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Schönheit: Eine Wissenschaft für sich

Schönheit: Eine Wissenschaft für sich

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Schönheit: Eine Wissenschaft für sich

Länge:
601 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 11, 2012
ISBN:
9783945090008
Format:
Buch

Beschreibung

Das Standardwerk zur Attraktivitätsforschung

Schon ein hübsches Baby erfährt mehr Zuwendung als ein weniger hübsches. Die schöne Kellnerin bekommt mehr Trinkgeld als ihre weniger ansehnliche Kollegin, der attraktivere Bewerber ein höheres Gehaltsangebot, der besser aussehende Politiker mehr Stimmen.
Schönheit ist ein Skandal.
Warum hat Schönheit so viel Macht über uns? Warum beschäftigt sich unsere Kultur so besessen mit dem Aussehen?
Doch was heißt hier eigentlich "schön"? Was zieht uns an einem schönen Gesicht so magisch an? Und überhaupt: Ist Schönheit nicht relativ?
Ulrich Renz nimmt seine Leser mit auf eine Entdeckungsreise in eines der spannendsten Felder, das die Wissenschaft zu bieten hat: die Attraktivitätsforschung. Schönheit. Eine Wissenschaft für sich ist nicht nur ein packender Wissenschaftsreport, sondern auch die Geschichte einer schwierigen Liebe, die uns Menschen seit jeher bezaubert und irritiert.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 11, 2012
ISBN:
9783945090008
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Schönheit - Ulrich Renz

Anmerkungen

Eine Warnung vorweg

Flughafen Detroit, eine Wartehalle wie überall auf der Welt: viel Gewusel und Lärm, Krawattenmenschen, ein paar Urlauber. Leute, die nichts wie weg wollen. Lange Reihen von Plastiksitzen, unterbrochen von Tischchen mit braunen Glasplatten, darauf volle Aschenbecher. Ja, Aschenbecher: Wir befinden uns mitten in den siebziger Jahren.

Ein Herr mit Hut steht von seinem Sitz auf und geht zu einer der Telefonzellen im Hintergrund. Als er die Tür öffnet, fällt sein Blick sofort auf den Klarsichthefter auf der Ablage. Er nimmt ihn zur Hand und blättert darin. Offenbar handelt es sich um die Bewerbung einer Highschool-Absolventin um einen Studienplatz im Fach Psychologie. Obendrauf auf die Mappe ist eine handschriftliche Notiz geheftet: »Lieber Papa, ich wünsch dir eine gute Reise! Bitte denk daran, die Bewerbung noch vor deinem Flug abzuschicken. Deine Linda.« Nachdem er seinen Telefonanruf erledigt hat, schaut der Herr noch einmal kurz auf das Passbild auf dem Lebenslauf und nimmt die Unterlagen – unter denen sich wie durch ein Wunder auch ein frankierter Briefumschlag befindet – an sich. Er hat noch genug Zeit, um sie im Postamt des Flughafens aufzugeben.

Was der Mann mit dem Hut nicht weiß: Er nimmt gerade an einem psychologischen Experiment teil. Und genauso wenig weiß er, dass an diesem Tag noch 502 andere Passanten irgendwo auf dem Detroiter Flughafen in herrenlosen Bewerbungsmappen blättern, die alle absolut identisch sind: gleicher Name, gleiche Adresse, gleiche Zeugnisse – nur das Foto ist jedes Mal ein anderes. Manche Mappen werden zurückgeschickt, andere nicht. Hinter der angegebenen Adresse steckt kein anderer als der Mann, der den ganzen Betrug organisiert hat: Richard Lerner, ein Sozialpsychologe von der Eastern Michigan University. Zusammen mit seinen Kollegen will er die Frage klären: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Attraktivität der Bewerberin und der Rücklaufquote? Die Antwort steht ein paar Monate später im Journal of Experimental Social Psychology: je schöner das Gesicht auf dem Foto, desto hilfsbereiter sind die Geister.

Willkommen im Reich der Attraktivitätsforschung. Die Gruppe um Richard Lerner gehört zu einem kleinen Kreis von Pionieren, die unser Aussehen als wissenschaftliches Thema entdeckt haben. Heute hat Schönheit – unter ihrem akademischen Pseudonym »physical attractiveness« – Konjunktur in der Forschung. Jedes Jahr erscheinen Hunderte von wissenschaftlichen Publikationen in allen nur erdenklichen Disziplinen.

