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Reise nach Gestern

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Reise nach Gestern

Länge:
371 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
2. Juni 2014
ISBN:
9783882214123
Format:
Buch

Beschreibung

Der Literat François Fejtő begibt sich 1934 auf die Reise von Ungarn nach Kroatien und erkundet die dalmatinische Küstenlandschaft. Fragend und forschend geht er auf den Spuren seiner Kindheit den Schicksalen seiner Vorfahren nach und setzt sich mit der Literatur und den politischen Strömungen des Landes auseinander. Indem er scheinbar nebensächliche Beobachtungen und Begebenheiten festhält, zeichnet der junge Schriftsteller ein treffendes Bild dieser Gesellschaft, die sich seit dem Ende der kaiserlich-königlichen Monarchie in massivem Wandel befindet.
1936 erschien das literarische Reisetagebuch erstmals in Ungarn; für die deutsche Ausgabe ergänzt die Herausgeberin Agnes Relle den Text mit zeitgenössischen Photographien, Kommentaren und Erinnerungen des Autors.
Die Reise nach Gestern erschließt Geheimnisse einer vergangenen Welt und lässt die bis heute andauernde Zerrissenheit Ost- und Mitteleuropas verständlicher werden.
Freigegeben:
2. Juni 2014
ISBN:
9783882214123
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Reise nach Gestern - François Fejtö

DANKSAGUNG

EIN LANGER WEG DURCH DIE WIRRNISSE DES 20. JAHRHUNDERTS

1934 begab sich der junge Journalist und Literat Ferenc Fejtő auf Reisen.

Seine Reiseimpressionen publizierte er unter dem Titel Zagreber Tagebuch in der damals richtungsweisenden literarischen Zeitschrift »Nyugat« (Westen), die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die zeitgenössische literarische, künstlerische und philosophische Entwicklung Westeuropas in Ungarn zu vermitteln.

Kurz darauf bat ihn László Dormándi, der Verleger von Sándor Márai, zu sich: »Er habe das Zagreber Tagebuch mit Vergnügen gelesen, doch – möglich, dass er sich irre, fügte er in seiner bescheidenen Art hinzu – er habe das Gefühl, dass dieser Artikel nur ein Kapitel eines ganzen Buches sei, das in mir darauf warte, geschrieben zu werden. Ob ich denn Lust hätte, dieses Buch zu veröffentlichen? Er würde es gerne zum nächsten ›Tag des Buches‹ herausgeben«, erinnert sich Ferenc Fejtő 1989, 53 Jahre später, im Vorwort zur Neuauflage seines ersten literarischen Werkes, das 1936 mit dem Titel Érzelmes utazás (Sentimentale Reise) pünktlich zum »Tag des Buches« erschienen war. Es war weit mehr als ein Reisetagebuch: Hier formulierte er seine Schlüsselerfahrungen, die seine weitere Laufbahn als Historiker und politischer Journalist prägen sollten.

»Sobald sich meine erste Überraschung gelegt hatte, überlegte ich kurz und sagte: Warum eigentlich nicht? Denn mir wurde klar, dass er wahrscheinlich Recht hatte. Die im Reisetagebuch angestoßenen Gedanken bedurften einer ausführlicheren Erörterung: der Reise nach Zagreb und Dalmatien, den Streifzügen durch die väterlichen und mütterlichen Erinnerungen musste eine zweite Reise folgen, auf der Suche nach meinem eigenen Ich, bei der ich meine eigenen Vorstellungen klärte, schließlich kreisten diese noch wirr, noch widersprüchlich in mir.

