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Mit Allah an die Macht: So verändern Arabiens Revolutionen unsere Welt

Mit Allah an die Macht: So verändern Arabiens Revolutionen unsere Welt

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Mit Allah an die Macht: So verändern Arabiens Revolutionen unsere Welt

Länge:
299 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Nov 28, 2012
ISBN:
9783709001066
Format:
Buch

Beschreibung

"Der Islam ist die Lösung": Mit diesem Slogan gewannen die Muslimbruderschaften die ersten freien Wahlen in der arabischen Welt. Doch welche Ziele verfolgen diese islamistischen Kräfte, die nun an der Macht sind? Wie brisant ist die Stärkung von Extremisten von Syrien zum Sinai? Welche neue Rolle werden Saudi Arabien, die Türkei und Katar spielen? - Und wie kann Europa von der neuen Weltordnung politisch und wirtschaftlich profitieren?
Freigegeben:
Nov 28, 2012
ISBN:
9783709001066
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Mit Allah an die Macht - Petra Ramsauer

Außenpolitik

VORWORT

»Haben wir denn eine Wahl?«, fragte mich der 36-jährige Jamal mehrmals verzweifelt. Früher, in einem anderen Leben, hatte er einen Job als Banker in Dubai, ging abends fein zum Essen aus und wohnte in einem eleganten Apartment. Damals hatte Jamal wenig Bezug zum Islam, zum Beten oder gar zu religiösen Eiferern. Auch später nicht, als er im Januar 2011 in seine syrische Heimatstadt Dara’a heimkehrte. Er hätte hier eine Filiale der Bank aufbauen sollen, für die er in Dubai tätig gewesen war. Doch daraus wurde nichts.

Ich traf Jamal in einer armseligen »sicheren« Wohnung der Opposition in Dara’a im April 2012. In Dara’a hatte der Aufstand gegen Baschar al-Assads Regime begonnen, der zu einem gnadenlosen Bürgerkrieg führte. »Wir wollten doch nur Freiheit, Menschenwürde und Demokratie«, sagt Jamal, »keine Gewalt. Niemals.«

Das Gespräch war der schwierigste Moment während meiner Recherchen zum Arabischen Frühling. Trotz der Lebensgefahr war es weniger belastend, neben libyschen Rebellen zu stehen, die in Turnschuhen mit ausrangierten Maschinengewehren gegen die schwere Artillerie der Armee Muammar al-Gaddafis ankämpften. Die jungen Männer brüllten »Allah Akbar«, »Gott ist groß«, wenn das Feuer eröffnet wurde. Dort war es Hoffnung, in Syrien jedoch war es die tiefe Verzweiflung, die mitschwang, wenn Menschen wie Jamal sagten: »Uns hilft nur noch Allah.«

Ein Dutzend syrischer Aktivisten wagten wie er, mir trotz der Gefahr von Haft und Folter durch das Regime ein Interview zu geben. Manche waren kreidebleich, bis auf die Knochen abgemagert, einige hatten, so wie Jamal, geschwollene Augen, aufgedunsene Körper. »Wir sind am Ende. Mir ist es längst egal, wer uns hilft. Hauptsache irgendwer«, sagte Jamal: Länder wie Saudi Arabien, Katar oder die Muslimbruderschaft, die würden etwas unternehmen. »Bitte, was sollen wir tun? Haben wir eine Wahl?« Es gab keine Wahl. »Uns hilft nur noch Allah«, unter exakt diesem Motto stand auch am 27. Juli 2012 eine verzweifelte Massendemonstration in Aleppo, als das syrische Regime einen Großangriff auf die größte Stadt Syriens begann.

Die internationale Staatengemeinschaft konnte oder wollte die Aufständischen lange – viel zu lange – nicht vor der gewaltsamen Unterdrückung schützen. Das Vakuum nutzten andere. Der bewaffnete Flügel der Opposition wurde von den Golfstaaten unterstützt, extremistische Terrormilizen mischten sich unter die Aufständischen. Am Tag, als eine Bombe vier Vertreter aus dem innersten Führungskreis um Baschar al-Assad tötete, verkündete die syrische Muslimbruderschaft die Gründung einer politischen Partei am Beispiel Ägyptens, Tunesiens und Libyens. Mit dem tödlichen Anschlag war der Anfang vom Ende des Regimes besiegelt. Nur niemand, außer den Islamisten, konnte eine schlüssige Antwort auf die Frage anbieten: Wer wird Syrien am Tag nach dem Sturz regieren?