Auf den kommenden Seiten werden Sie die wichtigsten Ergebnisse der Attraktivitätsforschung kennen lernen. Ich werde Sie durch ein Forschungsgebiet führen, dessen Erkenntnisse ein vollkommen neues Bild eines uralten Rätsels zeichnen. Wir werden bei unserer Erkundung durch viele Provinzen kommen, die unterschiedlichsten Gedankengebäude besichtigen, in Zement gegossene Theorien, waghalsige Hypothesen und luftige Spekulationen.

Ab und zu werden wir uns für eine Verschnaufpause hinsetzen und darüber nachdenken, was Schönheit mit uns selber und unserer Gesellschaft zu tun hat. Warum ist Schönheit so wichtig? Was ist vom Schönheitskult unserer Tage zu halten? Waren andere Epochen weniger schönheitsfixiert?

Aber Achtung. Schönheit ist kein Stoff wie jeder andere. Sie kommt mit einem langen Beipackzettel.

Als vor fünf Jahren die Idee zu diesem Buch so weit gediehen war, dass ich sie probehalber in einem privaten Literaturkreis vorstellen konnte, erlebte ich hautnah mit, was für eine Sprengkraft in dem Thema liegt. Die Reaktionen reichten von Begeisterungsstürmen bis zu zugeschlagenen Türen. Zurück blieb eine erste Ahnung davon, dass es gute Gründe gibt, kein Buch über Schönheit zu schreiben.

Schönheit ist vermintes Gelände. Schon die Tatsache, dass die einen sie haben und die anderen nicht, macht die Sache brisant.

Dass ihr Besitz gänzlich unverdient ist, macht alles noch schlimmer. Mit welchem Recht bekommt eigentlich ein hübsches Kind in der Schule mehr freundliche Worte, Zuwendung und bessere Noten? Ein gut aussehender Einbrecher vor Gericht eine mildere Strafe als einer mit weniger angenehmem Äußeren? Eine schönere Patientin mehr Aufmerksamkeit von ihrem Arzt?

Schönheit ist ein Affront gegen einen unserer heiligsten Werte: dass alle Menschen mit den gleichen Chancen ins Leben starten.

Ein Affront auch gegen unseren Verstand. Im Bannkreis der Schönheit werfen wir Vernunft, Kritikfähigkeit und Menschenkenntnis mit einem Jubelschrei über Bord. Schönheit täuscht, und wir lassen uns täuschen. Nicht auf Herzensgüte, Charakterstärke, Treue oder Originalität bauen wir unser Urteil über unsere Mitmenschen, sondern allzu oft auf die bloße Verpackung drum herum, die alleräußerlichste aller Äußerlichkeiten, von der wir nicht einmal benennen können, was ihren Reiz eigentlich ausmacht, und die uns trotzdem mit der Macht einer Naturgewalt anzieht.

Schönheit ist ein Skandal. Kein Wunder, dass wir uns um Distanz bemühen. »Schönheit liegt im Auge des Betrachters«, sagen wir gerne und meinen es durchaus ernst. Hat nicht jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen von Schönheit? Und ist nicht jeder Mensch auf seine Weise schön? Ist Schönheit nicht reine Ansichtssache?

Wenn ich die Antwort der Attraktivitätsforschung hier schon vorwegnehme, dann deshalb, weil sie für das Fachgebiet – und dieses Buch – von zentraler Bedeutung ist. Wie sollte man sich über etwas verständigen, was jeder anders sieht?

Die Antwort der Wissenschaft lautet klipp und klar: Schönheit ist alles andere als relativ. Quer durch alle Schichten der Gesellschaft, durch alle Kulturen und Kontinente, unabhängig von Alter, Beruf oder Geschlecht – überall werden dieselben Gesichter als attraktiv wahrgenommen.

Natürlich gibt es Geschmacksunterschiede, Moden und Marotten. Es gibt nicht ein Schönheitsideal, sondern sechs Milliarden. Sie überschneiden sich jedoch in erstaunlichem Maße. Sie enthalten einen gemeinsamen »harten Kern«, einen universalen Konsens, der alle Zeiten und Kulturen verbindet. Auch wenn sich die Dialekte der Schönheit unterscheiden, ihre Sprache ist immer und überall dieselbe.

