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Old Danube House: Roman

Old Danube House: Roman

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Old Danube House: Roman

Länge:
345 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
2. Juni 2014
ISBN:
9783709973639
Format:
Buch

Beschreibung

Wien, Moskau und Sarajevo sind die Schauplätze dieses Romans, in dem es u.a. um die Frage geht, was für die meisten Menschen heute das eigentlich Fremde ist: die Zuwanderer aus anderen Kulturen, die technikbesessenen jungen Leute und ihre Rituale, die verdrängte Vergangenheit oder die ungewisse Zukunft. Der Quantenphysiker Johan Nichol gerät durch die über das Internet verbreitete Nachricht vom Selbstmord des bosnischen Physikers Nicola Sahli in eine existenzielle Krise. Der geheimnisvolle Kollege wird zur Schlüsselfigur bei der Suche nach Sinn und Mut im Beruf wie im Privatleben. Er fährt nach Sarajevo und findet jenes Old Danube House, wo Sahlis Vater mit Adoptivkindern verschiedener Nationalitäten ein multikulturelles Experiment verfolgt hatte ...
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Freigegeben:
2. Juni 2014
ISBN:
9783709973639
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Old Danube House - Walter Grond

Rises

DIE E-MAIL

ICH FÜHLE MICH

Geistesabwesend suchte Johan Nichol nach seinem Wohnungsschlüssel, darum fiel ihm die Maus zuerst gar nicht auf: Ihre Überreste, der Kopf und der Schwanz, lagen auf dem Fußabstreifer vor der Tür.

Marina lehnte an der Wand und umfaßte mit beiden Händen den Saum ihres Webpelzmantels. Sie rieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger; der Mantel war aufgeknöpft. Ihr Gesicht war weich, und ihre Zunge befeuchtete die Lippen. Die kurzen Haare ließen sie noch jünger aussehen. Der spitzbübische Schnitt, mit dem sie ihn in der Ankunftshalle überrascht hatte, ließ die Ohren frei, die dunklen Brauen betonten ihre Augen. Marina war schön, sie regte ihn auf. Ihre Hand griff an den Mund, sie biß sich in die Unterlippe.

Am Tragegriff von Nichols Koffer hingen noch die Schleifen des Moskauer Flughafens. Endlich fand er den Schlüssel, sperrte die Tür auf, bückte sich und wickelte den Mauskadaver in ein Taschentuch.

„Katzenliebe", sagte Nichol, nicht ohne bitteren Ton.

„Mach schnell, Chéri."

Die Katze der Nachbarin nervte ihn. Er schaute ihr nicht in die Augen, aber das Vieh verstand seine Reserviertheit falsch und schmiegte sich gern schnurrend an ihn. Von Zeit zu Zeit jagte sie im Hinterhof und legte ihm dann Mäuse vor die Tür. Angewidert schmiß er jetzt die Überreste der Maus in den Müllschlucker. Beim Zurückgehen streifte er am Pelzmantel, Marina zog ihn an sich und küßte ihn auf die Schläfe, das Haar, das schon grau war.

In der Schlafzimmertür drückte Marina die Fingernägel in seinen Rücken, und er fühlte sich stark, und sie war laut und wild. Dann lag Nichol schwitzend auf dem Futon und blickte sich um, als hätte er dieses Zimmer gerade erst erobert. Das Bett, auf dem er lag, stand diagonal gegenüber der Tür, umgeben von blauen Tapeten. Alles war ausgeklügelt, nach Feng-Shui-Regeln geordnet, der Spiegel mit Brokatstoff verhangen.

Hatte er sich nicht gerade mit einem Gespenst vermählt, seine Poren zum Atmen und seine Öffnungen zum Auseinanderklaffen gebracht? Es hatte sich vor Lust gewunden, außer sich. Er lag neben Marina, die seit sieben Jahren seine Frau war, und dachte an Katharina, die er vor fünfundzwanzig Jahren geliebt und nun in Moskau wiedergesehen hatte. Vielleicht nippte auch die Russin gerade an einem Wasserglas, aus der verbotenen Zone zurückgekehrt wie er.

