Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Atlan - Obsidian-Zyklus (Sammelband): E-Book-Paket: alle 12 Romane in einem Band

Atlan - Obsidian-Zyklus (Sammelband): E-Book-Paket: alle 12 Romane in einem Band

Vorschau lesen

Atlan - Obsidian-Zyklus (Sammelband): E-Book-Paket: alle 12 Romane in einem Band

Länge:
1,453 Seiten
17 Stunden
Freigegeben:
Aug 14, 2014
ISBN:
9783845333526
Format:
Buch

Beschreibung

Im März 1225 Neuer Galaktischer Zeitrechnung hält sich Atlan noch immer mit seinem Raumschiff TOSOMA und dessen Besatzung im Kugelsternhaufen Omega Centauri auf.
Auf der Stahlwelt materialisiert eine schwarze Quaderplattform, die den Arkoniden sofort an die "Vergessene Plattform" erinnert.

Das Gebilde, das ihm bereits in seiner Jugend begegnet war, durchstreift seit Jahrtausenden die Milchstraße, ohne dass Aufgabe und Herkunft bekannt sind. Ein Transmittersprung geht schief, und Atlan und seine Begleiter landen direkt auf der "Vergessene Plattform". Dort müssen sie um ihr Leben kämpfen ...

Folgende Romane sind enthalten
Band 1: "Im Licht des Kristallmondes" von Hubert Haensel
Band 2: "Insel der Verdammten" von Uwe Anton
Band 3: "Die Savannenreiter von Vinara" von Michael Marcus Thurner
Band 4: "Tamiljon" von Susan Schwartz
Band 5: "Im Zeichen des Kristallmondes" von Bernhard Kempen
Band 6: "Die Eisgruft" von Hans Kneifel
Band 7: "Sardaengars Botschaft" von Michael Marcus Thurner
Band 8: "Die Technostadt" von Bernd Frenz
Band 9: "Braune Pest" von Arndt Ellmer
Band 10: "Im Land der Silbersäulen" von Ralf Schuder
Band 11: "Die Macht des Kristallmondes" von Michael H. Buchholz
Band 12: "Die Obsidian-Kluft erwacht" von Uwe Anton
Freigegeben:
Aug 14, 2014
ISBN:
9783845333526
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Atlan - Obsidian-Zyklus (Sammelband)

Mehr lesen von Hubert Haensel

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Atlan - Obsidian-Zyklus (Sammelband) - Hubert Haensel

cover.jpg

Im März 1225 Neuer Galaktischer Zeitrechnung hält sich Atlan noch immer mit seinem Raumschiff TOSOMA und dessen Besatzung im Kugelsternhaufen Omega Centauri auf. Auf der Stahlwelt materialisiert eine schwarze Quaderplattform, die den Arkoniden sofort an die »Vergessene Plattform« erinnert. Das Gebilde, das ihm bereits in seiner Jugend begegnet war, durchstreift seit Jahrtausenden die Milchstraße, ohne dass Aufgabe und Herkunft bekannt sind. Ein Transmittersprung geht schief, und Atlan und seine Begleiter landen direkt auf der »Vergessenen Plattform«. Dort müssen sie um ihr Leben kämpfen ...

img1.jpgimg2.jpg

Nr. 1

Im Licht des Kristallmondes

von Hubert Haensel

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

1.

Der Schmerz traf mich mit unglaublicher Wucht. Ich taumelte durch explodierende Sonnenglut, doch diesen Gewalten konnte mein leichter Raumanzug nur wenige Augenblicke standhalten. Ich spürte, wie der Schutzschirm fast zusammenbrach und dass der Anzug unter dem Ansturm der entfesselten Energien aufflammte.

Der Sauerstoff kochte; wie Feuer tobte er durch meine Luftröhre. Trotzdem konnte ich nicht einfach aufhören zu atmen.

Es gab kein Zurück! Tief in mir wisperte eine Stimme von Betrug und dass nur Millisekunden vergangen seien ... Das in grellen Entladungen lodernde Transmitterfeld hatte uns irgendwo ausgespuckt, nur nicht am Ziel.

Ich stürzte durch einen reißenden Sog, und der glühende Schutzanzug brannte sich ins Fleisch ein. Hinter mir erklangen die qualvollen Schreie meiner Begleiter. Wir hatten keine Chance, diesem Inferno zu entkommen. Nicht einmal der Zellaktivator würde mein Leben retten können, wenn mich die Hitze von innen heraus verbrannte.

Ich achtete nicht auf das Flüstern in meinen Gedanken, weil mich nur noch eine einzige Regung beseelte: Li!, dachte ich. Li da Zoltral – nun werden wir für alle Zeit vereint sein. Nicht im Leben, aber im Tod.

Sie war mir so nahe. Ich spürte ihren Atem, sah ihre helle Haut, registrierte sogar die Tränen in ihren Augenwinkeln. »Komm!«, schien sie mir zuzurufen. »Komm mit mir, Atlan!«

Der Schmerz wurde unerträglich. Er raubte mir die Besinnung.

*

Rückblick:

»Keine erwähnenswerten Vorkommnisse!« Zuunarik zwirbelte seinen kurz gestutzten Kinnbart und erhob sich aus dem Pilotensessel. »Wir haben uns den langweiligsten Ort des Universums ausgesucht«, behauptete er im Brustton der Überzeugung.

Ein zweifelndes Lächeln huschte über Lethem da Vokobans Gesicht. Eindringlich musterte er den Piloten der TOSOMA. »Wenn ich mich recht entsinne, wird auf dem Mutterschiff anderes gesagt.«

»Die wissen es immer besser«, erwiderte Zuunarik spöttisch.

Mit einigem Aufwand hatte die Erforschung der Stahlwelt begonnen. An Bord der ATLANTIS war Lethem gestern durch den von der Stahlwelt aus aktivierten Situationstransmitter eingetroffen und mit einer Reihe von Spezialisten auf die TOSOMA übergewechselt. Im Gegenzug waren etliche Besatzungsmitglieder aufs Mutterschiff zurückgekehrt, und dann war die ATLANTIS mit Kurs Arkon abgeflogen. Jetzt trat Lethem da Vokoban seinen Dienst in der Zentrale des Schweren Jagdkreuzers an.

Protokollabruf:

Es gab tatsächlich keinen Eintrag außer Dienstbeginn und -ende des Zaliters Zuunarik. Nichts, was der Erwähnung wert gewesen wäre.

Status:

Orbit über dem Riesenplaneten Kharba. Warteposition.

Auf Kharba, das wusste der Zweite Pilot, gab es eine Transmitterverbindung zur Stahlwelt. Und auf dieser Stahlwelt, einem ausgehöhlten Planetoiden, hielt sich Atlan mit seinen Begleitern auf.

Lethem da Vokobans Blick schweifte über die Panoramagalerie. Ausgedehnte Wolkenwirbel verwehrten den Blick auf die Oberfläche des Riesenplaneten. Zwei seiner Monde, öde Felsbrocken, zogen durch den Erfassungsbereich. Ihr vielfältiger Schattenwurf zeichnete sich deutlich ab.

Ein weiterer Mond wurde von den Optiken eingefangen – eine Eiswüste, eigentlich selbst schon ein kleiner Planet. Die TOSOMA passierte ihn in geringer Distanz. Im Licht der dicht stehenden blauen Sonnen schimmerte der Mond wie Aquamarin.

Nur 42 Lichtstunden durchmaß die Konstellation der zwanzig Riesensterne, von denen jeder ein Spiegelbild der anderen zu sein schien. Schon der Anblick ihrer mathematisch exakten Positionen faszinierte Lethem. Es war ein unglaublicher Reiz, die Gravitations- und Energieströmungen zwischen ihnen auszuloten ...

»Ortung!« Der Ausruf riss den Arkoniden aus seinen Überlegungen. »Abrupter Massezuwachs im Zentrumsbereich des Dodekaeders.«

»Detaillierter!«, drängte der Kommandant.

»Das ist noch nicht möglich! Die Daten kommen stark verzerrt herein.«

»Bereit für Kursmanöver? Eventuell Anflug des georteten Objekts.«

»Bereit!«, bestätigte Lethem.

Dreißig Minuten Langeweile genügten ihm. Nichts wäre ihm lieber gewesen, als mit dem Großbeiboot der ATLANTIS in das Sonnendodekaeder vorzustoßen. Er aktivierte die Navigationsholos. Selbst in der verkleinerten Wiedergabe wirkten die Sonnen noch imposanter als der schönste Kugelsternhaufen. Ein Kunstwerk, fand Lethem. Ausdruck überlegener Technik, der es leicht fällt, über Sonnen zu gebieten und ihre extremen Kräfte zu nutzen. Solche gigantischen Transmitter würden eines Tages den Weg weit hinaus ins Universum ebnen, bis in die fernsten Sternregionen. Wenn es nach ihm ging, über fünfzehn Milliarden Lichtjahre bis zu den Galaxien, die als Erste nach dem Urknall entstanden waren. Eine solche Expedition an die Grenzen des Möglichen zu leiten, davon träumte Lethem da Vokoban.

Alarm heulte durch das Schiff.

»Masseortung wird deutlicher! Das ist ein großes Objekt.«

Noch zeigte die Einblendung auf der Panoramagalerie nur einen verwaschenen Schatten, der sich aus Störungen heraus verdichtete. Optisch gab es ohnehin noch keine Wahrnehmung, rund 21 Stunden benötigte das Licht aus dem Zentrumsgebiet der Sonnenballung.

Zwanzig blaue Sterne ... Auf den ersten Blick wirkten sie nur ihrer Farbe wegen auffällig. Man musste schon genau hinsehen, um das Besondere ihrer Konstellation zu erfassen, die nahezu mit dem galaktischen Sternenhintergrund verschmolz.

Zwölf regelmäßige Fünfecke bildeten sie, und jede Sonne markierte einen Eckpunkt des sich ergebenden Pentagon-Dodekaeders. Die Abstände zwischen jeweils zwei Sonnen betrugen konstant 16,128 Milliarden Kilometer. Lethem empfand höchsten Respekt vor den Technikern, die diese nahezu identischen Sterne über weite Entfernungen hinweg so präzise versetzt hatten.

Das Hologramm vor ihm wirkte noch unvollkommen. Erst als der Syntron Hilfslinien zwischen den Sonnen einfügte, gewann die Konstellation in ihrer Gesamtheit unvergleichliche Imposanz. Lethems Augen tränten vor Erregung.

