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Weit, weit weg: Die Welt des Hubert von Goisern

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Weit, weit weg: Die Welt des Hubert von Goisern

Länge:
253 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
20. Feb. 2012
ISBN:
9783701742714
Format:
Buch

Beschreibung

Ein persönliches Porträt auf den Spuren des musikalischen Entdeckers Hubert von Goisern.

Mit dem "Hiatamadl" wurde Hubert von Goisern 1992 über alle Grenzen hinaus berühmt. Er galt als erfolgreichster Vertreter der "Neuen Volksmusik", Erfinder des sogenannten Alpenrock. Doch kaum hatte man den Standort auf seiner Grenzwanderung zwischen den Stilen bestimmt, war er schon wieder woanders - abgefahren und angekommen, um den Klang der Welt zu erkunden. Und so hat er sich seither immer wieder selbst neu erfunden.

Die Suche führte Hubert von Goisern "weit, weit weg", von Hallstatt nach New York, von Bad Ischl nach Timbuktu, von Salzburg nach Dakar. Und sie führte ihn auch tief in das Kernland jener heimischen Tradition zurück, die er immer wieder von neuem belebt - mit dem, was er unterwegs erlebt: nicht rastlos, sondern neugierig und offen. Und so ist er sich bis heute treu geblieben, musikalisch, aber auch in seinem sozialen Engagement.

Bernhard Flieher ist diesen Reisen über viele Stationen gefolgt, der biografischen wie der musikalischen Entwicklung, von den Anfängen bis heute. Und mit seinem Weg beschreibt er den, der ihn gegangen ist: gerade voran.
Herausgeber:
Freigegeben:
20. Feb. 2012
ISBN:
9783701742714
Format:
Buch

Über den Autor


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Weit, weit weg - Bernhard Flieher

KAPITEL EINS

»Solide Alm«

Fluss aus Erinnerung

Vukovar, Castle Park – 9. Juli 2007

Ein Atemzug. Nur einer noch. Breit walzen sich bis dahin die ersten taktlosen Töne aus der Ziehharmonika einem Rhythmus entgegen. Ein Atemzug noch. Eineinhalb Minuten des Liedes sind vorbei.

In diesen einen Schnaufer hinein, in diesen Atemzug nach knapp der Hälfte des Liedes beginnt die Snaredrum den Takt mitzuwippen. Vorsichtig pirscht sie sich aus dem Hintergrund heran. Die Ungeduld ihres Drängens, ihr Sound, ein leicht nervöses, metallisches Klirren, kommt einem Versprechen gleich: Hier wird etwas passieren. Noch aber heißt es warten, noch deutet nichts hin auf die Erfüllung des Versprechens. Es wird nur mit jedem Takt dringlicher. Noch bleibt das Fenster fest geschlossen, das am Ende der Geschichte dieses Liedes weit aufgerissen sein wird. Wir werden aus dem Fenster hinausschauen über das Dorf zum Taleingang, hinter dem wir einen Horizont erkennen, von dem sich nur eines mit Gewissheit sagen lässt: Dahinter muss noch etwas sein, dort muss noch etwas existieren, etwas Aufregendes womöglich, etwas Bereicherndes. Jedenfalls etwas Unbekanntes. Wie sonst wäre die Lust zu erklären, mit der wir dorthin ins Fremde aufbrechen wollen?

Das Wissen um die Ungewissheit der Möglichkeiten, die sich hinter dem Horizont auftun, kommt dem Gefühl einer Schifffahrt auf einem breiten Fluss, der sich durch eine Ebene wälzt, gleich. Wer sich solcherart auf einem Fluss bewegt, ohne Karte, ohne Wegweiser, eben nur, um den Fluss zu befahren, um zu sehen, wo er hinführt, dem gibt nichts auf der Strecke Anhaltspunkte für den nächsten Teil des Weges.

