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Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte
Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte
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eBook855 Seiten10 Stunden

Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte

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Über dieses E-Book

War die DDR ein humanistisches Land? Zumindest stand es so in ihren Verfassungen und in Gesetzestexten - wie sonst in keinem anderen Land der Welt. Das Programm der SED rief das "große Hurra" eines Humanismus aus, der sich bewusst vom konservativen Humanismus in der Bundesrepublik abgrenzte. Horst Groschopp geht detailliert auf die Bildung des ostdeutschen Humanismuskonzepts ein, das im Pariser Exil und in deutschen Kriegsgefangenenlagern in Russland begann, und gibt differenzierte Antworten zur Debattengeschichte. Karl Marx löste den "Humanismus" 1845 in "Kommunismus" auf. Im Kalten Krieg wurde diese Deutung in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR revidiert - warum geschah dies aber so engführend, so halbherzig, so dogmatisch? Worin bestand der spezifisch deutsche "Kultursozialismus" von Walter Ulbricht und Alfred Kurella? Und weshalb musste er scheitern?
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum17. Okt. 2013
ISBN9783828856738
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    Buchvorschau

    Der ganze Mensch - Horst Groschopp

    Danksagung

    Einführung: Humanismus und Herrschaft der SED

    Ein Desiderat: Humanismus in der DDR

    Das Begriffspaar „ganzer Mensch" (lat.: totus homo) meint die Einheit von Leib und Geist. Es handelt sich um eine der Zentralkategorien personaler Identität seit der Antike und in dieser Tradition bis heute.¹ Die Überzeugung, der Mensch bestehe aus Körper und Seele führte im 18. Jahrhundert zu einer umfassenderen Anthropologie, bis hin zu einer neuen medizinischen Betrachtung des Menschen.² Das leitete über zu einer Rezeption dieses Gedankenguts und dessen Überführung in das ideale Menschenbild der klassischen deutschen Literatur.³ Wiederum daran anknüpfend wurde der „ganze Mensch zu einem Programm humanistischer Bildung, besonders in der pädagogischen Konzeption von Friedrich Immanuel Niethammer (1766–1848). Er innovierte 1808 das Wort „Humanismus.⁴

    Niethammer hatte dabei entsprechende Übersetzungen griechischer Texte im Blick, etwa die Epikurs, in denen die Ganzheitlichkeit des Menschen eine zentrale Überlegung darstellt. „Die ‚Beschirmung Epycuri’ ist [in Johann Gottfried: Der gantze Mensch, 1490; HG] moralis philosophia; antike Tradition (‚unser Epycurus’) und die Natur (‚natürliche Philosophie’) sind Grundlage der Argumentation. Der ‚ganze Mensch’, die Einheit von Leib, Seele, Gemüt ist die zentrale Aussage. Das Wort ‚Mensch’ wird definiert und emphatisch gebraucht ...".

    Wie selbstverständlich griff der kommunistische Funktionär und Schriftsteller Alfred Kurella (1895–1975), im Jahrzehnt um den Mauerbau 1961 der bestimmende Kulturtheoretiker und -politiker in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die antike Wortverbindung am Ende seiner Karriere 1969 noch einmal demonstrativ in seinem Buch Der ganze Mensch auf.⁶ Er wollte seine schwindende Anhängerschaft ermahnen, sie seien auf dem falschen Weg, wenn sie dieses hehre Ziel aufgäben.

    Zu dieser Zeit war die Hochkonjunktur humanistischer Rhetorik in der DDR bereits vorbei. Auf diese Vergangenheit trifft der erste Satz einer Rezension zu, die Anfang des Jahres 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) stand: „Sein vorerst letztes Hurra feierte er in der DDR"⁷ – gemeint ist der Humanismus. Der besprochene Sammelband des renommierten Altphilologen Hubert Cancik (geb. 1937) behandelt Europa – Antike – Humanismus,⁸ sehr historisch, kein Wort darin über die DDR.

    Woher also diese Assoziation? Es war wohl eine überlieferte Erinnerung westdeutscher Distanz zur DDR. Der Rezensent, der Bielefelder Althistoriker Uwe Walter (geb. 1962), führt seit 2009 für die FAZ den Blog Antike und Abendland. Als er 1983 sein Studium begann, stand zwar noch 1984 in der DDR der Philosophiekongress Sozialismus und Frieden – Humanismus in den Kämpfen unserer Zeit bevor.⁹ Doch da war die Humanismuseuphorie schon zwanzig Jahre vorbei. Humanismus war nun fein eingeordnet in die Schubladen des hochoffiziellen Gebäudes der marxistisch-leninistischen Theorie – also ziemlich tot. Die DDR hatte da nur noch ein Jahrfünft zu leben.

    Das „große Hurra" des Humanismus – dieses Entern eines bildungsbürgerlichen Refugiums – scheint bei denen, die diese Traditionen in der Bundesrepublik gegen die DDR demonstrativ hoch hielten – mehr Spuren hinterlassen zu haben als die aktuelle wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Desiderat der sonst höchst umfänglichen DDR-Forschung zeigt, die allein zwischen 1989 und 2008 etwa 8.000 Titel kennt – eine immense Sammlung von Fakten und Urteilen.¹⁰

    Die DDR erschien zwischenzeitlich sogar als „überforscht".¹¹ Es fanden sich zwar stets neue Themen, jedoch – das erstaunt angesichts der DDR-Realgeschichte – nicht der Humanismus. Als Ursache dafür kann gelten, dass die DDR gerade auf kulturellen Feldern das „vierte, vergessene Deutschland darstellt, wie der Historiker Fritz Stern 2007 in seinen Erinnerungen schrieb. Liegt dies daran, dass diese Region „wie Westdeutschland, ein Staat mit sehr begrenzter Souveränität war? ¹² Es ist aber wohl eher ein Problem der Erinnerungs- und Forschungskultur,¹³ in der „erst jetzt die DDR entsteht.¹⁴ Zur Illustrierung dieser These soll ein Urteil von Günter Grass (geb. 1927) angeführt werden. Der Schriftsteller kritisierte 1982, dass der „ostdeutsche Humanismus zu wenig beachtet werde, weil der westliche Bilderkanon zu stark dominiere.¹⁵

    Selbstredend wurde Humanismus in der DDR in einer speziellen Lesart gepflegt und von der SED seit ihrer Gründung 1946 politisch eingesetzt. Der Begriff wurde staatstragend, blieb lange strittig. Bis an ihr Ende diente ein besonderer „sozialistischer Humanismus der kulturellen Legitimation der DDR. Jüngere Forschungen wie die von Gunther Mai heben ausdrücklich hervor: „Aus dem Selbstverständnis als Erbe und Vollstrecker, aus dem überzeitlich definierten Humanismus-Begriff leitete die SED ihre historische Legitimität wie ihre staatspolitische Seins-Räson nach innen und außen ab.¹⁶

    Humanismus wurde dabei zwar ebenso umfassend wie zugleich kunstfixiert verstanden, aber keinesfalls – wie der gleiche Autor einschätzt und wie im Folgenden gezeigt wird – „überzeitlich und schon gar nicht als „Verheißung eines ‚totalen’ Humanismus. Dafür war dieses Humanismus-Verständnis viel zu sehr in den Kanon des Marxismus-Leninismus