Er stellte das Glas auf das Nachttischchen zurück, Müdigkeit überkam ihn. Eine kriegerische Energie hatte ihn getrieben, er war bei Marina, vielleicht bei Katharina gewesen und hatte in einer Art Raserei die Verstörung niedergerungen. Marina saß am Fußende des Bettes, auf dem er sich streckte und sich umblickte, satt und leer.

In der Fensteröffnung baumelte eine Kristallkugel, die Nachttischlampen spendeten weiches Licht. Marina litt an chronischen Rückenschmerzen. Für das Verharren der Qi-Energie, wie sie das nannte, unternahm sie alles. Die Wohnung war von einer befreundeten Innenarchitektin nach den Regeln chinesischer Meister und doch wie ein New Yorker Loft entworfen, kühl und hell, mit Anklängen von Ethno- wie von Industriedesign, elegant durch die Verwendung teurer Materialien. Nichol bewegte sich in diesen Räumen, wenn nicht wie ein Fremder, dann wie ein Gast.

Ein Fluß der Zufriedenheit durchströmte jetzt seinen Körper, ein warmer Strahl, der nicht über die Haut rinnt, sondern inwendig die Organe umspült. Die Beine angewinkelt, vergrub Marina ihren Kopf im Schoß.

„Es war schön. Wie am Anfang", sagte er.

Sie antwortete nicht.

„Es war schön. Du bist so offen gewesen."

„Ich habe mich schrecklich gefühlt, sagte Marina, „ich fühle mich so hurenhaft.

„Erinnerst du dich an unsere Flitterwochen?"

„Hurenhaft fühle ich mich." Sie hob den Kopf und blickte ihn an.

„Du weinst ja."

„Nein."

Tränen waren da keine – mochte er sich auch welche gewünscht haben. Marina tätschelte seine Hand, ihr Blick aber war kalt.

Vor sieben Jahren hatte er sie in Marina San Giusto, dem Yachthafen von Triest, kennengelernt. Der heiße Augusttag hatte die sandsteinernen Paläste noch träger in die Bucht plaziert, und oben am Hügel flimmerten die Zypressen in der dunstigen Luft. Er mühte sich mit einem Bootshaken ab, versuchte, seinen Katamaran vom Steg loszubinden. Ein Fender klemmte am Poller, an dem das Boot verknotet war, Nichol stöhnte und fluchte. Am äußersten Ende des Kais saß eine dunkle Frau auf einem schweren Tau; sie hatte langes, schwarzes Haar, spielte mit dem Kettchen an ihrem Knöchel, die Sonnenbrille im Haar, und ihre Augen ließen ihn nicht los. Sie kam zu ihm herüber und half, das Boot loszubinden. Dann saßen sie an Deck, die Beine baumelten im Wasser.

„Woran denkst du?" sagte Marina.

„An Marina San Giusto und an das Boot."

„Ich sagte, ich heiße Marina, und du hast mich nicht Hafen und nicht Nixe und nicht Welle genannt. Das machte dich unwiderstehlich, weißt du?"

„Ich seh die verblüfften Gesichter deiner Studienfreunde noch vor mir. Die frischgebackene Doktorin der Kunstgeschichte macht sich mit einem graumelierten Mann in die Ägäis davon."

„Mit einem Physiker, noch schlimmer."

Sie lachten beide.

„Es war unglaublich."

Es war wirklich unglaublich, sagte sich Nichol. Berauscht waren sie am Strand gelegen. Der Sand hatte ihre Poren verklebt, und sie kletterten zwischen die Klippen, bis zu einer Mulde, die man nicht einsehen konnte. Seine Knie waren zerschunden, ihre Handballen aufgerissen, und einen Sprung entfernt planschten Mütter und Kinder im Wasser.

