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Die Verwandlung des Hector Berlioz: Eine psycho-absurd-romantische Komödie

Die Verwandlung des Hector Berlioz: Eine psycho-absurd-romantische Komödie

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Die Verwandlung des Hector Berlioz: Eine psycho-absurd-romantische Komödie

Länge:
233 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
7. März 2014
ISBN:
9783943562231
Format:
Buch

Beschreibung

Hector Berlioz entdeckt beim Sonntagsfrühstück eine Anzeige, die sein Leben verändert: " Junger Mann, 25 Jahre, gesund, gute Ausbildung, zwei Fremdsprachen, verkauft Teil seines Lebens zur Sicherung seines restlichen Lebens." Kurzerhand engagiert der türkischstämmige Übersetzer und Französischlehrer den jungen Mann, der hinter der Anzeige steckt, und plant mit dessen Hilfe das Erbe eine Gangsterbosses zu erbeuten. Zugleich spukt Hector durch die Träume des Computer-Ingenieurs Şevket Hakan Tunçel, der ebenfalls eine Chance wittert sich des Diebesguts zu bemächtigen.

In Canigüz´ rasanter Komödie »Die Verwandlung des Hector Berlioz« werden - wie auch in seinen anderen Romanen - die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit immer wieder auf den Prüfstand gestellt.
Herausgeber:
Freigegeben:
7. März 2014
ISBN:
9783943562231
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Die Verwandlung des Hector Berlioz - Alper Canigüz

Müren.

1.

Junger Mann, 25 Jahre, gesund, gute Ausbildung, zwei Fremdsprachen, verkauft Teil seines Lebens zur Sicherung seines restlichen Lebens.

Terminabsprache unter u.a. Telefonnummer.

In einem Zug trank Hector seinen Tee aus und griff überschwänglich zum Telefon, um den Verfasser dieser genialen, sein sonntägliches Frühstück versüßenden Anzeige der Sorte »Verrichte jegliche Arbeiten« kennenzulernen.

›Genau der Mann, den ich suche‹, dachte er, da vernahm er ein dünnes Stimmchen: »Hallo?«

War der Verkäufer etwa eine Frau?

»Ich rufe wegen Ihrer Anzeige bezüglich des Lebens an, das zum Verkauf steht«, sagte er höflich.

»Ja?«

»Was ja?«

Eine unangenehme Pause von fünf bis zehn Sekunden verging, da entschied Hector, dass es wohl an ihm war, das Gespräch fortzusetzen: »Sind Sie die Person, die ihr Leben zum Verkauf anbietet?«

»Nein.«

Hector wurde allmählich sauer. »Wer ist es dann?«

»Tut mir leid, darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben.«

»Hören Sie«, brauste Hector auf. »Gibt es nun jemanden, der sein Leben verkaufen will, oder nicht? Wenn ja, dann hätten Sie hier einen betuchten Kunden an der Angel. Was wollen Sie denn noch?«

Plötzlich kam ihm der Gedanke, er könnte es mit einem dieser grässlichen Radio- oder Fernsehscherze zu tun haben. Er wollte schon auflegen, da ertönte die Stimme am anderen Ende der Leitung: »In unserer Annonce steht geschrieben, was Sie tun müssen.«

Verdutzt überlegte Hector, was das sein sollte, doch sein Verstand schien stillzustehen.

»Ei-nen Ter-min«, gab die Stimme zurück. »Sie müssen einen Termin ausmachen … Hallo? Sind Sie noch dran?«

»Gut, ich hätte gern einen Termin«, stammelte Hector.

»Ihr Name?«

»Ähm, Berlioz, Hector Berlioz.«

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«

»Nein. Warum sollte ich?«, wand sich Hector. »Ich bin französischer Staatsbürger und heiße Hector Berlioz. Ist es ein Verbrechen, den Namen eines berühmten Komponisten zu tragen? Wenn ich Türke wäre und mich als Şekip Ayhan Özışık vorstellte, würden Sie mir dann nicht glauben?«

»Natürlich nicht.«

Hector hatte größte Lust, den Hörer aufzuknallen, doch so leicht würde er sich dieser unverschämten Möchtegernsekretärin nicht geschlagen geben. »Okay, Şekip Ayhan Özışık ist vielleicht ein etwas seltsamer Name, aber nun …«

