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Reiseziel Heimkehr: Zwischen Altona und Australien

Reiseziel Heimkehr: Zwischen Altona und Australien

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Reiseziel Heimkehr: Zwischen Altona und Australien

Länge:
311 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Juni 2015
ISBN:
9783739272092
Format:
Buch

Beschreibung

Offen und vorbehaltlos, frisch, packend und - trotz der schwierigen Zeiten - anekdotenreich wird das Leben einer Seemannsfamilie während der Nazizeit im Arbeiterviertel Altona dargestellt. Ganz andere Bedingungen ergeben sich nach der Ausbombung. Ein Start von Null am Stadtrand Hamburgs - in einem kleinen Behelfsheim aus Schweden. Der Verfasser, bei Kriegsanfang geboren, schildert weitgehend aus seiner Kinderperspektive von Ängsten und Beklemmungen, Feuersturm, Ausbombung und Hungersnot. Er erzählt vom sozialen Abstieg durch den Krieg und dessen "ungerechten" Wirkungen. Aber die Familie gibt nicht auf. Doch ohne "klauen", Schwedenspeisung und dänische Schokoladensuppe hätte man nicht überlebt. Mit Energie und Fleiß kämpft sie erfolgreich, aber das hat seinen hohen Preis.

Dezent und detailreich eingebunden in lokale und weltgeschichtliche Zusammenhänge, verdichtet sich das persönliche Schicksal zu einem intensiven Lektüreerlebnis.
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Juni 2015
ISBN:
9783739272092
Format:
Buch

Über den Autor


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Reiseziel Heimkehr - Martin Klumbies

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ungünstiger Zeitpunkt

Dorfleben und Todesschüsse

In Stellung

Die Küste lockt

Beim Elbtunnel hat es „gefunkt"

Die frühe Kindheit meines Bruders

Ein Hamburger aus Altona

Wohnung am Nobistor

Besuch von Hans

25. Juli 1943

Nach der Ausbombung

Technik des Bombardierens

In Genthin

Hauptsache, ein Dach über dem Kopf

Das Kriegsende

Der Beginn der Nachkriegszeit

Ein Kommen und Gehen

Ritterkreuz und Ordnung

Internierte

Von Kohlen und Kalorien

Um Weihnachten 1945

Zuversicht

Der Frühling 1946

Einschulung

Schwedenspeisung

Sommerzeit 1946

Der Hungerwinter 1946/47

Von der Schule ins Leben

Aufbauen

Die fast unbemerkte Staatsgründung

Neue Schule und moderne Pädagogik

Wir machen Fahrt voraus

Gute Sicht

Stopp

Trennung von Mohrchen

Wachwechsel

Liegekuren und Zitterpudding

Ein Clown zwischen Toiletteneimer und Sitzbadewanne

Rettung aus Seenot

Vom Moses zum…

Ohne Scham in überfallenen Ländern

Aus dem Ruder gelaufen

Urlaubszeiten

Tango und andere Probleme

Anschluss und Abweichung

Ein ungeklärtes Ende

Vorwort

Bevor ein Schiff den Hafen verlässt, wird reichlich Ausrüstung, Brennstoff, Wasser und Proviant an Bord genommen, die Schiffsapotheke ist gefüllt, die Seekarten liegen klar, der Kurs ist bestimmt und alles ist verstaut und gezurrt - seeklar beginnt die Reise.

Sobald die Leinen losgeschmissen sind, wird mit größter Sorgfalt navigiert, um Unfälle und Kollisionen auszuschließen.

An ein Menschenleben sind vergleichbare Ansprüche zu stellen.

Begebe ich mich auf Ausguck, identifiziere ich allmählich Personen, Ereignisse und Strukturen meines Lebens. Etliche Erinnerungen sind klar und deutlich, andere huschen unfassbar vorbei, wie der Schein eines Leuchtfeuers in dunkler Nacht.

In diesem Logbuch meiner Erinnerungsfahrten schreibe ich über Kindheit, Krieg und schlingernde Kurse, von Liebe, Hunger, Hoffnung und Tod.

