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Atlan - Die Lordrichter-Zyklus (Sammelband): E-Book-Paket: alle 12 Romane in einem Band

Atlan - Die Lordrichter-Zyklus (Sammelband): E-Book-Paket: alle 12 Romane in einem Band

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Atlan - Die Lordrichter-Zyklus (Sammelband): E-Book-Paket: alle 12 Romane in einem Band

Länge:
1,473 Seiten
13 Stunden
Freigegeben:
Aug 21, 2014
ISBN:
9783845347707
Format:
Buch

Beschreibung

1225 Neue Galaktische Zeitrechnung: Kythara, die exotisch schöne und unsterbliche Varganin, ist eine der faszinierendsten Personen, denen Atlan jemals begegnete. Vor langer Zeit herrschte ihr Volk bereits über weite Teile der Milchstraße. Längst sind die Varganen verschwunden, doch überall blieben uralte Artefakte.

So auch im mysteriösen Murloth-Nebel, den Atlan und Kythara ansteuern. Zusammen mit der Varganin findet der unsterbliche Arkonide den Zugang zu den Versunkenen Welten der Varganen.

Abgesandte der rätselhaften Lordrichter von Garb wurden ebenfalls aktiv, eine Verbindung zu den Cappins aus der weit entfernten Galaxis Gruelfin eröffnet sich - und Atlan muss erkennen, dass die Geschehnisse im Murloth-Nebel nicht nur das Schicksal der Varganen aufhellen, sondern auch über die Zukunft einer Galaxis entscheiden können ...

Folgende Romane sind enthalten
Band 1: "Kytharas Erbe" von Uwe Anton
Band 2: "Gefangen im Psi-Sturm" von Michael Marcus Thurner
Band 3: "Die fünf herrlichen Städte" von Michael Marcus Thurner
Band 4: "Murloths Berg" von Bernhard Kempen
Band 5: "Aufruhr auf Narukku" von Horst Hoffmann
Band 6: "Kampf um Maran'Thor" von Horst Hoffmann
Band 7: "Der Zorn des Erzherzogs" von Christian Montillon
Band 8: "Azaretes Weg" von Nicole Rensmann
Band 9: "Der Turm des Denmogh" von Achim Mehnert
Band 10: "Flucht nach VARXODON" von Arndt Ellmer
Band 11: "Mond der Visionen" von Hans Kneifel
Band 12: "Angriff der Lordrichter" von Michael Marcus Thurner
Freigegeben:
Aug 21, 2014
ISBN:
9783845347707
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Atlan - Die Lordrichter-Zyklus (Sammelband) - Uwe Anton

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1225 Neue Galaktische Zeitrechnung: Kythara, die exotisch schöne und unsterbliche Varganin, ist eine der faszinierendsten Personen, denen Atlan jemals begegnete. Vor langer Zeit herrschte ihr Volk bereits über weite Teile der Milchstraße. Längst sind die Varganen verschwunden, doch überall blieben uralte Artefakte. So auch im mysteriösen Murloth-Nebel, den Atlan und Kythara ansteuern. Zusammen mit der Varganin findet der unsterbliche Arkonide den Zugang zu den Versunkenen Welten der Varganen. Abgesandte der rätselhaften Lordrichter von Garb wurden ebenfalls aktiv, eine Verbindung zu den Cappins aus der weit entfernten Galaxis Gruelfin eröffnet sich – und Atlan muss erkennen, dass die Geschehnisse im Murloth-Nebel nicht nur das Schicksal der Varganen aufhellen, sondern auch über die Zukunft einer Galaxis entscheiden können ...

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Nr. 1

Kytharas Erbe

von Uwe Anton

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Atlan, einst als Kristallprinz des arkonidischen Imperiums geboren und seines Throns beraubt, strandete nach vielen Jahren auf Terra. Dort wurde er dank eines Zellaktivators zu einem relativ Unsterblichen. Als Freund und Verbündeter Perry Rhodans erlebte er den Aufstieg der Menschheit, als Widerstandskämpfer trat er gegen Usurpatoren und Invasoren an, als Beauftragter der Kosmokraten sah er die Wunder des Kosmos, als Ritter der Tiefe wurde er zum Träger einer entsprechenden Aura.

Im Jahr 1225 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ) verschlägt es den Unsterblichen in den Sternhaufen Omega Centauri und die Überreste eines Sternenschwarms. Er begegnet Fremden und Bekannten und streift – wieder einmal – kosmische Ereignisse.

Nach der Rettung der Obsidian-Kluft könnte er eigentlich zurückkehren zum Tagesgeschäft galaktischer Politik, doch Atlan und seine neue Begleiterin Kythara verlassen die Obsidian-Kluft mit der AMENSOON, als ein Hilferuf eingeht.

Ihn und die Varganin erwartet KYTHARAS ERBE ...

Die Hauptpersonen des Romans

Atlan – Der Arkonide erhält einen Hilferuf.

Kythara – Die Varganin begleitet Atlan auf seiner Reise.

Aktet Pfest – Der Kommandant der ATLANTIS.

Mayhel Tafgydo – Die Ara-Medikerin stößt an die Grenzen ihres Wissens.

1.

Die Bewusstseinstransferanlage

5. Mai 1225 NGZ

»Atlan! Endlich!«

Die Stimme dröhnte in meinen Ohren wie Hammerschläge. Zu allem Überfluss hielt auch noch der Entzerrungsschmerz unangenehm lange und stark vor: Mein ganzer Körper schwankte zwischen der Empfindung, in einem Ameisenhaufen zu liegen und in Flammen zu stehen. Und dabei hatte ich lediglich einen Transmitter durchquert, etwas, das ich schon viele tausend Mal gemacht hatte. Mein Zellaktivator hätte ohnehin den Schmerz, der mit der Entmaterialisierung im Ausgangs- und der Rematerialisierung im Zieltransmitter einherging, deutlich dämpfen müssen, aber das hatte er nun einmal nicht. Oder, was ein kaum weniger schrecklicher Gedanke war, er hatte den Schmerz bereits gedämpft.

Vermutlich Kompatibilitätsprobleme der Transmitter, die zwischen der AMENSOON, der ATLANTIS und der Stahlwelt geschaltet wurden. Die Grundlagen der Technik sind identisch, sonst wäre keine Transmission möglich gewesen, doch bei der Synchronisierung von arkonidischen, varganischen und lemurischen Geräten dürfte es zu dem einen oder anderen Abstimmungsproblem kommen.

»Unkraut vergeht nicht, das hab ich doch schon immer gesagt! Aber dass daneben Orchideen blühen, war mir neu!«, brüllte die Stimme weiter, und allmählich identifizierte ich auch den Sprecher. Es war Aktet Pfest, der Kommandant der ATLANTIS.

Ich fasste mich und streckte Pfest die Hand zur Begrüßung hin. »Ihr habt mein Schiff gut behandelt, während ich fort war, will ich hoffen?«

»Du bist so oft weg, dass wir die ATLANTIS schon fast zur Adoption freigegeben haben«, rüffelte der Überschwere mich an, doch das breite Grinsen, das seine Wangen kerbte, verriet mir, wie sehr er sich freute, mich wiederzusehen – was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte. Ich konnte mir keinen besseren Mann vorstellen, um die ATLANTIS zu führen: Aktet Pfest war, wie alle Überschweren, deutlich kleiner als typische Vertreter anderer Menschenvölker der Galaxis, aber dafür ebenso breit wie hoch. Dieses Aussehen war der Tribut, den die Kolonisten dafür zu zahlen gehabt hatten, dass sie Welten mit 2,1 Gravos besiedelten.

»Aber ich sehe, dass du deinem Schiffsbaby wenigstens eine attraktive Mutter besorgt hast«, fuhr der schwarzhaarige Mann fort und streckte die andere Hand nach meiner Begleiterin aus, die neben mir aus dem Transmitterbogen getreten war: Kythara.

»Ich bin erfreut, dich kennen zu lernen«, sagte Kythara und erwiderte den Händedruck, ohne zu zögern. Ihre schlanke, goldfarbene Hand ergriff die breiten, schwieligen, lindgrünen Finger Aktet Pfests und drückten zu. Nur mit Mühe konnte der Überschwere seine Überraschung und ein Aufkeuchen verbergen – nur sein Blick aus pechschwarzen Augen, den er mir zuwarf, sprach Bände. Hättest du mich nicht warnen können?, schien er auszusagen. Ich schüttelte lächelnd den Kopf.

»Aktet Pfest, bester Kommandant des besten Raumschiffes weit und breit, das ist die Varganin Kythara, Herrin des Schiffes AMENSOON, wie ich für eine Weile auf den Welten des Obsidianschlundes gestrandet. Sie ist ab sofort unser Gast.«

Nachdem Kythara Aktets Hand lange genug gequetscht hatte, ließ sie endlich los. »Ich werde euch nicht zur Last fallen«, versprach sie dem Kommandanten. »Und nein, Atlan und ich haben nichts miteinander.«

»Ist sie nicht nur oxtornerstark, sondern auch noch Telepathin?«, brach es aus Pfest heraus, der sich die schmerzende Hand rieb. Dann erst wurde ihm bewusst, wie unhöflich er sich benahm. Kythara sah geflissentlich darüber hinweg und übernahm es, dem armen Mann zu antworten.

»Ich bin nur etwas ... nun, robuster als ihr, aber ich weiß, wie man zupacken muss«, wiegelte sie ab und ließ ihr zauberhaftes Lächeln noch etwas strahlender werden, »und woran du gedacht hast, als du uns beide aus dem Transmitter hast kommen sehen ... das konnte man an deinem Gesicht deutlich erkennen. Ihr habt wohl nicht besonders oft Frauen zu Gast?«

Aktet wurde dunkelgrün, als ihm das Blut in den Kopf schoss. »Ja, ich meine, nein, Kythara. Varganin also, soso ... habe noch nie von Varganen gehört«, versuchte er das Thema zu wechseln. Kythara ließ es ihm durchgehen.

»Wir sind kein besonders zahlreiches Volk«, gab sie zu, »und scheuen öffentliche Auftritte.«

Ich grinste. Das war weder gelogen noch die Wahrheit. Doch die war viel komplizierter, und selbst ich kannte bestenfalls Bruchstücke davon. Dass ich vor einer halben Ewigkeit einmal ein Verhältnis mit der letzten Königin der Varganen, Ischtar, gehabt und mit ihr einen Sohn gezeugt hatte, machte mich leider nicht automatisch zum Experten für dieses zersprengte Volk. Geschweige denn, dass ich mehr über Kythara wüsste, ich hatte sie erst vor kurzer Zeit kennen gelernt. Vor sehr kurzer Zeit.