»Wir haben es mit einer Plattform zu tun!«, meldete Tassagol von der Ortung. »Quaderförmig; sechs Kilometer lang, zwei breit, einen Kilometer hoch. Das ist keine uns bekannte Konstruktion. Und die Streustrahlung schwindet nur unwesentlich.«

Immer noch heulte der Alarm durch das Schiff. Jedem Besatzungsmitglied musste klar sein, dass die kurze Zeit der Ruhe vorüber war.

»Die Plattform ist aus dem Zentraltransmitter gekommen?«

»Offensichtlich nicht. Es gibt keine besondere Aktivität der Sonnen. Das Schiff ist aus eigener Kraft materialisiert.«

Lethem da Vokoban hörte nur mit halbem Ohr hin. Er bereitete sich auf einen Alarmstart der TOSOMA vor. Ausscheren aus dem Orbit mit voller Beschleunigung, Kurs auf das fremde Objekt, das sicher nicht zufällig im Zentrum der Konstellation erschienen war ... Ein kurzer Überlichtflug musste den Kreuzer in Zielnähe bringen.

Wo blieb Khemo-Massais Befehl, das Objekt anzufunken? Warum zögerte der Kommandant?

Erste Auswertungen ließen die Plattform deutlicher erscheinen. Lethem bedauerte nur, dass kein optischer Eindruck möglich war.

Jedes der Sonnenfünfecke stellte für sich einen leistungsstarken Transmitter dar. Das Zusammenspiel der zwanzig blauen Riesen baute zudem eine weitere Transmitterzone im Bereich ihres gemeinsamen Schwerpunktes auf. Wenn es gelang, den Transmitter zu justieren, wohin würde ein Schiff wie die TOSOMA abgestrahlt werden? Lethem fragte sich, ob es möglicherweise nur eine Gegenstation gab.

»Was sagt die Energieauswertung?«

»Das fremde Gebilde ist noch nicht fassbar.«

Endlich verstummte der Alarm. »Wir fliegen das Objekt an!«, bestimmte Khemo-Massai. »Jede missverständliche Aktion ist zu vermeiden, aber wir müssen wissen, was da aus dem Hyperraum gefallen ist. – Lethem?«

»Alle Systeme sind klar!«

»Maximalbeschleunigung! Und für den Notfall permanent Ausweichmanöver berechnen!«

»Hyperfunkspruch über Kharba-Station!«, meldete Tassagol in dem Moment. »Es ist Atlan. Höchste Sicherheitsstufe!«

*

»Warum kommst du nicht zu mir, mein Freund? Wovor fürchtest du dich?« Eine eingebildete flüchtige Berührung schreckte mich auf.

Ich lag auf dem Bauch, den Kopf auf den Unterarmen, ein Knie weit an den Leib gezogen. Schon der Versuch, mich auf die Seite zu drehen, löste neue Schmerzen aus. Zugleich spürte ich die belebenden Impulse des Aktivatorchips.

Ich stemmte mich auf den Unterarmen hoch. »Li ...?«, brachte ich wider besseres Wissen über die Lippen. Sie war vor zwei Tagen gestorben. Und wenn ich mir noch so sehr wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können – ich konnte es nicht. Ich war so hilflos wie selten zuvor in meinem Leben.

Du hast in dreizehn Jahrtausenden viele Gefährtinnen verloren. Finde dich damit ab!

Ich verwünschte meinen Logiksektor. Zumal er nach dieser Bemerkung demonstrativ schwieg und es mir überließ, endlich die Realität zu akzeptieren.

Du hast hart zu sein, Atlan!, redete ich mir ein. Jeder erwartet das von dir!

Mittlerweile kniete ich auf dem Boden. Eine vage Dämmerung beherrschte den Raum und ließ schon wenige Meter entfernt alles im Ungewissen verschwimmen. Salziges Sekret verschleierte zudem meinen Blick.

Schwankend kam ich auf die Beine.

Im Helmempfang erklang Horgald Massarems Husten. Ächzend richtete sich der Raumsoldat auf. »Ich fühle mich, als wäre ich in den Partikelstrahl eines startenden ... Raumschiffs geraten.« Der Vergleich war drastisch, aber zutreffend.

»Veloz?«, rief ich. »Jorge?«

Veloz da Metztat, unser Historiker, antwortete mit einer deftigen Verwünschung. Er war also schon wieder in Ordnung.

Augenblicke später schälten sich die Männer aus dem diffusen Zwielicht. Mir schien, als verdichteten sich ihre Körper mit jedem Schritt, den sie näher kamen. Aber auch ohne diesen optischen Effekt wusste ich, dass wir unser Ziel nicht erreicht hatten.

»Die Aufzeichnung ist während des Transmittersprungs weitergelaufen.« Jorge Javales grinste schief. »Wir werden hoffentlich nachvollziehen können, was geschehen ...«

»Genau das kann mir momentan den Buckel runterrutschen!«, fiel ihm Veloz ins Wort. »Mich interessiert nicht, was geschehen ist, sondern weit mehr, wo wir uns befinden.«

»In einem unbekannten Sektor der Kharba-Station«, stellte Javales fest. »Oder hält einer dieses Umfeld schon für die Hauptzentrale der TOSOMA?«

»Luftdruck und -zusammensetzung sind jedenfalls in Ordnung.«

Veloz da Metztat nutzte die Funktionen seines Datenarmbandes. Mit einer ruckartigen Bewegung öffnete er den Helm und schob die schlaff werdende Folie zurück. »Ich bleibe nicht länger als unbedingt nötig unter dieser Käseglocke.«

»Ist jemand verletzt?«, fragte ich.

Javales zuckte mit den Schultern. »In meinem Schädel tobt eine Raumschlacht«, behauptete er.

Ich öffnete ebenfalls meinen Helm. Die Luft schmeckte abgestanden und schal. Javales, der schmächtige Archivar, versteifte sich jäh. Er fixierte mich aus zusammengekniffenen Augen.

Horgald Massarems Rechte lag auf dem Griff seines Kombistrahlers. »Jemand ... oder etwas ... hat uns entführt.«

»Achtbeinige Monster – meinst du das?«, fragte Javales trocken. Sein Blick durchbohrte mich schier.

»Vielleicht ...« Massarems Hand schloss sich um die Waffe. Die Lippen hatte er fest zusammengepresst.

Deine Trauer um Li wird dich noch umbringen, schimpfte mein Logiksektor. Glaubst du wirklich, die Welt besteht nur aus deinem Leid?

Massarem zog den Strahler.

»Acht Beine?«, wiederholte ich. »Und Monster, ja? Das ist trotzdem kein Grund, auf mich zu zielen.«

Der Raumsoldat zögerte.

»Glaubt ihr, ich spüre nicht, dass etwas an mir emporkrabbelt?« Blitzschnell packte ich zu. Die erste Bewegung hatte ich am Schienbein wahrgenommen, jetzt saß das Tier oder was immer schon an der Innenseite des Oberschenkels. Und es krallte sich hartnäckig fest. Erst als ich mit beiden Händen zupackte, schaffte ich es, nacheinander alle acht Beine zu lösen.

»Eine Spinne«, bemerkte Javales.

Den ruckartigen Bewegungen haftete etwas Mechanisches an. Ich hielt das Ding fest umschlossen und betrachtete es von der Unterseite. Die mehrgelenkigen Beine zuckten in monotonem Rhythmus.

»Und?«, wollte Massarem wissen.

»Ein kleines Monster«, bestätigte ich und legte die knapp zehn Zentimeter messende Spinne mit dem Rücken auf den Boden. Schon nach wenigen Sekunden hatte sie sich herumgewälzt und lief zielstrebig auf mich zu. Ich trat einen Schritt zur Seite.

»Das Biest folgt dir!«

»Sehr anhänglich«, kommentierte Veloz da Metztat.

Schon tastete die Spinne nach meinem Stiefel. Ich stieß sie weg, aber sie war sofort wieder da.

Spontan trat Metztat zu. Obwohl sein Tritt kräftig gewesen war, kroch die Spinne unbeschadet unter dem Stiefelabsatz hervor. »Was ist das?«, fragte er verblüfft.

»Ein Roboter!«, sagte ich.

»Wer baut Spinnenroboter?« Massarem visierte die seltsame Maschine über den Waffenlauf hinweg an.

Als ich knapp nickte, zog ich noch nicht in Erwägung, den Roboter zu untersuchen. Er war mir nur lästig. Und den Einwand meines Logiksektors ignorierte ich. Mir machten die Nachwirkungen des Erinnerungstransfers zu schaffen. Zu viele Informationen waren in kürzester Zeit auf mich eingeströmt. Überhaupt hatten mich die letzten Tage von einem Extrem ins andere gestürzt. Ich fühlte mich so miserabel, wie sich ein Aktivatorträger nur fühlen konnte.

Massarems auf wenige Millimeter gebündelter Thermoschuss traf die Spinne. Im ersten Moment zeigte er überhaupt keine Wirkung, dann glühte der linsenförmige Körper auf. »Keineswegs unzerstörbar ...« Der Raumsoldat grinste breit.

Ich wischte mir das angetrocknete Sekret aus den Augen und blinzelte. Das Zwielicht zeigte allmählich Konturen. Bizarre Aggregate zeichneten sich ab. »Der Schuss war ein Fehler«, stellte ich fest. »Der Roboter hätte uns Daten liefern können.«

»Über unseren Aufenthaltsort?« Javales drehte sich langsam um sich selbst. Er machte den Eindruck eines Raubvogels auf Beutejagd. Der Terraner hatte die Stirn in Falten gelegt und die buschigen Brauen zusammengekniffen, die Hakennase dominierte in seinem Gesicht. »Ich sehe keinen fest installierten Transmitter.« Mit beiden Händen fuhr er sich über den millimeterkurz geschnittenen grauen Haarkranz.

»Nicht bewegen!« Massarems Aufschrei kam zu spät. Javales erstarrte schier, als seine Finger tastende Spinnenbeine berührten. »Sie sitzen auf deinem Rücken!«, warnte der Raumsoldat. »Mindestens ein halbes Dutzend.«

*

Rückblick:

»Die Stahlwelt ist in Aufruhr geraten.« Atlans Stimme hallte aus den Lautsprecherfeldern durch die Zentrale der TOSOMA. »Ich kann nicht vorhersehen, was geschehen ist, aber vor Minutenfrist ist ein großes Objekt nahe dem Zentrum des Sonnentransmitters materialisiert. Ich gehe davon aus, dass es auf der TOSOMA ebenfalls geortet wurde.«

Es gab keine Bildübertragung, sondern nur die Sprechverbindung über die Relaisschaltung von der Kharba-Station zur Stahlwelt. Der Eisen-Nickel-Planetoid war in einer Halbraumblase dem Einsteinraum entrückt.