Ungünstiger Zeitpunkt

Der Tag, an dem ich das Licht der Welt erblickte, der 7. September 1939, war ein ungünstiger Zeitpunkt - zumindest objektiv betrachtet; denn ich wurde in einen Krieg hinein geboren. Subjektiv befand ich mich jedoch zunächst umhegt in einer Art beschützendem Biotop, nachdem ich aus der Geborgenheit des Mutterleibes in die Realität geglitten war. Mit Hilfe einer Hebamme. Unspektakulär und ohne Komplikationen ging es zu, ich war augenscheinlich gesund und alles wirkte normal. Meine Geburt vollzog sich an einem Donnerstag in unserer Wohnung in Hamburg-Altona, Große Bergstraße 22.

Wäre ich damals schon in der Lage gewesen, aus dem Fenster blicken zu können, hätte ich zufrieden konstatiert: eine anständige Gegend, offenbar ein behaglicher Ort mit drei- bis vierstöckigen Häusern, kleinen Läden, etwas Reklame, Hausfrauen mit Handtaschen beim Einkauf und vereinzelt Männer, manche mit Elbsegler auf dem Kopf, eher leger gekleidet und hemdsärmelig.

Aber die Welt vor unserem Fenster war nicht immer so harmonisch gewesen, wie es jetzt gerade schien. In der Weimarer Zeit galt das Gebiet politisch wie sozial als kaum kontrollierbar mit seinem Mix aus biederen Arbeiterfamilien und sonstigen augenscheinlich einfachen Leuten, Unterstützungsempfängern und sozial Deklassierten.

Schon sieben Jahre vor meiner Geburt, im Juli 1932, also noch vor der Machtergreifung der Nazis, war hier der SA eine Demonstration genehmigt worden. Der Zweck war, die Bevölkerung, die mehrheitlich als kommunistisch orientiert angesehen wurde, zu provozieren. Alle hatten sich gut vorbereitet: SA und SS, angebliche Kommunisten und die Polizei. Es ging wie es kommen sollte, ganz im Sinne der reaktionären Antidemokraten. Amtlich ist: Erst starben zwei SA-Leute durch Kugeln von Unbekannten (nach den gefälschten Akten damals waren es Kommunisten), dann - nach neuesten Forschungen - sechzehn völlig unbeteiligte Menschen durch Karabinerkugeln der Polizei. Dafür wurde keiner je haftbar gemacht. Die Ereignisse dieses Tages, der als „Altonaer Blutsonntag" in Hamburgs Geschichte einging, boten der preußischen Regierung den Vorwand, die demokratische Verfassung außer Kraft zu setzen, womit den Nazis ein weiterer Stein auf dem Weg zur Totalherrschaft aus dem Weg geräumt wurde. Als die Nazis dann regierten, wurden 1933 an einem Sondergericht in Altona vier junge Männer zum Tode verurteilt und im Hof des heute noch existierenden Gerichtsgebäudes hingerichtet, das heißt, mit dem Handbeil geköpft. Wegen der Fälschungen von Beweismitteln in den Prozessen wurden die Hingerichteten 1992 offiziell als Opfer des Nazi-Regimes rehabilitiert, ihre Namen: August Lütgens, Walter Möller, Karl Wolff und Bruno Tesch. Zu ihrem Gedenken leitete ich fünfzig Jahre nach ihrer Tötung eine Demonstration in Altona, die aber keine größere Aufmerksamkeit mehr fand. Meine Gedanken galten jetzt auch dem glücklichen Umstand, dass meine Mutter 1932 nicht zu den Opfern zählte. Denn den Blutsonntag hatte sie miterlebt - und zufällig überlebt. Sie befand sich ahnungslos auf dem Heimweg, als die Schießereien begannen. Schnell kauerte sie sich in einen Hauseingang, bis es etwas ruhiger wurde. Ohne Schäden davon getragen zu haben, eilte sie nach Hause, so schnell sie konnte. Um ihren Bauch legte sie schützend ihre Arme, denn sie war im fünften Monat schwanger. Hans, mein Bruder, wurde im November 1932 geboren. Er hatte rötliches Haar und sah damit eindeutig wie ein Spross der Familie der Mutter aus. Unter anderem dieser Umstand würde bald das Herz des Großvaters für seinen Enkel öffnen.

Als ich nun bei ihr im Wochenbett friedlich an ihrer Brust weilen durfte, ahnte ich noch nicht, dass meine Mutter die ausgeprägte, fast zwanghafte Neigung hatte, Erlebnisse ihres Lebens bei allen ihr passend erscheinenden Gelegenheiten zu erzählen. Mitunter habe ich dies als störend empfunden, heute hingegen bildet es die Grundlage für manche Erinnerung, die mir sonst verloren gegangen wäre. Auch die Geschichte vom Blutsonntag blieb mir so präsent. Es brauchte lange, bis mir aufging, dass schon 1932 meine Existenz hätte vereitelt werden können.