»Der Islam ist die Antwort.« Mit diesem knappen Leitmotiv etablierte sich die 1928 gegründete Muslimbruderschaft zur heute stärksten islamistischen Bewegung des arabischen Raums. Die Ära nach dem Arabischen Frühling öffnete für sie das historische Fenster, um an die Macht zu gelangen: Wahlen in Tunesien und Ägypten wurden zu Triumphzügen für sie. Wenige ihrer Mitglieder mochten den Titel meines Buches »Mit Allah an die Macht«. Denn: »Es gibt keine Macht ohne Allahs Willen. Wir sind alle in seiner Macht.« Es ist jedoch ein Titel, der den Ausgang der ersten Phase der Revolutionen treffend beschreibt. Mit Facebook und Twitter wurden die Revolutionen von der aufmüpfigen und modernen Jugend Arabiens angezettelt, mit ihren Protesten Despoten gestützt. Doch die Wahlen in den Transformationsstaaten gewannen andere. Zwei Elemente kristallisierten sich so im ersten Jahr als Träger der nächsten Ära heraus: Islamisten und Abtrünnige des alten Regimes, die rechtzeitig die Seite gewechselt hatten. Dazu zählte Mahmud Dschibril in Libyen, ehemals enger Mitarbeiter des Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam. Er wurde erster Interims-Premier, nachdem er sich den Rebellen angeschlossen hatte, und gewann mit seiner »Allianz der Nationalen Kräfte« auch die ersten Wahlen. Gleichzeitig ist er Teil des größten Stammes, der »Warfalla«, zu dem ein Sechstel der Bevölkerung gehört.

Auch im Chaos des Bürgerkrieges in Syrien tauchten mit General Manaf Tlass und vor allem mit dem ehemaligen syrischen Botschafter im Irak, Nawaf al-Fares, neue Führungsfiguren auf, die im alten Regime verankert waren. Fares’ Seitenwechsel im Juli 2012 wirbelte auch deshalb viel Staub auf, weil er der Führer des Clans der »Egaidats« ist, zu dem 1,5 Millionen Syrer gehören.

Die Hoffnungsträger der Anfänge des Arabischen Frühlings, die moderne und vor allem demokratisch orientierte Jugend, verlor somit den ersten Kampf um die Macht in den postrevolutionären Ländern. Jetzt aber von drohenden Gottesstaaten oder vormodernen Stammesgesellschaften zu schreiben, würde bedeuten, dass die neue Generation Arabiens den gesamten Krieg um die neue Ordnung verloren hat. Was wir in den ersten Jahren nach dem Sturz der Despoten erlebten, war die Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung staatlicher Strukturen und der Zivilgesellschaft. Gaddafi, Mubarak, Assad und andere waren nie daran interessiert, eine echte moderne Gesellschaft aufzubauen. Ihnen ging es um Macht – und vor allem um sehr viel Geld für ihre kostspieligen Lebensstile. Islamistische Gruppen und alte Clan-Strukturen waren die einzigen Grundpfeiler des »anderen«. Das bedeutet aber nicht, dass sie es bleiben werden.

Es gibt kein Drehbuch für diese epochale Zeitenwende, auch nicht für die Rolle der Akteure islamistischer Bewegungen, die im Fokus dieses Buches stehen werden. Ein sicherer Weg, sich im Chaos der Entwicklungen in den Transformationsstaaten der arabischen Welt zu verstricken, ist, von dem einen Muster, der einen Entwicklung religiös orientierter politischer Parteien zu sprechen. Es ist ein vielschichtiger Prozess, der in jedem Land anders abläuft und gleichzeitig beeinflussen sich die Entwicklungen an den verschiedenen Schauplatzen wie kommunizierende Gefäße: Der Erfolg der ägyptischen Muslimbruderschaft etwa weckte Ängste vor einer islamistischen Machtübernahme in der gesamten arabischen Welt.

