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Hundert Tage Alkohol: Kein Roman

Hundert Tage Alkohol: Kein Roman

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Hundert Tage Alkohol: Kein Roman

Länge:
173 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2012
ISBN:
9783707603781
Format:
Buch

Beschreibung

Ein verkrachter Sensationsjournalist aus Berlin-Mitte wird von einer Kollegin wegen sexueller Nötigung angezeigt und verliert die Nerven. Er flieht nach Österreich, um einem Prozess zu entgehen.

Während das Thema Deutschland in eine hysterische, aufgeheizte Stimmung versetzt, scheint sich in Wien niemand für seine Vorgeschichte zu interessieren. Im Gegenteil: Er erlebt einen verblüffenden sozialen Aufstieg in der Hauptstadt des ehemaligen Weltreichs, den er ausgerechnet einflussreichen Frauen verdankt, die ihn lieben, ja, einen Narren an ihm gefressen haben. Wie Georges Duroy in Guy de Maupassants Roman "Bel-Ami" von 1885 steigt der Protagonist in Joachim Lottmanns "Hundert Tage Alkohol" in der sozialen Hierarchie der in Wien noch intakten großbürgerlichen Bohème immer höher. Was in Berlin zu Anzeigen und Ächtung führte, bringt ihn in Wien erst recht voran. Die Uhren dort gehen anders. Das Nachtleben wird nicht von schlechtem Kokain, Beziehungs-unfähigkeit, neuer Armut und Bisexualität geprägt, sondern vom Alkohol.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2012
ISBN:
9783707603781
Format:
Buch

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Joachim Lottmann

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Joachim Lottmann

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Kein Roman

Czernin Verlag, Wien

Für C. Z.

Lottmann Joachim: Hundert Tage Alkohol / Joachim

Lottmann

Wien: Czernin Verlag 2012

ISBN: 978-3-7076-0378-1

© 2012 Czernin Verlags GmbH, Wien

Umschlaggestaltung: sensomatic

Umschlagfoto: Ingo Pertramer

Lektorat: Eva Steffen

Produktion: www.nakadake.at

ISBN Epub: 978-3-7076-0378-1

ISBN PDF: 978-3-7076-0382-8

ISBN Print: 978-3-7076-0380-4

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe

in Print- oder elektronischen Medien

D

ie Schweiz. Erst war Roman Polanski da, dann war Jörg Kachelmann da, und jetzt war ich da. Julian Assange habe ich noch vergessen. Der hätte wohl am besten hierher gepasst. So wie der fühlte ich mich inzwischen, nach der Anzeige. Eine gute Freundin hatte mich angezeigt, und das hatte mich, ehrlich gesagt, völlig aus der Bahn geworfen. Anstatt in aller Ruhe auf die falsche und doch auch harmlose Denunziation zu reagieren, anstatt lächelnd meine Angaben zu machen und alles weitere meinem bewährten Hausanwalt Dr. Mundt zu übergeben, war ich mit dem Auto nach Zürich gefahren. An der Grenze stoppten sechs Schweizer Polizisten mit Maschinenpistolen wild gestikulierend mein Fahrzeug. Ich dachte schon, dass nun alles vorbei sei, aber sie wollten nur, dass ich eine Vignette für die Benutzung der Autobahn kaufte. So fuhr ich weiter, und niemand ahnte, wer ich war.

Ich kam auf einem Bauernhof zwanzig Kilometer außerhalb Zürichs unter, einem mir bekannten Anwesen, das man in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts vielleicht Hippie-Bauernhof genannt hätte. Natürlich gab es dort keine Hippies mehr, aber immer noch viel Unordnung, seltsamen Hanf- und Gemüseanbau, geisteskranke Bewohner, streunende Tiere und brachliegende Geräteschuppen. Menschen meines Alters wurden an die muffige DDR unmittelbar nach der Abwicklung erinnert. Mein Plan war, hier ein bisschen nachzudenken. Vor allem über diese Frau, ich will ihren Namen nicht preisgeben, ich nenne sie jetzt einfach »Groupie«. Ja, ich will den richtigen Namen nicht noch weiter in meinem Kopf zementieren. »Groupie« klingt zwar doof, funktioniert aber für mich ganz gut als Name für diese ganz spezielle Person.

