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ATLAN Polychora 1: Die geträumte Welt
ATLAN Polychora 1: Die geträumte Welt
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eBook355 Seiten4 Stunden

ATLAN Polychora 1: Die geträumte Welt

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Über dieses E-Book

September 3126 alter Terranischer Zeitrechnung:

Großadministrator Perry Rhodan und Solarmarschall Julian Tifflor weihen Atlan in ein streng geheimes Projekt des Solaren Impersiums ein. Doch bereits beim ersten Testlauf misslingt das Zeitexperiment im All. Um eine Katastrophe zu verhindern, begibt sich der Arkonide mit einer Gruppe von Terranern sofort auf die Suche nach dem verschollenen Testschiff WAV-E und dessen Besatzung. Dabei gerät er in eine bizarre fremde Welt, die unmöglich natürlichen Ursprungs sein kann.

Zur gleichen Zeit untersuchen Wissenschaftler auf einem Mond des Planeten Nancanor eine Zone, an der sich die Welt, wie wir sie kennen, aufzulösen scheint. Ihre Auftraggeberin Tipa Riordan, die bekannte und gefürchtete Piraten-Anführerin, verfolgt dabei ein ganz bestimmtes Ziel ..

Folgende Romane sind Teil der Polychora-Trilogie:
1. "Die geträumte Welt" von Achim Mehnert
2. "Kommandofehler" von Rüdiger Schäfer
3. "Versprengte der Unendlichkeit" von Dennis Mathiak
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum5. Okt. 2015
ISBN9783845349572
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    Buchvorschau

    ATLAN Polychora 1 - Achim Mehnert

    cover.jpgimg1.jpg

    Erster Band der Polychora-Trilogie

    Die geträume Welt

    von Achim Mehnert

    Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

    Kleines Who is Who

    Aliken Hantoon – ein weiblicher Korporal der Solaren Flotte entwickelt eine unerwartete Fähigkeit

    Angen-Math – der eitragende Wanderer durch die Sphären spürt dem Rätsel seiner Herkunft nach

    Atlan – der Arkonide findet sich als Zentralfigur einer Prophezeiung wieder

    Berich Lursen – ein »Hoher« muss der sich »Niederen« fügen

    Buchanan Churl, Eigen Korth, Fyderus Ynster und Lars Roupol – vier Raumsoldaten begleiten Atlan durch eine Welt voller Geheimnisse

    Das Orakel – in der kleinen Positronik lebt das Bewusstsein einer alten Maschine

    Denzen Hesper – der »Frischling« rät zur Vorsicht

    Die Fünf – niemand kennt die mächtigen Herrscher Polychoras

    Feynrich – Atlan geht dem »Hohen« an den Hals

    Faun Malkovoch – wie immer ist der Erste Wesir ergebener Diener seiner Herrin

    Galverin Schmidt – dem Korporal mangelt es nicht an Selbstbewusstsein

    Ganus a That – der Mann vom Mars will dem Rätsel auf den Grund gehen

    Glitter – die Macht der Auflösung ruft Widerwillen hervor

    Harlon Darter – einem kleinen Mann ist ein anderer kleiner Mann Vorbild

    Itter Krispen und Ropander Tin – der Archäologe und der Epsaler erleben die Schrecken der Irrealität

    Jeanery Harrison – die Generalin bittet den Lordadmiral an Bord

    Kyle Griffin – ein Rebell wagt sich weit vor

    Myriam Weyport – die Plophosgeborene sorgt sich um ihre Kollegen

    Oberst Kalafarr – ein Kommandant verschwindet mitsamt seinem Schiff

    Palster Weiren – für den Schaumbeherrscher kommt Hochmut vor dem Fall

    Perry Rhodan und Julian Tifflor – der Großadministrator und der Solarmarschall gefallen sich als Geheimniskrämer

    Pirl Crisp – ein junger Mann will dem Erlöser helfen

    Saken Dasch, Ainut Hernason und Tirfin »Black Finger« Surget – das ungleiche Trio beherrscht eine dubiose Welt am Rand von Scutum-Cux