Die Gestaltung der zukünftigen politischen Landschaft des Nahen Ostens ist kein revolutionäres Schnellprogramm, das binnen weniger Monate mit ein paar Wahlgängen mal eben installiert werden kann. Noch liegt erst einen Rohentwurf vor, skizziert durch erste Abstimmungen über Interimsregierungen. Welche Aspekte, welche Momente jedoch werden als weichenstellend später prominent in die endgültige Chronik dieser Ära aufgenommen? Die grauenhaften Videos vom Tod des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi? Wie syrische Kampfjets Aleppos Zivilbevölkerung bombardieren? Der Jubel der libyschen Bevölkerung, die ihre ersten freien Wahlen ein »Hochzeitsfest« der Nation nannten? Die Freudentränen am Tahrir-Platz in Kairo, als Hosni Mubarak gestürzt war, nachdem ihn ein Volksaufstand – getragen von einer bis dato unvorstellbaren Einheit der Bevölkerung – aus dem Amt gejagt hatte? Oder werden die Bilder der Zerstörung der islamischen Schreine durch religiöse Fanatiker in der legendären Wüstenstadt Timbuktu in Mali bleiben?

Wer sich dem Phänomen des Arabischen Frühlings nähert, betritt unerforschtes Terrain. Die Ereignisse ändern das Bild täglich, und so war es eine gewagte Entscheidung, die ersten Eindrücke in Buchform zu packen: Es sind Momentaufnahmen aus den ersten beiden Jahren des Arabischen Frühlings und sie illustrieren vor allem eines: nicht was richtig oder falsch ist, sondern die weitreichenden Dimensionen der Ereignisse, die im Begriff sind, unsere Weltordnung – nicht nur jene der arabischen Staaten – fundamental zu ändern.

Ob es sich nun um Journalisten wie mich handelt, die sich über Jahrzehnte mit der Region beschäftigten, oder um Wissenschaftler: Wir alle irrten uns mehrmals gewaltig. Doch gerade dies war, aus meiner Sicht, ein Glücksfall. Vorurteile, die Analysen und Reportagen seit jeher mehr oder weniger subtil färbten, verlieren somit endlich ihre Kraft. Dazu zählen vor allem Klischees wie: »Der politische Islam ist unvereinbar mit Demokratie auf rechtsstaatlicher Basis.«

Mit diesem Argument überzeugten die autokratischen Herrscher der arabischen Welt vor allem den sogenannten Westen von ihrer Unverzichtbarkeit für die Stabilität dieser Region. Die Panik vor Extremisten der »al-Kaida« setzte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 unser Urteilsvermögen immer wieder außer Kraft. Die Grautöne der verschieden Bewegungen des politischen Islams wurden nivelliert. »Wenn ich gehe, dann kommt die islamistische Muslimbruderschaft an die Macht.« Mit solch einem Szenario konnte Ägyptens Präsident Hosni Mubarak den USA im Jahr 2009 noch einen Schrecken einjagen.

Dass diese Erpressung nicht mehr funktioniert, zählt zur Revolution innerhalb der Revolution. Als der Muslimbruder Mohammed Mursi zum Präsidenten Ägyptens in der ersten freien Wahl des Landes gekürt wurde, lud ihn US-Präsident Barack Obama sofort zu einem bilateralen Treffen. Dieser demokratisch legitimierte neue Präsident setzte sich allerdings just an dem Tag, als diese prestigeträchtige Einladung eintraf, über einen Spruch des Höchstgerichts und somit über rechtsstaatliche Grundsätze hinweg. Per Dekret, besser gesagt, »per Handstreich«, berief er das Parlament wieder ein, dessen Wahl laut den obersten Richtern ungültig war.

Willkommen zurück in der Welt der Grautöne. In der Welt der unberechenbaren Quantensprünge der Geschichte.

Bereits im Jahr 2009 häuften sich in Ägypten Berichte über spontane Kundgebungen aller sozialen Schichten, die für mehr Chancen am Arbeitsmarkt, gegen Korruption und Verarmung protestierten. Das System schien unerschütterlich. Doch 2011 wurde aus der beginnenden sozialen Revolution blitzartig eine politische Revolution.

