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Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel

Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel

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Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel

Bewertungen:
3/5 (1 Bewertung)
Länge:
238 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 30, 2013
ISBN:
9783905801996
Format:
Buch

Beschreibung

Andri Perl gelingt mit seinem Roman ein beeindruckendes Debüt. Sprachgewandt und geistreich wie selten ein junger Autor erzählt er die fein verwobene Geschichte von zwei Reisenden verschiedener Generationen. "Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel" ist eine Geschichte über Selbstfindung und Erwachsenwerden Mitte des letzten und am Anfang dieses Jahrhunderts.

Fast sechzig Jahre nach dem Verschwinden seines Großonkels Lorenz Steiner reist Christoph Roth vom Engadin aus in den Süden. Er folgt den geheimnisvollen Gedichten, die Steiner aus Italien und Frankreich gesandt hat, jedes mit einem Städtenamen als Titel: Meran, Venedig, Marseille, Dijon. Steiner ist damals mit seinem italienischen Freund Biancardi aus Chur abgehauen, ohne Abschluss, Europa lag noch in Trümmern. Egal, Hauptsache weg. Christoph Roth, eben mit dem Studium fertig geworden, mit etwas Geld und ohne Zukunftspläne, beschäftigt sich damit, seine selbstauferlegten Reiseregeln zu befolgen: kein Handy, früh aus den Federn, gutes Essen, hübsche Frauen ansprechen und, als fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel, den Gedichten folgen. Je weiter er kommt, desto mehr stellt sich ihm allerdings die Frage, weshalb er diese Reise tätigen zu müssen glaubt und ob er wirklich das Geheimnis der Gedichte lüften will.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 30, 2013
ISBN:
9783905801996
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel - Andri Perl

Impressum

Erstes Kapitel

Jemand hat sich töten lassen, die Bahn steht still im Engadin. Sie steht halb in der Morgensonne, die den ersten echten Sommertag dieses so wichtigen Sommers ankündigt, halb steht sie in der Galerie, die sie vor Steinschlag und Staublawinen, nicht aber vor Sterbewilligen schützt. Ja, mit dem Schutz verhält es sich hier gegenteilig, da Lebensmüde sich hinter den mächtigen Betonpfeilern verbergen können und dann, wenn die Lokomotive unmöglich noch bremsen … Da steht die Bahn, ich sitze drin.

Nach undeutlich knackendem Deutsch rauschen im Lautsprecher über der selbstöffnenden Schiebetür eine rätoromanische sowie der Versuch einer englischen Entschuldigung. Neugierige drücken ihre betroffene Miene ans Fenster und sehen doch nur Bäume, also Lärchen, den Fluss, also den Inn, oder weiter hinten bergwärts die graue Wand der Galerie. Vielleicht ein Dutzend Leute, vielleicht auch ein paar mehr, fahren – jetzt nicht mehr – im selben Waggon wie ich.

Gegenüber tippen kräftige, kurze Arbeiterfinger einen ungeduldigen Takt auf die Armlehne. Der Finger Verfärbungen passen gut zum vergilbten Schnurrbart im entsprechenden Gesicht und lassen im Mann, der sein gräuliches Haar trägt, wie er es vermutlich vor fünfundzwanzig Jahren schwarz getragen hat, einen starken Raucher erraten. Die andere, gemütlich das Gemächt zurechtrückende Hand deutet auf ein eigentlich gemächliches Gemüt, doch gilt seit einem halben Jahr in allen Schweizer Bahnen allgemeines Rauchverbot.

Nebenan spielt eine Familie, Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Stadt-Land-Fluss, Stadt mit C. Andere verkürzen sich die Wartezeit mit Lesen, während sich in meinem Rücken schwäbische Rentner pietätvoll über Wetter und Landschaft unterhalten.

Ich warte nur, lese nicht, unterhalte mich nicht; auf jeden Fall unterhalte ich mich nicht mit anderen Fahrgästen. Der Kettenraucher, was er mit Sicherheit ist, wird die nächste Gelegenheit dazu nutzen, etwas Unpassendes über Selbstmord zu sagen – ich versuche mich dösend zu stellen, linse aus den Augenwinkeln. Vernehmbares Ausatmen gegenüber. Zugestiegen ist er ebenfalls in Lavin, dem hübschen, geradezu beschaulichen Dorf, wo ich die letzte Nacht verbrachte. Schon möglich, dass sich ab und an ein Laviner aus schierer Langeweile aufs Geleise legt. Der Raucher räuspert sich bedrohlich.

