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Europa mit der Motoryacht: Der Binnenführer

Europa mit der Motoryacht: Der Binnenführer

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Europa mit der Motoryacht: Der Binnenführer

Länge:
375 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 18, 2015
ISBN:
9783739290607
Format:
Buch

Beschreibung

Die bekannten Wassersportler Silke und Helge Janßen legen hier ihren spannenden Erlebnisbericht vor, der ihre ausgedehnten Reisen mit der Motoryacht „Sherrytime“ von 2005 bis 2012 durch ganz Europa schildert. Es ist ein einmaliges Fahrtenbuch und ein kompetenter Binnenführer in einem. Der Leser erlebt die schönsten Flüsse, Landschaften und Häfen Europas, als sei er selbst an Bord dabei gewesen. Dabei erfährt er interessante Insiderdetails über das Bordleben, die nicht nur die guten Seiten sondern auch die gelegentlich auftretenden Probleme schildern. Es ist ein Buch zum Nachmachen für alle Neugierigen. Aber auch eine erfreuliche Lektüre für alle Daheimgebliebenen, die diese Reisen schon immer machen wollten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 18, 2015
ISBN:
9783739290607
Format:
Buch

Über den Autor

Sternzeichen Schütze, Körper schlank, Größe 184 cm, Gewicht um 75 kg, Typ umtriebig, interessiert an allem, beweglich und sportlich, freundlich und kameradschaftlich.


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Buchvorschau

Europa mit der Motoryacht - Helge Janßen

Hafenregister

Prolog

Spätsommer 2003 an Bord unserer Segelyacht Scandia im Heimathafen Travemünde. Meine Liebe und ich ziehen im gemütlichen Salon bei einer Flasche Wein und Kerzenlicht Bilanz.

Hinter mir liegen 40 Jahre Ostseesegeln auf eigenem Kiel, die letzten zehn davon mit ihr. Und eigentlich ist es nun genug.

Wir waren überall, haben sämtliche Anrainerstaaten des kleinen Meeres besucht und uns jeden Wind und manchen Sturm um die Nasen wehen lassen. Unser Seglerleben auf der Ostsee habe ich in meinem Buch „Schauerböen – sonst gute Sicht" im Delius-Klasing Verlag veröffentlicht.

Nun wollen wir zwar noch nicht endgültig Abschied vom Wassersport nehmen. Aber bei dem Gedanken, wie unsere Zukunft auf dem Wasser aussehen könnte, taucht in unseren Köpfen immer wieder einmal das „Thema Motorboot auf. Ich bringe auch heute Abend das Gespräch darauf und sie fragt mich ein wenig zweifelnd: „Meinst Du wirklich, das könntest Du Segler überhaupt – Motorboot fahren? Ich zögere nur einen Augenblick: „Doch. Aber dann binnen. Durch ganz Europa. Das wäre doch wirklich mal ganz was Neues!"

Silke stimmt zu. „Ja. Warum eigentlich nicht? Mit dem richtigen Boot…."

Unser Entschluss ist gefasst.

Wir machten unsere Pläne wahr. Am 12. Mai 2004 übernahmen wir im holländischen Hafenstädtchen Meppel eine gut erhaltene 9,50 Meter-Motoryacht. Wir tauften sie auf den Namen „Sherrytime" und gingen auf weite Reisen. Und jetzt erzähle ich diese andere, ganz neue Geschichte!

Welche Ziele in Europa wollen wir ansteuern?

Wir hatten uns während des Winters 2003/2004 gründlich vorbereitet und waren uns darüber klar geworden, was für ein Boot wir für unsere weiten Reisen auf den europäischen Binnenrevieren und teilweise auch Seerevieren eigentlich benötigten. Dabei waren wir möglichst systematisch vorgegangen. Wohin wollen wir fahren? Wo gibt’s die meisten und schönsten Wasserstraßen durch interessante Landschaften und Städte, die sich mit einem Sportboot sicher befahren lassen? Jede Menge Literatur zu diesem Thema (siehe im Anhang dieses Buches) unterstützte uns. Und wir wurden fündig. Direkt vor unserer Haustür liegt das erste der vielen Reviere:

Die wunderschönen Binnengewässer der mecklenburgischen Seenplatte von Dömitz/Elbe, durch die Berliner und märkischen Gewässer bis zur Oder/Eisenhüttenstadt, erreichbar aus ganz Deutschland über die Binnenwasserstraßen Dortmund-Ems-Kanal, Rhein, Elbe, Mittellandkanal, Elbe-Lübeck-Kanal und Elbe-Seitenkanal.