Kilometerangaben, kleine Lichtungen am Ufer, umgestürzte Bäume, morsche Stämme, Grün in allen Schattierungen – und darüber ein zum Greifen naher Himmel. Dass wir nicht verloren gehen, darauf lassen uns nur kleine menschliche Rückstände vertrauen. Die hölzerne, schiefe Bank eines Fischers. Plastikfetzen, die das letzte Hochwasser an die oberen Äste eines Strauchs gespült hat. Stromleitungen, die über die dichten Uferwälder irgendwohin laufen als Erinnerung an eine jenseits des Flusses liegende Zivilisation.

Die kroatische Aulandschaft, dort, wo die Drau in die Donau mündet, schützt Fluss und Schiff. Die Sonne geht an diesem Morgen direkt in der Verlängerung des Flusses auf. Zunächst bricht sich ihr mattes Licht noch im Nebel, der – erzeugt vom Temperaturunterschied zwischen Luft und Wasser am frühen Tag – wie schwebender, halbdurchsichtiger Tüll knapp über dem Fluss wabert. Aus dem Licht des roten Sonnenballs strömt die Wärme nur mühevoll. Mit den ersten Strahlen, die sich durch den Nebel bis auf die Haut kämpfen, beginnt die Erwartungshaltung zu steigen. Mit der Erwartung aber schleichen sich auch die Vorurteile aus den hinteren Teilen des Hirns wieder an die Gedankenoberfläche. Frühmorgendliche Schwärmerei und romantische Idealisierung unterliegen gegen die Logik und Erfahrung.

Loslassen. Was denn? Kennen lernen. Wen denn? Mit der Unberechenbarkeit des Wassers leben. Hinter der nächsten Biegung des Flusses ein offenes Herz erwarten. Schöne Ideen. Große Herausforderungen. Aber wer beherrscht das schon, ein Wandern ganz ohne Ziel, ganz ohne jenen Rucksack, auf dem ein großes »Ich« steht?

Wenn die Ziehharmonika, die Steirische, den ersten Schnaufer in das Lied hinein tut, bewegt sie sich wie ein Wanderer während der ersten Schritte, bei einer Bergtour, die ihm unbekannt ist. Bedächtig und respektvoll nähert sich, wer bei einer solchen Tour nicht nur den Gipfel erreichen, sondern auch heil wieder zurückkommen will. Die Ziehharmonika tut mit ihren Atemzügen die ersten Schritte langsam auf den Berg zu.

Es ist der Berg, aus dem sie selbst gewachsen ist. Ein mächtiges Massiv aus Vergangenheit türmt sich auf. Wer es zu bewältigen sucht, indem er es seinen gegenwärtigen Schritten unterordnen will, tut gut daran, seine Kräfte nicht bei den ersten Atemzügen zu verschwenden. Verführerisch bietet sich das Losstürmen an. Wer diesem Werben, der viel versprechenden Aussicht auf einen raschen Erfolg nachgibt, der endet in atemloser Erschöpfung.

In den eineinhalb Minuten, bevor die Snaredrum als Versprechen auftaucht, türmen sich im Klang der Ziehharmonika Geschichte und Geschichtsmissbrauch auf, Klischees und jene bitteren Wahrheiten, die diese Klischees erst ermöglichen. In den Tönen der Ziehharmonika schwingt mit, was im deutschen Sprachraum »Volkskultur«, »Volksgut«, »Volkslied« genannt wird – und was allein des historischen Umgangs mit den Worten und wegen einer daraus resultierenden Überfrachtung mit Deutungen schon etwas grundsätzlich anderes, etwas weit schwerer zu Fassendes, weit schwieriger zu Bestimmendes und nur mühsam theoretisch Einzugrenzendes ist, als das, was die Anglophilen musikalisch simpel unter »Folk« subsumieren.

»Volks«-Irgendwas wird weithin so genannt, weil es dafür keine besseren, im deutschsprachigen Kulturkreis vor allem aber keine unbelasteteren Vokabeln gibt. Ein Geröllfeld von Missverständnissen und Missachtung, von politischem Missbrauch erhebt sich vor uns. Manifest wird dieser Missbrauch gewachsener Traditionen in der Ideologie der Nazis ebenso wie im Wirken zeitgenössischer Brauchtumswächter oder durch die ablenkende Verkitschung der Reproduzenten einer Heile-Welt-Lüge in den volkstümlichen Unterhaltungsfabriken.

