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Irischer Liebessommer

Irischer Liebessommer

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Irischer Liebessommer

Länge:
247 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 29, 2013
ISBN:
9783956090042
Format:
Buch

Beschreibung

Als Zeugin eines Verbrechens wird Stefanie Gardner ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Zusammen mit ihrer Leibwächterin Gundula, genannt Gun, wird Steffi für einige Zeit in Irland versteckt. Die Leichtigkeit des irischen Sommers lässt Gefühle entstehen, gegen die sich beide nicht lange wehren können ... Da trifft die Nachricht ein, dass die Täter gefasst seien und Steffi wieder gefahrlos nach Deutschland zurückkehren könne. Wird sie ihre Leibwächterin nun tatsächlich nicht mehr brauchen?
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 29, 2013
ISBN:
9783956090042
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Irischer Liebessommer - Maren Frank

Maren Frank

IRISCHER LIEBESSOMMER

Roman

Originalausgabe:

© 2011

ePUB-Edition:

© 2013

édition el!es

www.elles.de

info@elles.de

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-004-2

Coverfoto:

© kikkerdirk – Fotolia.com

Schmerz drang durch ihr Bewusstsein. Es fühlte sich an, als bearbeite jemand von innen sämtliche Teile ihres Kopfes mit kleinen Hämmern. Befand sie sich im Jenseits? Aber dann müsste doch irgendwo ein Tunnel und dahinter Licht sein und Geister oder Engel – oder was auch immer einen erwartete. Nicht diese grässlichen Kopfschmerzen.

Steffi versuchte sich zu bewegen, doch etwas hielt sie davon ab.

»Sie wird wach!«

Wer rief das? Die Stimme klang recht tief und vertraut, als ob sie sie schon einmal gehört hätte. Und war sie damit gemeint? Hielt derjenige oder diejenige sie auch fest? Warum? Sie fühlte sich doch ohnehin viel zu schwach, um aufzustehen. Und dieses schier unerträgliche Hämmern in ihrem Schädel. Ein Königreich für ein Aspirin!

Ihr Mund war so trocken, die Zunge klebte ihr am Gaumen und der Hals brannte.

»Nun komm schon!«, rief die Stimme erneut.

Schnelle Schritte erklangen.

»Zur Seite«, sagte eine andere Stimme, heller und befehlsgewohnt. Der Druck an ihren Schultern ließ nach. Steffi versuchte eine Hand zu heben, doch es gelang ihr nicht. In ihrem Kopf drehte sich alles, und der Schmerz betäubte jegliches Denken. Sie spürte den Abgrund der Schwärze, wollte sich hineinfallen lassen, doch da rief jemand ihren Namen.

»Stefanie? Stefanie, können Sie mich hören?«

Mühsam bewegte sie die Lippen, versuchte ihre Zunge dazu zu bringen, ihr zu gehorchen. Warum gab man ihr denn nichts zu trinken? Und wo war sie überhaupt?

Irgendjemand zog ihr Auge auf und leuchtete mit einer Taschenlampe hinein.

Steffi blinzelte und versuchte den Kopf zur Seite zu drehen. Das Hämmern in ihrem Schädel nahm zu. Das Licht war zu grell und verhinderte, dass sie Einzelheiten erkannte. Nur vage nahm sie die beiden Gestalten wahr. Die eine groß und kräftig, die andere weitaus kleiner und schmaler. Doch mehr ließ sich nicht erkennen.

Die Lampe wurde fortgenommen. Erleichtert schloss Steffi die Augen und wollte sich wieder der Schwärze hingeben.

»Stefanie? Wissen Sie, wer Sie sind?«

Wieder bemühte sie sich, die Lippen zu bewegen und einen Ton herauszubekommen. »Durst«, krächzte sie fast tonlos. Sie hoffte, dass jemand verstanden hatte, was sie wollte.

Offensichtlich schon, denn nun wurde etwas an ihre Lippen gehalten, und Wasser floss in ihren Mund.

Gierig schluckte Steffi, doch da zog man ihr die Tasse auch schon wieder fort. »Nicht so hastig«, tadelte die Stimme.

»Trinken«, brachte Steffi hervor.

