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Es wär so schön gewesen: Ein Roman aus einer gar nicht so lange vergangenen Zeit

Es wär so schön gewesen: Ein Roman aus einer gar nicht so lange vergangenen Zeit

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Es wär so schön gewesen: Ein Roman aus einer gar nicht so lange vergangenen Zeit

Länge:
694 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 15, 2015
ISBN:
9783990386224
Format:
Buch

Beschreibung

Als Student erlebt Manfred Gusella das unbeschwerte Leben im Königsberg der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Als dieser Krieg ausbricht, meldet er sich als Kriegsfreiwilliger und wird in der Festung Courbière bei Graudenz (Westpreußen) ausgebildet. Nach dem Krieg kann er eine Familie gründen, eine glückliche Zeit bricht an. Aber im Dritten Reich eckt Manfred mehrfach bei der Nazi-Partei an, wird strafversetzt und gelangt schließlich mit seiner Familie nach Gotenhafen. Dort wird er noch kurz vor Kriegsende zur Wehrmacht eingezogen, während seine Familie in den Westen fliehen kann. Auf der Insel Bornholm gerät Manfred in sowjetische Gefangenschaft und gelangt wieder in die Festung Courbière. Damit schließt sich ein Kreis.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 15, 2015
ISBN:
9783990386224
Format:
Buch

Über den Autor


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Es wär so schön gewesen - Bruno Heller

Nachwort

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2015 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99038-621-7

ISBN e-book: 978-3-99038-622-4

Lektorat: Volker Wieckhorst

Umschlagfotos: Bruno Heller – Festung Courbière/Graudenz, Westpreußen, Havana1234 | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Zitat

Behüt dich Gott, es wär’ so schön gewesen,

Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein.

Aus dem „Trompeter von Säckingen",

Oper von Victor Ernst Nessler

Libretto von Rudolf Bunge

Uraufführung 1884

Erster Teil

I

Vor den Fenstern schwangen endlose Drähte, gleichmäßiges Auf und Ab von einem Mast zum nächsten, dazu monotone Melodien, die von den Rädern heraufsangen – weiter, weiter! Stöße der Schienen, knackend und ächzend, ruckendes Schaukeln; Rauchgeruch, der die Nase beizte, nicht einmal unangenehm. Der Zug rollte nach Osten, draußen strich träge die Landschaft vorüber, gelbe Felder, Waldstücke, selten ein Dorf, staubige Wege, und immer der blau flimmernde Himmel, davor fast unverändert ein Riesendom weißer Wolkenballen, Sommergebräu.

Im Abteil war es still geworden. Ein Bauer am Fenster schlief mit zurückgefallenem Kopf, die Beine von sich gespreizt, Hände im Schoß, tiefer Blick in den schnarchenden Abgrund des Schlundes. Die Bäuerin daneben war erstarrt in ihren mattdunklen Tüchern, das Gesicht faltig, verrunzelt, dem Fenster zugekehrt, ohne Bewegung, als sei diese Fahrt nicht ihre Sache und gehöre in eine andere Welt. Gusella fühlte sich wohlig allein, seine Ohren waren taub geworden vom Lärmen des Zuges, er mühte sich, etwas von den Bildern dort draußen in sich aufzunehmen, die Reise zu erleben. Aber er war schon zu müde vom vielen Schauen, sodass sein Blick abirrte, verschwamm, unwillentlich, und plötzlich wieder daheim war. Vor ihm dehnte sich die Weichselniederung, er saß auf dem Schlossberg und sah hinaus über den breiten Fluss auf das Land. Er würde das alles hinter sich lassen, die vertrauten Plätze, die kleine Welt seiner Kindheit, die Vergangenheit würde fortgeschwemmt werden wie der Sand von den Bänken des Stromes, und dieses Bild verfließender Zeit machte ihm Angst. Beklommenheit des unwiderruflichen Abschieds. Schlangen können sich häuten und bleiben dennoch sie selbst – was würde aus ihm werden, wenn er sich häutete? Der Strom unten schwieg zu dieser Frage, aber sein glänzendes Band leuchtete weiter, auch als sich die Uferwiesen langsam im Erinnerungsdunkel verloren.

Gusella fiel in unruhigen Schlaf, aus dem er erst wieder erwachte, als der Zug, über Weichen ratternd, mit einem schrillen Pfiff auf den Bahnhof der Provinzhauptstadt zurollte. Erstaunt sah Gusella hinaus: Die Wiesen und Wälder waren verschwunden; ein verwirrendes Geflecht von Gleisen lag vor dem Abteilfenster, Signale, andere Züge, Rauchschwaden, Kräne und Lagerhallen. Dahinter meinte er Schiffsmasten zu erkennen. Er riss das Fenster auf. Der Bauer neben ihm zuckte, der schnarchende Mund schloss sich; er öffnete die Augen, raffte sich zusammen, und mit einem: „Na’chen, sind wir all da!" kehrte er in die Gegenwart zurück. Dann plötzlich Dämmerung: Der Zug war unter das gläserne Riesendach des Bahnhofs getaucht, verlangsamte sich, ruckte, rollte aus und hielt. Schlagende Türen, Rufe wurden laut, Zischen von Dampf, hastende Menschen. Gusella war so gebannt, dass er fast vergaß, nach Korb und Koffer zu greifen und sich durch die schmale Tür auf den Bahnsteig hinunterzulassen. Doch als er dort stand, allein in unglaublichem Treiben, wurde es ihm wie ein Überfall mitten in aller Betäubung bewusst: Er war angekommen, angekommen in Königsberg!

Doch dieses Hochgefühl wurde sofort von völliger Hilflosigkeit verdrängt. Wohin? Er wollte sich vom Strom der Angekommenen mitnehmen lassen, zum Ausgang treiben, aber nur wenige Schritte hatte er getan, als ihm Einhalt geboten wurde. Zwei junge Herren standen vor ihm, in nobel-städtischer Kleidung, buntfarbene Bänder quer über der Weste, ein seltsam rundes Käppi – rot leuchtend mit geheimnisvollen Schriftlinien – als Kopfbedeckung. Sie deuteten eine Verbeugung an, knapp und gemessen. Dann begann der offenbar Würdigere, sich vorzustellen:

„Gestatten, von Zieritz; dies mein Leibfuchs, Herr Dahmke. Dürfen wir uns erlauben. Sie in Königsberg willkommen zu heißen?"

Gusella stammelte erschrocken seinen Namen. Einen solchen Empfang hatte er nicht erwartet, er fühlte sich überrumpelt. Der sich v. Zieritz Nennende fuhr fort: „Ihre Ankunft wurde uns jüngst avisiert, und da Sie fremd in Königsberg sind, dürfte es Ihnen von Wert sein, wenn wir Ihnen bei der Suche nach einem geeigneten Logis sowie in anderen Fragen behilflich sind."

Gusella war überwältigt. Diese Begrüßung machte ihn wehrlos, war er doch weit davon entfernt, ihren eigentlichen Sinn zu durchschauen. Die beiden Herren hatten Auftrag: Als Abgesandte ihres studentischen Corps sollten sie den Ahnungslosen ‚keilen‘, und das bedeutete nichts anderes, als ihn genügend zu hofieren, bis er bereit sein würde, ihrem Verband beizutreten. Dass er und wann er kommen werde, hatte ein Koabiturient aus Graudenz, der schon gekeilt war, verraten.

Gusella wollte sein Gepäck, das er vor Schreck auf den Bahnsteig gestellt hatte, wieder aufnehmen, aber das misslang, weil sich Leibfuchs Dahmke schnell des Korbes und des Koffers bemächtigt hatte. Gusella empfand tiefe Verlegenheit, denn seine Behältnisse boten keineswegs einen der Größe des Augenblicks entsprechenden Anblick. Er hätte sie liebend gern selber getragen, um mit ihnen ins Anonyme des Bahnhofsgewühls zu entfliehen. Aber das war unmöglich, schon schritten die Herren zielstrebig zum Ausgang. Ergeben folgte er.