„Ich fühle mich so hurenhaft."

Er schwieg.

„Ich nehme ein Bad." Marina schlüpfte in den Morgenmantel und ging hinaus.

Er verlor sich in seinen Gedanken an Moskau, an den Nanotechnik-Kongreß, an das Wiedersehen mit Katharina. Er sah sich durch Moskau fahren, durch die Stadt, die für ihn das Fremde, das Böse schlechthin verkörpert hatte. Sah die Russin, die er vor fünfundzwanzig Jahren geliebt hatte, und die ihm, dem jungen Studenten und ehemaligen Klosterschüler, wie eine süße Botin des Bösen erschienen war. Gefährlich und sündig, animalisch, er dachte daran, wie verführerisch sie ihm erschienen war, und schlummerte ein.

Er stand vor dem Hotel Ukraina, der Morgen war sonnig und bitter kalt wie vor wenigen Tagen. Er traf am Fuß der Freitreppe auf Katharina, sie reichte ihm die Hand, und er schaute ihr nicht in die Augen. Katharina Tschodorowa trug einen schweren Mantel, darunter schwarze Jeans, ihren Wollschal hatte sie wie ein Tuch über den Kopf gezogen. Blond gefärbte Strähnen fielen in ihre Stirn, ihre Haut war sehr weiß.

„Damals wolltest du Moskau nicht besuchen, sagte sie, „aber ich zeig dir gern ein Stück davon. Eine zerbrochene Scherbe, sagt man?

Der städtische Bus 616, in den sie stiegen, war ein älteres Modell, hart gefedert, mit automatischen Türen, kunstlederbespannten Sitzbänken, gepflegt. Es war so still hier, und lauter blasse, weiße Menschen nahmen schweigsam Platz und schwiegen auch während der Fahrt.

Er schaute zum Fenster hinaus und schlug verschämt den Pelzmantel zu, verdeckte den Kragen seines teuren Pullis aus Kaschmirwolle. Ein säuerlicher Geruch lag in der Luft. Dann rutschte Katharinas Handtasche auf den Boden, sie bückten sich beide, ihr Gesicht war dem seinen ganz nahe. Abrupt richtete sich Katharina wieder auf und deutete auf die Erlöserkirche, an der sie gerade vorbeifuhren.

„Die russische Seele, sagte sie spöttisch, „Stalin hat die größte Kathedrale Rußlands schleifen und durch ein Schwimmbad ersetzen lassen. Das war seine erste Großtat und serr wichtig für ihn. Jetzt hat man sie in drei Jahren wiederaufgebaut, das ist die erste Großtat der orthodoxen Kirche und serr wichtig für den Patriarchen. Da scheut man keine Kosten. Der Patriarch wird die Erlöserkirche um Mitternacht zur Jahrtausendwende einweihen.

„Wie künstlich das alles wirkt."

Löschen und Ersetzen, digitale Codes, technische Landschaften, die Herrschaft der Vorstellungen, gingen es Nichol durch den Kopf. Müßte nicht Marcel Hofer, sein Lieblingsstudent, Linux-Hacker und Cyberwelt-Bewohner, davon begeistert sein? Hier schien es keine Eigentumsrechte zu geben, keinen Widerstand gegen die Entscheidung, eine ganze Stadt umzugestalten. Wie mit revolutionärer Geste aus einer Kathedrale ein Schwimmbad gemacht worden war, wurde jetzt aus dem Schwimmbad eine Kathedrale rückgeformt, mit einer Perfektion, die diese Kirche unwirklich, weil echter als echt erscheinen ließ.

„In Moskau gestaltet man Bauten nicht um, sondern ersetzt sie, sagte Katharina, wie um seinen Gedanken zu bestärken, „die Stalinisten haben schnell alles niedergerissen. Und jetzt baut man die Vergangenheit schnell wieder auf.