Solche Groupie-Geschichten beginnen immer mit der enorm schmeichelhaften und übertriebenen Verehrung, die einem das junge Mädchen oder, in diesem Fall, die gut aussehende, in blühender Reife stehende Frau entgegenbringt. Alle Bücher werden gelesen, auch die journalistischen Arbeiten, auch die Blogs, auch die letzten kleinen »gefällt mir«-Eintragungen auf Facebook. SMS-Nachrichten werden abgetippt und in ein Album geheftet – schon das sollte einen misstrauisch machen. Dann folgen die geselligen und gesellschaftlichen Aktivitäten. Das Groupie engagiert sich, organisiert Lesungen, schaltet Freunde ein, stellt Partys auf die Beine, schreibt selbst Texte, wird Teil des eigenen Netzwerks. Das Karussell dreht sich immer schneller, ein Aufbruchsgeist erfasst alle. Jeden Abend treffen sich die Freunde, die Kulturtreibenden, die Szene, und bald schon fühlen sich die ersten Feuilletonisten – oder das, was von ihnen im Internetzeitalter noch übrig ist – an das Paris Sartres, das Wien Peter Altenbergs oder das Köln Martin Kippenbergers erinnert. Es gibt wieder eine Bohème! Aber wem nutzt das? Für wen oder was wird der Zirkus Nacht für Nacht aufgeführt? Wer schläft mit wem? Zunächst einmal schlafen alle mit dem Groupie, daher ja der Name. Ich selbst aber hätte dazu niemals Lust gehabt. Nicht nur, weil ich pornografischen Sex nicht verstehe. Sondern, hinzukommend, weil ich mit Groupie nicht allein sein wollte. Ich fühlte mich unbehaglich, wenn ich mit ihr allein war. Der Gesprächsstoff ging uns rasch aus, besser gesagt mir. Einmal mussten wir auf ein Taxi warten, vor der Tür, und es kam nicht. Nach zehn Minuten hielt ich es nicht mehr aus und ich ging lieber zu Fuß weiter, bloß um nicht mehr mit Groupie konversieren zu müssen. Woran es lag, wusste ich nicht. Sie hatte doch Talent zum Schreiben, wirklich, und sie las alle meine Sachen, und mit allen verstand sie sich so gut. Freilich fußte ihr Erfolg vor allem auf Sexwitzen und kleinen pornografischen Anekdoten, womit sie alle pausenlos zum Lachen brachte. Auch ich fand diesen Zug an ihr eher nett als abstoßend, selbst wenn das Ganze oft unangenehm an die Vorlage, nämlich die zehn bis 15 Jahre alte US-Fernsehserie Sex and the City, erinnerte.

Nun, ich dachte mir, ich sollte endlich nicht mehr so streng mit den Menschen sein. Hier fantasierte sich eine Generation der »40-plus« oder der »35-plus« ein letztes Mal in eine längst vergangene Jugend hinein, in der noch unbeschwert konsumiert, gefeiert, Geld ausgegeben und gevögelt worden war – oder so ähnlich. Es war eine Simulation der späten 80er-Jahre, fand ich, und angesichts der realen Lage von 2011 nur zu verständlich. Das Internet vernichtete gerade die letzten bezahlten Arbeitsplätze in der Musik-, Buch- und Filmindustrie. 90 Prozent aller kreativen Jobs lebten einzig von Idealismus und Selbstausbeutung, also von dem, was Ibsen Lebenslüge genannt hätte. Gönnten wir also diesen rührenden alten jungen Menschen ihre letzte Party! Doch dann – kam die Anzeige …

Auch wenn ich pornografischen Sex, also diese Mischung aus Konsumismus und Sexismus, nicht mochte, ja nicht verstand wie eben schon gesagt, und auch wenn ich es vermied, mit Groupie unter vier Augen zu sein, empfand ich die Einsamkeit unmittelbar nach dem jeweiligen Party- und Saufabend doch als bedrückend. Ich hätte ins Bordell gehen können, da ich mit einigen Straßenmädchen, die direkt vor meinem Haus ihren Bereich hatten, befreundet war. Sie waren wirklich nett, und wenn die Nächte im Winter zu kalt wurden, brachte ich ihnen manchmal heißen Tee hinunter. Wir redeten gern miteinander, sodass der Sex mit ihnen nicht so entfremdet verlief wie zum Beispiel der von Groupie und ihren in die Jahre gekommenen »Sex and the City«-Karrierefrauen. Aber natürlich hätte ich mir doch noch mehr menschliche Nähe gewünscht, als das mit einer Prostituierten möglich war. Das sagte ich eines Tages unbedachterweise eben dieser meiner größten Verehrerin, Groupie, und zwar am Telefon. Daraufhin sagte diese, das müsse ich mir aus dem Kopf schlagen, sie würde mich nicht ficken. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Anstatt etwas zu sagen, schwieg ich entsetzt. Sie redete daraufhin weiter:

»Ich schätze dich als Schriftsteller, wirklich. Sehr sogar. Aber ich lasse mich nicht zwingen, oder überreden, oder mich sonstwie unter Druck setzen, mit dir in die Kiste zu springen.«

»W-was? Ich … ich meinte es doch menschlich! Also, ich finde, dass es mehr menschliche Nähe geben könnte, nach so einem langen Abend, ein Ausklingen, ein gemeinsames Besprechen all der Dinge, die man erlebt und erfahren hat in …«

Sie lachte hässlich und unterbrach mich:

»Und aus Mitleid ficke ich dich auch nicht. Und das gilt nicht nur für heute, sondern für immer!«

Ich begriff: Sie kannte nur Modus eins und Modus zwei. Modus eins war diese organisierte Unverbindlichkeit in der Gruppe, Modus zwei war Sex. Sie war einfach ein »Porn Victim«. Oder auf Deutsch: ein Opfer der zunehmenden Pornografisierung von Staat und Gesellschaft im Zeitalter des eskalierenden globalen Turbokapitalismus. »Menschliche Nähe« übersetzte ihr Gehirn zwanghaft mit »Sex«. Ebenso Privatheit, Intimität, jede Form der Zweisamkeit: alles automatisch Sex, und zwar der inhumane, reglementierte, kommunikationslose Pornosex, bei dem nicht zwei Menschen, sondern zwei Körper miteinander schliefen. Wo jede Bewegung eine andere erzwang und jede Freiheit, diese andere Bewegung zu unterlassen, unterdrückt war. Ein Horror. Ich verstand gut, dass Groupie das mit mir lieber nicht riskierte. Ich war in der Lage und fing mitten im Bewegungsablauf »give head« oder was auch immer ein Gespräch an. Jedenfalls: Wenn ich mich jetzt am Telefon weiter verteidigte, würde Groupie alles in den falschen Hals bekommen. Sie würde denken, ich wolle nicht nachgeben, wolle sie immer noch von meinem Standpunkt überzeugen, sprich: sie ins Bett kriegen. Andererseits konnte ich die Sache nicht einfach so im Raum stehen lassen. Ich sagte:

»Nein, also, versteh mich doch richtig. Dieses lustige Trinken unter Freunden, dieser fidele Gruppenzirkus jeden Abend ist zwar toll, echt jetzt, ich genieße es, aber es ist selbstverständlich nicht das, was man das Eigentliche unter Menschen nennen könnte. Da gibt es noch mehr.«

Ich merkte, wie nervös die schöne Angestellte – sie besaß als eine der Letzten noch eine Festanstellung im Kulturteil einer angeblich bürgerlichen Zeitung – auf Worte wie »das Eigentliche« und »menschlich« und vor allem auf »noch mehr …« reagierte. Auch auf verwandte Begriffe, die ich anschließend ins Feld führte, etwa »Privatheit« oder »die Wahrheit zwischen Menschen« und dergleichen. Es ging etwa zwanzig Minuten hin und her, denn ich versuchte wirklich, dieses Feuer des Missverständnisses auszutreten. Ich erinnere mich genau, dass ich einen klaren Gedanken hatte, den ich ausdrücken wollte, nämlich dass es zwischen organisierter Unverbindlichkeit und Pornografie noch etwas Drittes geben müsse, dass ich aber nicht zu sehr gegen den ganzen Pornozirkus wettern wollte, um sie nicht zu verletzen. Zwischendurch lockerte das Gespräch auch auf, und sie machte wieder ihre Sexwitze. Ich lachte arglos und höflich, noch mehr über ihre neueste Kaufrausch-Anekdote bei Wolford. Sozusagen ein kurzes »shoppen und ficken«-Update ihrerseits, wie in den besten Tagen. Doch am Ende wollte sie unbedingt ihre ideologische Position im Protokoll untergebracht sehen. Sie sagte erneut, mit mir nicht zu schlafen. Ich hätte, beraten von einem guten Anwalt, jetzt zerknirscht tun müssen und Folgendes sagen: Schade, echt scheiße für mich, aber es ist deine Entscheidung und ich akzeptiere sie. Stattdessen eierte ich weiter rum: Darum ginge es gar nicht, die existenzielle Nähe zweier Menschen müsse nicht zwangsläufig zu Sex führen. Ich fühlte mich wie Bill Clinton, der vor der Grand Jury ausgesagt hatte, er hätte Monica Lewinsky weder gefickt noch es vorgehabt. Sie glaubten dem Mann nicht mehr, er hatte schon zu viel gesagt. Und sie hatten mit 185 Millionen Dollar schon zu viele Steuergelder für alles ausgegeben, etwa für das Kleid, auf das die Lewinsky mühevoll die Samen platziert hatte, als dass sie nun den Mann noch laufen lassen konnten … Groupies letzter Satz, bevor sie auflegte, klang dann auch finster:

»Hör jetzt genau zu, denn ich sage es nicht noch einmal: Ich schreib für dich, ich arbeite für dich, ich nehme dein Geld, ich mag dich. Ich lese und mag deine Geschichten. Aber ich werde niemals Sex mit dir haben

Und tschüss. Als Nächstes rief sie, wie immer, ihre Busenfreundin Betty an. Und das war eine Person, die auch Julian Assange nach Guantánamo gebracht hätte. Am nächsten Tag bekam ich eine Mail, in der der Zusammenhang zwischen sexueller Nötigung und meinen Äußerungen am Telefon zum ersten Mal hergestellt wurde. Noch einmal, nun schriftlich und sehr auf die Form bedacht, wurde mir mitgeteilt, dass sie, Groupie, es ablehne, den Geschlechtsverkehr mit mir auszuüben.

Und dann kam die Anzeige.

Na und?, hätte man denken können, und wahrscheinlich in früheren Zeiten auch gedacht. Doch ich war erschüttert. Vielleicht lag es daran: Einen Punkt fand ich bei der Sache besonders interessant, nämlich weil er mich wieder an den Fall Assange erinnerte, und zwar diese Feministin Betty. Ich mochte diese Person, so wie Assange die beiden schwedischen Frauen mochte, die ihn anzeigten. Es war klar, dass er, der Revolutionär, feministische Frauen mehr mochte als, sagen wir, nichtssagende Beautys aus den Soap Serien im Fernsehen. Eben so, wie solche bewussten Frauen lieber einen Attac-Kämpfer mochten als einen Freiwilligen der Bundeswehr. Es waren wesensverwandte Menschen, die sich da mochten. Und genau deswegen war es so genial von der CIA, beide revolutionäre Strömungen gleichzeitig und gegenseitig auszuschalten, indem diese beiden Agentinnen Assange als Frauenfeind denunzierten. Warum es genial war? Weil es keine Möglichkeit einer Abwehr gab. Jedes Dementi wirkte kontraproduktiv. Als Kachelmann anfing, sich zu wehren, wurde er von Alice Schwarzer in der Bild-Zeitung erst recht zum Monster hochstilisiert, das seinem Opfer auch noch gewissenlos hinterhertrete. Deswegen war mir klar, dass ich fliehen musste. Keine weiteren Angaben, keine Worte, keine Fallstricke. Tapetenwechsel!

Weitere Gedanken, das schon. In der sicheren Bergwelt der Schweiz konnte ich mich getrost allen verzweifelten Gedanken hingeben, da musste ich nichts »vergessen«, sprich verdrängen. Vor allem wollte ich wissen, was denn eigentlich der wahre Beweggrund für Groupies Vernichtungsschlag gegen mich war. Bei Assange steckte die CIA dahinter, gut. Aber bei mir? Warum zerstörte dieser größte denkbare Fan von mir sein Denkmal? Immerhin war ich inzwischen fast in dem Alter, in dem Jerome D. Salinger, der Autor des Fänger im Roggen, seine unselige Geschichte mit diesem Fan hatte. Eine blutjunge Person hatte ihn so lange gestalkt, bis er sich auf sie eingelassen hatte. Sie war hübsch, reizend, hätte seine Enkelin sein können, und natürlich schrieb sie alles auf. Am Ende ging sie in die Literaturgeschichte ein, während er nur Ärger hatte. Zehn Jahre lief das Kasperletheater, und er konnte es nicht stoppen, da erpressbar. Ging es nicht allen Schriftstellern so, wenn der dritte Akt begann, im langen Schriftstellerleben? Man wurde ja steinalt als ruhiger, stressfreier Geistesmensch, 20 Jahre älter als der ausgebeutete Durchschnitt, und zuletzt schlug man sich mit Faxen rum, für die andere Menschen in dem

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