Mit knappen Schaltungen blockierte Lethem da Vokoban die Triebwerke des Jagdkreuzers.

»Ich kenne das Objekt«, fuhr Atlan fort. Seine Stimme vibrierte merklich und offenbarte seine eigene Erregung. »Es liegt Jahrtausende zurück, dass ich dem schwarzen Quader schon einmal begegnet bin. Einige Völker nennen ihn die Vergessene Plattform, andere die Vergessene Positronik. Aber alle reden nur hinter vorgehaltener Hand von diesem Raumschiff. Das Erscheinen der Plattform gilt als böses Omen.«

»Wir sind nicht abergläubisch!«, wehrte January Khemo-Massai entschieden ab.

Ob Atlan verstand, was der Kommandant sagte, ließ sich nicht feststellen. Er fuhr nach einem deutlich hörbaren Atemzug fort: »Terraner würden die Plattform als Geisterschiff bezeichnen. Seit über 10.000 Jahren geistert sie durch die Galaxis. Sie taucht jäh aus dem Nichts heraus auf und verschwindet ebenso schlagartig wieder.«

»Stellt sie eine Bedrohung dar?«, wollte Khemo-Massai wissen.

Fast eine halbe Minute verging, bis Atlan antwortete. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Höchste Wachsamkeit ist angebracht! Außerdem haben alle Handlungen zu unterbleiben, die als feindlicher Akt missverstanden werden könnten. January ...«, der unsterbliche Arkonide legte eine bedeutungsvolle Pause ein, »... die TOSOMA behält ihren Orbit über Kharba bei!«

»Wir benötigen genauere Messergebnisse.«

»Vorerst nicht!«, wehrte Atlan ungewohnt scharf ab. »Ich komme mit einigen Männern über Kharba-Station an Bord zurück. Wir sind schon auf dem Weg zum Transmitter.« Störungen verzerrten die Übertragung, die Ursache dafür mochte auf der Stahlwelt zu suchen sein oder im Bereich der Relaisstrecke. Lethem da Vokoban hatte allerdings auch die Vergessene Plattform in Verdacht. Ein Blick auf das Hauptholo zeigte ihm, dass der Quader zwar einigermaßen deutlich wiedergegeben wurde, dass ihn aber eine eigenartige Aura umfloss. Als nicht identifizierte Energiefelder wies sie eine syntronische Einblendung aus.

Die Geräusche hastiger Schritte waren im Funkempfang zu vernehmen. Jemand redete im Hintergrund, doch blieb die Stimme unverständlich. »Die Helme schließen!«, befahl Atlan gleich darauf. »Nur um sicherzugehen.« Anschließend wandte er sich wieder an die Besatzung der TOSOMA: »Die Terraner sind als raumfahrendes Volk noch zu jung, sie kennen die Legenden um dieses Schiff nicht. Es heißt, dass die Vergessene Plattform das Erbe eines kosmischen Urvolks sein soll, das spurlos verschwand, bevor unsere Vorfahren überhaupt lernten, das Feuer zu beherrschen. Seitdem erscheint der schwarze Quader in unregelmäßigen Abständen mal auf dieser Seite der Galaxis, mal auf jener. Angeblich bringt er allen, die ihm begegnen, den Tod.« Er lachte heiser. »Ich war schon einmal auf dieser Plattform und lebe immer noch. Also ist vieles nur dummes Geschwätz. Längst ist mir auch bekannt, dass sie von Lemurern geschaffen, aber später von Varganen als eine Station auf ihrer Suche nach dem Stein der Weisen benutzt wurde.«

»Wieso ist sie hier?« Der Kommandant musste die Frage zweimal wiederholen, bevor Atlan reagierte. Die Stimme des Arkoniden klang jetzt schwächer und verzerrt.

»Die energetische Aura der Plattform wird intensiver!«, meldete die Ortung. »Keine unmittelbare Bedrohung erkennbar, aber möglicherweise wird der Funkverkehr davon beeinträchtigt.«

Vielleicht steckt Absicht dahinter, schoss es Lethem durch den Sinn. Doch er konzentrierte sich sofort wieder auf das, was Atlan sagte.

»... damals waren es Streuemissionen, von denen die Vergessene Plattform angelockt wurde. Ich vermute, diesmal verhält es sich ähnlich. Die Ausstrahlung der beinahe durchgehenden Bewusstseinstransferanlage könnte das Geisterschiff angezogen haben. – Wir haben den Transmitter gleich erreicht. Atlan, Ende.«

2.

Jorge Javales' Gesicht verzerrte sich zur Grimasse. Er brachte keinen Ton über die Lippen. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er uns an – und das war ein stummer, geradezu verzweifelter Hilfeschrei, während die erste der faustgroßen Roboterspinnen über seinen Handrücken lief. Zwei andere hatten den Helmwulst des Anzugs erreicht und tasteten über Javales' Nacken.

Veloz da Metztat erreichte den Archivar vor mir. Nun, da Javales endlich aus seiner Starre aufschreckte und sich herumwarf, prallten sie hart zusammen. Gurgelnd sackte der Terraner auf die Knie. Erst jetzt brachte er die Arme nach vorne, um sich abzufangen, schaffte das aber nur, weil Veloz ihn stützte. Sofort war ich bei ihnen, riss die erste Spinne von Jorges Schulter und schleuderte sie zur Seite. Massarem zerstörte die Maschine mit einem Strahlschuss.

Warum unterbindest du das nicht?, schimpfte der Extrasinn.

Weil ... Ich verstand mich selbst nicht. Es gab keinen Beweis dafür, dass der missglückte Transmittersprung mit einem feindseligen Eingriff zusammenhing. Körperlicher Schmerz allein war kein Kriterium.

Die anderen Spinnenroboter hatten die Bedrohung registriert. Einer versuchte noch, in Javales' Anzug zu klettern; seine Kieferzangen gruben sich in meinen Handballen, als ich ihn im letzten Moment daran hinderte.

Ich sah, dass der Archivar blutete. Offensichtlich hatte er sich die Nase an Veloz' Schulter aufgeschlagen. Aber auch im Nacken zeigten sich zwei blutige Striemen, wo eben noch die beiden Spinnen gewesen waren.

Veloz hatte hastig zugegriffen, konnte den kleinen Roboter aber nicht festhalten. Taumelnd wich er zurück, als die Spinne ihm ins Gesicht sprang, gleich darauf wälzte er sich über den Boden.

Ich konnte nur einem von beiden helfen, hielt den Archivar fest und zerrte den letzten Roboter von seinem Schädel. Jorge stöhnte dumpf, als die metallenen Klauen seine Haut aufrissen.

Neben mir schlug der Raumsoldat mit dem Kolben seiner Waffe auf die Spinne ein, die unvermittelt von da Metztat abgelassen hatte. Als er endlich innehielt, jagte der achtbeinige Roboter in wildem Zickzack über den Boden. Massarem riss die Waffe zwar noch hoch, ließ sie aber ebenso schnell wieder sinken. »Was wollen die Biester von uns?«, fragte er.

»Wahrscheinlich betrachten sie uns als Eindringlinge«, sagte ich.

Er schaute mich verwirrt an und nickte dann zögernd. »Hat uns jemand gefragt, ob wir hierher wollten?«

»Ich habe es gleich gewusst – diese schwarze Plattform bringt Unheil.« Veloz da Metztat betastete sein Gesicht. Es war angeschwollen. Blutige Streifen zogen sich über seine Wangen.

»Schmerzen?«, fragte ich.

»Nicht im Geringsten.« Der Historiker bewegte die Mundwinkel. »Alles ist nur irgendwie taub.« Er stutzte. »Glaubst du, das Biest hat irgendetwas damit ...?«

»Eine Droge. Mag sein.« Javales richtete sich schwankend auf. Er hatte mit einem Mal Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren, und tastete vorsichtig über die Wunden in seinem Nacken. »Ich fühle mich ... irgendwie leicht. Gar nicht unangenehm.« Sein Lachen wirkte alles andere als echt. Zugleich hielt er den Kopf schräg. »Hört ihr das?« In seine eisgrauen Augen trat ein seltsames Funkeln. »Ich muss gehen!«

Ich hielt ihn zurück. Er starrte mich an, wütend erst, dann verbissen. Die Falten in seinem Gesicht gruben sich noch tiefer ein, aber mit seinen knapp neunzig Jahren brachte er nicht die Kraft auf, sich meinem Griff zu entziehen. Schweiß perlte auf seiner Haut, er zitterte, dann rammte er den Schädel nach vorne. Zweifellos hätte mir der Stoß die Nase gebrochen, wäre ich nicht ebenso schnell ausgewichen.

Veloz da Metztat lachte glucksend. »Ich bin völlig in Ordnung«, versicherte er, als ich ihn anschaute, doch das klang wenig glaubhaft.

»Wir müssen zurück!«, drängte ich. »Entweder auf die Stahlwelt oder zur Station.«

»Hier werden wir gebraucht!«, brachte der Archivar hervor.

»Wer sagt das?« Ich hielt ihn an den Oberarmen fest, aber er reagierte kaum noch darauf. Selbst als ich ihn zwang, mich anzusehen, ging sein Blick durch mich hindurch. Er wird beeinflusst, stellte mein Logiksektor nüchtern fest.

»Zurück?«, wiederholte Massarem bitter. »Sagtest du wirklich zurück, Atlan?« Ich sah, dass er an seinem Kombiarmband hantierte. »Ich bekomme keine Funkverbindung! Aber die TOSOMA sollte sich melden. Es ist unmöglich, dass das Schiff ... dass wir über etliche Lichtjahre hinweg versetzt ...«

»Wir befinden uns nach wie vor im Bereich des Sonnendodekaeders«, behauptete ich, obwohl die Schmerzen während des Transmitterdurchgangs etwas anderes nahe legten.

Ruckartig hob der Raumsoldat den Kopf. »Warum antwortet das Schiff nicht?«

Darauf konnte es viele Antworten geben. Vielleicht war die Anlage, in der wir uns befanden, einfach nur abgeschirmt. Ich achtete immer noch mehr auf Javales und da Metztat als auf den Soldaten. Der Archivar hing teilnahmslos in meinem Griff. Den Stolz in seiner Haltung gab es nicht mehr, und sein Blick wirkte eher matt als feurig.

Fauchend atmete Massarem aus. Offensichtlich deutete er mein Schweigen als Bestätigung seiner Befürchtungen. »Wurde die Plattform wirklich von Lemurern erbaut?«

Ich nickte knapp.

»Aber die Spinnenroboter?«, drängte er weiter. »Kein Mensch würde solche Biester konstruieren. Dahinter steckt mehr ...«

Javales versteifte sich. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Irgendetwas geschah mit ihm, aber sehr schnell war alles wieder wie zuvor.