Draußen blieben sie stehen. Ein Riesenplatz lag vor ihnen, rechts ein langes Prunkgebäude mit großen Toren, von Rundbögen rhythmisch gegliedert. Gusella riss die Augen auf.

„Sie sind im Ostbahnhof angekommen; das rechts ist der Südbahnhof", erklärte v. Zieritz, und Gusella begriff nicht, wie eine Stadt gleich zwei Bahnhöfe nebeneinander haben konnte.

„Sie gestatten, dass wir eine Kutsche nehmen", fuhr v. Zieritz fort. Das klang wie ein Befehl. Zu gern hätte Gusella gewartet und den Bahnhofsplatz länger genossen. Mit Quietschen und Klingeln fuhr gerade eine Trambahn ab, eine andere bog, nicht weniger geräuschvoll, von der Seite her in den Platz ein, und Gusella wäre am liebsten mit solch einem Technikwunder gefahren, aber schon klapperte ein Zweispänner heran. Der Kutscher, stattlich uniformiert mit schwarzem Zylinder, half beim Verladen des mageren Gepäcks, und man nahm Platz. Dahmke nickte dem Kutscher zu, der Wagen rollte an.

„Die Kaiserstraße, erklärte v. Zieritz: „Dort vorn geht es weiter in die Vorstädtische Langgasse.

Gusella hörte nur mit halbem Ohr zu. Der Prunk der Fassaden überwältigte ihn, so hohe Häuser hatte sein Graudenz nicht zu bieten, solche eleganten Geschäfte, solch ein flutendes Treiben der Fuhrwerke, Straßenbahnen und Automobile.

„Konditorei Motzki, sehr zu empfehlen! V. Zieritz sprach wie von Kleinigkeiten, Gusella nickte ergriffen. Der Wagen fuhr auf die Grüne Brücke zu, und als sie die pompöse Schauseite der Börse passierten, entfuhr Gusella ein „Oh!

„Florentinische Renaissance, simpel kopiert, wiegelte v. Zieritz ab: „Mammons Judentempel.

Das verstand Gusella zwar nicht ganz. „Börse" war für ihn ein schlichter Geldbeutel, mehr hatte er in der Schule nicht gelernt. Aber es blieb keine Zeit, nachzufragen, denn nun waren sie auf dem Kneiphof angelangt, im eigentlichen Herzen der Stadt. Steinalte Häuser mit wunderlich verschnörkelten Giebeln, zwischen denen die Domspitze herübergrüßte. Gusella wurde es warm ums Herz, und plötzlich empfand er Sympathie für diese Stadt wie Liebe auf den ersten Blick.

Eine neue Brücke. Sie fuhren über das Hundegatt, drüben die lange Reihe der Speicher, stolzes Fachwerk, Lastkähne und Schlepper davor, ein Geruch von brackigem Wasser und Teer in der Luft. Gusellas Blick blieb an den schmiedeeisernen Laternen der Brücke haften, und die Preußenadler daran machten ihm plötzlich bewusst, dass er in der Stadt seiner Könige war.

„Die Kantstraße. Da vorn ist das Schloss."

Kant. Das mahnte Gusella an die Oberprima, den kategorischen Imperativ, das eherne „Du sollst!" Aber jetzt war ihm nicht nach Philosophie zumute. Rasselnder Verkehr um sie herum, und dann dort vorne, direkt unter dem Schloss, das Standbild Kaiser Wilhelms I., martialisch schwang er sein Schwert über Passanten und Trams, Pferdewagen und Benzinkutschen.

Gusella hatte seinen Begleitern eine Anschrift als Ziel genannt: die Walterstraße. Dort sollte er bei einer entfernten Verwandten erst einmal unterkommen.

„Das ist eine hübsche Gegend, sehr modern." V. Zieritz ließ ein gewisses Wohlgefallen vernehmen und gab dem Kutscher Anweisung, den Steindamm entlangzufahren. Sie bogen in einen weiteren Platz, links ein Gebäude, das trutzig zum Himmel ragte, roter Backstein, zinnenbewehrt mit gedrungenem Turm.

„Gibt es hier noch ein zweites Schloss?", fragte Gusella verblüfft.

V. Zieritz lachte: „Leider nicht. Der Trumb ist das Telegrafenamt, erst vor ein paar Jahren gebaut. Darin sitzt die Oberpostdirektion."

Gusella schwieg. Er wollte sich nicht noch einmal blamieren. Der Steindamm. Ein Geschäft schien das andere übertrumpfen zu wollen, dazwischen Hotelpaläste, Berliner Hof, Pschorrhaus; Fassaden wie aus dem Märchen, prunkvoll mit schimmerndem Schmiedeeisen vor den Balkonen. Und danach auf einmal, fast verloren, ein Kirchlein, den Turmhelm bis zum Uhrenrund heruntergezogen, als mache ihm die Großstadt Angst.

Sie waren in die Kniprodestraße eingebogen, und diesen Namen kannte Gusella. Der große Mann des Ritterordens, der die Marienburg vollendet hatte. Er sah das Bild aus seinem alten Geschichtsbuch vor sich, einen Hünen im Panzerhemd, mit dem weißen Mantel und dem schwarzen Kreuz, auf das Schwert gestützt und den Blick ins Weite gerichtet.

Aber hier war nichts mehr von Rittertum. Auch die Wallanlagen, durch die ihre Kutsche rumpelte, machten nicht den Eindruck, als seien sie einmal für Kampf und Krieg gebaut worden. Ein Parkgelände mit Backsteintoren. Und dann waren sie draußen ‚Auf den Hufen‘, in einem neuen Viertel voller Grün und hübscher Villen, einige nach Schweizer Art gebaut. Schließlich das Gerichtsgebäude, davor zwei Tierskulpturen: kämpfende Auerochsen, gewaltig.

„Passt tadellos zum Streit der Parteien vor dem Kadi, erläuterte v. Zieritz, „und sinnigerweise heißt der Schöpfer dieser Rindviecher Gaul. Er ist unser Genie der plastischen Stadtverschönerung.

Sie waren angekommen. Das Gepäck wurde abgeladen, der Kutscher entlohnt und mit einem Trinkgeld versehen, das v. Zieritz generös zu überreichen wusste. Guselllas Versuch, einen Obulus beizusteuern, lehnte er entschieden ab.

„Ich hoffe, Sie werden mit Ihrem Quartier zufrieden sein, fuhr v. Zieritz fort. „Sollte es Ihnen nicht zusagen, werden wir Ihnen gern zu einem besseren verhelfen. Apropos, eh’ ich’s vergess’: Dürfen wir uns erlauben, Sie für Samstagabend zu unserer Kneipe einzuladen? Sie werden dort etliche Ihrer künftigen Kommilitonen antreffen und können erste Einblicke in akademische Geselligkeit tun. Ich hoffe, Sie werden kommen.

Dahmke erbot sich, ihn abzuholen, und Gusella sagte zu, ohne tatsächlich Lust zu haben, schon jetzt unter seine Mitstudenten zu geraten. Dann schlug, nach weiteren höflichen Worten, die Tür des fremden Hauses hinter ihm zu. Er sah nicht mehr, wie v. Zieritz und Dahmke, statt eine Droschke heranzuwinken, ihren Weg zur nächsten Haltestelle der Tram nahmen, die sie weit billiger zur Stadt zurückbringen würde.

*

Im Treppenhaus roch es nach Kernseife und frischem Lack. Gedämpftes Licht fiel durch bunte Scheiben, Gusella fühlte sich beklommen. Drei Treppen hoch musste er steigen, an Türen vorbei, hinter deren gedrechseltem Zierrat Fremdheit lauerte, und als er schließlich vor dem Schild „Bumbach" stand, zögerte er fast, den bronzenen Drehknopf der Schelle anzurüh­ren. Ein schepperndes Klingeln, als er dennoch zugriff, ein kurzes Atemholen im leeren Treppenhaus, dann nahten Schritte, die Tür flog auf, und vor ihm stand jene Tante, die man ihm als liebenswertes Wesen verkündet hatte und die nun als dralle Person auf ihn zueilte, ihn an sich zog und mit hemmungslosem Verwandtschaftsfrohsinn ans Herz drückte.