Erneut bekam sie etwas Wasser, zwang sich, nur kleine Schlucke zu nehmen, um es nicht sofort wieder entrissen zu bekommen. Das tat gut. So ähnlich mussten sich auch Wüstenreisende fühlen, denen das Wasser schon vor zwei Tagen ausgegangen war und die nun an eine Oase kamen.

»Erinnern Sie sich an das, was geschehen ist?«, fragte die Stimme, nachdem die Tasse leergetrunken war.

Das Denken strengte sie an, verstärkte den Schmerz. Bilder wirbelten durch ihren Kopf. Da waren dunkel gekleidete Gestalten, jemand schrie, dann klappte ein Messer auf. Und Schmerz. Überall in ihrem Körper. Und dann Schwärze, gnädige Schwärze.

Steffi hob eine Hand, tastete nach ihrem Gesicht und fühlte Verbände. Sie verliefen über den Nasenrücken, an ihrem Kinn, sogar an der Stirn. »Mein . . . mein Gesicht«, stammelte sie und versuchte mit den Fingern unter einen der Verbände zu gelangen.

Sofort wurde ihr Handgelenk gepackt und von ihrem Gesicht fortgezogen. »Nicht. Da dürfen Sie jetzt nicht hinfassen.«

»Aber . . . mein Gesicht!« Der Schmerz in ihrem Kopf nahm noch einmal an Stärke zu. Steffi wand sich, versuchte sich zu befreien. Sie musste es sehen, jetzt. Oder wenigstens fühlen können. Musste wissen, was mit ihr war. Sie schlug die Hände zur Seite, die sie festzuhalten versuchten. Sofort packten sie erneut zu, wollten sie daran hindern, ihr Gesicht abzutasten. Aber das durften sie nicht! Sie musste doch wissen, was mit ihr los war.

»Gun, hilf mir!«, rief eine Stimme. Sie gehörte der kleineren Frau. Jener, die ihr eben auch ins Auge geleuchtet hatte.

Im nächsten Moment legten sich Hände wie Schraubzwingen um ihre Oberarme, jede Bewegung wurde unmöglich. Ein anderes Geräusch, dann ein Stich an ihrem Arm. Und die Welt versank erneut in Dunkelheit.

»Danke, Gun«, sagte Jasmin und trat von dem Bett zurück. Sie streifte sich die sterilen Handschuhe ab und warf sie in den bereitstehenden Mülleimer.

Guns Blick ruhte noch auf der nun wieder schlafenden Frau. Rabenschwarz schaute ihr Haar zwischen dem ganzen Weiß von Verbänden und Kopfkissen hervor. Auch ihre Wimpern waren dunkel, sehr lang, dicht und leicht gebogen, obwohl sie in den vergangenen Tagen ganz sicher nicht in die Nähe entsprechender Kosmetika gekommen war.

»Hat sie noch Schmerzen?«

»Nein, im Moment nicht. Ich habe ihr etwas zur Beruhigung gegeben und auch ein Schmerzmittel. Es war wohl vor allem auch die Panik, die sie so reagieren ließ.«

Verständnisvoll nickte Gun. »Kein Wunder. Sie kennt niemanden hier, weiß nicht, wo sie sich befindet und was überhaupt mit ihr los ist.«

Jasmin trat neben Gun und berührte sie sacht am Ellbogen. »Danke für dein schnelles Eingreifen. Es war gut, dass du mich sofort gerufen hast.«

»Ist doch mein Job.«

Jasmin lächelte zu ihr hoch. Sie reichte Gun nicht einmal bis zur Schulter, ein zierliches Püppchen, das aussah, als sei es für den weißen Kittel noch mehrere Jahre zu jung. »Sie wird einige Stunden schlafen. Das ist im Moment auch am besten für sie.« Jasmin seufzte.

»Sind ihre Verletzungen wirklich so schlimm?«, fragte Gun, während sie in den Nebenraum gingen und sich an den Tisch setzten. Durch eine große Glasscheibe hatten sie einen guten Blick auf die schlafende Frau.

