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Conny Cöll - "So long"

Conny Cöll - "So long"

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Conny Cöll - "So long"

Länge:
285 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Jan 26, 2015
ISBN:
9783874116091
Format:
Buch

Beschreibung

Jetzt ist es genug! 4 G-Männer gegen die Mafia.

Syndikate haben Ohio im Griff. Unternehmer und Rancher werden von Gangstern terrorisiert. Mörderbanden treiben ihr Unwesen. Da die Anführer teilweise an höchster Stelle im Ministerium sitzen, ist es hier auch für Oberst Sinclar schwierig zu handeln. Trotzdem wagen die Männer aus seiner Truppe auch hier wieder das Äußerste.
Als der Sheriff in Dayton um Hilfe ruft kommt eine starke Truppe: die G-Männer, Samuel Brady, Neff Cilimm, Conny Cöll und der Oberst selbst. In Dayton kontrolliert nämlich der mächtige Kay Kay ein mächtiges Schweinezucht-Imperium und schikaniert die ihm untergebenen Rancher.
Nur ein Rancher konnte sich bisher erfolgreich verteidigen. Nicht zuletzt wegen seines herausragenden Vormannes John Corby, dessen wahre Identität lange Zeit niemand ahnt.
Der Kampf gegen die Gangster ist hart und erfordert auch von unseren erfahrenen Westmännern das Äußerste, aber er kann erfolgreich gewonnen werden.
Eine unlösbare Aufgabe erwartet dagegen den Oberst in Ohio, im Zentrum der dunklen Mächte. Er hat politische Rücksichten zu nehmen. Aber gilt dies auch für seine Männer?
Die Helden treffen in Dayton auch zwei Männer, die einen Kampf auf ganz anderer Ebene führen. Die Pioniere der Luftfahrt, Orville und Wilbur Wright, die mit ihren Experimenten anfangs als Spinner verspottet werden, dann aber große Bewunderung ernten.
Freigegeben:
Jan 26, 2015
ISBN:
9783874116091
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Conny Cöll - "So long" - Konrad Kölbl

Conny Cöll –

„So long"

Von Konrad Kölbl

Inhalt

John Corby

Kay-Kay

Punkt eins: Die Sache Larsen

Punkt zwei: Der Englishman

Punkt drei: Rancher Arthur Space

Die Eminenz

John Corby

Er stand mit seinem breiten Rücken gegen die Theke gelehnt. Seine Augen waren blutunterlaufen und hatten eine Ähnlichkeit mit denen einer angriffslustigen Bulldogge. In dicken Wülsten lagen die kräftigen Armmuskeln unter dem rotkarierten Flanellhemd. Wenn sie sich bewegten, hatte es den Anschein, als wollten die Nähte platzen. Zwischen den wulstigen Lippen unter einer verunstalteten Nase hing eine Zigarette, die glühende Spitze nach unten geneigt. ‒

Man hatte John Corby noch selten ohne Zigarette gesehen. Er rauchte immer. Fast ununterbrochen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Kaum hatte er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, begann es. Die erste Bewegung seines riesenhaft gewachsenen Körpers war der Griff nach der Zigarette, und mancher Boy der Eagle-Farm, auf der er Vormann war, behauptete, John Corby würde auch die meiste Zeit der Nacht mit gierigen Zügen seine unentbehrlichen Glimmstengel fressen. Buchstäblich fressen, denn einen anderen Ausdruck konnte es dafür nicht geben.