Elfriede Bumbach war eine Frau in den besten Jahren, doch hatte die Zeit des Witwenlebens ihr mehr an Gewicht verliehen, als gut war, und so konnte selbst ein geschnürtes Gewand nicht verbergen, wo Kummer und manches Leid sich in wulstigen Rundungen niedergeschlagen hatten. Jedoch mochte gerade diese Fülle dazu beitragen, dass sie Wärme ausstrahlte, eine Verschwendungslust an Gefühl, das nun, wo ihr ein keineswegs naher Neffe ins Haus schneite, zu den mütterlichsten Regungen Anlass bot. Gusella ward in die Wohnung gezogen, beäugt und befragt, musste von Eltern und Geschwistern weitläufige Auskunft erteilen, während in der Küche das Wasser zum Kochen kam, grelles Pfeifen im Kessel erzeugte und schließlich einen vorzüglich duftenden Kaffee begoss.

Am runden Tisch in der guten Stube hatte Gusella Platz zu nehmen, die Tante sorgte für reichlich Gebäck, wobei sie nicht zu betonen vergaß, die ‚kleinen Kuchchens‘ habe sie eigens für ihn, ihren lieben Neffen, gebacken.

„Ess man, ess! Jenöticht wird nich", redete Tante Elfriede ihm zu, und während sie unermüdlich zu plaudern begann, um uralte Zeiten heraufzubeschwören, als ihr Seliger, der leider zu früh verstorbene Onkel Gustav, noch leibhaftig zur Familie zählte und seine Geschäfte in Wehlau und Tapiau betrieb, wo er mit Pferden und Gutsbesitzern zu tun hatte und manch hübsches Sümmchen vereinnahmen konnte, was sie nun leider ganz ohne ihn, aber doch auch ohne Sorgen in ihrer bescheidenen Wohnung genieße. Während sie also die Umstände ihres augenblicklichen Daseins ausbreitete, fand Gusella Gelegenheit, unter Kauen und Schlucken die neue Umgebung zu mustern.

Die gute Stube, mit einem Anflug dessen, was man in vornehmen Häusern einen Salon zu nennen pflegte, ließ überall die ordnende Hand einer rührigen Hausfrau erkennen. Da waren die zierlichen Deckchen, gehäkelt und bestickt in einsamen Mußestunden, und keine Fläche auf Schrank und Kommode, die nicht ein solches Kunstwerk als Unterlage für eine bedeutsame Vase, einen Krug oder ein geschliffenes Glas besaß. Am Fensterbrett und auf niedrigen Tischchen standen unzählige Töpfe mit Blumen und grünen Exoten, sogar eine schüchterne Palme nebst vielerlei stachligen oder bemoosten Kakteenhäuptern, deren Pflege allein schon ein Leben zu füllen vermochte. Den Blickfang des Raumes aber bildete eine Art Hausaltar, ein intarsiengeschmückter Sekretär aus rotdunklem Mahagoni, der auf seinen Borden eine pyramidenförmig gestaffelte Anhäufung von Familienfotos versammelt hielt, alle zwar mattbraun eingegilbt, aber vom Glanz goldener Rähmchen umgeben, die sich zu einer Sinfonie niedlichster Schnörkeleien vereinten. In der Mitte dieses Heiligtums prangte ein Lichtporträt des verstorbenen Onkels Gustav, aufgenommen zu einer Zeit, als er in einem bespannten Regiment ostpreußischer Artillerie gedient hatte, und so war er nun festgehalten mit hochgezwirbeltem Schnurrbart, die rechte Hand keck mit den Fingern zwischen die Knöpfe des Uniformrocks geschoben, den Blick starr geradeaus gerichtet und die andere Hand martialisch auf den Knauf eines riesigen Säbels gedrückt.

Warmes Sonnenlicht flutete durch die Gardinen, spielte in Gläsern und Scheiben der Vitrine, malte bunte Kringel auf Läufer und Teppiche. Gusella fühlte sich eingelullt durch den Redefluss seiner Tante, angenehme Schläfrigkeit durchzog seine Glieder, und fast wäre er ein wenig eingenickt, hätte nicht Tante Elfriede endlich ein Einsehen gehabt und ihm den Weg in sein Zimmer gewiesen. Er ergriff Korb und Koffer, folgte ihr durch einen dunklen Korridor und betrat sein neues Reich: einen kleinen, gemütlichen Raum, einfach und zweckmäßig möbliert, mit Tisch, Bett, Schrank und Kommode, auch einem dünnbeinigen Eisengestell für Waschschüssel und Wasserkanne, beide mit violetten Blümchen und goldenen Rändern geschmückt.

„Nu lass’ ich dich mal allein, mein Jungche. Mach dir’s jemütlich", sagte die Tante und strich glättend über die Decke, die das Bettzeug vor neugierigen Blicken verbarg; glatt war die Decke schon längst. Dann schloss sich die Tür, Gusella trat an das Fenster, sah etwas wehmütig hinaus in das Grün großer Ulmen, und nach einem kräftigen Atemzug machte er sich daran, seine Sachen auszupacken.

Das war schnell getan. Zuletzt hielt er nur noch zwei kleine Bilder in seiner Hand, unschlüssig, wo er sie lassen solle. Sein Blick suchte das Zimmer ab, dann trat er ans Bett und stellte sie auf das kleine Nachtschränkchen am Kopfende. Ein Bild zeigte die Eltern, ihre lieben, fernen Gesichter; das andere ein dunkles, etwas mageres Mädchenantlitz. Gusella lächelte. Nun hatte auch er seinen Hausaltar.

II

Die nächsten Tage verbrachte Gusella damit, durch die Stadt zu stromern. Meistens ließ er sich treiben, ohne Plan und Ziel. Mal saß er am Pregel, mal am Schlossteich, und immer stärker wuchs das Gefühl, dies sei seine Stadt.

Außerdem musste er sich zum Studium anmelden. Lange hatte er geschwankt, welches Fach er wählen solle, und dass er schließlich auf die Chemie verfiel, war fast ein Zufall. In der Schule hatte er wenig von ihr mitbekommen; Chemie galt im Lehrplan seines Gymnasiums als nebensächliche Randerscheinung, doch gerade das machte Gusella neugierig und schien seinem vagabundierenden Geist Abenteuer zu versprechen.

Die Eröffnungsvorlesung für das Semester fand im Haupthaus der Universität am Paradeplatz statt, jenem Gebäude, das nach seinem Planer auch Stüler-Bau hieß und zu den vornehmsten Architekturen Königsbergs zählte. Die imposante Fassade, die im Sonnenlicht des Frühsommertages ockergelb aufleuchtete und die grünen Rabatten des Vorplatzes überstrahlte, machte einen behäbigen und trotzdem eleganten Eindruck; die Mittelpartie mit den hohen Fenstern über dem Eingang schaute ernst auf den Hinzutretenden, aus weit geöffneten Augen, mit emporgezogenen Brauen, aber daneben milderten die nach rechts und links auseinanderlaufenden Arkaden diese Strenge und versprachen unter ihren luftigen Säulenreihen Dispens von der fordernden Wissenschaft.

Gusella stieg die Stufen zum Hörsaal empor und fand sich im Grau des Treppenhauses von hallendem Treiben umgeben. Studiosi verschiedenster Couleur wimmelten durcheinander, es herrschte noch Nervosität wie zu jedem Semesterbeginn, aber mit der Routine des Stundentaktes würde sich das legen. Das Kolleg war nur knapp gefüllt, denn ernstliche Chemiestudenten gab es wenige; die meisten Anwesenden kamen aus anderen Fachrichtungen und waren nur auf den Dozenten erpicht, einen Professor, der sich weit über sein Fach hinaus Rang und Namen erworben hatte: Heinrich Klinger.