Dieser Befund liegt denkbar quer zur allgemein verbreiteten Weltsicht, vorneweg der feministischen. Die Frauenbewegung hatte die bislang radikalste Antwort auf den Skandal der Schönheit gefunden: Sie erklärte Schönheit zu einer Erfindung – einem Mythos, von den Männern in die Welt gesetzt, um Frauen auf ihre Rolle als Lustobjekt festzunageln (und dabei perfiderweise noch Geld zu verdienen, indem sie ihnen Schminke und Dauerwellen verkaufen).

Die Ergebnisse der Attraktivitätsforschung – die übrigens zu einem großen Teil von Wissenschaftlerinnen betrieben wird – unterstützen diese These nicht. Schon ein nur wenige Tage altes, vom Patriarchat noch nicht beeinflusstes Baby blickt ein schönes Gesicht länger an als ein weniger schönes.

Ein weiterer Grund, warum Schönheitsforschung lange Zeit der Geruch von politischer Unkorrektheit anhing, hat mit einem Brille tragenden Ameisenforscher von der Universität Harvard zu tun. Edward O. Wilson veröffentlichte 1975 ein drei Kilo schweres Buch mit dem Titel Soziobiologie, in dem er das tierische Sozialverhalten aus dem Blickwinkel der Evolutionstheorie beschreibt. Das Werk hätte sich wohl einer ruhigen Zukunft in den Regalen der Universitätsbibliotheken erfreut, wenn der Autor es sich hätte verkneifen können, in einem Kapitelchen am Schluss des Werkes auf ein paar Aspekte menschlichen Sozialverhaltens einzugehen – beispielsweise Inzestvermeidung, Geschlechterrollen und Altruismus. Seiner Ansicht nach ließen sich auch diese Verhaltensweisen biologisch erklären.

Was für unsere heutigen Ohren recht harmlos klingt, war seinerzeit reines Plutonium – eine Kampfansage an den unter Sozialwissenschaftlern herrschenden Konsens, wonach soziales Verhalten ausschließlich erlernt ist. Jede Deutung menschlichen Verhaltens aus seinen Erbanlagen galt – in Reaktion auf Hitlers Rassenwahn und Menschenzucht-Phantasien – als verpönt und reaktionär.

Was hat unser Ameisenforscher nun mit Schönheit zu tun?

Ziemlich viel. Das inkriminierte Kapitel war der Startschuss für eine neue Disziplin, die sich für die Schönheitsforschung als außerordentlich fruchtbar erweisen sollte: die Evolutionspsychologie. Von nun an war Schönheit – vorher fast ausschließlich von Psychologen beackert – auch ein biologisches Problem. Die Evolutionspsychologie ging über das Beschreiben von Zusammenhängen (beispielsweise zwischen der Attraktivität eines Menschen und der Anzahl seiner Sexualpartner) hinaus und fragte nach dem evolutionären »Sinn« hinter den Daten. Welchen Vorteil hatten unsere Vorfahren von einem geschärften Schönheitssinn? Das neue Fachgebiet brachte schon bald die ersten zusammenhängenden Theorien der Schönheit hervor, deren Stichhaltigkeit zwar nicht immer mit ihrer Originalität mithalten konnte, die aber in jedem Fall frischen Wind in die Schönheitsdebatte brachten.

Inzwischen hat sich der Streit um das »angeborene« und »erlernte« Sozialverhalten etwas entschärft. Trotzdem zieht sich der Marianengraben zwischen den Denkschulen bis heute durch alle Wissenschaftsgebiete, die sich mit menschlichem Verhalten beschäftigen. Selbstverständlich kommen in diesem Buch beide Seiten zu Wort. Zu einem aktuellen Gesamtbild der Schönheit tragen alle an ihrer Erforschung beteiligten Fachgebiete bei, von den Sozialwissenschaften über die Evolutionsbiologie bis zu den Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften. Wer einfache Erklärungen aus einem ideologischen Guss sucht, wird enttäuscht sein. Wer neugierig ist, die verschiedenen Schubladen aufzuziehen und in ihnen zu stöbern, wird auf seine Kosten kommen.