»Sie hat riesiges Glück gehabt!«, sagte die Ärztin. »Ein halber Zentimeter weiter links, und jede Hilfe wäre zu spät gekommen.«

»Das habe ich schon gehört. Aber was ist mit ihrem Gesicht?«

Jasmin presste die Lippen kurz zusammen. »Da müssen wir abwarten. Noch kann man nicht sagen, wie schlimm es wirklich ist. Zum Glück ist sie ja direkt versorgt worden. Das ist immer gut, wenn solche Wunden gleich richtig behandelt werden.«

»Sie war ein Model, nicht wahr?«, fragte Gun. Irgendwer hatte das gesagt, Lily vermutlich. Die wusste ja stets über alles bestens Bescheid und hielt mit ihren Informationen nie hinter dem Berg.

»Kennst du sie nicht?« Die Ärztin klang überrascht.

Gun lächelte entschuldigend. »Ich lese keine Modemagazine. Ist nicht so mein Ding. Außerdem bin ich mit 1,88 m zu groß für diese Kollektionen, und schulterfrei steht mir nicht.« Sie spannte kurz ihre Oberarmmuskeln an, so dass sie unter dem schwarzen Hemd sichtbar wurden. Jahrelanges Training hatte ihren Körper in eine athletische, kraftvolle Gestalt verwandelt.

Jasmin wurde ein wenig rot. Sicherlich las sie diese Hochglanzblätter. Und vermutlich sah sie hinreißend in einer Designerkreation aus. »Stefanie G., wie sie genannt wurde, war der Star auf den diesjährigen Modenschauen. Mailand, London, Paris – die Presse war ebenso verrückt nach ihr wie die Modewelt. Man munkelte, dass einige ganz große Verträge anstanden. Sie war auf dem besten Weg, eines der Topmodels zu werden.«

Gun fiel auf, dass die Ärztin in der Vergangenheitsform sprach. »Dann ist ihre Karriere damit nun wohl beendet?«

»Die plastische Chirurgie ist schon sehr weit«, sagte Jasmin. »Aber ich fürchte, sie wird nie wieder so aussehen wie vorher. Dieser Killer hat ihr ja das halbe Gesicht zermetzelt, nachdem er sie fast erstochen hat.« Gänsehaut erschien auf dem sichtbaren Stück ihrer schlanken Arme. »Mir graust bei dem Gedanken, dass er immer noch frei herumläuft. Und vielleicht in diesem Augenblick seine nächste Tat plant.«

Das konnte Gun ihr nachfühlen. Wenngleich sie selbst wünschte, diesen Kerl in die Finger zu bekommen. Dann konnte er mal erleben, was eine umfassend ausgebildete Sicherheitsfrau so alles draufhatte, wenn es darum ging, einen Verbrecher dingfest zu machen.

»Sobald Stefanie vernehmungsfähig ist, muss sie unbedingt aussagen. Mich rufen diese Ermittler von der Mordkommission beinahe täglich an und fragen nach. Aber sie ist nun mal deren einzige Chance, eine Täterbeschreibung zu erhalten.«

»Hast du ihnen etwa deine Nummer gegeben?«

»Irgendwie sind sie daran gekommen.« Sie seufzte und fuhr sich durch das schulterlange braune Haar. »Das wird sicherlich nicht leicht für Stefanie, wenn sie das dann in allen Details erzählen muss. Ich hoffe nur, sie erinnert sich . . .«

»Du meinst, sie könnte einen Gedächtnisverlust erlitten haben?«

»Nicht direkt eine Amnesie. Aber manchmal schaltet das Gehirn schreckliche Erlebnisse einfach weg. Das ist so eine Art Schutzmechanismus.«

»Und kommen diese Erinnerungen denn irgendwann zurück?« Gun dachte an ihre eigenen Kämpfe und die brenzligen Situationen, in denen sie schon gesteckt hatte. Mehr als nur einmal war sie dabei auch verletzt worden, hatte bisher eine Schlüsselbeinfraktur, drei Gehirnerschütterungen und mehr Rippenprellungen, als dass sich das Mitzählen noch lohnte, erlebt. Aber sie konnte sich an jede Einzelheit davon erinnern. Sogar an diesen wahnsinnigen Typen mit seiner Axt erinnerte sie sich. Bei den Albträumen, die sie nach diesem Einsatz gehabt hatte, war es auch nicht möglich, ihn zu vergessen. Dass sie kräftig mitgeholfen hatte, ihn hinter Schloss und Riegel zu bringen, gab ihr jedoch ein Gefühl von Genugtuung.

»Natürlich kann es sein, dass weitere Details auftauchen. Manche erinnern sich dann an jede Kleinigkeit, andere nur an das Erlebnis an sich. Für die ermittelnden Polizisten ist das natürlich nicht so leicht, wenn sie einen Zeugen der Tat haben, dieser sich aber kaum erinnern kann und ihnen somit keine Hilfe ist. Deshalb werde ich ganz sicher erst jemanden zu Stefanie Gardner lassen, wenn sie nicht nur physisch, sondern auch psychisch einigermaßen stabil ist. Solche Verhöre sind immer eine ziemliche Belastung.«

Gun sah wieder durch die Glasscheibe. In ihr regte sich ein Gefühl von Mitleid und noch etwas anderem. Doch beides verdrängte sie sofort. Stefanie Gardner war lediglich eine zu schützende Person, wie sie vor ihr schon unzählige andere beschützt hatte. Prominente bei öffentlichen Auftritten, Milliardärstöchter, die auf Partys gehen wollten, und wer sonst sie gebucht hatte.

Seit sie im Zeugenschutzprogramm arbeitete, war sie nicht mehr auf Aufträge angewiesen, sondern bekam sie zugetragen. Das war finanziell weitaus beruhigender, als vorher das ständige Hoffen, genügend Arbeit zu haben. Trotzdem träumte sie davon, eines Tages ihre eigene Sicherheitsfirma aufzubauen. Kein Ein-Frau-Unternehmen, wie sie es nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung gewesen war, sondern einen richtig großen Laden, mit Mitarbeitern, die sie selbst auswählte, schulte und einarbeitete.

Dunkelheit. Steffi erschrak. War sie etwa blind? Nein, vorhin hatte sie ja auch etwas gesehen, wenn auch nicht sehr viel. Die Erinnerungen an ihr erstes Aufwachen kehrten zurück. Was hatten sie mit ihr gemacht? Sie gefesselt? Oder hatte es ihnen genügt, sie mit Medikamenten ruhigzustellen? Und wer waren sie überhaupt?

Langsam drehte sie den Kopf und entdeckte ein Licht. Sie blinzelte. Immer noch tat jede Bewegung weh. Allerdings konnte sie sich bewegen, jedenfalls ihre Arme, doch um sich aufzurichten, fehlte ihr jegliche Kraft. Aber man hatte sie offensichtlich nicht gefesselt. Vermutlich, weil diese Leute wussten, dass sie ohnehin nicht in der Lage war, aus dem Bett aufzustehen.

Neuer Schrecken durchzuckte sie. War sie etwa gelähmt? All ihre Konzentration auf ihren rechten Fuß richtend, versuchte sie, ihn zu heben. Es gelangen ihr nur wenige Zentimeter, die ihr den Schweiß auf die Stirn trieben. Aber sie konnte mit den Zehen wackeln. Genauso beim linken Fuß. Erleichterung durchströmte sie. Sie war nicht gelähmt, spürte ihre Beine, konnte sie bewegen. Es lag einzig an dieser verdammten Schwäche, dass sie diese nicht über die Bettkante schwingen und aufstehen konnte.

»Sie sind wach.« Jemand trat an ihr Bett. Einzelheiten ließen sich keine erkennen, doch es war die Person mit der angenehmen tiefen Stimme. »Möchten Sie etwas zu trinken?«

»Ja«, brachte Steffi mühsam heraus. Ihre Kehle kratzte schon wieder vor Trockenheit.

Eine Tasse wurde ihr an die Lippen gehalten, und eine Hand stützte ihren Nacken. Ein sicherer Griff, starke Finger. Die gleichen, die sie nach ihrem ersten Aufwachen festgehalten hatten . . .

Steffi trank, zwang sich, Schluck für Schluck zu nehmen. Sie musste einen klaren Kopf bekommen. Und herausfinden, wo sie überhaupt war. Ein Zimmer in einem Krankenhaus schien das nicht zu sein. Dazu war es hier viel zu ruhig, es gab keine Durchsagen, keine Geräusche vom Flur, auch roch es ganz anders. »Wo bin ich?«

»In Sicherheit. Ich bin Gundula, aber bitte nennen Sie mich Gun, das machen alle hier.«

»Gun?« Sie hatte das Wort englisch ausgesprochen, so dass Steffis benebeltes Hirn es ihr mit Schusswaffe übersetzte. Ein etwas seltsamer Spitzname, besonders für eine Frau.

»Ja, Gun«, wiederholte sie. »Ich bin Ihr Bodyguard.«

»Bodyguard. Wie im Film.« Das erklärte wohl auch die ungewöhnliche Namensabkürzung. Und Bodyguard, wie aufregend! Sie dachte an Whitney Houston mit ihrer umwerfenden Stimme. Den Song »I will always love you« hatte sie wochenlang als Klingelton auf ihrem Handy gehabt. Und immer davon geträumt, dass einmal auch ihr jemand solch schöne Worte sagen würde. Jedenfalls jemand, mit dem sie nicht verwandt war. Natürlich war es schön, von ihrer Familie zu hören, dass sie sie liebten. Aber solche Worte mit glühender Leidenschaft von der Frau ihres Herzens geäußert, wären sicherlich etwas ganz anderes. Nur gab es diese Frau ebenso wenig wie solch einen Liebesschwur. Doch zumindest hatte sie nun einen Bodyguard. Was auch immer das zu bedeuten hatte.

»So ungefähr. Haben Sie Schmerzen? Ich kann die Ärztin holen.«

»Nein.« Ihr Kopf dröhnte zwar, und auch an ihrer Brust fühlte sie einen ziehenden Schmerz, aber sie wollte wach bleiben. Nicht schon wieder im Nebel versinken. Sie konzentrierte sich. Langsam gewöhnten sich ihre Augen ans Sehen, sie konnte Guns Silhouette erkennen. Die Frau musste riesig sein und hatte Schultern, als würde sie täglich im Fitnessstudio trainieren. Das Haar trug sie sehr kurz geschnitten, und vermutlich war es auch bei Tageslicht dunkel. »Was ist mit meinem Gesicht?«

Gun schwieg. Wusste sie mehr, als sie sagte?

Steffi fühlte, wie erneut die Panik nach ihr griff. Tränen bildeten sich in ihren Augen. Doch sie durfte nicht die Beherrschung verlieren. Dann würde man sie wieder nur ruhigstellen. Sie zwang sich, tief durchzuatmen. Keine Tränen, keine Panik und keine Versuche, aufzustehen oder ihr Gesicht zu betasten. Das alles konnte sie später machen. Jetzt musste sie sich zusammenreißen. Disziplin hieß das Zauberwort. Und Disziplin hatte sie doch gelernt. Sie konnte stundenlang auf zwölf Zentimeter hohen Pumps mit Pfennigabsätzen laufen und immer noch lächeln, auch wenn ihre Füße sich dabei anfühlten, als steckten sie in Folterwerkzeugen. Da sollte sie das hier doch wohl auch durchstehen können. »So schlimm?«

»Das weiß ich nicht. Aber Sie haben überlebt. Und Ihre Verletzungen müssen erst mal heilen. So etwas dauert doch auch seine Zeit.«

Ja, sie lebte. Darüber sollte sie sich freuen. Und nicht daran denken, wie sie aussah. Trotzdem drängten sich ihr immer wieder schreckliche Bilder in den Kopf. Sie versuchte sie zur Seite zu schieben. Kontrolle über ihre Fantasie zu gewinnen. Gun anzusehen, half, lenkte sie ab. »Sie waren bei mir, nicht wahr? In den letzten Tagen.«

»Ja«, bestätigte Gun. Sie klang erstaunt. »Erinnern Sie sich etwa? Wir nahmen an, Sie seien bewusstlos gewesen.«

»Ihre Stimme. Mir kommt Ihre Stimme so vertraut vor.« Sie hatte eine so angenehme Stimme, der Steffi gern zuhörte. Tief und voll, mit einem warmen Klang. Es tat gut, sie zu hören.