Dazu muss man natürlich wissen, dass ich erst kurz vor meiner Reise aus dem Gefängnis frei gekommen war, wo ich wegen meiner Teilnahme an der revolutionären Arbeiterbewegung fast ein Jahr verbracht hatte. Wenn man die üblichen Folterungen beim Polizeiverhör überstanden hatte, verlangte die Haft einem nicht mehr allzu viel ab, nur unter der Kälte litt ich, unter den Wanzen, und es war schwer, ohne Frau zu sein, sonst aber wurde ich human behandelt, ich durfte Zeitungen kommen lassen und ich hatte endlich Zeit, die Werke von Hegel und Marx zu lesen oder Englisch zu lernen. Nach dem langen Eingesperrtsein hatte ich ein unaussprechliches Bedürfnis nach Bewegung, sehnte mich nach den kleinen und großen Annehmlichkeiten des Lebens. Mir wurde auch klar, dass ich eher zum Schriftsteller, Kritiker oder Historiker geboren war, nicht zum Politiker und Helden. Die Freiheit hatte mich trunken gemacht und für einen Moment vergessen lassen, dass ich in einer Zeit, einem Land, einer Welt lebe, in der eine ganze Portion Leichtsinn, Egozentrismus, ja Frivolität nötig sind, um in Glücksgefühlen zu schwelgen. Als ich jetzt nach dreiundfünfzig Jahren mein Buch wieder las, war ich erstaunt, wie wenig in meinen Betrachtungen von der Weltlage die Rede ist, als sei ich blind gewesen für die Gefahren, dabei dräuten sie wie Gewitterwolken am Horizont, als ich an der Adria lag und die süße Sonne mich wärmte. Aber man ist nicht oft jung, und man kommt nicht jeden Tag aus dem Gefängnis frei; selbst in einem unfreien Land, einer unfreien Welt ist es möglich, in Wald und Wiesen oder am Meeresstrand Leichtigkeit, ja Glück zu empfinden.

Und in dem Maße, wie das Buch sich entwickelte, gesellte sich zu den familiengeschichtlichen Entdeckungen, zum Genuss der Landschaft an der Adria und der Erleichterung über die Befreiung aus der Haft auch die Freude über eine andere Befreiung: die Befreiung aus den ideologischen Fesseln der sektiererischen Gruppierung, der ich mich schon vor meiner Verhaftung entfremdet hatte. […]

Von nun an konnte ich mir erlauben, unabhängig zu denken, was ich denke, zu sehen, was ich sehe und sogar, mich zu irren. […]

Die Sentimentale Reise ist eine lyrische, ganz bewusst provokative Revision meiner Überzeugungen. Dass sie falsch waren, wurde mir klar, als ich den jungen Marx, Kautsky, Rosa Luxemburg, die Austro-Marxisten, Jaurès und De Man studierte. Zu diesem Umdenken hatte auch Attila József viel beigetragen, mit dem ich seit 1931 befreundet war.«

Ferenc Fejtő betont, auch die Gattung des Reisetagebuchs sehr bewusst gewählt zu haben. »Nicht umsonst nannte ich mein Buch nach einem Zitat von Sterne Empfindsame Reise. Ich hatte ein Stimmungsbuch geschrieben, Belletristik, keine wissenschaftliche Abhandlung. Von der Politik hatte ich mich für eine Weile beurlaubt, um zu mir zu finden, frische Luft zu atmen, meine Gedanken zu klären.« Trotzdem sollte die Sentimentale Reise nicht losgelöst von Fejtős anderen Schriften gesehen werden, die er vorher und nachher in »Szocializmus« (Sozialismus), »Népszava« (Stimme des Volkes) und später in »Szép Szó« (Schönes Wort) publizierte, und die kritische, oft polemische, militante antifaschistische und marxistische Texte waren.

Bald nachdem das Reisetagebuch 1936 in Ungarn erschienen war, ging dieses außergewöhnliche und heute noch brisante Zeitzeugnis im Chaos des Weltgeschehens unter. So kam es, dass es nie ins Deutsche übersetzt worden ist.

2006 begann ich dann, das nachzuholen. Während der Arbeit fragte ich François Fejtő in Paris, ob er noch ein Photo von seiner Mutter hätte. Er brachte eine ganze Schuhschachtel mit alten Familienphotos. Die Bilder ließen Erinnerungen aufkommen, das Beschriebene sichtbar werden, Gesichter und Orte erhielten Konturen. Ihm gefiel die Idee, die Aufzeichnungen aus dem Jahre 1935 mit zeitgenössischen Photos und Bildkommentaren zu ergänzen, die Fenster auf das öffnen sollten, was danach geschah.