Dieses Buch wendet sich an Laien. Ich habe es jedoch in der Überzeugung geschrieben, dass auch ein allgemein verständliches Buch nicht unwissenschaftlich sein muss. Seriosität und leichte Schreibe sind keine Gegensätze. Ich habe deshalb alle Fakten, Hypothesen und Argumente mit Verweisen auf die Fachliteratur untermauert. Um den Lesefluss jedoch nicht unnötig zu stören, sind im Text nur wenige Anmerkungen mit Ziffern markiert, die auf Endnoten verweisen – nämlich diejenigen, die für den Laien von unmittelbarem Interesse sind. Alle anderen Anmerkungen, Kommentare und Quellenangaben finden Sie auf der Homepage www.schoenheitsformel.de unter der Rubrik „Fußnoten" – kapitelweise geordnet. Dort finden sich auch die Liste der zitierten Fachliteratur sowie eine Zusammenstellung von Literaturempfehlungen.

Bevor wir uns nun aufmachen, muss ich noch definieren, wie ich den Begriff »Schönheit« in diesem Buch verstehe und verstanden haben will. Nach allem, was Sie bisher gelesen haben, wissen Sie schon, dass es um die menschliche Schönheit geht – um unseren Körper und unser Gesicht. Es geht nur am Rande um die Schönheit von Kunstwerken, und es geht nicht um allgemeine Theorien des Schönen, wie sie unter der Flagge »Ästhetik« durch die Philosophie segeln.

Schönheit nur körperlich? Ist das nicht ein bisschen wenig? Wo bleibt die »innere Schönheit«, von der die Rede geht, sie sei die bessere Schönheit?

Selbstverständlich ist das, was uns an einem Menschen anzieht, mehr als sein bloßes Aussehen. Haltung, Gestik, Mimik, Stimme, Geruch, Lebendigkeit, Witz, Mitgefühl, Intelligenz tragen mindestens genauso viel zur Anziehungskraft eines Menschen bei wie die Optik. Manche Schönheit verflüchtigt sich in dem Moment, wo der oder die Schöne den Mund aufmacht.

Diese Faktoren werden zwar alle berührt und berücksichtigt, aber der Schwerpunkt des Buches liegt auf der körperlichen Schönheit. Dieses Buch handelt vom Äußeren und nicht vom Inneren.

Warum wurde dieses Buch geschrieben?

Mit dieser Frage ist es Zeit für ein Geständnis.

Schönheit hat mich erwischt, spätestens, seit ich zum ersten Mal das Märchen von Schneewittchen vorgelesen bekommen habe. Schönheit hat mich in Bann geschlagen, sie berührt mich und beglückt mich. Aber genauso quält sie mich auch, denn sie macht mich unfrei, närrisch, kindisch.

Mit diesem Buch habe ich versucht, hinter ihren Zauber zu kommen. Hat er dadurch an Macht eingebüßt?

Dass ich nicht lache.

Lübeck, im Februar 2006

Erster Teil

Die Suche nach der Schönheitsformel

1 Alles Ansichtssache?

In jeder Diskussion über Schönheit kommt früher oder später (meist früher) der empörte Ausruf: »Aber Schönheit ist doch relativ!« Ein Einwurf, der sich der breitesten Zustimmung sicher sein kann. »Stimmt«, hört man dann, »jeder ist auf seine Art schön.« Oder: »Schönheit liegt doch im Auge des Betrachters.« – »Geschmackssache …« – »Der eine mag blond, der andere braun, der eine Dünne, der andere etwas Mollige …«

Bei diesem Stichwort wird in aller Regel Rubens in Stellung gebracht: »Früher konnten die Frauen nicht drall genug sein …«

Geht die Diskussion nicht in allgemeinem Kopfnicken unter, wird zum Abschluss gern noch eine Wunderkerze angezündet:

»Schönheit kommt sowieso von innen.« Damit scheint alles gesagt.

Alles?

Die besten Argumente fehlen sogar noch: die affigen Perücken des Barock, die leichenblasse Haut des Rokoko, die mit Pfählen durchbohrten Lippen der Amazonas-Indianer, die abgefeilten Schneidezähne der Aborigines. Die Schönheitsformel scheint reichlich Variablen zu enthalten.

Ist Schönheit also reine Ansichtssache?

Dass die Antwort am Ende klipp und klar »nein« lautet, habe ich schon im Vorwort verraten. Warum sie nein lautet, ist die eigentlich spannende Geschichte. Bevor wir uns jedoch in die Labors der Forscher begeben, nehme ich Sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Wer nach Antworten sucht, ist gut beraten, erst einmal dort zu stöbern, wo er herkommt.

