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Sei lieb zu Berndi...

Sei lieb zu Berndi...

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Sei lieb zu Berndi...

Länge:
367 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Jan. 2015
ISBN:
9783958655928
Format:
Buch

Beschreibung

Im Jahre 1973 legalisiert der österreichische Staat den Missbrauch an einem Kind. Der zu schwerem Kerker verurteilte Lehrer wird begnadigt und erhält die Erlaubnis, das von ihm geschwängerte 13-jährige Kind zu heiraten; er kann also "ganz legal" den Missbrauch an seinem Opfer über Jahre fortsetzen. - 1976 wird dieser Pädophile sogar als pädagogischer Mitarbeiter im SOS-Kinderdorf in Salzburg angestellt. Zahlreiche seelisch schwer beeinträchtigte Waisenkinder werden somit einem Straftäter anvertraut.

Der österreichische Staat setzt dem Ganzen die Krone auf und übernimmt seinen gefallenen Staatsdiener wieder in den Schuldienst. Erst als die Eltern eines ganzen Dorfes gegen den unfähigen Lehrer mobil machen und sich weigern, ihre Kinder weiter in die Schule zu schicken, muss der österreichische Staat reagieren und befördert seinen Schützling in die Frühpension, wo er auf Kosten des Steuerzahlers bis heute ein beschauliches Leben führt. Sein ihm anvertrautes Opfer wurde nach sechsjährigem Scheidungskrieg endlich schuldlos von ihm geschieden. Dieser lange Leidensweg, vom ersten sexuellen Missbrauch bis zur Scheidung, wird in diesem Buch dokumentiert.
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Jan. 2015
ISBN:
9783958655928
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Sei lieb zu Berndi... - Anita Ossinger

dokumentiert.

Kapitel 1

Ich war gerade elf Jahre alt geworden, als ich zum ersten Mal den Namen jenes Mannes zu hören bekam, der in den folgenden Jahrzehnten mein Leben bestimmen sollte. Es war 1970, zu Beginn meines fünften Schuljahres, als der Bruder meiner damaligen besten Freundin in der Schule eine Strafarbeit zu schreiben bekam, die wir Kinder für ungeheuerlich lang hielten. Alle drei, meine Freundin Brigitte, ihr Bruder und ich waren entrüstet über die Anzahl der Seiten im Lesebuch, die er abzuschreiben hatte. Verwundert erkundigte ich mich nach dem Lehrer, der solch hohe Strafen an uns Kinder verteilte. Meine Freundin nannte mir den Namen und ergänzte: „Er ist neu an der Schule. – „Wie heißt der?, fragte ich reflexartig nach. – „O.", wiederholte sie den mir bisher unbekannten Namen.

„So ein komischer Vogel", entfuhr es mir, ohne zu ahnen, dass mich dieser Name fast mein ganzes Leben lang mit Schrecken begleiten sollte. Aber erst Monate später sollte sich der fremde Name mit dem Abbild eines wirklichen Menschen verknüpfen.

Vor dem Lebensmittelladen von Brigittes Eltern parkte ein roter Austin Mini 850, die Autotür stand weit offen und ein schlanker, groß gewachsener Mann mit Brille unterhielt sich, mit einem Bein locker auf einer Stufe stehend und mit der Hand an der geöffneten Wagentüre abgestützt, lebhaft mit der Mutter meiner besten Freundin. Ich kam gerade aus dem Geschäft, erblickte die beiden und huschte mit einem knappen, schüchternen „Grüß Gott" an den plaudernden Erwachsenen vorbei. Ich spürte, wie mich die Augen des Mannes aufmerksam verfolgten, bis ich endgültig ihrem Blickfeld entflohen war.

Der Anblick des groß gewachsenen, brillentragenden Mannes war meine erste bewusste Wahrnehmung von diesem Menschen. Während dieser Zeit ging er aber schon bei den Eltern meiner Freundin regelmäßig ein und aus, die ihn als Nachhilfelehrer, wie vier andere Familien der Gemeinde auch, engagiert hatten. Auf Grund der Bekanntschaft meiner Eltern mit jenen von Brigitte dauerte es nicht lange, bis sich die Wege meiner Mutter und meines Vaters mit denen von O. kreuzten. Schnell entwickelte sich ein reger, immer intensiver werdender Kontakt zwischen dem smarten Lehrer und meinen Eltern. Vorerst kam er nur an den Abenden. Später häuften sich seine Besuche und ich fühlte, wie sein Interesse an mir immer stärker wurde, doch ich erwiderte sein Augenmerk nicht im Geringsten. Er war ein Freund meiner Eltern, ich war ein Kind, das mit den anderen Kindern des Hauses und der Umgebung spielen wollte. Die Kinder des Hauses waren mir das Bedeutendste. Wir spielten eine Reihe von Spielen, wie „Der Kaiser schickt Soldaten aus, „Zimmer, Küche, Kabinett oder „Land abnehmen" …