Das Mädchen räusperte sich ein zweites Mal und blickte schüchtern nach ihrem Vater und Vorgesetzten, der eben in der Küche verschwand. Vorsichtig beugte sie sich über das Gedeck, um naserümpfend, kaum hörbar zu flüstern, dass er nicht gut sei. Ein erneuter Blick zur Küche versicherte sie, unbeobachtet gesprochen zu haben. Der Hauswein: Er schmecke wirklich nicht, sie werde mir besseren bringen, sollte ich ihr vertrauen. Gehorsamst ließ ich mir servieren. Die Bedienung im Restaurant am Dorfplatz war das mit Abstand Aufregendste an meinem Aufenthalt in Lavin: blutjung, brandschwarze Locken, verlockende Blicke. Womöglich hat sich ja ein liebeskranker Verehrer vor den Zug … Hustenanfall gegenüber.

Der Morgen brachte nur Mühsal mit sich. Ich hatte vorgehabt, mich in der Wonne meiner neuen Unabhängigkeit suhlend, genüsslich zu frühstücken, stellte den alten Wecker auf sieben, der alte Wecker, denn Mobiltelefonie verbiete ich mir auf meiner Reise, weckte mich um sieben, ich schlief, mich in meiner neuen Unabhängigkeit suhlend, weiter. Für eine Dusche hätte es dennoch gereicht, hätte entweder ich mein Duschgel nicht vergessen oder jemand anderes den hoteleigenen Duschgelspender nachgefüllt. Hatte ich aber und hatte aber niemand. Die Zeit drängte, wollte ich die mir in meiner neuen Unabhängigkeit selbst auferlegten, strikten Reiseregeln nicht schon am zweiten Tag meiner Reise in diesen so wichtigen Sommer brechen. Eine lautet: Nehme dein Mobiltelefon nicht mit auf deine Reise! Eine andere lautet: Wenn du weiterreisen möchtest, reise früh, ja, reise sogar vor neun Uhr! Freundlich checkte ich aus, ohne ein Wort über den Duschgelspender zu verlieren.

Ohne Duschgel verließ ich das Hotel – nicht dasjenige am Dorfplatz, in dessen Restaurant ich so aufregend bedient worden war, nein, dort hatte ich bloß zu Abend gegessen, genächtigt hatte ich im Hotel an der alten Straße. Spare am Logis, nicht an der Kost! Ohne Frühstück eilte ich am, wie mich der Wirt vom Hotel/Restaurant am Dorfplatz informiert hatte, seit der jüngst erfolgten Renovation mit einer ökologisch nachhaltigen Holzpelletheizung heizenden Gemeindezentrum vorbei zum Bahnhof, um dort vor der Abfahrt wenigstens Konservengebäck aus dem Snackautomaten als Reiseverköstigung und die Bahn in zwei Minuten und das Kleingeld hervorgekramt und die Sesam-Hawaii-Schnitte verhakte sich in der Metallspirale des Automaten. Die Bahn fuhr ein und alles Treten und Fluchen, alles Flehen und Rütteln half nicht weiter und ohne Duschgel und ohne Frühstück hievte ich mich in einen der roten Wagen und das war ärgerlich, aber sollte ja nicht die schlimmste Niederlage im heutigen Kampf Mensch gegen Maschine bleiben. Der Raucher tippt schneller, die Bahn steht still.

Die Familie wertet die Spielrunde Stadt mit C aus, während welcher niemand Chur genannt hat, obschon es fettgedruckt auf der im schmalen Tischbrett am Fenster eingelassenen Kantonskarte zu lesen wäre. Man diskutiert mit Eifer, verteilt die Punkte, danach Land mit W, wobei ich insgeheim mitgrüble. Mit einem Mal herrscht fast vollkommene Stille: Den Rentnern fehlt ein vernünftiger Anknüpfungspunkt in ihrer pietätvollen Unterhaltung über Wetter und Landschaft, der Rest liest oder trauert Westdeutschland nach. In dieser fast vollkommenen Stille bemerkt der Raucher sein eigenes Tippen. Er hält inne: Totenstille …

Ich mag die Stille. Ich mochte Großmutter und mag die Erinnerung an sie. Ich mag die Erinnerung an die Abende im Spätherbst, an denen ich, schon beinahe kein Kind mehr, durch unser Quartier strich, sie am anderen Ende der Straße zu besuchen, sie und die große Bücherwand im viel zu großen Wohnzimmer. So lag ich, weil es draußen zu kalt war für Fußball, weil ich mich zu Hause mit den Brüdern gestritten hatte oder weil ich den Blockflötenunterricht schwänzte, bei Großmutter auf dem altgedienten, roten Perser und las in der behaglichsten Stille, die man sich vorstellen kann, Abenteuerromane, von denen ich nie wirklich wusste, wie sehr sie mir in meinem Alter noch gefallen durften.