»Wer hier seltsam ist, das sind Sie.«

»Was erlauben Sie sich!«, schrie Hector. »Sehen Sie sich einmal Ihre Annonce an. Et alors, lesen Sie bitte auch einmal die anderen. Das gemeine Volk verkauft Häuser oder Autos oder sucht Arbeit. Sie aber verkaufen Leben. Ist es da nicht ausgesprochen normal, wenn auf eine solche Anzeige seltsame Menschen antworten?«

»Also gut«, seufzte die Frau. »Glauben Sie aber bloß nicht, dass mich diese zwei von Ihnen eingestreuten französischen Wörter überzeugt haben. So dumm bin ich nicht. Mir erscheint nur logisch, was Sie gesagt haben. Ich gebe Ihnen einen Termin.«

Hector wusste nicht, ob er sich freuen oder ärgern sollte.

»Merci«, murmelte er.

»Sprechen Sie ja kein Wort Französisch mehr mit mir, sonst überlege ich es mir noch anders. Seien Sie heute Nachmittag um drei hier. Ich gebe Ihnen die Adresse. Notieren Sie?«

Gegen zwei Uhr verließ Hector seine Wohnung in Cihangir; gegen halb vier war er in Kartal. Bei der Adresse handelte es sich um ein heruntergekommenes Nebengebäude im Garten hinter einem Wohnhaus. Hector holte tief Luft und näherte sich dem Objekt. Die Tür war nicht verschlossen. Er klingelte, doch niemand reagierte. Er probierte es noch einige Male, doch mit demselben Ergebnis. Also drückte er leicht gegen die Tür und sah in die enge Diele und die gegenüber liegende Küche.

»Hallo«, rief er und machte einen zögerlichen Schritt. Zu beiden Seiten der Diele befand sich je eine geschlossene Tür. Hector wollte schon mit einem Hüsteln auf sich aufmerksam machen, als sich die rechte Tür öffnete und er Auge in Auge mit einem großen, kräftigen, dunkelhaarigen Mann mit dünnem Schnauzer und Bart stand. Der Mann warf Hector einen irren, zornigen Blick zu. Hector bekam es ziemlich mit der Angst zu tun. Ihm war klar, dass er etwas sagen musste, doch er bekam keinen Ton heraus.

»Wo hast du so lange gesteckt?«, brummte der Mann.

Schweißperlen hatten sich auf Hectors Stirn gebildet.

»Ähm, ich bin zum ersten Mal in dieser Gegend. Da hatte ich Probleme, die Adresse zu finden«, stotterte er. Er sah den ungläubigen Blick des Mannes, der ihn immer noch jeden Moment in Stücke reißen zu wollen schien. Er befeuchtete seine Lippen und fügte nach einem Schlucken hinzu: »Außerdem hat mir Ihre Sekretärin den Straßennamen nicht genannt.«

»Meine Sekretärin? Bist du nicht der Lehrling aus der Fahrradwerkstatt?«

»Non. Ich bin wegen der Zeitungsannonce …«

»Ach, entschuldigen Sie! Herr Schubert, nicht wahr? Oder sollte ich Monsieur Schubert sagen?«

»Berlioz«, erwiderte Hector aufatmend. »Sie dürfen mich Hector nennen.«

»Ja, meine Sekretärin hat mir Ihren Besuch angekündigt, aber ich bin so was von zerstreut. Außerdem warte ich seit heute Morgen auf diesen Lehrling. Bitte, kommen Sie herein.«

Mit einem Stofftuch, das er aus der Tasche gezogen hatte, wischte Hector sich den Schweiß von der Stirn und näherte sich der Tür, durch die der Mann gekommen war. Hierzulande konnte man also durchaus erwarten, dass ein Fahrradmechanikerlehrling Mitte dreißig war, einen weißen Leinenanzug und eine Sonnenbrille mit hell getönten Gläsern nach europäischer Mode trug. Lag Kartal etwa in der Twilight Zone? Gerade als Hector über die Schwelle treten wollte, lehnte sich der dunkelhaarige Mann mit einem Arm an den Türbalken und hielt ihn auf. »Ziehen Sie Ihre Schuhe nicht aus?«

»Verzeihung«, sagte Hector und bückte sich. Dabei berührte er mit der Wange die Hose des Mannes. Der warf einen Blick auf Hector, der aussah, als hätte er sich ihm zu Füßen geworfen. »Sie können auch in Schuhen hereinkommen, wenn Sie mögen. Ich wollte nur, dass Sie sich sicher sind, was Ihnen lieber ist. Ich habe keinerlei Einwände, wenn Sie sie anbehalten.«