Veloz da Metztat hatte gleichzeitig die Hände um seine Schläfen verkrampft. Er setzte sich zögernd in Bewegung.

»Bleib stehen!«, herrschte ich ihn an. »Veloz!« Er reagierte nicht. Aber er wehrte sich auch nicht, als Massarem mit zwei schnellen Schritten zu ihm aufschloss und ihn zurückhielt.

»Verdammt!« Der Raumsoldat riss seine Waffe hoch, während er zugleich versuchte, Veloz zum Umdrehen zu bewegen.

Dutzende Spinnen, die sich zwischen den nach wie vor nur schemenhaft erkennbaren mächtigen Aggregaten bewegten, kamen auf uns zu. Und sie waren alles andere als klein.

Jorge Javales lächelte. Sein Gesichtsausdruck wirkte unheimlich.

*

Lethem da Vokoban hasste es, untätig warten zu müssen. Die Panoramagalerie zeigte kaum noch eine Veränderung. Ihm erschien es, als stünde die Zeit still.

Niemand redete. Alle warteten darauf, dass Atlans Rückkehr an Bord gemeldet wurde.

Wir warten vergeblich! Nur dieser eine Gedanke beherrschte den Zweiten Piloten. Immer mehr erschien ihm die fremde Plattform wie eine unglaubliche Bedrohung. Es war Irrwitz, sie mit dem nur 150 Meter durchmessenden Kugelraumer anfliegen zu wollen – doch genau diesen Befehl des Kommandanten sehnte er herbei.

Wie lange schon? Zwei Minuten oder gar drei? Die Sturmwelt Kharba drehte sich unter dem Schiff. Längst musste Atlan den Transmitter verlassen haben.

Lethems Blick glitt zurück zur Darstellung der Vergessenen Plattform. Sie brachte den Tod. Atlan hatte davon zwar gesprochen, die Aussage aber zugleich abgeschwächt. Warum meldete er sich nicht? Lethem da Vokoban bezweifelte, dass die Plattform mit diesem Schweigen zu tun hatte.

Er schaute zur Schiffsverteidigung hinüber. Cisoph Tonk gab sich den Anschein von Geschäftigkeit. In Wahrheit wartete er ebenso auf ein neues Lebenszeichen von Atlan wie alle anderen. Lethem sah die verhärteten, ausdruckslosen Gesichter der Besatzungsmitglieder.

Vier Minuten inzwischen ...

Er wusste noch nicht viel über die Kharag-Stahlwelt, die Steuerstation des Sonnentransmitters. Etwas mehr als fünfhundert Kilometer durchmaß der zum Teil ausgehöhlte Planetoid. Im Äquatorbereich existierten große Landefelder und in der Tiefe Hangars und Werftanlagen, dazu Großtransmitter für den Materialtransport. Im Bereich des Südpols ragten die Antennentürme für die Sonnenzapfung auf, und am Nordpol erhob sich das Pyramidenfünfeck aus rotem Lemur-Metall, das den Situationstransmitter aufbaute. Hatte Lethem schon vor Jahren fasziniert alle greifbaren Dokumentationen über die lemurischen Sonnentransmitter in der Milchstraße und in der Nachbargalaxis Andromeda studiert, so empfand er angesichts der technischen Meisterleistung, die das Sonnendodekaeder darstellte, nur noch atemlose Bewunderung. Nicht Ehrfurcht, aber großen Respekt vor den Erbauern des galaxisweit wohl größten Sonnentransmitters. Oder gab es imposantere Anlagen, die ebenfalls seit Jahrzehntausenden der Wiederentdeckung harrten, Transmitter, für die mehr als zwanzig Sonnenriesen von ihren angestammten Positionen versetzt und zu einem diffizilen geometrischen Gebilde zusammengefügt worden waren?

»Kein Transmittersprung dauert sechs Minuten«, hörte Lethem sich unvermittelt sagen. »Wenn wir Atlan und seinen Begleitern helfen wollen ...«

»Wer sagt, dass sie Hilfe nötig haben?«, unterbrach der Kommandant. »Es besteht kein Grund zur Aufregung.« Er ließ eine Verbindung zur Kharba-Station schalten, erhielt aber keine Rückmeldung, dass Atlan und seine Begleiter eingetroffen waren.

Danach folgte über Relais die Anfrage an die Stahlwelt. Das Kharag-Gehirn bestätigte die Abstrahlung von vier Personen nach Kharba. Nur waren sie dort niemals angekommen.

»Sie wurden von diesem Geisterschiff abgefangen!«, behauptete Lethem da Vokoban spontan.

»Mal den Teufel nicht an die Wand!«, protestierte Cisoph Tonk.

Der Pilot schüttelte den Kopf. »Mit dem terranischen Teufel habe ich nichts im Sinn. Es gibt schlimmere Gestalten als diesen bocksfüßigen Kinderschreck.«

Kharag übermittelte alle aufgezeichneten Daten der Transmitteraktivierung. Mit den Mitteln der TOSOMA waren sie nicht auf Anhieb umzurechnen, doch Energiewerte, Masseaufzeichnungen und andere Parameter belegten letztlich, dass vier Personen die Stahlwelt verlassen hatten.

Der Abgleich mit den Permanentscans des Jagdkreuzers erbrachte den Hinweis auf einen Fremdeinfluss während des eigentlich zeitlosen Transports durch den Hyperraum. Diese Störstrahlung, mit dem Auftauchen der schwarzen Plattform erstmals nachweisbar, hatte für achtzehn Sekunden ein Maximum erreicht und war danach auf die aktuellen schwachen Werte zurückgefallen. Das zeitliche Zusammentreffen dieses Peaks mit der Transmitteraktivierung konnte kein Zufall sein.

»Also gab es einen Fremdeinfluss, der den Transport angezapft oder umgeleitet hat.«

»Atlan befindet sich demnach auf der Vergessenen Plattform«, stellte Lethem fest.

»Das ist nicht bewiesen«, wehrte Khemo-Massai ab.

»Ich denke, wir lassen Atlan nicht im Stich!«, sagte der Pilot derart schroff, dass sich jeder ihm zuwandte. Khemo-Massai wäre nicht der erste Kommandant gewesen, von dem er wegen seiner Eigenmächtigkeit eine Rüge erhielt. »Wir müssen eingreifen!«, fügte Lethem hinzu. »Egal, unter welchen Bedingungen.«

*

Angestrengt starrte Horgald Massarem in die Düsternis, in der sich mit einem Mal vielfältige Bewegungen abzeichneten. Er zerrte den Historiker zurück. »Was meinst du, Atlan? Nehmen wir es mit den Robotern auf?«

»Wir ziehen uns zurück!«, sagte ich.

Er nickte, offensichtlich über meine Entscheidung erleichtert. »Manchmal ist das wirklich besser«, bestätigte er. »Aber wie kommen wir hier raus?«

Zweifellos wusste die Besatzung der TOSOMA schon von unserem Verschwinden. Ich war überzeugt davon, dass der Kommandant sehr schnell die richtigen Schlüsse zog. January Khemo-Massai würde nicht lange zögern, uns vier aus der Vergessenen Plattform herauszuholen.

Falls sie noch da steht, wo sie vor knapp zwanzig Minuten materialisiert ist, bemerkte der Logiksektor.

Wo sollte sie sonst sein?

Fort!, lautete der spöttische Kommentar.

Genau diesen Gedanken hatte ich bisher verdrängt, aber mein Extrasinn genoss es mitunter, in offenen Wunden zu wühlen. Den Terranern war die Legende vom Fliegenden Holländer bis in die Neuzeit hinein geläufig; die Geschichte um einen Kapitän, der dazu verdammt ist, mit seinem unermessliche Schätze bergenden Schiff bis in alle Ewigkeit über die Meere zu segeln. Ähnliche Legenden rankten sich um die Vergessene Plattform. Seit mehr als zehntausend Jahren geisterte dieser Kosmische Holländer durch die Galaxis. Sein Erscheinen verlief keineswegs nach System, er tauchte plötzlich aus dem Nichts auf und verschwand auf ebenso rätselhafte Weise wieder.

Du weißt, warum die Plattform hier materialisiert ist. Täuschte ich mich, oder lag tatsächlich eine Spur von Belustigung in dem Gedanken? Die Streuemissionen der Anlage für den Bewusstseinstransfer haben sie angelockt. Und nun sieh zu, wie du damit fertig wirst.

»Wohin?«, drängte Massarem. »Die Spinnen kommen von drei Seiten.«

»Also bleibt uns keine Wahl.« Ich zog Javales mit mir. Der Archivar sträubte sich nicht, er machte es mir aber auch nicht einfach. Zudem wuchs das Gefühl, genau das zu tun, was ein unbekannter Gegner von uns erwartete. Ich fragte mich, warum die Roboter uns nicht eingekreist hatten.

Bis auf wenige Schritte waren sie schon heran. Knapp einen halben Meter maßen sie – linsenförmige graue Körper mit mehrgelenkigen dünnen Gliedmaßen. Andererseits wirkten diese mechanischen Spinnen nicht wie das neueste Produkt einer fortschrittlichen Technik, eher hatten sie etwas Archaisches an sich.

Massarem und Veloz da Metztat wichen schneller zurück. Ich griff nun ebenfalls nach dem Kombistrahler an meiner Hüfte. Im einen Moment sah es so aus, als wollten sich mehrere Spinnen auf uns stürzen, in der nächsten Sekunde wandten sie sich den zerschmolzenen Überresten eines ihrer kleinen Artgenossen zu.

Unglaublich vorsichtig tasteten sie mit ihren Klauen über die kläglichen Schrottsplitter. Weitere Roboter schoben sich von hinten heran und kletterten über die vorderen Exemplare. Sehr schnell bildete sich ein Knäuel aus plumpen Leibern und zuckenden Gliedmaßen. Dabei gewann ich den Eindruck, dass sich die Roboter während der Berührung miteinander verständigten. Das metallische Schaben und Kratzen wurde lauter, es klang wie ein nicht enden wollender gemeinsamer Aufschrei. Zudem zuckten scharf gebündelte Lichtkegel durch die Düsternis.

»Atlan!«, drängte Massarem. »Worauf wartest du?«

Javales sträubte sich gegen meinen Griff. Seine Augen waren ausdruckslos, aber seine freie Hand schoss jäh nach vorne. Er krallte mir die Finger ins Gesicht, und ich schaffte es nicht, ihm auszuweichen. Jorge entwickelte mit einem Mal erstaunliche Kraft.