Fangen wir mit den alten Ägyptern an. Nicht, weil sie etwa die Schönheit erfunden hätten, sondern weil ihr Schönheitssinn so reichhaltige Spuren hinterlassen hat. Mitten in Berlin steht die Büste der Nofretete (deren Name so viel bedeutet wie »die Schöne ist gekommen«); sie ist heute noch genauso das Sinnbild der Schönheit, das sie vor über drei Jahrtausenden am Nil war. Zu ihrer Zeit blühte im Land der Pyramiden ein regelrechter Schönheitskult. Auf Wandmalereien sehen wir junge Mädchen von exquisiter Anmut, mit übergroßen Glutaugen, vollen Lippen und kleinen, hochsitzenden Brüsten (s. Abb. 1). Der Schönheitskanon der ägyptischen Aristokratie bevorzugt Schlankheit, Klarheit und starke Kontraste. Beide Geschlechter sind am ganzen Körper enthaart, tragen dunkle Langhaarperücken und dickes Make-up, die Brauen sind ausgezupft und mit einem schwarzen Strich nachgezeichnet, die Augen mit Kohle abgesetzt, die Lippen rot geschminkt. Die Figur wird durch eng anliegende Kleidung aus plissiertem Leinen betont. Männer tragen Lendenschürze, auch sie sind schlank und haben mit ihren glatten Gesichtern etwas Mädchenhaftes – denken wir nur an Nofretetes Mann Amenophis IV., der sich später Echnaton nennen lässt; oder an Tutenchamun, seinen Schwiegersohn, dessen goldene Totenmaske das besitzt, was die Ägypter als Schönheit definierten: »Eine Ausstrahlung, die im Betrachter Liebe erzeugt.«

Abb. 1: Ägyptischer Maler um 1400 v. Chr.: Sängerinnen und Tänzerinnen (Detail). London, British Museum.

Schönheit – Lust und Laster

Die Griechen sehen Schönheit nicht anders: Sie ist die Voraussetzung und der letzte Grund der Liebe. Wobei zumindest der männliche und noble Grieche in Sachen Liebe vielseitig ist. Zu den zahlreichen Adiaphora, den Gleichgültigkeiten des Daseins, zählen die Stoiker auch den Unterschied des Geschlechts. Die Ehe wird als ausschließlich wirtschaftliche Angelegenheit betrachtet, deren Geschäftszweck die Mehrung von Vermögen und Kinderzahl ist. Für den Spaß im Bett ist die Hetäre oder eine der Sklavinnen zuständig. Romantische Liebe gibt es nur mit Knaben.¹ »Wer sich in ein Weib unter ähnlichen Symptomen verliebte wie in einen Geschlechtsgenossen, galt … für einen von der Gottheit zu seinem Unheil verblendeten Liebhaber«, schreibt Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit. Allerdings handelte es sich hier – wie bei allem anderen, was wir heute als die »griechische Kultur« bezeichnen – um die Sitten und Gebräuche einer hauchdünnen Schicht von Müßiggängern in einer feudalen Sklavenhaltergesellschaft. Das Gefühlsleben der breiten Masse war mit Sicherheit ein völlig anderes.

Im Olymp wiederum hält man es wie die irdische Schickeria. Gottvater Zeus ist bi. Ganymedes, nach Homer »der Schönste aller sterblichen Menschen«, wird von Zeus (der sich für diese göttliche Kommandosache in einen Adler verwandelt) in den Olymp entführt und zu seinem Mundschenk und Geliebten gemacht.

Die Sitten im alten Athen sind denkbar freizügig. Schönheitswettbewerbe unter (nackten) Männern sind an der Tagesordnung. Überhaupt ist Nacktheit nicht im Geringsten tabuisiert, bei Männern anscheinend noch weniger als bei Frauen – Hauptsache schön.

Was für ein Unterschied zur Bibel. Das Hohelied des Salomo (»Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt«) wirkt wie ein vergessenes Lustgärtchen in einer unwirtlichen Wüstenlandschaft.

Schönheit ist im Alten Testament vor allem ein Zeichen der Auserwählung. Über Saul heißt es: »Es war kein Mann unter den Söhnen Israels so schön wie er.« Und über David: »Er war von schöner Gestalt und der Herr war mit ihm.« Joseph ist vor seinen Brüdern für alle sichtbar durch seine Schönheit ausgezeichnet. Auch schöne Frauen kommen vor – etwa Rebekka oder Rahel, derentwegen Jakob vierzehn lange Jahre bei seinem Schwiegervater Laban dient. Aber ihre Schönheit wird nur angedeutet. Rebekka war »schön von Gestalt«, mehr wird nicht verraten.