Das Gesumm der Stimmen erstarb, als er eintrat, und ging in rumpelndes Begrüßungsklopfen über. Schweigend musterte er seine Hörer, dann nickte er ihnen zu, legte die Taschenuhr aufs Katheder und begann die Vorlesung, aber nicht, um sogleich mit Formeln und Prozeduren in die Rätselwelt chemischer Stofflichkeit einzutauchen, sondern er nahm seinen Anlauf – und darauf hatten die Kundigen gehofft – in weiter gefasstem Rahmen, mit einem Blick auf das Allgemeine.

„Die Chemie, begann er, „ist zwar ein Fach wie andere auch, aber sie hat, verglichen mit so ehrwürdigen Gebieten wie Philosophie, Theologie, Juristerei oder Medizin etwas von der Jugendlichkeit eines aufstrebenden Geistes, der sich gerade erst kraftvoll entfaltet und nicht so sehr durch das, was es schon geleistet hat, als durch die Möglichkeiten, die in seinem noch kaum erschlossenen Wesen schlummern, zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Gewiss kann auch diese junge Welt der Stoffe und Reaktionen auf Ahnen zurückblicken, aber was sich einmal in dunklen Kellergewölben bei Alchimisten und ihren Adepten regte, wird heute hell überstrahlt durch den Geist wissenschaftlichen Forschens, und da geht es nicht mehr um den Stein der Weisen, sondern um die Gesetze des stofflichen Seins, um den Zutritt in eine Epoche ganz neuer Herrschaft über die Natur.

Professor Klinger machte eine Pause und legte das Anfangsblatt seines Skriptums beiseite. Dem Eindruck dieser Persönlichkeit konnte sich kaum jemand entziehen. Eine hochgewach­sene Gestalt, ein kantiges Gesicht, freie Stirn, schon schütteres weißes Haar mit Geheimratsecken, aber am zwingendsten wirkte die Geradheit des Blickes, der unter bu­schigen Augenbrauen hervor auf die Zuhörer eindrang. Gusella fühlte sich fast etwas unbehaglich; ihm wurde bewusst, dass hier Autorität war und viel Abstand zwischen ihm, dem unsicheren Neuling, und jenem dort auf dem Katheder.

Der Professor fuhr fort: „Chemie ist nicht mehr ein Spiel für Fantasten. Sie ist zur Notwendigkeit geworden in einer Zeit, wo der Mensch kaum noch von dem leben kann, was ihm die Natur freiwillig schenkt. Er muss sich gleichsam eine zweite Natur schaffen, eine Natur aus den Stoffen, die in Laboratorien entdeckt und in Fabriken hergestellt werden, eine Natur der Synthese, und dieses Schaffen setzt Wissen voraus. Wissen darüber, wie es im Inneren der Materie zugeht und was sich von dort her gestalten lässt. Und, meine Herren! Der Professor erhob seine Stimme: „Hier beginnen die Wunder der modernen Chemie. Wenn im Glaskolben plötzlich eine neue Verbindung ihre Farben aufleuchten lässt, wenn aus einer klaren Flüssigkeit ein Kristall herauswächst, wenn unsichtbare Gase, durch ein Gitter geleitet, zu braunen Dämpfen werden und sich danach niederschlagen, sich von einem Flüssigkeitsregen in körniges Salz verwandeln, dann ergreift uns derselbe Schauer wie bei der Geburt, wo die Schwelle vom Leblosen zum Leben überschritten wird und sich fast so etwas wie ein Schöpfungsmysterium vollzieht.

Gusella verspürte eine seltsame Erregung. Was der dort sagte, klang so ganz anders als die trockenen Sprüche auf dem Gymnasium, und wie es Gusella erging, mochten auch die anderen Zuhörer empfinden. Atemlose Stille herrschte im Auditorium, als der Professor fortfuhr, um nun von den Atomen, den kleinsten Bausteinen der Materie, zu sprechen, die in früheren Zeiten nur in den Köpfen von Philosophen gespukt hätten, nun aber als reale Unteilbarkeiten erkannt seien, denn eben das bedeute das Wort a-tómon, und wenn man es ins Lateinische übersetze, käme „individuum" heraus. Das Einzelne sei somit Basis für den Aufbau der Materie, nicht anders als das Individuum für die Gesellschaft, und so müsse dieses Einzelne stets im Rahmen des Ganzen gesehen werden. Wie die Atome durch Naturgesetze gebunden seien, so sei der individuelle Mensch gebunden durch jene Gesetze, die ein gedeihliches Zusammenleben in Volk und Staat erst möglich machen.

Der Professor hatte längst den Blick vom Manuskript gelöst; eine Pause trat ein, und es schien, als müsse Klinger sich neu besinnen. Langsam trat er vom Katheder zum Fenster des Hörsaals hinüber, blickte auf den Platz draußen, von wo das Treiben der Stadt gedämpft durch die Scheiben drang, zögerte und wandte sich dann in plötzlicher Bewegung seinen Studenten zu.

„Als ich mein Studium begann – das ist nun fast vierzig Jahre her –, da war die Chemie noch eine Sache der Kleinbetriebe. Liebig hatte gerade die künstliche Düngung erfunden und seinen berühmten Fleischextrakt hergestellt, der es uns ermöglicht, die Essenz ganzer Rinder in kleine Würfelpakete zu pressen. Heute sind aus solchen Anfängen Großanlagen mit komplizierter Technologie geworden, sie verändern unser Leben, und wer durch die Riesenhallen chemischer Fabriken geht, kann den Eindruck gewinnen, dass in ihnen der einzelne Mensch kaum noch zähle, dass er sich verliere im Gewirr der Maschinen, der Kessel, Kolben und Rohre. Wenn das so wäre, es wäre erschreckend. Aber vor Kurzem hat mein Kollege, der Nationalökonom Friedrich Naumann, betont: Drängt ein Großbetrieb das persönliche Element zurück, nimmt die Leistung des ganzen Betriebes ab. Denn werden die Menschen nur noch gebraucht, um Apparate zu bedienen, dann sind eben auch sie bald nichts als Maschinen. Sie hören auf, sich selbst zu achten; ihre Arbeit wird ihnen zum bloßen Broterwerb. Vergessen Sie nie, meine Herren, dass Fortschritt der Technologie nicht ohne den Fortschritt des Menschen möglich ist. Unserer Zeit braucht jeden Einzelnen, seine Begabung, seine Kenntnisse, seine Fantasie, seine Entschlusskraft. Und das gilt besonders für uns hier in Deutschland. Unser Vaterland ist arm an Rohstoffen, die Äcker reichen kaum aus, unser Volk zu ernähren. Wenn wir uns im Konzert der Mächte behaupten wollen, müssen wir uns geistig bewähren. Wir leben in großen Zeiten; es sind die Zeiten der Wissenschaft und der Technik, und aus ihrer Arbeit können wir Kräfte schöpfen, wie unser junges Kaiserreich sie braucht."

Erregtes Beifallsgetrampel und Klopfen auf die Pultdeckel unterbrach den Professor, der nun zu seinem Katheder zurückkehrte, die Blätter seines Manuskriptes ordnete und nach dem Abflauen des Lärms die Vorlesung schloss. Lächelnd sprach er noch einmal von den Grundlagen der Chemie, die nicht ganz so einfach seien, wie die alten Philosophen gemeint hatten. Denen sei es mit so simplen Substanzen wie dem Wasser, der Erde oder der Luft genug gewesen, wobei die letztere jedoch nur ein schlichtes Gemisch verschiedenartiger Gase sei, also etwas vergleichsweise Ungebildetes, während die gestaltenden Kräfte chemischer Reaktionen sich erst auf den höheren Stufen der sogenannten Verbindungen bemerkbar machten. Das Feuer übrigens, das er bei seiner Nennung von Wasser, Erde und Luft nicht erwähnt habe, wiewohl es die Alten zu den Elementen zählten: das sei keine Substanz, sondern nur Nebenerscheinung jener Prozesse, die man als Verbrennung zu bezeichnen pflegt.