»Aktet«, sagte ich, um den plötzlichen Moment unbehaglicher Stille zu durchbrechen. »Irgendwelche besonderen Vorkommnisse, während ich weg war?«

»Bis auf den Alarm von der Stahlwelt, den Umstand, dass fast zeitgleich mit unserer Ankunft am Sonnentransmitter ein Einplanetensystem und ein achteckiges goldenes Raumschiff hier wie aus dem Nichts erschienen? Mir fällt nichts ein. Ich nehme an, du hattest etwas damit zu tun?«

»Ein bisschen vielleicht. Das Schiff ist übrigens die AMENSOON, und das Planetensystem kommt frisch aus der Obsidian-Kluft.« Ich reichte ihm einen Datenspeicher. »Hier ist ein Bericht mit allen relevanten Fakten. Weitere Einzelheiten gibt es später. Aber nun zu dem Alarm ...«

Aktet nickte ernst. »Die Bewusstseinstransferanlage hat sich auf unbekannte Art und Weise aktiviert. Sie reagiert auf irgendetwas.«

Ich sog scharf die Luft ein. Die Stahlwelt war einst von den Lemurern, der »Ersten Menschheit« erbaut und erst vor kurzem von uns wiederentdeckt worden. Sie bildete die Steuerwelt des Sonnentransmitters von Omega Centauri – und dieser war ein unersetzliches Transportmittel, das es unter allen Umständen zu schützen, zu sichern und zu bewahren galt. Auf der Stahlwelt harrten zahlreiche lemurische Artefakte noch ihrer Erforschung, darunter auch die Bewusstseinstransferanlage. Sie war im Verlauf einiger turbulenter Ereignisse, die uns erst nach Omega Centauri verschlagen hatten, irreversibel beschädigt worden. Wenn sie jetzt plötzlich aktiviert wurde, war das Grund genug für einen Alarm. Denn eigentlich konnte sie nicht mehr aktiviert werden!

»Das sehen wir uns an«, sagte ich. »Aktet, gibt es neue Transmitterverbindungen, oder müssen wir laufen?«

»Kaum da, schon wieder weg. Na schön.« Der Überschwere schnaufte. »Ich programmiere sofort den Transmitter neu.«

*

Die Stahlwelt ... ein exotischer, fremdartiger Ort und doch aufgrund seiner Herkunft in Bauweise und Architektur irgendwie vertraut. Dutzende von Technikern und Raumsoldaten hielten sich in der Halle auf, in der die Bewusstseinstransferanlage untergebracht war. Die Angehörigen der ersten Gruppe standen diskutierend vor Schaltpulten, deren Sinn sie nicht verstanden, ja die sie nicht einmal aktivieren konnten, die der zweiten Fraktion richteten ihre Waffen, hauptsächlich Kombistrahler, auf die Anlage oder irgendwohin sonst. Hauptsache, sie zeigten Präsenz, sei es auch nur zur eigenen Beruhigung. Denn es gab keinen Gegner, den sie in Schach halten konnten.

Der sichtbare Teil der Bewusstseinstransferanlage war vergleichsweise klein. Ich wusste, dass ihre Energieerzeuger und weitere Bestandteile in angrenzenden Hallen untergebracht waren oder direkt auf jene der Stahlwelt zurückgriffen.

Im Hintergrund der von uns einsehbaren Halle erhob sich ein nachtschwarzer, würfelförmiger Maschinenblock von Hausgröße: zwölf Meter Kantenlänge, völlig fugenlos, massiv und offensichtlich aus einem Stück gefertigt. Er enthielt unter anderem PEW-Metall, das den Lemurern als Drokarnam bekannt gewesen war: Eine seiner besonderen Eigenschaften war, Bewusstseinsinhalte parapsychisch begabter Lebewesen aufzunehmen, gewissermaßen einzusaugen und zu speichern. Einige kleinere, fremdartig aussehende, an knorrige Wirbelsäulenknochen erinnernde Aggregate umgaben den Würfelblock.

Ich war über alle Maßen froh, dass diese Maschine nicht mehr funktionierte – zu viel Schindluder war damit getrieben worden. Da ihre Konstruktion unsere technologischen Fähigkeiten bei weitem übertraf, hatte ich auch angenommen, die Gefahr verbrecherischen Missbrauchs sei nunmehr endgültig vorbei. Sollte ich mich so geirrt haben?

Nein, das konnte nicht sein. Ich bemerkte keines der klassischen Anzeichen dafür, dass die Bewusstseinstransferanlage arbeitete: Es gab keine »Patienten«, die in Energiesphären vor dem Würfel schwebten, die typischen blauweißen Blitze und Lichtbögen, die den Vorgang des Bewusstseinstauschs begleiteten, fehlten ebenso.

Und trotzdem ... etwas wirkte hier, eine uns unbegreifliche Macht, das spürte ich. Auch Kythara wirkte seltsam angespannt, als sei auch ihr klar, dass hier Dinge vorgingen, die nicht vorgesehen waren.

Atlan! Kytharas Stimme ertönte direkt in meinem Geist. Atlan, was ist hier los?

Natürlich. Sie war, wie alle Varganen, zur Kommunikation auf telepathischer Übermittlungsbasis fähig, konnte einerseits ihre Gedanken in das Bewusstsein anderer Lebewesen übertragen und andererseits bis zu einem gewissen Grad deren gedankliche Formulierungen erfassen. Das war zwar nur eine reduzierte Form echter Telepathie, aber durchaus eine beeindruckende Fähigkeit, die gegebenenfalls sehr nützlich sein konnte.

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete ich laut. »Mir fallen keine vergleichbaren Situationen ein, und das, obwohl ich schon ziemlich viel erlebt habe.«

»Wenn man so viel erlebt hat wie ich«, erwiderte sie mit sphinxhaftem Lächeln, »ist es nur zu verständlich, wenn man etwas vergisst.«

Die schöne Varganin spielte auf die Unsterblichkeit an, die wir beide besaßen: Meine stammte aus einer künstlichen Quelle, die Superintelligenz ES hatte mir einen Zellschwingungsaktivator überreicht, der den Alterungsprozess meiner Zellen stoppte und die Regenerationskraft erhöhte, sodass ich selten krank wurde, meine Wunden schnell heilten und Erschöpfung praktisch ein Fremdwort für mich war. Mit anderen Worten: Solange ich ihn trug, war ich relativ unsterblich. Kythara hingegen war auf kein technisches Gerät angewiesen, um ihre Jugend bis in alle Ewigkeit zu erhalten; der Effekt war jedoch der gleiche wie bei mir. Ihre Worte waren eigentlich nicht so tröstlich gemeint, wie sie klingen mochten: Wir waren zwar beide unsterblich, doch sie lebte bereits deutlich länger als ich, schätzungsweise mehr als zwanzigmal so lange!

»Ich habe nichts vergessen«, entgegnete ich mit einem Anflug von Verärgerung, weil ich nicht wusste, ob sie mich foppen oder tadeln wollte. »Das verhindert mein fotografisches Gedächtnis.«

»Verstehe«, nickte Kythara. Blitzte da ein Lächeln auf? Ich war mir nicht sicher. Diese Frau irritierte mich, mehr als die meisten.

Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf das vor uns liegende Problem.

Die Transferanlage leuchtete in unheimlichen Farbtönen, die einander rasend schnell ablösten: dunkelrot, kobaltblau, im nächsten Augenblick giftgrün. Das waren entschieden keine Effekte eines Bewusstseinstransfers. Was aber geschah dann hier?

Was spielte sich in dieser Anlage ab, die definitiv beschädigt war, irreparabel beschädigt sogar? Mit unseren Mitteln ließ sie sich keinesfalls wiederherstellen.

Ich kniff die Augen zusammen. Am Fuß des Würfels schien eine Gestalt zu materialisieren, ein menschenähnlicher Körper. Ein flimmerndes Feld umgab ihn, durch das die Umrisse nur undeutlich zu sehen waren. Doch schon im nächsten Augenblick löste sich das Wenige, was ich erkennen konnte, wieder auf. Es schien Blasen zu schlagen und zu zerfließen, als hätten die Zellen des Körpers jeden Zusammenhalt verloren, als wäre von einem Moment zum anderen aus einem organisierten und strukturierten biologischen System eine reine Zellmasse geworden. Dann erstarrte die Masse – nur, um einen Herzschlag später wieder zu entmaterialisieren.

Ich kenne dieses Phänomen!, dachte ich. Aber es ist ... unwahrscheinlich.

»Hast du eine Erklärung für das da?«, fragte einer der Wissenschaftler, der mein Mienenspiel bemerkt haben musste. Die primäre Reaktion der Raumsoldaten auf das Phänomen bestand darin, ihre Waffen auf den Materialisationspunkt zu richten. Die flimmernden Mündungsfelder verrieten mir, das sie allesamt entsichert und keineswegs auf Paralysemodus geschaltet waren.

»Noch nicht. Ihr habt diesen Vorgang schon öfter beobachtet?«, forschte ich nach.

»In dieser Eindeutigkeit zum ersten Mal.« Er zögerte, offensichtlich beschämt, weil ich erst hatte nachfragen müssen. »Insgesamt haben wir zuvor zweimal dieses ... Flimmern wahrnehmen können.«

»Analyse«, sagte ich. Die meisten Wissenschaftler führten spezielle Mess- und Ortungsgeräte mit sich, mit denen sie normalerweise für alle Eventualitäten gewappnet waren.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Nichts. Keinerlei Ergebnisse!«

»Ich habe hier etwas.« Ein anderer Wissenschaftler schaute von seinen Instrumenten hoch. »Unspezifische Ausschläge auf sechsdimensionalem Niveau.«

»Sechsdimensional? Eine ÜBSEF-Konstante?«

Der Arkonide runzelte die Stirn. Die so genannte ÜBSEF-Konstante war die Bezeichnung für die individuelle sechsdimensionale Energiekonstante, die nur bei hoch entwickelten Lebewesen vorkam, wobei ÜBSEF die Abkürzung für überlagernde Sextabezugs-Frequenz war.

Bevor der Wissenschaftler antworten konnte, ließ mich ein Schrei herumfahren.

Das unheimliche Farbspiel, das die Transferanlage eingehüllt hatte, war abrupt erloschen, und vor dem Klotz der Bewusstseinstransferanlage war der Körper erneut materialisiert.

