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Berlin - Wolgograd: Eine Radreise

Berlin - Wolgograd: Eine Radreise

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Berlin - Wolgograd: Eine Radreise

Länge:
221 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 2, 2015
ISBN:
9783739292038
Format:
Buch

Beschreibung

Reinhard Rosenke, der russisch spricht und russische Literatur und Musik schätzt, startet 2008 mit dem Fahrrad zu einer großen Osteuropa-Tour, um die Weite der russischen Landschaft hautnah zu erleben. Er durchquert Polen, Weißrußland und die Ukraine, hat mit abenteuerlichen Verkehrs- und Straßenverhältnissen, mit wilden Hundemeuten, mit ewigem Gegenwind und der Monotonie der Steppe zu kämpfen. Immer wieder wird er an die blutrünstige Geschichte des 20. Jahrhunderts erinnert. In Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, ist seine Reise (unfreiwillig) nach knapp 4000 km Tretarbeit beendet.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 2, 2015
ISBN:
9783739292038
Format:
Buch

Über den Autor

Reinhard Rosenke (*1940), ging in DDR-Berlin zur Schule, verließ aber seine ihn schikanierende sozialistische Heimat und wurde Lehrer in West-Berlin. Vom Elternhaus früh ans Wandern und damit an körperliche Entbehrungen gewöhnt, wurde ihm Wandern - zu Fuß und auf dem Rad - zur lebensbegleitenden Freizeitaktivität. Besonders strapaziöse und abenteuerliche Touren unternahm er, zusammen mit seinem Bruder, in Alaska und Australien. 2006 umrundete er allein die Ostsee auf dem Fahrrad in einer 10.000-km-Schleife, 2008 radelte er 4000 km von Berlin nach Wolgograd und 2009 zog es ihn nach Russisch-Ostpreussen. 2010 entschied er sich für eine Gebirgswanderung: von Zittau durchs Riesengebirge, Glatzer Bergland, Niedere und Hohe Tatra, Wald- und Ostkarpaten. Seine letzten Abenteuer begannen auf Containerschiffen: 2011 nach Neuseeland mit anschließender Radtour durch Neuseeland, Tasmanien und Samoa - 2015 von Buenos Aires zum Kap Hoorn und ein Abstecher in die Anden.


Ähnlich wie Berlin - Wolgograd

Buchvorschau

Berlin - Wolgograd - Reinhard Rosenke

Impressionen

Deutschland

Der Schluss zum Anfang

Samstag, der 7. Juni 2008, 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Die Maschine der russischen Luftflotte Aeroflot ist bei strahlendem Sommerwetter auf dem Berlin-Brandenburgischen Flughafen Schönefeld gelandet. Die überwiegend russisch sprechenden Passagiere warten schon wenige Minuten später am Rund des Gepäcktransportbandes, das bereits die ersten Gepäckstücke heranbringt. In kurzer Zeit löst sich die von Moskau nach Berlin währende Fluggemeinschaft nach allen Himmelsrichtungen wieder auf. Nur ich stehe noch am sinnlos rotierenden Band und warte. Meine vier schwarzen, wasserdichten Gepäcktaschen und der rot glänzende Seesack für Zelt, Schlafsack und Liegematte liegen längst zu meinen Füßen. Wo bleibt mein treues Fahrrad? Weiteres Warten ist hier sinnlos. Etwas angespannt frage ich einen grünberockten Zollbeamten. Seine schläfrigen Augen flößen mir wenig Optimismus ein, jedoch verzieht sich der Mund zu einem freundlichen Lächeln: „Fahrräder kommen nicht übers Band. Man wird Ihr Rad durch diese Tür dort bringen." Kaum gesagt, trägt auch schon ein junger Mann mein in blauer, feiner Gaze verpacktes Rad heran. Ich bin komplett und atme auf.

Zurück am Flugplatz Schönefeld

Wofür ich strampelnd auf einer Strecke von 3.700 Kilometer fünf anstrengende Wochen gebraucht hatte, brachte ich im Flugzeug sitzend, lesend und essend in vier Stunden hinter mich. Für mich ist das immer noch ein kleines Wunder, eines der unzähligen technischen Wunder unseres Zeitalters. Man bedient sich ihrer voller Selbstverständlichkeit. Nur wenn sie mal nicht zur Verfügung stehen, wird einem ihre Bedeutung bewusst. Sitze ich auf dem Fahrradsattel, bin ich stolz auf 150 Tageskilometer. Von einem Flugzeug verlange ich dagegen in der gleichen Zeit das -zigfache. So ist das nun mal. Nebenbei gesagt: Auch das Fahrrad, so wie es vor mir steht, halte ich für eine bewundernswerte Erfindung.

