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Urkraft Sex: Wie Sexualität unser Leben lenkt

Urkraft Sex: Wie Sexualität unser Leben lenkt

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Urkraft Sex: Wie Sexualität unser Leben lenkt

Länge:
300 Seiten
6 Stunden
Freigegeben:
Nov 28, 2012
ISBN:
9783709001103
Format:
Buch

Beschreibung

Sexualität ist mehr als nur Geschlechtsverkehr. Sie ist die elementare Urkraft, die unser Leben bestimmt - mehr als wir alle ahnen und uns eingestehen. Gerti Senger und Walter Hoffmann beweisen mit diesem Buch: Sex ist der Treibstoff der Seele. Auf einer aufregenden Expedition durch die Höhenflüge und Abgründe der menschlichen Sexualität öffnen sie verschlossene Türen zu bislang verbotenen Zimmern.
Freigegeben:
Nov 28, 2012
ISBN:
9783709001103
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Urkraft Sex - Walter Hoffmann

Anmerkungen

Urkraft Sexualität

Kaum fällt irgendwo das Drei-Buchstaben-Wörtchen »Sex«, verändert sich die Gesprächsatmosphäre. Die einen reagieren mit Erstarrung, die anderen mit einem Witz, manche betont lässig. Egal, ob Frau, Mann, homo-, bi- oder transsexuell, egal, ob jemand viel, wenig oder nie Sex hat – Sexualität betrifft jeden. Sexualität ist keine Eigenschaft wie zum Beispiel Pünktlichkeit. Jeder Mensch ist »sexuell«, weil er von seinem Geschlecht geprägt und von Natur aus »triebhaft« ist: Eine aus dem Inneren wirkende, treibende Kraft, die ohne bewussten Willen entsteht, aktiviert aufgrund äußerer Reize – etwa durch den Anblick von Catherina Zeta-Jones, George Clooney oder durch bloße Fantasien – einen sexuellen Impuls. Instinktgesteuerte Tiere können nicht durch Fantasien sexuell stimuliert werden.

Das Triebhafte der Sexualität zwingt aber niemanden dazu, sich mit dem nächstbesten Geschlechtspartner, der nächstbesten Geschlechtspartnerin zu paaren. Im Gegensatz zum Tier, das auf sexuelle Regungen nur mit angeborenen Verhaltensweisen, eben »instinktiv«, reagiert, haben Menschen vielfache sexuelle Betätigungsmöglichkeiten. Eine sexuelle Triebregung kann zur Selbstbefriedigung, zur Kontaktaufnahme mit einem begehrten Wesen, zu einem bezahlten Geschlechtsverkehr oder zu einem erotischen Gedicht führen. Egal, was Sie tun, Sie werden dazu »getrieben«, etwas zu unternehmen, damit es zu einer Spannungsminderung kommt. Wie der Selbsterhaltungstrieb, zu dem der Nahrungstrieb zählt, bestimmt auch der Sexualtrieb das allgemeine Verhalten: Hunger und Liebe sind die Urkräfte des Lebens.

Unabhängig davon, ob Sexualität befriedigt wird oder unbefriedigt bleibt, ist sie nicht nur ein Motor des menschlichen Verhaltens, sondern auch der Antrieb zur Kultur. In grauer Vorzeit vergewaltigte der Mann die körperlich schwächere Frau; heute beherrscht der Mann seinen Trieb, obwohl er körperlich immer noch stärker ist als die Frau. Diese »Triebmodellierung« entwickelte sich über viele Jahrtausende und führte zu moralischen Normen und zur Gewissensbildung, die heute unser Zusammenleben regeln. Zwischen der derben Vergewaltigung und einem Triebaufschub, der sich in einem vertrauensvollen Dialog, einem romantischen Abendessen, einem zärtlichen Vorspiel oder in Verführungsritualen äußert, liegen unsere Kultur und die Entwicklung des Motivationssystems im Gehirn: Die lustvollen Komponenten der Sexualfunktion erhöhen Leistung, Kreativität, Hormonproduktion und Gesundheit; diese Vitalität verstärkt wiederum die Sexualsignale eines Menschen; und darauf reagieren Frauen und Männer ihrerseits mit gesteigertem sexuellem Interesse. So behält die Urkraft Sexualität über lange Zeit ihre Stärke.

Sexuelle Signalwirkungen, Lustgefühle, Orgasmus – vielleicht alles nur ein Trick der Natur, denn Wohltuendes wird wiederholt. Häufiger Sex wiederum optimiert die Vermehrungschancen des Individuums. Sorgen darum müssen wir uns jedenfalls nicht machen. Laut WHO kommt es auf unserem Planteten täglich zu schätzungsweise hundert Millionen Sexualakten. Und noch nie gab es so viel Sex wie heute – in den Medien, im Internet und im Kopf. Welche bizarren Vergnügungen sind noch nicht beschrieben? Wie oft, wann und wo sollte kopuliert werden? Was ist zu viel? Was zu wenig?

Übermäßige sexuelle Triebhemmung kann zu destruktiven Verhaltensweisen und seelischen Erkrankungen führen. Aber eine gewisse Triebeinschränkung ist die Voraussetzung für den Bestand menschlicher Kultur. Würden wir unsere sexuellen Bedürfnisse jederzeit und uneingeschränkt ausleben und alle Triebenergien zur Gänze in hemmungslosen sexuellen Aktivitäten verpulvern, gäbe es keine Kultur.

Viele große Künstler und Wissenschaftler waren ihr Leben lang oder zumindest zeitweise sexuell unbefriedigte Menschen, die ihre Triebenergie in Kunst oder Wissenschaft investierten. Letztendlich sind es die ungelebten Triebe, die zu Fortschritt und zu kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen führen. Ein Teil der Urkraft Sexualität wird sublimiert, auf kulturelle Ziele verschoben; so kann Exhibitionismus (Lust am Zeigen) durch Triebverfeinerung große Schauspielkunst hervorbringen oder ungezügelte voyeuristische Veranlagung (Lust am Schauen) Erfolge als Fotograf, Maler oder Röntgenologe begründen.

In den ersten Lebensjahren gleicht die Urkraft Sexualität noch einem brodelnden Vulkan. Explosionsartige Ausbrüche sind vorprogrammiert, Triebdurchbrüche bei Kleinkindern stehen auf der Tagesordnung. Im Laufe des Sozialisierungsprozesses wird die Urkraft gezähmt und den Spielregeln der jeweiligen Gesellschaft angepasst. Misslingt die Domestizierung des Sexualtriebes, kann es auch in späteren Jahren jederzeit zum »Vulkanausbruch« kommen.

In der Pubertät und in den Jahren danach erreichen die Triebstürme ihren Höhepunkt. Die Sturzflut führt häufig zu Überschwemmungen. Um vor der eigenen Triebhaftigkeit Schutz zu finden, flüchten sich die einen schon früh in sichere Beziehungen, andere stoßen sich auf der Wildbahn des Lebens noch ihre Hörner ab. Nach der Sturm-und-Drang-Zeit beruhigt sich die Lage für gewöhnlich und die Fluten münden in geordnetere Bahnen. Jetzt stehen Paarbildung und Fortpflanzung auf dem Programm. Die meisten Menschen bedauern das Nachlassen der Leidenschaft in längeren Beziehungen und würden die Gefühle der anfänglichen Verliebtheit gern ein Leben lang aufrechterhalten. Aus evolutionärer Sicht macht das aber keinen Sinn, da die Verliebtheit vor allem der Paarbildung dient. Danach würde sie die Betreuung des Nachwuchses erschweren, weil Verliebte bekanntlich nur Augen füreinander haben und die Anwesenheit eines Dritten als Störung erleben.