Von meiner Geburt erzählte meine Mutter fast nie; wahrscheinlich empfand sie die Umstände nicht als ausreichend „freudig. Die Abwesenheit des Vaters ihres Kindes trübte ihr wohl die Stimmung. Geschossen wurde zwar zu diesem Zeitpunkt nicht, jedenfalls nicht vor Ort. Zu schaffen machte ihr aber sicher die allgemeine Atmosphäre draußen: kräftig bräunlich verschmutzt, verursachte sie Luftnot bei jedem, der frei atmen wollte - was mochte das für ihr Kind bedeuten? Millionen Menschen inhalierten gierig, als sei es ein Elixier, was doch nur giftig war, sie lauschten am Volksempfänger der Propaganda und lasen „Der Stürmer, sie berauschten sich und schrien: „Wir brauchen Lebensraum! Und schon marschierten junge Männer und reife Familienväter los, im Gleichschritt - gerade mal sechs Tage vor meiner Geburt. Da hatte Deutschland mit dem Überfall auf Polen begonnen, jahrelang Tod und Elend zu verbreiten. Der Zweite Weltkrieg war entbrannt. Begeistert trampelten deutsche Horden rücksichtslos über Grenzen und mordeten Menschen, dass es blutig spritzte. Vorerst heimlich, erstickte man Behinderte mit Abgasen in Gaswagen und heuchlerisch sprühten Deutsche bald aus Duschköpfen Zyklon-B auf viele Millionen Juden sowie Sinti und Roma, auf Homosexuelle und Humanisten. Morden und Rauben war das Metier der Nazis, Bomben, Kanonen und Raketen ihr ganzer Stolz. Deutsche Menschen gerieten alsbald in Ekstase. Allerorts Begeisterung ob erster Siegesmeldungen, Trara und die Arme ausgestreckt zum „deutschen Gruß; Hackenknallen und Hitlerrufe strapazierten das Gehör. Was sollte da nur aus ihrem Sohn werden?

Aber es gab auch Deutsche, die wollten nicht morden und unterdrücken. Viele gingen ins Exil, agitierten und leisteten Widerstand. Andere versteckten sich oder flüchteten, um nicht unter die Stiefel oder ins Gas zu geraten. Verfolgte und Anständige hofften, Kluge wussten oder ahnten, dass von dem wahnsinnigen Zeitmaß der Nazis von tausend Jahren nur ein winziger Bruchteil Bestand haben konnte. Dann würde eine befreiende und freiheitliche Flut den braunen Dreck hinweg spülen. Bis dahin musste man durchhalten – irgendwie.

Meine Mutter war bisher nicht mit den Nazis gelaufen. Aber sie hatte auch nichts dagegen getan. Für ihr Kind wollte sie nur Ruhe haben, ihr Mutterinstinkt dominierte. Hätte sie die gegenwärtige Wahrheit gekannt, die der Ausgestoßenen, Verfolgten und Unterjochten, ganz sicher hätte sie mitgefühlt. Aber organisiert etwas dagegen zu tun? Das wäre einfach nicht ihre Art gewesen.

Zumindest die erste Zeit nach meiner Geburt muss für sie sehr anstrengend gewesen sein. Sie war dreißig Jahre alt und von nicht gerade kräftiger Statur, dabei neigte sie dazu, ihr Leistungsvermögen zu überschätzen und sich kaum zu schonen. Doch Besuche der Hebamme in den ersten Tagen meines Daseins hielten sie wohl auf dem Boden einsichtsvoller Vernunft. Aber bald war die junge Frau auf sich allein gestellt. Selbständig musste sie mich versorgen, Einkäufe machen und sonstigen Anforderungen gerecht werden. Wenig später ging sie, wie zuvor, in der Wäscherei eines Altenheimes einer schweren Arbeit nach - um Geld zum Leben zu verdienen, denn von ihrem Mann erhielt sie nicht viel.