Nun schwinge ich mich zu den letzten zwölf Kilometern dieser Tour auf meinen Drahtesel. Und was für Kilometer! Die Sommerbrise kitzelt meinen Rücken, der makellose Radweg lässt die Reifen surren. Wellig die Landschaft, aus der sich malerisch Gruppen hoher Bäume abheben. Weizenfelder lassen durch ihr Türkisgrün schon einen goldenen Schimmer der Reife erkennen. Auf der Chaussee spenden alte Alleebäume einen angenehmen Schatten. Von den Dörfern blinken solide, rote Ziegel durch das Laubdach. Eine Gruppe Reiterinnen quert gerade den schilfgerahmten Wassergraben. Nun noch über den Fuchsberg, kurz darauf bin ich zu Hause.

Kaum, dass ich mir das Nötigste zum Essen eingekauft und einen Kaffee bereitet habe, geht mir ein unglaublicher Gedanke durch den Kopf: Dieses Stück vom Flughafen bis zu meinem Heim, diese gut 12 Kilometer, war der lieblichste, idyllischste Abschnitt des hinter mir liegenden, weiten Weges! Nanu, lässt das auf ein enttäuschendes Fazit meiner Reiseindrücke schließen? Beurteile ich mit solchen Gedanken und Gefühlen meine zurückliegende Reise etwa abwertend? Hätte ich mir die Strapazen eigentlich ersparen können? Natürlich nicht! Der abenteuerlustige Reisende sucht doch geradezu nach herausfordernden Unterschieden zu seiner Heimat, seien es landschaftliche, kulturelle, ökonomische und was noch alles. Allerdings: Wenn man „das andere so richtig „dicke erlebt hat, kommt es schon mal vor, dass man sich der heimatlichen Erde wieder mit einer gewissen Demut und Dankbarkeit zuwendet.

Während ich mir mein Lieblingsessen - Pellkartoffeln mit Kräuterquark und Leinöl - bereite, wird schnell noch geduscht. „Ach, steigs’te mal schnell auf die Waage! Kiek an, sechs Kilo weniger! Nicht schlecht!" Ich habe das Gewicht meiner Jugend wieder zurück und war doch schon nach dem ersten Viertel der geplanten Reise heimgekehrt. Warum ? Davon später.

Der Virus Russland

Bei meiner weiträumigen Ostseeumrundung, die mich im Sommer 2006 unter anderem durch die baltischen Staaten und über St. Petersburg durch einen kleinen Teil Russlands geführt hatte, vermehrte sich in meinem Denken und Fühlen der „Virus Russland. Ein „Virus, den zu ergründen ich schon vor über zwanzig Jahren einmal in einem Brief an den russischen Schriftsteller, Literaturhistoriker und Systemkritiker Lew Kopelew (1912-1997) versucht hatte. Kopelew konnte 1980, wie vor ihm Alexander Solschenitzyn, die Sowjetunion verlassen, lebte danach in der Bundesrepublik Deutschland und bekam hier den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine autobiographischen Bücher hatten mich sehr beeindruckt und zu meinem Brief veranlasst.

Auch ein Fernsehbericht über ihn und seine Frau ging dem Brief voraus. Bevor ich darin auf mein eigentliches Anliegen zu sprechen kam, versuchte ich ihm meine merkwürdige Zuneigung zu Russland zu erklären: Es war nicht der Russischunterricht von Klasse 5 bis 12 in Ost-Berlin, schon gar nicht eine politisch begründete Sympathie zum „Vaterland aller Werktätigen. Nein, nach meiner Vermutung trugen zum Beispiel Begegnungen mit freundlichen Soldaten im Köpenicker Forst dazu bei. Diese einfachen Burschen umgab für mich ein Hauch von Abenteuer. Sie wohnten während des Sommers in Erdhütten, direkt neben einem ehemaligen Schießplatz aus Vorkriegszeiten. Wir Jungens machten dort auch Bekanntschaft mit der Soldatenzigarette „Machorka, in ein Stück Zeitung gerollt, das war die scheußlich stinkende Papirossa. Besonders die russischen Soldatenlieder, die man abends im Bett aus dem Walde herüber schallen hörte, müssen meine Seele berührt haben. Aber den eigentlichen Impuls gab mir die Lektüre eines in meine Hände geratenen Buches, das ich als sechzehnjährige „Leseratte" verschlungen hatte: Zwischen Rot und Weiß, geschrieben von E. E. Dwinger (1898-1981). Im Buchumschlagstext heißt es u.a.:

Dieser berühmte Roman wurde nach seinem Erscheinen 1930 von allen Seiten und sogar von der KPD-Zeitung Rote Fahne in den höchsten Tönen gelobt. Eine Übersetzung ins Russische befand sich in Vorbereitung. Er gilt als die glaubhafteste Darstellung des Russischen Bürgerkrieges und brachte den Autor als Kandidaten für den Literaturnobelpreis ins Gespräch.

Darin schildert Dwinger, der als 17-jähriger deutscher Kriegsfreiwilliger schon früh in russische Gefangenschaft geraten war, seine Erlebnisse. Um der jahrelangen grausamen Gefangenschaft endlich zu entgehen, kämpfte er von 1918 bis 1920 auf Seiten der „Weißen Armee gegen die Bolschewisten. Ja, dieses Buch war für mich der bewusst gewordene und sehr stark emotional begründete Einstieg in mein Kapitel „Russland.