Weiter: die relativ geschützten Küstengewässer der deutschen Ostsee mit den Inseln Rügen, Hiddensee und Poel sowie den Binnenbodden, erreichbar über die Oder, die Elbe, den Nord-Ostsee-Kanal, den Elbe-Lübeck-Kanal sowie den Elbe-Seitenkanal.

Dann die reizvollen holländischen Binnenwasserstraßen mit ihren unzähligen wunderschönen Städten, erreichbar aus dem Norden durch den Nord-Ostsee-Kanal, die Elbe, den Hadelner Kanal, die Weser, die Hunte, den Küstenkanal, den Dortmund-Ems-Kanal, die Ems nach Papenburg, Leer, Emden und vom Niederrhein über die Waal und die Gelderse Ijssel.

Belgien und Frankreich mit allein über 8000 Kilometern Binnenwasserstraßen, erreichbar von Holland über Antwerpen/Belgien nach Reims und Paris, über die Kanäle zur Saône und Rhône durch Lyon und Avignon hinunter bis zum Mittelmeer und Canal du Midi bis Toulouse, vom Rhein über die Mosel ins Elsass und Lothringen nach Metz, Nancy und Strasbourg und vom Oberrhein über die Doubs nach Chalon sur Saône.

Schließlich: Der gesamte deutsche Rhein mit seinen ungemein reizvollen Nebenarmen und Altwassern und Burgen, aber auch die geschichtsreichen Nebenflüsse Neckar mit Heidelberg, der Main mit Würzburg und Bamberg, der Main-Donau-Kanal mit Nürnberg und die Donau bis nach Passau und Wien sowie die deutsche Mosel mit ihren Weinorten und die ruhige und idyllische Lahn mit Bad Ems und Limburg.

Alle diese Reviere können je nach Lage des Heimathafens der deutschen Motorbootfahrer als Urlaubsreviere für einige Tage bis Wochen dienen, selbst wenn sie zum Heimathafen zurückkehren wollen.

Wir wollten sie indes allesamt befahren, dabei jedes Jahr lange bis zu vier Monate unterwegs bleiben, und unser Boot jeweils am Ende der Saison in einem Winterlager unterbringen, um die langen An- und Rückreisewege zu unserem Heimathafen Travemünde zu sparen.

Dieses Hin- und Herfahren hätte enorm viel Zeit und Treibstoff gekostet. Unseren eigenen Transport konnten wir kostengünstiger mit einem Mietwagen, mit der Bahn oder auch mit dem Flugzeug organisieren.

Bevor die Reise beginnt müssen wir uns mit der wichtigsten Frage überhaupt beschäftigen. Sie lautet:

Was für ein Boot brauchen wir?

Die Antwort geben die Fahrbedingungen auf Flüssen und Kanälen.

Wer auf Reisen mit dem Motorboot gehen will, der muss überlegen, ob er gemütlich, langsam und sparsam kurze Tagesstrecken fahren will. Oder ob er gerne sportlich schnell und weit unterwegs sein möchte.

Für den ersteren Fall darf das Boot ein sogenannter Verdränger mit einem sparsamen Dieselmotor sein, dessen Leistung nur zum Erreichen der Rumpfgeschwindigkeit* ausreicht. Solche Boote werden ökonomisch mit etwa zweidrittel ihrer Rumpfgeschwindigkeit betrieben, verbrauchen dabei die wirtschaftlichste Menge an Treibstoff, laufen ruhig und machen kaum Wellen.

Ihr Nachteil ist ihre geringe Höchstgeschwindigkeit, mit der man selbst bei Vollgas kaum gegen die Strömung mancher Flüsse ankommt.

Andererseits ist die Fahrgeschwindigkeit auf den weitaus meisten Binnengewässern Europas ohnehin auf fünf bis zwölf km/h beschränkt, sodass hier nur ein Verdränger in Frage kommt. Gleiter saugen sich nämlich unterhalb der Gleitgeschwindigkeit fest und gurgeln mit hoch erhobenem Bug und viel Welle mühsam voran. Das sieht nicht nur albern aus, sondern ist auch unvernünftig teuer und macht keinen Spaß.