Hector verfluchte sich bereits dafür, in dieses Haus gekommen zu sein. Von hier zu verschwinden würde allerdings seine Selbstachtung zunichte machen – genauso, wie jetzt seine Schuhe wieder anzuziehen. Dementsprechend betrat er den mit Holzbrettern ausgelegten Raum mit nackten Füßen. Die Wohnung war aufgeräumt, wirkte jedoch ärmlich. Vor dem einzigen Fenster mit Blick auf den Garten und die Rückseite des Wohnhauses standen ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Auf dem Boden lag eine Matratze, und gegenüber stand eine Stereoanlage, die für diese Art von Behausung recht fortschrittlich anmutete. Trotz des heißen Wetters war es drinnen ziemlich kühl und feucht. Mit der Schulter stieß der Hausherr die windschiefe Tür zu und wandte sich grinsend an Hector: »So können wir uns besser unterhalten.«

»Sie wissen zwar, wie ich heiße, haben sich mir aber noch nicht vorgestellt«, sagte Hector mit der den Franzosen eigenen Höflichkeit.

Auch wenn Hector in der Miene seines Gegenübers ein »Und wenn ich will, dann bleibt es auch dabei« zu lesen meinte, streckte ihm der junge Mann entschlossen die Hand entgegen: »Hamit Alemdar.«

Sie schüttelten einander die Hände, und mit der freien Hand bot Hamit Hector einen der Stühle an. Dann griff er nach der Fernbedienung der Stereoanlage. »Wenn Sie mögen, können wir während unseres Gesprächs Musik hören. Ich mag europäische klassische Musik sehr gern. Bevor Sie kamen, hatte ich die CD mit der ›Unvollendeten‹ eingelegt. Ich hatte ja gedacht, Sie seien Schubert. Ich habe aber auch Berlioz da …«

»Nein, nein. Ich mag die ›Unvollendete‹ auch. Nur weil ich Berlioz heiße, höre ich ja nicht ausschließlich Berlioz! Das wäre schon seltsam, oder nicht?«

»Vielleicht«, meinte Hamit achselzuckend. »Möchten Sie etwas trinken?«

»Wenn Sie etwas Kaltes da hätten, gern.«

Hamit kam mit zwei Gläsern Cola mit Eis und Zitrone zurück und setzte sich auf den freien Stuhl.

»Sie taten gut daran, Ihre Sekretärin zu feuern«, meinte Hector und lächelte besonnen. »Wahrscheinlich haben Sie mit angehört, wie sie am Telefon mit den Anrufern auf Ihre Annonce umspringt.«

Hamit begnügte sich mit einem Lächeln, das andeutete, dass er die Anspielung verstanden hatte, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar. Aus einer schmalen Tasche, die neben dem Tisch stand, zog er ein schwarz eingebundenes Heft und einen Stift und wandte sich dann wieder an Hector. »Nun, Herr Berlioz, erzählen Sie mir ein wenig über sich.«

»Ich soll Ihnen etwas über mich erzählen?«

»Wenn Sie wollen, kann ich auch im Lexikon nachschlagen«, erwiderte Hamit eisig.

»Nein, so habe ich das nicht gemeint. Die Situation ist ja schon ein wenig merkwürdig. Im Moment bin ich in der Position des Arbeitgebers. Da erscheint es mir normal, dass ich die Fragen stelle.«

»Haben Sie während des Telefonats mit meiner Sekretärin nicht selbst eingeräumt, dass wir es hier mit einer nicht gerade normalen Angelegenheit zu tun haben?«

»Schon, aber …«

»Sehen Sie«, schnitt Hamit ihm das Wort ab, »Sie kommen hierher und verkünden, mein Leben kaufen zu wollen, zumindest einen Teil davon. Ist es da nicht normal, dass ich wissen möchte, wem ich mein Leben anvertraue? Natürlich ist es Ihr gutes Recht, wissen zu wollen, was für ein Leben Sie da kaufen. Sie werden die Gelegenheit bekommen, Ihre Fragen zu stellen. Haben Sie bitte Verständnis und noch ein wenig Geduld.«

Hector spürte, wie ihm der Mund trocken wurde. Er nahm einen Schluck von seiner Cola und sah sich verärgert um.