Sekunden später sackte er schlaff in sich zusammen. Mit einem Dagor-Griff hatte ich ihn ins Reich der Träume geschickt, und er würde einige Minuten lang bewusstlos sein.

Ich wuchtete mir Jorge halb über die Schulter und beeilte mich, Massarem zu folgen. Doch eine stählerne Fessel schloss sich um meine Knöchel. Selbst mein wütender Tritt schüttelte die Spinne nicht mehr ab. Ich hatte zu lange gewartet, hatte irgendwie darauf vertraut, dass es nicht so schlimm werden würde, und jetzt vermutete ich, dass der Logiksektor mich einen verdammten Narren schimpfte, aber nicht einmal das geschah. Ich hatte zwei Tage Zeit gehabt, die Ereignisse zu verdauen, aber mir setzte das alles weitaus stärker zu, als ich mir eingestehen wollte.

Der Bewusstlose behinderte mich, zumal sich die Roboterspinne an mir aufrichtete. Ich hatte Schwierigkeiten, sie abzuwehren.

»Pass auf!« Horgald Massarem feuerte sofort nach seinem warnenden Ausruf. Der Glutstrahl traf vor mir auf den Boden, sprang weiter und fraß sich Funken sprühend in den Roboterkörper.

Die Spinne ließ nicht von mir ab. Im Gegenteil. Sie verkrallte sich erst recht an meinem Schutzanzug. Javales rutschte von meiner Schulter, als ich nach der Waffe griff, aber ebenso schnell schlug der Roboter mit seinen Vorderbeinen nach meinem Handgelenk.

Erst Massarems dritter Thermoschuss brach den Spinnenleib auf. Glut quoll aus dem Rumpf hervor, ein knarrendes Ächzen erklang, dann drehte sich der Roboter um sich selbst. Ein angewinkeltes Bein traf mich an der Hüfte, als ich mich über den Archivar beugte, und schickte mich ebenfalls zu Boden. Im Herumwälzen zerrte ich Jorge mit mir aus dem Zugriffsbereich der Spinne.

Massarem stoppte zwei weitere Roboter, die schon bedrohlich nahe heran waren. Und während ich mich aufrichtete und den Archivar erneut unter den Achseln fasste, feuerte Horgald mitten hinein in die Masse der nachrückenden Roboterleiber.

Egal, wohin wir uns wandten, die Spinnen würden uns folgen. Ich gab mich gar nicht erst der Illusion hin, wir könnten ihnen auf Dauer entkommen. Es kam einzig und allein darauf an, Zeit zu gewinnen, bis wir einen Fluchtweg fanden – oder bis Hilfe von der TOSOMA eintraf.

*

»Gefechtsbereitschaft!«, ordnete Khemo-Massai an. Er wandte sich an den Piloten: »Nicht nur du willst Atlan da rausholen – wir alle wollen das. Aber niemand von uns wird sich deshalb unüberlegt in Gefahr begeben. Das hilft uns nicht, und Atlan und seinen Begleitern erst recht nicht. Wir sind das einzige Schiff weit und breit, das eingreifen kann. Was schlägst du vor, Lethem?«

Mit dem Handrücken wischte sich der Zweite Pilot über den eisgrauen Schnurrbart. »Beschleunigung mit Höchstwerten, dabei den Ortungsschutz der Sonne ausnutzen, zusätzlich zu den eigenen Antiortungsfeldern. Kurze Überlichtetappe. Extrem zielgenauer Rücksturz über der Plattform.«

January Khemo-Massai entblößte seine schneeweißen Zähne. Der Kontrast zu seiner Ebenholzhaut konnte nicht deutlicher sein. »Ich fürchte, Lethem da Vokoban, du vernachlässigst die Schlagkraft des Geisterschiffs«, sagte er betont.

»Uns liegen bislang keine verlässlichen Hinweise vor.«

»Eben das«, bekräftigte der Kommandant. »Atlan sprach davon, dass die Vergessene Plattform den Tod bringt. Das kann nicht nur eine Metapher gewesen sein.«

»Ich habe es auch nicht als Metapher gesehen«, protestierte Lethem. Er wusste seine eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen, und wenn der Kommandant ihn vorzuführen gedachte, nur weil er zum ersten Mal auf der TOSOMA Dienst tat ... Erst das Lächeln in Khemo-Massais Gesicht verriet ihm, dass der Terraner ihn testen wollte. »Ich dachte an den Virtuellbildner«, fuhr er fort. »Die Projektion eines oder zweier Ortungsabbilder der TOSOMA wird die Waffensysteme der Plattform ablenken, während wir im schnellen Passierflug ein Einsatzteam ausschleusen. Die Betreffenden müssen danach jedoch selbst klarkommen.«

»Das wird nicht leicht sein, aber wir könnten es schaffen.« January Khemo-Massai nickte zustimmend. Er schaltete auf Rundruf: »Ich brauche Freiwillige für einen lebensgefährlichen Einsatz. Eine Garantie, dass jeder mit heiler Haut zurückkehrt, gibt es nicht.« Im selben Atemzug wandte er sich wieder an den Piloten: »Ich hoffe, du fliegst wirklich so gut, wie man erzählt.«

»Man?«, fragte Lethem irritiert.

»Aktet Pfest.« Das Lächeln des Kommandanten wurde eine Spur breiter. »Ich habe mir sagen lassen, dass Differenzen zwischen euch nicht eben selten sind. – Ist das der Grund für den Wechsel auf die TOSOMA?«

»Nein«, sagte Lethem. »Eigentlich nicht.«

»Schön.« In dem Moment wussten sie beide, dass sie gut miteinander auskommen würden. Khemo-Massai schien bereit zu sein, dem Zweiten Piloten die Freiheiten zu geben, die er brauchte, um seine Fähigkeiten optimal einzusetzen. Aber sofort dämpfte er jeden Übermut. »Ich erwarte, dass meine Leute bis an ihre Grenzen gehen, doch keinesfalls, dass sie diese Grenzen überschreiten. – Wie nahe können wir an die Plattform herankommen?«

»Falls sie nicht selbst beschleunigt, bis auf rund fünfhundert Meter.«

»Mit Rücksturzgeschwindigkeit?«

»Natürlich«, bekräftigte Lethem da Vokoban. »Damit dürften wir so gerade noch einer Kollision entgehen.«

Der Kommandant nickte zufrieden. »Wir verlassen den Orbit, sobald die Einsatzgruppe mit einem Stealth-Shift bereitsteht. Das wird in wenigen Minuten der Fall sein.«

*

»Sie haben unsere Spur verloren.« Dass Horgald Massarem seiner eigenen Behauptung nicht so recht traute, war ihm anzusehen. Schwer atmend stand er da, den Strahler schussbereit, während er sich mit dem linken Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. Den Kopf ein Stück weit in den Nacken gelegt, musterte er Veloz da Metztat.

»Ich bin wieder in Ordnung«, versicherte der Arkonide. »Wirklich. Ich spüre keine Nachwirkungen.« Das Haar hing ihm in wirren weißen Strähnen ins Gesicht und widerstand allen hastigen Bemühungen, es zu bändigen. Die Spange, die seine üppige Mähne bislang im Nacken festgehalten hatte, war verschwunden.

Wir hatten die diffuse Düsternis hinter uns gelassen und eine möglicherweise mehrere hundert Meter durchmessende Halle erreicht. Viel war indes nicht zu erkennen. Auf gewisse Weise wirkte alles kompakt, wie ein einziger monströser Aggregateblock, in den Korridore und Seitengänge, geschwungene Rampen, Galerien und Balustraden eingefräst worden waren, um ihn überhaupt passierbar zu machen.

Ein dumpfes Brummen erfüllte die Luft. Mitunter glaubte ich sogar, schwache Vibrationen wahrzunehmen. Der flackernde Lichtschein in großer Höhe ließ nicht erkennen, ob sich über uns eine Decke spannte oder ob die Anlage weiter nach oben reichte. Wie Sonnenstrahlen, die für kurze Zeit die Wolkendecke durchbrachen, huschte gleißende Helligkeit in unregelmäßigen zeitlichen Abständen durch die Gänge. In den wenigen Minuten, die wir uns erst in dieser Halle befanden, hatte ich noch kein System dahinter erkennen können. Vor allem hatten wir es bislang vermieden, von diesem grellen Licht erfasst zu werden.

Mit den Fingerspitzen fuhr Veloz die verkrusteten Striemen in seinem Gesicht nach. »Jetzt spüre ich die Kratzer«, stellte er fest. »Vorhin, das war wie ein Delirium. Anders kann ich dazu nicht sagen.« Mit einer knappen Kopfbewegung deutete er auf Javales. »Ihn hat es noch schlimmer erwischt. Aber ich denke, er wird ohne Befehle auch bald zu sich kommen.«

»Befehle?«

Veloz blickte mich irritiert an.

»Du hast eben von Befehlen gesprochen.«

Veloz schüttelte den Kopf. »Ganz bestimmt nicht. Das ...« Er stockte und schob sich mit einer unwilligen Geste das Haar in den Nacken. »Denkst du, dass die Roboterspinnen uns beeinflussen wollten?«

Ich antwortete nicht. Immerhin hatte ich selbst einen tiefen Kratzer davongetragen. Dass ich von Folgeerscheinungen verschont geblieben war, lag wahrscheinlich am Aktivatorchip, der Giftstoffe im Körper neutralisierte, oder auch nur am Extrasinn.

Nur?, wisperte es unter meiner Schädeldecke. Danke für deine Wertschätzung, Barbar.

Massarem hantierte schon wieder an seinem Armbandfunkgerät. »Nichts«, schimpfte er. »Der Empfang ist taub, nicht einmal Störgeräusche schlagen durch.« Sichernd blickte er in zwei Seitengänge, dann blieb er wenige Schritte vor mir stehen. »Glaubst du wirklich, Atlan, dass wir in diesen Kosmischen Holländer verschlagen wurden?«

Er war gut einen Kopf kleiner als ich, aber stämmig. Die Arme vor der Brust übereinander gelegt, den Kombistrahler dennoch schussbereit in der Rechten, schaute er zu mir auf. Er fragte nicht mehr, aber zu erkennen, worauf er abzielte, war nicht schwer.

»Ich habe diese Plattform ein einziges Mal angeflogen«, sagte ich. »Vor sehr langer Zeit. Damals noch in Begleitung von Fartuloon.« Horgald Massarem konnte mit dem Namen nichts anfangen, das sah ich ihm an. Trotzdem verzichtete ich auf lange Erklärungen, die meinen väterlichen Lehrmeister und Freund betrafen. »Seitdem kann sich so ziemlich alles geändert haben. Aber wir werden uns nach außen durchschlagen.« Ich verschwieg, dass wir damals Tote auf der Plattform entdeckt hatten – Raumfahrer verschiedener Völker.