Wer also schnell unterwegs sein will, der muss entweder einen erheblich längeren Verdränger von etwa 15 Metern, einer Motorleistung um vielleicht 300 PS und ca. 17km/h oder gleich einen Gleiter wählen.

Bei den oben beschriebenen Revieren sind es vor allem die nicht oder wenig durch Sperr- und Schleusenwerke geregelten Flüsse Rhein, Rhône und Donau.

So kann z.B. ein zehn Meter langer Verdränger mit einer Wasserlinienlänge von neun Metern und einem 80 PS Diesel bei Vollgas und seiner maximalen Geschwindigkeit von ca. 14km/h nur äußerst mühsam den mit bis zu 13km/h zu Tal strömenden Rhein bezwingen, der in Abhängigkeit von der mitgeführten Wassermenge mehr oder weniger schnell zu Tal strömt. Bootsfahrer können bei den Revierzentralen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen zwar die Strömungsprognosen für einige Tage erfragen. Aber für eine vorausschauende Törnplanung sind die wenig geeignet, weil die Regenmengen und die Auswirkungen von Schneeschmelzen im Frühjahr nicht langfristig exakt voraussehbar sind.

Kluge Bootsfahrer wählen deshalb entweder das richtige Boot oder die richtige Strategie. Und die heißt: Für die Bergfahrt auf strömenden Flüssen den Gleiter nehmen. Mit dem Verdränger diese Ströme nur zu Tal befahren.

Die Entscheidung für ein bestimmtes Boot

Alles ist subjektiv – jeder Mensch denkt anders – wie Sie und ich.

Ich will an dieser Stelle unsere Entscheidung vorstellen, ohne den Eindruck zu erwecken, das perfekte Boot vorzuschlagen. Es ist meine und die Entscheidung meiner Frau, genau dieses Boot für uns zu kaufen, weil es unseren Bedürfnissen am besten entsprach: Wir suchten und fanden schließlich einen Verdränger mit 9,5 Metern Rumpflänge und einem 80 PS-Dieselmotor mit Wellenantrieb, der bei halber Motordrehzahl von 1250 U/min eine Reisegeschwindigkeit von gut 9km/h erreicht. Dabei verbraucht der Motor nur zwei Liter Dieseltreibstoff pro Stunde. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt etwa 14km/h bei Volllast mit 2500 U/min. Das Boot ist in Holland als Knickspanter aus Stahl gebaut worden, wiegt gut knapp sieben Tonnen, und ist damit für eine Zweipersonencrew noch gut zu handhaben

Motoryacht Sherrytime!

Wir tauften es auf den Namen Sherrytime. Und wir freuten uns auf die erste lange Sommersaison mit ihr.

Jetzt geht es los!

*Rumpfgeschwindigkeit V: Die durch die Wasserlinienlänge (lWl) x 4,5 in km/Std.

2005 – Die Sommerreise binnen durch Mecklenburg-Vorpommern und über die Ostsee zurück

Im Osten unseres Landes war ein Wunder geschehen!

Die Väter der Vereinigung Deutschlands hatten beim Wiederaufbau des vom Kommunismus herunter gewirtschafteten und ausgebeuteten Landes an nahezu alles gedacht.

Sogar an den Wassersport!

Hatte dieser von den Machthabern der DDR stets mit Argwohn und Missgunst beobachtete Sport einer unerwünschten, scheinbar elitären Minderheit immer unter räumlichen und materiellen Einschränkungen gelitten, so erkannten die Politiker schon bald nach der Wende die Notwendigkeit, auch den Bootssportlern ihre einst angestammten Reviere wieder herzurichten.

Ein milliardenschweres Programm für die Erneuerung der weit verzweigten natürlichen Wasserwege und der künstlichen Kanäle enthielt auch erhebliche Summen für nichtkommerzielle Freizeitaktivitäten. So wurden bald die Zugänge zu den herrlichen Gewässern der Mecklenburgischen Seenplatte und den Berliner und Märkischen Gewässern erneuert. Geschlossene und verfallene Schleusen, Brücken und Kais wurden erneuert und wieder eröffnet. Ein höchst offizielles Neubauprogramm schuf sogar unter dem für „Wessies etwas angestaubten Begriff „Wasserwanderrastplatz Liegeplätze und Häfen für richtige Yachten, der sich bis heute gehalten hat. Ich glaube, dass sich dahinter die immer noch latent vorhandene Abneigung alter Seilschaften gegen so unerhört snobistische Begriffe wie Yacht, Club oder Marina verbirgt.