*

Wieder war er von einem flimmernden Feld umgeben, das sich nun jedoch sofort auflöste. Diesmal gab es keinen »Stabilitätsverlust«; weder schlug die Haut des Geschöpfs Blasen, noch schien sie zu zerfließen.

Ich setzte mich in Bewegung, lief zu dem Wesen, das da aus dem Nichts erschienen war, kniete neben ihm nieder. Es war ein männlicher Humanoide, und er sah aus wie ein Terraner oder Terranerabkömmling. Ich schätzte ihn auf etwa 40 Jahre; er war schlank, fast hager, und langgliedrig. Sein dunkelbraunes Haar war halblang, aber fettig und verfilzt, als habe es lange keine Schall- oder Wasserdusche mehr gesehen.

Er trug eine hellgraue Kombination, deren Schnitt mich durchaus an eine Uniform erinnerte. Sie war allerdings stark verschmutzt und an zahlreichen Stellen zerrissen oder verschmort, sodass ich nichts Genaueres erkennen konnte. Der Mann blutete aus mehreren Wunden; er hatte die Augen geschlossen, schien nicht wahrzunehmen, wo er sich befand. Ein gequältes, völlig unverständliches Stöhnen kam über seine Lippen.

Ich überlegte noch, ob ich ihn in die Seitenlage drehen sollte, um zu verhindern, dass er eventuell an seinem eigenen Erbrochenen erstickte, falls er auch innere Verletzungen davongetragen haben sollte, als eine knochige Hand mich behutsam, aber nachdrücklich zur Seite schob.

»Ich übernehme, Atlan«, hörte ich eine weibliche Stimme. Ich blickte auf und sah die Ara Mayhel Tafgydo, ihres Zeichens Chefmedikerin und Leiterin der Bordklinik der ATLANTIS. Irgendjemand musste sie informiert und angefordert haben, oder sie war von Anfang an hier in der Halle gewesen, und ich hatte sie nur nicht bemerkt. Zwei kugelförmige Medoroboter schwebten hinter ihr.

Sie ging in die Hocke und beugte sich über den Verletzten, was bei ihrem zwei Meter großen, extrem hageren Körper irgendwie ungelenk aussah. Ihre Spezialgebiete waren zwar die Genchirurgie und Implantatmedizin nach Programmwachstum, aber wenn es hier in der Stahlwelt jemanden gab, der den Unbekannten effektiv behandeln konnte, dann sie. Einen Spezialisten für Exobiologie und -medizin hatten wir leider nicht an Bord.

Die 117 Jahre alte Medikerin schnitt mit gekonnten Bewegungen die Brustbekleidung des Verletzten auf und begann mit der Untersuchung. Ihr Vorgehen war logisch: Bevor sie die eigentlichen Verletzungen des Fremden behandeln konnte, musste sie sich erst einmal Klarheit darüber verschaffen, mit wem genau sie es zu tun hatte.

Nach wenigen Sekunden blickte sie zu mir auf und sah mich kurz aus ihren dunkelroten Augen an. »Der Verletzte ist äußerlich erstaunlich menschenähnlich«, sagte sie, »aber kein Terraner oder Arkonide oder Abkömmling der beiden Völker. Die Unterschiede betreffen in der Hauptsache die innere Anordnung des Körperaufbaus. Das Herz liegt etwa zwanzig Zentimeter tiefer als bei Lemurerabkömmlingen, hat ein größeres Volumen und eine andere Form. Die Lungenflügel sind so groß, dass sie die gesamte Brust einnehmen.« Sie winkte einen der Medoroboter heran. »Vergleichswerte aufrufen!«

Dann setzte sie die Untersuchung fort, sprach ihre Erkenntnisse dabei laut und deutlich aus, damit die Roboter sie speichern und zur Analyse heranziehen konnten. Je mehr sie sprach, umso drängender wurde mein Verdacht. Doch erst ein bestimmter Satz ließ ihn zur Gewissheit werden: »Gravierende Unterschiede in der Gehirnstruktur, zudem ist eine weitaus größere und stärker entwickelte Hirnanhangdrüse feststellbar.«

»Ich kenne solche Wesen«, sagte ich. »Der Roboter soll die Daten aufrufen, die unter dem Begriff Cappins gespeichert sind.«

»Übereinstimmung einhundert Prozent«, schnarrte die schwebende Kugel.

2.

Carscann

»Cappins?«, fragte Kythara neben mir. Ohne dass ich es bemerkt oder jemand sie aufgehalten hatte, war sie zu uns herangetreten. Kythara hielt man nicht so schnell auf, und das keineswegs, weil sie mit mir hierher gekommen war. Sie musterte den Verletzten mit einem seltsam eindringlichen, fast verschleierten Blick. So als würde er irgendwelche Erinnerungen in ihr hervorrufen.

»Bist du schon einmal einem Cappin begegnet? Irgendwann im Verlauf der letzten rund zweihunderttausend Jahre ...?«

Sie sah mich fragend an.

»Cappin ist die Sammelbezeichnung für die biologisch eng verwandten Völker der fast 36 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxis Gruelfin«, erklärte ich, während Mayhel versuchte, eine Diagnose zu erstellen, um die eigentliche Behandlung des Verletzten einleiten zu können. Die dem Virgo-Haufen vorgelagerte Sterneninsel – als M 104 oder NGC 4594 in den terranischen Sternkatalogen geführt – wurde wegen ihres charakteristischen Aussehens auch Sombrero-Galaxis genannt.

»Die erste Begegnung zwischen Menschen und Cappins fand vor ungefähr 1500 Jahren statt. Damals verhalfen wir dem rechtmäßigen Herrscher der Cappins, Ovaron, wieder auf seinen Thron – nicht ganz uneigennützig allerdings, aber das ist eine andere Geschichte.«

Ich hatte den Eindruck, dass Kythara mir mit ungewöhnlich großem Interesse lauschte. »Wenn ihr den Cappins erst vor 1500 Jahren begegnet seid, wieso hast du dann von zweihunderttausend Jahren gesprochen?«

»Eine Gruppe der Cappins hatte die Erde, Perry Rhodans Heimatwelt, auf der ich den Großteil meines Lebens verbracht habe, schon vor etwa zweihunderttausend Jahren entdeckt. Durch Manipulation der Sonne hatten sie versucht, bei den Frühmenschen Mutationen zu erzeugen. Dabei entstanden zahlreiche Monster, aber auch positive Zuchtergebnisse.«

Diese Experimente sollten, wie du sehr genau weißt, in den Augen der Cappins den Sinn haben, fügte der Extrasinn ungefragt hinzu, einer ungeheuren Gefahr zu begegnen, die im Universum aufgetaucht sein sollte! Achte auf Zusammenhänge! Diese Gefahr ist bis heute entweder nicht erschienen oder nicht identifiziert worden. Zumindest wissen wir nichts davon. Aber manche Gefahren haben die Eigenschaft, lange zu schlafen, bevor sie dann doch erwachen.

»Aus welchem Grund sollten die Cappins so etwas tun?«, riss mich Kytharas Stimme aus dem stummen Dialog. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie die Medikerin mit der bleich-weißen Haut und dem typischen haarlosen Ara-Spitzschädel dem Cappin eine Injektion verabreichte.

Ich nickte und deutete auf den Verletzten. »Eine logische und berechtigte Frage. Wie du siehst, unterscheidet sich ein Cappin äußerlich kaum von einem Menschen ...«

»Oder von einem Varganen«, warf Kythara ein.

»Oder von einem Varganen, wenn man einmal von der Hautfarbe absieht. Den wichtigsten Unterschied stellt ihre Fähigkeit dar, Kontakt mit einem anderen Lebewesen aufnehmen und dieses durch eine Überlagerung seiner ÜBSEF-Konstante beherrschen zu können: Wir nennen diesen Vorgang Pedotransferierung. Damit können Cappins sowohl ihren eigenen Körper über weiteste Strecken in Nullzeit transportieren als auch geeignete Individuen – die Pedo-Opfer – rein geistig übernehmen.«

»Du hattest eben bei dem Wissenschaftler nach der ÜBSEF-Konstante gefragt. Hast du von Anfang an vermutet, dass es sich bei diesem Wesen um einen Cappin handelt?«

»Die Anzeichen waren eindeutig. Du hast das erste Phänomen gesehen, als der Körper des Fremden Blasen schlug? Wenn ein Cappin ein Opfer übernimmt, bleibt sein eigener Körper an Ort und Stelle zurück, in der Regel als starre, blasige Masse unterschiedlicher Form.«

Ich machte eine Pause und sah der Varganin direkt in die goldenen Augen. »Dein Volk beherrscht eine vergleichbare Kunst, allerdings beschränkt auf die toten und konservierten Körper von Varganen.«

Kythara ging nicht auf die Anmerkung ein, sondern blickte konzentriert auf den leblosen Cappin. »All das erklärt aber immer noch nicht, wieso sich Cappins vor zweihunderttausend Jahren in deiner Galaxis herumgetrieben haben. Sie ist ziemlich weit von ihrer Heimat entfernt, gewiss hätte es nähere ›Jagdgründe‹ für sie gegeben.«

»Die Frühmenschen der Erde galten bei ihnen als besonders gute Pedopole, sie ließen sich leicht anpeilen und übernehmen.«

Kythara deutete auf den haushohen Würfel der Bewusstseinstransferanlage. »Um nun wieder auf die Gegenwart zurückzukommen: Du gehst davon aus, dass dieses Ding hier etwas damit zu tun hat, dass der Cappin hierher gelangt ist?«

»Ich vermute es«, erwiderte ich. »Die Transferanlage wirkt offensichtlich wie ein Pedopeiler ...«

»... der dazu dient, die cappinsche Eigenschaft der Pedotransferierung über gewaltige Entfernungen zu unterstützen?« Kytharas Verstand war zweifellos genauso scharf wie von rascher Auffassungsgabe. Sie hatte meine kurzen Erklärungen nicht nur blitzschnell verarbeitet, sondern auch die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, wie ihr nächster Satz bewies. »Mit ihm sind im Gegensatz zur rein geistigen Pedotransferierung körperliche Versetzungen möglich.«

»Ich vermute, dass die Bewusstseinstransfermaschine auf eine ähnliche Weise gearbeitet haben muss«, bestätigte ich. »Das liegt ja auch nahe ... eine Anlage, die Bewusstseine in andere Körper versetzt! Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach Prinzipien arbeitet, die denen eines Pedopeilers ähneln, ist sehr hoch.«