Nicht alle Menschen erreichen ein Stadium der Liebes- und Beziehungsfähigkeit. So gibt es auch viele Steppenwölfe, die, getrieben von ihrer Sexualität, fremde Reviere durchstreifen und dafür sorgen, dass das Liebesleben auch für die Revierinhaber nicht zu langweilig wird.

Sobald die Kinderbetreuung in den Hintergrund tritt, macht sich die Urkraft Sexualität wieder stärker bemerkbar. Bei vielen Paaren werden die Karten früher oder später neu gemischt. Für die Hälfte der verheirateten Frauen und Männer bedeutet das Scheidung und Neustart.

Vollendet der Lebenskreis allmählich seine Bahn, wird auch das Feuer der Sexualität immer schwächer. Das Nachlassen der sexuellen Kraft im Alter lässt den Menschen zur Ruhe kommen und erleichtert angesichts des herannahenden Abschieds das Loslassen. Die milden Strahlen der Abendsonne lassen die Realität in einem weicheren Licht erscheinen und erlauben eine abgeklärtere, oft auch versöhnlichere Sicht auf das Leben, während im Hintergrund das Ticken der Uhr immer lauter wird: Mit jedem Pulsschlag nähern wir uns dem undurchdringlichen Schleier des Todes, der unerbittlichen Grenze zum Nichtsein.

Jeder Blick in den Spiegel konfrontiert uns mit dem bevorstehenden Untergang. Viele Menschen ertragen den Anblick ihres welken, faltigen Gesichts nicht und stemmen sich mit Unterstützung der Anti-Aging-Industrie gegen den Verfall. Aber mit welchem Erfolg? Zum Schluss siegt doch die Natur.

Wer glaubt, im Leben etwas versäumt zu haben, setzt oft noch zu einer verzweifelten Aufholjagd an. Vor allem Männer versuchen, mithilfe der Pharmakologie die sexuelle Potenz bis ins hohe Alter zu erhalten. Aber der Verlust der Lust lässt sich auch mit Medikamenten nicht aufhalten. Aus evolutionärer Sicht hat die Urkraft Sexualität nach Erlöschen der Fortpflanzungsfähigkeit ihre Funktion verloren. Menschen, die sich auch mit dieser letzten Kastration, die ihnen das Leben zumutet, abfinden, werden ihren Lebensabend friedvoller und in größerer Würde beschließen.

Wie wichtig die Anerkennung der eigenen Begrenztheit und die Aufgabe von infantilen Größenvorstellungen gerade im Bereich der Sexualität sind, können wir in unseren Praxen und im ifat¹ immer wieder feststellen. Seit über 30 Jahren behandeln wir in diesem Institut auch Frauen und Männer, deren seelische Probleme auf ungelöste Triebkonflikte zurückgehen. Die zahlreichen Fallgeschichten im Buch sind unserem psychotherapeutischen Alltag entnommen. Selbstverständlich haben wir die Identität dieser Personen durch Änderung des Namens, des Berufes und einiger Details so geschützt, dass ein Wiedererkennen unmöglich ist.

Im Gegensatz zu anderen Büchern zu diesem Thema haben wir versucht, die Urkraft Sexualität und ihre Auswirkungen auf die Umwelt aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Während Dr. Gerti Senger die weibliche Sexualität aus der Sicht der Frau darstellt, analysiert Dr. Walter Hoffmann die männliche Sexualität aus der Perspektive des Mannes.