»In Ordnung«, murmelte er. »Was wollen Sie wissen?«

»Was Sie für wichtig erachten. Ich gehe neue Beziehungen gern mit vollem Vertrauen ein. Dabei bleibe ich, bis sich mir mein Gegenüber als vertrauensunwürdig erweist. Das halte ich moralisch für notwendig, auch wenn ich bislang jedes Mal eine Enttäuschung erlebt habe.«

Dass Hamit etwas von sich erzählte, beruhigte Hector ein wenig.

»Ich bin dreiunddreißig Jahre alt«, ergriff er das Wort. »Geboren bin ich in dem hübschen französischen Städtchen Cannes. Aufgrund des Berufs meines Vaters kam ich bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr viel in der Welt herum. Als mein Vater an einem Vampirbiss starb – wohl deshalb hasste meine inzwischen verblichene Mutter das amerikanische Kino –, zog meine Mutter mit mir nach Paris in eine kleine Wohnung. Sie meinte, viel arbeiten und Geld auf die hohe Kante legen zu müssen, bevor sie ihre Schönheit eingebüßt hätte. Paris erschien ihr der ideale Ort, um Kunden zu finden. Wie auch immer. Während meines Militärdienstes in Tokat …«

»Was reden Sie da?«

»Ich sagte: Tokat. Gefreiter Hector Berlioz, zweite Kompanie des dritten Artilleriebataillons in Tokat!«

»Entweder muss ich jetzt mich zwicken oder Sie!«

Dieser Satz ließ Hector, der im Gedanken an seine Militärzeit ein Gebaren an den Tag legte, bei dem sogar General Patton vor Neid erblasst wäre, wieder zu sich kommen: »Wie? Ähm, stimmt, das klingt alles etwas durcheinander. Am besten versuche ich es noch einmal.«

»Drücken Sie sich dieses Mal bitte so aus, als wollten Sie Ihren Arzt davon überzeugen, dass Sie nicht übergeschnappt sind und aus dem Irrenhaus entlassen werden können.«

Hector räusperte sich, fuhr sich mit den Fingern durch das schütter gewordene Stirnhaar und versuchte, seinen Verstand zusammenzunehmen. Irgendwie wirkte er sehr aufgeregt.

»Meine Mutter hieß Perihan«, begann er und fügte erklärend hinzu: »Also – sie war Türkin.«

»Gut machen Sie das. Fahren Sie fort«, ermunterte Hamit ihn.

»Meine Mutter war die Jüngste von elf Geschwistern einer in einer Kleinstadt lebenden Familie aus der Mittelschicht. Sie war wunderschön, weshalb man bereits um ihre Hand anhielt, als sie gerade einmal zwölf Jahre alt war. Sie war allerdings nicht nur schön, sondern auch intelligent. Ihr Vater – also mein Großvater – hatte eine Schwäche für sie, und die nutzte sie aus, um aufs Gymnasium gehen zu können. Leider wusste sie, dass es danach unmöglich war, ihre Familie noch länger hinzuhalten, und dass man sie unter allen Umständen verheiraten würde. Während ihre Altersgenossen nach Istanbul flohen, um Filmstar zu werden, flüchtete sie, die stets hochfliegende Pläne hatte, nach Cannes. Sie wollte unbedingt während der Filmfestspiele von einem Produzenten entdeckt werden.« Kopfschüttelnd trank Hector noch einen Schluck Cola. »Zwar gelang es meiner geliebten Mutter nicht, wie erhofft, Schauspielerin zu werden, wohl aber, einen Produzenten – also meinen Vater, und er war Franzose – kennenzulernen. Die Beziehung zweier junger Menschen … Mein Vater war zwar siebenundzwanzig Jahre älter als meine Mutter, aber man kann einen Fünfundvierzigjährigen doch durchaus als jung bezeichnen, nicht wahr?«

»Ich glaube, ich habe verstanden«, meinte Hamit ungeduldig. »Die beiden heirateten und Sie wurden geboren. Der Beruf Ihres Vaters erklärt, warum Sie so viel herumgekommen sind. Und nun zum Ableben Ihres Vaters.«

