Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

99 Crashes: Prominente Unfallopfer

99 Crashes: Prominente Unfallopfer

Vorschau lesen

99 Crashes: Prominente Unfallopfer

Länge:
418 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2014
ISBN:
9783864895630
Format:
Buch

Beschreibung

Auch Prominente sterben

Rund 50 Millionen Menschen sind weltweit bislang durch Kfz-Crashs ums Leben gekommen. Wenn prominente Menschen bei Unfällen sterben, fühlen viele Menschen besonders mit. Klaus Gietinger nennt in seinem Buch die 99 bekanntesten Unfallopfer, wirft einen Blick auf ihr Leben und den Moment ihres Todes. James Dean, Helmut Newton, Jörg Haider, Jayne Mansfield, Margaret Mitchell, Albert Camus, Grace Kelly, Falco, Paul Walker - sie alle sind dem allgemeinen Motorisierungswahn zum Opfer gefallen und auf der Straße gestorben. Wie starben sie? Und warum? Steckt in manchen Fällen gar mehr dahinter? Nicht nur bei Lady Di oder Lutz Eigendorf kursieren zumindest wilde Verschwörungstheorien. Gietinger ordnet ein und liefert ein einzigartiges autokritisches Buch. Er klagt an durch den Blick auf die Menschen, die wir sowieso schon immer gerne in den Fokus rücken: unsere Prominenten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2014
ISBN:
9783864895630
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

99 Crashes - Klaus Gietinger

werden.

1 Bridget Driscoll (1851 – 1896)

Traurige Berühmtheit als erstes offizielles Todesopfer eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor erlangte Bridget Driscoll. Am 17. August 1896 wurde sie, als Fußgängerin mit ihrer 16-jährigen Tochter May unterwegs, in der Nähe des Kristallpalastes in London von einem angeblich nur 6,4 km/h fahrenden Roger-Benz umgestoßen, wobei sie sich tödlich am Kopf verletzte. Das deutsch-französische Auto soll Teil einer Motorfahrzeugausstellung auf der Dolphine Terrace gewesen sein. Nach sechsstündiger Gerichtsverhandlung wurde der Fahrzeugführer Arthur James Edsall – es hieß, er sei zickzack gefahren – freigesprochen. Zu seiner Entschuldigung hatte er vorgebracht, gehupt zu haben. Später behauptete seine Beifahrerin Alice Standing, der Motor sei frisiert gewesen und er sei schneller gefahren. Diese Behauptung ist aber – angeblich fachmännisch – widerlegt worden. Offenbar war die Höchstgeschwindigkeit des Autos auf 11,5 km/h beschränkt. Driscoll starb, kurz nachdem ein neues Gesetz die Geschwindigkeitsbegrenzung für alle Motorwagen auf gut 22 km/h erhöht hatte.

»Die Viktorianer haben keinen wirklichen Sinn für Gesundheit und Sicherheit. Sie akzeptieren einen solchen Tod einfach und sehen ihn nur als schreckliche Tragödie an.«

Jerry Savage, Historiker, 1896

Im Verlauf der Urteilsverkündung soll der Untersuchungsrichter Percy Morrison gesagt haben: »Möge so etwas nie wieder passieren!«

Dabei war Driscoll tatsächlich nur der erste »offiziell« von einem Motorwagen auf der Straße getötete Mensch. Schon am 31. August 1869 war die Wissenschaftlerin Mary Ward von einem Dampfwagen (den Verwandte gebaut hatten) gefallen und von dessen Hinterrad überrollt worden.

2 Florence La Badie (1888 – 1917)

Florence La Badie war zu ihrer Zeit ein Superstar, berühmter als die legendäre Mary Pickford. Wahrscheinlich am 27. April 1888 in New York als Florence Russ und vermutlich uneheliche Tochter von Marie C. Russ geboren, wurde sie von einem kanadischen Ehepaar namens Joseph E. und Amanda J. La Badie adoptiert und wuchs in Montreal auf. Ihr Adoptivvater war ein berühmter Anwalt. Nach ihrer Schulausbildung, u.a. im Convent of Notre Dame in Montreal, wurde sie Modell für den in den USA sehr bekannten Illustrator Penrhyn Stanlaws. Ab 1908 spielte sie in einer Theaterkompanie und tourte durch den Osten der USA. 1909 begleitete Florence ihre Freundin Mary Pickford (damals schon ein Star) zu einem Dreh in die Biograph Studios nach Manhatten. Sofort bekam sie eine kleine Nebenrolle und galt fortan als neues Talent der Biograph Studios, die Stars wie D.W. Griffith, Douglas Fairbanks und eben auch Pickford hervorgebracht hatten.