Kettenrauchen war aber nicht die einzige Leidenschaft John Corbys. Seine zweite war Raufen. Er war ein Rowdy, wie Dayton, das romantische Städtchen, noch keinen gesehen und erlebt hatte. Sooft John Corby in einer der beiden Kneipen erschien, griffen die friedlichen Bürger schweigend nach ihren Stetsons, um den Ort ihrer Unterhaltung zu wechseln, während die anderen mit unbehaglichen Gefühlen den neuen, unerfreulichen Ereignissen entgegen sahen. Nicht, dass John Corby Möbelstücke und Bareinrichtungen zertrümmert hätte! Oh nein, so etwas tat er nicht; und wenn schon einmal aus Versehen ein alter Hocker oder eine Flasche daran glauben musste, ersetzte er bereitwilligst den Schaden. Er war ein starker Trinker und darum wurde er von den Keepern geduldet. Böse Zungen aber behaupteten, dass der wirkliche Grund für die Passivität dieser braven Boys ausschließlich in ihrer Feigheit zu suchen war, gegen John Corby anzutreten. Aber jeder, der den „Hünen von Dayton einmal in Aktion gesehen hatte, sozusagen während seiner „Arbeit, der glaubte zu verstehen, warum die Wirte des Städtchens John Corby so übermäßig freundlich behandelten.

Ähnlich musste es auch Mister Arthur Space ergehen, seinem Boss, dem Inhaber der Eagle-Farm. Oder sollten hier andere Beweggründe eine undurchsichtige Rolle spielen? Beweggründe, von denen niemand eine Ahnung hatte? Wie konnte es sonst möglich sein, dass dieser brutale Patron in der unmenschlichsten Art und Weise die stattliche Mannschaft der Farm terrorisierte? Schon von jenem Augenblick an, da John Corby den Buffalo-Saloon von Dayton betrat, wusste Wilbur Wright, was die Stunde geschlagen hatte.

Wilbur Wright war ein einfacher, braver, rechtschaffener Bürger des Städtchens, der für seinen Fleiß bekannt war. Er gönnte sich nicht oft ein Gläschen Whisky. Heute aber schien er wieder einmal Appetit nach etwas Alkohol zu haben. Und da der Buffalo-Saloon nicht weit von seiner Wohnung entfernt lag, hatte er sich kurz entschlossen nach dort auf den Weg gemacht.

Wilbur Wright war kein Träumer, sondern ein Mann, der mitunter etwas nervös und fahrig wirkte. Nach angestrengter Tagesarbeit saß er an der Seite seines Bruders Orville über Pläne und Zeichnungen gebeugt, als gälte es, eine weltumspannende, ja weltumwälzende Erfindung zu machen. Die Bürger von Dayton schüttelten über diese beiden Brüder mitleidig die Köpfe, grinsten verstohlen, wenn Wilbur und Orville Wright sich irgendwo blicken ließen, und nicht wenige unter ihnen tippten mit dem Zeigefinger gegen jene Stelle des Kopfes, hinter der nach der weisen Fügung des Schöpfers der Verstand sitzen musste.

Wilbur Wright hatte etwas übrig für starke Männer. Muskelbepackte Boys mit kraftgeballten Fäusten hatten es ihm angetan. Sie genossen seine Verehrung in höchstem Maße, und so war es ganz natürlich, wenn sich seine schrankenlose Bewunderung auch auf John Corby erstreckte. Der Hüne von Dayton war ein Kerl. Ein ganzer Kerl. Er war ein Held, der mit normal gewachsenen Männern nur so spielte, als wären sie Schachfiguren, die man wahllos durcheinander werfen konnte. Freilich, John Corby war ein ungeschlachter Geselle, dem sadistische Grausamkeiten und abstoßende Roheitsakte ein Lebensbedürfnis sein mussten, und Wilbur Wright hatte schon mehr als einmal gesehen, wie der Riese seine ungestüme Kraft auch an wehrlosen, unschuldigen Tieren ausließ. Alles aber, was John Corby tat, war in den Augen Wilbur Wrights eine Heldentat, ganz gleich, ob er zwei oder drei Cowboys zu einer blutigen Masse zusammentrommelte, ob er einen ahnungslosen Fremden, der auf die herausfordernden Reden des Rowdys erzürnt antwortete, zum Krüppel schlug, oder ob er seine lange Treiberpeitsche über das nassglänzende Fell seines Pferdes strich, bis dessen Haut platzte.