    Serena – Atlan ignoriert ihren Augenaufschlag

    Sheyfun – der ferronische Hyperphysiker wird blass

    Tarquosch, die Krücke – ein Zwerg befreit Insekten aus Bernstein

    Tipa Riordan – die Chefin der Piraten ist einer größeren Sache auf der Spur, als ihr lieb sein kann

    Gorken Tansith – der oberste Feuerdiener ist Tante Tipa ein Dorn im Auge

    Vernil Grosz – ein kleiner Leutnant muss einem Lordadmiral Befehle geben

    Zhyr-Krit – der Ara bekommt einen unerwarteten Patienten

    Kapitel 1

    6. September 3126

    Die Übertragung war stetig schlechter geworden. Einzig ein statisches Rauschen blieb als letzter Nachhall. Nachdem auch es verklungen war, herrschte gespenstische Stille.

    Ganus a That starrte in den Bildschirm, obwohl es darin nichts mehr zu sehen gab. Schwärze füllte den holographischen Kubus aus, und für Sekunden legte sie sich als düsterer Schatten auf a Thats Gemüt. Er hatte kommen sehen, was geschehen würde, es aber nicht wahrhaben wollen. Dennoch brachte ihn die Lawine der Ereignisse nicht von seiner Haltung ab. Auch nachdem das Desaster eingetreten war, dachte er nicht daran, seine Linie zu ändern.

    »Wir haben sie verloren. Die Zone hat sie verschluckt und wird sie nicht wieder preisgeben.«

    Das Krächzen riss den Marsianer der a-Klasse aus seiner Erstarrung. Er desaktivierte den Monitor und richtete seine Aufmerksamkeit auf Denzen Hesper, seinen Kollegen mit den strähnigen roten Haaren. Dem sezierenden Blick aus Hespers wässrigblauen Augen schien kaum etwas zu entgehen.

    »Das Abreißen der Verbindung muss nicht gleich bedeuten, dass ihnen etwas zugestoßen ist.«

    »Ich fürchte aber, dass es ihnen nicht gut geht. Was wir eben gesehen haben, war … unheimlich. Mir läuft es noch immer kalt den Rücken hinunter.«

    »Kriegen Sie sich wieder ein, Herr Kollege.« Frischling. So pflegte a That den zwanzig Jahre jüngeren Terraner bei sich zu nennen. »Es gibt eine wissenschaftliche Erklärung für die Vorgänge.«

    »Die wir mit all unserer Ausrüstung nicht finden.« Hespers Stimme klang fast trotzig. Er sah sich nach Zustimmung heischend um.

    Myriam Weyport, die zierliche Plophosgeborene, und der Epsaler Ropander Tin ließen nicht erkennen, was sie dachten. Beide galten als übervorsichtig mit der Äußerung ihrer Ansichten. Während Hesper den Konflikt mit a That nicht scheute, hielten sie sich häufig zurück, um den Marsianer nicht zu einem der cholerischen Anfälle zu provozieren, für die er bekannt war.

    »Wir stellen weitere Erkundungen und die Suche nach einer wissenschaftlichen Deutung hinten an«, versuchte die blonde Plophoserin Gelassenheit zu demonstrieren. »Zunächst sollten wir uns darauf einigen, was wir unternehmen, um den Verbleib unserer Kollegen zu klären.«

    »Wir überlassen sie nicht ihrem Schicksal«, stellte der Marsianer unmissverständlich klar.

    »Sie plädieren dafür, eine weitere Suchmannschaft in die Zone zu schicken?« Ropander Tins dunkle Bassstimme drückte Zweifel aus.

    »Sie etwa nicht?«

    Der Epsaler zuckte unentschlossen mit den Achseln. Bei einem extrem muskulösen Humanoiden, der nur 1,60 Meter groß, aber dafür ebenso breit war und dessen Kopf auf einem äußerst kurzen Hals saß, wirkte die Geste linkisch. Wie immer, wenn er die Wortführung und Entscheidung lieber dem Marsianer überließ, verknotete er die Finger seiner mächtigen schaufelartigen Hände ineinander.

    »Ich lehne es kategorisch ab, weitere Leben aufs Spiel zu setzen«, protestierte Denzen Hesper.