So sehr Gusella auch bemüht war, sich kein Wort des Professors entgehen zu lassen. Seine Gedanken kehrten immer wieder zum Bild der Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen zurück. Es hatte ihn tief beeindruckt, wie Klinger mit knappen Strichen die Konturen der Chemie ins Allgemeine erweiterte, und die Chemie schien ihm nun wie ein Schmelztiegel des noch jungen Jahrhunderts. Da war plötzlich ein Köder ausgelegt, den er packen wollte, und wenn ihm zunächst die Person des Professors ein wenig Furcht eingeflößt hatte, so war er jetzt bereit, diesem Mann ohne Wenn und Aber ins Zauberreich der Chemie zu folgen.

Ein Glockenzeichen ertönte, die Vorlesung war beendet. Professor Klinger faltete seine Blätter zusammen, steckte die Taschenuhr zurück in die Weste und stieg vom Katheder. Fröhliches Trampeln der Kommilitonen begleitete ihn, während er den Hörsaal verließ. Doch schon in der Tür wandte sich Klinger noch einmal um, hob seine Hand wie zu einer leise dankenden Geste, und sein Blick ging durch das Auditorium, als wolle er fragen, ob man ihn auch recht verstanden habe.

*

Am Nachmittag dieses für ihn so festlichen Studienauftaktes suchte Gusella die Drummstraße auf, in deren Haus Nr. 21 sich das Chemische Institut befand, und zwar schräg gegenüber der Frauenklinik. Nach dem respektlosen Wortschatz der Studenten war sie nur als das „Storchennest" bekannt. Gusella wollte sich für das Praktikum anmelden, denn die unmittelbare Tätigkeit mit Reagenzien und Retorten war für einen angehenden Chemiker unerlässlich. Ein freundlicher Assistent nahm sich seiner an, erklärte ihm dieses und jenes, und Gusella war erleichtert, im Umgang mit dem nur wenig älteren, aber schon durch etliche Examina gelaufenen Doktoranden nicht die strenge Distanz zu spüren, die von der Person des Professors ausgegangen war.

Der Laborraum wirkte zwar sachlich und nüchtern mit seinen derben, mit braunen Kacheln belegten Arbeitstischen, die für jeden Studenten einen gesonderten Platz boten, aber es lagerte über allem Mobiliar und Gerät ein seltsam undefinierbares Aroma, das beizend in die Nase stieg und sogar einen leichten Hustenreiz hervorrief. Dieser Geruch faszinierte, genauso wie das Lichterspiel in all den verschiedenen Flaschen, Gläsern, Phiolen und Kolben, die Regale und Schränke füllten. Da gab es die mannigfaltigsten Farbtöne von Salzen, Oxiden, Säuren und Laugen, ein Blitzen und Glänzen in den langen Reihen frisch geputzter Reagenzgläser, die in schmalen Stativen zum Gebrauch der Studenten bereitstanden, und in den großen Scheiben der ‚Abzüge‘ – abgeschirmte Gelasse mit eigenen Kaminen, vorgesehen für Experimente, bei denen mit giftigen Dämpfen und Gasen, gar mit hinterhältigen Explosionen zu rechnen war – in diesen Scheiben spiegelte sich alles noch einmal, gebrochen zwar und nur ahnungsweise, aber dennoch so verheißungsvoll, dass Gusella an Klingers Worte von den Geheimnissen der Materie dachte.

Er ging an einem der Regale entlang, auf dem Chemikalien für den Analysenbetrieb aufbewahrt wurden, und die weißen Etiketten mit sauber geschriebenen Inhaltsbezeichnungen nötigten ihm ergriffenes Staunen ab. Es gab da Chloride. Chlorite und Chlorate, eine stabreimende Familie, die sich offenbar vom Chlor, dem Hellgrün-Fahlbleichen, ableitete, oder die ähnliche Sippe der Sulfide, Sulfite und Sulfate, deren Stammvater jener Schwefel sein musste, der nicht nur als gelbkristallines Sublimat in Vulkanspalten glänzt, sondern auch, wie sich Gusella entsann, einst in Löwengestalt den männlichen Willen verkörperte, während das weibliche Prinzip eher dem mythischen Vogel Greif und dem Quecksilber entsprach. Trafen beide aufeinander, so konnte es zum Streit zwischen Sonne und Mond, aber auch zu deren ehelicher Vereinigung kommen, wie es denn bei Goethe heißt:

Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,

Im lauen Bad der Lilie vermählt,

Und beide dann im offnen Flammenfeuer

Aus einem Brautgemach ins andere gequält …

Gusella fielen diese Verse aus seinen Faust-Stunden der Oberprima ein, und er musste lächeln, als er sich vorstellte, wie hier im Labor durch die blinkenden Gläser und Kolben ein Sonnenkönig Sulphurius und eine Königin der merkurischen Luna hindurchtollten, um in schlichten Abdampfschalen oder Tiegeln ihre chymische Hochzeit, das Matrimonium Corporis et Spiritus, zu feiern. Aber es gab andere Namen, die keine Alchimistenträume heraufbeschworen und dennoch sehr wunderlich klangen, so etwa ein gelbes und ein rotes Blutlaugensalz oder gar ein Cis-Dinitrotetramminkobalt-III-chlorid. Es verschlug Gusella den Atem. Was sollte er davon halten, oder vom Natriummonothiooxyarsenat, das trotz seines gewaltigen Namens sich als farblose Streu kleiner rhombischer Kristalle erwies?

„Alles halb so schlimm, meinte hinter ihm der Assistent, der seine Gedanken erraten hatte. „Sie werden mit recht einfachen Substanzen beginnen. Doch so trostreich diese Beruhigung sein mochte: Als Gusella das Institut verließ, ging ihm mancherlei über die Nomenklatur chemischer Stoffe durch den Kopf, und es schien ihm, als sei diese Welt der Wortmonströsitäten genaue jene zweite Natur, die das neue Jahrhundert sich erfunden hatte, um – nach den Worten des Professors – sie in die Festungen der Großindustrie zu bannen.

III

Der Samstag kam, und am Abend erschien tatsächlich Dahmke, der Korporierte, um Gusella zur Kneipe seines studentischen Corps abzuholen. Man traf sich im Konventsaal eines Hotels, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, und Gusella wurde von mehreren Kommilitonen – insbesondere von v. Zieritz – mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßt. Sie trugen ihre ‚Farben‘, bunte Bänder quer über der Brust, oder gar Husarenjacken mit schimmernden Tressen, sodass man den Eindruck gewinnen konnte, mitten in eine Karnevalssitzung oder einen ähnlichen Mummenschanz geraten zu sein. Befördert wurde dieser Eindruck durch die Ausstaffierung des Raumes. Da er von der Korporation fest angemietet war, hatte man die Wände nach und nach vollgehängt mit verschiedensten Emblemen, Fahnen, Girlanden, Bildern und Trophäen, eine beängstigende Mischung aus Museum und Wirtshausromantik. Besonders wurde Gusellas Blick durch eine Gipsbüste des längst verstorbenen Kaisers Friedrichs III. angezogen. Sie thronte auf einem Sockel in halber Wandhöhe, martialisch blickte der alte Herr mit dem wallenden Bart ins Weite, als habe er gleich noch einmal alle Franzosenkriege seiner Nation zu schlagen, obwohl um ihn herum doch kein Plätzchen mehr frei war für weiteren Ruhm, denn die Büste wurde von staubigen Lorbeer- und Eichenlaubbüscheln umrahmt, keineswegs echten, sondern solchen aus grün gefärbtem, gewachstem Papier, die nun um die hohe Majestät herumwallten wie um ein wohlgarniertes Wildbret.

