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Erbarmen: Novelle
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eBook42 Seiten37 Minuten

Erbarmen: Novelle

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Über dieses E-Book

Über die Liebe, über Phantaisen und Realität, erzählt aus der Sicht einer Frau

Dass Hermann Peter Piwitt eine Frau erzählen lässt, in Ich­Form, ist gewiss eine Überraschung. Und sie gelingt! Vielleicht weil der Autor sich selbst und seine Geschlechtsgenossen, so aus ironisch­komischer Perspektive in den Blick nehmen kann. Nach einer eher leidenschaftslosen Ehe, die durch den Unfalltod des Ehemannes ihr Ende gefunden hat (nicht unbedingt ein glückliches, genau genommen), scheint nun alles anders zu werden. Henrik, ein Schriftsteller, ist ins Leben der Erzählerin getreten.
Für die beiden nicht mehr ganz jungen Menschen bietet sich endlich die große Chance, Waghalsiges zu riskieren, Phantasien auszuleben. Jeden Moment kosten sie aus, indem sie sich gänzlich einander hingeben. »Da wir aneinander verloren, verlor sich auch der Alltag in uns", wird sich die Erzählerin erinnern. Wenn nur dieser sonderbare Wunsch von Henrik nicht wäre, ein »Liebesbeweis", wie er es nennt. Hartnäckig hält er daran fest. Aber könnte er dessen Erfüllung überhaupt ertragen?
Piwitt zeigt sich einmal mehr als genauer Beobachter und virtuoser Erzähler zwischenmenschlicher Verstrickungen und leiser Momente. »Erbarmen" ist eine melancholische und bisweilen tragikomische Novelle über Sehnsucht, Täuschung und Selbsttäuschung.
SpracheDeutsch
HerausgeberWallstein Verlag
Erscheinungsdatum30. Juli 2012
ISBN9783835321878
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    Buchvorschau

    Erbarmen - Hermann Peter Piwitt

    978-3-8353-2187-8

    Die Hortensien verblassen, werden braun und welken. Ich hatte sie im Herbst tief heruntergeschnitten, und sie waren darüber schöner und reicher aufgeblüht. Ich hatte den Ratschlag eines alten, fast hundert Jahre alten Gartenbuchs befolgt, das mir Henrik einmal geschenkt hatte. Henrik, er hieß so; bevor ich ihn noch so nannte. Henrik. Er bestand darauf. Er war schon etwas über sechzig, als wir uns kennenlernten. Ich hatte noch keine vierzig. Als er kaum ein Jahr später starb, ging ihm die Weissagung nicht in Erfüllung, an die er geglaubt hatte, nämlich dass er neunzig würde. Er nannte sie das ›Frau-Sauer-Projekt‹. Oder einfach das ›Sauer-Projekt‹. Er erinnerte mich noch einmal daran, ein paar Wochen vor seinem Tod. Mutter sei es gewesen, die den Kleinen eines Tages im Krieg mit der S-Bahn in die noch unzerstörte Stadt, nach Altona, mitgenommen habe zu einer Hellseherin, einer Frau Sauer eben. Sie habe in einer düsteren alten Wohnung gehaust mit schwarzen, vor sich hinbröselnden und knackenden Möbeln. Bröselnd und knackend, es waren seine Worte. Viele Jahre lang sei darin wohl nicht gelüftet worden, sagte er; so habe es darin gestunken, nach Katze und alter Frau unterm Arm; er drückte es so aus. Frau Sauer habe sie gebeten, Platz zu nehmen und Kaffee und Plätzchen dazugestellt. Dann habe sie nach des Kleinen linker Hand gegriffen, mit einer Nadel unterhalb des Daumenballens leicht hineingestochen und gesagt: Um Gottes willen, Ihr Sohn wird neunzig!

    Er lachte. Aber das glaubst du mir wieder nicht, oder?

    Die Bäume draußen sind kahl inzwischen und stehen wie eingeschweißt in Nebel. Die Hortensie wird ein paar Blüten über die ersten Nachtfröste retten. Die letzte Nachtkerze ist gegen Morgen erloschen. Und der Winter kann kommen in das alte Haus, das mir mein Mann hinterlassen hatte. Alexander; möge er denn so heißen. Auch er starb; bei einem Unfall auf der Autobahn, einem Unfall mit dem Motorrad, genau genommen. Ich hatte ihn im Taxi kennengelernt. Ich hatte, geistesabwesend, auf einen Doktor der Philosophie hin studiert. Ich hatte, noch als Schulmädchen, den ganzen Nietzsche gelesen. Die Bücher waren voll von Ausrufezeichen und an den Rand geschriebenen Entzückungsschreien. Später bestand ich darauf, dass es die ersten Bücher gewesen seien, die ich überhaupt gelesen hatte. Das stimmte nicht. Früher noch las ich die ›Hasenschule‹.

    Zehn Jahre später verstand ich seinen Nachruhm als einen Akt der Wiedergutmachung durch das schlechte Gewissen an einem zu Lebzeiten unentdeckten Talent. Damals war der Nietzsche-Kult gerade wieder aufgeblüht, vor allem in Frankreich. Da war ein leibhaftiger Deutscher, rätselhaft und verworren, dunkel und seherisch, und die Franzosen flogen drauf; intelligent waren sie schließlich selbst. Ich erledigte die ganze Lebensphilosophie in seiner Nachfolge gleich mit; für mich fiel sie noch hinter Kant zurück. Wie immer der Jüngere recht hatte, den Älteren einen ›Begriffskrüppel‹ zu nennen.

    Mein Professor, damals, war ein Milchbart. Er hatte sogar einen. Ein dünnes Bärtchen auf der Oberlippe. Wir trafen uns bei einem Wein. Er versuchte mir auszureden, was sich als Doktorarbeit ins Unermessliche auswuchs und eh nicht mehr zu beenden war. Er murmelte etwas von Assistentenstelle, für den Fall, dass ich ihm verspräche, mich bei einem andern Thema kurzzufassen.

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