    Ganus a That straffte seine hagere Gestalt. Von dem Frischling hatte er nichts anderes als Widerspruch erwartet. Allerdings, gestand er sich ein, war dessen ablehnende Haltung nicht unbegründet. Unerklärliche Phänomene spielten sich in dem Bereich ab, den sie die Störungszone nannten. In jüngster Zeit hatte sich bei den Wissenschaftlern der schlichte Begriff »Zone« für die Ausdehnung der Störungen eingebürgert, die im Inneren des Mondes »Nacht« auftraten. Die Wissenschaftler waren zu einigen wenigen Antworten gelangt, die von einer weitaus größeren Zahl Fragen übertroffen wurden. Um der Zone ihre Geheimnisse zu entreißen, waren in den vergangenen Monaten mehrere Forscherteams in Richtung der Magmakammer vorgestoßen und mit jenen unerklärlichen Phänomenen konfrontiert worden, die man als strukturelle Störung des Universums interpretierte. Nun war eine Expedition verloren gegangen, und keiner von ihnen hatte eine Vorstellung davon, was aus den Männern geworden war. Hespers Vorbehalte waren daher durchaus nachvollziehbar.

    »Wir lassen unsere Leute nicht im Stich«, ließ a That keinen Zweifel daran aufkommen, wie er sich den nächsten Schritt vorstellte.

    »Nur zu. Allerdings bezweifle ich, dass sich Freiwillige finden, die zu einem Vorstoß mit ungewissem Ausgang bereit sind. Maßen Sie sich an, jemanden für ein potenzielles Selbstmordkommando einzuteilen?«

    Scharf sog der Marsianer die Luft ein. Es gelang ihm gerade noch, die harsche Entgegnung, die ihm auf der Zunge lag, zu unterdrücken. Der Frischling versuchte ihn zu provozieren. Wahrscheinlich wartete Hesper nur auf eine Bestätigung, um a That der Überheblichkeit bezichtigen zu können. Natürlich besaß der Marsianer seinen Kollegen gegenüber keine Weisungsbefugnis. Sie waren eine homogene Gruppe, darauf legte die Chefin wert. Sie hatte keinen von ihnen mit höherrangigen Kompetenzen ausgestattet. Stattdessen hatte sie den Wissenschaftlern das Orakel zur Seite gestellt, das sich zu a Thats Verwunderung bisher schweigend verhielt.

    »Auf eine solche Idee würde Ganus nicht kommen«, behauptete Myriam Weyport diplomatisch.

    »Richtig. Wir holen unsere Kollegen aus der Zone heraus.«

    »Wie wollen wir das anstellen, ohne dass sich wiederholt, was geschehen ist?«

    Ganus a That spürte Zorn in sich aufsteigen. »Uns wird etwas einfallen«, entfuhr es ihm. »Schwere Schutzanzüge, dazu Kampfroboter.«

    »Die Anzüge haben der Gruppe nichts genützt.«

    »Außerdem gab es keinen Feindkontakt«, erinnerte der Epsaler. »Gegen wen sollen die Roboter vorgehen? Gegen was?«

    »Wir finden es heraus. Dazu brauchen wir nicht nur unsere Fähigkeiten und unsere Ausrüstung, sondern ein bisschen Zuversicht.« Andernfalls war das Projekt gefährdet. Nur wenn es sich als sicher herausstellte, würde es weiter betrieben werden. A That wollte herausfinden, was es mit der Zone auf sich hatte, ihr die Geheimnisse entreißen, die die Forscher bisher nur wenig durchschauten. Der Verlust oder das unerklärliche Verschwinden von Menschen waren der Zukunft des Projekts wenig zuträglich. Zumindest musste geklärt werden, was mit ihnen geschehen war und wie man ähnliche Fehlschläge künftig würde vermeiden können.

    »Ich bin strikt dagegen«, widersprach der Rotschopf. »Jeder weitere Versuch ist viel zu gefährlich. Das wissen wir nun endgültig. Es wäre grob fahrlässig, die bisherigen Fehlschläge zu ignorieren.«

    »Es gibt Argumente dafür und dagegen. Eine salomonische Entscheidung wäre es, wenn du selbst einen weiteren Vorstoß anführen würdest, Ganus a That«, meldete sich das Orakel mit sonorer Stimme.