Im Neuen Testament ist dann vollends Sendepause. Nicht nur die Schönheit, sondern überhaupt das Äußere der handelnden Personen scheint keinerlei Rolle mehr zu spielen. Kein Wort über das Aussehen Jesu. Auch die in der christlichen Ikonographie später so wichtigen Frauengestalten Maria, Maria Magdalena oder Salome sind gesichtslos.

Mit dem Ende der antiken Welt und der Machtübernahme des Christentums scheint der Körper abhanden gekommen zu sein. Fortan zählt nur der Geist. Auf frühmittelalterlichen Bildern ist vor lauter Heiligenschein kaum noch Platz für den Rest. Der menschliche Körper wirkt unwirklich und mickrig, für ein ganzes Jahrtausend verliert er in der Kunst seine Lebensechtheit.

Mittelalter: Schönheit zwischen Körper und Geist

Aber das Mittelalter wäre nicht Mittelalter, wenn es nicht in sich widersprüchlich, anarchisch wäre. Neben der »offiziellen«, selbst von der Kirche nie konsequent durchgehaltenen Leibfeindlichkeit steht eine krude Körperlichkeit, ein untergründiger Hang zu Ausschweifung und Genuss. Im Weltbild des mittelalterlichen Menschen ist Platz für scharfsinnige Rationalität und dunkelsten Obskurantismus, Askese und Exzess, Schönheitsverachtung und Schönheitsverehrung.²

Diese Widersprüchlichkeit lässt sich selbst an der Mode ablesen. Nüchterne Strenge wechselt sich mit einer Farbenpracht und Opulenz ab, gegenüber der die Antike mit ihren immer gleichen Tuniken und Stolen geradezu einfältig wirkt. Die wildesten Kapriolen schlägt das 14. Jahrhundert: Die Frau trägt kreisrunde Löcher im Gewand, durch die ihre nackten Brüste zu sehen sind. Der Mann geht – nein, watschelt – in Schnabelschuhen, deren Spitzen bis an die Knie reichen und dort mit Schnüren befestigt werden müssen. Dazu trägt er ein aus knallbunten Flicken bestehendes Gewand, das mit Schellen behangen ist, und im Schritt stellt er ein pralles Penisfutteral zur Schau. Ein Jahrhundert später zupft sich die Frau von Welt die Haare am Haaransatz aus, um eine möglichst hohe Stirn präsentieren zu können.

Schon im 12. Jahrhundert blüht in der höfischen Ritterszene ein denkwürdiger Schönheitskult in Form des Minnesangs. Die Frau ist darin ein höheres Wesen, zart und rein, »ein Stück Märchen im Dasein«, ein Anbetungsgegenstand. Der Mann dagegen: ein ungehobelter Klotz, der durch den »Liebesdienst« an der unerreichbaren Schönen veredelt wird.

In den höfischen Romanen des Hochmittelalters wird die weibliche Schönheit in den immer gleichen Formeln beschrieben. Vor allem muss die Schöne blond sein (im Englischen wird »fair« zum Synonym für »beautiful«), die Haut »weißer als Silber oder Kristall«, der Mund rot, eher klein, lächelnd, die Wangen rosa. Die Augen sind idealerweise blau, vor allem aber: strahlend.

Auch beim Mann ist weiße Haut als Zeichen der edlen, also müßigen, Lebensart obligat. Dazu kommen eine schmale Taille, eine breite Brust und starke Arme, lange Beine und kräftige Waden. Wenn er den Helm abnimmt, fallen seine goldenen Locken über die Schulter. Seine blauen Augen blicken wild und stolz um sich.

Abb. 2: Petrus Christus: Porträt eines jungen Mädchens, um 1470 (Berlin, Gemäldegalerie). Offenbar sind nicht nur die Haare an der Stirn gezupft. Auch die Augenbrauen und Wimpern wirken stark dezimiert.

Renaissance: Schönheit ohne Wenn und Aber

Mit der Renaissance wird Schönheit diesseitig, fleischlich. Raffaels Madonnen sehen aus, als hätten sie gerade geliebt. Mit den Idealen der Antike hält der Körper wieder Einzug, und zwar der nackte Körper. Es wird nach realen Modellen aus Fleisch und Blut gemalt, individuelle Schönheiten, beseelte Gesichter, keine Ikonen. Im Appartamento Borgia im Vatikan arbeitet Pinturicchio die Geliebte des Papstes Alexander VI. in sein Fresko ein – ausgerechnet als Jungfrau Maria bei der Verkündigung.