Auf diesem gefährlichen Geröll aus erfundener Reinheit und leicht verkäuflicher Idylle rutscht man schnell ab, saust talwärts, wo die ewigen Bewahrer der ausgedachten Reinheit ihr Quartier genauso aufgeschlagen haben wie jene, denen alles nicht weit genug von ihrem geografischen Daheim und den damit verbundenen historischen und sozialen Verwerfungen entfernt sein kann, damit sie es überhaupt gut finden können.

Nähe ist ganz pfui, die Ferne eine überwältigend verlockende Schönheit. Und beim schweifenden, so weltgewandten Blick in diese Ferne entsteht die Mystifizierung – allein schon aus Unkenntnis – leicht. Wer aber hier auf dem Hausberg abrutscht, der bleibt mit gebrochenem Genick liegen. Ein gefährliches Terrain ist die Heimat, wo ernsthaft mit ihr gespielt wird.

Nach zwei Minuten, die Hälfte der Strecke ist erreicht, holt die Ziehharmonika noch einmal tief Luft. So als suchte sie nach einer letzten Chance, in ihrem angestammten Gebiet bleiben zu können. Als wehrte sie sich gegen das Drängen aus dem Hintergrund, von dem sie nun zum Mittel gemacht wurde, mit dem sie gegen ihre eigene Welt anrennen muss. Aber es ist schon zu spät. Sie kann nicht widerstehen. Längst rüttelt von draußen heftiger Wind am Fenster. Der Gitarrist steht bereit für seinen Einsatz. Ein letzter Atemzug noch und dann bekommt der Klang der Ziehharmonika einen neuen Bestimmungsort.

Das Lied, das hier auf den Weg geschickt wird, um sich einen neuen Ort zu suchen, heißt »Solide Alm«. Ein langer Weg ist es, auf den sich dieses Lied begibt. Links und rechts umgeben von Gefahren, muss es reisen.

»Solide Alm« ist eine traditionelle Melodie. Ein Zwiefacher von der Art, die nicht nach vorne drängt, sondern getragene Stimmung verbreitet, fast wie zu einem Walzer kann dazu getanzt werden. Das Lied hat keine Worte, jedenfalls keine, die sich für einen Text geeignet hätten, der zu dieser Melodie geschrieben und gesungen werden könnte. Aber was heißt das schon? Wer hören kann, soll spüren. Das Musizieren entzieht sich, wo es auf offene Ohren trifft, einer endgültigen Bewertung, steht an emotionalen Orten jenseits aller Erkenntniskategorien. Erzählt wird in »Solide Alm« von zwei Welten, die wenig miteinander zu tun haben, als der Song zur Welt kommt.

1988 kam »Solide Alm« in die Welt. Der dritte Song auf einem Album, das »Alpine Lawine« heißt. Das Album wurde unter dem Namen »Alpinkatzen featuring Hubert von Goisern« veröffentlicht, das Krähen eines Hahns und Vogelgezwitscher eröffnen dieses Album. Und in diese dörflichen Weckrufe hinein mischt sich Lärm, wie man ihn in einer Stadt durch ein geöffnetes Fenster von der Straße hören kann. Zu sterilem, beim Zeitpunkt der Albumveröffentlichung längst heillos unmodernem synthetischen Keyboard-Sound der 1980er Jahre wird gereimt: »Alpenglühn in der Straßenbahn/ edelweiße Lust und Jodlerwahn«.

Unausgegoren und ohne Zusammenhalt mäandern nach dieser Eröffnung mit dem Titelsong elf Lieder zwischen Blues, Swing und alpenländischer Volksweise, zwischen Disco und Landler. Warme Töne quetschen sich aus der Ziehharmonika. Hohl klimpert das Keyboard. Steif erinnert die E-Gitarre an jene Zeiten, aus denen ihr Sound nachgespielt wird. Sie alle treten an zum Duell mit trendigen 1980er-Jahre-Beats aus den hohlen Tiefen technischen Geräts und mischen Gassenhauer aus dem Repertoire der Popmusik- und Schlagerkultur.