Wilbur Wright sah nur die gewaltige Kraftentfaltung des Hünen, die dynamische Entladung seiner donnernden Fäuste und er freute sich, wenn John Corby wieder einmal seine Künste zeigte. Er freute sich mit jener Naivität, die Menschen angeboren ist, die keinerlei körperliche Vorzüge aufzuweisen haben und deren Stärke mehr im Geistigen, Schöpferischen liegt. Nicht, dass Wilbur Wright von dürftiger, schwächlicher Gestalt gewesen wäre. Das war nicht der Fall. Seine Hände waren schwielenbedeckt und zeugten davon, dass er sehr wohl hart und fest zupacken konnte.

In der letzten halben Stunde war er sehr wohl auf seine Rechnung gekommen. Zuerst hatte John Corby den Aufschneider Charly Novodny, einen ständig prahlenden Italiener, der mehr mit den Händen als mit dem Munde redete, vermöbelt. Und dann, als Charlys Freunde Joe, Hai und Garry dem fürchterlich schreienden Genossen zu Hilfe eilten, hatte es der „Hüne von Dayton", zum größten Vergnügen Wilbur Wrights, fertiggebracht, das Kleeblatt schön der Reihe nach in höchst kunstvoller Weise durch das Fenster auf die Straße zu werfen. Ohne sichtbare Beschädigung des Balkenkreuzes. Und ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. Derartige Kleinigkeiten berührten den Riesen nicht im geringsten. Sie waren im Rahmen seiner gemütvollen Abendunterhaltung so nebensächlich wie ... wie eben der staunend in seiner Ecke sitzende Wilbur Wright, der vor Bewunderung seine Kinnlade nicht mehr zusammenbrachte.

Die Abendvorstellung war aber noch nicht zu Ende. Im Gegenteil ‒ sie schien erst begonnen zu haben. In der darauffolgenden Viertelstunde hatte sich John Corby nicht über mangelnde Beschäftigung beklagen können, denn er war von allen Seiten angegriffen worden. Auf Schnellfeuer schaltend und sich mit aller in seinem mächtigen Körper steckenden Abwehrkraft gegen seine Angreifer wehrend, stand er vor der Theke. Seine Schläge saßen so präzis, als wäre ihr Treffpunkt vorgezeichnet gewesen, und wo John Corby hinschlug, wuchs so schnell kein Gras mehr. Der Kampf war kurz aber heftig, und schließlich hatte der Riese seine Widersacher entweder ins Land der Träume befördert oder in klägliche Flucht getrieben. Als er jetzt mit seinem breiten Rücken gegen die Theke gelehnt stand und mit blutunterlaufenen Augen nach einem neuen Gegner Ausschau hielt, da sah er nur umgefallene Gestalten und bleiche Gesichter, die den friedlichen Gästen des Lokals gehörten. Zu Tode erschrocken saßen diese an ihren Tischen, nicht fähig, ein einziges Glied ihres Körpers zu rühren.

„Na, Wilbur, alter Papierkritzler, sagte schließlich der Hüne mit dem zufriedensten Gesicht der Welt, „was sagst du zu deinem Freund Jonny, he?

„Du vertreibst die ganzen Gäste aus dem Buffalo-Saloon."

„Sie sollen zu Hause bleiben ..."

„Hast du nicht Angst, Jonny, auf jenen Augenblick, der dir einmal deinen Meister bringt ..."

„Wilbur, alter Witzbold, lachte der Riese belustigt auf, „das war der beste Scherz deines Lebens! Hast du noch mehr von dieser Sorte auf Lager?

„Du glaubst wohl nicht an die Existenz solcher Männer?"

„Nein, alter Luftpirat ...", kam es dröhnend zurück.

Wilburs Gesicht verdüsterte sich. Das war sein Spitzname in Dayton. Luftpirat. Er konnte diese blöde Bezeichnung nicht ausstehen. Sie kam ihm unverdient, ja lächerlich vor. Aber es hatte keinen Sinn, sich darüber zu ärgern. Das hatte er nämlich schon längst aufgegeben, zumal er die Anspielung, die in diesem Spitznamen steckte, auf eine gewisse Tätigkeit in seinem Leben sehr wohl verstand.