Wie sieht sie nun aus, die perfekte Schönheit der Renaissance? Vor allem muss der Körper den wiedergeborenen klassischen Proportionsidealen entsprechen. 1496 wird in Rom die altgriechische Statue des Apollo Belvedere entdeckt, vermessen und schnell zum Maß aller Dinge. Vitruvs De architectura, die einzige aus der Antike überlieferte Schrift zur Proportionslehre, feiert ein triumphales Comeback. Ihr zufolge passt der »Homo bene figuratus«, der wohlgeformte Mensch, in die »perfekten« Formen von Kreis und Quadrat hinein (siehe Abb. 3).

Leonardo zerbricht sich über die »richtigen« Proportionen jahrzehntelang den Kopf, und auch seine Kollegen arbeiten sich am antiken Musterkatalog ab. 1532 veröffentlicht Dürer seine Vier Bücher von menschlicher Proportion, in denen er die kanonischen Figuren aus der Antike in die christliche Bilderwelt transponiert – Jesus soll als die »schönste Gestalt eines Menschen« den Platz von Apollo einnehmen, Maria den von »Fenus«.

Abb. 3: Leonardo da Vinci: Proportionsstudie nach Vitruv, um 1505 (Venedig, Galleria dell’ Accademia). Leonardos »Homunculus« hat auffallend kurze Beine, damit er tatsächlich in sein geometrisches Korsett passt – was den Kunsthistoriker Kenneth Clark zu der ketzerischen Bemerkung veranlasste: »Ein Gorilla würde besser reinpassen.«

Der männliche Körper gilt, ganz nach antikem Muster, als »vollkommener«, doch auf den Bildern der Künstler geht es vorzugsweise um weibliche Schönheit. Und die ist, wie im Mittelalter, zuallererst blond – nicht unbedingt hellblond, sondern eher golden. Das Haar soll wellig, dick, voll und lang sein, so dass viele Frauen mit künstlichem Haar und weißer und gelber Seide nachhelfen müssen. Die Haut ist schneeweiß, und über den Wangen liegt ein Hauch von Rosa. Die Augen hat man am liebsten dunkelbraun, die Augenbrauen sollen schön geschwungen, der Mund weder zu klein noch zu groß sein, Hauptsache: purpurrot. Der ideale Körper ist jetzt nicht mehr das filigrane, flachbrüstige Feenwesen des Mittelalters, sondern das Vollweib. Grelle Farben und bizarre Formen werden bei Mann und Frau gleichermaßen gemieden; die Kleidung soll vor allem Würde ausstrahlen.

Pariser Arsch und Hühnerkorb

Damit wären wir im Zeitalter des Barock angekommen. Und so bei Rubens, dem Kronzeugen der Relativitätstheorie der Schönheit, über dessen Kunstkonzept Egon Friedell schreibt: »Der Mensch, wie er ihn sieht, ist eine Art Halbgott, auf die Erde herabgestiegen, um seine unversieglichen Kräfte spielen zu lassen, niemals krank, niemals müde … Seine Weiber sind niemals Jungfrauen, ja nicht einmal Mütter, sondern fette rosige Fleischstücke mit exemplarischen Becken, Busen und Hintern, nur dazu da, um nach wildem Brunstkampf … aufs Bett geschmissen zu werden.«

Abb. 4: Peter Paul Rubens: Die drei Grazien (Madrid, Museo del Prado). Ob die Figuren den Geschmack der Zeitgenossen wirklich trafen, darf bezweifelt werden.

Dabei hat Rubens wohl weniger das Schönheitsideal des 17. Jahrhunderts, sondern in erster Linie seine ganz persönlichen Vorlieben auf die Leinwand gebannt. Rubens stand jedenfalls nicht nur als Maler auf fette Frauen: beide Frauen Rubens’ waren Rubens-Frauen. Ähnlich wuchtige Frauentypen tauchen in der zeitgenössischen Kunst extrem selten und in der Literatur überhaupt nicht auf.