Ein kompletter Neuaufbau aus Ruinen der Vergangenheit hat ja immer auch die große Chance, es richtig zu machen. Und genau dies geschah im Osten:

Bürgermeister, die es verstanden, die Fördermittel der EU anzuzapfen und die Mittel aus dem Solidaritätszuschlag „Soli" richtig zu verwenden, ließen sich nicht nur Rathäuser vom Feinsten, sondern eben auch neue moderne Yachthäfen bauen.

Inzwischen ist Mecklenburg-Vorpommern ein herrliches Revier für Bootsfahrer und Yachties, die aus aller Welt herbeiströmen. Und wenn die nicht auf eigenem Kiel anreisen, dann kommen sie sogar mit dem Flieger, und chartern sich bei den zahlreichen Anbietern ein Boot.

Die Sherrytime legt am 18. Mai 2005 in Travemünde ab und geht auf die Binnenreise durch Deutschlands neuen Nordosten.

Unsere Reise soll gegen den Uhrzeigersinn einmal rund um das gesamte Nordland gehen.

Auf der Trave südlich von Lübeck, wo wir wieder beim LMC angelegt hatten, will ich natürlich unsere neuen Funkgeräte ausprobieren. Es sind Hicom - Kombi-Geräte, die für den UKW-Seefunk und den Küstenfunk umschaltbar sind. Sie arbeiten über eine Antennenweiche auf eine 1,5 Meter lange Stabantenne auf dem Salondach, die auch einen Anschluss für das Autoradio hat. Ich rufe die erste Schleuse: „Büssau Schleuse, ein Sportboot im Unterwasser, bitte kommen." Keine Antwort. Das gleiche noch mal…

Manchmal hat man keinen Erfolg, wenn die Schleusenwärter auf dem Elbe-Lübeck-Kanal keine Lust zum Funken haben. Sie sitzen in ihren Betriebsräumen und schalten die Schleusenlichter von Rot auf grün um, sobald sie einen gesehen haben. Wenn sie einen nicht gesehen haben, oder wenn andere Fahrzeuge gemeldet sind, dann schalten sie die Lichter nicht um, sondern lassen einen wortlos warten. Dann hilft nur noch das Tuten mit dem Horn (was aber besser unterbleiben sollte, denn es macht manchen Schleusenwärter mürrisch) oder der Anruf mit dem Handy.

Die Telefonnummern aller Schleusen, Brücken und Revierzentralen erfährt man aus einem fabelhaften Buch, das der Deutsche Motoryacht Verband DMYV herausgibt (siehe Anhang in diesem Buch). Es ist ein handliches Ringbuch, heißt „Führer für den Binnenfahrtensport", umfasst knapp 400 Seiten, kostet um die 30 Euro und enthält auf Plänen und im Text die wichtigsten Angaben über sämtliche von Sportbooten befahrbare Binnengewässer Deutschlands. Eigentlich benötigt man außer diesem Buch kein weiteres, denn es stehen natürlich auch sämtliche Anlegestellen, Häfen, Tankstellen und Vereine mit exakter Angabe der Ortslage in Stromkilometern und den vorgehaltenen Serviceeinrichtungen drin. Die dem DMYV angeschlossenen Vereine und Clubs sind fett gedruckt hervorgehoben. Mit touristischen Hinweisen und Bildern geht das Buch allerdings sparsam um, weshalb sich weitere Werke empfehlen (siehe Anhänge in diesem Buch).

Nach 94 Kilometern und sieben Schleusen legen wir in Lauenburg dieses Mal nicht in der Marina, sondern im Wassersportclub gleich nebenan an. Dort geht es familiärer und ruhiger zu.