Wilbur zuckte die Achseln.

„Dann eben nicht!", kam es zögernd zwischen seinen Lippen hervor, und schon lag wieder jener bewundernde Glanz in seinen Augen, der immer aufzuleuchten pflegte, wenn er Gelegenheit hatte, John Corby bei der Arbeit zuzusehen. Wenigstens bei jener Arbeit, die der Riese so meisterhaft verrichten konnte.

Und damit war er für die nächste halbe Stunde voll beschäftigt ‒ ‒

‒ ‒ ‒

Eingebettet zwischen sanft geschwungenen Hügeln, zwischen tiefgrünen Fichten, die wie ein wogender Gürtel sich um das Daytontal schmiegten, zwischen saftigen Weidegründen, auf denen stattliche Viehherden bestes Futter fanden, lag die Ranch Mister Arthur Spaces. In den zahlreichen Koppeln standen prachtvolle Pferde, die ungestüm wiehernd nach Freiheit verlangten. Eine ungewöhnlich große Cowboy-Mannschaft hatte für die Aufrechterhaltung des Ranchbetriebes zu sorgen. Es waren durchweg raue, harte Kerle, die ihr Handwerk verstanden und nur schwer in Zucht und Ordnung gehalten werden konnten. Stets zu üblen Streichen aufgelegt, mürrisch und mitunter unverträglich, versahen sie ihren Dienst. Wäre die Mannschaft weniger zahlreich gewesen, würde vielleicht ein besserer Zusammenhalt, ein kameradschaftlicher Kontakt vorhanden gewesen sein. Raufereien, ja sogar Schießereien waren an der Tagesordnung, und so konnte es kaum verwundern, daß Arthur Space einen Mann engagierte, der sich im gesamten Staate Ohio keines besonders guten Rufes erfreute ‒ John Corby.

Der Rancher aber schien keinen schlechten Griff getan zu haben. Der Riese hatte es fertiggebracht, binnen kürzester Zeit eine Mustermannschaft aus der ehemaligen Horde zu machen. John Corby war der einzige Mann, der die wilden Boys bei der Stange halten konnte, und da er offensichtlich mit seinem Boss auf gutem Fuße stand, war dieser gezwungen, mitunter mehr als nur ein Auge zuzudrücken. In manchen Dingen, die absolut nicht seinen Beifall finden konnten.

Arthur Space hatte einmal eine liebe, hilfreiche Frau besessen. Aber das war einmal. Die harte Pionierzeit, die menschenmordende Aufbauarbeit der Ranch in einer wilden Epoche des Mittelwestens hatten lange vor der Zeit ihre schwachen Kräfte zerstört, ihre zarte Gesundheit untergraben und sie das Schicksal jener Frauen gehen lassen, die ein frühes Grab gefunden haben, weil das Leben härter war als sie. Aus seiner kurzen Ehe war eine Tochter hervorgegangen, die ihm aber schon im Kindesalter wieder entrissen wurde. Eine Büffelkuh hatte sie zu Tode getrampelt, als Klein-Ann sich einmal verbotenerweise vom Hause entfernte. Arthur Space hatte nicht wieder geheiratet. Er glaubte kein Glück in der Ehe zu haben und übertrug jene Liebe, die jeder Mensch in seinem Herzen nährt, auf ein anderes Geschöpf, das ständig in seiner Nähe weilte. Auf Elke, seine Hündin.

Seit heute Morgen aber war große Trauer in die Ranch Arthur Spaces eingekehrt. Die treue Gespielin der letzten dreizehn Jahre seines Lebens war eingegangen. Gestern Abend noch war Elke froher Dinge gewesen. Sie hatte kräftige Nahrung zu sich genommen, hatte mit lustig flackernden Augen mit ihrem Herrn gescherzt, war mit erstaunlich flinken Sätzen nach fortgeschleuderten Holzstücken gerannt ‒ und heute Morgen lag sie starr und steif an ihrem geliebten Platz neben dem großen Kachelofen in der guten Wohnstube.