So wurde aus dem Zagreber Tagebuch die von heute aus unternommene Reise nach Gestern. Sie trägt dazu bei, das Jetzt besser zu verstehen, dessen Wurzeln im 20. Jahrhundert liegen.

Ferenc Fejtő, Budapest 1989

Agnes Relle, München 2012

Reise nach Gestern

IM ZUG ZWISCHEN GYÉKÉNYES UND ZAGREB, 27. JUNI

Die Grenze haben wir hinter uns, ich spüre eine gewisse feierliche Erleichterung, ein Aufatmen, bin aber nicht frei von Beklommenheit. Ich hatte Angst, wie vor einer Prüfung oder einer Kontrolle, dabei waren mein Pass und mein Gepäck in Ordnung, mein Gewissen vielleicht auch. Ich hatte Angst, und Angst hatte auch die Frau aus Budapest neben mir, die zu ihren Eltern nach Ragusa fährt, selbst das Lächeln des Herrn aus Wien, dessen Sohn in New York Rundfunkingenieur ist, half da nichts, ich sah, dass er Angst hatte. Ja er hatte sogar am meisten Angst.

Alle haben Angst. Wir sind unschuldig, die Grenzpolizisten sind höflich, unsere Unterwäsche berühren sie kaum, und sie glauben, was wir ihnen antworten. Und doch: Wir fühlen, dass wir etwas Unanständiges tun, und nur aus Taktgefühl und Höflichkeit verlieren die ungarischen und jugoslawischen Herren in Uniform kein Wort darüber. Sie verschließen die Augen, aber hinter ihrer höflichen Zurückhaltung verbergen sich Missbilligung und würdevoller Vorwurf. Wir sind wie Kinder, die in der Vorratskammer heimlich ein verbotenes Einmachglas geplündert haben, und obwohl die Eltern ihnen »verzeihen«, spüren alle, Eltern wie Kinder, dass die Angelegenheit damit noch nicht in Ordnung ist. Grenzen werden mit Sicherheit nicht zum Spaß gezogen, und auch das Verbot, Einmachgläser zu plündern, entspringt tiefen Gesetzmäßigkeiten.

Wir bekamen keine Schwierigkeiten, alles wurde für völlig ordnungsgemäß befunden, Wachen kamen und salutierten, gingen und salutierten, diesseits wie jenseits der Grenze, und doch spürten wir alle, dass die Angelegenheit nicht in Ordnung war, dass wir Abenteurer waren, Sünder, bei denen die Hand des Gesetzes dieses eine Mal noch nicht zugepackt hatte.

Einmal, ich erinnere mich, da war nicht alles so in Ordnung. Während der Revolution 1919* flüchtete mein Vater mit mir auf die andere Seite, ohne Pass, im Chaos, auf der Fähre bei Légrád. Wir wollten meinen kleinen Bruder in Zombor abholen, mit einem großen Umweg. In Alsódomború verbreitete sich das Gerücht, dass wir Ungarn sind, und mitten in der Nacht mussten wir die Wohnung des Bekannten, bei dem wir übernachtet hatten, heimlich durch die Hintertür verlassen. Wir setzten uns auf den Wagen, ein Regen brach los und wir fuhren im Galopp nach Csáktornya. Frierend und voller Furcht kuschelte ich mich an meinen Vater, der mich in die Flanelldecke hüllte, und wir galoppierten durch die Wälder, ein gespenstischer Wind peitschte den strömenden Regen gegen das Wagendach, und da begann ich zu weinen, wie peinlich, wie unvernünftig, ein Junge von zehn Jahren. Das war eine Reise! Schrecklich und wunderbar, voll Abenteuer, Romantik und Gefahr!