»Und dieser Vorgang hat funktioniert, obwohl die Maschine deiner Aussage nach defekt ist? Hört sich das nicht ein bisschen verquer an?«

Ich zuckte die Achseln. »Wenn du das verquer nennst, hast du noch nicht so viel gesehen, wie ich gedacht habe. Tatsache ist, dass keiner hier genau weiß, was wirklich beschädigt ist und was nicht, was für ein Funktionieren unabdingbar ist und was man überbrücken kann, wo Selbstreparaturmechanismen arbeiten und wo nicht. Durchaus möglich, dass es Bestandteile gibt, die identisch mit denen eines Pedopeilers sind oder ihnen zumindest ähnlich. Teile, die weiterhin funktionieren.«

Der Zweifel in ihren Augen wurde kaum geringer. »Nur, damit du dir die Ausmaße klar machst: Mit einem kaputten Gerät funktioniert das über fast vierzig Millionen Lichtjahre hinweg?«

Ich hob eine Hand. »Das hat niemand behauptet. Der Cappin muss nicht direkt aus Gruelfin gekommen sein. Wie gesagt, Cappins waren hier zwar schon vor zweihunderttausend Jahren aktiv. Aber in den letzten fünfzehnhundert Jahren gab es nur wenige Kontakte. Es ist durchaus vorstellbar, dass einige erneut hierher gekommen oder insgeheim am Werk sind ...«

»Zu welchem Zweck?«

»Du kennst sicher die Bedeutung des Begriffs insgeheim«, wehrte ich ihr ständiges Nachfragen ab. Noch hatte ich nicht einmal einen Ansatzpunkt für eine Antwort. Aber ich ahnte, dass das Erscheinen des Cappins nur die Spitze eines Eisbergs war, Vorbote eines Unheils, dessen größter Teil noch unbemerkt in den Weiten der Milchstraße verborgen war. Auch wenn die Metapher schief war – meine Neugier war geweckt.

Bevor ich antworten konnte, ließ mich Mayhel Tafgydos scharfer Ruf herumfahren. »Atlan! Er ist jetzt ansprechbar.«

*

Ich musterte den Cappin. Sein Gesicht war bleich wie Kreide; die Augen lagen unnatürlich tief in den Höhlen. Ihr Blick flackerte unstet hin und her, wahrscheinlich, ohne dass der Verletzte überhaupt etwas wahrnahm.

»Wie steht es um ihn?«, flüsterte ich.

Die Ara schüttelte stumm den Kopf. »Auch ohne Cappinspezialist zu sein: schwerste innere Verletzungen«, erwiderte sie genauso leise, »hervorgerufen durch direkte Einwirkungen und Traumata. Hinzu kommt ein starker Schock unbekannter Ursache, der zu einem allgemeinen Organversagen geführt hat. Schon allein das Versagen der Leber wird zu seinem Tod führen. Wir haben ohnehin schon zu wenige Daten für ein effizientes Vorgehen. Und selbst bei wesentlich mehr Daten könnten wir sein Leben wohl nicht retten.«

»Was hast du für ihn tun können?«

»Ich habe ihm die Schmerzen genommen und seinen Kreislauf unterstützt. Aber er hat nicht mehr viel Zeit, höchstens noch ein paar Minuten.«

Ich stellte fest, dass sie seine äußeren Verletzungen nicht behandelt, lediglich Blutungen gestoppt hatte. Wahrscheinlich, weil mehr zu tun sich nicht mehr lohnte. Sie hatte ihm Linderung verschafft und die Schmerzen genommen, und er würde sowieso in wenigen Minuten sterben. Hatte sie ihm das den Kreislauf stabilisierende Mittel injiziert, damit er vor seinem Tod noch mit mir sprechen, mir vielleicht einige Fragen beantworten konnte? Ich sah die Ara-Frau zweifelnd an. »Handelst du ethisch einwandfrei?«

»Natürlich! Was willst du damit andeuten?«

Ich rief mich zur Ordnung. Viele Aras hatten noch immer einen äußerst schlechten Ruf, noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit hatten viele der dunklen Seite ihres Berufs freien Lauf gelassen, Forschung und Genmanipulation um jeden Preis betrieben, Krankheiten erzeugt, nur um sie gegen fürstliche Löhne behandeln zu können, Gifte entwickelt, zu denen sie allein die Gegengifte anboten, aber die Medikerin der ATLANTIS zählte unter Garantie nicht zu diesen schwarzen Schafen. Ich verließ mich auf ihr Wort. Betroffen kniete ich neben dem Sterbenden nieder und drückte seine Hand, während Mayhel behutsam seinen Oberkörper aufrichtete. »Du bist in der Milchstraße, unter Freunden«, sagte ich eindringlich. »Wir haben dich als Cappin identifiziert. Woher kommst du?«

Der flackernde Blick seiner Augen wurde ein wenig steter und fixierte mich schließlich. Dennoch hatte ich den Eindruck, er würde mich gar nicht oder kaum wahrnehmen. Er hustete. »Car... Carscann«, krächzte er dann. »Carscann ...«

»Du kommst von Carscann?«

»Ich ...« Er bewegte schwach den Kopf. »Ich ... bin ... Carscann ...«

»Und woher kommst du?«

»Die ... eure Maschine ... sie ... hat mich eingefangen ... ich ... konnte mich erst jetzt befreien ...« Sein Atem ging etwas ruhiger. Ich hatte schon viele Menschen sterben sehen in meinem jahrtausendelangen Leben. Wahrscheinlich stand der Exitus unmittelbar bevor, es war, als schöpfe der Körper noch einmal Luft vor dem letzten Atemzug.

»Gruelfin ...«, flüsterte er.

»Deine Heimatgalaxis! Du kommst direkt von dort?«

»Gruelfin droht ... eine tödliche Gefahr ... Schreckliche Kriege wüten dort, und das ... das Schwert der Ordnung wartet nur darauf, endlich zuschlagen zu können ... die Ernte einzufahren ...« Seine Stimme wurde zusehends schwächer. Ich musste mich tiefer beugen, um ihn noch verstehen zu können. Irgendwo surrten Aufnahmegeräte; sie zeichneten jedes Wort auf, das der Cappin sprach. Sollte ich etwas nicht verstehen, hatte ich zumindest die Hoffnung, dass es mit der entsprechenden syntronischen Bearbeitung verständlich wurde.

»Wenn der ... wenn die ... wenn ... Lordrichter von Garb ... erst erscheint ... sind alle Cappins verloren ... nicht nur ... Ganjasen ... Die Truppen ... sind ... sind schon am Werk ... sie ... sie wollen die ... die Quelle pervertierten ...« Carscann atmete jetzt stoßweise, seine Worte waren ein schwacher Hauch, der von seinem Atem sofort wieder zerrissen wurde. »Auch an Bord der ... der Schwarzen Plattform ... irregulär ... erscheint und verschwindet wieder ...«

Die Schwarze Plattform? Unwillkürlich musste ich an die Vergessene Positronik denken, die einer schwarzen Plattform glich und die mich erst vor kurzem in die Obsidian-Kluft versetzt hatte. Aber konnte das sein? Konnte die Vergessene Positronik am Ende auch in anderen Galaxien auftauchen, selbst im 40 Millionen Lichtjahre entfernten Gruelfin? Wo war die Verbindung zwischen der Vergessenen Positronik und den Cappins? Gab es überhaupt eine?

Du hast schon Seltsameres gesehen und erlebt, versicherte mir der Logiksektor.

»Auch in Schwarzer Plattform ... Cappins ... brauchen Hilfe ... Eine schreckliche Gefahr ... ganz Gruelfin ... die Lordrichter ...!« Carscanns Hand drückte die meine mit einem Mal so stark, dass ich vor Überraschung, aber auch Schmerz fast aufgeschrien hätte, dann erschlaffte sie. Der Cappin atmete nicht mehr. Seine Augen blickten nun endgültig durch mich ins Leere.

In die Ewigkeit.

Dank meines fotografischen Gedächtnisses konnte ich mich an jedes einzelne seiner Worte genau erinnern. Eine schreckliche Gefahr ... Ich musste an das denken, was ich vor wenigen Minuten Kythara erzählt hatte – daran, dass die Cappins vor etwa 200.000 Jahren genetische Experimente auf der Erde durchgeführt hatten. Experimente, die angeblich dazu dienen sollten, einer »ungeheuren Gefahr« zu begegnen, die im Universum aufgetaucht sei.

Zwar hatte Ovaron, der legitime Herrscher der Cappins, später behauptet, diese Information sei falsch, weil die Urheber der Experimente versucht hätten, Außenstehenden edle Motive vorzutäuschen; dennoch hatten wir nie ausschließen können, dass es diese Gefahr doch gab.

War ich zufällig wieder auf Zusammenhänge gestoßen, die nicht nur Galaxien, sondern auch Jahrhunderttausende umspannten? Trat diese Gefahr nun zutage?

Mayhel ließ Oberkörper und Kopf des Toten wieder behutsam zu Boden gleiten. Ich erhob mich langsam, sah Kythara an. Sie hatte alles mitgehört. Doch ihr befremdeter Blick verriet mir, dass sie die zusammenhanglos erscheinenden Aussagen genauso wenig deuten konnte, wie es mir möglich war.

Ich öffnete den Mund, doch meine Worte wurden von einem hohen, grellen Jaulen übertönt, das mir buchstäblich in den Ohren schmerzte.

Jemand hatte Systemalarm gegeben!

Schon wieder!

»Zurück zur ATLANTIS?«, erkundigte sich Kythara, und ihre ruhige Stimme übertönte den Alarm mühelos.

Ich nickte.

*

»Da seid ihr ja wieder. Festhalten, wir fliegen los«, empfing uns Aktet Pfest in der Zentrale der ATLANTIS.

»Was ...?«, begann ich, doch der Überschwere winkte mit einer Hand in Richtung einer großen Holokugel, die die eingehenden Ortungsergebnisse dreidimensional darstellte.

»Wenn du Augen hast, schau hin. Dann weißt du so viel wie wir und störst keinen.«

Ich wollte gerade zu einer geharnischten Antwort ansetzen, da erkannte ich, was da zu sehen war, und anstelle eines scharfen Tadels sagte ich nur: »Sie ist wieder da.«

Kythara stand neben mir und betrachtete die Darstellung in der Holokugel interessiert. »Wer?«, fragte sie.