Massarem riss die Augen auf und starrte an mir vorbei. Veloz ließ einen warnenden Ausruf hören. Gleichzeitig hatte ich das Empfinden, in einer jäh aufflammenden Sonne zu stehen. Aber so grell diese Helligkeit auch war, weder blendete sie, noch warf sie Schatten. Eigentlich hätte das Licht weiterhuschen müssen, doch es ließ Javales und mich nicht mehr los.

Irrlichternde winzige Eruptionen umflossen den Kopf des Terraners und griffen auf seinen Raumanzug über. Er verwehte! Einen anderen Ausdruck hatte ich nicht dafür. Ich hielt ihn am Arm und spürte den Widerstand, dennoch schien er sich wie eine Nebelgestalt zu verflüchtigen.

Das Flirren sprang auf meine Hand über, zog sich den Arm hinauf. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich konnte Javales nicht mehr loslassen. Die Helligkeit lähmte mich, und dagegen kam nicht einmal der Aktivatorchip an.

Du musst Javales loslassen, oder der Chip versagt!

Das Flirren verdichtete sich, schien aber im Bereich des Ellbogens auf Widerstand gestoßen zu sein. Dafür tobte der Aktivatorchip unter dem linken Schlüsselbein.

Du wirst sterben! Selbst wenn du das hier überstehst, ohne den Chip bist du schon morgen ein alter Mann.

Massarem feuerte. Er schoss einfach in die Höhe. Ich hörte, dass er Veloz etwas zurief, verstand aber nicht, was er sagte. Der Historiker riss ebenfalls seine Waffe hoch.

Javales war – eigentlich konnten nur Sekunden vergangen sein – fast durchscheinend geworden. Mein Unterarm ebenfalls. Ich spürte ihn nicht mehr, hatte jedes Gefühl auf dieser Seite verloren.

Endlich erlosch das gleißende Licht. Jorge riss sich von mir los. Er war nicht verweht, aber ziemlich verwirrt. Das bewiesen seine Fragen. Offensichtlich fehlte ihm jede Erinnerung, seit die Spinnen über ihn hergefallen waren.

»Wir sollten so schnell wie möglich weiter!«, drängte Massarem, den Strahler weiterhin in die Höhe gerichtet.

Das Toben unter meinem Schlüsselbein ließ nur zögernd nach. Für einen schrecklichen Augenblick sah ich mich rasend schnell altern. Die Zeit, die mein Zellaktivator der Natur abgetrotzt hatte, holte sich zurück, was ihr gehörte. Meine Haut wurde faltig und trocknete aus, war für wenige Sekunden wie Pergament. Dann drückten die Knochen hervor. Die Haut riss, wurde schwarz, verweste gedankenschnell. Zurück blieb Staub, den ein aufkommender Wind verwehte.

Staub ... Eines Tags wird auch der Kosmische Holländer zu Staub verfallen und Jahrmilliarden später das Universum ...

Mir war ganz und gar nicht nach einer Erwiderung. »Worauf habt ihr geschossen?«, wandte ich mich stattdessen an Massarem.

Der Raumsoldat verzog die Mundwinkel zu einem herausfordernden Grinsen. »Keine Ahnung«, gestand er. »Ich hatte den Eindruck, dass dieses grelle Licht senkrecht aus der Höhe kam, und da habe ich einfach nach oben gehalten. – Nein«, er bemerkte meine Skepsis, »da gibt es nichts zu sehen. Keine Schmelzspuren, nichts.«

3.

Kaum merklich erst, aber rasch schneller werdend, scherte die TOSOMA aus dem von Pol zu Pol führenden Orbit aus und gewann an Höhe. Noch beschleunigten nur die Gravopuls-Projektoren das Schiff.

Endlich wurde Kharba in voller Größe in der Direktbeobachtung sichtbar. Der Planet stand senkrecht zur Ekliptik, ohne die geringste Neigung der Polachse. Nur fünf der zwanzig Sonnen des Dodekaeders hatten jeweils einen Planeten. Diese Sonnen markierten die Spitzen der oberen Fünfecke, bildeten also quasi einen Gürtel in der unteren Hälfte der Gesamtkonstellation. Und jeder Planet umkreiste sein Muttergestirn im Abstand von rund 862 Millionen Kilometern. Das war Perfektion.

Lethem da Vokoban hatte die maximale Zahl an Hologrammen vor sich aufgebaut. Sie zeigten einen Gesamtüberblick des Sonnentransmitters ebenso wie Detailausschnitte des Bereichs um Kharba und des Zentrumsgebiets.

Die Vergessene Plattform wurde nach wie vor nicht vollständig von den Ortungen erfasst. Das betraf allerdings weniger ihre Masse als vielmehr die Energiesignaturen. Was die Hochrechnung als diffuse Aura abbildete, konnte ein fremdartiger Schutzschirm sein, der jeden Durchbruchsversuch vereitelte. Oder diese Sphäre entrückte den Kosmischen Holländer aus dem normalen Raum-Zeit-Gefüge. Beide Möglichkeiten gefielen Lethem nicht. Sie zwangen ihn, Entscheidungen erst in allerletzter Sekunde zu treffen, dann, wenn es eigentlich schon zu spät dafür war.

Kharba fiel unter der TOSOMA zurück. Das Schiff flog mit vollem Ortungsschutz, auftreffende aktive Fremdortung würde sofort angezeigt werden. Aber noch schien sich auf der Plattform nichts und niemand für die Umgebung zu interessieren. Der Kosmische Holländer war einfach nur da, ohne Anzeichen besonderer Aktivität.

Er wartete.

Worauf? – Lethem da Vokoban hätte viel für die Antwort gegeben. In steter Folge ließ er die eigenen Ortungsdaten erneuern. Sie blieben unvollständig und waren für einen risikolosen Zielanflug keineswegs ausreichend. Zudem war es an der Zeit, die eigene Aktivortung zurückzunehmen.

»Wie sieht es aus?«

Lethem schreckte auf. In seine Betrachtungen versunken, hatte er nicht bemerkt, dass der Kommandant plötzlich neben ihm stand. Das war nicht nur unnötig, sondern auch unüblich.

»Ich schaffe es.«

»Daran zweifle ich nicht«, sagte Khemo-Massai. »Aber ich will einen Zwischenstopp.«

»Das Risiko der Entdeckung ...«

»Wer oder was immer das Geisterschiff befehligt, weiß wahrscheinlich längst von unserer Anwesenheit.«

»Das ist eine Vermutung.«

»Unser ganzes Handeln basiert momentan auf Vermutungen.« Der Kommandant deutete auf die Kursprojektion der TOSOMA. »Hier, nach zwei Dritteln der Distanz, muss ein Orientierungsmanöver erfolgen. Dann bekommen wir wohl auch bessere Ortungsergebnisse.«

Lethem da Vokoban nickte knapp. Vom Gravopuls- schaltete er auf Metagrav-Antrieb um. Das Schiff beschleunigte nun mit dem Höchstwert von 1200 Kilometern pro Sekundenquadrat. Jedoch war ein Überlichtflug mit dem Metagrav im Omega-Centauri-Kugelsternhaufen nicht ausreichend sicher, das Schiff war also zur Transition gezwungen. Die Minimum-Eintrittsgeschwindigkeit lag bei 20 Prozent der Lichtgeschwindigkeit, als Standard galten mindestens 80 Prozent. Je höher die Geschwindigkeit des Schiffs war, desto geringer der Energieverbrauch. Damit einhergehend konnten die Strukturkompensatoren die Gefügeerschütterungen beim Eintritt in den Hyperraum und bei der Rematerialisation deutlich besser absorbieren. Auf einige Sekunden mehr oder weniger kam es ohnehin nicht an, was zählte, war die Sicherheit. Lethem hatte deshalb einen Wert von über 270.000 Kilometern pro Sekunde für die Transition vorgesehen. Die auftretenden Dilatationserscheinungen waren in diesem Größenbereich noch vernachlässigbar gering.

Knapp dreieinhalb Minuten bis zur Transition.

Die TOSOMA jagte der blauen Riesensonne entgegen. Obwohl das Aufgabe des Syntrons war, überwachte Lethem peinlich genau die Verlaufsanzeige. Nach den ersten vierzig Sekunden, in denen das Schiff mit vergleichsweise geringen 400 Kilometern pro Sekundenquadrat beschleunigt worden war, arbeiteten die Triebwerke nun auf Volllast. Neunzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit wurden nach 252 Sekunden erreicht. Die TOSOMA hatte bis zur Transition nur einen Bruchteil der Entfernung zur Sonne zurückgelegt, nämlich knapp 27,5 Millionen Kilometer.

Ohne messbaren Zeitverlust überwand der Schwere Jagdkreuzer zwei Drittel der Entfernung bis ins Zentrum des Dodekaeders, also rund vierzehn Lichtstunden. Aber auch hier konnte die schwarze Plattform optisch noch nicht wahrzunehmen sein.

Der Rücksturz des Schiffs erfolgte ohne die unangenehmen Begleiterscheinungen früherer Transitionen. Die Absorber verhinderten den Entzerrungsschmerz.

»Keine Strukturerschütterung anmessbar!«

»Ortungsschutz ist lückenlos! Virtuellbildner bereit zum Einsatz!«

Lethem da Vokoban beschleunigte die TOSOMA schon wieder, während rings um ihn beinahe hektische Betriebsamkeit herrschte. Die Masseortung bestätigte die vorliegenden Werte, die erforderlichen Korrekturen blieben unerheblich. Nach wie vor kein Funkempfang außer dem üblichen Hintergrundrauschen. Wer gehofft hatte, ein Lebenszeichen der Vermissten aufzufangen, der wurde enttäuscht. Lediglich die Energiescans zeigten rapide anschwellende Werte.

»Was immer da geschieht – es muss zeitgleich mit unserer Transition begonnen haben.«

»Aber es gilt nicht uns?!«

»Die Ausbreitung erfolgt gleichmäßig nach allen Richtungen.«

»Demnach kein Waffeneinsatz?«

»Nicht gezielt jedenfalls.«

Der Pilot registrierte den Wortwechsel nur beiläufig, ohne bewusst darauf zu achten. Seine Konzentration galt Kursvektoren und Simulationen, die den Zeitraum von zwei Minuten nach dem nächsten Rücksturz umfassten. Nach wie vor hing die Vergessene Plattform im relativen Stillstand zwischen den Sonnen; das vereinfachte die Berechnung der Rematerialisation.