Unter der Büste befand sich der Thronsitz des Präses, eines Studenten weit fortgeschrittener Semesterzahl, der die Versammlung zu leiten hatte und das mit innigem, steifem Eifer tat; ihm zur Seite und zur Unterstützung die Chargierten, jene Studiosi also, die gewisser Ämter zu walten hatten, wie sie nun einmal bei jedem Verein üblich sind. Hier aber waren sie nicht nur Kassen-, Schrift- und sonstige Warte, sondern zugleich auch Würdenträger, deren Worte und Gesten Gewicht besaßen und denen niemand der Jüngeren widersprechen durfte, wollte er sich nicht peinlichen Strafen aussetzen.

Ohnehin ging es sehr streng in der Runde zu. Es war der Konvent als Keilkneipe angesagt, was bedeutete, dass das knappe Dutzend der bereits zum Corps Gehörigen sich den drei oder vier Neulingen – darunter Gusella – von der besten Seite zu präsentieren hatte. So hieß es nach einem kräftigen „Silentium!", das alles Geschwätz und Schwadronieren zum Schweigen brachte, ein gemeinsames Lied anzustimmen, wobei sogar ein Klavier bemüht wurde, und zu seinem Scheppern erhob sich der Chorus:

Die Köpfe hoch, die Schläger blank,

Das Banner in der Mitten,

Mit keckem Mut und Sporenklang,

Wer kommt dort hergeschritten?

Die Burschenschaft, die Burschenschaft,

Die alte, liebe Burschenschaft.

Die letzten beiden Zeilen wiederholten sich hinter jeder der folgenden Strophen, und zum Schluss konnte sogar Gusella mithalten, auch wenn ihm der übrige Text noch nicht geläufig war:

Die teuren Farben leuchten her,

Wie wir sie einst verlassen –

Schnurrock und Schärpe überquer,

So geht es durch die Gassen …

Wie sie einst stieg vor manchem Jahr

Spornstreichs zu dem Kommerse,

Singt sie, wie das schon immer war,

Die wohlbekannten Verse …

Nun streckt sie stolz und himmelan

Die langen, scharfen Speere,

Voran, die Burschenschaft voran,

Zu unsers Deutschlands Ehre! …

Nachdem solcherart der nationalen Verpflichtung Genüge getan war, wenigstens vorläufig, hieß es, einen kräftigen Salamander zu reiben, und Gusella erlebte zum ersten Male, dass zum Trinken mehr gehöre als ein Getränk. Die Zeremonie, bei der man seinen Bierkrug in rhythmischer Weise auf der Tischplatte zu bewegen und auf ihr herumzutrommeln hatte, ehe er unter schneidigen Kommandos zum Munde bewegt, an- und abgesetzt und obendrein noch halbwegs geleert werden musste, mitmachen zu dürfen, gab Gusella das Gefühl, die erste von vielen Weihen höherer Trinkkultur zu erleben und nun alles bloße Zusichnehmen von Flüssigkeit hinter sich gelassen zu haben.

Nachdem man noch ein paar weitere Male „in die Kanne gestiegen" war, erhob sich der Präses von seinem Thron und setzte zu einer Rede an, die den Zweck des Konvents umreißen und den Neulingen Lust machen sollte, sich keilen zu lassen. Es zeigte sich allerdings, dass er nicht gerade ein Meister des freien Vortrages war; man hatte ihn in sein Amt erhoben, weil er sich auf dem Paukboden und bei unvermeidlichen Ehrenhändeln als unschlagbar erwiesen hatte, was der Reputation des Corps sehr förderlich geworden war. Aber als er zu sprechen begann, nach etlichem Hüsteln und Räuspern, eilte der Fluss seiner Gedanken nur mühsam den Worten nach, die sich an ständigen Ähs und anderen Lauten der Verlegenheit brachen, kräuselten und verstolperten, und je schlimmer es damit wurde, um so strammer fielen die Gesten des Redners aus, sodass er am Schluss nur noch skandierte und seine Sätze wie auf dem Hackbrett zerhieb.

Mit einem weiteren „Ad exercitium salamandris" erlöste er sich schließlich von seiner Qual, und während Gusella in vollen Schlucken gegen das Übermaß der Bierkanne ankämpfte, fragte er sich betroffen, was der Präses überhaupt gesagt hatte.

„Das Corps verficht also nationale Interessen?", wandte er sich an den neben ihm sitzenden v. Zieritz und kam sich selbst mit dieser Frage ziemlich albern vor.

„Natürlich. Vaterland ist höchstes Gut. Darauf lassen wir nichts kommen. Wir sind deutsche Burschenschaftler und nicht Hinz oder Kunz."

„Ich kenne mich hier nicht so aus. Deutsch sind wir doch alle."

V. Zieritz sah Gusella mitleidig an: „Mein lieber Freund, das müssen Sie wohl begreifen. Man kann ein noch so braver Student sein, Vorlesungen absitzen und Seminararbeiten hinkloppen; das ist doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein richtiger Kerl, so einer mit Vaterlandsliebe, wird nur, wer herausragt aus dem Mief der Mittelmäßigkeit, und dazu muss er lernen, seinen Mann zu stehen. Hinter dicken Schwarten lernt sich das nie. Da bleibt man ein blöder Allerweltstropf. Erst ein ordentlicher Aktiver weiß, wer er ist."

„Ich bin eigentlich zum Lernen hergekommen", wagte Gusella einzuwenden, doch da war er bei v. Zieritz an den Falschen geraten.

„Na bitte, dann lernen Sie mal schön und werden ein langweiliger Philister! Pflegen Sie Ihre Blütenträume und schwimmen Sie ab ins Kontor, wo Sie Taler zählen können. Hier bei uns, da gibt es keine Halbheiten. Da heißt es: Ran an den Speck und Farbe bekennen!"

„Welchen Speck?"

„Mit dem fängt man Mäuse. V. Zieritz setzte ein schiefes Grinsen auf: „Ist doch klar. Ganz im Vertrauen: Ideale sind gut, und die haben wir, verdammt noch mal. Und dann haben wir noch die Alten Herren. Sind Sie erst mal fertig mit Ihren Semestern und ist das Examen auch noch so dünn: Wer bei uns war, dem werden die Wege nach oben geebnet, dahin, wo der Speck hängt. Dafür ist dann allemal gesorgt.

Diese zwischen Speck und Idealen schaukelnde Logik verwirrte Gusella, zumal die Vertraulichkeit seines Nachbarn ihm keineswegs geheuer war. Doch ehe er sich noch über den Zusammenhang zwischen Corps und Protektionen klar werden konnte, zerriss ein neuer Gesang seine Gedanken. Diesmal wurde stehend geschmettert:

In feurig prächtiger Sonne

Tat auf die Welt sich weit,

Das Herz genoss die Wonne

Der goldenen Burschenzeit …

Ein Dreimal-Hoch auf das Corps schloss die Strophe ab und gab erneuten Anlass, die Seidel zu leeren. Danach erhob sich am anderen Ende des Tisches, dem Präses gegenüber, ein rundlicher Jüngling, dem von der Kappe ein stattlicher Fuchsschwanz herabhing, um seinerseits eine Rede zu halten. Es handelte sich um den Fuchsenmajor, jenen Aktiven also, der über die Erstsemester, die Füchse, zu wachen hatte, und dieses bedeutsame Amt gab ihm etliche Vorrechte nebst der schweren Verantwortung, aus faden Bürgersöhnchen stand- und trinkfeste Burschen zu machen. Er war ein besserer Redner als sein Vorgänger und verfügte über eine gute Portion an Pfiffigkeit, die ihm etlichen Beifall eintrug, auch wenn der Inhalt seiner Rede nicht unbedenklich war. Es ging um die Bräuche, die im Fuchsenkränzchen üblich und schließlich für den Eintritt ins volle Burschendasein vonnöten waren, und dazu gehörte nicht nur, dass ein Fuchs seinem Leibburschen unbedingten Gehorsam schuldete, ihn zu versorgen und zu pflegen hatte, wenn jener mit Bier abgefüllt oder auf dem Paukboden abgestochen darniederlag, sondern grundsätzlicher noch ging es um all die Prüfungen der Confuchsia, die nicht zimperlich waren und manche urtümliche Mannbarkeitsriten aufrecht erhielten.