»Nicht wer, was!«, korrigierte Pfest, der sich vor kaum fünf Sekunden noch geweigert hatte, mir eine entsprechende Antwort zu geben. Die Aura der Varganin vollbrachte an dem polternden Überschweren wahre Wunder, wie ich feststellte. »Die Vergessene Positronik ist erneut im Bereich des Sonnentransmitters materialisiert und nähert sich in langsamem Flug dessen Zentrum.«

Die Vergessene Positronik ... war sie identisch mit der Schwarzen Plattform, die der Cappin erwähnt hatte? Und wieso erschien sie ausgerechnet jetzt, wie auf ein Stichwort? Nachdem sie erst vor wenigen Tagen wieder spurlos verschwunden war? Jahrhundertelang war ich ihr nicht begegnet und jetzt schon zum zweiten Mal binnen kürzester Zeit. Was war hier los?

Sie wurde schon einmal von der Aktivität der Transfermaschine angelockt, versetzte der Extrasinn. Warum sollte das nun nicht wieder der Fall sein? Und jetzt sieh sie dir mal genau an. Fällt dir nichts auf?

Es war die Plattform, aber sie hatte sich verändert. Stark verändert ...

»Wir steuern jetzt also auf diese Plattform zu?«, erkundigte sich Kythara gerade bei Aktet, der zustimmend brummte.

»Um genau was zu machen?«

»Wir müssen sie aufhalten«, antwortete Aktet kurz angebunden; er fand ganz offensichtlich wieder zu seiner alten Form zurück.

»Aber weshalb denn?« Kythara war die Ruhe selbst.

»Sie bringt Tod und Vernichtung«, beschied ihr der Überschwere knapp.

Kythara starrte mich an.

3.

Ein unüberwindliches Hindernis

»Bring uns endlich näher heran!«, drängte ich den Kommandanten der ATLANTIS.

»Die Leistung der Metagrav-Blöcke liegt bereits bei einhundertzehn Prozent!«, brüllte Aktet Pfest vom gegenüberliegenden Ende der Zentrale, als müsse er gegen das Dröhnen der Maschinen anschreien, das hier allerdings nicht zu hören war.

»Es geht nicht«, flüsterte Kythara, die die Ortungsanzeigen nicht aus den Augen ließ. »Diese Plattform scheint uns förmlich von sich wegzustoßen. Und zwar umso stärker, je mehr Schub wir geben.«

»Wir müssen da durch. Der Rest ergibt sich«, gab ich nicht auf. »Zehn oder zwanzig weitere Prozentpunkte hält das Schiff schon aus.«

»Das ist unsinnig, Atlan«, brüllte Aktet. »Ich schalte jetzt ab.«

»Wir bleiben dran. Sonden ausschleusen!«, befahl ich.

Der Überschwere nickte mürrisch, gab meine Befehle aber weiter, und ich konzentrierte mich wieder auf die Holodarstellung, die rein optische Informationen mit jenen der überlichtschnellen Ortung kombinierte. Der Anblick war faszinierend wie eh und je, besonders die Darstellung des Sonnentransmitters. Insgesamt 20 blaue Riesensonnen des Spektraltyps A4V mit einem Durchmesser von jeweils 2,5 Millionen Kilometern bildeten die Eckpunkte eines regelmäßigen Vielecks. Wenn man sie nun gedanklich miteinander verband, war das Ergebnis einer der fünf platonischen Körper – ein Pentagon-Dodekaeder, bei dem zwölf regelmäßige Fünfecke die Außenfläche bilden.

Die Heilige Zwölf der Lemurer, warf der Extrasinn ein.

Der Durchmesser des vor langer Zeit von Lemurern gebauten Sonnentransmitters betrug rund 42 Lichtstunden oder 45,2 Milliarden Kilometer. Alle 30 Kanten hatten die gleiche Länge von 16,128 Milliarden Kilometern. Im Zentrum der Wirkungslinien und fächerartigen Einflusszonen erfolgte die hypertechnisch gesteuerte Bündelung der Sonnenemissionen und ließ jenen Transmittereffekt entstehen, der Raumschiffe und sogar noch größere Objekte in die Gegenstation eines anderen Sonnentransmitters versetzte. Jedes der Sonnenfünfecke konnte einzeln geschaltet werden; hinzu kam das Zusammenwirken aller zwanzig Sonnen. Dabei entstand dann die Transmitterzone im Zentrum des Dodekaeders.

Doch nicht im Zentrum des Sonnentransmitters, sondern an dessen Rand befand sich das Objekt, das die ATLANTIS nicht erreichen konnte: eine riesige schwarze Quader-Plattform, 6000 Meter lang, 2000 breit und 1000 hoch, die hier materialisiert war. Ihre Oberfläche war früher völlig glatt gewesen, hatte keinerlei Erhebungen, Einbuchtungen oder Öffnungen aufgewiesen. Doch das war jetzt anders ...

Das diffuse, unwirkliche Leuchten, in das sie gehüllt war, wurde von energetischen Aktivitäten ständig mit neuen Farbschattierungen überzogen. Überschlagblitze leiteten Energien ab, die scheinbar aus dem Nichts entstanden waren, Aufrisse ließen stroboskopartig Bilder wie aus anderen, fremden Kontinua entstehen, doch mehr als ein energetisches Wabern und Brodeln konnte ich nicht erkennen.

Die Vergessene Positronik ...

Ich hatte gedacht, die Plattform wäre auf ihrer ewigen Reise als Kosmischer Holländer mit unbekanntem Ziel weitergeflogen.

Ein Irrtum! Sie ist wieder da! Aber warum? Sie näherte sich in langsamem Flug dem Zentrum der 20 Riesensonnen, ohne dass der Transmitter in irgendeiner Weise darauf reagierte.

Zwei torpedoförmige Sonden schossen aus der ATLANTIS und nahmen geraden Kurs auf die Plattform. Ihre Triebwerke zündeten und katapultierten sie geradezu voran. Doch schon nach wenigen 10.000 Kilometern wurden sie langsamer statt schneller. Der geheimnisvolle Einfluss der Plattform beschränkte sich also nicht nur auf größere Objekte wie unseren Schlachtkreuzer.

Schließlich schienen die beiden Sonden wie erstarrt im Raum zu hängen.

»Wie nicht anders zu erwarten, keine feststellbare Beschleunigung mehr«, meldete Tassagol, der Leiter der Abteilung Funk und Ortung. Der gut 100 Jahre alte Arkonide mit den weißblonden Haaren hatte mich zwar als Vorbild auserkoren, behandelte mich jedoch mit der gleichen Blasiertheit wie jeden anderen. Ich habe es ja gewusst, aber auf mich hört ja keiner!, schien er damit sagen zu wollen. Einen praktikableren Vorschlag hatte auch er allerdings nicht zu bieten.

Ich betrachtete die Vergessene Positronik zum wiederholten Male, und noch immer war ich sowohl fasziniert als auch erschrocken über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, seit ich sie zum letzten Mal gesehen hatte: Sie war mit dem aus Psi-Materie bestehenden Kristallmond Vadolon kollidiert und dadurch offensichtlich stark beschädigt worden. Ihre vormals glatte Oberfläche wirkte an zahlreichen Stellen aufgerissen. Aus den unregelmäßig geformten, schroffen, gezackten Spalten quoll eine wabernde Substanz, deren anscheinend kristalline Oberflächenstruktur sich ständig veränderte. Als ich genauer hinschaute, erkannte ich ein transparentes, nur ganz leicht flimmerndes Feld – eine Art Blase, die die Kristalle einhüllte.

Die Plattform hat offensichtlich einen Teil der Psi-Materie mitgenommen, konstatierte mein Logiksektor. Und diese Psi-Materie wuchs. Wie Krebsgeschwüre dehnten sich die kristallinen Auswüchse aus, vereinnahmten mehr und mehr von der Hülle der Plattform, fraßen sie geradezu auf. Das geschah ganz langsam und war nur bei starker Vergrößerung zu erkennen ... doch es geschah!

Psi-materielle Reste des Kristallmonds an Bord der Vergessenen Plattform?, dachte ich. Psi-Materie war ein brisanter, extrem seltener Stoff, der aus Hyperenergie erzeugt werden konnte: Eine Masse von nicht mehr als zehn Gramm setzte bei ihrer Explosion Energien frei, die denen einer Nova kaum nachstanden! Und an Bord der Plattform mochten sich viele Tonnen Psi-Materie befinden ...

»Leistung der Metagrav-Blöcke bei einhundertundzwanzig Prozent.« Aktets Stimme war zwar laut, aber gelassen und fest. Doch es war klar, dass der Kommandant der ATLANTIS eine Entscheidung von mir erwartete. Ich glaubte zu spüren, wie ein Zittern durch die Zentrale des Schiffs lief. Sicherlich eine Täuschung oder eine Warnung meines Unterbewusstseins.

Die ATLANTIS bestand aus einem vierfachen Wabenverbund-Zellensystem, sie zählte zum Modernsten und Besten, was die galaktischen Werften liefern konnten.

Im gekoppelten Verbund glich sie einer Kugel mit sechs überdimensionalen, halbrunden Auswüchsen der eingedockten Beibootkreuzer, zwischen denen in Äquatorhöhe die vier rechteckigen Segmente der zur Hälfte in das Schiff eingelassenen Antriebsaggregate aufragten. Waren sämtliche Großbeiboote abgekoppelt, sah das Mutterschiff aus wie ein Riesenball mit sechs halbkugeligen Vertiefungen, doch eines der Beiboote, die TOSOMA, wurde gerade auf der Stahlwelt generalüberholt.

Ich seufzte. Die Vergessene Positronik schien sich in den Holo-Darstellungen wieder aufzulösen – zum wiederholten Male innerhalb weniger Minuten. Sie war höchstens halb stofflich materialisiert, musste zum Teil noch in einem anderen Kontinuum festhängen, ohne dessen Griff endgültig abschütteln zu können. Dann verfestigte sie sich wieder, ohne allerdings endgültig greifbar zu werden.

»Einhundertfünfundzwanzig Prozent«, meldete Aktet Pfest.

Die ATLANTIS bäumte sich unter dem Gravohub auf, schüttelte sich wie ein wildes Tier, das gegen ein Geschirr ankämpfte, wollte sich vorwärts schieben, doch es gelang nicht.

»Die von der Psi-Materie ausgehende UHF-Strahlung wird stärker, je mehr wir zu beschleunigen versuchen«, sagte Pfest. »Einhundertdreißig Prozent, Atlan.«

Der Kommandant sah mich an, sein Blick war eine einzige Aufforderung. Irgendwie hatte ich den Eindruck, als wolle mich die Vergessene Plattform verhöhnen. Das unwirkliche Leuchten, das sie in den Holos umgab, wurde immer wieder von vielfarbigen Blitzen aufgerissen, begleitet von fünfzig Kilometer oder noch größeren Aufrissen, deren Energie die ATLANTIS ins Verderben reißen konnte, sollte der Kreuzer von ihr erfasst werden.