Nach einigen Tagen mit viel Besuch an Bord legen wir endlich ab, und nehmen die Elbe unter unseren Kiel. Dieser Fluss gehört zu den nautisch anspruchsvollen, denn er ist zwischen der tschechischen Grenze nahe Radebeul bis nach Geesthacht bei Hamburg nicht durch Sperrwerke oder Schleusen geregelt, und fließt daher „wie er will". Manchmal, wenn im Frühjahr die Schneeschmelze im Riesengebirge und Elbsandsteingebirge einsetzt oder auch bei nassen Sommern mit viel Regen, will er schnell fließen und bisweilen sogar über die Ufer treten. Dann kann die Bergfahrt mühsam geraten. In trockenen Sommern sinkt die normale Wassertiefe oft auf unter ein Meter ab, sodass größere Yachten den Fluss kaum noch befahren können. Hinzu kommen die häufigen Seitenwechsel der Fahrrinne, die auch von Yachten beachtet werden sollten.

Ich will mal wieder schlauer sein, als das Handbuch, und Kilometer einsparen. Ich ignoriere die gelben Kreuze und steuere die Sherrytime mit ihren 90 Zentimetern Tiefgang prompt auf Grund. Es ist zum Glück nur weicher Sand, und wir kommen nicht fest. Von jetzt an fahre ich ebenfalls in Schlangenlinien die Elbe hinauf, wie alle anderen.

Der Mai 2005 meint es einfach zu gut. Wir ahnen zum ersten Mal, was uns bei solchem Wetter fern der kühlen Ostsee im Binnenland bevorstehen wird. Die Sonne knallt vom wolkenlosen Himmel. Unseren Fahrtwind hebt eine sanfte Brise von achtern auf, und wir schwitzen um die Wette. Da hilft nur die Schlagpütz mit Elbwasser, die wir uns gelegentlich gegenseitig über die Schultern gießen.

Das darf man inzwischen ohne Risiko tun, denn die Elbe hat nach Jahrzehnten schrecklicher Verschmutzung durch die Industriegebiete in Tschechien und der ehemaligen DDR wieder Badewasserqualität, und selbst der ehemalige Fischreichtum hat sich regeneriert.

Wir aber erkennen bald, dass wir einen Fehler begangen haben.

Unser kleiner Sonnenschirm schafft es nicht. Was wir brauchen, ist ein Sonnendach über dem Achterdeck. Ein (amerikanisches) Biminitop. Wow!

Mit dem ersten Sonnenbrand der Saison laufen wir in den Yachthafen Hitzacker ein. Dort erwischt uns eine schwierige Situation. Im Hafen setzt ein unangenehmer Strom quer zu den Heckpfählen der Boxen, und ich schaffe es selbst mit Hilfe des Bugstrahlruders nicht, gerade in eine Box einzulaufen. Der Hafenmeister läuft herbei, winkt mit dem Armen, und zeigt, wie ich manövrieren soll. Meine Liebe versucht, uns mit den Händen durch die Pfähle zu schieben. Ich schreie sie derb an, denn sieben Tonnen kann niemand abhalten, ohne sich die Knochen zu brechen. Nach einigen Mühen und Remplern bugsiere ich das Boot dann aber doch irgendwie hinein, und ich entschuldige mich bei Silke für mein Gebrüll.

Ich muss noch ganz schön üben!

An Land kaufen wir uns zwei Herrenoberhemden mit langen Ärmeln, die uns ab morgen vor der erbarmungslosen Sonne schützen sollen. Unter Deck hat es vierzig Grad. Wir sitzen bis spät an Oberdeck.

Es geht weiter Elbeaufwärts. Hinter hohen Deichen leuchten rote Ziegeldächer einzelner Gehöfte auf. Unter Kopfweiden stehen Kühe knietief im Wasser. Selten begegnet oder überholt uns ein Binnenschiff. Es sind auch nur wenige Sportboote unterwegs – noch keine Ferien. Mir fallen Geschichten von Flüchtlingen ein, die unter Einsatz ihres Lebens die ungeliebte DDR verlassen wollten, und noch auf der Elbe von den Schüssen der NVA-Grenzer erwischt wurden. Die Elbe – ein Schicksalsfluss.

Nach 64 ruhigen Elbkilometern taucht die charakteristische Bogenbrücke bei Dömitz auf.

Hier beginnt unser Abenteuer Mecklenburg-Vorpommern, denn wir verlassen die Elbe, und fahren durch die Schleuse und die Klappbrücke in die Müritz-Elde-Wasserstraße ein.