Während meine Mutter mich zur Welt brachte, war mein Vater als Matrose irgendwo in der Nord- oder Ostsee mit einem Seeschiff unterwegs, und zwar auf einem Frachter bei der Handelsmarine. Somit war es nicht seine Aufgabe, andere Menschen zu töten. Das bedeutete aber natürlich nicht, selbst keinen Todesgefahren ausgesetzt zu sein. Das wusste mein Vater und meine Mutter gab sich wohl ebenfalls keinen Illusionen hin. Kanonengeschosse, Seeminen oder Torpedos bedrohten schließlich jedes Schiff zur See und in den Häfen, da bot auch ein noch so ziviler Status keine Garantie für sichere Fahrt und Überleben.

Ein gefährdeter Typ

Berichtete meine Mutter nichts über meine Geburt an sich, so erzählte sie doch bis ins hohe Alter immer mal wieder, dass die Hebamme bei ihren Besuchen am Wochenbett meine großen, dunklen Augen geradezu bewundert hätte. Gut dazu passten meine vollen schwarzen Haare. Wenn meine Mutter von meinen Attributen erzählte, mit denen ich ganz nach dem Vater schlug, wie sie bemerkte, bekam ihr Gesicht weiche Züge.

Aber große braune Augen und schwarze Haare konnten in der Nazizeit auch etwas ganz anderes als Zuspruch hervorrufen. Immer wieder, in empörtem und auch ängstlichem Ton, erzählte meine Mutter von einem Erlebnis, das sie tief getroffen haben musste:

Als sie in der Wäscherei des Altersheimes arbeitete, fuhr sie mich immer frühmorgens in einer Kinderkarre zur Krippe. Da passierte es, dass fremde Menschen mich anstarrten und in bedrohlichem Ton zu ihr sagten, dass sie wohl mit einem „Judenbalg unterwegs sei. Tief erschrocken, aber geistesgegenwärtig mit einem flotten Spruch auf den Lippen, schob sie mich eilig weiter, und wir entgingen somit gefährlicher Neugierde „Das war ja schrecklich! Dabei warst du ja gar kein Jude. So oder so ähnlich pflegte sie recht arglos diese Geschichte zu beenden. Natürlich erinnerte ich mich nicht an diese Szene. Aber schon die Erzählung weckte Furcht und Schrecken in mir. Mich beschlich eine beklemmende Angst, als ich begriff, dass meine schwarzen Haare und die dunkelbraunen Augen Grund für etwas Furchtbares hätten sein können. Die Erkenntnis, dass ich selbst ein Opfer hätte werden können, lehrte mich, abstrakte Dimensionen wie sechs Millionen Tote oder Abermillionen Opfer, als eine Vielzahl einzelner Menschen aus Fleisch und Blut zu verstehen – Frauen, Kinder und Männer, die brutal ihres Lebens beraubt worden waren.

Diese Episode blieb mir mein ganzes Leben präsent. Ich war sensibilisiert für Fragen der Menschlichkeit, für Freiheitsrechte und Gleichheitsgrundsätze, Diskriminierungsverbote und das Gebot, keine Menschen aus rassistischen Gründen oder wegen des Geschlechts, der Abstammung, der Sprache, der Heimat und Herkunft, des Glaubens sowie der religiösen oder politischen Anschauungen zu benachteiligen oder zu bevorzugen. Als ich mich viele Jahre später per Amtseid verpflichten sollte, eben für diese Werte einzutreten, tat ich das aus Überzeugung.

Doch in meiner Jugend und während meiner Fahrenszeit als junger Seemann förderte mein Aussehen eher meine Eitelkeit, denn ich fand dadurch Zuspruch. Besonders in skandinavischen Breiten, wenn die Mitternachtssonne den Horizont küsste oder die bunten Kaskaden des Nordlichts nachts über den Himmel wogten, schwärmten gelegentlich junge Damen für mich, vermutlich gerade weil ich keineswegs dem nordischen Typus entsprach.

Dorfleben und Todesschüsse

Meine Mutter wurde kurz vor Weihnachten 1908 in Magdeburg geboren. Ihre Mutter war unter betrüblichen Verhältnissen in einem Waisenheim aufgewachsen. Wahrscheinlich fiel es ihr schwer, ihrer Tochter hinreichend Liebe zu geben. Meine Mutter hatte immer wieder während ihres Lebens über einen Mangel an liebevoller Zuwendung geklagt, zumal auch ihr Vater sich emotional sehr zurückhaltend verhielt. Die gefühlsmäßigen Defizite und allmählich auch psychische Verletzungen fügten meiner Mutter Wunden bei, die nie richtig verheilten. Etwas Ersatz suchte und fand sie bei einer im Dorf wohnenden Tante, die sich aus tiefer Zuneigung um meine Mutter bemühte, hauptsächlich wohl, weil deren Tochter in jungen Jahren verstorben war.