Wien, im Februar 2012

Gerti Senger, Walter Hoffmann

Die

weibliche

Perspektive

Gerti Senger

Walter Hoffmann

Die Macht der Anziehung

Da steht er – ein Mann mit einer Erektion. Wie ein Denkmal der Lust ragt der erigierte Penis in die Luft. Fleisch gewordene, sexuelle Kraft. Daneben eine Frau. Verborgen hinter einem dunklen oder hellen Vlies, ruht ihr Geschlecht in sich. Ihre sexuelle Kraft sticht nicht ins Auge. Dennoch gibt es sie. Ihre unsichtbare, magische Wirkung befiehlt sogar über den strammen Phallus …

Wissenschaftler aller Fächer arbeiten sich seit Jahrzehnten an der Frage ab, was den Menschen eigentlich antreibt. Durch die vielfältigen Ergebnisse zieht sich eine grundlegende Antwort: Die sexuelle Kraft ist die elementarste Triebkraft des Menschen. So erhabene Phänomene wie Verliebtheit, sexueller Genuss oder Anziehungskraft sind nichts anderes als Tricks der Natur, die im Laufe der Evolution entstanden sind.

In der Physik wurde die Gravitation, die »Anziehungskraft« zugunsten der stärkeren Kräfte – zum Beispiel starke und schwache der Kernkraft und des Elektromagnetismus –, lange Zeit vernachlässigt. Trotzdem hat die Anziehungskraft die stärkste Wirkung. Immerhin verdankt ihr unser Universum seinen Zusammenhalt. Womöglich wird die Anziehungskraft irgendwann einmal sogar für dessen Ende verantwortlich sein.

Nicht nur die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der Wirkmacht der physikalischen Kräfte, auch die sexuellen Kräfte von Frau und Mann werden falsch eingeschätzt.

Der impulsiven, drängenden sexuellen Kraft des Mannes steht die anziehende, aufnehmende Kraft der Frau gegenüber. Wie in der Physik ist diese Kraft auch in der Sexualität vermeintlich die schwächere. Tatsächlich ist die sexuelle Kraft der Frau gewaltig in ihren Auswirkungen. Wie den »schwarzen Löchern« des Weltalls entkommt ihr nichts, was einmal in ihren Anziehungsbereich geraten ist. Die Weltliteratur ist voll von Beispielen, in welche Abgründe Männer stürzen, wenn ihr Begehren nach einer Frau unerfüllt bleibt, oder zu welchen Höhen sie aufsteigen, um es doch zu entfachen oder wenn ihr Verlangen gestillt wird.

Lilian Rotter, eine Psychoanalytikerin aus der Schule Sándor Ferenczis, sprach schon 1932 von einer »magischen Macht«, die Frauen auf Männer ausüben: Frauen können allein durch ihr »da sein« den Penis eines Mannes bewegen. Was der Mann selbst vielleicht nicht vermag, nämlich sein Geschlechtsteil anschwellen zu lassen, schafft die Frau durch einen Blick oder eine Geste. Obwohl der Penis zum Körper des Mannes gehört, fällt die Frau einen Urteilsspruch über ihn – »Stehen oder Nichtstehen«. Sie muss nicht einmal persönlich anwesend sein. Oft genügt die Fantasie über eine Frau und schon reagiert das »beste Stück« des Mannes.

Bereits kleine Mädchen spüren, dass sie diese magische Macht besitzen. Die süße Prinzessin an Papas Hand, die Schülerin neben dem gleichaltrigen Klassenkameraden, das Lehrmädchen gegenüber seinem Vorgesetzten – sie alle ahnen oder wissen: Das Leuchten der Augen dieses Mannes, sein lauteres Sprechen, sein Lachen und seine Erektion habe ich bewirkt.

Diese unheimliche Verführungsmacht der Frau taucht in Märchen und Mythen immer wieder auf. Nixen, Feen, Hexen, Sirenen und dämonische Weiber symbolisieren die sexuelle Kraft der Frau.

Vielleicht denken Sie jetzt, dass die sexuelle Kraft der Frau nur ihre Schönheit sei. Natürlich ist das Äußere einer Frau für ihr Selbstwertgefühl und ihre Wirkung auf andere nicht unwesentlich. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Frauen im Gegensatz zu Männern eben kein sichtbares Lustorgan haben, das sie in der psychosexuellen Entwicklung narzisstisch besetzen können. Die narzisstische Selbstbestätigung der Frau bezieht sich daher auf den Körper als Gesamtes und auf den Reiz, der von ihm ausgeht.