„So muss das Füchslein, das aufsteigen will, durch Feuer und Wasser gehen, will sagen, seinen Kopf hinhalten, wo ihm mit flammenden Fidibussen die Haare hinter den grünen Ohren angesengt werden, wie weiland Simson tat mit den Füchsen der Philister, um deren Korn anzuzünden, was zu lesen ist im Buche der Richter, Kapitel 15. Zum anderen aber bedarf es des Wassers, das man den Füchsen über die Köpfe gieße, wonach ihnen die Augen ausgewischt werden, auf dass sie fortan klar ins muntere Burschenleben schauen mögen."

Brüllendes Johlen, mit Vivat-Füchslein-Rufen durchsetzt, belohnte den ‚Major‘, der seinerseits das Kommando zu einem weiteren Aussaufen der Bierkrüge gab, diesmal mit „Ex! und bis zur Nagelprobe, bei der kein Tropfen am Grund bleiben durfte. Gusella tat wacker mit, aber insgeheim erschienen ihm solch derbe Späße, wie sie bei der Fuchsenprobe Sitte waren, wenig erfreulich, vor allem, was das Anbrennen der Haare betraf, und er fragte sich ernstlich, ob es gut für ihn sei, bei dieser Gesellschaft mitzutun. Als dann die Rede darauf kam, wie ein echter Bursch bei der Mensur nicht zucken noch weichen dürfe, wie er sich sein Gesicht müsse zersäbeln lassen, sofern er nicht einen Verschiss riskieren wolle, wie er Ehrenhändel förmlich zu suchen und auszufechten habe, da wurde Gusella klar, dass so etwas sein Fall nicht sei. Mit Schmissen kreuz und quer zwischen beiden Ohren herumlaufen wollte er nicht, auch wenn das später ein beachtliches Renommee in Beruf und Gesellschaft mit sich bringen mochte. Aber jetzt schon seine Abneigung auszusprechen und den Kommers zu verlassen, traute er sich ebenso wenig, und so harrte er aus, gab sich nach Möglichkeit keine Blöße, wenn wieder zum Trinken gerufen wurde, und sang mit, was zu singen war, wobei ihm v. Zieritz die Seiten im Kommersbuch aufschlug. Als Nächstes war die „Rudelsburg dran:

Dort Saaleck, hier die Rudelsburg,

Und unten tief im Tale,

Da rauschet zwischen Felsen durch

die alte, liebe Saale.

Und Berge hier und Berge dort,

Zur Rechten und zur Linken –

Die Rudelsburg, das ist ein Ort

Zum Schwärmen und zum Trinken.

„Auf der Rudelsburg ist übrigens prächtige Fuchstaufe, jedes Jahr, flocht v. Zieritz ein: „Die Corps treffen sich dort zu Pfingsten, und während die Füchse von unten die Burg zu stürmen versuchen, gießen ihnen die Corpsburschen von den Zinnen aus Wasser und Bier über die Köpfe.

„Immerhin besser, als den Kopf für den Schläger hinzuhalten, dachte Gusella, aber er hütete sich, das laut zu sagen, denn vorhin hatte v. Zieritz zu apodiktisch das Lob der Mensur verkündet und mit einem kräftigen Schlag auf die Tischplatte schwadroniert: „Dem deutschen Studenten ist die Kampfeslust angeboren, und ein Hochgefühl schwellt ihm die Brust, wenn er an seine Klinge denkt. Es gibt eben Kontrahagen, die nicht durch Worte gesühnt werden können.

Was eine Kontrahage sei, wollte Gusella lieber nicht fragen. Er verstand ohnehin, dass für Corporierte sehr schnell aller Spaß aufhört. Aber hier beim Kommers herrschte nun Einigkeit. Man sang von Liebe und Treue, und natürlich auch das berühmte „Gaudeamus igitur", das zum Stammlied feuchtfröhlichen Studententums geworden war.

Der Raum hatte sich mittlerweile mit trübem, von den Pfeifen aufsteigendem Nebel gefüllt, nur der dicke Schmolke, ein rechter Urbull, paffte an seiner Zigarre, ansonsten waren altväterliche Hängepfeifen die Mode, mit langen Stielen, Quasten aus Dachshaar oder bunten Kordeln sowie mit dicken Porzellanköpfen, deren aufgemalte Bildchen den Hirsch an der Tränke, den Jägerbursch kniend vor seinem Mädchen, den Tiroler mit Waldhorn oder eine aus grünem Dickicht hervorbrechende Wildsau zeigten.

Bierdunst und Pfeifenqualm, Mützen und Bänder, die groteske Staffage des Saales begannen seltsam zu wabern, die Konturen verschmolzen, gerieten in torkelnd-kreisende Bewegung. Kaiser Friedrichs Majestät schien von ihrem Sockel herabzuzwinkern, und Gusellas Hirn durchzogen dumpfe Schwindelgefühle. Aus irgendwelchen Tiefen seines Empfindens stieg plötzlich die Vorstellung auf, in graue Vergangenheit zu fallen, in eine Tiefe von Jahrhunderten, in der Gespenster und Kobolde ihr Wesen trieben. Der auf die Tische geriebene Salamander wurde tatsächlich zu einer rot gescheckten Amphibie, die auf dem Holz feurige Zeichen funkeln ließ. Angst kroch in Gusella hoch, er klammerte sich an die Lehne seines Stuhles, stierte angestrengt auf einen festen Punkt im Raum und versuchte, den Spuk zu bannen. Mit knapper Mühe überwand er die Anwandlung, sich übergeben zu müssen, und wenn das Kommando zum Trinken kam, täuschte er kräftige Schlucke mehr vor, als dass er sie wirklich über die Lippen gebracht hätte. So schleppte er sich über die nächste Stunde, bis endlich die Kneipe ihrem krönenden Abschluss entgegenschwoll, mit einem letzten Lied, das manche Sänger nur noch unter Lallen anstimmen konnten, während die Trinkfesteren zusammentraten, ihre Mützen auf die Schläger der Chargierten spießten und kräftig das Wohl Kaiser Wilhelms ausbrachten. Dies sei das „Stechen des Landesvaters", wurde Gusella bedeutet.

Damit war der offizielle Teil des Komments beendet, aber das hieß nicht, man müsse nun nach Hause gehen. Nur die Pflicht lag hinter ihnen; es folgte die Kür, und um sie frei von allem Zwang des Verbindungshauses abwickeln zu können, beschloss man, das Lokal zu wechseln.

„Und so ziehn wir mit Gesang/in das nächste Restaurant, grölte v. Zieritz, und sein Leibfuchs Dahmke sekundierte: „Und so ziehn wir mit Gebrüll/in die nächste Vestibüll!

Wenigstens jetzt hätte Gusella abspringen können, aber er fühlte sich um seine Entschlusskraft gebracht, trottete mit den anderen mit, rechts und links von zwei älteren Semestern eingehakt, die ihn im Triumph abführten.

Vorsorglicherweise waren die Mützen und Bänder, die geschnürten Jacken und sonstigen Corpsinsignien im Saale geblieben; man zog in Räuberzivil los, denn das gehörte zu den Spielregeln nächtlicher Streifen. Draußen überfiel die frische Nachtluft Gusella wie ein Schock; für einen Augenblick glaubte er umzusinken, aber dann kehrten seine Kräfte zurück, mit jedem Atemzug wurde ihm wohler, und allmählich fand er sogar Gefallen an dem nächtlichen Ausflug.