Er spürte seine trockene Zunge, auf der das Wort Sünde lag. Die Erlöserkirche, die der städtische Bus in einem weiten Bogen umkreiste, schoß geradezu aus dem Boden, bis ins Detail dem Original gleich, eine Masse aus Gold, weißem Kalkstein, Marmor und Glas, ein monströses Souvenir, ein in die Stadtlandschaft projiziertes Bild, überscharf, golden funkelnd.

„Die Russen sind ein serr religiöses Volk."

Katharina legte ihre Hand auf die seine.

„Wie konnte Stalin ihren Glauben unterdrücken?" fragte er.

„Sie glauben einmal an Gott, einmal an Stalin."

Sie fuhren einen Boulevard hinauf, breit wie eine Stadtautobahn, gesäumt von gläsernen Großbauten aus den sechziger Jahren, mit Schaufenstern in den unteren Etagen. Die Namen der Firmen – für Parfums, Kleidung, Zigaretten, Getränke – erkannte Nichol, auch wenn sie kyrillisch geschrieben waren, an ihren Logos. Die Hauptstraßen stiegen zum Burghügel an und führten sternförmig zum Kreml.

„Wir sitzen im Bus 616, sagte Katharina, „es war in Sowjetzeit Bus 666. Ist die Zahl des Teufels in der Apokalypse. Man sagt heute, zwischen Teufel und Kommunisten besteht Konkordanz. So möchte man nicht mehr mit Bus 666 fahren.

Moskau verzweigte sich nicht labyrinthisch, sondern war im Entwurf schnell zu verstehen, geometrisch und klar, auf dem Reißbrett gezeichnet. Als würde er von einem Auge aus den Wolken beobachtet, fühlte sich Nichol gelenkt und zugleich anonym. Der Gedanke des Verschwindens reizte ihn, Moskau war ein urzeitlicher Prototyp für eine Weltraumstadt. Für seinen Eindruck, stets von hoch oben beobachtet zu werden, gab es eine Erklärung. Riesige bronzene Statuen, Denkmäler von einem ihm unbekannten Ausmaß, schauten auf den Passanten herunter, Monumente von Lenin, von Kosmonauten, Dichtern, Denkern, Generälen, Soldaten.

Dabei war Moskau amerikanischen Metropolen nicht unähnlich, den Skylines der Stalin-Wolkenkratzer nach zu urteilen, und, je näher sie dem Kreml kamen, auch Paris nicht. Hier waren doch einige verwinkelte alte Gäßchen und Korsos zwischen den breiten Boulevards. Da sich nun für Nichol der blinde Fleck auftat, glaubte er Katharinas einstigen Traum zu begreifen. Er meinte, sie wie vor dreißig Jahren die Weltrevolution erklären zu hören und dann, für einen Augenblick, die Massen im Echo ihres Gleichschritts durch die Straßen ziehen zu sehen.

Auf dem Stadtplan hatte er diesen und jenen Platz angekreuzt, jene Häuserecke, jenen Hinterhof und jene Brückenunterführung, wo Menschen erschossen oder zu Tode geprügelt worden waren. Hatte sich auch Katharina schuldig gemacht? Er geriet in ein hysterisches Lachen.

„Ich weiß", seufzte sie.

Daraufhin schaute er ihr in die Augen und glaubte in diesem Weiß zu verschwinden. Weit aufgesperrt waren ihre Lider, und er versuchte, an ihren schwarzen Wimpern, die lange unbewegt blieben, Halt zu finden. Ihr Haar war kürzer geschnitten, mit dem Pagenkopf wirkte sie sehr weiblich und zugleich burschikos. Um Mund und Augen entdeckte er Fältchen. Er betrachtete das blasse Gesicht mit den hohen Backenknochen und den schmalen Lippen, und plötzlich regte ihn wieder alles an Katharina auf.