Arthur Space glaubte, ein Stück seines eigenen Ichs verloren zu haben, ein Stück seines Lebensglückes. Die gutmütige, langhaarige Schäferhündin mit den großen, gelben Flecken in ihrem wie schwarze Seide glänzenden Fellkleide, hatte ihn keine Minute des Tages allein gelassen. Überall, wo Arthur Space zu tun hatte, in seinem Büro, in den Stallungen, auf den Weideplätzen oder in den Pferdekoppeln, überall hatte ihn Elke begleitet, und man konnte sich den Rancher ohne sie fast nicht mehr vorstellen. Wenn er aß, hockte sie unter dem Tisch, mit großen Augen darauf achtend, ja keinen Knochen verloren gehen zu lassen, und in der Nacht bewachte Elke seinen Schlaf. Wohl war sie in den letzten Jahren etwas langsamer geworden und auch ihre Läufe waren nicht mehr so schnell und ausdauernd, wenn sie neben dem Reitpferd ihres Herrn lief. Arthur Space aber nahm immer Rücksicht auf sie und passte die Gangart seiner Stute dem Atmungsvermögen der Hündin an. Er hatte Freud und Leid mit ihr geteilt, den letzten Bissen, wenn er unterwegs war, mit ihr gebrochen oder gar zu ihren Gunsten auf ihn verzichtet. Sie war ja die einzige Freude seines Lebens. Sie hatte ihn nie belogen, betrogen oder irgendwie hintergangen, wie er das von den Menschen gewohnt war. Elke war immer für ihn da. Die Hündin verstand seine Sprache. Sie wusste stets, was ihr Herr wollte. Griff er nach den Schlüsseln, lief sie bereits voraus, denn nun konnte er nur ins Büro gehen. Griff er aber zur Peitsche, dann heulte sie laut und freudig auf, denn nun wusste sie, dass es auf die Weide ging. Arthur Space sprach mit seiner vierbeinigen Begleiterin wie mit einem guten Freund. Und wenn die großen, klugen Augen des Tieres fragend auf ihn gerichtet waren, scheute er nicht die Mühe, sich näher zu erklären, denn in diesem Falle musste er sich etwas ungeschickt ausgedrückt haben. Nie hatte es ein böses Wort gegeben ‒ kein Knurren, kein Schreien. ‒

Und nun war sie tot. ‒

Arthur Space fühlte den dumpfen Schmerz in seiner Brust, den ein Mensch empfindet, wenn ein geliebtes Wesen Abschied nimmt. Er schaufelte Elke höchst eigenhändig ein Grab, langsam, mit traurigen, bedächtigen Griffen und Bewegungen, und dann legte er frische Blumen auf den sanften Hügel. Genau wie damals, als er seine Gattin zur letzten Ruhe tragen musste.

Nun stand er ganz allein auf der Welt. Nun hatte er niemand mehr, mit dem er ein inneres Verhältnis pflegen konnte. Mit dem er Zwiesprache halten konnte, wenn ihm irgendetwas auf der Seele lag.

Er saß in seiner guten Stube und blickte traurig vor sich hin.

Arthur Space war ein ruhiger Charakter, der nichts vom lauten Lärm des Alltags wissen wollte. Die Ranch wusste er in besten Händen. John Corby war Manns genug, dafür zu sorgen, dass täglich jede anfallende Arbeit verrichtet wurde. Das Geschäft florierte. Arthur Space war schon längst ein ungemein wohlhabender Mann, den keine Wirtschafts- oder Absatzkrise mehr aus dem Sattel werfen konnte. Er hatte jede Bequemlichkeit, die ein Mensch sich wünschen konnte. Hätte er wenigstens seine Elke behalten können, er würde einen Teil seines Vermögens geopfert haben. Einsamkeit ist schwer zu ertragen. Sie macht unglücklich und man kommt sich von aller Welt verlassen und verloren vor. Bei Arthur Space aber war ein Zustand eingetreten, der die Grenze der Einsamkeit schon überschritten hatte ‒ der bereits das Herz zu vereinsamen drohte.

Arthur Space sah nicht den Eintretenden, obwohl sich dieser keine Mühe machte, besonders leise zu sein.

„Boss, kam es von der Türe her, „draußen ist ein Mann, der Euch zu sprechen wünscht! Soll ich ihn herein lassen?

Der Rancher blickte hoch. Nun erst bemerkte er John Corby, dessen massige Gestalt nahezu den gesamten Rahmen der Türe verdeckte.

„Wer ist es?"

„Das weiß ich nicht!"

„Hast du nicht nach seinem Namen gefragt?"

John Corby nickte grimmig.

„Das habe ich allerdings! Er aber meinte, das würde mich einen Kuhfladen angehen ..."

„Das hat er gesagt? Nicht möglich!"

„Er ist ein gefährlicher Boy, Boss, und ich rate Euch, ihn nicht vorzulassen! Auf der anderen Seite möchte ich ihn aber auch nicht gerne an die frische Luft befördern."

„Und warum nicht?", staunte der Rancher.

„Ich sagte es schon, Boss ‒ es handelt sich um einen gefährlichen Boy ..."

„Nicht möglich, Vormann? Ich wundere mich sehr!" Und das war in der Tat so. Solche Worte hatte Arthur Space noch nie aus dem Munde des Hünen gehört. Für einen John Corby hatte es doch bis heute noch kein Zögern, kein Zaudern gegeben, wenn es darum ging, einen unliebsamen Gast ‒ und das war in den Augen des Ranchers einer, der seinen Namen nicht nennen wollte ‒ hinter die äußerste Grenze der Ranchumfriedung zu setzen.

„Was will er?", fragte Space.

„Er meinte ‒ auch das würde mich einen Kuhfladen angehen ..."

„Ein frecher Patron! Wie sieht er aus?"

„Unscheinbar! „Wie ein Mormonenprediger, seines schwarzen Anzuges wegen ..."

„Vielleicht ein Geistlicher?"

„Nein, Boss ‒ ein Geistlicher ist kein Revolvermann! An seiner Hüfte baumeln nämlich zwei scharfgeladene Dinger und die Griffe sind so tief und schwer nach vorne geneigt, als wollte er sie alle Augenblicke aus den Halftern reißen ..."

„Tatsächlich, ein gefährlicher Boy ..."

„Das Merkwürdige an ihm aber sind seine Augen! Ich kenne nur einen Menschen, dessen Gesicht noch trauriger anzuschauen ist als seines, und das ist das Eurige ‒"

„Lass ihn hereinkommen, Vormann!"

„Soll ich in Eurer Nähe bleiben, Boss?"

„Oh ... es macht mir nichts aus ..., erklang in diesem Moment eine sanfte Stimme hinter dem Rücken des Riesen, „der dicke Boy kann ruhig bleiben, Mister Space! Er stört mich absolut nicht ...

John Corby wirbelte herum und ein grunzender Ton entfuhr seinem Munde.

„Was fällt dir ein, du Trauerweide! Du hast draußen zu warten ..."

„Nicht doch, Dicker, unterbrach die sanfte Stimme, „fass mich nicht an, ich bin äußerst kitzlig! Lass die Pfoten von meiner Schulter ...

Arthur Space starrte überrascht auf die Tür. War dies möglich, oder spielten ihm seine Sinne einen üblen Streich. John Corby, der gewaltige John Corby hatte den Fremden an der Brust gepackt, seine Knie waren leicht eingeknickt und sie zitterten vor Anstrengung. Es war offensichtlich ‒ er wollte den Eindringling mit Gewalt vor die Tür setzen. Aber das ging nicht. Trotz der größten Kraftanstrengung des Hünen ‒ seine Stirnader trat in dicken Strängen hervor und sein Gesicht war purpurrot geworden ‒ bewegte sich der schwarzgekleidete Mann kaum einen Zentimeter. Er hielt stand. Er hielt mühelos stand, als würde sich ein schwaches Kind dagegen stemmen.

„Noch einmal, Dicker!, kam es ruhig aus dem Mund des Angegriffenen, und nichts war in seiner Stimme, was auf irgendeine körperliche Anstrengung oder innere Erregung hätte schließen lassen. „Nimm deine Pfoten von meinem Anzug, sonst gibt es blaue Flecken ...

John Corby aber dachte gar nicht daran, dieser Aufforderung nachzukommen. Das wäre auch ganz und gar gegen seine gewalttätige Natur gewesen, die keinerlei Widerspruch oder gar Widerstand vertrug. Seine großkalibrigen Trittlinge stemmten sich gegen den Boden, als gälte es, die Dielenbretter zu durchbohren. An seinen Armen traten die kraftstrotzenden Muskeln hervor, seine Finger krallten sich in die schwarze Lederweste des mehr schlank als athletisch wirkenden Fremden, der mit leicht gespreizten Beinen zwischen Tür und Angel stand, um den erneuten Angriff auf sein körperliches Gleichgewicht zu erwarten.

Arthur Space schmunzelte. Nun dürfte der freche Patron eine Abreibung in Aussicht haben, an die er zeit seines Lebens denken sollte. Mit dem Riesen war nicht zu spaßen, wenn er in Wut geriet, und das war nunmehr geschehen. Der Rancher aber glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen ‒ nicht der Fremde wurde aus seinem festen Stand geworfen, sondern sein Vormann. John Corby knickte in den Knien ein, es war, als wäre er gestolpert, und plötzlich schlug er mit seinem breiten Rücken auf den Fußboden. Eine Sekunde später aber stand der Riese wieder auf den Beinen. Mit einem unterdrückten Wutschrei wollte er abermals auf den Unbekannten eindringen, als er auf einmal glaubte, in einen unbarmherzigen, stählernen Schraubstock geraten zu sein. Zwei eisenharte Fäuste packten ihn an den Hüften, er fühlte sich plötzlich mit unwiderstehlicher Gewalt herumgewirbelt, und ehe er sich versah, flog er ins Nebenzimmer, genau dorthin, woher der Fremde gekommen war. Dann schloss sich die Tür. John Corby hörte sie deutlich ins Schloss fallen. Und er hörte noch etwas, nämlich die Engel im Himmel singen. Oder war es das Blut, das in wilden Stößen durch seine Adern sauste? Das ... das war ihm noch nie passiert! Er war wie ein nutzloses Paket zur Seite geworfen worden, in eine Ecke, in der überflüssige Gerätschaften standen.

Das schrie nach Rache ‒ nach Rache ‒ nach Rache ...

Ehe er aber einen erneuten Anlauf nehmen konnte, um die Türe zu rammen, sie mit der Gewalt seines imposanten Körpergewichtes aus den Angeln zu heben, öffnete sie sich und das Gesicht seines Bosses erschien.

„Abtreten, Vormann!, sagte Arthur Space. „Die erste Runde geht an den Schwarzhaarigen. Der Boy gefällt mir! Ich wünsche, nun nicht mehr gestört zu werden ...

Die wutverkrampften Fäuste des Hünen, die bereits nach vorne gezuckt waren, lösten sich, und plötzlich stand in seinem Gesicht ein Zug, den ein Irrenarzt schlicht und einfach als idiotisch bezeichnet hätte ‒

Die Überraschung John Corbys war grenzenlos ‒

‒ ‒ ‒

„Guten Abend, Mister Space!"

„Guten Abend, Fremder!"

„Verzeiht, Rancher, wenn ich mich auf solch ungewöhnliche Art und Weise eingeführt habe. Aber dieses grobschlächtige Büffelkalb war mir ausgesprochen unsympathisch ..."

Der Fremde näherte sich unaufgefordert. Er trat an den Tisch und nahm in dem weit ausladenden Korbsessel Platz, ohne dazu

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