Trotzdem lässt sich die sexuelle Kraft der Frau nicht auf ein gefälliges Äußeres reduzieren.

Viele »schöne« Frauen haben auf Männer keine oder nur eine kurzfristige, ästhetische Wirkung, wie die einer Statue, weil sie selbst Angst vor ihrer weiblichen elementaren Macht haben. Eine Frau, die mit ihrer inneren Kraft in Einklang steht, hat auch jenes »gewisse Etwas«, das Männer seit eh und je in ihren Bann zieht. Egal, ob die betreffende Frau einige Kilo Übergewicht, Cellulite an den Oberschenkeln, Falten oder einen erschlafften Busen hat. Sobald eine Frau ihre sexuelle Kraft nicht blockiert, gerät ein Mann in ihren Sog.

Eros in der Bibel

Diese weibliche Urkraft wird schon in der Bibel beschrieben. Vermutlich wissen Sie, dass die Bibel das meistverkaufte und am häufigsten übersetzte Buch ist. Sie wissen auch, dass man die Geschichte des Lebens Jesu und des Volkes Israel in rund 2300 Sprachen lesen kann und dass die unzähligen Schriften über einen Zeitraum von ungefähr tausend Jahren entstanden.

Weniger bewusst ist, dass die mehr als 30.000 Verse und fast 1200 Kapitel genug Stoff bieten würden, um Dauerserien vom Kaliber »Sex and the City« mit Drehbüchern zu versorgen. Die Bibel beginnt mit dem erotischen Bild, dass zwei Menschen nackt voreinander stehen, und sie hält, was dieses Bild neben seiner seelisch-geistigen Botschaft verspricht.

Das Buch der Bücher birgt nicht nur Historie und die großen Fragen der Menschheit. Liebe, Treue, Begehren, Verführung, Gewalt, Lüge, Verrat, Sex – in der Bibel erfahren Sie, was Sie immer schon über die Urkraft des Sex wissen wollten.

König Salomons »Hohelied der Liebe« ersetzt jeden Liebesratgeber, so manche Bibelerzählung enthält geläufige Weisheiten. Bibelfeste Menschen wissen, dass geflügelte Worte wie »Alles hat seine Zeit« (Pred. 3,1–8), »Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« (Spr. 26,27) oder »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach« (Mk. 14,38) auf Bibelstellen zurückgehen. Die Erzählungen sind zwar sperrig zu lesen und ihre Bedeutung ist nicht auf Anhieb zu erfassen, aber lässt man sich auf die Geschichten ein, können sie noch heute souveräne, gültige Lebenshilfen sein.

In der Geschichte von Samson und Delila wird von einem unbezwingbaren Mann erzählt, der letztlich doch bei einer Frau schwach und von ihr – symbolisch – kastriert wird. Samson verrät der schönen Delila, dass das Geheimnis seiner Kraft sein ungeschorenes Haar sei. Während er schläft, lässt ihm Delila kaltblütig die Locken schneiden und raubt ihm damit auch seine Kraft.

Ein besonders beliebtes Thema in der abendländischen Kunstgeschichte ist die Erzählung von der Enthauptung des kriegerischen Holofernes durch die wortgewandte Judith. Das Buch Judith (Jdt. 8, 7–8) schildert eine beherzte, pazifistische Frau, die »eine schöne Gestalt und ein blühendes Aussehen hatte«. Prächtig herausgeputzt und redegewandt, begeisterte Judith den mordlustigen Heerführer Holofernes. Seine Verführbarkeit durch Erotik und Alkohol bezahlte er mit seinem Leben. Botticelli, Rubens, Caravaggio und Klimt verewigten die Geschichte, in der Judith eigenhändig einem gewalttätigen Oberbefehlshaber mit seinem eigenen Schwert den Kopf abschlägt, um dem mörderischen Krieg ein Ende zu machen.