»Ja, das ist eine sehr betrübliche Geschichte. Mein Vater hatte die Produktion eines amerikanisch-französischen Horrorfilms übernommen. Meine Mutter war davon überhaupt nicht begeistert. Sie hatte Vampire immer gehasst. Doch mein Vater wischte ihre Bedenken bloß mit einem Lachen beiseite. Allerdings akzeptierte er ihr zuliebe, stets eine Knoblauchzehe mit zum Filmset zu nehmen. Der Knoblauchgeruch störte alle am Set ungeheuer, vor allem die Vampire. Einer dieser verwöhnten amerikanischen Schauspieler – also ein Vampir – sagte zu meinem Vater, meine Mutter sei blöd und er sei sogar noch blöder, weil er sich ihren Ideen unterwarf. Mein Vater war ein wahrer Kavalier; er ohrfeigte den Vampir mit seinem Taschentuch und forderte ihn zum Duell. Doch das Tuch traf den Vampir im Auge. Die schrecklichen Schmerzen ließen den Kerl völlig ausflippen, und mit seinen riesigen Zähnen biss er meinen Vater genau hier.«

Mit zitternden Fingern zeigte Hector auf seine fingerdick angeschwollene Halsschlagader.

»Bitte beruhigen Sie sich und trinken Sie Ihre Cola«, sagte Hamit, der befürchtete, Hector könnte ohnmächtig werden. »Sie können sich auch ein wenig hinlegen und ausruhen, wenn Sie mögen. Wir machen später weiter.«

Hector kippte die Cola hinunter und gab mit einer Handbewegung zu verstehen, dass dies nicht notwendig sei. »Es geht mir gut. Ich habe lange genug unter diesen Erinnerungen gelitten.«

Er steckte einen Finger in das Glas und versuchte, die Zitronenscheibe herauszufischen, und als ihm das nicht gelang, drehte er das Glas um. Zusammen mit ein paar Tropfen Cola fiel die Zitrone auf seine Hose. Hector stopfte sich die Scheibe in den Mund und fuhr fort: »Wie Sie wissen, versuchen viele künstlerisch Ambitionierte ihr Glück in Paris. Mehr als die Hälfte von ihnen versuchen sich als Maler. Meine geliebte Mutter – möge sie in Frieden ruhen –, die nichts hatte außer ihrer Schönheit und ihrem Verstand, zog nach Paris, um den Malern Modell zu stehen.«

Plötzlich erhellte sich Hectors Miene. Er drehte seinen Kopf zum Fenster. »Sie war wirklich eine grandiose Frau. Jahrelang verdiente sie unseren Lebensunterhalt einzig und allein auf diese Weise. Wenn man bedenkt, wie mittellos alle diese Möchtegernkünstler waren, muss man ihren Erfolg noch höher einschätzen.«

»Und wie kamen Sie in die Türkei, und wie haben Sie so gut Türkisch gelernt? Ich würde mich freuen, wenn Sie mir das in knappen Worten erklären.« Vor allem dem letzten Satz verlieh Hamit eine besondere Betonung. Der Mann, dem man anfangs noch die Worte aus der Nase ziehen musste, schien nun hoch motiviert, sein Leben bis ins letzte Detail zu schildern.

»Meine liebe Mutter sprach zu Hause stets Türkisch mit mir. Ich habe viele türkische Bücher gelesen. Ich bin begeistert von Sait Faik. Irgendwann in meinem Leben möchte ich sogar alle seine Werke ins Französische übertragen. Wie dem auch sei. Vor einigen Monaten starb meine Mutter. Einige wichtige Dinge erzählte sie mir erst auf dem Sterbebett. Dinge, die meine umgehende Reise in die Türkei erforderlich machten. Darüber kann ich aber im Moment nicht sprechen.«

Hamit machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Seit frühester Kindheit interessierte ich mich sehr für die Heimat meiner Mutter. So oft hatte ich mir die Türkei ausgemalt. Die Burgazada, Anatolien … Und vor allem den Van-See. Es gibt eine wunderbare Erzählung Sait Faiks über den Van-See, kennen Sie sie? Sie handelt von unsichtbaren Reitern, die des Nachts am Van-See auf ihren Pferden galoppieren, und von Feen, die im See baden. So habe ich es zumindest in Erinnerung. Aber das ist ja ungefähr dasselbe, nicht wahr? Wie auch immer. Leider habe ich alle diese Orte noch nicht besuchen können. Wer weiß, vielleicht ziehe ich eines Tages auf die Burgazada oder an den Van-See und übersetze Sait Faiks Erzählungen. Ich komme schon wieder vom Thema ab, stimmt’s?«

Hector standen die Tränen in den Augen, aber er merkte es nicht einmal. Die schmerzlichen Erinnerungen zeigten wohl ebenso ihre Wirkung wie die traurige Melodie der »Unvollendeten«.

»Tut mir leid, wenn ich Sie melancholisch gestimmt habe«,

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