Lew Kopelew sandte mir einen langen Brief und sein Sekretär schrieb dann unter Kopelews freundliche Grüße die für mich schmeichelhafte Bemerkung:

Darf ich Ihnen als Mitarbeiter von Herrn Kopelew noch als PS. hinzufügen, dass mir Ihr Brief unter den Fluten an Zusendungen am besten gefallen hat? Aus Ihren Schilderungen spricht wirkliches Verständnis für die angeschnittenen Probleme, Sie verstehen es darüber hinaus, anschaulich und packend zu schreiben.

Karl- Heinz Korn

Brief von Lew Kopelew

Längst vergessen geglaubte Segmente meiner vor 30 Jahren einmal recht guten russischen Sprachkenntnisse purzelten mir während meiner Ostseeumrundung 2006 bereitwillig über die Lippen, grammatische Grundregeln brachen durch die Kruste des Vergessens, das eine oder andere Liedchen konnte ich plötzlich wieder in seiner Anfangsstrophe singen.

Ich hatte in den 70er Jahren einige Russisch-Aktivitäten hinter mich gebracht. Dazu zählten einige Semester als Dozent in einer Volkshochschule in West-Berlin, eine zweiwöchige Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, regelmäßige Kontakte mit einer alten emigrierten Literatin aus St. Petersburg und sogar ein Skikurs auf Russisch in Österreich. Danach vergaß ich vieles wieder. Nach dem Umbruch unter Michael Gorbatschow Anfang der 90er Jahre sammelte ich unter meinen Kollegen eine beachtliche Menge gut erhaltener Textilien, um diese mittels der vom Bezirk Neukölln organisierten Hilfslieferungen einem Leningrader Veteranenklub zukommen zu lassen. Daraus entwickelte sich ein kurzer, intensiver Briefwechsel. In der damals gerade wieder von Leningrad in Sankt Petersburg zurück benannten ehemaligen Hauptstadt des Zarenreiches besuchte ich sogar einige der Brieffreunde.

Im Herbst 2006 geriet mir in einer Kasachstan-Beilage des Tagesspiegel der verlockende Artikel Dagmar Schreibers über die Schönheiten dieses Landes in die Hände. Ich setzte mich mit ihr in Verbindung. Sie betreibt in Berlin ein kleines Ein-Personen-Reisebüro für individuelle Kasachstan-Reisen. Diese energiegeladene, naturbegeisterte, perfekt russisch sprechende Frau stellte mir ihre Reiseangebote vor. Ich entschied mich für einen dreiwöchigen Aufenthalt bei einer russischen Familie, die in einem kasachischen Dorf im Tien-Schan-Gebirge lebt. In herrlicher Landschaft nahe dem Nationalpark verbrachte ich dort im Juli eine schöne Zeit mit Wanderungen und einer einwöchigen Packpferd-Tour. Gesprochen wurde nur Russisch. Mir gefiel es ausgezeichnet bei diesen gastfreundlichen Leuten - angefangen von der schlichten Unterkunft in einem von Aprikosenbäumen beschatteten Häuschen, über das gute und typisch russische Essen, bis zu ihrem großen Herzen für die in Kasachstan nicht sonderlich verwöhnten Hunde. Sergej, Hausherr und Bergführer, sang hin und wieder am Feuer gekonnt zur Gitarre. Ein schönes russisches Liebeslied brachte er mir beim Wandern bei:

Ich bin eifersüchtig auf dich, des Nachts, bei Regen und bei Wind…

Abends machte er mich am CD-Player mit beliebten russischen Gesangsinterpreten bekannt.

Meine Sprachkenntnisse hatte ich schon Monate vor dem Kasachstan-Aufenthalt mit Hilfe einer charmanten Deutsch-Russin aus Kasachstan aufgefrischt. Tatjana durchstreifte mit mir plaudernd alle Bereiche des Lebens. Wir hörten russische Chansons, sangen Lieder, lasen Literatur, und ich lernte einiges davon auswendig. Tatjana gab etwas von ihrer „russischen Seele an mich weiter. So ist es nicht verwunderlich, dass sich bald der Wunsch auf eine Russlandreise einstellte. Diszipliniert beschäftigte ich mich täglich zwischen Aufwachen und Aufstehen, mit der Sprache, begann die Reiseroute zu planen, beantragte die Visa für Weißrussland, Russland und Kasachstan und schaffte mir das Fahrrad meiner Vorstellungen und Wünsche an. Nebenbei unterzog ich mich einer unangenehmen, aber nötigen, langwierigen Zahnrestaurierung und prüfte meine Fitness beim „New-York-Marathon.

Schließlich läutete sich ein sonniger April ein, ich wurde unruhig. Im Kämmerlein stapelten sich übersichtlich alle Reiseutensilien für den „langen

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