Schon als Kind und ihr ganzes Leben litt meine Mutter an einer sichtbaren Hautkrankheit, die im Wesentlichen nur die Hände und ihr Gesicht verschonte. Im Sommer war sie deswegen mancherlei Hänseleien ausgesetzt. Das aktivierte jedoch ihren Widerstandswillen und auch ihre Neigung, sich körperlich zu wehren, wobei sie, wie sie selbst erzählte, gelegentlich recht grob vorging. Ein schützender, ganzteiliger Badeanzug und ihre resolute Selbstbehauptung verschafften ihr die Möglichkeit, in einem voll Wasser gelaufenen Steinbruch unbehelligt schwimmen zu lernen. Sich im kühlen Nass auszutoben, bereitete ihr nicht nur Freude, sondern sie konnte sich so auch von manchem Frust befreien, der sich bei ihr aufgrund ihrer Lebensumstände anstaute. Aber dies wirkte leider nicht nachhaltig. Selbst als sie erwachsen war, brach ab und zu ein etwas rabiates Verhalten hervor, worunter vor allem mein Bruder zu leiden hatte.

Der Vater meiner Mutter hatte nach der Volksschule als Maurer gearbeitet. Den Ersten Weltkrieg überlebte er als gemeiner Soldat an der Westfront, ohne physische Verletzungen davon getragen zu haben. Nach dem Kriegsende, in politisch und wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen, versah er einen Dienst als Gemeindediener und Nachtwächter in einem Dorf bei Magdeburg. Für diesen Dienst hatte er die rechte Statur, groß und pyknisch war er, mit dickem Bauch. Mehrere Generationen seiner Familie hatten schon in dem alten Ort gelebt. Ein großes Gut am Rande beschäftigte saisonbedingt mal mehr, mal weniger Dorfbewohner auf den Feldern. Meine Mutter musste schon als Kind auf den Knien die Ackerfurchen entlang rutschen, um Kartoffeln einzusammeln. Um die Kniegelenke gebundene Säcke sollten diese wichtigen Gliedmaßen schützen. Das taten sie aber nicht ausreichend. Im Pensionsalter konnte sie dann nur noch mühsam auf Krücken gehen.

Meine Mutter hatte eine sehr enge und liebevolle Beziehung zu ihrem einzigen Bruder, der acht Jahre jünger war als sie. Er wurde mitten im Ersten Weltkrieg geboren. Gewisse Versorgungsmängel bekam er sicherlich zu spüren, aber immerhin war der Teil Deutschlands, wo er und seine Familie lebten, keinen Kampfhandlungen ausgesetzt. Gesegnet mit einem freundlichen Wesen und gutem Aussehen sowie einer weit überdurchschnittlichen Intelligenz und, wie sich schon in der Schule gezeigt hatte, offenbar poetischem Talent, war er jedermanns Liebling. Zum Mann herangewachsen, beeindruckte er außerdem durch seine schlanke, stattliche Gestalt. Mein Bruder, der ja faktisch bei seinen Großeltern aufwuchs, verehrte seinen Onkel geradezu, der während seiner Gymnasialzeit und auch danach beim Militär, oft die Gelegenheit nutzte, sein Elternhaus zu besuchen. Mir war unser Onkel eigentlich fremd. Aber unsere Mutter erzählte immer mal wieder von ihrem Bruder, sogar spannende Geschichten, so dass er mir auf diese Weise doch nicht gänzlich unbekannt war. Auch besuchte er, wie einige wenige Bilder bezeugen, gelegentlich schon während des Krieges seine Schwester in Hamburg – dann schon in der Uniform eines Fliegeroffiziers. Er wird mich dabei natürlich begrüßt und mit mir gesprochen haben, doch habe ich keinerlei Erinnerung daran.