1911 wechselte La Badie zur Filmproduktion von Edwin Thanhouser in New Rochelle, New York. Ab da ging es steil bergauf mit ihr, denn im selben Jahr drehte sie schon 20 Filme (die damals allerdings meist bedeutend kürzer waren als heutige). In den sechs Jahren bis zu ihrem Crashtod wirkte sie in sage und schreibe 185 Filmen mit, darunter eine der ersten Verfilmungen von Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1912, nach Robert Louis Stevenson). Zu dieser Zeit verdiente sie schon 128 Dollar die Woche, eine damals recht hohe Gage, die dem 30-Fachen eines deutschen Facharbeiterlohnes entsprach. Ihre Schönheit, ihr Charme und ihr (auch heute noch) modern wirkendes Gesicht machten sie schnell zum Liebling des Publikums, zu einer der begehrtesten Schauspielerinnen des frühen Stummfilms. La Badie wurde zum »Million Dollar Mystery Girl«, zum Star der Serie Million Dollar Mystery, also eines der damals üblichen zehnminütigen Serials, die, mit einem Cliffhanger (einem dramatischen offenen Ende) versehen, Woche für Woche fortgesetzt wurden.

»Woher nimmt der Automobilist das Recht, die Straße, wie er sich rühmt, zu ›beherrschen‹, die doch keineswegs ihm, sondern der ganzen Bevölkerung gehört?«

Michael Freiherr von Pidoll, Publizist, 1912

Nur zweimal bis zum Ende ihres kurzen Lebens war sie für längere Zeit liiert. Zuerst mit dem Cadillac-Händler Val Hush, der selbst auch in kleineren Rollen brillierte und der zeitweise auch mit einem anderen Stummfilmstar verbunden war, mit Mignon Anderson. Der zweite Lebensgefährte La Badies hieß Daniel Carson Goodman und war Drehbuchautor bei Thanhouser. Hush gab sie, nachdem sie Goodman kennengelernt hatte, den Laufpass. Selbstredend erhielt sie Tausende von Heiratsangeboten. Allen Freiern habe sie, so heißt es, höchstpersönlich per Brief einen Korb gegeben. La Badie versuchte sich auch in Lyrik und soll gar nicht so schlecht geschrieben haben. 1914 erschienen zwei Bände aus ihrer Feder, Thoughts of a Young Girl.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs engagierte sie sich für alliierte Soldaten an der Front, mahnte allerdings zum Frieden und war gegen einen Kriegseintritt der USA. Schon damals setzte man auf die Karte Auto plus erotische Frau, und so stellte man sie während einer Geldsammelveranstaltung am Broadway in einem elfenbeinweißen, offenen Pullman zur Schau. Der war ihr von der Thanhouser Filmproduktion geschenkt worden, und in ihm führte sie einen Autokorso an, mit dem man für die Beleuchtung der Freiheitsstatue warb und der bei den Brokern an der Wallstreet endete, wo sie eine flammende Rede für die »Entflammung« der Freiheitsstatue hielt.

Der Weg in den Tod

Am 28. August 1917 steuerte sie, 29 Jahre alt, nahe Ossining, New York, ihr eigenes Auto. Ob es sich um das elfenbeinweiße Pullman Cabrio handelte, ist nicht überliefert. Beifahrer war ihr Lebensgefährte Goodman. Die Bremsen ihres Wagens versagten. Das Kfz stürzte einen Hügel hinunter und überschlug sich mehrmals. Goodman kam mit einem gebrochenen Bein und einigen Blessuren davon. La Badie wurde aus dem Wagen geschleudert und zog sich einen komplizierten Beckenbruch zu. Sechs Wochen nach dem Unfall, am 13. Oktober 1917, starb sie an Blutvergiftung. Bei ihrer Beerdigung waren zahlreiche Stars von Pathé und der Thanhouser Filmproduktion zugegen. Ihre Freundin Mary Pickford angeblich nicht.

Verschwörungstheorie

La Badie steht im Zentrum einer hochrangigen Verschwörungstheorie, die der Autor Charles Foster im Jahr 2000 in seinem Buch Stardust and Shadows. Canadians in Early Hollywood aus Erinnerungen einer Freundin und eines damals sehr jungen Reporters zusammenbastelte.