Das geheimnisvolle Objekt reizte mich mehr, als ich zugeben wollte. Wir wussten so wenig davon, was es mit der Plattform auf sich hatte, die scheinbar ziellos durchs Universum reiste.

»Atlan!«, donnerte Aktets laute Stimme.

Geheimnisse waren dazu da, ergründet zu werden. Aber nicht um jeden Preis. Ich musste es einsehen, obwohl es mir zutiefst widerstrebte: Die Halbstofflichkeit der Plattform, die Psi-Materie oder deren UHF-Strahlung waren ein unüberwindliches Hindernis. Die ATLANTIS wurde von der Plattform abgestoßen, konnte nicht zu ihr vordringen. Meine Hartnäckigkeit war im Augenblick sinnlos, gefährdete lediglich das Leben der Besatzung.

»Abbruch!«, sagte ich heiser. »Parallelflug mit sicherem Abstand.«

Aktet schien aufzuatmen und bedeutete mit einem knappen Nicken, meinen Befehl umzusetzen.

»Vielleicht«, schlug Kythara neben mir mit ihrer rauchigen Stimme vor, »sollten wir es einmal mit meinem Schiff versuchen.«

*

Ich sah die Varganin an.

Sie war eine betörend schöne Frau. Fast einen Meter und achtzig groß, schlank, aber kurvenreich an den richtigen Stellen. Eine hüftlange Goldlockenmähne umspielte das schmale Gesicht mit den ebenmäßigen Zügen, der schimmernden Bronzehaut und den goldenen Augen. Sie machte einen sportlichen und durchtrainierten Eindruck, und ihrem extrem robusten varganischen Naturell entsprechend war sie zweifellos sehr unempfindlich gegenüber Hitze, Kälte, Schmerz.

Ein wenig erinnerte sie mich an Ischtar, die Varganin, die ich in meiner Jugend kennen gelernt hatte, als Kristallprinz, dem der Oheim den Anspruch auf den Thron geraubt hatte. Ich hatte an Chapat gedacht, unseren gemeinsamen Sohn, und dessen Schicksal, das genauso ungewiss wie das seiner Mutter war.

Doch Kythara war zugleich ganz anders als Ischtar: In ihrem Exil in der Obsidian-Kluft hatten die anderen Bewohner sie sowohl als Ehrwürdige Heilige als auch als Herrin der Schlachten bezeichnet. Besser konnte man die Extreme dieser Frau nicht klar machen: die Heilige und die Kämpferin – augenscheinlich ein Widerspruch. Freilich musste man Kythara nur ansehen, um zu wissen, dass sie ein vielschichtiges Wesen war. Im ersten Augenblick hatte mich ihre Ausstrahlung in den Bann geschlagen. Aber auch wenn ich sie noch immer spürte, faszinierten mich doch auch andere Facetten der Frau: Sie hatte ein beeindruckendes Charisma, eine Aura der Weisheit, Abgeklärtheit und Überlegenheit, die mich trotz oder gerade wegen ihrer sparsamen Gestik, der leisen Diktion und der kühl-gelassenen Mimik fast körperlich traf. Sie wirkte keineswegs arrogant, doch ihre ruhige Kraft wurde sofort ersichtlich.

4.

Die Berechtigung der Erbauer

Ich sah Kythara an. »Hältst du das für sinnvoll?«

Varganische Technik brauchte sich insgesamt hinter der der Galaktiker des Jahres 1225 NGZ keineswegs zu verstecken, war in Teilbereichen sogar besser. Aber Kytharas AMENSOON war alt, uralt – 800.000 Jahre oder noch älter. An ihr hatte unzweifelhaft der Zahn der Zeit genagt. Auch wenn varganische Oktaeder von jeher auf Robustheit ausgelegt waren und über sehr wirksame Selbstreparaturmechanismen verfügten, würde es noch etwas dauern, bis wirklich wieder eine hundertprozentige Leistung erreicht war. Das Schiff war immerhin zwanzigtausend Jahre »eingemottet« gewesen.

Würden die Triebwerke der AMENSOON der Belastung standhalten, falls sie ein ähnliches Hindernis überwinden mussten wie gerade eben die ATLANTIS? Und wie würde sich das Schiff verhalten, falls es tatsächlich zu einer Konfrontation kommen sollte – zu einer bewaffneten Auseinandersetzung?

Ein Raumgefecht, Arkonide, verdeutlichte der Logiksektor, zwischen einer 848 Meter hohen Doppelpyramide aus goldenem Varganstahl und einer sechs Kilometer langen Plattform dürfte interessant werden. Beide mit uns unbekannten technischen Spezifikationen ...

Was die reine Ironie betraf, war der Extrasinn mir noch immer nicht gewachsen. In jeder anderen Hinsicht jedoch ...

Kythara lächelte. »Warte es ab, Atlan. Was hast du zu verlieren?«

Dein Leben zum Beispiel, spottete der Logiksektor.

Ich erwiderte das Lächeln. »Selbstverständlich werden wir es versuchen. Allerdings nur unter einigen Voraussetzungen.«

Kythara sah mich fragend an. Ich wandte mich an Aktet. »Die ATLANTIS hält sich in der Nähe bereit. Sollte uns der Durchbruch gelingen, folgt ein von dir zusammengestelltes Einsatzkommando so schnell wie möglich per Transmitter auf die AMENSOON.«

»Verstanden.«

Mir widerstrebte es zutiefst, unvorbereitet und Hals über Kopf auf solch eine Mission zu gehen. Wenn ein Cappin erschien und etwas von einer furchtbaren Gefahr berichtete, wollte ich dieser Bedrohung so gut ausgerüstet und vorbereitet wie möglich entgegentreten. »Zuerst werden wir den Durchbruch jedoch allein versuchen«, fuhr ich fort. »Risikominimierung.«

Ich war schließlich verantwortlich für meine Leute und wollte ihr Leben nicht wegen nicht untermauerter Andeutungen aufs Spiel setzen. Auch wenn nicht von allen Einsätzen, die ich geleitet hatte, alle lebendig zurückgekehrt waren ...

»Eine äußerst kluge Entscheidung«, sagte Kythara noch immer lächelnd.

Es war in diesem Augenblick so unangebracht wie irgendetwas, doch ich musste mir eingestehen, dass ich mich von der Varganin angezogen fühlte. Kythara hatte ihre Geheimnisse, davon war ich überzeugt. Vielleicht gelang es mir ja, sie ihr im Laufe der Zeit zu entlocken – schließlich kannten wir uns ja ohnehin erst kurz und hatten noch gar nicht die Zeit für intensive und ausführliche Gespräche gehabt. Für sie war ich – Zellaktivatorträger, ehemaliger Kristallprinz, ehemaliger Imperator von Arkon, ehemaliger Lordadmiral der USO, ehemaliger Ritter der Tiefe und so weiter und so fort – genauso ein unbeschriebenes Blatt wie sie für mich!

Ich lächelte schwach. »Worauf warten wir also noch? Gehen wir an Bord der AMENSOON!«

*

»Die Transmitter sind synchronisiert, diesmal sollte es keine Komplikationen geben«, brummte Aktet Pfest.

Die AMENSOON hatte sich auf einen Rafferfunkspruch Kytharas hin der ATLANTIS genähert und ging gerade längsseits. In Gestalt zweier mit den Bodenflächen aufeinander gesetzter gleichseitiger Pyramiden aus goldenem Varganstahl raste der Oktaeder-Raumer nun parallel zur ATLANTIS durchs All. Mit seinen jeweils 600 Metern Kantenlänge betrug die Gesamthöhe der Doppelpyramide 848 Meter.

Ich reichte dem Überschweren die Hand. »Wir gehen wie besprochen vor.« Dann wandte ich mich dem Transmitter zu. Ich sah Kythara an, sie nickte, gemeinsam traten wir in das Abstrahlfeld. Unwillkürlich schloss ich die Augen, um mich gegen die Nebenwirkungen des Sprungs zu wappnen.

Doch diesmal war der Ent- und Rematerialisationsschmerz nicht ganz so stark. Ich öffnete die Augen wieder, rieb den Nacken und drehte mich. Ringsum erlosch der dunkelrot glühende Ring aus pulsierender Energie. Ein varganischer Transmitter bot ein ungewohntes Bild. Auf vier achteckigen, knapp hüfthohen Säulen lag eine Metallplatte für den Ent- und Rematerialisationsbereich, der vom Energiering umschlossen wurde. Wie ich aus meiner Jugend wusste, verfügten Varganenraumer über kleine Personentransmitter für den Nah- und raumschiffsinternen Bereich wie auch über große Frachttransmitter mit Reichweiten von vielen tausend Lichtjahren. An Bord der AMENSOON gab es laut Kytharas Auskunft insgesamt zehn Klein-, fünf mittlere und drei Großtransmitter.

Als das Leuchten des Transmitters erlosch, setzte sich die Helligkeit durch, die die normale Innenbeleuchtung spendete: ein leicht blaustichiges Licht aus Deckenplatten oder indirekt angebrachten Leuchtkörpern. Ich sprang von der Metallplatte. Kythara stand schon vor einem Hologramm und rief Daten auf. Das knielange weiße Kleid, das sie getragen hatte, als ich sie auf Vinara zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie gegen eine blaumetallische, enge Kombination mit eingearbeiteten kniehohen schwarzen Stiefeln getauscht. Ihr handbreiter schwarzer Gürtel war mit einer doppelt handgroßen Schnalle versehen und mit etlichen silbernen Taschen und Etuis besetzt.

»Alle Systeme im erwarteten Bereich«, sagte Kythara. »Die Selbstreparaturmechanismen arbeiten auf Hochtouren, aber die AMENSOON ist noch längst nicht die Alte. Doch es muss genügen. Gehen wir in die Zentrale.«

Ich nickte knapp. Ja, es musste genügen. Ausgestattet für eine Expedition in ein fremdes Universum, waren die Schiffe von vornherein auf extreme Robustheit ausgelegt und verfügten über sehr wirksame Selbstreparaturmechanismen – einerseits, weil viele Aggregate innerhalb ihrer Außenkapsel ohnehin nur auf rein energetischem Wege nach vorgegebenen Programmen projiziert wurden, andererseits, weil es für alle Bereiche Selbstreparaturroutinen, Servomechanismen und Reparaturroboter bis hinab in den Mikro- und Nanobereich gab. Hinzu kamen oval-goldene multifunktionale Servo- und Dienstroboter mit jeweils acht Tentakelarmen, die sich aber auch auf Prallfeldern bewegen konnten.