»Etwas ist geschehen, beginnend in Tunesien, das niemand so schnell verstehen konnte. Was das war? – Die Angst hatte sich verflüchtigt. Die Angst davor, verhaftet und gefoltert zu werden, den Job zu verlieren, die Angst davor, aufzustehen und zu protestieren«, so der Autor und Islam-Experte Ziauddin Sardar. »Sobald die Revolution begonnen hatte, verflüchtigte sich diese Angst wie Salz in Wasser.«

Zu den größten Gefahren dieser Entwicklung gehört nun, dass die Angst die Seite gewechselt haben könnte. Dazu zählen mögliche Berührungsängste maßgeblicher politischer Kräfte in Europa und den USA mit jenen Vertretern der islamistischen Bewegungen, die bereit sind, sich in den demokratischen Prozess einzubinden. Was wir im »Westen« nun begreifen müssten, schreibt Olivier Roy, einer der renommiertesten Kenner der arabischen Welt, sei: »Die Demokratie in der arabischen Welt wird keine Wurzeln schlagen, wenn sie keinen Platz für so maßgebliche Strömungen wie die ›an-Nahda‹-Partei Tunesiens, die Muslimbruderschaft in Ägypten, Syrien oder dem Jemen bietet.«

Meine Reportagen aus den Ländern und von den Revolutionen sind, wie gesagt, Momentaufnahmen des politischen Islams in seiner neuen Rolle. Dieses Buch ist geprägt von meinen persönlichen Begegnungen mit den Trägern und vor allem den Trägerinnen dieses Umbruchs. Zwölf Reportagereisen habe ich zwischen dem 20. Januar 2011 und dem 20. Mai 2012 zu den Schauplätzen der Revolution in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien unternommen, ich war Zeugin von Massenprotesten am Tahrir-Platz und dem Bürgerkrieg in Syrien.

Seit 1999 berichte ich regelmäßig über Konflikte und Krisen im Nahen und Mittleren Osten, über den Krieg in Afghanistan, über den Krieg im Irak, aus dem Iran sowie über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Ich konnte prägende Figuren wie den iranischen Reformpräsidenten Mohammed Khatami, aber auch die Gründer der libanesischen Hisbollah sowie der palästinensischen Hamas, Hassan Nasharallah und Ahmed Yassin, interviewen. Als Politikwissenschaftlerin habe ich mich auf den politischen Islam spezialisiert, vor allem auf die Folgen des politischen Missbrauchs von Vorurteilen gegenüber dieser Religion. Dazu zählt das Bild von hysterischen Dschihadisten, die einen Terrorkrieg gegen den Westen führen wollen, das unsere Einstellung zum gesamten Islam in Geiselhaft nahm.

Mit diesem Buch hoffe ich, zeigen zu können, dass Radikalisierung und Gewalt keineswegs ein Automatismus des »real existierenden« politischen Islams sind. Vielmehr ist diese Fehlentwicklung ein Resultat der Gewalt und der radikalen Unterdrückung. Dies beweist die Lage in Syrien, wohingegen die anderen Transformationsstaaten zeigen, dass Extremismus an Anziehungskraft verliert, wenn es gelingt, islamistische Bewegungen im demokratischen Prozess zu verankern. In einer Welt der Grautöne sind »Gut« und »Böse« keine hilfreichen Kategorien mehr. Dies zu festigen, ist eine historische Chance des Arabischen Frühlings auch für den Westen.

DER HEILIGE SIEG

Arabiens neue Ära: Kidnappt Demokratie die Islamisten?

Mansur al-Hasadi gibt sich zwar Mühe, es zu verbergen, aber diese Frage nervt ihn gewaltig: »Die kommt immer wieder und wieder«, erwidert er ungeduldig. Die Rede ist von den USA und wie sein Weltbild heute aussehe. »Es gibt eben die Möglichkeit, dass ein und dasselbe Land sehr Böses und dann plötzlich Gutes tun kann«, meint er sachte: »Man könnte es natürlich auch so formulieren: Die Amerikaner und ihre Verbündeten versuchen in Libyen die fürchterlichen Verbrechen zu sühnen, die sie gegen die Muslime in Afghanistan und im Irak begangen haben. Sie sind vielleicht nur mehr zu fünfzig Prozent böse.«