    In der Raumecke stand regungslos ein GLADIATOR. Der terranische Kampfroboter hatte sich während der ganzen Diskussion nicht ein einziges Mal gerührt. In seinen stählernen Händen hielt er ein silbernes Tablett. Das darauf ruhende Gerät von Ballgröße fiel erst auf den zweiten Blick auf. Die leistungsfähige Minipositronik glänzte metallisch im Schein der künstlichen Beleuchtung. Sie war das eigentliche Orakel. Das Orakel war a That suspekt, da es eine Reihe einer Positronik unangemessener Eigenheiten an den Tag legte und sich zuweilen verklausuliert und umständlich ausdrückte. Da es sich nun in die Diskussion einbrachte, war seine Aussage umso eindeutiger.

    »Ich schließe mich nicht aus«, sagte a That.

    »Das ist Wahnsinn!«, beharrte Denzen Hesper auf seinem Standpunkt. »Ich weigere mich, an einer Expedition ins Ungewisse teilzunehmen.«

    »Ich habe es begriffen.« Frischling.

    »Wollen Sie mir deshalb Vorwürfe machen?«

    »Mich würde interessieren, wie die Chefin die Lage beurteilt«, enthob Weyport den Marsianer einer Antwort.

    Die Anregung kam a That nicht ungelegen. Ohnehin war überfällig, die Chefin über die Entwicklung zu unterrichten. Seit ihrem letzten Besuch auf Nacht waren einige Wochen vergangen. Er hatte keine Ahnung, in welchem Teil der Milchstraße sie mit der BUTTERFLY kreuzte. Das Orakel als ihr Stellvertreter und Statthalter in der unterirdisch verborgenen Forschungsstation war jedoch jederzeit über ihren Aufenthaltsort unterrichtet.

    Vor a Thats geistigem Auge spulten sich bizarre Bilder ab. Sie erschreckten ihn, waren faszinierend und verstörend zugleich. Er gewahrte einen Raum, dessen Abmessungen sich nicht definieren ließen. Eis bildete eine Blase, eine Art Kokon, durch den die verschollene Forschergruppe sich vorantastete. Zumindest sahen die verschwommenen Wände, der Boden und selbst die Decke des unüberschaubaren Refugiums aus wie aus Eis geformt. Sie schienen näher zu rücken, dann weiter entfernt zu sein, gewannen an materieller Stabilität und zerfaserten gleich darauf zu diffusem Trugwerk. Die letzten visuell übermittelten Eindrücke seiner verschollenen Kollegen verblassten und entließen den Marsianer in die Wirklichkeit.

    »Ich stimme Ihrem Vorschlag zu, Myriam. Ist jemand dagegen?«

    Niemand meldete sich. Noch zur selben Stunde setzte Ganus a Thart einen gerafften und kodierten Hyperfunkspruch ab.

    Lustlos stocherte Tipa Riordan in dem Essen, das sie sich hatte auftragen lassen. Seit Tagen hatte sie kaum einen Bissen hinunterbekommen. Bongorischer Blumenkohl blickte sie vorwurfsvoll an, und die kunstvoll pochierte Venutenlende ertrank in der gelblichen Soße, in die sie sie mit ihrer Gabel missmutig hineinstieß.

    Eigentlich hätte ihre Laune bestens sein müssen. Auf abenteuerlichen Wegen war ihr ein Speicherkristall in die Hände gefallen, der angeblich Hinweise auf ein uraltes technisches Artefakt von unschätzbarem Wert enthielt. Zwar war es ihr bisher nicht gelungen, das verschlüsselte Datenpaket zu knacken, doch sie war guter Dinge, dass sich das in Bälde ändern würde. Zu diesem Zweck war sie auf dem Weg ins Newton-System. Sie hatte ihre Verbindungen zu den Wissenschaftlern auf Kopernikus spielen lassen und einen Experten gefunden, der mit Anliegen wie dem ihren vertraut war. Angeblich. Hieß es. Große Sorgen, vergeblich zu der terranischen Kolonialwelt zu fliegen, machte sie sich nicht. Ihre Quellen waren verlässlich. Eine Tipa Riordan lockte man nicht ohne stichhaltige Argumente durch die halbe Galaxis.