»Verdammt, was ist das?« Der Aufschrei riss Lethem aus seiner Versunkenheit. »In der Ortung sieht es aus wie eine gewaltige Feuerwalze – sie kommt überlichtschnell auf uns zu.«

Raumalarm schrillte durch das Schiff.

Auf der Panoramagalerie war ein kugelförmiges Brodeln zu sehen, das sich rasend schnell ausweitete. Lethem fühlte sich an eine Sternexplosion erinnert, an eine Sonne, die ihre Gashülle abstieß.

Nur noch Sekunden, bis die Energiewolke die TOSOMA umfloss. Sie war allein in der Hyperortung zu erkennen. Die Normaloptik zeigte den Weltraum unverändert.

»Ausgangspunkt ist die Plattform ...!«

Kaum jemand achtete noch auf die Meldung von der Ortung. Die energetische Front erreichte das Schiff. Sprunghaft schnellten die Belastungsanzeigen in die Höhe. Der Bordrechner hatte die Staffelung des Paratronschirms hochgefahren, aber schon zeigten sich die ersten Aufrisse.

Zusammenbruch des äußeren Schirmfelds. Ebenso gedankenschnell verfärbte sich die zweite Schirmstaffel. Für die zitternd verharrende Belastungsanzeige hatte niemand mehr Augen. Schreie hallten durch die Zentrale, die plötzlich von einem nebelartigen Schleier erfüllt war.

Lethem da Vokoban sah noch den Mann neben sich zusammenbrechen, dann raste ein glühender Stich durch seinen Schädel. Er hörte jemanden halb erstickt keuchen, begriff aber nicht, dass er selbst es war, der qualvoll nach Atem rang. Alles um ihn herum schien in Auflösung begriffen zu sein; von der Panoramagalerie sprang der Weltraum herab.

Anhaltend gellte der Alarm durchs Schiff. Das kürzer gewordene Intervall verriet, dass nur mehr ein Schirmfeld Bestand hatte.

Weg hier! Nur noch dieser eine Gedanke beseelte den Piloten. Mit aller Kraft kämpfte er gegen die beginnende Ohnmacht an. Atlans Worte klangen in ihm nach: »... angeblich bringt er allen, die ihm begegnen, den Tod.«

Ein rasender Wirbel erfasste ihn. Es war vorbei. Ein einziger Augenblick noch ... und danach? Die Ewigkeit? Oder das Erlöschen jeder Wahrnehmung?

Lethem da Vokoban wollte sich nicht damit abfinden. Vor seinem inneren Auge flammten Myriaden winziger Spiralen, die fernen und fernsten Galaxien, von denen er in seinem Leben wenigstens einige wirklich sehen wollte. Das war sein Traum, und er gab ihm Kraft. Während das letzte Schirmfeld unter tobenden Aufrissen verwehte, schlugen seine Finger schwer auf die Schaltflächen.

Fünf Sekunden blieben ihm. Danach blockierte die Sicherheitsabfrage jede weitere Order. Qualvolle Sekunden ...

Die Schiffszelle dröhnte wie eine angeschlagene Glocke. Es stank nach Ozon, eine Folge der Überschlagsenergien. Und der Alarm schien nicht enden zu wollen.

Vielleicht wäre es besser gewesen, auf der ATLANTIS zu bleiben ...

Die letzte Schaltung. Schwer lag Lethems Hand auf der Leuchtfläche. Ungläubig starrte er auf das hektische Blinken: Sprungkoordinaten invalid! Er wollte es nicht glauben.

Lethem löste dennoch die Transition aus.

Er verfluchte das kosmische Geisterschiff. Der Entzerrungsschmerz war schlimmer als alles, was er je erlebt hatte.

*

Wir kümmerten uns weder um die kompakten Maschinenblöcke noch um die aufwärts führenden Rampen. Wenn wir die Plattform schnell verlassen wollten, mussten wir auf einer Ebene bleiben und durften uns keinesfalls verzetteln.

Jorge Javales war so weit wiederhergestellt, dass er Schritt hielt. Zumindest gab er sich den Anschein, dass er die schnelle Gangart durchhalten konnte. Trotzdem bemerkte ich hin und wieder sein kurzes Zusammenzucken und dass er sich mit einer Hand den Nacken massierte. Schweigend hatte er sein Aufzeichnungsgerät überprüft, als wolle er bei der nächsten Gelegenheit die Speicherung auf seine Netzhaut projizieren, um zu erfahren, was geschehen war.

»Verdammt!« Massarem blieb abrupt stehen.

Ich hatte die Bewegung ebenfalls gesehen. Knapp zwanzig Meter vor uns gab es die nächste Kreuzung. Die Maschinenblöcke in dem Bereich waren schichtenweise tief eingekerbt. Offensichtlich war es den Konstrukteuren darum gegangen, eine möglichst große Oberfläche zu schaffen. Darüber zu spekulieren, ob es sich um ein einfaches Filtersystem der Lebenserhaltung handelte oder um etwas völlig anders Geartetes, war müßig. Die Vergessene Plattform barg Geheimnisse, an deren Entschlüsselung Heere von Wissenschaftlern lange Zeit arbeiten würden. Hier hatten andere Mächte als nur Lemurer ihre Finger im Spiel.

»Spinnen!« Massarem stieß das Wort wie eine Verwünschung aus. Für einen Sekundenbruchteil war hinter den Einkerbungen ein klauenbewehrtes Metallbein zu sehen gewesen. »Die Biester lauern uns auf. – Was machen wir?«

»Kein Risiko eingehen!«, ächzte der Archivar.

»Die sind überall«, behauptete Veloz. »Wahrscheinlich so etwas wie Wartungs- und Reinigungsroboter.«

Ein Weg war für uns so gut oder so schlecht wie der andere. Solange wir unsere Position in der Plattform nicht kannten, konnten wir auch nicht den kürzesten Weg an die Peripherie finden. Folglich vergaben wir uns nichts, wenn wir eine der schon hinter uns liegenden Abzweigungen wählten.

Der Versuch war sinnlos. Kaum drehten wir um, versperrten uns die Roboterspinnen den Weg. Sie waren schnell und hätten uns schon bisher leicht einholen können. Aber sie hatten nichts unternommen, solange wir uns in die gewünschte Richtung bewegten. Erst jetzt, nachdem wir vom Weg abgewichen waren, griffen sie wieder an.

Massarem hatte seinen Individualschutzschirm aktiviert. Breitbeinig stand er da und feuerte. Die erste der Roboterspinnen war nur noch eine Körperlänge von ihm entfernt, als der Thermostrahl zwei ihrer Gliedmaßen abtrennte. Es gab ein kurzes, schleifendes Geräusch, als der Körper aufschlug und gegen die Wand prallte. Vergeblich versuchte die Spinne, wieder in die Höhe zu kommen. Ihre zuckenden Beine wirkten gar nicht mehr so bedrohlich. Massarem feuerte bereits auf den zweiten Roboter, der ihn ansprang. Er hatte die Waffe auf Salventakt justiert. Drei Schüsse durchschlugen den linsenförmigen Körper und ließen ihn aufglühen. Meterweit rutschte die Spinne über den Boden, ehe sie, die Beine nach oben gekrümmt, auf dem Rücken liegen blieb.

»Sie kommen auch von der anderen Seite!«, warnte Veloz. Ich hatte das befürchtet. Mindestens dreißig Roboter eilten uns entgegen. Sie waren aber noch weit genug entfernt, dass wir uns vor ihnen in den Hauptkorridor zurückziehen konnten.

»Nach links!«, bestimmte ich.

»Das ist die Richtung, die wir eben schon eingeschlagen hatten«, wandte Jorge ein.

»Ja«, sagte ich nur.

Du weißt, was du tust?, fragte mein Extrasinn.

Ich wähle den Weg des geringsten Widerstands.

Das ist nicht immer der sicherste.

Wir sind nicht ausgerüstet, um gegen die Spinnen zu bestehen.

Du Narr!, erklang es einmal mehr in meinen Gedanken. Ich halte es deiner Verwirrung zugute, dass du keinen Rat annehmen willst.

Veloz da Metztat und Jorge Javales hatten den Hauptkorridor erreicht. Die entgegenkommenden Spinnen waren noch sieben oder acht Meter entfernt. Allmählich wurde es überdeutlich, dass sie uns vor sich hertrieben. Die beiden so unterschiedlichen Männer, der hochgewachsene, schlanke Arkonide und der kleine Terraner, eilten im Laufschritt weiter.

»Wir ziehen uns zurück!« Ich wandte mich zu Massarem um, den ich nur wenige Meter hinter mir wusste, und sah gerade noch, wie mehrere Roboter über ihn herfielen. Zwei erwischte er mit seinen Thermoschüssen, zeitgleich prallten zwei andere auf seinen Schutzschirm. Mit einem fahlen Entladungsblitz brach das schwache Schirmfeld des Raumanzugs zusammen.

Der Raumsoldat taumelte, dann rissen ihn die Roboterspinnen zu Boden. Alles ging so schnell, dass ich nicht schießen konnte, ohne Massarem selbst zu gefährden. Nur ein paar Meter trennten uns, doch sie wurden zur unüberwindbaren Distanz. Im Nu wimmelte es von Spinnen, die allein schon mit der Fülle ihrer Leiber Horgald unter sich begruben, und mit bloßen Fäusten konnte ich nichts gegen sie ausrichten.

Sein wütendes Gurgeln ging in den schabenden und kratzenden Geräuschen der Spinnen fast unter. Es gelang ihm, die Beine anzuziehen und mit aller Kraft zuzutreten. Damit gewann er tatsächlich ein klein wenig mehr Bewegungsfreiheit, und er nutzte sie, um den Strahler auszulösen. Die tödliche Glut durchschlug zwei Roboterkörper, aber ein Teil der Energie flutete auf die verdammt kurze Distanz zurück.

Massarems triumphierender Aufschrei brach wimmernd ab. Er musste gewusst haben, dass er sich selbst gefährdete. Einige der nachrückenden Spinnen hatte ich erledigt, aber ich kam immer noch nicht an den Raumsoldaten heran. Es sah so aus, als hielten mich die Roboter bewusst von ihm fern ...

Verschwinde!, drängte der Logiksektor.

Ich achtete nicht darauf. Stählerne Gliedmaßen zuckten heran und ließen meinen Individualschirm aufflackern. Im nächsten Moment schlugen die Klauen durch und schmetterten gegen meine Beine.

Sie haben die Schirmfeldstruktur analysiert und absorbieren die Energie.

