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Beziehungsreise: Roman

Beziehungsreise: Roman

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Beziehungsreise: Roman

Länge:
259 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 1, 2012
ISBN:
9783711751096
Format:
Buch

Beschreibung

Alles beginnt mit dem Ende. Mit dem jähen, gewaltsamen Ende der fatalen Stop-and-go-Beziehung zwischen Sophia und Marcus. ­Warum nur hat diese Liebesbeziehung zehn Jahre überdauert? Was verbindet die beiden? Gemeinsame Leidenschaften etwa? Oder: Sex? Was sie verbinden sollte, trennt sie. Was der Beziehung ­Struktur und Inhalt gibt, Hoffnung nährt und Brüchiges kittet, ist: das Reisen. Sabine M. Gruber erzählt die spannende Liebesgeschichte als ­Abfolge von kleinen und großen Reisen - ­rückwärts. Wie in ­einem Krimi enthüllen sich so die destruktiven ­Mechanismen der ­Beziehung nach und nach, ganz allmählich erst erschließt sich das Wie und das Warum.Hautnah und aufwühlend bis zuletzt führt die Rückwärts-Reise von einem Schloss in der Steiermark über Ungarn, Portugal, ­Siebenbürgen, die Slowakei, Tschechien, die Türkei, Island und Italien bis ins Salzkammergut, wo die Geschichte ihren ­Anfang ­nehmen wird. Jedes neue Reiseziel lässt die Beziehung in ­neuem Licht erscheinen, ist Stoff für Sophias Gedanken, Träume und ­Gefühle, die sich dicht mit ihren ungewöhnlichen Reiseeindrücken verflechten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 1, 2012
ISBN:
9783711751096
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Beziehungsreise - Sabine M Gruber

PINTER

Zehntes Jahr

STEIERMARK, IM MAI

»Ritterzimmer. Von der gemütlichen Fensternische aus haben Sie an schönen Tagen einen grenzüberschreitenden Blick nach Südosten, bis weit nach Ungarn und Slowenien. Das Zimmer ist liebevoll gestaltet, teilweise mit antiken Möbeln. Es hat einen kleinen Vorraum, eine separate Toilette und ein Badezimmer mit Holzwaschtisch und Badewanne. Der Schlafraum ist mit einem Doppelbett ausgestattet.«

Sophia sitzt auf dem Boden, im kleinen Badezimmer, in ihrem dünnen Nachthemd, an die Wanne gelehnt, auf dem weißen Badetuch, das sie auf den weißkalten Fliesenboden gebreitet hat; die Beine hat sie angewinkelt; zwischen ihrem Rücken und dem Wannenrand klemmt ein Handtuch, zusammengelegt, als Kissen; fest lehnt sie sich an, um es am Rutschen zu hindern; mit beiden Händen hält sie ein Buch, ein dünnes Taschenbuch, aufgeschlagen, viel fester hält sie es, als sie sonst ein Buch hält; der Raum ist grellkalt erleuchtet; Sophia liest aufmerksam Zeile für Zeile, aufmerksamer, als sie jemals zuvor ein Buch gelesen hat: Der Förster vom Silberwald.

Jenseits der Badezimmertür ist ein schmaler Lichtstreifen zu sehen, im fensterlosen Vorraum; die Tür, die den Vorraum vom Schlafraum trennt, hat Sophia hinter sich zugezogen, wann? Sorgfältig und leise, um den Mann im Doppelbett, der schläft oder vorgibt zu schlafen, nicht auf sich aufmerksam zu machen, oder nicht gegen sich aufzubringen? Auf der anderen Seite dieser Tür herrscht pechschwarze Finsternis, hinter dicht geschlossenen Fensterläden aus Holz. Dark Room. Wer hat die Läden geschlossen, verriegelt? Der Mann, der im Doppelbett liegt, neben dem Bücherregal, aus dem Sophia den Förster vom Silberwald genommen hat? Der Mann, der kerzengerade auf dem Rücken liegt, die Arme über der Brust gefaltet, als würde er sich in einen Sarg einpassen?

Die Tür zum Badezimmer lässt sich nicht versperren. Wie lange schon sitzt Sophia so da? Eine Stunde? Eine halbe? Sie friert. Sie hindert sich am Denken, indem sie die Augen sorgfältig auf das Buch richtet, sich zwingt, von einem Ende der Zeile zum anderen zu lesen und dabei lautlos die Lippen bewegt und umblättert, sobald ihr Blick am Ende der letzten Zeile der rechten Seite angelangt ist, und mit Sorgfalt die Seiten glatt streicht. Nicht denken, nicht denken, nicht vor morgen früh. Jemand klopft an die Tür, erst leicht, dann heftig; jemand ruft ihren Namen, laut.

Alles in Ordnung?

Sophia ist müde, so müde.

Ja, alles in Ordnung.

Es muss ein gutes Ende nehmen. Wenn die Geschichte vom Förster gut ausgeht, und sie wird gut ausgehen, dann geht auch ihre eigene Geschichte gut aus, ganz sicher; sie muss nur so sitzen bleiben, regungslos, bis morgen früh, das Buch zu Ende lesen, die Nacht überstehen, dann wird alles gut. Sie muss auf jeden Fall alles zu einem Ende bringen, zu einem guten. Sie ist müde, ertaubt, wie ihre Beine, die sie kaum mehr spürt. Sie liest weiter, blättert, streicht glatt, liest, blättert. Da wird die Tür aufgerissen. Sophia fährt zusammen.

Was machst du denn da auf dem Boden? Mitten in der Nacht. Herrscht er sie an, der Mann aus dem Doppelbett, mit hochroten Wangen.

Ich, sagt sie müde, ich kann nicht schlafen, ich lese nur ein bisschen.

Der Mann macht kehrt, schließt die Tür hinter sich, nur um sie gleich darauf wieder aufzureißen, sich mit einem großen Schritt zu nähern.

Was soll das. Komm sofort zurück ins Bett.

Zerrt er sie? Geht sie freiwillig? Sie weiß es nicht. Sie ist unendlich müde. Später jedenfalls findet sie sich ins Bett gekauert, am äußersten rechten Rand, eng in die Bettdecke gewickelt. Starr. Vor Angst? Vor Scham? Der Mann hat die Fensterläden einen Spalt breit geöffnet, die pechschwarze Finsternis gebrochen.

Was ist los? Fragt er barsch, von der anderen Seite des Bettes.

Nichts, sagt sie.

Was – ist – los! Fast schreit er es.

Sie rollt sich ein, wie ein Embryo. Sie schweigt. Der Förster vom Silberwald hat ihr Schutz geboten, jetzt kann sich der Schmerz in ihrem Unterleib ungehindert ausbreiten, sich in den anderen Schmerz mengen, der im Oberleib sitzt und ihr das Herz zu zerreißen droht. Während ihr widerfahren ist, was ihr noch nie widerfahren ist, hat sie es nicht begreifen können und schon gar nicht benennen. Erst jetzt kann sie diesen einen Satz bilden.

Du hast mir Gewalt angetan.

Flüstert sie es? Sagt sie es laut? Schweigen am anderen Ende des Bettes. Zornig? Wütend? Sie hält den Atem an, bis sie glaubt zu ersticken, so als wollte sie nie wieder atmen. Du hast mir Gewalt angetan. Es ist der einzige vollständige Satz, den sie zu dem Geschehenen bilden kann, für sehr lange Zeit, sonst nur einzelne Worte.

Pechschwarze Finsternis. Erwartung von gar nichts. Überrumpelung. Plötzlich auf dem Rücken liegen. Kein Wort. Reißend gezerrter Stoff, nach oben, brutales Umklammern, rücksichtslos schwer. Kein Wort. Gefangen sein, ungläubig erstarrt. Hart trockenes Eindringen, reibendes Brennen. Von liebloser Kälte betäubt, fassungslos, stumm. Kein Wort. Heftiges Stoßen, gepresst keuchend, in pechschwarzer Finsternis. Noch immer kein Wort. Wund stechend beschämt, dumpf schmerzend erniedrigt, lautlos geschüttelt von Weinen. Achtlos zur Seite gerollt. Kein Wort, bis zuletzt. Leere. Betäubung. Trostlose Tränen. Pechschwarze Finsternis.

Wie lange dauert es? Zehn Minuten? Oder nur fünf? Ehe Sophia sich zur Tür tastet, auf die Toilette schleicht, sich säubert, über das Geräusch der Spülung erschrickt, mühsam den Weg zurück ins Bett findet, in der vollkommenen Dunkelheit. Sich an den äußersten Rand des Bettes kauert, regungslos liegen bleibt. Bis sie sich des Buches auf dem Nachtkästchen erinnert, den Weg zurück sucht, im Badezimmer Zuflucht findet.

Irgendwann muss Sophia eingeschlafen sein, als der Morgen schon dämmert. Sie wacht auf, zum Fenster gedreht, in der Stellung, in der sie eingeschlafen ist. Wie lange hat sie geschlafen? Es ist Montag. Ein Sonnenstrahl dringt durch einen Spalt zwischen den Fensterläden. Sophia steht auf, vorsichtig, sieht in die ausdruckslos hager eingefallenen Wangen des Mannes. Er bewegt sich nicht. Er stellt sich schlafend. Mit Sorgfalt und ganz leise macht Sophia die Tür zum Vorraum hinter sich zu. Im Badezimmer sieht sie sich im Spiegel, ihr Gesicht ist weiß. Nein. Kein Wunder ist geschehen. Der dumpfe Schmerz in ihrem Unterleib ist immer noch da, so wie das schmerzhafte Ziehen in ihrem Herzen.

Es tut mir so leid, ich liebe dich, Sophia, verzeih mir.

Nichts dergleichen hat Marcus gesagt, auch diesmal nicht.

Sie hebt das Handtuch vom Boden auf und das Badetuch. Sie lässt heißes Wasser über ihren Körper rinnen, über ihren Kopf, über ihr Gesicht, wo es sich mit ihren Tränen vermischt. Sie trocknet sich ab. Sie föhnt sich die Haare, bis sie wieder blond sind und ordentlich. Sie putzt sich die Zähne, ohne in den Spiegel zu sehen. Sie besprüht sich mit Pleasures. Sie nimmt einen schwarzen Slip aus dem Schrank im Vorzimmer, den glatten schwarzen BH und jeansblaue Jeans und zieht sich ein weißes T-Shirt über den Kopf. Sie versucht, an nichts zu denken, irgendwie muss sie nach Wien kommen, nach Hause. Sie ist in seinem Auto mitgefahren. Es gibt hier kein öffentliches Verkehrsmittel, niemanden, an den sie sich wenden könnte.

Sie möchte alles zu einem guten Ende bringen. Seit es begonnen hat, vor neun Jahren, möchte sie immer wieder alles zum Guten wenden, koste es, was es wolle; immer wieder gelingt ihr die gute Wendung, und immer wieder erliegt sie der Versuchung, den Gedanken zu denken: Es könnte gut bleiben! Schon ist sie wieder mitten im Schlechten und muss eine neue Wendung zum Guten finden. Oder wenigstens ein gutes Ende. Ein gutes Ende ist das Mindeste. Wenn sie kein gutes Ende findet, war alles umsonst.

Im Vorraum räumt Sophia ihre Kleidungsstücke aus dem Schrank in ihren roten Koffer und ihre Toilettenartikel in die Toilettentasche. Sie öffnet die Tür zum Schlafraum.

Marcus steht vor ihr, in den hellblau karierten Boxershorts, die sie ihm letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat.

Du bist ja schon angezogen.

Ja.

Er geht ins Badezimmer. Sie setzt sich aufs Fensterbrett, doch schaut sie nicht in die Weite der Landschaft. Sie starrt auf das Bett. Es sieht hell und freundlich aus. Auf dem einen Nachtkästchen beim Fenster liegt Der Förster vom Silberwald, auf dem anderen ein Stapel kopierter Blätter, der Vorabdruck eines Erzählbands: Alice. Darauf der Kugelschreiber, und weiße A5-Zettel, in Marcus’ kleiner krakeliger Handschrift dicht zusammengedrängt und unregelmäßig beschrieben.

Nichts deutet darauf hin, was geschehen ist. Dark Room. Ist etwas geschehen? Du bist es ja gewohnt, Sachen zu erfinden, ist ja dein Beruf! Das sagt er immer, wenn er sich an etwas nicht erinnern will.

Gehen wir frühstücken. Sagt er jetzt. Und: Du hast schon gepackt? Ja. Sagt Sophia.

Im romantischen Frühstücksraum wartet das Frühstücksbuffet. Möchtest du Marmelade? Soll ich dir noch ein Brot bringen? Sonst: Schweigen. Kauen, streichen, schneiden, beißen. Aneinander vorbeisehen.

Marcus packt seine Sachen, wortlos.

Ich gehe schon einmal vor, zahlen, sagt Sophia und stellt noch den Förster vom Silberwald zurück ins Regal, zu den anderen abgegriffenen Büchern, die wohl mehr zur Dekoration hier stehen. Dann rollt sie ihren Koffer auf den Gang, schleppt ihn nach unten.

Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt.

Die Dame an der Rezeption sieht sie prüfend an.

Macht siebenhundertdreizehn Euro minus Ihre Anzahlung vom 19. März, hundertfünfzig Euro, also fünfhundertdreiundsechzig Euro genau. Zahlen Sie bar oder mit Kreditkarte?

Sophia zückt ihre Kreditkarte.

Ja, sehr schön!

Sie versucht zu lächeln.

Soll ich Ihnen mit dem Koffer helfen?

Wieder sieht sie Sophia seltsam an, als wollte sie etwas fragen.

Nein, nein, ich schaffe das.

Na dann – gute Heimreise. Es sind Gewitter angesagt. Passen Sie auf sich auf.

Es ist kurz nach zehn. Im Hof wartet Marcus. Schweigend rollen sie ihre zwei Koffer. Nebeneinander her. Das Gepäck wird im Wagen verstaut. Plötzlich packt Marcus Sophia am Arm.

Wir können doch so nicht fahren. Und: Gehen wir noch ein Stück spazieren. Zur Kapelle?

Sophia nickt.

Erst gehen sie durch den Wald, dann durch den Weingarten. Sie schweigen und halten Abstand. Marcus hat die Hände hinter seinem Rücken verschränkt und zu Fäusten geballt, in denen blutig gebissene Daumen stecken. Sie setzen sich auf eine Bank. Sitzen da ohne einander zu berühren. Sophia fängt verzweifelt an zu reden. Sie versucht, die Tränen zurückzuhalten und den aufsteigenden Schmerz zu unterdrücken, während sie redet und redet. Alles reparieren müssen, alles erklären müssen, alles begreiflich machen müssen, alles wieder gut machen müssen. Dringt etwas zu Marcus vor? Sein Gesicht bleibt abgewandt, verschlossen. Sie redet und weint und redet. Da plötzlich legt er den Arm um sie und sagt:

Tut mir leid.

Sophia sieht ihn an. Ungläubig nimmt sie in seinem Gesicht ein Erkennen wahr. Flüchtig. Und hört auf zu reden.

Ich dachte, sagt Marcus später im Auto, wir fahren noch bei der Schokoladenfabrik vorbei.

Gestern hat Sophia es ihm vorgeschlagen und ist auf Ablehnung gestoßen. Lenkt er ein? Kommt er ihr entgegen? Vielleicht will er mir eine besondere Schokolade schenken, mit einer besonderen Aufschrift, mit einer lieben Botschaft. Sophia hofft. Ihre Augen brennen. Sie hat ein flaues Gefühl im Magen und immer noch Schmerzen im Unterleib. Eine Führung mit Verkostung ist zu teuer und dauert ihm zu lange. Entscheidet Marcus, der nach dem Frühstück grundsätzlich nichts Süßes mehr zu sich nimmt. Herumstehen im Verkaufsraum. Betrachten der Vitrinen. Marcus sucht kleine Geschenke aus. Für sich. Für seine Tochter. Nicht für Sophia.

Schweigendes Fahren. Das angekündigte Gewitter zieht auf. Es beginnt zu regnen. Der Regen wird stärker, so stark, dass die Scheibenwischer die Regenmenge nicht mehr bewältigen. Eine dicke, ständig nachwachsende Wasserwand bedeckt die Windschutzscheibe. Marcus fährt mit unverminderter Geschwindigkeit. Angst. Marcus schaltet die Scheinwerfer nicht ein. Sophia wartet. Das Licht entgegenkommender Autos blendet. Sophia wartet. Angst.

Hast du das Licht nicht eingeschaltet?

Sagt Sophia, kurz vor der Auffahrt zur Autobahn.

Nein, stößt Marcus zwischen den Zähnen hervor, nein, wiederholt er, und ob und wann ich das Licht einschalte, ist immer noch meine Entscheidung.

Sophia klammert sich fest an ihren Sitz. Es regnet mit unverminderter Heftigkeit. Eine halbe Ewigkeit später erst schaltet Marcus die Scheinwerfer ein. Sophia sagt nichts mehr.

Warum, denkt sie, warum habe ich nicht storniert?

»Stornierungsbedingungen. Bei Stornierung Ihres Aufenthalts bis sechs Wochen vor Ankunft verrechnen wir Ihnen keine Stornokosten. Von sechs Wochen bis drei Wochen vor Ankunft verrechnen wir fünfzig Prozent und von drei Wochen bis zum Anreisetag hundert Prozent der Beherbergungskosten.«

Die Stimmung zwischen den beiden hat sich stetig verschlechtert, seit jenem harmonischen Wochenendausflug, den Marcus ihr zum Geburtstag geschenkt hat, am Ende des Winters. Wenn es nach ihm ginge, sollte das in Zukunft immer so sein: dass sie einander gegenseitig die Geburtstagswochenenden schenkten, die sie ohnehin miteinander verbrachten. Das würde die Sache für ihn sehr vereinfachen, er habe nämlich, das gesteht er ihr eine Woche vor ihrem Geburtstag, schon seit Jahren den totalen Stress gehabt, mit diesen Geschenken für Sophia. Von Anfang an sei das so gewesen. Erst Weihnachten – und dann gleich wieder Geburtstag! Schon zu Weihnachten fehlten ihm die Ideen und die Zeit und die Zeit für Ideen. Ja, kein Problem, ich will dir keine Umstände machen, das ist eine sehr gute Idee. Beeilt Sophia sich zu sagen, denkt an die bisher unerklärlich übellaunige Unwirschheit, die Marcus ihr gegenüber an den Tag zu legen pflegt, vor ihrem Geburtstag und vor Weihnachten, seit Jahren schon.

Bei der Wahl des Hotels lässt Marcus ihr freie Hand. Du findest doch immer so tolle Orte! Tagelang sucht sie, recherchiert, fragt an, vergleicht Angebote; macht eine Fünfsterne-Therme zum Dreisternpreis ausfindig, gar nicht weit weg, in Ungarn, interessante Umgebung, wie er es gern hat, mit heilendem Wasser; holt seine Zustimmung ein, erntet beglückt seinen Beifall; bucht fix und hinterlegt ihre Kreditkartennummer; lässt sich eine Bestätigung schicken, steckt sie in ein Kuvert und schickt sie per Post an Marcus, der sie ihr dann, an ihrem Geburtstag, feierlich überreicht, bestens gelaunt. Sophias Wahl erweist sich als perfekt. Das Wochenende wird ein voller Erfolg. Marcus scheint sehr zufrieden zu sein. Er benimmt sich ungewöhnlich rücksichtsvoll, es gibt keinen Streit. Sophias Zuversicht wächst. Sie fragt ihn nach seinen eigenen Wünschen für sein Geburtstagswochenende im Mai. Auf diesem Schloss in der Steiermark, vor sechs Jahren, da hat es mir doch gut gefallen. Sophia macht andere Vorschläge, denn sie hat Angst, ihm könnte langweilig werden, weil er alles schon kennt, das Schloss, die Umgebung, die Ausflugsziele. Marcus nimmt sich gar keine Zeit für eigene Ideen und bleibt dabei, der Einfachheit halber. Sophia fragt an, im Schloss, hinterlegt ihre Kreditkartennummer, bucht das Pflichtarrangement für das verlängerte Wochenende, fix, drei Nächte mit Galadiner samt Weinbegleitung, in der einzig verfügbaren Preiskategorie.

Der Verkehr auf der Südautobahn Richtung Wien verdichtet sich. Der Regen hat nachgelassen. Das Schweigen hält unvermindert an. Es ist kälter geworden. Wien rückt näher.

Bald werden sie ankommen.

Sophia wird aus Marcus’ Auto steigen und ihren roten Koffer aus dem Kofferraum nehmen. Er wird die Frage, die sie mit nein beantworten würde, nicht stellen: ob sie noch mit ihm nach oben kommen wolle. Sie werden sich voneinander verabschieden, ohne einander zu berühren. Sie wird langsam zu ihrem Auto gehen, den roten Koffer im Kofferraum verstauen, das Auto starten und wegfahren. Sie wird sich nicht nach ihm umdrehen. Er wird es nicht bemerken, denn er wird ihr nicht nachsehen. Sie wird nach Hause kommen. Auf Georgs Frage, wie es denn gewesen sei, wird sie antworten: Es war so entsetzlich, ich kann darüber nicht sprechen. Die Schokolade, die sie in der Fabrik für Marcus gekauft hat, in einem hoffnungsfrohen Moment, wird sie in ein Polsterkuvert stecken und ihm per Post zuschicken. Sternenmilchschokolade. Am nächsten Tag wird er sie anrufen, zur üblichen Zeit, um neun Uhr früh, und bis neun Uhr acht mit ihr telefonieren, pflichtschuldig, geistesabwesend, ohne ihr zuzuhören und dabei klappernd den Abwasch machen. Am Mittwoch wird er sich nicht für die Schokolade bedanken. Donnerstag früh wird sie ihn nach Alice fragen, nach der Buchbesprechung, an der er am Wochenende gearbeitet hat. Was denn daraus geworden sei? Ob er ihr den Text mailen könne? Warum, wird er sagen, erstaunt, mit hochgezogenen Brauen. Was sie denn das angehe. Kannst du ja dann in der Zeitung lesen!

Sie wird sich mit ihm für das Wochenende verabreden, wie sie das jede Woche tut, seit fast genau zehn Jahren. Sonntagabend, achtzehn Uhr, in seiner Wohnung.

Er wird ihr wie immer die Tür öffnen. Bestens gelaunt! Wird sie flüchtig auf den Mund küssen, vorgebeugt, die Lippen gespitzt. Zwei Gläser Prosecco wird er vorbereitet haben, wie immer, ihr eines davon reichen, wie immer, ihr mit einer Handbewegung deuten, doch auf seinem blauen Sofa Platz zu nehmen, wie immer.

Ich bleibe nicht lange. Wird sie sagen, und ihr Herz wird klopfen, bis ganz oben in den Hals und so laut in ihren Ohren dröhnen, dass sie fast nicht hört, wie sie sagt: Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass ich diese Beziehung beende.

Er wird aus allen Wolken fallen. Sein Gesicht wird sich verfinstern. Da hättest du ja gleich zu Hause bleiben können. Erst wird er betroffen sein. Sie wird sich setzen. Er wird sie fragen: Warum? Sie wird es ihm sagen. Du hast mir Gewalt angetan. Ganz plötzlich wird seine Betroffenheit in Wut umschlagen. Das wird sie an die Nacht erinnern.

Pechschwarze Finsternis. Erwartung von gar nichts. Überrumpelung. Plötzlich auf dem Rücken liegen. Kein Wort. Reißend gezerrter Stoff, nach oben, brutales Umklammern, rücksichtslos schwer. Kein Wort. Gefangen sein, ungläubig erstarrt. Hart trockenes Eindringen, reibendes Brennen. Von liebloser Kälte betäubt, fassungslos, stumm. Kein Wort. Heftiges Stoßen, gepresst keuchend, in pechschwarzer Finsternis. Noch immer kein Wort. Wund stechend beschämt, dumpf schmerzend erniedrigt, lautlos geschüttelt von Weinen. Achtlos zur Seite gerollt. Kein Wort, bis zuletzt. Leere. Betäubung. Trostlose Tränen. Pechschwarze Finsternis.

Gewaltsam wird die Erinnerung ihn endlich ersticken und unter sich begraben: den Wunsch, alles möge gut werden, er möge ihr gut, er möge gut zu ihr sein. Sie wird nicht mehr versuchen wollen, sich ihm begreiflich zu machen. Sie wird sein aggressives Schweigen nicht mehr brechen wollen und seine schmerzlich klaffenden Erinnerungslücken nicht füllen. Er wird sie anschreien. Böse. Er wird verletzende Dinge sagen. Ihr Herz wird immer noch klopfen, bis ganz oben in den Hals und laut in ihren Ohren dröhnen. Am Ende wird sie aufstehen.

Ich gehe jetzt. Und: Ich möchte mein Manuskript zurück. Du hast es ja doch nie gelesen.

Höhnisch wird er sagen: Du hast es mir doch nur gegeben, damit ich es jemandem schmackhaft mache!

Nein, wird sie ganz ruhig sagen, nein, ich wollte deine Meinung hören.

Er wird aus seinem Arbeitszimmer die dicke blaue Flügelmappe holen, in der Sophias Romanmanuskript eingeklemmt liegt, und, unverrückt, der kleine gelbe Testzettel klebt, zwischen Blatt 83 und Blatt 84. Wortlos und ohne sie anzusehen wird er ihr die Mappe übergeben.

Sie wird Marcus’ Wohnung verlassen und die Tür sorgfältig hinter sich zuziehen. Er wird sie nicht zurückhalten. Sie wird auf den Lift warten, der sie nach unten bringen soll. Dabei wird sie wieder diese unerklärliche Angst haben, schon wieder und immer noch, diese Angst,

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