Nahe bei Gombos setzten wir im Boot über die Donau, es gab keine Fähre, nichts war wie gewohnt, für einige Monate war die Welt aus den Angeln geraten, der Fährmann fuhr nicht, sondern demonstrierte und plünderte, die Züge verkehrten nur launisch, und wir setzten also im Kahn über, mit zwei dicken Damen und einer aufgeplatzten Wassermelone, die ich festhalten musste. Das Boot schwankte auf dem wogenden Wasser so sehr, dass die beiden dicken Damen kreischten vor Angst, sie könnten hineinfallen; wir Männer aber halfen den Wellen lachend nach, mit der Bemerkung, ein kleines Bad würde keinem von uns schaden. Und wieder regnete es.

Heute war alles in Ordnung, und doch hatte ich genauso Angst, obwohl auch ich lächelte wie der Herr aus Wien. Ein neuartiges Schuldbewusstsein ist das, seit dem Krieg. Wir waren keine Schmuggler, nach den Buchstaben des Gesetzes machten wir keine krummen Geschäfte, wohl aber nach dem Geist des Gesetzes; wir hatten das Gefühl, etwas Verbotenes auf die andere Seite mitzunehmen, Geheimnisse zu kennen und Geheimnisse in Erfahrung zu bringen.

Geheimnisse über eine andere Welt. Denn hier drüben, jenseits der Brücke, konnte man schon am ersten Bahnhof sehen, dass wir nun in einer anderen Welt waren, mit Uniformen in anderen Farben, einer Fahne in anderen Farben; die Kellnerin, die einen Gespritzten ans Fenster brachte, sprach eine andere Sprache und tat, als würde sie nicht verstehen, was ich auf Ungarisch sagte. Dieser Übergang ist unspektakulär und doch so eigenartig wie ein Tor zwischen Straße und Gefängnis. Dort war ich zu Hause, bin ich hier fremd?

Die Gegend, an der wir nun vorbeigleiten, ist vertraut, eine typische Donaulandschaft, vertraute Bäume und Hügel, mit winkenden Bauernmädchen auf den Feldern. In Koprivnica ist ein Kaufmann eingestiegen, er unterhält sich mit dem Herrn aus Wien. Die Anspannung hat offenbar nachgelassen, denn der Herr aus Wien lächelt nicht mehr so verkrampft, auch das deutsche Mädchen dort drüben kichert nicht mehr, in ihrer Aufregung fand sie es furchtbar lustig, dass man in Gyékényes lange nicht umsteigen konnte und die Wachen die ungeduldigen Reisenden in die Waggons zurücktrieben. »Wie Schafe«, sagte sie und schüttelte sich vor Lachen. Jetzt kichert auch sie nicht mehr, ist versunken in einen billigen Reiseroman. Der Herr aus Wien, der aus Koprivnica und die gesetzte Dame aus Budapest unterhalten sich freundlich, mit einem Auge schielen sie misstrauisch zu mir herüber, was ich wohl schreibe.

Dieses Land ist fremd, und doch fühle ich mich, als würde ich nach Hause fahren. Ich bin ungeduldig, und wenn ich meinen Stift ruhen lasse und die Augen schließe, bin ich auch ein bisschen glücklich. Ich reise, sehr lange schon war ich nicht mehr auf Reisen. Aber es ist gar nicht das Reisen selbst, nicht das gehorsame Eilen des Zuges, die sich verändernde Landschaft, das leicht fiebernde Gefühl beim Fahren, was mich – ein bisschen – glücklich macht; auch nicht der glatt ablaufende, straflose Grenzübertritt, das Nachlassen der Anspannung, die Nähe des Ziels. Es ist etwas anderes.

Der Herr aus Wien fragt, wohin ich fahre.

»Nach Zagreb? Schön, sehr schön«, bemerkt er auf Deutsch. »Schöne Stadt, intelligentes Volk, gute Hotels«, und er schnalzt mit der Zunge.