Die Müritz-Elde-Wasserstraße verbindet die Elbe mit der Müritz und weiter über die Obere Havel-Wasserstraße mit Brandenburg und Berlin. Berufsschifffahrt gibt es hier höchstens noch mit wenigen kleinen Ausflugsbooten. Viel befahren von Sportbooten hat der schmale Fluss aber einiges zu leisten. Neben den Privatbooten nimmt der Charterbereich immer mehr zu. Auf weiten Strecken können Boote von jedermann ohne Führerschein gesteuert werde; eine ausführliche Einweisung durch den Vercharterer genügt. Wir hatten anfangs deswegen einige Befürchtungen, die sich aber als unbegründet erwiesen. Die meisten Charterer gehen ganz manierlich mit ihren Booten um.

Das kleine Städtchen Dömitz verfügt über eine recht ansehnliche Altstadt mit Fachwerkhäusern und einem stattlichen Rathaus. Am gegenüberliegenden Elbufer sieht man die Ruinen einer Eisenbahnbrücke. In der erhaltenen Festung gibt es ein Museum. Und am Hafen noch vor der Schleuse tut sich was. Dort sollen ein großes Hotel und ein Yachthafen entstehen.

Eine Tagesfahrt, die bei uns an Bord möglichst nach ungefähr 30 Kilometern endet, bringt uns zu einem privaten Anleger bei der Gaststätte Eldekrug. Am Steg erwartet uns der Empfangschef – ein stattlicher Pfau, der auch gleich ein herrlich farbenfrohes Rad schlägt. Wir machen fest, bezahlen beim Wirt im Krug die Hafengebühr, und bleiben gleich zum Essen. Der Wirt guckt mich an, taxiert meinen Kahlkopf und sagt: „Na, Locke?" Den Spitznamen hab ich weg!

Hier gibt es sie noch, die typischen Gerichte der Mecklenburger. Zum Beispiel als Vorspeise eine leckere Soljanka. Diese würzig-scharfe Wust-Gemüsesuppe mit dem russisch klingenden Namen gibt es tatsächlich nur im Osten. Auch der Mecklenburger Rippenbraten mit Schweinebauch, einer Füllung von Boskoop-Äpfeln, Backpflaumen, Zimt, braunem Rum und Zwieback, serviert mit Kartoffeln oder Klößen und Rotkohl ist hier beliebt.

Am folgenden Morgen ist es erst mal vorbei mit dem Sommer. Regen und zehn Grad – warme Jacken statt Sonnenbrand! Nächster Hafen ist Neustadt-Glewe. Ein nettes Städtchen mit hübscher alter Burg, neuem Schloss und wuchtigem Rathaus. Unsere Vorräte bedürfen der Ergänzung. Wir schieben mühsam einen vollen Einkaufswagen zum Boot und leer wieder zurück. Das muss ein Ende haben. Wir beschließen, einen Hackenporsche anzuschaffen.

Den finden wir bestimmt in der Landeshauptstadt Schwerin.

Ach ja – Schwerin.

In mir kommen Erinnerungen an die Stadt hoch, in die mich meine Firma 1989 kurz nach der Wende entsandte, um dort bei der Versorgung der Bevölkerung mit Telefonen zu helfen. Ich fuhr mit einigen Kollegen jeden Morgen hin und abends wieder zurück. Am einprägsamsten waren zwei Dinge: Der Geruch der Stadt in Novembernebel, eine unvergleichliche Mixtur des Braunkohlenrauchs aus tausend Schornsteinen und Zweitaktduft von ebenso vielen Auspüffen. Und die Mentalität der letzten Parteibosse, die noch nicht so recht wussten, wem sie ihre Sympathie schenken sollten – uns Wessies oder weiterhin den alten Kadern.

Über die von der Müritz-Elde-Wasserstraße abzweigende Stör-Wasserstraße erreichen wir den großen Schweriner See, auf dem richtiger Seegang herrscht und sogar eine Leuchttone dümpelt. Die Wellen kommen von vorn und wir steuern direkt auf die Bootsvereine zu. Wir wählen den Verein mit dem seltsamen Namen „Seglerverein Mecklenburgisches Staatstheater" aus und treffen es gut an.

Wie hat die Landeshauptstadt sich herausgemacht!