Am Ende des Albums wird auch noch Leopold Figl, erster Bundeskanzler Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, mit seiner berühmten Weihnachtsansprache des Jahres 1945 zu hören sein: »Ich kann euch nichts geben (…). Ich kann euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich«. Die Zeilen, unterlegt von einem sphärischen Flimmern, gehen über in eine betörend simple Melodie. Wortlos wird der Adventliedklassiker »Es wird scho glei dumpa« geflötet, als fliege er aus weiter Ferne daher, als könne er uns irgendeinen Glauben an irgendwas schenken, nur weil er uns an Wärme und Sehnsucht, an die Geborgenheit der Kindheit und an jene Teile unseres Gehirns erinnert, wo wir versteckt halten, was uns tief berühren kann.

Wo auf diesem Album, dem Debüt von Hubert von Goisern, Text auftaucht, passiert das mal in englischer Sprache, mal in deutscher. Und immer wieder dient – in der Menge behutsam, in der Wortwahl nachdrücklich – der Dialekt als Steinbruch für Wortbrocken.

Es wird in ländlichen, alpenländischen Klischees gekramt. Die Stadt wird gegen das Land ausgespielt und umgekehrt. Das Keyboard nervt durch Hektik. Die Ziehharmonika verzweifelt bei der Suche nach einer eigenen Sprache und wirft sich je nach Laune oder Anweisung des Produzenten auf die Seite der Disco, des Punk und Rock oder des Landlers und des Zwiefachen. Quetschen-Esperanto und E-Gitarrenweitläufigkeit – beides verloren im Labyrinth des Suchens zwischen avantgardistischem Wollen und angestrengtem Tun. Ein erster kaufbarer Daseinsbeleg, der sich archivieren lässt. Mehr nicht.

Nach einer Gesamtspielzeit von knapp 37 Minuten endet alles unentschieden. Wir erleben aber kein glorioses 4:4, keinen Schlagabtausch, bei dem egal ist, dass kein Gewinner mehr auszumachen ist, weil die Wichtigkeit des Ereignisses ohnehin aus seiner Schönheit wuchs, aus der Macht, mit der brilliert wurde. Wir erleben stattdessen eine bittere, ernüchternde Torlosigkeit, in der Ziehharmonika und E-Gitarre, Posaune und Keyboard ihre Territorien, ihre angestammten kulturellen Biotope verteidigen. Losgeschickt wurden sie, um die Lager zu versöhnen, um die Alltagssprache Pop mit der Umgangssprache Volksmusik zu verbinden.

Nur weil diese Pole zusammengeführt werden, ergeben sie aber noch kein großes Ganzes – oder gar ein ganz Neues. Vielmehr werden auf »Alpine Lawine« eindeutig regional oder sozial zuordenbare Musikingredienzen als Schutzschild einer massiven Abwehrhaltung gegen den jeweils anderen in Stellung gebracht. Wogegen allerdings werden sie aufgeboten? Was verteidigt sein will, bleibt unklar. Und auch, wohin aufgebrochen werden soll, lässt sich auf dem Album nicht erkennen.

Um als Volksmusik im Sinne einer im Alltag verankerten Kunst gelten zu können, fehlt diesen Songs der Massenappeal, die leichte Nachvollziehbarkeit, der Mitsingfaktor. Ein paar griffige Dialektbrocken und da und dort eine bestens bekannte Melodie in neuer Umgebung reichen dafür nicht. Auch Pop sind diese Songs nicht.

Es fehlt ihnen jenes Aufbäumen gegen das Normale, das Popmusik zu einem heldenhaften Abenteuer der Erneuerung macht, zu einem Spielplatz für einen ebenso absurden wie ernst zu nehmenden Weltentwurf, der etwas Besseres verspricht als das, was wir haben.

Ein überlegter Angriff, ein offensives Spiel mit übermenschlichen Kräften muss anders klingen als die hysterische Verkündigung im Titelsong: »Alpine Lawine, sie rollt hinauf/ und nichts hält sie auf.« Weit eher, als dass die Stadt erobert werden möchte, in der Pop von jeher wohnt, bleibt das schale Gefühl einer Bestandsaufnahme von Lebensumständen, deren Wurzeln in die Popmusik und in die heimatliche Musiktradition gleichermaßen ragen.

Hubert von Goisern flog als Jugendlicher aus der heimatlichen Blasmusik – zu lange Haare. Er reiste, war Straßenmusiker, bewegte sich schließlich im Umfeld der Avantgarde-Musik, traf den gleichgesinnten Wolfgang Staribacher und wurde »Alpinkatze«. Nur schemenhaft lässt sich auf ihrem gemeinsamen Werk »Alpine Lawine« erahnen, was aus dieser Doppelwurzel »Pop-Heimat« sprießen soll. In diesem Lieder-Dickicht, in dem jede Übersicht verloren geht, wo es so viele Wegweiser hinein und hinaus gibt, in die Stadt und zur Flucht aus ihr, auf das Land und zum Davonrennen, kann man sich nur verirren.

Wer mit bestehenden Mitteln an neuen Ufern landen will, muss bedeutend behutsamer vorgehen. Annäherungen passieren allmählich. Die Ruhe nimmt dem Manöver dennoch nichts von seiner Kraft, wenn das Manöver überzeugend, ja in positivem Sinn niederschmetternd ist. Die Ruhe macht das Manöver überlegter und sein Ende sicherer. Keine übertriebenen Aktionen, keine Hektik, die der ohnehin vorhandenen Anspannung, der unvermeidlichen Erwartungshaltung und damit auch den nicht auslöschbaren Vorurteilen ihre Kraft nehmen könnte. Wo Neuland betreten wird mit der Absicht, Geschenke zu machen und wahrhaftige Erfahrungen einzupacken, muss das Terrain hin und wieder auch aus der Distanz vorsichtig ausgelotet und vermessen werden.

Es ist Juli 2007. Hubert von Goisern befährt auf seiner LinzEuropaTour mit einem mächtigen Schiffsverband drei Monate lang die Donau von Österreich südostwärts bis zum Schwarzen Meer. Der Kapitän landet den Schiffsverband behutsam, mit ruhiger Hand im kroatischen Vukovar an einer steilen, steinern befestigten Uferpromenade. Das Publikum wird am Abend oben an der Promenade sitzen, im Schlosspark inmitten zerschossener Gebäude.

Fast 20 Jahre ist es her, dass Hubert von Goisern, damals noch mit Wolfgang Staribacher und den Liedern des Debütalbums »Alpine Lawine« durch Clubs tingelt. 1988, das ist das Jahr, in dem die UdSSR ihren Rückzug aus Afghanistan beginnt. KPdSU-Generalsekretär Michail Sergejewitsch Gorbatschow betont, dass jeder sozialistische Staat sein gesellschaftliches System frei wählen könne. George Bush I. wird zum Präsidenten der USA gewählt. Metallica veröffentlichen das epische Album »And Justice For All«. Céline Dion gewinnt den Eurovisions-Songcontest. Rainhard Fendrich dominiert mit »Macho Macho« die österreichische Hitparade. Der österreichische Bundespräsident heißt Kurt Waldheim. Und Vukovar gehört noch zu Jugoslawien.

Die Wunden der Vergangenheit liegen in Vukovar 2007 offen. Wo sie geschlossen sind, entpuppt sich das Verbandzeug als bloße Tarnung. Seit 2006 gibt es in Vukovar wieder eine kleine Fähre über die ein paar hundert Meter breite Donau nach Serbien. Die Fähre schippert nicht nach einem Zeitplan. Sie fährt nach Bedarf. Oft steht sie tagelang ungenutzt am Ufer. Bewacht aber wird sie rund um die Uhr. Ein paar Meter von der Fähranlegestelle flussabwärts liegt der Goisern-Schiffsverband vor Anker.

200 Besucher sind am Abend in den Schlosspark zum Konzert gekommen. Nein, wird Josip gegen Ende des Konzertes sagen, so eine Musik habe er noch nie gehört. Er schaut von der Rasenfläche vor dem Schloss auf das Bühnenschiff. Und wenn er daran vorbei schaut, sieht er, wie sich in den trägen Wellen des Flusses die beiden Lichter der serbischen Anlegestelle der Fähre am anderen Ufer spiegeln. Nein, sagt Josip, die Fähre habe er noch nie benutzt. Die Frage lautete, wann er zuletzt in Serbien war seit dem Krieg.

Die Größe der Bühne, die aus dem Bauch des Transportschiffs hochgefahren werden muss, und ihre technische Ausstattung mit riesigen Leinwänden erlaubten problemlos die Beschallung eines Openairs mit 10.000 Besuchern. Nein, sagt Josip schon am Nachmittag, nachdem er beobachtet hat, wie aufgebaut wurde, nein, so eine große Bühne habe er noch nie gesehen. Er sitzt im Café Lav am Marktplatz von Vukovar und erzählt von einem Leben mit dem Krieg.

Josip spricht langsam und beginnt seine Antworten oft mit »Nein« auf Fragen, die gar kein »Ja« oder »Nein« verlangt haben. Er spricht gutes Deutsch. In Stuttgart hat er gearbeitet und in Augsburg. Ende der 1980er Jahre war mit dem Lohn, den er dort verdient hatte, das eigene Haus fertig gebaut worden. Das Haus gibt es nicht mehr.

Monatelang war Vukovar 1991 von serbischen Truppen belagert, wurde beschossen. Zunächst hatte sich die Bevölkerung im nahen, serbisch bewohnten Dorf Borovo Selo geweigert, eine kroatische Flagge auf dem Rathaus zu hissen. Kroatische Polizisten rückten aus und gerieten in einen tödlichen Hinterhalt. Das Ereignis gilt als Auslöser des Kroatienkriegs. Mit Gewalt explodierte, was zwischen der ethnisch gemischten Bevölkerung der Region lange schon schwelte im Vielvölkerstaat Jugoslawien.

Im November 1991 war die Belagerung der Stadt Vukovar zu Ende. 84.000 Menschen lebten Anfang 1991 in der Region. Heute sind es knapp 40.000. Josip kennt die Zahlen nicht so genau. Die Plätze der Gräber aber von Freunden und Familienmitgliedern auf dem martialischen Friedhof am Stadtrand, die kann er jedem zeigen.

Immer noch ist Vukovar eine Stadt der Löcher. Kein Gebäude blieb von den Geschossen verschont. Auch im Zentrum, wo viel gebaut wird, klaffen Lücken, wo einst Häuser standen. Aus vielen Dächern wachsen Stauden. Über eingestürzte Stiegenhäuser wuchert Unkraut. Und die Wände der Häuser in den Nebenstraßen sind durchsiebt von Einschüssen. Sechs Millionen Geschosse seien auf die Stadt abgefeuert worden, sagt Josip. Weggehen wollte er nie. »Das ist mein Zuhause«, sagt er. Josip ist 49 Jahre alt. Seit vier Jahren hat er wieder einen Job in einer Schlosserei. Zuvor war er sechs Jahre arbeitslos.

Zwei bauliche Kriegsopfer ließen die Stadtpolitiker als Mahnmale der Belagerung stehen: ein zerstörtes Einkaufszentrum und die verwüstete Schlossanlage. Sie schauen beide von der Donaupromenade über den Grenzfluss nach Serbien hinüber. Sie sind der erste Gruß, den erhält, wer mit der Fähre von Serbien kommend direkt unter dem Schlosspark auf der kroatischen Seite anlegt.

Am Abend wird vor dem Konzertbeginn das durchlöcherte Schlossgebäude vom flimmernden Licht der Leinwände angestrahlt. Bedrohlich werfen ein paar Bäume und Laternenmasten lange Schatten auf die zerschossenen Wände. Knapp vor dem ersten Ton erlischt das Licht der Leinwände, auf denen Videos gezeigt werden über das Ökosystem Donau. In Vukovar wird der Fluss weniger als Naturwunder, denn als Grenze wahrgenommen. Erst recht durch die Annäherung Kroatiens an die Europäische Union.

Aus der Finsternis erheben sich gemächlich, fast majestätisch die ersten Töne. Nur schemenhaft ist Hubert von Goisern zu

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