In einwandfreiem Zustand konnte es die AMENSOON mit jedem Schiff der Milchstraße aufnehmen. Aber wie Kythara selbst eingestanden hatte, befand sie sich keineswegs in einem solchen. Der Klumpen in meiner Magengrube schien größer und schwerer zu werden. Ich fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte oder nur zu ungeduldig gewesen war.

*

Die Zentrale befand sich im Zentrum des Oktaeders. Menschenleer, wie sie war, erweckte sie den Eindruck, als wartete sie auf eine Besatzung, die sie mit Leben erfüllen würde. Die Aggregate wirkten fremdartig, doch selbst wenn ich noch nie an Bord eines varganischen Schiffes gewesen wäre, hätte sich mir ihre Funktion schnell erschlossen. Ein positronischer Hauptrechner verkündete mit angenehmer Stimme seine Bereitschaft. In der Panoramagalerie leuchteten Holos auf, auf Schaltpulten blinkten Bedienungsflächen.

Kythara setzte sich hinter eine Konsole. »Die Steuerung der AMENSOON kann dank ausgeprägter Automatisierung und positronischer Unterstützung durch eine Person erfolgen«, sagte sie geistesabwesend, eher zu sich selbst als zu mir. »Jahrtausende war ich allein an Bord ...«

Bei aller Automatisierung hatten die Konstrukteure eine grundlegende Basisausstattung für den Notfall vorgesehen. Für den vertikalen internen Transport gab es neben Antigravschächten auch Nottreppen. Horizontale Hauptgänge, die als umlaufende Ringkorridore sowie als Stichgang vom Zentrum zur Außenhülle angelegt waren, konnten ganz normal per pedes benutzt werden, sofern die energetischen Transportbänder oder die Prallfeld-Sphären ausfielen.

Eine schimmernde Sphäre raste durch ein sich öffnendes Schott in die Zentrale und entließ einen Roboter, der auf seinem eigenen Prallfeld über einer Konsole schwebte. Nur die Darstellungen der Holos verrieten, dass die AMENSOON soeben beschleunigt und gleichzeitig ihren Kurs geändert hatte. Sie hielt nun genau auf den Sonnentransmitter zu, dessen Zentrum sich noch immer die Vergessene Plattform näherte – ohne ungebührliche Hast und Eile, fast so, als wisse sie, dass nichts und niemand ihr etwas anhaben konnte.

»Wir kommen voran«, sagte Kythara. »Zwar nicht mit der Geschwindigkeit, die wir aufgrund der Triebwerksleistung eigentlich erreichen sollten, aber immerhin.«

»Jedenfalls besser als die ATLANTIS«, gab ich ihr Recht. »Und woran liegt es?«

Die AMENSOON war bei weitem noch nicht hundertprozentig wiederhergestellt, die Selbstreparaturroutinen und -servos arbeiten weiterhin auf Hochtouren. Aber das hatte nichts damit zu tun, dass eine gegebene Triebwerksleistung nicht den eigentlich daraus resultierenden Schub brachte. Auch uns drängte also etwas zurück.

Andererseits hatten die Varganen die Plattform früher einmal immerhin als Station auf der Suche nach dem Stein der Weisen genutzt. Offenbar reagierte sie in irgendeiner Hinsicht auf den Varganenraumer und wehrte ihn nicht so konsequent ab, wie es bei der ATLANTIS der Fall gewesen war.

Kurz darauf wurde die Vergessene Positronik von den Systemen der Nahortung erfasst, sodass ich erste Einzelheiten erkennen konnte. Die aus dem Quader quellende Psi-Materie war weiter gewuchert und bedeckte noch mehr der Oberfläche, wie ich mit Hilfe meines fotografischen Gedächtnisses zweifelsfrei feststellte. Ich kämpfte gegen aufsteigende Erinnerungen an und drängte sie zurück. Sie fegten mich nicht hinweg, rissen mich nicht in Trance. Es gelang mir, mich auf die zu beschränken, die ich hervorrufen wollte.

*

Ich kannte das Objekt aus meiner Jugendzeit. Seit Jahrzehntausenden wurde dieser Kosmische Holländer immer wieder gesichtet, tauchte geheimnisvoll auf und verschwand ebenso rasch wieder.

Einige Völker nannten den schwarzen Quader die Vergessene Plattform, andere die Vergessene Positronik. Aber alle sprachen nur hinter vorgehaltener Hand von diesem Gebilde. Für viele galt das Erscheinen der Plattform als böses Omen. Andere hatten sie als Gespensterschiff bezeichnet, denn nachweislich geisterte sie seit über 10.000 Jahren durch die Galaxis. Einige behaupteten, sie sei das Erbe eines kosmischen Urvolks, das spurlos verschwand, bevor unsere Vorfahren überhaupt lernten, das Feuer zu beherrschen. Seitdem erschien der schwarze Quader in unregelmäßigen Abständen mal auf dieser Seite der Galaxis, mal auf jener. Angeblich brachte er allen, die ihm begegneten, den Tod.

Ich war schon einmal auf dieser Plattform gewesen und lebte noch immer; vieles von den Legenden war nur dummes Geschwätz. Längst war mir auch bekannt, dass sie von Lemurern geschaffen, aber später von Varganen benutzt worden war. Eng verbunden mit den Legenden und Erzählungen über die Plattform waren jene, die sich auf den Stein der Weisen bezogen: angeblich ebenfalls Erbe eines uralten Volkes, sollte er dem, der ihn in seinen Besitz brachte, Glück und Macht bescheren. Die Zahl der Überlieferungen und Mythen, die sich um ihn rankten, wurde wohl nur von jenen übertroffen, die sich auf die Unsterblichkeit bezogen – zumal es Berührungspunkte und Überschneidungen zwischen beiden Themen gab. Während aber die Unsterblichkeit Realität werden konnte, wie ich sehr wohl wusste, war ich mir bei diesem Stein noch nicht ganz sicher, zumal keine Legende Genaueres über ihn verriet. Er konnte beinahe alles sein, was sich irgendwie unter die Aspekte Glück und Macht fassen ließ. In meiner Jugendzeit war ich dem Stein jedoch über Ischtar auf die Spur gekommen, absolvierte – beginnend mit dem ersten Aufenthalt auf der Vergessenen Positronik – einen Teil der von den Varganen hinterlassenen »Rätselstrecke«, verlor dann aber zunächst die Spur wieder. Später erfuhr ich, dass es sich bei dem »Stein« um jene technische Anlage handelte, die den Varganen einst die Versetzung zwischen ihrer eigentlichen Heimat, dem »Mikrokosmos«, und unserem Standarduniversum und zurück ermöglicht und ihnen die Unsterblichkeit beschert hatte.

Ob das letztlich die ganze Wahrheit darstellte, war eine ganz andere Frage. Mehr denn je zweifelte ich inzwischen daran und erinnerte mich an eine der damaligen Aussagen meines Lehrmeisters Fartuloon: Der sagenhafte Stein der Weisen, scheint mir, könnte das Bindeglied zu unseren Wissensfragmenten der galaktischen Geschichte darstellen. Vermutlich werden wir den Äonen umspannenden Bogen unseres Ursprungs erst dann vollständig vor uns ausbreiten können, wenn unsere Suche nach diesem »Kleinod« erfolgreich ist.

Bei Gelegenheit solltest du Kythara befragen, raunte der Extrasinn. Vielleicht weiß sie mehr?

Die Varganin blickte von ihrem Kontrollpult auf. So zurückhaltend sie sonst auch sein mochte, jetzt blitzte es in ihren Augen hell vor Freude, wenn nicht sogar Triumph. »Ich habe Kontakt!«

*

»Kontakt?«, hakte ich nach. »Mit der Plattform?«

Sie nickte. »Über eine uralte Frequenz, die ich unter den Stichworten Schwarzer Quader und Stein der Weisen fand. Genau genommen nicht mit der Plattform selbst, sondern mit einem Rechner, der varganischen Ursprungs ist. Er reagiert mit einiger Verzögerung, aber immerhin. Das ist doch schon etwas!«

»Mehr, als wir auf der ATLANTIS zustande gebracht haben«, gestand ich neidlos ein.

Kythara schaltete. Die Verbindung war schlecht, von Interferenzen überlagert und lautem Rauschen durchdrungen. Doch während des Gesprächs filterte die Bordpositronik immer mehr der Störgeräusche heraus, sodass schon nach wenigen Sätzen eine einwandfreie Verständigung möglich war. Falls man wirklich von Verständigung sprechen konnte ...

»Die Varganin Kythara an Bord der AMENSOON ruft den varganischen Rechner. Bitte um Bestätigung der Identität!«

»Identität zweifelsfrei! Die Ortung erfasst ein varganisches Raumschiff. Ich bestätige die Anwesenheit wie auch die Berechtigung der Erbauer.«

Der Erbauer? Ich runzelte die Stirn und sah Kythara an, doch sie beachtete mich nicht.

»Ich fordere Landegenehmigung auf der Plattform. Sende mir einen Peilstrahl, damit wir andocken können.«

»Landeerlaubnis erteilt. Aber« – die Stimme des varganischen Rechners klang fast entschuldigend – »ich weise darauf hin, dass ich nur auf einen Bruchteil der Plattformaggregate direkten Zugriff habe. Ich bestätige die Berechtigung der Erbauer. Weiterhin gibt es jedoch viele autarke Einheiten, die sich völlig der Kontrolle entziehen und eine Gefahr darstellen könnten, sollten die Erbauer an Bord kommen wollen. Ich bestätige die Berechtigung der Erbauer.«

Ich sah Kythara stirnrunzelnd an. Ganz einwandfrei schien der Rechner nicht mehr zu funktionieren. Sie antwortete, ohne sich meiner Zustimmung zu vergewissern: »Dieses Risiko gehen wir ein, Rechner.«

»Ich bestätige die Berechtigung der Erbauer. Du entbindest mich von jeder Verantwortung, Varganin Kythara?«

»Ich leite die notwendigen Schaltungen ein.«

Gespannt beobachtete ich Kythara, die ihrerseits konzentriert verfolgte, welche Schaltungen der Nebenrechner vornahm. Sie war mir um einiges voraus, was die Bedienung der AMENSOON betraf, und ich musste dringend meine Kenntnisse auffrischen, sollten wir länger an Bord des Schiffes bleiben. In meiner Jugend hatte ich – von Ischtar und auch bei anderer Gelegenheit – Hypnoschulungen erhalten, die unter anderem die Bedienung von Varganentechnik beinhaltet hatten, aber nicht auf die wissenschaftlichen Grundlagen eingegangen waren.