»Ach so.« Nun schien Gun ein wenig verlegen zu sein. »Ja, ich habe mit Ihnen gesprochen. Und Ihnen manchmal auch etwas erzählt. Meine Güte, Sie wissen doch nichts davon, oder?«

Gegen ihren Willen musste Steffi lächeln. »Waren es so schlimme Dinge?«

»O nein, natürlich nicht. Ich hab einfach drauflos geplappert«, gab sie zu. »Dass ich mich ärgere, weil es schon wieder regnet und ich doch nach Dienstschluss endlich wieder draußen trainieren wollte. Oder wie teuer die Pistolenhalfter in meiner Größe immer sind.«

»Gibt es dafür keine Outlet-Stores?«

»Ich fürchte nicht. Sind halt nicht so gängig.«

»Wenn ich das nächste Mal in London oder New York bin, halte ich Ausschau danach, versprochen. Dort gibt es Boutiquen mit so viel abgefahrenen Klamotten, da sind bestimmt auch Pistolenhalfter dabei.«

»In einer Designerboutique?«

»Na klar. Vor einigen Jahren waren Klamotten im Tarnanzug-Look total in. Da haben die Stores die abgefahrensten Sachen angeboten.«

Gun schüttelte den Kopf. Sie schien Probleme mit der Vorstellung zu haben, dass Leute uniformähnliche Kleidung trugen, obwohl sie nicht dem Militär angehörten.

»Das sind halt so Trends«, fügte Steffi hinzu.

»Daraus mache ich mir nichts.«

Das hatte Steffi sich schon gedacht.

»Schlafen Sie noch ein bisschen. Es ist mitten in der Nacht. Und wenn etwas ist: ich bin hier, ich bin wach und passe auf Sie auf.«

Gun klang so nett und beruhigend. Tatsächlich fühlte sich Steffi sofort ein klein wenig besser. Sie schloss die Augen und ließ sich wieder in die Dunkelheit fallen.

Jasmin kam früh, der dicke Zeiger der Wanduhr stand gerade erst auf der Sechs. »Guten Morgen«, grüßte sie und lächelte in die Runde.

Gun hatte sich den Stuhl nah an das Bett herangezogen. Stefanie war vor gut einer Stunde aufgewacht, und sie hatten miteinander geredet. Belangloses Zeug, über Filme und Musik, aber es hatte sie abgelenkt.

»Wie geht es Ihnen?«, wollte Jasmin wissen.

»Ging mir schon mal besser.« Stefanies volle Lippen pressten sich kurz zusammen.

»Ich weiß, so herumzuliegen ist sicherlich nervig und langweilig, aber das Schlimmste haben Sie schon hinter sich. In ein paar Tagen können Sie aufstehen.«

»Und mein Gesicht?«

Die Ärztin zögerte einen Moment. »Darum werden sich die plastischen Chirurgen kümmern.«

Gun überlegte, ob Jasmin etwas verschwieg.

Stefanie hakte nicht nach. Sie war wirklich erstaunlich gefasst. So viel Beherrschung und Disziplin hätte Gun ihr nicht zugetraut. Bewunderung keimte in ihr auf. Stefanie war wohl doch kein so verhätscheltes Modepüppchen, wie sie anfangs geglaubt hatte. Dass sie nicht auf den Mund gefallen war, hatte sie bereits gemerkt. Es gefiel ihr, wie schlagfertig Stefanie antworten konnte.

Forschen Schrittes kam Lily herein und strahlte Stefanie fröhlich an. »Guten Morgen!«, rief sie, als läge Stefanie nicht einen Meter entfernt vor ihr im Bett, sondern befinde sich drei Räume weiter. »Ich bin Lily, Ihre Krankenschwester. Aber sagen Sie nicht Schwester Lily, sondern einfach nur Lily, ja? Das machen alle hier. Ich bin jedenfalls für Sie zuständig, werde Sie gleich waschen, Fieber messen, Ihnen Frühstück bringen – mögen Sie lieber Marmelade oder Honig? Kaffee dürfen Sie leider noch keinen, aber wir haben Früchtetee, Mineralwasser, und wenn Sie einen besonderen Wunsch haben, schau ich, dass

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