Man zog durch die Junkerstraße und über den Paradeplatz; friedlich war es in der schlafenden Stadt, und nur das Zischen der Gaslaternen wäre zu hören gewesen, hätte nicht die Korona ihren eigenen Lärm erzeugt, der sich unziemlich an den Häuserfronten brach. Vor dem Reiterstandbild König Friedrich Wilhelms III. war auf einmal Halt; auf einen Wink des Präses traten die Burschen zusammen und tuschelten miteinander. Dieses Denkmal war ein kolossaler Trumb: Auf riesigem Sockel stolzierte ein hehrer Gefechtshengst und trug die huldvolle Majestät, doch unten, rings um das Postament, ringelte sich eine Schar weiblicher Allegorien, umgeben von etlichen Kindergestalten, die fröhlich ihre nackten Bronzeleiber zur Schau stellten und wohl die Unschuld selber verkörpern sollten.

„Das ist kein Anblick für ein sittlich empfindendes Gemüt, stellte der Präses fest: „Unsere moralische Zeit muss vor der Herausforderung unkeuscher Körper geschützt werden. Sehen Sie selbst, meine Herren, fuhr er mit dozierend gespielter Strenge fort, „wie hier sogar bloße Genitalien – ich scheue mich, das Wort in den Mund zu nehmen – feilgeboten werden!"

Feixend heuchelte die Korona Protest, und man kam überein, die Schande der kleinen wasserhahnähnlichen Glieder an den Knabengestalten umhüllen zu müssen. Flugs wurde nach allen Seiten hin ausgeschwärmt, und kurz darauf kam jeder mit Beute zurück, nämlich mit solchen Leinensäckchen, wie sie von vertrauensvollen Hausfrauen abends an die Türklinken gehängt wurden, um zu früher Morgenstunde frische Brötchen aufzunehmen. Diese Kost wurde von radelnden Bäckerjungen ausgefahren und gehörte zu den Annehmlichkeiten des städtischen Lebens.

„Alsdann!"

Einige der Studiosi schwangen sich über die Gitterstäbe des Eisengeländers, das dem Denkmal nur unvollkommenen Schutz bot, und begannen, die kindlichen Glieder zu verhängen, sodass der Denkmalssockel rasch zu einem mondbeschienenen Wäscheplatz wurde. Das gab viel Gelächter und leichtfertige Reden, und man war gerade einigermaßen ans zufriedenstellende Ende der Aktion gelangt, als eine unvermutete Störung das Werk unterbrach.

Eine dunkle, in einen schwarzen Mantel gehüllte Gestalt war aus dem Schatten der etwas weiter entfernt stehenden Bäume getreten und eilte nun auf die Korona zu, die Hände ringend und in zunächst unverständlichen Worten jammernd. Als sie näher kam, zeigte sich, dass es der Tracht nach einer jener jüdischen Bürger sein musste, deren es damals viele in Königsberg gab. Ehrliche Betrübnis lag auf dem Gesicht des Mannes, während er auf die Studenten einredete und versuchte, dem Schabernack zu wehren:

„Liebe Herrchens, wie können Se nur, wie können Se nur! Is doch ein Denkmal von eine Majestät und darf man doch nich beleidigen!"

Sein Eifer zerriss dem klagenden Mann fast den Mantel, der ihn lose umschloss und seiner Gestalt etwas Groteskes, Flatterndes gab.

„Seien Se lieb, lassen Se die schmähliche Verschandelung, die nichts Gutes ist, bitt ich Sie!"

Die Korona stutzte. Für einen Augenblick war sie aus dem Konzept gebracht. Aber dann trat v. Zieritz auf den Juden zu, legte ihm die Hände fest auf die Schultern, sodass seine Bewegungen erstarben, und rief: „Was kommt denn da für ein Vogel geflogen? Schau, schau; ein Nachkomme Abrahams, und was für einer! Der gute Mann ist ein Patriot, er achtet des Königs Majestät und tritt für Anstand und Ordnung ein. Freunde!" Er wandte sich an die Übrigen:

„So ein Musterexemplar der Gattung homo judaicus muss geehrt werden. Setzen wir ihm eine Krone auf!"

Und ehe jemand ihn hätte hindern können, zog er dem sich vergeblich wehrenden Juden einen Brötchenbeutel über den Kopf, einen, der noch nicht zur Bekleidung des Denkmals gedient hatte. Brüllendes Gelächter quittierte die Tat, und ohne dass man hätte sagen können, wer dabei den Anfang machte, packten die Studenten auf einmal zu, griffen den Juden an Armen und Schultern und begannen, ihn im Kreise zu drehen, sodass er taumelnd zwischen ihnen die Runde machte und wie eine Gliederpuppe von Hand zu Hand flog. Er wehrte sich kaum, seine Arme hingen schlaff herunter, und sein Mund stammelte einzelne Wortfetzen, auf die niemand achtete. Aber die Korona war nun in Hochform geraten und stimmte an:

Ein Rollmops eines Tages fand,

Er sei zu Unrecht Mops genannt.

Denn niemals habe er gewollt,

Dass man ihn so zusammenrollt!

Der Gesang mündete in wildes Johlen; nach ein paar weiteren Drehungen ließ die Korona los, ihr Opfer schwankte, tat ein paar unsicher tastende Schritte, stolperte und fiel am Eisengitter vor dem Denkmal zu Boden. Das Johlen erstarb, ein paar Lacher und Gluckser folgten noch, dann stand die Korona unschlüssig, bis ihr Präses sich umwandte:

„Kommt!"

Einige zögerten, sahen zu der verkrümmten Gestalt mit dem Brötchenbeutel über dem Kopf. V. Zieritz nahm den nächsten am Arm, zog auch die anderen mit sich:

„Lasst den Juden liegen!"

*

Gusella ging wie betäubt hinter den anderen her. Er hatte bei dem furchtbaren Spiel nicht mittun können, hatte hilflos zur Seite gestanden, und nun, als die Besinnung wiederkehrte, überkamen ihn Übelkeit und Ekel. Er lehnte sich an eine Hauswand und rang nach Luft. So geriet er den anderen aus den Augen, erst nach langer Zeit raffte er sich auf, trat allein den Heimweg an. Er schämte sich, er war froh, dass die Korona verschwunden war; er hätte sie nicht mehr ertragen können. Der Weg in sein Quartier machte ihn nüchtern. Was er soeben erlebt hatte, warf all seine Vorstellungen von „alter Burschenherrlichkeit" über den Haufen, und er war nahe daran, seine Koffer zu packen, auf das Studium zu verzichten und wieder ins liebe, heimatliche Graudenz zurückzufahren. Wie ein Stich aber durchzuckte ihn plötzlich, dass er nicht zu dem Juden umgekehrt war, ihm zu helfen.

*

Am nächsten Morgen, kaum dass er aufgewacht war, stieg vor Gusella das Bild des geschundenen Juden wieder auf. Es fiel ihm schwer, zu begreifen, was da geschehen war, und er befand, die ganze Geschichte sei nicht seine Geschichte gewesen. Fortan hielt er sich von den Korporierten fern, auch wenn es ihm schwerfiel, Kontakte zu anderen Studenten zu finden. Er war auf dem besten Wege, ein „Wilder" zu werden.

Erst nach einigen Tagen kam eine Zufallsbekanntschaft zustande. Gusella hatte beim Mittagstisch, der in der Mensa zahlreiche Studenten verschiedenster Fakultäten zusammenbrachte, neben einem Kommilitonen gesessen, dessen eigenartiges Reden und Denken ihn neugierig machte. Es war ein gewisser Albert Staschull, Sohn eines begüterten Landrates aus der Gegend von Allenstein, und schon das fast exotische Fach der Nationalökonomie, das jener studierte, reizte Gusella, ihn näher kennenzulernen. Aus mehreren flüchtigen Gesprächen erwuchs

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