    Dennoch hatte ihr etwas die Stimmung verdorben. Die kaum mehr als anderthalb Meter große Piratin schnaubte und schob den Teller von sich. Nein, ihr war nicht nach Essen zumute, mochte es auch noch so köstlich sein. Sie sah auf, als sich das Schott zu der kleinen Messe öffnete, in der allein sie sich aufhielt. Ihr Erster Wesir Faun Malkovoch trat ein.

    »Hatte ich nicht deutlich zum Ausdruck gebracht, ungestört sein zu wollen?«, maßregelte sie ihn. Der Hüne senkte demutsvoll den Kopf. Er setzte zum Sprechen an, doch Tipa Riordan kam ihm zuvor. »Außerdem ist dein Platz als mein Stellvertreter in der Zentrale, solange ich mich dort nicht aufhalte.«

    »Verzeihung Ma’am«, brachte Malkovoch hervor. »Wir haben einen dringenden Funkspruch empfangen.«

    »Du kommst her, um mir das persönlich zu sagen? Weshalb hast ihn nicht durchgestellt?«

    »Weil ich Sie nicht erreichen konnte.«

    Er hatte recht. Sie hatte den Interkomanschluss in der Messe desaktiviert. Auch ihr Armbandkom hatte sie ausgeschaltet. Sie presste die ohnehin schmalen Lippen ihres zahnlosen Mundes zu einem Strich zusammen. Ohne triftigen Grund hätte der Erste Wesir sie nicht belästigt. Also waren Umstände eingetreten, die eine rasche Informationsweitergabe erforderlich machten. Die Piratin seufzte. Sie hatte eine ungute Vorahnung.

    »Der Funkspruch kam von Nacht?«

    »So ist es. Ich habe ihn aufgezeichnet.«

    »Ich habe es geahnt.« Tipa Riordan erhob sich so schwungvoll, dass der Stuhl gefährlich wackelte. Wie meistens war sie vollständig in schwarzes Leder gekleidet. Zu einer engen Lederhose trug sie bis zu den Waden geschnürte Sandalen, dazu eine schwarze Lederjacke, die von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde. Ein Mikroprojektor aus siganesischer Fertigung zum Aufbau eines HÜ-Schirms war darin untergebracht. »Wann ist der Funkspruch eingegangen?«

    »Vor etwas mehr als fünf Minuten.«

    »Dann hast du auf dem Weg zu mir ganz schön getrödelt«, schalt Tipa ihren Stellvertreter. Sie packte ihren Gehstock und begab sich zum Ausgang. »Komm schon. Worauf wartest du? Unterwegs kannst du mir erzählen, worum es geht. Ich hoffe, meine Leute haben einen Durchbruch errungen.«

    »Davon kann keine Rede sein.«

    »Sondern?«

    »Es ist zu weiteren Komplikationen gekommen. Ein Forscherteam ist bei der Untersuchung der Störungszone verschwunden.«

    Tipa Riordan erschrak heftig. Sie hatte es kommen sehen. Die Anlage, die sie auf Nacht betrieb, entwickelte sich zu einem scheinbar unerschöpflichen Reservoir an Schwierigkeiten.