„Katharina, nein!" schüttelte er heftig den Kopf.

„Was soll man machen?" Sie zuckte die Achseln und schaute ins Leere.

Während der Bus hielt und Katharina ihn vor der Leninbibliothek in die Straßenunterführung wies, empfand er Wehmut. Sie kamen in der unterirdischen Passage an den Kiosken vorbei, an Frauen, die Holzpüppchen, Bonbons und Blumen feilboten.

„Was soll man machen", wiederholte die Russin.

„Du führst oft Gäste aus dem Westen?"

„Zwei Gäste jede Woche."

„Privat?"

Sie schüttelte den Kopf. „Machen viele Moskauerinnen. Wir brauchen dafür einen staatlichen Fremdenführerpaß."

„Ich darf dich hoffentlich einladen", sagte Nichol.

Space Frontier Foundation macht das."

Auch vor der Brücke, über die man in den Kreml gelangte, holten Frauen die bunten Holzpüppchen aus alten Einkaufssäcken hervor und reihten sie auf kleinen Campingtischen auf, Puppen, in denen – immer kleiner – fünf, sieben oder neun Doubles steckten. Neben den alten Motiven, dem Mädchen in bunter Bauerntracht, der Madonna und den Tieren, gab es Matrjoschkas, die die Ahnenreihe der KPdSU nachäfften, mit Karikaturen von Lenin bis Gorbatschow.

„Ich führe dich gern durch Moskau", sagte Katharina.

„Ich bin doch kein Fremder für dich. Das ist sehr eitel von mir, verzeih."

„Nicht Verzeihung. Das ist mein Moskau."

„Dein Moskau, ja. Hast du Kinder?"

„Nein, nein, Herr Professor Nichol, du kannst über mich verfügen, ich habe Zeit für dich."

„Keine Kinder?"

„Zwei Töchter, dreizehn und fünfzehn."

„Und dein Mann?"

„Ich habe Glück."

„Auch Physiker?"

„Die Russen hängen serr an Familie. Aber es ist normal, daß Frauen arbeiten und eigenen Weg gehen. Wenn Russen betrunken sind, prügeln sie ihre Frau. Ich habe Glück."

„Dein Mann?"

Sie ging auf diese Frage nicht ein.

Vor der Brücke zum Kreml versperrten mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten den Weg. Danach war ein Metalldetektor zu passieren.

„Und deine Kinder?" fragte Katharina.

Er schüttelte den Kopf.

„Du warst kinderliebend, das liebte ich damals an dir."

„Marina ist eine unabhängige Frau."

Um nichts in der Welt wollte Nichol in diesem Augenblick die terrakottafarbene Brücke zur inneren Kremlmauer überqueren. Im Torbogen briet eine Frau Würstchen auf einem Gasgriller. Stoisch lächelnd und rauchend bot sie Zigaretten und Cola an.

„Was ist mit dir los, Johan?"

„Ich mache mir nichts aus Denkmälern."

„Das ist es doch nicht."

„Ich mache mir nichts aus Denkmälern."

Katharina lächelte, und ihm war danach, aus der eigenen Haut zu fahren. Da legte sich über Katharinas Lächeln Marinas Mund, und er meinte, Marinas Atem zu hören.

Dieser Kirchturm dort drüben hinter der Kremlmauer war von einem Florentiner erbaut, jene Balustrade von einem Venezianer errichtet, dieser Turm der Phantasie eines Madrilenen nachempfunden, jene Fassade der französischen Klassizistik gleich. Das Gold und die Kronen, die prächtigen Kleider, die Zepter, Kutschen und Tapisserien, die Ikonen und das Porzellan waren Gastgeschenke, die die europäischen Kaiser, Könige und Fürsten über Jahrhunderte den russischen Zaren dargebracht hatten.

„Johan? Chéri, wach auf."

Er spürte einen Mund auf seinem.

„Chéri, wach doch auf."