Gelangweilt zog ich manchmal auf dem Weg zu Großmutter mit den platten Reifen meines geliebten Damenrads Linien in den ansetzenden Neuschnee, welche trotz ihrer musterhaften Regelmäßigkeit schon fünf Minuten später nicht mehr erkennbar waren im rosa gedimmten Licht der Kandelaber. Wütend trat ich manchmal auf dem Weg zu Großmutter gegen ebenjene Straßenleuchten, gegen jede Straßenleuchte, die mir begegnete. Nach einer dunklen Minute begannen sie flimmernd weiterzuscheinen. Übermütig, traurig, stolz, erschöpft und aufgeregt. Einerlei in welcher Stimmung ich auf dem Weg zu Großmutter an den würdevollen Bürgerhäusern mit ihren hohen Giebeln und verwilderten Gärten vorbeikam, auf dem altgedienten Perser empfand ich immer dieselbe behaglichste Stille, die man sich vorstellen kann, die man sich aber auf keinen Fall bloß akustisch vorstellen darf.

Obschon zwischen Bahndamm und Hauptstraße gelegen, ist das Quartier meiner Kindheit und Jugend auch heute noch ausgesprochen ruhig. Die üppig belaubten, teilweise hohen Bäume seiner verwilderten Gärten – teilweise überragen sie sogar die hohen Giebel seiner würdevollen Bürgerhäuser – schlucken seinen Straßenlärm und sein Kindergeschrei; das wiederkehrende Brausen der Eisenbahn kann höchstens als Grundton einer geschäftigen, aber weit entfernten Außenwelt gelten. Dennoch unterschied sich die Ruhe des Quartiers auf dem Weg zu Großmutter ungemein von der behaglichsten Stille, die man sich vorstellen kann, auf ihrem altgedienten Perser. Der Ruhe des Quartiers fehlten nämlich die entscheidenden Elemente der benannten Stille in Großmutters viel zu großem Wohnzimmer: die tickenden Pendellaute einer nusshölzernen Wanduhr, der Duft einer Tasse Schwarztee und Großmutter.

Ich mochte diese Stunden der Stille und mag die Erinnerung an sie, an sie und an Großmutter, wie sie vertieft in eine Patience oder die Lektüre von Büchern ohne Umschlag und Umsatz am runden Stubentisch saß, auf dessen Schieferplatte eine Familiengeschichte aus Klecksen, Ritzen und Brandmalen geschrieben stand. Der Tisch, auf dem da geschrieben stand, stand schon lange da: Seit ihrer Heirat wohnte Großmutter im selben würdevollen Bürgerhaus dieses ruhigen Quartiers. Und als mein Vater Vater wurde, zog es ihn auch wieder zurück, zog er von der weit entfernten Außenwelt zurück in seine alte Nachbarschaft, seine Söhne großzuziehen.

Die Tochter will nicht weiterspielen. Sie kennt kein Land mit W, auch nicht Wales, womit ihr Bruder letztlich punktet, obgleich der Vater mit dem United Kingdom argumentiert, denn eigentlich zählen nur wirklich unabhängige Staaten. Das war so abgemacht. Nachdem sich der Raucher Hustenbonbons aus der Brusttasche geklaubt hat, dauert es nicht lange, bis er von Neuem, lutschend nun, zu tippen anfängt. In meinem Rücken unterhalten sich die Rentner pietätvoll über Essen und Komfort, die fast vollkommene Stille findet ihr Ende.

Über den Fenstern hängen Gepäcknetze, im Gepäcknetz über mir hängt mein kleiner Rollkoffer, eigens für meine Reise in diesen so wichtigen Sommer gekauft. In einem Seitenfach meines kleinen Rollkoffers habe ich gestern eine Zeitschrift verstaut, die ich bald aus dem Seitenfach hervorholen, vor mich hinhalten, lesen oder wenigstens zu lesen vortäuschen werde. Es kostet zu viel Anstrengung, sich in diesen Sitzen dösend zu stellen, und wirkt nicht lebensecht: Auf solchen Folterbänken kann kein Mensch schlafen. Ich linse aus den Augenwinkeln, die Bahn bewegt sich keinen Meter.