Die Lokomotive pfeift langgezogen, jubilierend. In der Ferne erscheint schon der blaugraue Umriss des Sljeme. An den Bahnstationen drängen Weiblein mit Körben in den Waggon, sie setzen sich gar nicht mehr. Der Herr aus Wien erhebt sich und rückt sein Gepäck zurecht. In freudiger Erwartung mache auch ich mich bereit, sie alle werden mich am Bahnhof erwarten: meine Großmutter mit dem langen, borstigen Haar auf der linken Wange, die zu küssen immer so merkwürdig ist; mein Großvater mit seiner Kappe, eine Tüte mit Zuckerln in der linken Hand; Tante Toni mit ihrer ironischen Rührung – nur Onkel Otto nicht, um diese Zeit ist er im Büro; meine Schwester im kurzen Rock; und meine Mutter, wieder gesund, mit ihrer dichten Haarpracht, auf die sie immer stolz war, und die ich geerbt habe. Auf Fiakern mit Gummirädern ziehen wir nach Hause, und während ich den Kaffee trinke, die Kaisersemmel mit Butter verspeise, sitzen sie um mich herum, und dann werde ich ihre liebevoll prüfenden Blicke auf meinem Gesicht spüren.

ZAGREB, 27. JUNI

Am Bahnhof erwartete mich mein Schwager: Ivica, ein Kroate mit weißer Haut und glatten blonden Haaren, mit seinen so vertraut-zärtlich blinzelnden blauen Augen. Wir umarmten und küssten einander, zum ersten Mal in unserem Leben. Irgendwie fühlte ich mich ein wenig verletzt, weil die Familie mich nicht erwartete, in Reih und Glied, Spalier stehend, es ernüchterte mich, dass nicht nur die Toten, sondern auch die Lebenden nicht gekommen waren; in Vertretung für die Lebenden und die Toten war dieser Fremde gekommen, den ich als kleiner Junge nie gemocht hatte.

Niemand wisse von meiner Ankunft – informierte mich Ivica –, nur meine Schwester warte zu Hause auf mich, mit ihrem Sohn. Das Auto brauste über vertraute Straßen und Plätze – am liebsten hätte ich vor Freude gejauchzt, dass ich wieder hier bin, zu Hause –, hinauf in das neue Villenviertel, das gerade auf dem Hügel gebaut wurde, der dem Berg gegenüber liegt. Ich nahm zwei Stufen auf einmal, sprang die Treppe hoch. Seit acht Jahren hatte ich meine Schwester nicht gesehen, inzwischen hat sie geheiratet, ein Kind geboren, und nur selten schreibt sie Briefe. An der Tür stieß ich mit ihr zusammen, und als ich sie überschwänglich umarmen wollte, schob sie mich sanft von sich weg. Misstrauisch löste ich mich von ihr, trat einen Schritt zurück und betrachtete sie. Unsere Familie würde bald ein neues Mitglied haben. Das war also die Überraschung, darum hatte mein Schwager ständig geblinzelt, darum war Nada nicht gekommen, um mich abzuholen!

Ich sei ein richtiger Mann geworden, bemerkte meine große Schwester, und sie verstand gar nicht, dass ich mich darüber nicht besonders freute. Unser Gespräch kam nicht recht in Gang. Wir waren etwas verlegen, hüstelten, blickten einander an, fremd waren wir uns geworden. Wir sind Kinder der gleichen Mutter, sind einander ähnlich. Ihr kleiner Sohn, Drago, kam vom Hof heraufgerannt, und mir fiel ein, dass ich ihm gar kein Geschenk mitgebracht hatte. Ein seltsamer Onkel muss ich sein. Das Gesicht des Kleinen ist nicht wie das unsere, er ist blond und hat blaue Augen wie sein Vater, aber sein Körper ist lang und dünn, typisch für unsere Familie. Mit feierlichem Handschlag begrüßte er mich. Er hat ein liebes kleines Lausbubengesicht. Zwar wehrte er sich dagegen, dass ich ihn Dragović nannte, sonst aber schien er mit mir zufrieden zu sein. In seinem hageren Körperbau und in seiner träumerischen Verspieltheit, auch in der sich verdunkelnden Abwesenheit seiner Augen entdecke ich typische Zeichen unserer Familie, unser Erbe.