Als er die Augen öffnete, sah er Marina, die sich über ihn beugte.

Noch hatte er die Bilder im Kopf, wie er mit Katharina entlang der Kremlmauer über spiegelglattes Eis geschlittert war. Die Russin hatte ihn gestützt, ihm gezeigt, wie man sicher über das Eis kam. Und dort vor der Gedenkstätte für den unbekannten Soldaten waren Uniformierte im Stechschritt der Kremlmauer entlang marschiert, von Schulkindern beobachtet, die ringsum standen. Mit der Ölflamme, die aus einer Öffnung im Boden flackerte, waren schwarze Rauchschwaden in die eisige Luft gestiegen.

„Du bist eingeschlafen, und wir haben noch gar nicht gegessen, hörte er Marina sagen. Sie kniete auf dem Bett, über ihn gebeugt, frisch gekämmt und geschminkt. „Schön, daß du wieder da bist, sagte sie und küßte ihn auf den Mund. „Ich werde uns den Kaviar, den du aus Moskau mitgebracht hast, servieren und einen schönen Weißwein öffnen."

„Hm."

„Auf dem Balkon."

„Stell dir vor, sagte Nichol, „mit wem ich in Moskau einen ganzen Abend verbracht habe?

Marina lachte triumphierend. „Mit Albert Stadler? Finde ich schön."

„Mit Stadler, ja. Wir haben furchtbar viel Wodka getrunken, Albert war gar nicht unangenehm."

„Finde ich schön, daß du dich endlich mit deinem Kollegen verträgst."

„Er ist ein so altmodischer Mensch."

„Albert kann ein sehr charmanter Mann sein."

Marina öffnete die Knöpfe und streifte das Hemd, das sie für ihn ausgewählt hatte, über Nichols Kopf.

DAS BÖSE

Nichol ging in den Wintergarten hinüber. Auf dem Balkon, auf dessen gläsernem Flachdach noch Schnee lag, züchtete Marina Schlingpflanzen, Kakteen, Palmen und Oleander, Feigen und Ziersträucher. Er machte es sich auf dem Rattansofa bequem. Auf den schrägen Glasflächen funkelten die Straßenlichter.

Marina brachte den Wein und den Kaviar. Sie trug ein weißes Kleid, einer Tunika ähnlich, weit wallend und unter den Achseln von zwei dünnen Schulterträgern gehalten. „Ich hab es gerade gestern erstanden."

„Steht dir gut."

„Du hast gar nicht hingesehen."

„Doch. Orientalisch. Es wirkt orientalisch."

„Laura Biagiottis Tuniser Kollektion."

„Siehst du. Und dein kurzes Haar paßt auch dazu."

Er massierte ihren Rücken.

„Schön, sagte sie, „das ist schön.

„Geh doch wieder zur Physiotherapie."

„Hilft nicht."

„Es wird dir helfen." Er zog ihr das Kleid bis zur Hüfte und knetete die Muskeln zwischen den Schulterblättern. Ihre Haut war kaffeebraun und weich.

„Ich empfinde immer stärker, daß es um etwas anderes geht."

„Wie meinst du das?"

„Daß mein Rücken dauernd schmerzt. Ich finde mich nicht."

„Hm."

„Ich bin froh, daß du wieder da bist. Ich habe mir Sorgen gemacht."

„Nicht doch, Liebling."

Moskau war weniger weit von Wien entfernt als Paris. Die Russen kommen. In seiner Kindheit war der Russe ein anderes Wort für das Böse gewesen, und in der Schule hatte man ihm eingetrichtert, seit Hunderten Jahren müßten europäische Feldherren Kriege führen, um zu verhindern, daß die Russen kommen. An den kinderfressenden sibirischen Horden, kinderfressenden Popen, kinderfressenden Bolschewisten und kinderfressenden Mafiosi hatte sich im Grunde nie etwas geändert. Moskau war sein blinder Fleck, wenigstens für jenen Teil von ihm, der nicht nur in Berkeley studiert hatte, sondern auch gern von sich behauptete, auf wissenschaftlichen Tagungen in Toronto, Sydney, Bombay oder Kapstadt zu Hause zu sein.