An klaren Novemberabenden wandert die Sonne bei uns tief ins Vorderrheintal, wo sie langsam verglimmt, in Farben, die besser niemand zu beschreiben versucht. Diese Novemberabende sind von derartiger Klarheit, dass der Himmel über meiner Stadt und meinem ausgesprochen ruhigen Quartier in seiner räumlichen Tiefe erfassbar scheint. Ich mochte und mag diese klaren Novemberabende der räumlichen Tiefe sehr. Ich mochte sie sehr, als ich, beinahe kein Kind mehr, durch unser Quartier strich, am anderen Ende der Straße Großmutter und die große Bücherwand zu besuchen, und als ich, beinahe erwachsen, dieses eine bestimmte Mal zu Großmutter wollte, mochte ich die Abende genauso, mitsamt ihrer atemberaubend trockenen Kälte. Nur mehr pflegen wollte sie sich lassen, heilen nicht noch einmal …

Ohne Klingeln und Klopfen ging ich dieses eine bestimmte Mal wie so viele Male ein. Zwar verfügte die schwere Porte, welche Großmutter nie verriegelte, so sie denn zugegen war, sowohl über eine Glocke, noch per Handzug am vor Handzügen fettigen Strick zu bedienen, als auch über einen gusseisernen Türklopfer. Erstere wurde aber nur von Fremden benutzt, letzterer nur von Vater; er wurde dieser Wochen häufig benutzt. Wie so viele Male ging ich ein und fragte ein Hallo.

Nur mehr Linderung … Großmutter hielt Ausblick in ihren verwilderten Garten, glücklich, zu Hause zu sein. Vater saß schweigend neben einem von medizinischem Gerät gerahmten Liegesofa, welches er und eine Pflegerin an die Fensterfront neben der großen Bücherwand geschoben hatten. Der Infusionsständer war zwei Wochen vor Advent mit Strohengeln behangen. Morgens und nachmittags verbrachte Großmutter die wachen Stunden in ihrem viel zu großen Wohnzimmer, das sich das Rez-de-Chaussée einzig mit der Küche zu teilen hatte; davor führte eine Pflegerin sie vorsichtig aus dem Schlafraum nach unten, danach wieder hoch.

Weil Großmutter morgens und nachmittags in ihrem viel zu großen Wohnzimmer eigentliche Audienzen gab, standen Stühle vor dem Liegesofa. Auf diesen Stühlen saßen dann alte Freundinnen, Nachbarskinder, alle Grade von Verwandten, manchmal sogar jemand, den die Regierung geschickt hatte. Auch die diensthabende Pflegerin, meine Brüder und ich, Vater und meine pflichtbewusste Mutter saßen dann auf diesen Stühlen.

Doch eines bestimmten klaren Novemberabends an einem Wochenende (sonst wäre ich in Zürich gewesen) saßen da, nachdem ich mich dazugesetzt hatte, nur Vater und ich, warteten auf die Nachtpflegerin und sprachen mit Großmutter leise, aber bedeutungsvoll vom verwilderten Garten ihres hochgieblig würdevollen Bürgerhauses. Vater sprach von seinen Schülern. Ich sprach vom Studium, von diesem und jenem, ich weiß nicht, von was allem ich sprach, ich weiß nur, dass ich leise, aber bedeutungsvoll sprach. Denn man spricht leise, aber bedeutungsvoll, auch von Belanglosem, wenn man mit seiner sterbenskranken Großmutter spricht. Es sollte unser letztes Gespräch gewesen sein.

Ein würdevoller Tod in einem würdevollen Bürgerhaus. Mehr als zwei Jahre sind heute Vergangenheit, seit Großmutter am Donnerstag nach unserem letzten Gespräch in einem Alter von uns ging, das einst ohne Begründung zu gehen erlaubt hätte. Vater und die Ärzte jedoch meinten Zigaretten. Ich mochte Großmutter, mag die Erinnerung an sie, und ungeachtet ihres damaligen Todes, oder gerade deshalb, ist Großmutter gestalt ihrer Hinterlassenschaft Bedingung und mit ein Grund meiner Reise in diesen so wichtigen Sommer: Bedingung wegen des Geldes, mit ein Grund wegen Lorenz’ Gedichten. Vielleicht komme ich irgendwann nach Italien, die Bahn steht still im Engadin.

