."

Schrecklich, dieset Bekanntmachen.

Wer sich dat bloss ausgedacht hat.

Statte einfach die Hand gibs un sachs „Ich bin dä Willi. Aber nä, „hocherfreut un angenähm musse sagen. „Bei mir lassense den Dockter man wech, sachte die Dockters-Gattin, „prommewiert hat nur mein Mann. Nu war auch der Dockter anne Reihe für den ersten sümpatischen Schritt: „Sagense eimfach Böse un lassense den Tittel ruhich weg." Dat klang ja sehr nett und menschlich fürn Amfang.

Weil keiner wat sachte, ergriff ich dat Wort und sachte ersma: „Frau Kowalski war so nett un hat gleich ein neuet Spiel mitgebracht für drei Maak aussen Suppermaakt. „Zweineunundneunzig, und nich aussen Suppermaakt sondern aussen Einkaufszenter, sachte die Steigerswitfe. „Is ja auch egal, sachte ich. „Glaub nich, datse sowat überhaupt im Suppermaakt führn, bliebse bei ihren Einwand. Und sowat nennt die Kowalskische frietfärtich, dachte ich. Als wenn dat nich egal is, wose dat Spiel gekauft hat. „Wie sollnwer denn gezz am besten vorgehn? Haben Sie ‚n Vorschlach, Herr Dockter? Die Dockters-Gattin hatte als erste ‚n Vorschlach und ich mein, der war auch ganz vernünftich. „Ich schlach vor, sachte se, „wir lernen uns erstma bissken kennen und geder erzählt wat von sich selbst. „Dat is’n guten Vorschlach, sachte die Steigerswitfe und ich holte den Kaffe rein, den ich schon inne Maschine fertich hatte. Die Dockters-Gattin trank den Kaffe schwarz, obwohl se ‚n paar Kallorien am nötichsten gebrauchen konnte. Dafür nahm die Steigerswitfe drei Stüxken Würfelzucker. „Also, wat soll ich viel erzählen, machte die Steigerswitfe den Anfang, „mein Mann war Steiger aufe Zeche Nordstern. Is gezz ja auch schon lange stillgelecht. „Wat für’n Steiger? frachte ich. „Türlich Rewiersteiger, wat denn sonz? „Nu, nu, Frau Kowalski, so natürlich is dat aunich. Gibt aunoch andre Steiger, wie Maschinensteiger un sowat über Tage, wat sein Leebtach nich im Pütt runter muss. Dat war meine Rewansche für ihre Rechthaberei, dat dat Doppelkoppspiel nich aussen Suppermaakt is. Die Steigerswitfe erzählte noch bissken nich Weltbewegendet von ihre Nichte Paula, die ein Jugoslawen geheiratet hat un zu dösig zum Kinderkriegen is un datse hundertachtzig Fund wiecht, wovon der liebe Gott besser paar Kilo für die Dockters-Gattin gegeben hätte.

Nachdem ich dann auch die paar Stationen aus meinem Leem Rewü passieren gelassen hatte bis nach meine letzte Aabeizstelle bei Schimanski Stahl und Eisen, sachte die Dockters-Gattin, datse zwei Töchter hat und sonz allet ihr Gatte besser erzählen kann wie sie. Wie aus so ein dünnen Menschen noch zwei Kinder rauskommen konnten, dat fasteh ich nich, aber geht mich ja auch nix an un muss ja wohl möchlich gewesen sein, wennse dat sacht. Dat einer ein Kind wechlücht, hat man ja schon gehört, aber dat sich einer zwei Töchter dazulücht, is nich anzunehmen. Muss ja für son klein Würmken auch grausam sein, wennet aufe Welt kommt un gleich die erste Enttäuschung erlebt, wennet bei seine eigne Mamma nix findet, wo et dran nuckeln kann. Dat is auch sonne dowe Angewohnheit vonne Ackerdemicker, dachte ich, als der Dockter anfing zu erzähln, datse in jeden Satz ein Fremdwort sagen müssen. Ob dat dahinpasst un oppe dat fastehs oder nich, et muss da hin.

Manchma glaub ich, die studiern da extra ein oder zwei Semmester länger für, dat ein Normalsterblichen nich fasteht watse sagen. Sollte unsereins ma kommen, datse für die Pflege von unsere Gelsenkirchener Muttersprache den Baföck-Sack öffnen oder vonne Heimatvereine anknabbern lassen, dat wir noch Worte vonne Grossmutter lernen wollen, dann möcht ich die ma palawern hörn. Aber der dicke Hund kam ja gezz erst. „Und studiert hab ich als Schwerpunkt Polletickwissenschaften. „Watt denn? Watt denn! sachte ich, „sie sind gakein richtigen Dockter? Dat is ja ein ausgesprochener Hammer. Keine Praxis mit Waatezimmer und kein Rönchen? Nix für ungut, Herr Dockter, aber dat is ja schon Vorteuschung von falsche Tatsachen, wennse den Dockter dick auf ihren Kuwähr stehen haben. Die dürre Dockters-Gattin lachte so un wippte auf ihren Stuhl hin und her, dat ich fürn Moment Angst hatte, die bricht inne Mitte durch. „Lieber Herr Wittischek, sachte se, „jeder Dockter is doch kein Arzt, mein Mann is Dockter rer pol. „Rer pol, sachte ich, „wat is dat denn? „Nee, sachte die Steigerswitfe, „dat hab ich aunonich gehört. Hat wat mit Polletick, Wirtschaft und Finanzen zu tun, soviel hab ich verstanden, als der Dockter dat erklärte. Datse dafür auch schon ‚n Dockter brauchen, is ja allehand. Da sieht man ma wieder, datti Polletick und Wirtschaft mehr am kränkeln sind, als se zugeben wollen, wennse schon eigene Dockters

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