„Ich habe mir Sorgen gemacht", wiederholte Marina.

„Das Moskauer Universitätsinstitut", sagte er ausweichend, „arbeitet für die Space Frontier Foundation, eine amerikanische Stiftung, die auch den Kongreß finanziert hat."

„Du hörst mir nicht zu, Johan."

„Eine Russin sagte zu mir, Moskau ist so gefährlich wie Düsseldorf. Wir haben schreckliche Vorurteile. Wenn Tante Brigitta uns Kinder nicht bändigen hat können, drohte sie, daß die Russen kommen."

„Haben alle Mütter gesagt."

„Deine Mutter doch nicht? Ist nicht möglich. Deine Mutter ist kaum älter als ich."

„Mein Vater behauptete, die Russen vergewaltigen manisch Frauen, stürmen die Museen und trinken den Alkohol, in denen die Leichenpräparate schwimmen."

Die Russen kommen, wiederholte Nichol, „irritiert mich noch immer. Dabei hatte ich als Student eine Russin gekannt ...

Sie blickten sich eine Weile in die Augen. Aus Gewohnheit versuchte Marina, die Fransen, die sie nicht mehr hatte, aus der Stirn zu streichen, und Nichol drehte sein leeres Glas in der Hand. Dann lachten sie beide.

„Ein schönes Sammlerstück, der DeSede-Stuhl", sagte Nichol.

Marina setzte sich in den schwarzen Lederfauteuil mit den geschliffenen Stahlbeinen.

„Cheers."

Sie hatte einen winzigen Tick, sog ständig im Mundwinkel Luft ein. Nichts hatte Spuren in ihrem bronzenen Gesicht hinterlassen, jenem Gesicht mit den vollen Lippen, ein wenig exotisch, leicht afrikanisch modelliert. Sie war makellos, und alles, was sie anfaßte, bekam diesen Geschmack.

„Verlierst du dich wieder? sagte sie, balancierte ihr Cocktailglas geschickt in der Hand. „Mon cher étranger ... im eigenen Heim ...

„Ich bin nur müde", meinte er verlegen.

Sie küßte ihn auf die Stirn. „Ich leg mich ins Bett."

„Meine Gedanken, weißt du, sind noch in Moskau."

„Laß sie in Moskau, ich war mit dir ganz zufrieden ohne sie. Und komm nicht zu spät ins Bett. Du mußt morgen wieder ins Institut."

Noch gestern, auf dem Roten Platz, war er breitbeinig vor den Kränzen und Blumen an Stalins Büste stehengeblieben, Katharina hinter ihm, ein gutes Stück entfernt. Ohne die Kränze zu beachten, war sie auf ihn zugekommen. Der Schnee schluckte ihre Tritte, und in diesem Augenblick erinnerte er sich an jenes Geräusch von schleifenden Schuhen. Er hatte früher diese Art zu gehen mit Katharinas Charakter in Verbindung gebracht. Sie war aggressiv, aber auch träge; anschmiegsam, aber auch schroff. Genauso zerbrochen hatte er sie in Erinnerung. Aus dem Nichts, schien es, war sie vor fünfundzwanzig Jahren aufgetaucht, während einer Veranstaltung des Kommunistischen Studentenverbandes, Genossin Katharina, internationale Kommissärin und Abgesandte der sowjetischen Bruderpartei. Er, Nichol, hatte nur einen Studienkollegen begleitet, und dann spürte er ihren festen Handgriff, ihre sehnigen Finger: daran hatte er sich erinnert, als wäre das alles gestern geschehen.