Das Gespräch mit al-Hasadi fand am Tag nach dem 17. Februar 2012 statt, dem ersten Jahrestag des Beginns der Revolution in Libyen. Al-Hasadi erzählte davon, die ganze Nacht gefeiert zu haben, dazu habe er stundenlang mit dem Premierminister telefoniert. Seine Begleiter stellen den 48-Jährigen ehrfürchtig als Veteranen der libyschen freiwilligen Dschihadisten in Afghanistan vor. Mittlerweile ist der studierte Chemiker und Koran-Gelehrte Politiker geworden, Sprecher des lokalen »Übergangsrates« der Stadt Derna im Osten Libyens. Dem Wechsel folgte allerdings kein Wandel. Al-Hasadi erfüllt in jeder Hinsicht das Klischee des Islamisten in der Tradition der Taliban: wuchernder Vollbart, lange Robe, kaum Blickkontakt mit der Reporterin, von einem Händedruck ganz zu schweigen.

»Wir kontrollieren jetzt die Stadt«, sagt er stolz. »Das ist gut so. Obwohl Hunderttausende Waffen im Umlauf sind, ufert die Gewalt nicht aus. Das zeigt, wie gut es ist, dass sich hier jeder, dank unseres Vorbildes, an die Werte des Islams hält. Bei euch in Europa wäre das ganz anders.« Nicht alle 78.000 Einwohner Dernas jubeln darüber. An der Einfahrtsstraße in die Stadt, die früher als liberale Kulturmetropole galt, prangt in blassblauen Lettern und auf Französisch ein Graffiti: Stoppt die Islamisten! Dieser stumme Protest liest sich wie eine mahnende Fußnote zum rostigen Welcome in Derna-Schild.

Ihren Widerstand drückten die Bewohner der Stadt auch bei den Wahlen in Libyen Anfang Juli 2012 aus. Selbst in Derna feierte die »Allianz der Nationalen Kräfte« unter Mahmud Dschibril einen Sieg. Al-Hasadi und seine Getreuen akzeptierten es, auch weil Dschibril unmittelbar nach seinem Wahlsieg den Unterlegenen klar signalisierte: Mit allen, die an den Wahlen teilgenommen haben, werde kooperiert. Und dazu zählten auch die Dschihadisten aus Derna.

Ihren anfänglichen Siegeszug nach dem Sturz von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi hatten die libyschen Dschihadisten auch dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und den Luftschlägen durch die USA und die NATO zur Durchsetzung eines Flugverbotes der Gaddafi-Armee ab dem 19. März 2011 zu verdanken. Al-Hasadi weiß das: »Ohne die Hilfe Amerikas wäre unser Sieg niemals möglich gewesen. Aber auch unsere Derna-Milizen, die zirka 1000 Mann stark sind, haben beim Erfolg des Aufstands gegen Gaddafi eine zentrale Rolle gespielt. Sie sind deshalb so gut trainiert, weil sie im Ausland viel Erfahrung gesammelt haben und dank alter Kontakte auch Zugang zu hochwertigen Waffen hatten.«

Und sie hatten auch einen erprobten Kommandanten: Abdul-Hakim al-Hasadi, einen Cousin des Stadtpolitikers Mansur. Der 45-Jährige kämpfte in Afghanistan vier Jahre lang Seite an Seite mit Osama bin Laden. Und er blieb Land, Ideologie und Organisation treu. Eine seiner vier Frauen brachte er aus Afghanistan nach Derna und pflegt mit ihr ein Familienidyll nach Art der Taliban. Ein paar Straßen von seinem Haus entfernt wohnt heute noch ein früherer Chauffeur bin Ladens. Gemeinsam mit einem anderen Afghanistan-Veteranen, Abdel Hakim Belhadsch, wurde Abdul-Hakim al-Hasadi zu einer der Leitfiguren der »Libyschen Islamischen Kampfgruppe«, deren wichtigstes Ziel der Kampf gegen Gaddafi war. Ab 2007 erkannte »al-Kaida«-Führer Aiman al-Sawahiri die Gruppe als Teil des Netzwerks an.

Diese »Ehre« hatte damit zu tun, dass die Dschihadisten in Derna ab 2005 auch wieder im Ausland kämpften. Nun zogen sie als Freiwillige in den Irak, um die dortige »al-Kaida«-Fraktion in ihrem Terrorkrieg gegen die Besatzung zu unterstützen. Als US-Soldaten 2007 das Quartier von islamistischen Aufständischen im Nordirak stürmten, fielen ihnen die Papiere von über 600 ausländischen Terroristen in die Hände; 52 davon stammten aus einer einzigen libyschen Stadt: Derna. Auffällig war ein zweites Detail: Überproportional viele von ihnen – 90 Prozent dieser Männer aus Derna – hatten sich freiwillig für Selbstmordkommandos gemeldet.