Im Verhältnis zwischen der älteren Schwester und ihrem wesentlich jüngeren Bruder schälte sich allmählich eine Art hierarchischer Wechsel heraus. Der jüngere Bruder bewegte sich vor allem sozial und beruflich in höheren Sphären. Jedoch blickte meine Mutter neidlos zu ihm auf. Ihr Leben lang war sie stolz auf ihren Bruder gewesen. Es fiel ihr leicht, die Positionen von Über- und Unterordnung zu wechseln. Aufgrund des Altersunterschiedes von acht Jahren hatte sie ja ganz natürlich lange eine Schutzfunktion gegenüber ihrem Bruder inne. Später, schon als erwachsene Frau und Mutter, die mit erheblichen Schwierigkeiten in ihrem Leben kämpfen musste, hatte er ihr offenbar oftmals mit Rat und Tat beigestanden. Noch lange nach seinem Tod meinte sie, dass manches anders geworden wäre, wenn er länger gelebt hätte. Allerdings wollte sie nie näher ausführen, was sie denn damit konkret meinen würde.

Ein gemeinsames Erlebnis im Jahr 1923 verstärkte wohl besonders die Bindung der beiden ungleichen Geschwister.

In der Nacht vom 2. auf den 3. September peitschten weitab Schüsse von den Feldern, die das Dorf umgaben, in dem sie lebten. Kaum ein Mensch dürfte beunruhigt im Ort aufgehorcht haben. Schnell verklang der Schall in der Feldmark. Falls überhaupt einer Notiz von den Geräuschen nahm, dachte man wahrscheinlich, dass jemand bei dem recht milden und trockenen Wetter einen Hasen gejagt hatte oder ein Reh. Schließlich herrschten harte Zeiten, viele Mäuler mussten gestopft werden. Da war es ganz natürlich, dass es ab und an mal fernab knallte. Doch diesmal war kein Tier gejagt worden. Tatsächlich mussten zwei Männer ihr Leben lassen. Sie wurden mit einer Pistole erschossen. Aus nächster Nähe, und zwar von meinem Großvater in seiner Eigenschaft als Wächter. Gemeinhin sind Bedienstete des Staates gehalten, beim Gebrauch von Schusswaffen auf die Arme oder Beine der Angreifer zu zielen. Das war offenbar in der akuten Situation meinem Großvater nicht möglich gewesen. Die Opfer, sogenannte Felddiebe, sollen nach amtlichen Feststellungen sein Leben bedroht haben, so dass er in Notwehr tötete. Die Angehörigen und Freunde der Opfer sahen die Sachlage jedoch anders. Großvater und die Erschossenen stammten aus demselben Dorf. Sie waren als Kommunisten bekannt. Mein Großvater war Sozialdemokrat. Die drei Involvierten waren ursprünglich Arbeiter oder Maurer gewesen und kannten sich persönlich, denn in dem Dorf konnte man sich nicht aus dem Wege gehen. Also: Drei Angehörige der Arbeiterklasse, die sich persönlich kennen, treffen sich in einer Konfliktlage, zwei sterben. Die sogenannten Diebe hatten auf einem Acker, der nicht ihnen, sondern dem Gutsbesitzer gehörte, Früchte des Feldes „geerntet, was nach Recht und Gesetz wohl als Mundraub oder Diebstahl hätte gewertet werden können. Im Volksmund nennt man solche Handlungen „klauen. Hunger in der Familie erweitert gemeinhin ethische Perspektiven der Ernährer. Unwillkürlich wirken die Ereignisse aus heutiger Sicht wie ein Menetekel. Sozialdemokraten gegen Kommunisten; da gab es lachende Dritte. Schon seit Jahren hatten sich auf der politischen Ebene Sozialdemokraten und Kommunisten gegenseitig bekämpft. Lachende Sieger wurden damals Hitler und die Finanzstarken hinter ihm - vorerst jedenfalls.

Als Randbemerkung: Während der Hungerszeit nach dem Zweiten Weltkrieg „ernteten" auch mein Bruder und ich auf fremden Feldern. Doch glücklicherweise bemerkte uns kein Wächter – oder er ging seines Weges, weil er um unsere Not wusste.

Die Felddiebe laufen zu lassen, war unserem Großvater subjektiv nicht möglich gewesen. Das ist sehr bedauerlich. Es wäre besser gewesen für die Opfer, selbstverständlich, und deren Familien, für unseren Großvater und auch für dessen Kinder.