Katharina war vor ihm stehengeblieben, er hatte ihren Atem gespürt, und die Vergangenheit war wieder erwacht, das verrauchte Hinterzimmer, die Plakate von Marx und Engels, die roten Wimpel auf den Tischen, die mechanische Kopiermaschine. Zwischen all dem antiimperialistischen Inventar leuchteten die Augen der russischen Genossin, die – wie er selbst – Physik studierte, aber Revolutionärin war, eine atheistische Heilige. Ein junger Bursche war er damals gewesen, ein Anarchist, wie er geglaubt hatte, ein wenig wütend und wild, und doch klar und vernünftig.

„Eine Sache ist mir nicht aus dem Kopf gegangen", sagte er zu Katharina.

„Du stellst serr selbstgerechte Fragen. Sie verschränkte die Arme wie damals und hielt die rechte Hand, zur losen Faust geballt, kontrolliert zur Brust hin. „Revolution war nie Spiel.

„Ich wollte ein Anarchist sein, es war schick, und ich wollte von meiner katholischen Kindheit loskommen", sagte er.

„Auch ich war nur ein Spiel für dich", sagte sie bitter.

Um die Gespenster zu verscheuchen, drückte Katharina ihm einen Kuß auf die Lippen, er sah sie am Bettrand seines Studentenzimmers sitzen, und er hörte sie ihn beschwören. Der politische Feind würde als gefährlicher eingestuft als der Klassenfeind, und unaufhaltsam mahle das Rad der Geschichte. Er sah jetzt die junge Genossin in ihrer Lederjacke vor ihm stehen, mit ihrem roten Halstuch, spartanisch uneitel, und er malte sich unter ihrem Mantel die schmalen Hüften und großen Brüste aus.

„Was soll man machen? Johan, ein Mann ließ die Nachbarn abholen, und wenn der Nachbar nicht zurückkam, hat das das Leben nicht serr verändert. Viele haben gesehen, daß einer aus dem Souterrain immer höher aufstieg, von einer Nachbarswohnung zur nächsten, von einer kleinen zur nächstgrößeren. Dann kam er eines Tages selbst nicht zurück."

Katharina klang gleichgültig, an allem unbeteiligt. Der Stab, den er längst über sie gebrochen hatte, rückte sie in ein Licht, in dem sie für ihn verfügbar wurde, wenn auch nur für diesen Augenblick, vor den Kränzen und Blumen zu Füßen der Stalinbüste. Ihm fielen ihre dunklen Zähne auf. Katharina war in ihren Mantel eingepackt, wie vermummt im dunklen Fleck der eigenen Vergangenheit.

„Was soll man tun."

Er hatte sich längst ihren Körper ausgemalt, die Falten und Rundungen, die Haut und das Haar. Da tauchte aus dem Dunkeln des Kopfes der hochgeschossene Junge auf, der er selbst gewesen war. Der Klosterschüler stand während der Sonntagsmessen vor der Marienstatue, die ihn mit grausamer Güte anschaute. Spürte er nicht jetzt, hier auf dem Roten Platz, einen Schmerz in der Brust, jenes Ziehen, wie er es seit dem Tod seines Vaters immer wieder gespürt hatte?

„Zeig mir dein Moskau", sagte er und griff nach Katharinas Hand. Im grellen Sonnenlicht schimmerten die Eiskristalle im Haar.

Vor dem Leninmausoleum schritten Soldaten auf und ab.

Sie lächelte, mit einem Zucken der Mundwinkel. „Du möchtest Leichnam von Lenin sehen?" fragte sie.

Davor war eine kreisrunde Arena, über Jahrhunderte der öffentliche Hinrichtungsplatz.

„In Moskau gibt es zwei Sprichwörter. Altes Sprichwort heißt: Die Erde sei dir leicht wie Daunen. Und modernes heißt: Überleben ist harte Arbeit."

Vor dem Eingang zur Metrostation hatten sie haltgemacht.

„R

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