Die Story der Königin von Saba, die für Monate ihr Reich verließ, um den weisen und mächtigen König Salomon aufzusuchen, wurde vielfältig ausgelegt. Die Königin reiste mit einem großen Trupp aus dem fernen Jemen an und legte Salomon angeblich »120 Zentner Gold und sehr viele Spezereien zu Füßen«. Eine besonders pikante Deutung besteht darin, dass die Herrscherin nur von einem »großen« Mann vom Kaliber Salomons einen Sohn empfangen wollte. Von Salomon wiederum wird berichtet, dass er den Boden seines Thronsaales mit Metallspiegeln auslegen ließ, um einen Blick unter die Röcke der Königin werfen zu können.

Die Lust am – verbotenen – Schauen spielt in den biblischen Geschichten immer wieder eine große Rolle. Nach Daniel 13, 1–64, lebte in Babylon ein reicher Mann, der mit der schönen und frommen Susanna verheiratet war. Zwei alte angesehene Richter begehrten Susanna und lauerten ihr auf, als sie im Garten ein Bad nehmen wollte: »Da regte sich in ihnen die Begierde nach ihr. Ihre Gedanken gerieten auf Abwege und ihre Augen gingen in die Irre.«

Die beiden Männer wollten von Susanna mit der Drohung, sie würden ihr einen Ehebruch mit einem jungen Mann unterstellen, Sex erpressen. Als Susanna gellend schrie, brüllten die Männer ebenfalls. Dann behaupteten sie, Susanna direkt beim Ehebruch ertappt zu haben. Durch die getrennte Befragung der Männer – einer gab eine Eiche, der andere eine Zeder als Tatort an – kam Susanna frei und die Richter wurden getötet. Der Vorfall ging als Beispiel für getrennte Zeugenbefragung in die Kriminalgeschichte ein.

Bibelgeschichten wurden über mehrere Generationen nur mündlich weitergegeben, entsprechend oft verändert und umgedichtet. Auch wenn vieles nur Spekulation ist, steht die erotische Urkraft der Frau außer Frage.

Unter anderem besteht die Wirkung der weiblichen Anziehungskraft auch darin, dass eine Frau selbst dann noch den Ursprung und Quell des Lebens verkörpert, wenn die Jahre der Jugend vorbei sind. Immer vorausgesetzt, dass sie liebevoll mit ihrem Äußeren umgeht, wird sie auch mit siebzig noch als Frau wahrgenommen und in einer Einheit mit sich und dem anderen Geschlecht leben.

Es ist kein Zufall, dass männerbündlerische Organisationen nichts unversucht lassen, um diese weibliche Urkraft zu vernichten. Paradoxerweise wird die Kastration der sexuellen Kraft der Frau nicht nur von frauenfeindlichen Männern betrieben, sondern auch von der – Gott sei Dank nicht mehr überaktiven – radikal-feministischen Szene. Kurz geschorene Haare, lange Zeit ein Wiedererkennungszeichen dieser Szene, sind nicht nur ein modischer Akzent, sie sind auch ein unübersehbares Zeichen für die Kastration der Frau als sexuelles Wesen. Mit dieser Kastration sollte auch der Mann in seinem sexuellen Begehren getroffen werden.

Frauen mit glatt rasiertem Schädel, abgefuckter Kleidung und klobigen Schnürschuhen signalisieren ziemlich deutlich, dass sie auf eine Resonanz beim anderen Geschlecht keinen Wert legen. Auch die Frauen, die nur »um ihrer selbst willen« geliebt werden wollen und sich mit ungepflegten Zähnen und fetten Haarzotteln präsentieren, verkörpern ihre Abwehr gegenüber der eigenen und der sexuellen Kraft des Mannes.