    »Einzelheiten!«, verlangte sie. »Was heißt verschwunden?«

    »Das scheint den Wissenschaftlern auf Nacht nicht ganz klar zu sein.«

    Unwillkürlich beschleunigte die Piratin ihre Schritte. Sie wusste, wie sie auf andere wirkte. Wer sie und ihre Fähigkeiten nicht kannte, unterschätzte sie zwangsläufig. Ein unbedarftes Gegenüber sah in ihr eine alte Frau mit lederartiger, runzeliger Haut, die sich straff über die Wangenknochen spannte. Sie hatte die silbergrauen Haare nach oben gesteckt, wo sie zu einem turmhohen Haarnest gerieten. Was großmütterlich und altbacken aussah, tarnte verschiedene Waffen und Mikrogeräte. Tipas vorspringendes Kinn und die scharf geschnittene, gekrümmte Nase verliehen ihr große Ähnlichkeit mit einem Raubvogel. Ihr leicht vornüber gebeugter Gang und die scheinbare Hilfsbedürftigkeit, mit der sie sich auf ihren Gehstock stützte, hatte jedoch schon manch einen falsche Schlüsse ziehen lassen, indem er sie als schwache Greisin wahrgenommen hatte statt als veritable Anführerin einer Piratenhorde. Man sah ihr nicht an, dass sie Trägerin eines Zellaktivators war. Das lebensverlängernde Gerät war ihr im biologischen Alter von 125 Jahren von Perry Rhodan ausgehändigt worden. Auch der Stock, auf den sie sich stützte, war weit mehr als das, was er zu sein schien. Mit den darin verborgenen Ortungs- und Sendegeräten, dem Paralysator, Impulsstrahler und Desintegrator sowie der hydraulischen Vorrichtung, die der gebrechlich wirkenden Frau Sprünge über fünf Meter und mehr erlaubte, war er ein kleines Wunderwerk der Technik. Alles in allem war Tipa Riordan ein wandelndes Waffenarsenal, das gegen alle Eventualitäten gefeit war.

    Nur nicht gegen die Geschehnisse auf Nacht, dachte sie grimmig, nachdem Faun Malkovoch seinen Bericht abgeschlossen hatte.

    »Um alles muss ich mich selbst kümmern«, beschwerte sie sich. »Ist es da ein Wunder, dass ich sogar das beste Essen kaum noch vertrage? Es schlägt mir auf den Magen.«

    »Das ist nicht möglich, Ma’am. Schließlich tragen Sie einen Zellaktivator.«

    »Papperlapapp, mein Junge. Was weißt du schon, wie sich ein Zellaktivator auf mein körperliches Wohlbefinden auswirkt? Und wie das spurlose Verschwinden meiner Leute?«

    »Wir fliegen ins Gainbal-System?«, fragte Faun Malkovoch anstelle einer Antwort.

    »Unverzüglich.«

    »Und Ihre Vereinbarung mit den Wissenschaftlern auf Kopernikus?«

    »Die können warten. Ich werde meinen Verbindungsmann kontaktieren und ihn unterrichten, dass ich auf unbestimmte Zeit verhindert bin.«

    »Damit habe ich gerechnet. Ich war deshalb so frei, die Linearetappe unterbrechen zu lassen.« Im Gefolge der Kommandantin betrat der Erste Wesir die Zentrale der BUTTERFLY.

    Tipa Riordan ließ sich in einen schweren Gliedersessel fallen. Auf dem Panoramaschirm zeichnete sich der Sternenozean des Einsteinraums ab. Die BUTTERFLY pflügte mit halber Lichtgeschwindigkeit durch interstellaren Leerraum, stetig beschleunigend. Die gewohnten Bilder auf dem zentralen Monitor lockten keinen Hund hinter dem Ofen hervor, eine weltraumerprobte Piratin wie Tipa schon gar nicht. Sie verlangte eine Funkstrecke nach Nacht, um sich von den Forschern noch einmal persönlich in Kenntnis setzen zu lassen.

    Der Marsianer Ganus a Thart, mit dem sie verbunden wurde, wiederholte im Prinzip, was sie bereits von ihrem Stellvertreter erfahren hatte. Allerdings kam nun die Unsicherheit dazu, die sie a Tharts Bericht entnahm. Er wusste nicht weiter, plädierte jedoch dafür, unter allen Umständen eine Expedition auszusenden, um die Vermissten zu suchen. Im Prinzip stimmte Tipa ihm zu. Andererseits wollte sie keine weiteren Wissenschaftler verlieren. Sie fühlte sich für ihre Leute verantwortlich.

    »Lässt sich kein Funkkontakt herstellen?«

    »Nachdem er einmal abgerissen war, ließ er sich nicht wieder aufbauen. Die Bildverbindung war schon vorher unterbrochen.«

    »Schickt Sonden hinein.«

    »Das haben wir getan. Sie ereilte das gleiche Schicksal wie unsere Leute.«

    »Der Kontakt zu ihnen ging verloren?«

    »So ist es. Sollen wir den Versuch wiederholen?«

    »Ja«, entschied Tipa Riordan. »Über unsere weitere Vorgehensweise entscheide ich vor Ort«, kündigte sie an und beendete die Verbindung. Das Gehörte war verwirrend. Schon bei früheren Vorstößen war es zu Zwischenfällen gekommen, doch nie so dramatisch wie in diesem Fall. Die Störungszone schien sich auszudehnen und sich der Forschungsstation zu nähern. Wenn das zutraf, blieb auf absehbare Zeit keine Alternative zu einer Evakuierung.