So schenkte ich dem Lehrer vorerst keine Beachtung. Dennoch bemühte er sich immer wieder, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Er hütete sich vorerst noch, mich vor meiner Mutter oder meinem Vater anzusprechen. Vielmehr suchte und provozierte er immer öfter Situationen, in denen er mit mir alleine sein konnte. Es dauerte nicht allzu lange und O. hatte das Vertrauen meiner Eltern vollständig gewonnen. Bald wurde er von ihnen nur noch liebevoll mit dem Vornamen angesprochen, den meine Mutter voller Begeisterung und Zuneigung noch mit dem verniedlichenden „Diminutiv-i versah; dies hauptsächlich, um den Nachbarn ihre große Vertrautheit mit dem „Herrn Lehrer beweisen zu können. Langsam aber stetig erschlich er sich jedoch auch mein Vertrauen, denn er schien der Einzige zu sein, der mich wirklich wahrnahm und sich für mich einsetzte. Für meine Familie, so hatte ich meist das Gefühl, existierte ich nicht wirklich. Meine Mutter legte ihr Hauptaugenmerk nahezu ausschließlich auf sich selbst, nur wenn sie schlecht gelaunt war, was nahezu täglich der Fall war, bekundete sie lediglich in Form von Prügeln reges Interesse an mir. Mein Vater verbrachte den Großteil seiner Zeit mit Trinken und Schwarzarbeiten, heimgekommen ist er nur an den Wochenenden. Zu Hause hatte ihn meine Mutter fest in ihrer Hand, sie kontrollierte seine Arbeitszeiten und verfügte über das erwirtschaftete Geld. In den seltenen Momenten, wo er nicht arbeitete und sich nicht dem Alkohol hingab, konnte ich ein bisschen Zuneigung seinerseits verspüren. Aber das war meinem kindlichen Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit zu wenig, es war genug, um nicht vollkommen zu verhungern, aber gesättigt war ich nie.

Diese emotionale Bedürftigkeit war meine große Schwäche und O. wusste sie für sich zu nutzen. Er setzte sich für mich ein, er gab mir das Gefühl, verstanden zu werden, er ermutigte mich, meine Interessen zu vertreten. So bestärkte er mich, einen unerlaubten Religionstest zu verweigern; ich hatte Erfolg damit, was meine Bewunderung für diesen scheinbar klugen und einfühlsamen Mann, der sich für mein Leben und meine Probleme interessierte, stärker werden ließ. Ich war zu jung und zu naiv, ich bemerkte nicht, wie er mich mit unsichtbaren Fäden nach seinen Wünschen, seinen Vorstellungen manipulierte. Als Erstes stahl er mein Herz – später meinen Körper.

Unbedacht begann ich mich Bernd O. gegenüber zu öffnen. Ich erzählte ihm von meinem Schulalltag, meine Leistungen wurden auch besser, da ich nun einen Ansprechpartner hatte. Es folgten Geschenke, vorerst ein Buch mit dem Titel „Vevi", später ein Fahrrad und nahezu unmerklich wurde es selbstverständlich, dass der Bernd täglich bei uns, wie ein Familienmitglied, ein- und ausging.

Unterdessen waren die Nachhilfestunden bei den Familien im Ort beendet und Bernd O. veranlasste seine Versetzung in eine kleine Bergschule nach Kleinradl, da er mit dem Direktor der Volksschule in Eibiswald kein Auskommen fand. Doch der Weg zurück an seine alte Schule war auch versperrt, denn seine Stelle wurde schon nachbesetzt. So lehrte er an der kleinen Bergschule, in der er keine Kollegen und auch keinen Direktor an seiner Seite hatte. Nur drei Altersstufen, die er in einer Klasse unterrichten konnte, so wie er es für richtig hielt. Untergebracht in einer kleinen Wohnung im Schulgebäude und versorgt vom benachbarten Bauern, dessen Kinder ebenfalls von Bernd unterrichtet wurden, schien er dort ein geordnetes Leben zu führen.

Eines Tages hatte Brigitte die Idee, Bernd mit den Fahrrädern einen Besuch abzustatten und nun, da ich ein neues Fahrrad besaß, konnte ich sie auch begleiten. Für mich war das in Ordnung, denn ich mochte ihn ja auch. Ich ahnte nicht, in welch schicksalhafte Situation mich einer dieser Besuche bringen sollte. Es gefiel uns gut, mit den Rädern zur kleinen Schule zu strampeln und so wiederholten wir den Ausflug. Es geschah nichts Ungewöhnliches, aber die Großmutter meiner Freundin verbot die Besuche mit den Worten: „Es schickt sich nicht für ein Mädchen, einen jungen Mann zu besuchen, der alleine lebt."

Mein Bruder erzählte mir eines Tages, dass er den „Berndi" beobachtet hätte, als er meine Freundin küsste – er alarmierte daraufhin sofort ihre Mutter. Dieser Vorfall schien wohl der wahre Grund für das Verbot zu sein. Auch erfuhr ich viele Jahre später, dass Bernd O. zu jener Zeit schon bei Brigittes Eltern wohnte, Brigitte auch für ihn schwärmte, wie es oftmals junge Mädchen für ihre Lehrer tun, wodurch eine versteckte Rivalität zwischen uns entstand. Aber damals erschienen mir diese Dinge nicht besonders wichtig und ich kümmerte mich nicht weiter darum.

Der Aufmerksamkeit ihrer Großmutter verdankte meine Freundin die ihr verbliebene Unschuld, meinen Eltern hingegen entgingen seine gierigen Blicke oder sie maßen ihnen keine Bedeutung zu. Viel zu mächtig wurde ihr Wunsch, ihr Wille, „Berndi bei uns wohnen zu haben, zu sehr widmeten sie sich dem Konkurrenzkampf mit Brigittes Familie um seine Gunst. Das Szenario schien wie ein groteskes Abwerben Bernds von Brigittes Eltern. Seine Wirkung auf unseren sozialen Status ließ meine Familie anscheinend alle Bedenken vergessen, alle moralischen Regeln brechen. Er genoss den Rang eines „Heiligen, egal was er tat. Seine Besuche bei uns blieben häufig, dabei verwickelte er mich in Abwesenheit meiner Eltern in Gespräche, die mir seltsam und komisch erschienen. Es hatte immer den Anschein, als fordere er etwas ein, was ihm nicht zustünde.

„Ich würde mich so freuen, wenn du mich besuchen würdest. Ich bin so alleine. Jetzt, da du ein Fahrrad hast, kannst du mir doch den Gefallen tun – oder bin ich dir nicht gut genug?", meinte er eines Tages.

Ich antwortete verlegen: „Ja, ich kann schon mal kommen."

„Vergiss es aber nicht!", kam es fordernd zurück.

„Nein, nein", sagte ich hastig und rannte in den Hof zum Spielen.

Es verstrichen Wochen, ehe ich ihm den versprochenen und für mich als Last empfundenen Besuch abstattete. Es war sehr anstrengend mit dem zusammenlegbaren, ohne Gangschaltung versehenen Minirad die bergige und lange Strecke zu bewältigen, vor allem, weil meine Freundin nicht dabei war und ich niemanden zum Quatschen und Herumalbern hatte. Mit knallrotem Kopf und völlig durchgeschwitzt stand ich dann vor seiner Wohnung. Er empfing mich freudestrahlend. Nachdem ich seine Wohnung betreten hatte, gab er mir zu trinken, um meinen großen Durst zu löschen. Ich nahm ihm gegenüber auf einem roten Fauteuil mit schwarzen Armlehnen Platz. An den Inhalt des Gesprächs, das er mit mir führte, erinnere ich mich nicht, jedoch daran, noch nie zuvor so lange mit ihm alleine gewesen zu sein.

An jenem Nachmittag in seiner Wohnung geschah nichts Außergewöhnliches, er schien nur große Freude an meinem Besuch zu haben, sodass ich beschloss, öfter zur kleinen Schule zu radeln. Bei einem meiner folgenden Besuche bei Bernd O. stand ich am Fenster und blickte auf die sich vor mir ausbreitende Hügellandschaft, als ich plötzlich zwei Hände an meinem Körper spürte, die sich von hinten ihren Weg zu meinen kindlichen Brüsten suchten. Ich erstarrte bei diesen Berührungen, mein Atem stockte, als er seinen Körper an mich presste und ich seine Erregung zwischen meinen Beinen fühlte. Er begann mir ins Ohr zu stöhnen, er hob mich hoch und trug mich auf sein Bett. Ich lag wie versteinert dort, er hingegen war dabei, mich zu entkleiden. Mein Herz pochte wie verrückt. Ich wusste nicht wirklich, was mit mir geschah, was er mit mir vorhatte. Ich hielt meine Augen fest geschlossen, stellte mich tot, denn ich wusste, Schreien würde nichts helfen, da mein Rufen ohnehin von niemandem gehört werden konnte. So verstummte ich – nur in meiner Seele brannte sich ein Schrei nach dem anderen ungehört ein.

Immer wieder versuchte er meine fest aneinander gepressten Schenkel zu öffnen, um mit seinem vor Erregung gehärteten Genital in mich einzudringen. Seine Hände waren überall auf meiner Haut, sie schienen sich unendlich zu vermehren, griffen jedes Körperteil ab. Sein nackter schwerer Körper drückte mit vollem Gewicht auf meinen zerbrechlichen Leib, ich spürte seine Schambehaarung und nach einer Reihe immer heftig werdender Bewegungen ließ er von mir ab und eine zähe Flüssigkeit kroch meine missbrauchten Schenkel hinunter. Es schien nun endlich vorbei zu sein, er verharrte noch einige Zeit reglos neben mir auf dem Bett, ehe er sich erhob, sich ankleidete und für einige Zeit den Raum verließ. Ich öffnete zum ersten Mal seit Beginn des Missbrauchs meine Augen, blickte mich im Zimmer um, wobei ich zu meinem Erstaunen feststellte, dass ich nicht gestorben war. Nichts rund um mich hatte sich verändert. Ich setzte mich auf, starrte auf meine beschmutzten Oberschenkel und zog mir schnell meine Hose darüber. Keiner sollte sehen, was passiert war – selbst ich nicht.

Dann betrat er erneut das Zimmer, aber er benahm sich, als wäre nichts geschehen. Es erschien mir unglaublich, doch ich war froh darüber, dass er sich jetzt wieder normal verhielt. Gehetzt, als würde ich vom Leibhaftigen verfolgt, raste ich mit meinem Rad zurück ins Tal. Meine größte Furcht war, dass ich mich oder irgendetwas an mir das Geschehene verraten könnte. Ich dachte jeder würde auf den ersten Blick die schreckliche Tat, die an mir verübt wurde, erkennen. Ich schämte mich so! Meine vor Angst geweiteten Pupillen blickten unruhig auf den ersten Menschen, der meinen Weg querte. Ich heftete meinen Blick an die fremde Person, ich stierte ihr ins Gesicht und erwartete jeden Augenblick eine Reaktion, doch es geschah nichts. Der Mann erwiderte meinen Gruß und ging an mir vorüber.

„Andere werden es sehen …, dachte ich, „… meine Mutter und gewiss meine Freundin werden es sehen.

Doch wieder ereignete sich, entgegen aller meiner kindlichen Erwartungen und Ängste, nichts. Niemand erkannte das Leid, welches er über mich gebracht hatte und ich war nicht in der Lage, es jemanden zu erzählen. Ich beschloss, all dies zu verheimlichen. Wenn es niemand sah, dann sollte es auch niemand von mir erfahren. Ich wich der Sache aus: es gab keine Besuche mehr.

***

Mittlerweile war es Sommer geworden und die Ferienzeit begann.

Ich dachte mit dem Ende meiner Besuche sei auch dem sexuellen Missbrauch ein Riegel vorgeschoben, doch ich irrte mich, das wahre Martyrium sollte erst jetzt beginnen. Meinen Eltern konnte ich mich nicht anvertrauen und so blieb der „Berndi" ein guter Freund der Familie. Diese Freundschaft gipfelte in der Idee eines gemeinsamen Zelturlaubes in Istrien. Drei Erwachsene, mein Hund und ich in einem Zelt – ich hatte das Gefühl, als könnte ich schon jetzt seinen feuchten Atem spüren. Es wurde also alles für den kleinen Familienausflug nach Savutrija in den 850er Mini verladen, an jenen Ort, wo Bernd zum ersten Mal das Meer sah.

Zu Beginn des Urlaubs schliefen meine Eltern und ich im Innenzelt und Bernd im Vorzelt, doch es war schon Ende August und die Nächte wurden frischer, meinte zumindest meine Mutter. So ergab es sich, dass er einen Platz im Innenzelt bekam, dicht an meiner Seite. Nacht für Nacht war ich ihm nun ausgeliefert, seine Finger krochen wie kleine bösartige Insekten unter meine Decke. Dort an meinem Körper angekommen, begannen sie sich über meine kindliche Scham und meine Brüste zu verteilen. Drehte ich mich zur Seite, versuchte er sich mit seinem erigierten Glied von hinten Einlass zu verschaffen. Niemand wollte etwas bemerken. Untertags verlief alles normal, denn vorläufig hütete er sich noch, vor anderen Menschen seine perversen Absichten zu demonstrieren. Nur im Auto, wenn ich hinter ihm saß, griff er immer wieder mit seiner linken Hand nach meinen Beinen. Wiederum wollte niemand etwas wahrhaben.

Der Urlaub ging vorüber, wir kehrten nach Hause zurück und die Schule begann erneut mit ihrem alljährlichen Zyklus. Eine Veränderung meines Wesens setzte nun langsam, aber für andere wahrnehmbar, ein. Den bohrenden Fragen meiner Freundin wich ich aus, ich begann mich mehr und mehr zu verschließen. Nur im Spiel kehrte meine Unbekümmertheit für kurze Zeit zurück, ich wollte dieses flüchtige Glück nicht durch Gedanken an die schrecklichen Vorfälle entschwinden lassen. Ich wollte es festhalten, solange es mir möglich war.

Es wurde Oktober, zu meinem zwölften Geburtstag schenkte er mir einen Verlobungsring aus Rotgold mit einem weißen Stein. Er erwartete, dass ich den Ring tragen würde; aber niemand fragte nach diesem außergewöhnlichen Geschenk eines erwachsenen Mannes an ein gerade zwölfjähriges Mädchen. Im Winter, bei hoher Schneelage und damit verbundener Unpassierbarkeit der Straße zur kleinen Bergschule, verschlimmerte sich meine Situation beträchtlich. In diesen Fällen wurde es zur Gewohnheit, dass er bei uns in der Wohnung, im Durchgangszimmer zwischen Küche und Schlafzimmer, nächtigte. Es war eine untragbare Situation. Vier Menschen und ein Hund in einer winzigen Wohnung, doch meine Eltern erkannten scheinbar nichts Bedenkliches an dieser Konstellation. Ganz im Gegenteil: Ich musste gemeinsam mit Bernd in ihrem Ehebett nächtigen, weil sie angeblich krank waren und im geheizten Kabinett schlafen wollten. Nicht alle Erwachsenen in dem großen Haus waren jedoch derart naiv und es begannen sich die Gerüchte über uns und die sonderbaren Vorgänge zu mehren:

„Was sucht der bei denen? Jetzt schläft er auch schon dort. Irgendetwas stimmt da nicht. Ob das mit rechten Dingen zugeht?" – Dieser Art waren die hinter vorgehaltenen Händen getuschelten Meinungen, die im Haus und der Umgebung die Runde machten.

Meine Mutter wehrte die Gerüchte lapidar mit der immer gleichen Floskel ab: „Die sind doch nur neidisch. Wir sind eben was Besseres."

Im ganzen Ort verbreiteten sich nun die Geschichten über die täglichen Besuche und die Übernachtungen wie ein Lauffeuer und Bernd O. verlor allmählich den Kontakt zu den anderen Familien, bei denen er früher ein nicht ungern gesehener Gast war. – Doch nichts konnte ihn davon abhalten, bei uns weiter ein- und auszugehen.

Ostern stand vor der Tür und Istrien entwickelte sich zu einem beliebten Urlaubsziel für meine Familie. Das letzte Jahr erstandene Zelt wollte schließlich genutzt werden und so stand das Reiseziel für die nächsten Sommerferien auch schon fest. Ein Zelturlaub. Als sei es nie anders gewesen. „Berndi" war nun schon Teil der Familie und daher bei jedem Urlaub ein willkommener Gast. Diese Einladungen ließ er sich nie entgehen, zu groß war sein Bedürfnis, in meiner Nähe zu sein, um mich immer wieder zu missbrauchen. Inzwischen hatte ich zum ersten Mal meine Tage bekommen. Meiner tiefen seelischen Verletzung folgte nun also eine dramatische körperliche Veränderung, der ich hilflos und ohne Unterstützung gegenüberstand.

Im Sommer reisten wir wieder nach Istrien, dieses Mal stand Isola auf dem Programm. Dort freundete ich mich mit einem gleichaltrigen Jungen an. Wir verstanden uns prächtig, wir tobten im Wasser oder spielten mit dem Ball und genossen die schöne Zeit. Dem eifersüchtigen Bernd entging diese, wenn auch bloß spielerische und kindliche Zuneigung nicht und eines Tages, als ich den Jungen vor den Waschanlagen traf, tauchte auch Bernd plötzlich dort auf. Er vertrieb meinen Spielkameraden für immer unter Androhung von Prügel, falls er ihn noch einmal in meiner Nähe sehen sollte. Das war das abrupte Ende einer kurzen Freundschaft. Zur gleichen Zeit hatte eine junge, blonde Slowenin an ihm Interesse gezeigt, sie wollte mit ihm ausgehen und ihm die Umgebung zeigen. Er lehnte die romantische Einladung aber erschrocken ab. Der jungen Frau kam diese ablehnende Haltung vorerst nicht weiter komisch vor. Erst als sie dann in einem kurzen Gespräch mit meiner Mutter erfuhr, dass Bernd nicht, wie von ihr angenommen, mein Bruder war, fand sie die ganze Situation doch etwas eigenartig. Meine Mutter reagierte auf ihre Frage, wer denn Bernd sei und in welchem Verhältnis er zu unserer Familie und mir stünde, er sei nur ein Freund der Familie.

Die junge Slowenin antwortete darauf etwas verwundert: „Das finde ich sehr merkwürdig, dass ein erwachsener Mann so viel Zeit mit einem Kind verbringt."

Meine Mutter entgegnete naiv und die junge Frau abwimmelnd: „Ja, er mag sie halt sehr gerne."

Dass der „Berndi" nur noch neben mir im Zelt schlief, war inzwischen selbstverständlich geworden. Es schien, als ob jeder Mensch, der uns begegnete, instinktiv meine Qualen wahrnehmen konnte, nur meine Eltern offensichtlich nicht. Das kränkte mich umso mehr, da ich mich niemandem anvertrauen konnte. Meine Eltern beschlossen, ab nun ihre Abende alleine verbringen zu wollen und mich ganz der Obhut ihres neuen Lieblings zu überlassen. Oftmals fuhren wir ziellos mit dem Auto in der näheren Umgebung umher, aber besonderen Gefallen fand er an Spaziergängen im Hafen, an der Mole, wobei er mir die dort ankernden oder vorbeifahrenden Schiffe erklärte. Er verpackte seine pädophilen Fantasien, die nicht selten traurige Wirklichkeit wurden, in romantische, märchenhafte Träumereien. Während er den Sternenhimmel betrachtete, schwärmte er vom gemeinsamen Höhepunkt, den er mit mir erleben möchte. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Ich spürte nur jede Nacht, wie lebendig und todernst diese Märchen für mich werden konnten, wenn er versuchte mit seinen Fingern in mich einzudringen.

***

Zu Hause wollten die Gerüchte um die seltsamen Vorgänge in unserer Familie nicht verstummen, die Blicke der Dorfbewohner und Nachbarn sprachen Bände. Auch an Bernd O. ging diese misstrauische und feindselige Stimmung nicht spurlos vorüber, sodass er beschloss, eine mögliche Stelle als Studienrat in Deutschland anzunehmen. Es wurde ihm zu gefährlich, er wusste um das Verbrechen, welches er nahezu täglich an mir beging. Als ich davon erfuhr, er berichtete uns von der angeblichen Arbeitsstelle in Deutschland, durchströmte mich ein Gefühl der Erleichterung. Es würde Frieden einkehren in meiner Seele und mein Körper sollte wieder mir alleine gehören. Meine Eltern betrauerten sein Fortgehen, so als würde ihr einziger Sohn in den Krieg ziehen. Sie hatten „Berndi" so sehr in ihrem Herzen aufgenommen und so sehr schlossen sie ihre Augen vor seinem wiederholten, zerstörerischen Einbruch in den kindlichen Körper ihrer Tochter.

Ich hoffte nun, etwas Ruhe zu finden, meine Fröhlichkeit wieder leben zu lassen, aber das Glück ließ sich nur kurz von mir halten und der finstere Schatten, der sich vor einiger Zeit dunkel über meine Kindheit gelegt hatte, kehrte unaufhaltsam und schicksalhaft zurück. Es geschah bei seiner Fahrt nach Deutschland, als O. beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren und schwer verletzt liegen gelassen wurde. Es schien wie eine Strafe für seine begangenen Sünden, das Resultat aber war die Verlängerung meines Leidensweges.

Ich erfuhr von seinem Unfall mit der damit einhergehenden Einlieferung in das Kufsteiner Krankenhaus von meiner aufgeregten Mutter. Meine Freundin und ich verbrachten diesen Tag an unserem Lieblingsplatz, bei einer kleinen Brücke, an deren Ende ein herrlicher Apfelbaum stand; auch wuchsen dort Weintrauben mit ihrem säuerlichem Fruchtfleisch. Um an das geschmackvolle Innere der Traube zu gelangen, musste zuerst die Schale abgezogen werden. Wir stülpten die Schale gekonnt über die Zungenspitze und bliesen sie dann auf den Boden, so nach dem Motto: Wer spuckt am weitesten? Es gab Tage, an denen die schmale Straße zur Brücke blau übersät war von den vielen Schalen der Schilchertraube. Als ich zurückkam und durch die Wohnungstür trat, wirbelte meine Mutter in hellster Aufregung durch unser beengtes Zuhause. Sie rief, hektisch nach Luft schnappend: „Der Berndi liegt schwer verletzt im Krankenhaus in Tirol. Er hat mich angerufen, ich soll ihn besuchen kommen!"

Wir hatten kein eigenes Telefon in der Wohnung, der nächste Apparat befand sich im Lebensmittelladen von Brigittes Eltern. Sie waren es auch, die meiner Mutter die Nachricht überbrachten. Sie ergänzte nervös fragend: 

„Ich werde so schnell wie möglich zu ihm fahren. Kommst du mit?"

„Nein, das freut mich nicht, gab ich kurz zurück. Was sollte ich dort? Ich war doch froh, dass er endlich nicht mehr in meiner Nähe war und seine schmutzigen Neigungen an mir ausleben konnte. Erkannten meine Eltern keine Veränderung an mir? Erkannten sie nicht eine entspanntere, glücklichere Tochter, seit ihr Peiniger seine Abreise angetreten hatte? Anscheinend ging mein Leben spurlos an ihnen vorüber – nur so konnte ich mir ihre Gefühllosigkeit erklären. Meine Mutter machte sich also alleine auf den beschwerlichen Weg –die schlechten Verkehrsverbindungen machten aus dem Besuch eine kleine Odyssee –, um ihren verlorenen, verletzt und am Straßenrand liegen gelassenen Sohn wiederzusehen. Sie ging vollkommen auf in ihrer Rolle als Ersatzmutter für Bernd; so war bei ihrer Heimkehr von nichts anderem mehr die Rede, nur noch dessen Gesundheitszustand stand im Mittelpunkt aller familiären Unterhaltungen. Sie erzählte atemlos: „Der arme Berndi! Sein ganzes Knie ist kaputt! Hoffentlich bleibt sein Fuß nicht steif. Was wird das noch werden? Aber er hat sich so gefreut, als er mich gesehen hat und er war ja so traurig, dass seine Anita nicht mitgekommen ist. Ich hörte meine Mutter zwar jammern, ihre Worte und vor allem Bernds gesundheitlicher Zustand waren mir aber vollkommen egal. Sie hingegen lamentierte munter weiter: „Hätte es ihn am Kopf getroffen, dann wäre er tot gewesen. Er war fast schon auf der anderen Straßenseite, er wollte gerade den Gehsteig betreten, als ihm dieser schreckliche Unfall passierte …" – In dieser Tonart ging es fast ununterbrochen dahin, bis nach ungefähr vierzehn Tagen Bernd, auf einen Stock gestützt, vor unserer Haustür stand.

Der dunkle Schatten legte sich erneut über mein Leben.

***

Es war für meine Eltern eine Selbstverständlichkeit, ihren schwer verletzten, aber wiedergewonnenen Sohn bei uns aufzunehmen, also nistete sich mein Peiniger in unserer winzigen Wohnung ein. Auch mein letzter Zufluchtsort war somit vom „Feind besetzt, meine Hoffnung auf körperlichen und seelischen Frieden verlor sich mit dem Anblick seiner Person auf unserer Türschwelle im Nichts. Zu allem Übel fiel der Zeitpunkt seiner Rückkehr auch noch in die Ferienzeit, ich verbrachte viel Zeit zu Hause und er nutzte nun alle Gelegenheiten, sich an mir zu vergehen, um sich seine Befriedigung zu verschaffen. Wenn meine Mutter morgens das Haus verließ, um einkaufen zu gehen, weckte er mich und drängte mich auf sein provisorisches Bett. Er handelte dabei immer dreister und selbstgefälliger, es schien als habe er auch die Angst verloren, von meiner Mutter bei seinen sexuellen Attacken gegen mich ertappt zu werden. Kein Gedanke über ein verfrühtes Heimkehren meiner Mutter schwächte sein aggressives Vorgehen. Manchmal stieg in mir die düstere Vorstellung einer stillen Abmachung zwischen „Berndi und meiner Mutter auf – so blind, wie sie sich in dieser Situation verhielt. Um so mehr fürchtete ich mich, dass jemand die Tür öffnete und das Verbotene entdecken könnte. Ich schämte mich, doch seine Gedanken kreisten nur um seine Befriedigung. Nun verlangte er schon den oralen Verkehr von mir, ich sollte sein Glied, welches er „Bimbo" nannte, in den Mund nehmen. Mich würgte und reckte es, ich stand kurz davor mich zu übergeben. Dann fing er zu plaudern an. Er prahlte damit, zehnjährigen Schülerinnen an die Brustknospen gegriffen und mit seinen dreckigen Fingern an ihre Scham gefasst zu haben. Es habe ihnen gefallen, erzählte er stolz und sie wären immer wieder gekommen. Niemand wusste oder wollte davon wissen.

Wieder einmal war meine Mutter außer Haus. Bernd war es nun nicht mehr genug, mich zum Oralverkehr zu nötigen, er wollte jetzt alles.

Auf meinem Weg zur Toilette packte er mich und zog mich auf sein Bett, er fing an mich zu entkleiden, seine Hände waren überall, ich konzentrierte mich darauf, meine Schenkel fest aneinander zu pressen. Er lag auf mir, drückte mir seinen Penis in den Mund, seine Bewegungen wurden immer heftiger und seine Gier nach Befriedigung steigerte sich zusehends. Mit aller Kraft drängte er sein Knie zwischen meine Schenkel und plötzlich ging alles sehr schnell. Ich konnte der rohen Gewalt nicht mehr standhalten, meine Gegenwehr brach zusammen und ich spürte wie sich etwas Hartes den Weg in meinen Körper erzwang. Gleichzeitig breitete sich ein höllischer brennender Schmerz, der mich wie ein Blitz durchfuhr, in meinem Körperinneren aus. So stellte er sich also den gemeinsamen Höhepunkt vor, von dem er immer geschwärmt hatte. Es war vorbei und die Gewalt an mir hatte einen neuen Gipfel erreicht. Nicht nur war Bernd O. gewaltsam in meinen Kinderkörper eingedrungen, jetzt gesellte sich zu all dem Ekel und dem Leid auch noch die Angst vor einer Schwangerschaft.

Ich erinnerte mich noch mit schaurigen Schrecken an die scharfen Worte meiner Mutter, als sie über die Schwangerschaft von Gelis älterer Schwester erfuhr. Sie zürnte ungehalten: „Wenn sich das meine Anita erlauben würde, dann könnte sie was erleben!" Wie könnte ich nach diesen Kommentar, nach dieser Bekundung des fehlenden Mitgefühls, auch nur ein Sterbenswörtchen meines Zustandes erwähnen? So blieb ich alleine mit meinem Schmerz und meinen Ängsten.

Inzwischen hatte ein neues Schuljahr seinen Anfang genommen, mein Peiniger befand sich noch im Krankenstand und meine Mutter ließ ihm weiter eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung in unserer winzigen Wohnung zukommen. Sie bereitete ihm Heublumenbäder, bewegte sein verletztes Bein unter Dampf und bekochte den Vergewaltiger ihrer Tochter mit Hingabe. Anstrengungen und Aufwendungen, die sie für mich niemals erbracht hätte. Er durfte sogar in einen Eimer pinkeln (… der Weg zur Toilette am Gang zu weit gewesen wäre), den meine Mutter dann mit Wonne leerte.

„Berndi, musst du noch einmal lulu?", waren unter anderem ihre Worte, die mir einen Schauer über den Rücken laufen ließen. Sogar beim An- und Ausziehen war sie ihm behilflich, so als läge er bereits auf dem Sterbebett. Mein Vater, zwar nur an den Wochenenden zu Hause, schien mit der skurrilen Szenerie in seinem Heim einverstanden zu sein, zumindest protestierte er niemals.

Eines Tages ereignete sich eine bemerkenswerte Szene: Bernds Vater war bei uns aufgetaucht. Er schrie sich die Seele aus dem Leib, ging auf meinen Vater los und wollte ihn verprügeln. Sämtliche Hausbewohner waren dabei amüsierte und neugierige Zaungäste. Alle kamen sie aus ihren Löchern, um dem grotesken Theaterstück in ihrem Hof beiwohnen zu können. Doch auch dieser spektakuläre Auftritt veranlasste ihn nicht, in sein Elternhaus heimzukehren. Er hauste weiterhin bei uns, wo meine emsige Mutter unermüdlich für das Wohlergehen ihres „neuen Sohnes" sorgte. Dieser zeigte sich erkenntlich und schenkte uns ein Fernsehegerät. Unsere Familie hatte damit einen neuen Status erlangt, angesichts der Tatsache, dass es zuvor für vierzig Parteien nur ein einziges Fernsehgerät gab. Die Mühen hatten sich scheinbar gelohnt, nur mich beachteten meine Eltern jetzt noch weniger und Bernd hatte leichtes Spiel seine Misshandlungen unbemerkt fortzuführen. Seine Genesung war Dank der Aufopferung meiner Mutter nahezu abgeschlossen und auch sein offizieller Krankenstand neigte sich dem Ende

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