Man könnte sogar sagen, dass der unbewusste Wunsch, den Mann auf diese Weise zu kastrieren, letztlich zur Selbstkastration der Frau führt. Sie zerstört ihre sexuelle Anziehungskraft und nicht Fisch, nicht Fleisch, sieht sie nicht mehr aus wie eine Frau, aber sie ist auch kein Mann. Auch wenn sie keinen Penis bewegt, wird sie selbst nie einen haben.

Es lebe der kleine Unterschied

Der Wunsch nach Geschlechtsneutralität treibt seltsame Blüten. In der Aufbruchsstimmung der Siebzigerjahre bemühte man sich in Kinderläden und progressiven Familien vergeblich um eine geschlechtsneutrale Erziehung. Doch die Aggressivität der Buben, eines der hervorstechendsten Stereotype, wurde sogar noch augenfälliger. Und die Mädchen, die mit Werkzeugkästen zwangsbeglückt wurden, beharrten auf Puppen.

Bis dato missglückten alle Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung. Ein australisches Elternpaar probierte es jetzt wieder. Ihr Kind soll unbeeinflusst entscheiden: Will ich ein Bub sein? Oder ein Mädchen?

Das Baby ist süß. Große Augen, pausbäckig, volle Lippen. Ein Säugling wie jeder andere und doch nicht wie jeder andere. Nur Mutter, Vater, die beiden Brüder, ein Familienfreund und die Hebamme wissen, ob das Baby ein Bub oder ein Mädchen ist. Die Eltern, Kathy und David, beide Ende dreißig, geben ihrem Kind einen geschlechtsneutralen Namen: »Storm«. Weder ein Mädchen- noch ein Buben-Name, weder rosa noch hellblaue Kleidung, weder geschlechtstypisches Spielzeug noch eine geschlechtstypische Umgangsweise sollen das Kind beeinflussen, welches Geschlecht es eines Tages haben will. Durch eine geschlechtsneutrale Erziehung soll Storm die freie Wahl haben: Will ich ein Bub sein? Oder ein Mädchen?

Die von Kathy und David beabsichtigte geschlechtsneutrale Erziehung mag ja gut gemeint sein. Die Geschlechterrollendarstellung war lange Zeit diskriminierend für Frauen. Schon in Bilderbüchern wurden Kindern quasi unter der Hand Geschlechterrollenbilder geboten, in denen der Weiblichkeitsbegriff auf Verfügbarkeit und Anpassung reduziert war und männliche Aktivität hochgejubelt wurde. Aber Storms Eltern dürften weder die positiven emanzipatorischen Veränderungen noch die bisherigen missglückten Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung wahrgenommen haben. Ihr Erziehungsexperiment ist mehr als fraglich, denn heute weiß man, dass das Bewusstsein, ein Geschlechtswesen zu sein, zu einer gelingenden psychosexuellen Entwicklung dazugehört.

Die neuen Ergebnisse der Verhaltensbobachtung lassen endgültig vermuten, dass »der kleine Unterschied« biologisch verankert ist. Zum Beispiel wurden Buben Barbie-Puppen und gleichaltrigen Mädchen Bagger zum Spielen gegeben. Die Buben verbogen die Barbies zu Waffen, die Mädchen teilten die Bagger in Papa-, Mama- und Baby-Bagger ein und gaben ihnen Namen.

Kinder sind nicht geschlechtsneutral. Sie haben schon Ende des ersten Lebensjahres erste Vorstellungen davon, dass es Frau und Mann gibt. Im Laufe der ersten beiden Jahre nimmt ein Kind seine Geschlechtsrolle an, indem es sich an Vorgegebenem – unser Alltag und unser Verhalten gegenüber gleich- und andersgeschlechtlichen Menschen – orientiert. Jedes Kind muss die für das Leben notwendige Verhaltenssicherheit erlernen. Zur Orientierung hat es zwei Bezugssysteme: die Übernahme alterstypischer Rollen und eben das Einleben in die Geschlechtsrolle, das durch unbewusste tägliche Ereignisse geprägt wird.

Die Feministin Marianne Grabrucker hielt in einem Tagebuch

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