Sie drängten ihn, zu essen, und jeden Bissen würgte er mit Ekel hinunter. Man sah, Essen hält er für eine völlig überflüssige Zeremonie, am liebsten würde er so leben: immer nur auf dem Hof herumrennen, und auf der Wiese vor dem Haus, wie ein Zicklein, auf alles klettern, worauf man nur klettern kann, alles zerlegen, was man nur zerlegen kann, auf allem reiten, worauf man nur reiten kann, er würde von Luft leben, von den Märchen, die ihm Barica erzählt, und von Träumen. Drago ist jetzt fünf Jahre alt, ich empfinde für ihn wie für einen Freund, gerne würde ich mit ihm hinuntergehen, mich mit ihm im Sand wälzen. Den Sand würden wir mit Wasser mischen und aus dem Matsch eine Burg bauen, mit einem Tunnel und einem Graben rings herum, in dem Wasser fließt.

Dass er kaum isst, oder nur isst, wenn man ihn vorher inständig darum bittet und ihm dies oder jenes verspricht, empfinde ich als sympathisches Auflehnen gegen die gewohnten Zwänge des Lebens, ich spüre darin ein »pessimistisch-philosophisches« Veto dagegen, dass es naturgegeben sei, zu essen und zu trinken und zu wachsen. Ich erinnere mich, selbst wenn ich es heute nicht mehr verstehe, dass man auch mich einmal zum Essen zwingen musste. Die gleiche Ablehnung dürfte auch mein Beweggrund gewesen sein. Zu irgendetwas musste ich nein sagen, ich sagte es zum Essen, wie Drago. Heute sage ich eher zu anderen Dingen nein, ich ernähre mich mit größter Überzeugung, schmatzend und glücklich.

Ivica steckte den Kopf zur Tür herein, wünschte blinzelnd eine gute Nacht und knipste das Licht aus. In zwei riesigen Eichenbetten liegen sie nebeneinander, je ein Nachtschränkchen mit einer kleinen Lampe an der Seite, und in der Schublade ist bestimmt eine ungebrauchte Porzellanschüssel, Sinnbild bürgerlicher Bequemlichkeit und der Treue zu überkommenen Sitten. Merkwürdig, dass ich diesen so friedlichen und durch und durch taktvollen Menschen einmal nicht habe ausstehen können. Warum war ich auf Ivica so böse? Vielleicht auch, weil er blond war, und ich als Junge jedem blonden Mann gegenüber von vornherein Abneigung empfand, während blonde Frauen damals wie heute meine Gefühle besonders leicht entflammen lassen.

Aber ich war auch auf jeden anderen Mann böse, der Nada den Hof machte. Mit zusammengebissenen Zähnen schlenderte ich im Tuškanac umher, während Nada hinten mit ihrem Kavalier spazieren ging. Damals entfernte ich mich innerlich von Nada und fühlte mich zu den Alten hingezogen, mein Kinderneid und meine Eifersucht trafen sich mit dem Neid und der Eifersucht der alten Leute. Mit trotziger Freude nahm ich an der Verschwörung der Machtlosen gegen die erwachende Lebenslust des jungen Mädchens teil. Ich half mit, ihr Leben durch winzige Nadelstiche und Lieblosigkeiten zu vergiften. Ihr Kavalier hieß Józsi, und soweit ich mich erinnere, war er ein kluger, rastloser Mensch aus der Generation, die heute auf die vierzig zugeht; und unter ihnen gab es sehr viele mit gebildetem, wissensdurstigem, ernsthaftem Verstand, fast ausnahmslos gingen sie in den Wirrnissen von Krieg und Revolution unter. Józsi verschwand von der Bildfläche, ich weiß bis heute nicht warum, und da erschien wieder Ivica. Ivica erschien immer, wenn jemand von der Bildfläche verschwand, mit Blumen und Schokolade, welche er auch mir anbot, die ich aber asketisch zurückwies.