Nichtsdestotrotz bevorzugt das »Grand siècle« eher füllige Formen. Um sie zu betonen, tragen die Damen Korsetts mit Stahlschienen und den so genannten Cul de Paris (»Pariser Arsch«), eine Polsterung des Steißes, die einen prächtigen Hintern vortäuscht.

Der Mann stolziert in Seidenstrümpfen und Schnallenschuhen mit roten Absätzen umher (siehe Abb. 5). Die Allonge, die gepuderte und parfümierte Staatsperücke, wird zum absoluten Muss am Hof des Sonnenkönigs. Der aristokratische Körper erstrahlt in Gold und Seide, erhebt sich auf fußhohen Absätzen über das niedere, von der Arbeit gekrümmte Volk. Männer und Frauen tragen gleichermaßen Spitzenunterwäsche. Am Hochrhein wird sie zum Trocknen ins Fenster gehängt, damit sie von jedermann bewundert werden kann.

Im 18. Jahrhundert, der Zeit des Rokoko, wird der Pomp zugunsten von verspielteren Formen zurückgefahren. Dafür steigt der Puder- und Make-up-Verbrauch ins Unermessliche. Männer wie Frauen tragen jetzt eine dicke weiße Schicht – die überwiegend aus Mehl besteht – auf Perücke, Gesicht und Dekolleté. Darüber wird großflächig Rouge gepinselt. Ein Höfling von Louis XV. klagt einmal darüber, dass man die Damen unter der Maske nicht mehr auseinander halten kann. Die Tünche hat jedoch den Vorteil, dass man sie nur alle paar Tage erneuern muss. Im Spätrokoko löst der Mehlverbrauch für die Maskerade der Pariser Aristokratie eine Mehlknappheit aus.

Abb. 5: Vornehmer Herr, 1689

Für die Frau hat die absolute Herrschaft des Korsetts begonnen. Schon Morgens fängt die Prozedur an und wird im Viertelstundenabstand mit immer engeren Schnürungen wiederholt. Die Wespentaille wird durch enorme Reifröcke, Hühnerkorb genannt, betont. Am Vorabend der Französischen Revolution haben die Spannweite der Röcke und die Höhe der Frisuren surreale Ausmaße angenommen. Der modische Mann trägt nun eine Zopfperücke, Seidenröcke in allen denkbaren Farben, enge Kniehosen und weiße Seidenstrümpfe.

Ein paar Jahrhzehnte später geht er grau in grau. Ob Paris, Madrid oder London: die Straßen sind bevölkert von grauen Gestalten mit Zylinderhut. Was ist passiert?

Bürgerliches Zeitalter: Die Erfindung des schönen Geschlechts

Eine neue Klasse hat das Ruder übernommen. Die protestantisch-puritanische Revolution hat einen neuen Typ Mensch hervorgebracht: den Geschäftsmann – ein Wesen, wie es der Globus noch nicht gesehen hat: es sucht nicht Vergnügen, sondern Arbeit.

Der graue Anzug ist das äußere Zeichen dieser Wende (siehe Abb. 6). Er steht für Disziplin, Solidität und Respektabilität – in den Worten von Egon Friedell ein Kleidungsstück »von tierischem Ernst; eine Tracht für Verdiener, Buchmacher und Geschäftsreisende, die in Qualm und Ruß leben … Die Verkleidung ist zur Kleidung herabgesunken.«

Die Erfindung des Anzugs bedeutet den vielleicht größten Einschnitt in der Geschichte der Mode. Ein ganzes Geschlecht hat sich aus dem Spiel mit Farbe und Materialpracht verabschiedet.

Und die Frau? Von nun an ist die Schönheit ihr Reich. Nur ihr ist es vorbehalten, mit Lockenwickler, Schminkstift und Düften zu hantieren. Ganz im Gegensatz zur Aristokratin, die weiterhin dick aufträgt, schminkt sich die Bürgerin verschämt und diskret, denn ihr puritanisches Über-Ich sieht im Streben nach Schönheit ein Bekenntnis zu verbotener Sinnlichkeit. Man darf der Schönheit bloß nicht ansehen, dass sie »gemacht« (also gewollt) ist. Bis heute ist »Natürlichkeit« oberstes Gebot aller Schönheitsbemühungen des Bürgertums – gute Schminke ist nur die, die man nicht als Schminke erkennt.

In ihrer Kleidung jedoch bleibt die Bürgerfrau den Grundprinzipien der höfischen Mode des 18. Jahrhunderts erstaunlich

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