    »Wir sind auf dem Weg ins Gainbal-System.« Faun Malkovoch hatte inzwischen die entsprechenden Befehle an die Zentralebesatzung weitergegeben.

    Die Piratin nickte knapp. Ihre vierhundertköpfige Besatzung funktionierte so gut wie der Kreuzer. Auch für einen Raumer wie die BUTTERFLY fing das Leben mit 66 Jahren erst so richtig an, und die hatte das Schiff inzwischen erreicht. Es war damit, wie Tipa manchmal scherzend anmerkte, so verlässlich wie ein Mann in den besten Jahren. Sie vertraute dem zweihundert Meter durchmessenden Prachtstück, das auf der Zelle eines terranischen Angriffskreuzers der TERRA-Klasse basierte, uneingeschränkt. Zu seinen technischen Spezifikationen, die in einem Dreiviertel der Feuerkraft eines Flottenkreuzers gipfelten, kamen kleine vergnüglich Extras wie eine luxuriöse Saunalandschaft und das Schwimmbad, das Tipa hatte einbauen lassen.

    Perlen vor die Säue. Viel zu selten gönnte sie sich die Muße, sich den Annehmlichkeiten der BUTTERFLY hinzugeben.

    Ihre Gedanken drifteten zum Mond Nacht ab, auf den sie bereits im Jahr 3090 aufmerksam geworden war. Als Freibeuter der Sterne musste man Augen und Ohren überall haben. Tipa Riordans Anhängerschaft bestand nicht allein aus der Besatzung der BUTTERFLY. Sie unterhielt eine ganze Reihe von Stützpunkten und geheimen Stationen und wurde unentwegt mit Informationen versorgt. Damals hatte sie vom Kult der feurigen Wiedergeburt erfahren, der auf dem Planeten Nancanor sein Unwesen trieb. Der arkonidische Wissenschaftler Naron Falton hatte dort nach einer Schwachstelle im Universum gesucht, die laut seinen Aussagen Zugang in eine andere Welt bieten sollte – und sie auf Nancanor angeblich gefunden.

    Die Neugier hatte Tipa Riordan ins Gainbal-System getrieben, zum innersten Planeten Nancanor und schließlich zu dessen Mond Nacht. Auf Nancanor war sie auf nichts gestoßen, was für sie von Interesse gewesen wäre. Auf Nacht jedoch hatten die von den Wissenschaftlern im Newton-System optimierten Einrichtungen der BUTTERFLY ein bemerkenswertes physikalisches Phänomen registriert, dem nachzugehen sich lohnte. Unter dem Deckmantel merkantilen Interesses hatte Tipa in den folgenden Jahren einen geheimen Beobachtungsposten eingerichtet, tief unter der Mondoberfläche gelegen. Die heutige, größtenteils aus Wissenschaftlern und Technikern bestehende Besatzung umfasste vierzig Mann. Wendete sich das Schicksal in Form unbekannter Kräfte nun gegen sie?

    »Linearetappe programmiert«, vernahm die Piratin die Stimme ihres Stellvertreters. »Übergang steht unmittelbar bevor … Eintritt in den Linearraum vollzogen.«

    Die Darstellung im Panoramaschirm änderte sich schlagartig, als die Kalupschen Kompensationskonverter die BUTTERFLY aus dem gewohnten Raum-Zeit-Gefüge in die Librationszone zwischen Normalraum und Hyperraum beförderten. Wo eben noch die Sternbilder des Einsteinuniversums zu sehen gewesen waren, zeichneten sich nun die Schlieren des Linearraums ab. Die fließenden Gebilde hüllten das Schiff ein und schienen es auf seinem Weg zu begleiten. Dabei war dort draußen nichts. Was Tipa Riordan zu sehen bekam, war eine optische Darstellung dessen, was die Positronik an irrealen Daten zu interpretieren versuchte und nicht anders zu visualisieren wusste. Raumfahrern war dieser Anblick vertraut, doch er blieb auf ewig unwirklich.