Meine Schüsse streckten zwei Spinnen nieder. Nur sekundenlang behinderten die zuckenden Wracks ihre nachdrängenden Artgenossen, dann kamen immer mehr dieser Biester auf mich zu. Ich würde einige von ihnen ausschalten können, aber keineswegs alle.

»Massarem!«, rief ich. »Ich hole dich da raus!«

»Verschwinde, Atlan!« Das klang kaum mehr verständlich. Der Raumsoldat feuerte erneut. Er musste wissen, dass das Wahnsinn war. Eine der Spinnen über ihm glühte auf. Sie explodierte, und die Glutwolke vermischte sich mit einer zweiten, weit heftigeren Explosion, als das Energiemagazin des Strahlers reagierte. Entweder hatte Massarem selbst die Zündung ausgelöst, oder ein Rückschlag hatte die Batterie zerrissen.

Wabernde Glut wogte heran. Ich warf mich herum und folgte den anderen. Zurückblickend sah ich die Spinnenleiber wie düstere Schemen im langsam erlöschenden Feuer. Der Anblick brannte sich in meine Netzhaut ein. Zugleich wusste ich, dass Horgald Massarem die Explosion nicht überlebt haben konnte. Ihm war keine Zeit für Überlegungen geblieben. Hatte er aus Panik heraus gehandelt, weil er nicht gewollt hatte, dass ich ihm beistand und mich damit selbst in Gefahr brachte? Ich hatte ihn nie richtig kennen gelernt, um das wirklich beurteilen zu können. Horgald war waschechter Terraner gewesen, einer von denen, die ihr Leben jederzeit einem großen Ziel unterordnen konnten. Horgald Massarem, das hatte er mir erst auf der Stahlwelt gesagt, hatte für die Vision eines friedlichen Universums gelebt – und dafür war er gestorben.

Die Spinnen folgten mir. Nicht so schnell, wie es ihnen sicherlich möglich gewesen wäre, aber beharrlich. Wenn ich den Deflektor einschaltete, wurde ich im normaloptischen Bereich unsichtbar. Andererseits verfügten Roboter über eine Mehrzahl von Wahrnehmungsmechanismen. Weil Veloz da Metztat als Einziger unserer Gruppe keinen Deflektorprojektor trug, hatten wir bislang darauf verzichtet. Jetzt aktivierte ich den Schirm zwar, die Spinnen ließen aber dennoch keine Unsicherheit erkennen.

Ich fragte mich, warum die Roboter so massiv über den Raumsoldaten hergefallen waren. Zufall? Oder hatten seine Schüsse auf die Quelle des grellen Lichts sein Todesurteil bedeutet? Es gab wohl nur einen Ort, an dem ich diese Frage stellen und Antworten erwarten konnte: in der Zentrale der Vergessenen Plattform.

*

»Sie haben Atlan und Horgald erwischt. Andernfalls hätten sie längst zu uns aufgeschlossen.« Jorge Javales lehnte schwer atmend an den Verstrebungen eines unverkleideten Aggregats, das sich über ihm aufspaltete und die von Rücksprüngen und Nischen durchsetzte Wand mit einem Aderngeflecht überzog. Die matte Oberfläche erweckte den Eindruck einer uralten Konstruktion, das Ganze hatte etwas Fossiles an sich.

»Wenn wir weiter fliehen, verlieren wir die beiden. Das macht unsere Situation nicht gerade leichter.«

Javales nickte schwach. »Trotzdem«, beharrte er. »Wir müssen hier weg.«

Sie hatten mich noch nicht bemerkt. Als scheinbar aus dem Nichts heraus meine Stimme erklang, zuckten sie zusammen. »Wir schaffen es, hier rauszukommen«, sagte ich.

»Atlan, bist du das? – Du hast den Deflektor aktiviert? Horgald auch?«

»Horgald Massarem ist tot«, sagte ich.

Jorge Javales' Miene versteinerte, dann nickte er zögernd. »Anzunehmen, dass man in Begleitung eines Unsterblichen sicher ist, ist offensichtlich ein Trugschluss«, sagte er. »Jeder von euch zieht das Unheil an wie ein Magnet Eisenspäne.« Er meinte das so, wie er es sagte. Zugleich irritierte ihn, dass er mich nicht sehen konnte. Sein Blick huschte unruhig suchend hin und her.

Der Korridor hinter uns verlor sich im diffusen Dämmerlicht. Allerdings zeichnete sich auch eine vage Bewegung ab. Die Spinnen folgten uns unbeirrbar und würden uns bald eingeholt haben.

Vor uns öffnete sich eine zweite große Halle, ebenfalls ein Sammelsurium technischer Einrichtungen, aber nicht mehr so komprimiert. Zwischen den fremdartigen Maschinenblöcken gab es viele freie Flächen, die wie Sammelplätze lediglich mannsgroßer surrealistischer Konstruktionen wirkten. Eine Gitterdecke wölbte sich über uns. Lauflichter huschten darüber hinweg, schwollen an und zerstoben in Farberuptionen, die sich kreisförmig ausbreiteten und dabei verblassten.

»Was ist das?«, fragte Veloz. »Eine Art Energieerzeugung? Oder gehört der Vorgang zur Systemstabilisierung?«

»Was hältst du davon, Atlan?«, fügte der Archivar hinzu. Seit Veloz und er ihre Deflektorbrillen aufgesetzt hatten, war ich für beide wieder sichtbar.

»Äußerlichkeiten ändern sich in Jahrtausenden«, antwortete ich.

»Da ist es wieder!« Veloz deutete auf den Hintergrund der Halle. Gleißende Helligkeit hatte in einem begrenzten Teilbereich die Farben verdrängt. Dieses grelle Licht bewegte sich langsam, suchend beinahe. Es kam näher.

Das Licht muss keine Bedrohung sein, meldete sich mein Extrasinn. Eine Art Transportsystem mit der Funktionsweise eines Fiktivtransmitters erscheint denkbar.

Ich wollte es dennoch nicht ausprobieren. Zumindest nicht, bevor ich mit einer Hundertschaft Techniker und Wissenschaftler auf die Vergessene Plattform zurückgekehrt war ...

Erst musst du sie unversehrt verlassen!

... und natürlich mit dem Besten, was galaktische Technik zu bieten hatte. Das Rätsel des Kosmischen Holländers reizte mich.

»Hier ist jemand!«, raunte Javales und blickte unverwandt zur Seite. »Ich habe eine Bewegung gesehen. Irgendwer verbirgt sich vor uns.«

Da war ein schwer überschaubares Konglomerat von Maschinen, die einem Albtraum entsprungen zu sein schienen. Jedenfalls hielt ich diese Gebilde für Maschinen. Aber für Maschinen aus einer anderen Welt ... Alles wirkte verdreht, verschoben und in sich verwachsen. Nach einer geraden Linienführung suchte ich vergeblich. Am ehesten erinnerte mich das ausladende Gebilde an ein komplettes Lineartriebwerk mit Konvertern, Felderzeugern und Peripherie-Überwachung, das in extremer Hitze geschmolzen und in Schwerelosigkeit wieder erstarrt war. Wobei ein innerer Druck der zähflüssigen Schmelze unterschiedliche Bewegungsrichtungen aufgezwungen haben musste. Aufsteigende Tropfen, Schichtenformationen, zerplatzende und ausgezackte Blasen, dazwischen eine Vielzahl von Höhlungen und Durchbrüchen – vielleicht täuschte ich mich auch in der Annahme eines technischen Aggregats, und es handelte sich nur um ein Kunstwerk ...

Javales hat Recht! Du bist unkonzentriert und ablenkbar. Vergiss endlich die letzten Tage!

Mein Extrasinn hatte die Bewegung eher als ich identifiziert. Eigentlich war es nur ein Schatten hinter einem der Durchbrüche, aber er verschwand, während ich hinschaute, und tauchte mehrere Meter seitlich wieder auf.

»Was ist das?«, raunte Veloz.

Auf jeden Fall war es keine der Roboterspinnen und wohl auch keine andere bewegliche Maschine. Aber ein Lebewesen? Ein Seitenblick verriet mir, dass Javales sein Aufzeichnungsgerät überprüfte. Und dass das grelle Leuchten näher kam, wobei es ruckartig über eine Breite von mindestens fünfzig Metern pendelte.

Das Licht suchte nach etwas. Oder nach jemand?

Da war der Schatten wieder. Flüchtig konnte ich einen Kopf sehen, halbrund, wie von silbernen Schuppen bedeckt.

»Bleibt zurück!«, befahl ich. Veloz da Metztat nickte knapp. Er hatte seinen Kombistrahler gezogen. Auch Javales griff zur Waffe.

Ich ging weiter, schaltete den Deflektor ab und winkelte die Arme an, die leeren Handflächen nach vorne gestreckt. Das war eine universell gültige Geste. »Wenn du mich verstehen kannst, lass uns miteinander reden!«, sagte ich halblaut. Unwillkürlich bediente ich mich der alten lemurischen Sprache. Da eine Antwort ausblieb, versuchte ich es mit galaktischem Interkosmo. Danach auf Arkonidisch. Nichts geschah.

Langsam war ich weitergegangen und hatte die geschwungenen Ausläufer des Konglomerats erreicht. Irgendwo vor mir verbarg sich ein lebendes Wesen, dessen war ich mir nun völlig sicher. Es beobachtete mich, und ich konnte seine Nähe spüren. Vielleicht besaß es mentale Kräfte und versuchte vergeblich, meine Gedanken zu sondieren.

»Beeil dich, Atlan! Das Licht pendelt nicht mehr so weit ... es nähert sich deiner Position.«

Wieder sah ich den sichelförmigen Schädel. Etwas länger diesmal. Auf dem Schädelkamm saßen faustgroße Augen. Die Haut schien aus silbern glitzernden Schuppen zu bestehen.

Ein Maahk? Aber dieses Wesen trug keinen Schutzanzug. Maahks konnten in einer Sauerstoffatmosphäre nicht überleben.

Ich tauchte endgültig in den bizarr erstarrten Schmelzfluss ein. Die Hohlräume waren bedeutend größer, als es von außen den Anschein hatte.

Ein Rascheln, links von mir. Es klang wie das Schaben verhornter Schuppen auf Metall. Danach Schritte. Ich folgte ihnen eine verdrehte Rampe hinauf. Sechs, sieben Meter über dem Hallenboden existierte eine schüsselförmige Vertiefung, wie ein flacher Hohlspiegel. Matte Reflexe lösten sich vom Rand und wirbelten auf einer Spiralbahn dem Zentrum entgegen, in dem sie mit energetischer Schwärze verschmolzen. Das Aggregat war aktiv, befand sich aber wohl

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Atlan - Obsidian-Zyklus (Sammelband) denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen