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Die Lieb-Haberin.
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eBook124 Seiten1 Stunde

Die Lieb-Haberin.

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Über dieses E-Book

In der Rolle eines Engländers, unter falschem Namen, heißt sich der Ich-Erzähler also "Friedhofsoziologe" und hält einen bizarren Vortrag vor zahlreichen Studenten. All dies um einer einzigen Studentin zu gefallen, die zu dem Vortrag aber gar nicht kommt.
Wochen später hört er auf der Straße den jauchzenden Aufschrei einer Frau: »Der Beerdigungsunternehmer!" Sie geht mit ihm, und er gerät in die Fänge seiner eigenen Fiktion. Sie wird seine Lieb-Haberin.
Eine tragik-komische Version von »Romeo und Julia". Ein Roman über das Thema Tod und Liebe, die Vergeblichkeit im Verhältnis der Geschlechter.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum25. Aug. 2014
ISBN9783863512330
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    Buchvorschau

    Die Lieb-Haberin. - Joachim Zelter

    »Ich stehe vor dem Grab des Kanzlers der großen Koalition …« Ich stand vor dem Grab des Kanzlers der großen Koalition. Tatsächlich war das Grab ungewöhnlich groß, eher schon ein eigener Garten als nur ein großes Grab, ein Grundstück für sich, mit Stufen, Geländern und eigenen Wegen. Ein eigener Wasserhahn. Eine eigene Gießkanne. Um das Grab herum verlief eine meterhohe Hecke. Ein Weg führte direkt auf das Grab zu. Ein anderer Weg war ein Rundweg um das Grab herum. Ich zählte 27 Schritte. Allein der Grabstein zog sich einige Meter in die Länge. Links und rechts standen zwei Bänke. Zum Grab hin war der Weg durch schwere Ketten begrenzt. In der Mitte des Grabes stand ein einziger Baum.

    Ich trug ein Tweed-Jackett, eine halblange Pumphose, eine Sonnenbrille, eine Aktentasche mit allerlei Utensilien – Hammer, Meißel, Meterstab, Schraubenzieher –, die den Eindruck forscherischer Umtriebigkeit und Verstiegenheit erzeugen sollten. Die genaue Art des Forschens würde sich noch erweisen. Ich dachte an die Archäologie. In meiner Tasche befand sich eine Schrift über die trojanischen Ausgrabungen Heinrich Schliemanns, ein Buch, das ich unwillkürlich eingepackt hatte. Ich fragte mich warum? An Ausgrabungen hatte ich nie gedacht. Wen sollte ich auf diesem Friedhof ausgraben? Auch der Schraubenzieher war deplatziert. Wozu ein Schraubenzieher? Ich hatte keine Ahnung. Doch gerade unverständliche Werkzeuge fügen sich in das Bild des Forschers. Meine hastig verpackten Geräte (später nannte ich sie Instrumente) waren nur Hinweise, Anspielungen und Fingerzeige. Forschung lebt von Bildern, Eindrücken und Vermutungen. Vermutungen und Widerlegungen. Ich wurde nicht widerlegt. Ich war das Ebenbild, wenn nicht das Inbild eines Forschers: ein Privatgelehrter, eine betont skurrile Figur, weit gereist, grüblerisch, zerstreut … Andererseits auskunftsfreudig, wenn nicht auskunftswütig … Natürlich ein Exzentriker, am besten Engländer … Von der Arbeit besessen … Mein Anzug aus gutem Grund teuer, aber alt und zerschlissen … Ich trug einen Walrossbart, den ich mir aufgeklebt hatte …

    Ich kam aus Oxford. Magdalen College, Oxford, England. Mein Arbeitsgebiet: Friedhöfe. Meine Leidenschaft: Friedhöfe. Meine Bezeichnung: Friedhofssoziologe. Mit betont englischem Akzent: Friedhofssoziologe, Magdalen College, Oxford, England … Zahlreiche Expeditionen zu Friedhöfen in aller Welt … Außer meiner Aktentasche hatte ich einen Picknickkorb bei mir, in dem sich mein Lunch befand, bestehend aus undefinierbaren weißen Sandwiches, die ich mir so obskur wie möglich geschmiert hatte – dazu Fläschchen und Näpfchen mit süß-sauren, gelb-grünen Saucen – darunter Haferkekse und Geschirr für tea-time – überdies zwei Flaschen Whisky, die Bibel und einige englische Zeitungen. Die Äußerlichkeiten wurden abgerundet durch einen Spazierstock, dessen Griff sich zu einem provisorischen Hocker aus Stoff entfalten lässt, auf dem man schwankend sitzen kann. Ein Utensil der englischen Jagd. Von einer Baustelle war das rot-weiße Plastikband, mit dem ich das Grab, gleich einer prähistorischen Ausgrabungsstätte, umzäunt hatte.

    Hinter mir hörte ich Schritte. Ich drehte mich nicht um. Es wurden mehr Schritte. Ich stand unbewegt, offensichtlich in meine Arbeit versunken, über einen Zeichenblock gebeugt, das Grab des Kanzlers der großen Koalition skizzierend; emblematisch-semiotische Studien, wie ich es später nannte. Ich hörte flüsternde Gespräche. Ich zeichnete weiter, obgleich ich ein furchtbarer Zeichner bin.

    Ich sollte hinzufügen: Ich hatte keine besondere Neigung zu Friedhöfen, hatte kaum Ahnung von Friedhöfen. An Beerdigungen hatte ich nie teilgenommen. Meine Eltern leben. Meine Familie lebt. Meine Freunde leben. Ich lebe. Kein einziger Mensch, den ich persönlich kenne, ist gestorben. Der Tod war nie ein Thema. Auch kein Gedanke an Selbstmord, allenfalls als dahingesagte Koketterie: »Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm kommt man gut über manche böse Nacht hinweg.« Nietzsche. Bislang war ich über jede böse Nacht hinweggekommen. Bislang war ich an jedem Tod arglos vorbeigekommen. Möglicherweise war ich noch nie auf einem Friedhof gewesen, nicht einmal als ahnungsloser Passant. Ich wusste nur: »Bestattungen finden in jedem Fall statt, auch ohne Kirche.« – ein Satz aus einem der Bücher, die ich mir in aller Eile angelesen hatte.

    Zu meiner Erklärung: Ich war verliebt, nichts Arges, die übliche Hoffnungslosigkeit, die kein Geschrei macht, mit der man leben kann, mit der ich ins Bett gehe und wieder aufstehe …, die wie eine Erkältung vorbeigeht. Man erträgt diese Hoffnungslosigkeit, gerade weil man sich keine Hoffnungen macht. Eine solche Hoffnungslosigkeit ist derart, dass sie sich nicht mitteilt. Sie spricht es (oder sich) nicht aus, nicht einmal vor sich selbst, oder nur ganz selten. Sie verschont die Frau. Sie verschont sich selbst. Sie geht gut gelaunt nach Hause: »Bis demnächst. Bis irgendwann …«

    Das erste Mal sah ich sie in einem schwarzen Badeanzug beim Volleyballspielen im Schwimmbad. Wenn sie fiel, dann legten sich die Hände ihrer Mitspieler auf ihre Schultern. Für einige Sekunden saß sie gebeugt, ihr Mund dicht an ihrem Knie, das sie mit beiden Händen an sich zog und vor ihrem Mund aufstellte. Sie blies gegen ihr Knie, fast berührte sie es mit ihren Lippen. Dann schüttelte sie die Hände auf ihrer Schulter von sich und stand wieder auf, stand in der Mitte ihrer vielen Mitspieler, die ihr den Ball zum nächsten Aufschlag reichten: der nächste Ballwechsel, der nächste Sturz, die nächsten Hände, das andere Knie … Und so weiter. Plötzlich rannte sie auf mich zu. Ausgerechnet sie. Ausgerechnet zu mir. Es blieb nicht einmal Zeit, mir ein T-Shirt überzuziehen. Sie stand vor mir, streckte beide Arme aus und wollte den Ball, der in meine Nähe gerollt war. Ich reichte ihr den Ball. Auf eine unbeschreibliche Art sagte sie danke und rannte davon.

    Sie studiert Theologie. Auf der Straße hatte ich sie wiedergesehen und war ihr gefolgt. Sie lief in das altehrwürdige Theologicum, ein gewaltiges Gebäude, in dem gleichermaßen und zu gleichen Teilen, wenn auch in getrennten Räumen und Zwischenräumen, die evangelische und katholische Theologie untergebracht ist. Bereits der Eingang verzweigt sich in zwei Cafeterien, eine katholische und eine evangelische Cafeteria. Sie ging in die evangelische Cafeteria. Hinter einem Kaffeeautomaten stehend beobachtete ich sie beim Kaffeetrinken. Um sie herum die verstockten Blicke matter Gestalten. Bücher wurden aufgeschlagen und wieder geschlossen. Ein vehement nickender Student warf ihr österliche Blicke zu. Sie trank ihren Kaffee, stand auf und ging ins Treppenhaus, hinauf in den ersten Stock: auf der linken Seite die evangelische, auf der rechten Seite die katholische Bibliothek. Sie wählte die katholische Seite, setzte sich an einen Tisch, auf dem Bücher lagen, offensichtlich ihre Bücher, und fing an zu lesen. Mit einem Buch über katholisches Kirchenrecht setzte ich mich an einen Nebentisch. Plötzlich hörte ich sie flüstern, in Richtung meines Tisches.

    Wir schauten uns an.

    Wie gut mein Latein sei?

    »Wie bitte?«

    Ob ich gut in Latein sei?

    Ich antwortete auf Lateinisch: »Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur

    Sie blickte mit einem Ausdruck größter Hoffnung. Ihre nervösen Hände schienen nach mir zu greifen.

    Ob ich ihr bei einer Übersetzung helfen könne?

    Ich konnte kein Latein.

    Ich konnte nur diesen einen Satz.

    Ich hatte nicht einmal das Kleine Latinum.

    Sie hatte das Große Latinum.

    Ich gab ihr eine unentschiedene Antwort, gab vor, ich hätte nur (oder wenigstens) das Kleine Latinum.

    »Das macht doch nichts.«

    Sie kam mit ihrem Buch zu mir.

    Mit langen Fingern zeigte sie auf einen einzigen Satz.

    Stirnrunzelnd täuschte ich einen ernsthaften Versuch der Übersetzung vor.

    Für einen kurzen Augenblick glaubte sie, meine vernuschelten Mutmaßungen ergäben einen Sinn.

    Gemeinsam flüsternd versuchten wir uns an diesem einen Satz.

    Sie flüsterte mir ihre Vermutungen vor, und ich flüsterte sie zustimmend nach.

    Sie jedoch stimmte weder mir noch sich selbst zu.

    Auf diese Art versuchten wir uns minutenlang.

    Ich atmete ihr Haar.

    Sie hörte nicht mehr auf meine zustimmenden oder aufmunternden Worte.

    Ich hätte ihr Englischnachhilfe geben können.

    Ich spreche fließend Englisch.

    Ich antwortete ihr sogar auf Englisch: »This is indeed an intriguingly intricate question.«

    Sie ging darauf nicht ein.

    Später fragte sie mich, welche Theologie ich studiere: »Katholisch oder Evangelisch?«

    »Katholisch.«

    Immerhin bin ich katholisch getauft.

    Meine Antwort schien sie zu erleichtern.

    Dann fragte ich sie, womöglich eine absurde Frage, doch ich fragte sie, welche Theologie sie denn studiere?

    Sie lachte – als liebte sie meinen Humor – und sagte: »Evangelisch.«

    Dabei warf sie ihr Haar zurück – wie evangelisch.

    Gemeinsam machten wir eine Pause, verließen die Bibliothek und standen einige Minuten im Treppenhaus. Eine Sekunde lang wäre es denkbar gewesen, uns in die Arme zu fallen. Eine Sekunde!

    Das Leben, so denke ich, hält einem jeden eine Sekunde bereit, wenigstens eine Sekunde, die einem bestimmten Menschen gilt, die nur einem einzigen Menschen zugedacht ist. Ein Tag hat 86 400 Sekunden, ein Jahr bereits 31

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