Mit meinem heutigen Wissen war mir allerdings klar, dass die vor rund 800.000 Jahren in die Milchstraße gekommenen Varganen Transitions-Technologie mit Halbraum- und Paratron-Technologie verknüpft hatten, und es gab sogar Aggregate, die – das wurde mir jetzt erst so richtig bewusst! – bis in den von den Cappins bekannten Dakkar-Bereich hinein ihre Wirkung entfalteten!

Dakkar-Technik! Schon wieder die Cappins, vermerkte der Extrasinn. Hast du eigentlich bemerkt, dass sie selbst deine Frage nach Cappins nicht beantwortet hat und nur dich erzählen ließ?

Bevor ich darauf antworten konnte, ging ein Ruck durch die AMENSOON, und das Schiff machte einen Satz. Einen Augenblick lang schien ein Vibrieren durch den Boden zu laufen, als kämpfe es gegen eine unsichtbare Kraft an, dann glitt es sanft voran, als schwimme es auf einem genauso unsichtbaren Strom.

»Ein Traktorstrahl hat uns erfasst«, sagte Kythara.

*

»Energieemission.« Die Varganin deutete auf ein Holo. Die Darstellung zeigte die AMENSOON und die Vergessene Plattform. Zwischen ihnen hatte sich eine Art Schlauch gebildet, der sich um die beiden Gebilde blasenförmig ausstülpte. Er schützte sie vor einem dunkelblauen Flimmern, das den Rest des Holos ausfüllte – wahrscheinlich ein Ausdruck jener Strahlung, die eine Annäherung der ATLANTIS an die Plattform verhindert hatte.

»Triebwerke ausschalten!«, befahl Kythara der Bordpositronik. »Entfernung zur Plattform?«

»Einhundertzehn Kilometer.«

Kythara runzelte die Stirn. Wahrscheinlich berechnete sie, wann sie spätestens eingreifen musste, um zu verhindern, dass das Schiff mit mörderischer Wucht auf das größere Objekt prallte. Aber welche Möglichkeiten blieben ihr jetzt noch zum Eingreifen?

»Entfernung?«

»Sechzig Kilometer.«

»Triebwerke in Bereitschaft. Auf meine Anweisung Gegenschub. Entfernung?«

»Dreißig Kilometer.«

Ich musterte das Holo, studierte die eingeblendeten Daten. Dann räusperte ich mich leise. »Wir sollten ...«

Wieder durchlief ein sanfter Ruck die AMENSOON. Die Andruckabsorber glichen die auf das Schiff einwirkenden Kräfte restlos aus, doch ich wusste, dass wir mit brachialer Gewalt abgebremst wurden. Ein Blick auf die Daten lieferte die Bestätigung.

»Entfernung fünf Kilometer ... vier ... drei ...«

Kythara entspannte sich. Es bestand keine Gefahr mehr, dass wir wie ein Geschoss in die Vergessene Plattform einschlugen. Hatte der varganische Partialrechner uns beweisen wollen, wozu er trotz aller Einschränkungen noch fähig war, oder war er einfach von Werten ausgegangen, die ein varganisches Raumschiff problemlos verkraften konnte?

Sanft wie eine Feder stoppte die AMENSOON ihren Sinkflug knapp über der Oberfläche der Plattform, über einem Bereich, der noch nicht von den wuchernden Kristallen bedroht wurde. Der Traktorstrahl blieb bestehen und hielt das Schiff unverrückbar an Ort und Stelle.

Im nächsten Augenblick glaubte ich, mein Körper würde auseinander gerissen und in einzelne Atome gespalten werden. Glühende Lava floss meine Nerven entlang und setzte das Fleisch um sie in Brand. Meine Muskeln explodierten und jagten weitere unerträgliche Schmerzen durch meine Glieder, die Knochen zerfielen zu Mehl, die Synapsen in meinem Gehirn sprühten Feuer.

Die Vergessene Positronik ist transitiert!

Das war mein letzter Gedanke, dann wurde es schwarz ...

5.

Die Palette des galaktischen Malers

Narr!, schimpfte der Extrasinn. Du bist wirklich der größte Narr des Multiversums!

Ich widersprach ihm nicht, war noch zu sehr damit beschäftigt, meine Körperfunktionen aufrechtzuerhalten und meine Gedanken zu ordnen. »Was ... ist passiert?«

Die AMENSOON hat die Vergessene Positronik erreicht, rief mir der Logiksektor in Erinnerung zurück. Doch genau das scheint das letzte Tröpfchen gewesen zu sein, das das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Plattform ist unmittelbar darauf mit unbekanntem Ziel transitiert ... genau, wie du noch vermutet hast!

Ich fluchte leise. Mein schnell zurechtgelegter Plan mit der gut ausgerüsteten und vorbereiteten Expedition war gnadenlos gescheitert.

Statt direkt Vorsorge zu treffen und zusätzliche Mannschaften, Spezialisten und Ausrüstung mitzunehmen, sitzt du nun an Bord eines Raumers, der Jahrtausende auf Vinara lag und schwerlich noch das Beste ist, was die moderne Raumfahrt zu bieten hat, fuhr der Extrasinn gnadenlos fort. Selten war die Bezeichnung Narr für dich zutreffender als jetzt, auch wenn ich sie in letzter Zeit etwas inflationär verwendet habe. Narr!

»Aber es ist immerhin ein Varganenraumer«, murmelte ich zu meiner Verteidigung, »der ohne Zweifel noch die eine oder andere Überraschung zu bieten hat ...«

Ich rappelte mich auf. Kythara hatte als Varganin nicht nur den Transmittersprung, sondern auch die Transition besser verkraftet als ich. »Die AMENSOON ist stark in Mitleidenschaft gezogen worden«, sagte sie, ohne von ihren Instrumenten aufzublicken. »Zahlreiche Geräte sind ausgefallen. Besonders hart trifft uns im Augenblick der Verlust der Ortung. Aber auch die Triebwerke reagieren nicht mehr.«

Erst jetzt fiel mir auf, dass die meisten Holos in der Zentrale erloschen waren. Die wenigen, die noch funktionierten, zeigten Innenansichten der AMENSOON oder die Oberfläche der Vergessenen Plattform, schwarzes Metall, das auf diese geringe Entfernung zahlreiche schwache Grauschattierungen aufwies. Ich glaubte auf eine Landschaft aus künstlichen Schluchten und eckigen Erhebungen zu schauen, die immer wieder von Rillen durchzogen waren. Hier erhoben sich Gebilde, die an Antennen erinnerten, dort reckten sich wesentlich dickere Türme oder flache Schüsseln in den Himmel, der von einem fahlen, unwirklichen Leuchten erhellt wurde, das sich aus allen Farben des Regenbogens zusammenzusetzen schien.

Antennen ... Geschütztürme? Ich runzelte die Stirn. »Woran liegt es? An der Transition oder ...?«

»Vordringlich an der Störstrahlung der Plattform und der Psi-Materie. Sie beeinträchtigen das Schiff zu stark. Ich kann noch keinerlei Rückschlüsse ziehen, ob durch die Transition spezifische Schiffssysteme beschädigt wurden. Wenigstens arbeiten die Selbstreparaturroutinen noch. Sie bemühen sich, die Schäden zu beseitigen und die Störstrahlung abzuschirmen – bislang allerdings ohne großen Erfolg.«

»Die Frage, wohin die Plattform transitiert ist, erübrigt sich wohl«, sagte ich mit einem Blick auf die Holos. »Ich schlage allerdings vor, dass wir es so schnell wie möglich herausfinden.«

Die Vergessene Plattform war bekannt dafür, dass sie an den ungewöhnlichsten Stellen des Weltraums materialisierte. Mir behagte der Gedanke nicht, mich vielleicht in unmittelbarer Nähe zu einem Schwarzen Loch oder zu einem Stern zu befinden, der sich jeden Augenblick in eine Supernova verwandeln würde.

»Wer bin ich, dass ich dir widerspreche, Unsterblicher?«, sagte Kythara ruhig. Mir entging nicht ihre feine Ironie, die jedoch weder verletzend noch überheblich wirkte. Uns beiden war klar, dass sie auf eine wesentlich größere Lebensspanne als ich zurückschauen konnte. Auf ihre Art war sie durchaus humorvoll, obwohl Ernst und Erhabenheit zu überwiegen schienen.

Ich musste es mir eingestehen, dass sie mich immer mehr beeindruckte. Bei ihr mischte sich permanent das Charisma einer weisen, abgeklärten und überlegenen Frau mit dem Anblick des jugendlichen, straffen Körpers und dem wunderschönen Gesicht. Rein äußerlich wirkte sie viel zu jung und attraktiv, um weise und abgeklärt zu sein. An diesen Widerspruch musste ich mich gewöhnen – war mir allerdings bewusst, dass ein Zellaktivatorträger wie ich auf Normalsterbliche genau den gleichen Eindruck machte.

»Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als den Raumer zu verlassen«, sagte sie. »Irgendwo an Bord werden wir wohl Raumanzüge finden, wenn ich mich recht entsinne.«

*

Wir fanden sie in einem Ausrüstungsmagazin, zu dem Kythara mich zielstrebig führte. Um es zu erreichen, benutzten wir nicht eine Prallfeld-Sphäre wie die, die den Roboter in die Zentrale gebracht hatte, sondern die rechte Seite eines gegenläufigen energetischen Transportbands, dessen Gleitenergie sich wie festes Material verhielt, bewegte und sehr tragfähig war. Aus meiner Jugend wusste ich, dass die Sphären wie auch die Transportbänder durch Abstrahlprojektoren in den Decken erstellt wurden.

Das Magazin war ein rechteckiger Raum mit sechs Reihen geschlossener, metallisch glänzender Schränke, die bis an die Decke reichten. Kythara öffnete einen und enthüllte dadurch varganische Kampfanzüge mitsamt goldfarbenen Helmen, aus denen ein halb transparenter Kamm ragte. Zum Teil waren sie an Magnethalterungen aufgehängt, zum Teil in Kraftfelder eingebettet.

Die typisch varganischen Energieaggregate, die ich ebenfalls aus meiner Jugend kannte,

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