Bizarre Allianz von NATO und »al-Kaida«

Mit Beginn des Aufstands gegen Gaddafi aktivierte Abdul-Hakim al-Hasadi die überlebenden Irak-Veteranen. Es formierten sich zwei Milizen, die »an-Nour Katiba« und die »Shuhada Derna Katiba«. Deren anfängliche Aufgabe war es, die Kontrolle in Derna selbst zu übernehmen. Sie formierten aber bald eine der Speerspitzen in dem aus Amateuren zusammengestückelten Freiwilligenheer der Rebellen. Die Terrorvergangenheit einiger der Kommandanten alarmierte schon zu Beginn des Aufstands die westlichen Beobachter. »Wir hören, es gibt einen Milizen-Chef im Osten, der sich als Emir feiern lässt«, warnte ein EU-Diplomat im Februar 2011. Er spielte damals auf Abdul-Hakim al-Hasadi an. Dies verursachte jedoch keine Beißhemmungen mehr. Als die westliche Militärallianz, anfangs unter der Führung der USA, mit ihren Luftschlägen den Aufstand gegen Gaddafi unterstützte, war al-Hasadi bereits Mitglied des Übergangsrates, also Teil der neuen Ordnung, die auch vom Westen akzeptiert wurde.

Diese Nahaufnahmen aus der libyschen Stadt Derna, Gespräche mit Vertretern der ehemaligen »al-Kaida«-Gruppe in dem Land, illustrieren einen der spektakulärsten Aspekte der Ära nach dem Arabischen Frühling. Sie zeigen, wie tiefgreifend über lange Zeit gültige Gleichungen der internationalen Politik durcheinandergewirbelt wurden. Deutlich wird auch, wie die Militanz dieser Gruppen durch die Repression der Autokraten provoziert wurde, und somit, wie stark die despotischen Regime des arabischen Raumes am Phänomen »al-Kaida« ihren Anteil hatten.

Derna könnte eine schöne Stadt sein: nahezu weißer Sandstrand und türkises Meer, das Hinterland, die »Grünen Berge« mit uralten Olivenhainen, durchzogen von Blumenwiesen, direkt an der Küste im Zentrum ein prächtiger Markt mit frisch geernteten Erdbeeren, Orangen, Zitronen, kistenweise Minze und Koriander. Doch das Idyll endet abrupt beim Blick auf die Infrastruktur. Die meisten Gebäude sind gerade noch bewohnbare Ruinen, der Asphalt der Straßen ist von Schlaglöchern übersät.

1970 fand hier der erste Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi statt. Ab dann setzten eine systematische Vernachlässigung der Stadt sowie eine brutale Unterdrückung ihrer Bewohner ein. Auch als Reaktion darauf folgten weitere Aufstände, Massenverhaftungen, die Radikalisierung wuchs. Im berüchtigten Gefängnis Abu Salim in Tripolis, in dem Gaddafi Regimegegner über Jahre festhielt und foltern ließ, war der Anteil von Bewohnern aus Derna überproportional hoch. Auch beim Massaker in der Haftanstalt im Juni 1996 traf es vor allem Menschen aus der Stadt: In einer Nacht wurden damals 1200 Insassen ermordet; ein Zehntel stammte aus Derna.

Indirekt löste dieses Massaker in Abu Salim auch den Aufstand in Libyen aus. Ein Anwalt, der die Angehörigen vertrat, wurde im Winter 2011 verhaftet. In der ostlibyschen Stadt Bengasi gingen daraufhin Mütter von politischen Gefangenen auf die Straße. Zu diesem Zeitpunkt waren die Langzeitherrscher in den Nachbarländern Tunesien und Ägypten schon aus ihren Präsidentenpalästen verjagt und gestürzt worden. Niemand hatte damit gerechnet, dass auch Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi seine Macht verlieren könnte. Doch ein von der Zivilgesellschaft getragener Aufstand verwandelte die 800.000-Einwohner-Stadt Bengasi binnen weniger Tage in die Hochburg der Rebellen.

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