Meine große Schwester liebte er mit Hingabe und Ausdauer. Lange, sehr lange unerwidert. Mir fallen die Abende in der Gundulić-Straße ein, im großen Speisezimmer, unter dem Kristalllüster. Ich saß zwischen Nada und Ivica am Tisch und vertiefte mich demonstrativ mit meiner Schwester in langhaltendes Geflüster, während der arme Ivica auf seinem Stuhl hin und her rutschte und sich höflich die endlosen Klagen der Alten über die hohen Preise und über Familienprobleme anhörte, dabei blinzelte er immer wieder verlegen in unsere Richtung, und wir lachten darüber. Dann ging Ivica, niedergeschlagen, ergeben küsste er Nada die Hand und gab mir scherzhaft einen Klaps auf den Kopf. Welch überlegenen, spöttischen Blick er sich von dem kleinen Jungen gefallen lassen musste!

Aber die langanhaltende Liebe, die ungewöhnliche Treue Ivicas, dieses beweglichen, sportlichen, blonden Geschäftsmannes, der sich für Fußball begeisterte und aufgeregt politisierte, entwaffnete meine Schwester zuletzt doch. Und entwaffnet auch mich. Ich habe mich in mir völlig mit ihm ausgesöhnt. In seinen Augen sehe ich die gleiche eifrige Bewunderung, diese unterwürfige Anhänglichkeit meiner Schwester gegenüber, die ich als Junge so gerne und so bösartig nachahmte und verspottete. Von der ersten Stunde an konnte ich mich davon überzeugen, dass er unter ihrem Pantoffel steht, doch wie viel achtenswerter Mut und welche Leidenschaft stecken in diesem Pantoffeltum! Ich sehe ihn wie einen Märchenhelden, eine Art Laufhans, der für meine Schwester losziehen, sämtlichen Drachen die Köpfe abschlagen und ihr sogar vom Eingang zur Hölle das Tausendgutkraut holen würde, ohne wenn und aber, mit selbstverständlicher Freundlichkeit. Ja wirklich, er gehört zu einer anderen Sorte, der Sorte der guten Menschen, die wir eigentlich nur aus Märchen kennen. Natürlich ist er ein bisschen lächerlich, aber alles ist lächerlich, was so sehr von der Regel abweicht. Seine Güte ist kindlich und rührend. Als Kind mit all meinem Spott war ich schon erwachsener als er. Gewiss hat Ivica bis heute nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen. Er weiß nicht, mit welch ständiger Lebensgefahr diese nackte, unverhüllte Güte einhergeht. Er weiß nicht, dass er uns schutzlos gegenübersteht, mir, meiner Schwester und der ganzen Welt. Er erinnert mich an das verträumte Kind auf dem kleinen Bild, das über meinem Bett hing: Lächelnd, mit geschlossenen Augen spaziert es auf einem schmalen Steg über den Abgrund und ahnt dabei keine Gefahr, ja ahnt nicht einmal den Schutzengel, der unsichtbar seine großen schützenden Flügel darüber breitet. Glücklich, wer so unverdorben mit solcher Sicherheit, mit solchem Vertrauen schnarchen kann – wie er. Auch ich sollte endlich zu Bett gehen.

ZAGREB, 28. JUNI

Heute Morgen ging ich mit meiner Schwester zum großen Markt neben dem Jelačić-Platz. Früher war er direkt auf dem Jelačić-Platz, mit meinem Großvater bin ich oft dort gewesen. Die Einkäufe machte immer er selbst, weil meine Großmutter nie Kroatisch gelernt hatte, und den Bediensteten vertrauten sie nicht. Morgens um sechs kam er zu mir herein, rüttelte mich wach, und sofort brachen wir auf, frisch, gut gelaunt, und ich trug den Korb, genau wie jetzt. Wie sehr ich doch Opapa – so nannte ich ihn – liebte, immer kaufte er etwas Leckeres, meine Lieblingsfrüchte: Feigen, wenn es welche gab. Immer hatte er etwas Interessantes zu erzählen, er schimpfte über die Großmutter, dass sie nicht mit den Dienstboten umgehen konnte, schimpfte über die Regierung, weil alles teuer war, und mit mir redete er wie mit einem Erwachsenen. Er hatte einen schönen, grauen Ziegenbart; langsam wuchs ich ihm über den Kopf, ich schlenkerte mit dem Korb, während er endlos feilschte und mit den Marktfrauen

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