Am Tage nach den Todesschüssen versammelte sich, laut Polizeibericht, „…eine wütende Menge von 500 bis 1000, skandierte vor Großvaters Haus „… wüstes und gemeines Schreien, wobei die „Aufrührer der zuständigen Behörde „… persönlich bekannt (waren) als Personen, denen nichts Gutes zuzutrauen ist. Als besonders rabiat muss die Ehefrau eines Opfers, Nanni …, bezeichnet werden. Nach vergeblichen Versuchen, das Haus in Brand zu stecken, wurde die Eingangstür gesprengt und die Wohnung gestürmt. Großvater schleppte man kopfüber, unter Tritten und Faustschlägen, die Treppen herab. Dumpf schlug sein Kopf auf die Stufen. Dabei zog er sich erhebliche, jedoch nicht lebensgefährliche Verletzungen zu, bevor andere Polizisten ihn schützen konnten. Am nächsten Tag wurden meine Mutter, damals vierzehn Jahre alt, und ihr sechsjähriger Bruder von zwei vermutlich kommunistischen Frauen entführt. Die Kinder sollten in der Leichenhalle des Ortes an den Füssen aufgehängt werden. Das hat allerdings der Ortsleiter der Kommunistischen Partei verhindert. In einem Provinzblatt, dem Stadt- und Landboten von Neuhaldensleben stand am 6.9.1923, zwei Tage nach dem Überfall: „…Inzwischen ist der Gemeindediener … seinen Verletzungen erlegen. Dies ist allerdings eine klassische Falschmeldung. Täuschen und Tarnen waren schon damals das Geschäft von Politik und staatlichen Instanzen. Es assistierte eine willige Presse. Ganz im Gegensatz zur Pressemeldung wurde mein Großvater bald aus dem Krankenhaus entlassen und zum Polizisten ernannt, was ein beruflicher Aufstieg war. Damit verbunden war seine „Verbeamtung, womit ein sicheres Einkommen sowie Pensionsansprüche garantiert wurden. Sein Einschreiten gegen die mutmaßlichen Felddiebe hatte sich also für ihn privat gelohnt. Es entsprach damaligem Recht und Gesetz, und auch der Staatsräson, die gelegentlich die Grenzen der Moral sprengt. Mit erweiterter Amtsautorität sollte er fortan für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung in der dörflichen Gemeinschaft sorgen. Ob allerdings sein persönliches Ansehen bei allen Dorfbewohnern gesteigert wurde, ist mehr als zweifelhaft. Fest steht, dass er nach zwei Jahren mit seiner Familie in einen entfernteren Ort umzog. Man kann Fragen stellen, viele Fragen. Aber halten wir uns an die Tatsachen, zumindest die, die in unserer Familie als zutreffend angesehen werden. Es war Notwehr!

Die dramatische und tragische Geschichte ging alsbald in den Fundus der Familienerzählungen ein. Die Worte „Kommunismus und „Kommunisten hatten insbesondere bei meiner Mutter und auch bei meinem Bruder einen ausgesprochen negativen Klang. Das kann ich verstehen. Von diesen Geschehnissen im Jahre 1923 erzählte meine Mutter sehr häufig. Das ersetzte hoffentlich ein wenig eine Therapie, der sie sicherlich bedurft hätte, um diese traumatischen Erlebnisse zu bearbeiten.

In Stellung

Obwohl meine Mutter intelligent war, wurde sie weder in der Schule noch von ihren Eltern gefördert. Ihre Schulzeit schloss meine Mutter mit einem Abgangszeugnis der Volksschule ab. Besonders ihr Vater vertrat die Ansicht, dass sie den für Mädchen ihres Herkommens üblichen Weg beschreiten könnte, nämlich ungelernt arbeiten zu gehen und zu heiraten.

Folglich erlernte sie keinen Beruf, sondern arbeitete zunächst in Magdeburg, und zwar als Hausmädchen bei „feinen" Leuten; wo sie sauber machte, kochte und bediente. Die Hausfrau war damit zufrieden. Der Herr des Hauses indes verlangte von der aufblühenden Frau mehr als die Tätigkeiten eines Dienstmädchens, was zwar dem allgemein üblichen Kodex in herrschaftlichen Häusern entsprach, aber sie wollte diesen Konventionen nicht folgen. Wenn sie von diesen Erlebnissen sprach, konnte ich deutlich ihren Widerwillen gegen den herrschaftlichen Familienvater spüren.

Die weitere Entwicklung folgte der üblichen Logik: Meine Mutter musste gehen. Das passte ihr aber gut, denn schon länger lockte sie die Ferne. In der Folgezeit prüfte sie Frankfurt/Oder und auch den Harz, sie suchte Arbeit und sicher auch ihr Glück, und sie fand einen jungen Mann, den

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