Schwerin ist eine wahrhaft sehenswerte kleine Metropole. Modern und gepflegt, und mit einer Fülle sehenswerter Bauwerke ausgestattet, die zum Verweilen einladen. Wir bleiben drei Tage und genießen alles: das Schloss von innen, den Pfaffenteich und das Arsenal, die wuchtigen Bauten des Regierungsviertels, das Theater und die alten Märkte. Und wir kaufen ein und laden alles in den neuen Hackenporsche.

Nach den vielen faulen Tagen mit Landgang satt wird es wieder mal Zeit, sich um das Boot zu kümmern. Ich räume den Fahrerstuhl zur Seite und den Tisch auf die Couch und klappe alle Klappen auf, die sich aufklappen lassen. Kleine Inspektion. Aus der kleinen Inspektion wird leider ein größeres Malheur:

Oh Schreck - unsere Bilge steht zentimeterhoch unter Wasser!

Wasser gehört ja zu den Dingen, die innerhalb eines Bootes nichts zu suchen haben, es sei denn in Flaschen oder im Wassertank. Die erste Maßnahme ist ein Sichttest. Hellgrünes Wasser stammt aus dem inneren Kühlkreislauf und bedeutet Gefahr für den Motor. Schwärzliches Wasser stammt aus dem äußeren Kühlkreislauf und dem Auspufftopf. Auch schlecht. Trübes Wasser mit Sinkstoffen könnte Seewasser sein. Und farbloses klares Wasser deutet auf ein Leck im Trinkwassersystem hin.

Mein Bilgewasser ist trübe. Ich inspiziere den Sekundärkühlkreis, und entdecke zwei lose Schlauchschellen an der Impellerpumpe. Die sind schnell nachgezogen. Aber die Pumpe tropft immer noch. Mühsam auf dem Bauch liegend löse ich die sechs Schräubchen des Pumpendeckels, lasse zwei davon in das Bilgewasser fallen, und zerreiße anschließend die Papierdichtung des Deckels. Mist. Ersatz ist nicht an Bord. Also schneidere ich mir aus einem Stück Butterbrotpapier eine neue Dichtung, reibe sie vorsichtig mit Vaseline ein und fummele sie auf die Pumpe. Nun muss ich noch die Schräubchen aus der Bilge fischen. Das ist leicht gesagt. Der Magnet am Bindfaden bleibt wirkungslos, denn die Schräubchen sind aus Messing. Silkes Spargelzange aus der Pantry ist zu kurz. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Ich finde beim Werkzeug ein langes Stück Schweißdraht, schmiere dessen Ende mit etwas Wasserpumpenfett aus der Stevenrohrfettpresse ein und – hurra – die Schräubchen kleben und lassen sich bergen. Nun baue ich die Pumpe wieder zusammen, und starte die Maschine. Die Pumpe leckt! Wahrscheinlich ist einer der Simmerringe hin. Oder beide.

Die habe ich aber nicht.

Ich lenze erst mal die Bilge und wir fahren los, um bei nächster Gelegenheit die Pumpe zu reparieren.

Über Garwitz geht’s nach Parchim.

Dort liegen wir an einem langen neuen Kai mit „automatischer Versorgung. Das bedeutet, dass wir lauter Münzen brauchen, um Landstrom anzuschließen, Trinkwasser zu bunkern und duschen zugehen. Nur das Hafengeld dürfen wir noch keinem Automaten anvertrauen – die Hafenmeisterin kassiert selbst. In dem hübschen Städtchen bewundern wir das historische Rathaus und das „Kaiserliche Postamt.

In Lübz, dem Städtchen, aus dem das weithin bekannte Bier kommt, gefallen uns der alte Ratsturm mit der eisernen Kerkertür und der Brunnen „Die Regenkinder" auf ihrem Sockel im Park.

Wie auf ihr Kommando gießt es, was vom Himmel will. Wir fahren unten, aber das Schleusen wird ungemütlich. In der Schleuse Bobzin meint es der Schleusenwärter besonders forsch zu können. Die Wassermassen donnern in das Becken, und wir kämpfen mit den Leinen und Fendern. Vor allem meine Silke hat den schweren Job an Deck.

Tja – aber das ist offenbar der Bordfrauen Los.

Ich kenne kaum eine, die am Ruder sitzt, die Manöver fährt und ihren Skipper die Decksarbeit machen lässt.

Liegt es womöglich an uns?

Sind wir zu ungeduldig?

Fällt uns ein Zacken aus der Krone unserer „Kapitänswürde"?

Man sieht manchmal Frauen, die es auf Charterbooten ausprobieren. Scheinbar tun sie es danach nie wieder…

In Malchow staut sich der Bootsverkehr vor der Schleuse, die mit einer Drehbrücke verbunden ist. Beide Bauwerke werden gleichzeitig bedient, und das dauert ein wenig. Dann aber setzt sich die lange Schlange der Boote in Bewegung – und der Brücken-Schleusenwärter hält jedem Boot an langer Stange seinen Klingelbeutel hin. Ein Schild neben der Brücke bittet um „eine Spende zur Erhaltung des Kulturgutes Drehbrücke Malchow". Kaum jemand verweigert ihm seinen Obolus.

Sehenswert ist auch die neugotische Klosterkirche!

Die letzte und schlimmste Regenbö übersät unser Boot mit Grünzeug aller Art. Aus Bäumen und Knicks segeln jede Menge frischer Zweige und Blätter auf Sherrytime nieder – ein ganz neues Bild!

Plau am Plauer See erwartet uns mit einer perfekten Marina und einem besonders netten Hafenmeister. Wir dürfen das Boot abspritzen. Er besorgt uns einen Monteur, der unsere Kühlwasserpumpe ausbaut und in seiner Werkstatt instand setzt. Und aus den schwarz dräuenden Wolken fällt auch kein Regen mehr.

Wir fahren auf den Plauer See hinaus – und atmen durch!

Plötzlich spüren wir zum ersten Mal seit unserer Abfahrt von Travemünde, wie sehr wir die Weite der See vermissen. Letztes Jahr im flachen Holland mit seinen Wiesen und am breiten Mittellandkanal ging es noch. Aber an die Fahrt durch die engen Binnengewässer Mecklenburgs, oft zwischen dichten Wäldern, müssen wir uns erst noch gewöhnen. Dieses Gefühl der Enge wird uns dennoch nie ganz verlassen auf unseren Binnenreisen. Gut, dass es hin und wieder einen See oder wenigstens einen richtigen Fluss gibt.

Die nächste Stadt liegt auch an einem See.

Waren an der Binnenmüritz erwartet uns.

Das mittelalterliche Waren ist mit seinen 21.000 Einwohnern ein umtriebiges Mittelzentrum der Mecklenburgischen Seenplatte. Leider hat es zwischen 1600 und 1700 fünfmal gebrannt, und von den wirklich mittelalterlichen Bauten ist fast nichts übrig geblieben. Dennoch ist der Ort heute ein sehenswertes Kleinod.

Der von dem Investor I.M. Jaich privat betriebene große Yachthafen bietet viel Komfort und jeden Service. Mehrere Charterfirmen teilen sich die Kundschaft. Am Ufer liegen Ausflugsdampfer, deren größter und urigster – die „Europa" - das Publikum alle Stunde mit laut heulender Dampfpfeife aufschreckt, zum Glück aber nur tagsüber.

Der Stadtkern mit dem beeindruckenden Neuen Rathaus und dem charakteristischen Turm der Marienkirche birgt zahlreiche Restaurants aller Preislagen. Witzig und interessant – vor allem für Kinder – liegt in der Lange Straße 15 das U-Nautic, das wie das Innere eines U-Bootes ausgestattet ist. Einkaufsmöglichkeiten sind ebenfalls reichlich vorhanden, ein Supermarkt sogar dicht beim Hafen.

Der Hafen ist belegt mit Booten, denn die Ferien sind in vollem Gange. Am Nachmittag kriege ich Ärger mit einem Berliner Skipper, weil meine elektrische Stichsäge ihn stört. Mit der versuche ich, ein rechteckiges Loch in die Edelstahlplatte des oberen Fahrstandes zu schneiden, um endlich das Funkgerät fest einzubauen. Die Säge kreischt. Er tritt an die Reling der Sherrytime. Ich schalte sie aus.

„Ick wusste jarnich, dass det hier´n Werfthafen iss. Ick dachte, det iss´n Freisseithafen, wa? Wie lange soll´n det noch jehen?"

Ich verspreche, dass ich in fünf Minuten fertig bin.

Dann gehe ich zu seinem Boot, und entschulde mich nochmal.

„Na jut, junga Mann, Entschulljung

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