    So unwirklich wie die Vorkommnisse auf Nacht, zog Tipa eine Parallele zu den sich zuspitzenden Ereignissen.

    Ihre Wissenschaftler hatten im Inneren des Mondes eine strukturelle Störung des Universums entdeckt. Die Bezeichnung an sich klang in den Ohren der Piratin widersprüchlich. Denn die Struktur des Universums war bis heute nicht vollständig und längst nicht schlüssig erkundet. Daher war es vermessen, von einer Störung zu sprechen, die womöglich einen ganz normalen Bestandteil des Universums bildete, mit dem die Menschheit bisher bloß noch nicht konfrontiert worden war. Darüber ins Grübeln zu geraten war indes müßig. Die Zwischenfälle auf Nacht mussten geklärt, die Verschollenen gerettet werden, ohne dass es zu weiteren Verlusten kam.

    Tipa Riordan machte sich größere Sorgen, als sie zu erkennen gab. Die folgenden Orientierungsphasen und Linearetappen verbrachte sie schweigend.

    Am 8. September 3126 erreichte die BUTTERFLY das Gainbal-System.

    Kapitel 2

    8. September 3126

    Nach der letzten Linearetappe stand Gainbal schimmernd im Zentrum des Panoramaschirms. Beiläufig registrierte Tipa Riordan die daneben eingeblendeten Daten. Es handelte sich um eine blaue Sonne vom Typ A mit der etwa doppelten Masse des Zentralgestirns des Solsystems. Die Oberflächentemperatur betrug rund 8000 Grad Kelvin. Gainbal gehörte zu einer langgestreckten Ballung aus etwa 120.000 Sonnen, die einen stark strukturierten Ausläufer des Scutum-Cux-Spiralarmes bildeten. Der Stern war 9920 Lichtjahre von Terra entfernt und lag zu Tipas Missfallen in relativer Nähe zum Einflussbereich des Carsualschen Bundes. Seit Jahrzehnten war die galaktopolitische Lage instabil. Die Piratin fürchtete deshalb schon lange, der Bund könne auf die Idee kommen, seine Finger nach Nancanor und Nacht auszustrecken. Bisher war er offenbar nicht auf die Vorgänge auf dem kleinen Mond aufmerksam geworden. Um die Besatzung der Station und die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände notfalls evakuieren zu können, war auf Nacht eine Korvette geparkt.

    Nancanor, der innerste Planet, lag im Anflugkorridor der BUTTERFLY. Da sein Bahnradius mit nur 0,1 Astronomischen Einheiten sehr klein war, galt er mit seinen rund hundert Erdmassen als sogenannter »heiße Jupiter« der Planetenklasse IV-V.

    Regungslos betrachtete Tipa Riordan die Bilder der schmutzigen, rötlich-braunen Kugel, die sich aus Schichten heißen Heliums und Wasserstoffs zusammensetzte. Eine feste Oberfläche gab es nicht, und der vermutlich diamantartige Kern des Riesen war bis heute nicht zweifelsfrei nachgewiesen worden. Die Piratin rümpfte die Nase. Weiße Siliziumwolken zogen über das Antlitz der lebensfeindlichen Welt. Die Temperaturen in den oberen Atmosphäreschichten betrugen am Tag 900 bis 1100 Grad Kelvin, die Tagesdauer belief sich auf fünf irdische Tage, ein Umlauf um die blaue Sonne beanspruchte 8,16 Tage.

    »Kontakt zu Asther herstellen und unser Eintreffen ankündigen. Ich will vermeiden, dass man mir vorwirft, mich anzuschleichen wie eine Diebin.«

    Der Funker bestätigte und führte den Befehl aus. Während der Pilot eine leichte Kurskorrektur vornahm, schaltete seine Kommandantin eine Ausschnittvergrößerung.

    Nancanor war nicht im eigentlichen Sinne besiedelt. Zwischen den rasch dahinziehenden Siliziumwolken hing ein verwinkeltes Habitat unterhalb der Atmosphärengrenze. Es bestand im Kern aus einer ausrangierten, fünfzehnhundert Meter langen

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