Die Schulter spannt, die Zeitschrift muss her. Die Schulter spannt, ich spanne aus den Augenwinkeln nach gegenüber. Wenn ich gleich aufstehen, mich nach dem Gepäcknetz über mir recken, aus dem Seitenfach meines darin hängenden kleinen Rollkoffers jene Zeitschrift hervorholen werde, die ich dort gestern verstaut habe, biete ich dem Kettenraucher, was er mit Sicherheit ist, natürlich die Gelegenheit, tippend und lutschend etwas Unpassendes über Selbstmord zu sagen. Jetzt wird er abgekratzt …

Dennoch stehe ich auf. Bevor ich mich wieder zu setzen, die Zeitschrift vor mich hinzuhalten, sie zu lesen oder wenigstens zu lesen vorzutäuschen vermag, regt sich der Raucher. Wieder fummelt er in seiner Brusttasche, rückt einen Kugelschreiber und eine Packung Filterlose zurecht, schaut auf seine original Schweizer Plastikuhr und richtet sich zuletzt feierlich an die Allgemeinheit der Fahrgäste, besonders aber an mich:

»Ich glaub, das schaffe ich eh nicht mehr.«

»Hm.«

»Ich bin so schon wieder eine Stunde zu spät, die anderen warten bis halb.«

»So?«

»Wir müssen heute noch mindestens bis zur Passhöhe machen.«

»?«

»Schäden vom Unwetter letztes Jahr. Wissen Sie, ich bin seit achtundsiebzig beim Forstamt und bin fast nie zu spät gekommen, und wenn ich einmal verschlafe … Sie sind einfach ohne mich gegangen vor zwei Wochen. Und jetzt schon wieder, ich habe angerufen, aber sie werden nicht noch länger warten, aber … Aber ist halt klar, wir sind knapp mit der Zeit.«

Geistesabwesend, aber verständnisvoll nicke ich, auch ich komme noch zu spät. Dass mein Gegenüber beim Forstamt arbeitet, beunruhigt mich allerdings ein wenig, der nächste Waldbrand wird mich daran erinnern.

Die selbstöffnende Schiebetür öffnet sich selbst: Ein tritt die Zugbegleitung, die Gespräche brechen ab. Sie bittet, die Fahrscheine vorzuweisen, und sieht fast noch besser aus als die aufregende Bedienung im Restaurant von gestern Abend, denn die Bahn beschäftigt seit einiger Zeit gerne junge, attraktive Frauen als Zugbegleitungen – nicht nur im Zuge der Gleichberechtigung … Trotz des Unglücks informiert sie Neugierige und Ungeduldige gefasst und freundlich, sagt jedem, der es wissen muss, dass die Anschlüsse leider nicht gewährleistet seien, sich die Reise aber in Kürze fortsetze.

Als sie mein Abonnement prüft, meine ich, sie prüfe es sehr sorgfältig, bilde ich mir ein, sie prüfe es deswegen sehr sorgfältig, weil sie vielleicht meinen Namen nicht vergessen möchte. Kann sein, wäre schön, kann freilich auch wegen der Fotografie sein, die betrunkene Freunde auf der Abschlussfeier mit anrüchigen Details, wirklich winzigen, kaum sichtbaren, geschmückt haben. Fast kommentarlos reicht sie es mir zurück, ein knappes Okay, das mich ob der vierten mir in meiner neuen Unabhängigkeit selbst auferlegten Reiseregel verunsichert, einer Regel, die ich doch gestern mit Bravour einhielt: Sprich jeden Tag mit einer hübschen Frau!

»Roth … Roth … Sie sind aber nicht per Zufall verwandt mit dem Hans-Martin Roth?«

»Nein, weshalb?«

Die leserliche Unterschrift auf meiner Abonnementkarte, allem Anschein nach nicht nur von der Zugbegleitung sehr sorgfältig geprüft, hat dem Raucher meinen Namen entdeckt.

»Ach, nur so. Damals, ja … Aber sie kennen ihn schon, den Hans-Martin Roth?«

»Nein, tut mir leid.«

»Macht nichts, hab nur so gedacht.«

Hans-Martin Roth war von Mitte der Siebziger bis Anfang der Achtziger Mitglied der Kantonsregierung, bevor er, noch im Amt, unversehens an Herzversagen verstarb. Er war – er war wohl nie ganz zufrieden damit – Vorsteher jenes Departements, das auch das Forstamt samt dem Kettenraucher Filterloser mit einschloss. Roth war ein großer Freisinniger. Er war ein Mann mit Prinzipien, er war seinen Prinzipien treuer als seiner Gattin. Er war Doktor der Jurisprudenz und Oberst der Schweizer Armee, Kommandant eines Infanterieregiments. Er war angesehen

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