Demnach sei ab 1911 ein ständiger Gast bei den Dreharbeiten mit La Badie der damalige Gouverneur von New Jersey gewesen, ein alter Freund ihres Stiefvaters. Der Gouverneur habe sich fasziniert vom Filmedrehen gezeigt, aber noch mehr fasziniert von der damals 23 Jahre jungen Florence (Foster macht sie noch fünf Jahre jünger). La Badie konnte sich wohl dem einflussreichen, schon über 50 Jahre alten Stalker nicht völlig entziehen, habe aber versucht, auf Distanz zu bleiben. Im Jahr 1913 wurde dieser Stalker dann zum Präsidenten gewählt. Sein Name: Woodrow Wilson. Er erwies sich als einer der bedeutendsten Präsidenten der USA und wurde weltberühmt durch seine 14 (relativ milden) Punkte, die er 1918 der Deutschen Reichsregierung nach vier Jahren Weltkrieg als Bedingung für den Frieden unterbreitete. Auch durch den von ihm mitinitiierten Versailler Friedensvertrag, der dann etwas härter ausfiel, hat er sich einen Namen gemacht. Davon abgesehen sei Wilson, nachdem er 1913 Präsident geworden und ihm kurz darauf seine Frau gestorben war, noch mehr hinter Florence her gewesen. Sie selbst ging wohl davon aus, dass er sie heiraten wollte. Im Dezember 1914 wurden Florence und ihre Mutter eingeladen, Weihnachten im Weißen Haus zu verbringen. La Badie wollte zwar nicht, konnte aber nicht nein sagen, da Wohl und Wehe der Filmproduktionsfirma von staatlichen Behörden abhing, die die Drehgenehmigungen erteilten oder auch nicht.

Wilson schickte ein präsidiales Kfz, und die beiden Damen La Badie mussten nach Washington fahren. Im Gegensatz zu den sonstigen Gepflogenheiten wurde der Besuch von der Produktionsfirma nicht an die große Glocke gehängt. Wieder daheim in New York, soll La Badie traumatisiert gewirkt haben. Tatsächlich arbeitete sie nur noch ganz wenig und zog sich zeitweilig völlig aus dem Filmgeschäft zurück. Erst Anfang 1916 legte sie wieder los, um dann nach kurzer Zeit abermals auszusetzen. Foster unterstellt hier, ohne es auszusprechen, dass Wilson, wie es auch später John F. Kennedy in Bezug auf andere Frauen nachgesagt wurde, im Oval Office über La Badie hergefallen sei.

Und 1917 starb sie dann bei dem Crash. Ein damals 17-jähriger Reporter des New York Telegraph namens James Baird will am Unfallwagen entdeckt haben, dass die Bremsleitungen mit einem Messer durchgeschnitten worden seien. Er schrieb eine Story, sein Vorgesetzter war begeistert und wollte diese groß rausbringen. Doch die Story erschien weder am nächsten Tag noch am übernächsten. Sie erschien nie. Als der Reporter den Wagen nochmals inspizieren wollte, war der verschwunden, nach Auskunft der Autowerkstatt war er von offiziellen Stellen abgeholt worden. Der Mechaniker fand sich ebenfalls nicht mehr. Baird wurde entlassen, niemand gab ihm mehr Auskunft. Nun wollte er seine Story frei verkaufen, was ihm aber ebenfalls nicht gelang.

Er forschte trotzdem weiter und bekam angeblich raus, dass La Badie einen Sohn hatte, der George Woodrow Smith heiße und im September 1915 geboren worden sei. Gefunden hat er ihn trotz jahrelanger Recherche und Zeitungsanzeigen nicht. Es sei offensichtlich, wer La Badies Mund für immer verschlossen habe, wird Baird zitiert. Foster unterstellt also, dass La Badie einen Sohn mit Wilson hatte, und legt, wieder ohne es offen auszusprechen, nahe, dass der Unfall ein Mord gewesen sei, den womöglich gar Wilson in Auftrag gegeben habe. Als mysteriös stellt Foster auch die Tatsache hin, dass ein angeblich unbekannter Mann beobachtet worden sei, der während des Unfalls aus dem Wagen sprang. Dass es sich hier um Goodman gehandelt haben könnte, kommt Foster erst gar nicht in den Sinn. Ein Blogger wusste dann (2006) sogar noch, dass Charles J. Hite, der Präsident der Thanhouser Company – und angeblicher Beschützer von La Badie –, einige Jahre früher auf die selbe Art ums Leben gekommen sei, mittels durchgeschnittener Bremsen.

Zutreffend?

Die von Wilson erzwungene Liebesaffäre mit La Badie liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Der Mord an La Badie allerdings weniger. Warum sollte sie erst drei Jahre nach ihrem Aufenthalt im Weißen Haus umgebracht worden sein und warum sollte sich ein amerikanischer Präsident durch irgendwelche gedungenen Killer angreifbar machen? Und wie viele Leute, die dann auch noch dicht halten müssten, dazu nötig wären, solch einen Fall zu vertuschen (Wagen verschwinden lassen, Sohn verschwinden lassen, Chef des jungen Reporters in die Pflicht nehmen, Reporter entlassen, Story auch woanders nicht drucken lassen etc.), ist gar nicht abzusehen. Foster ist zudem unpräzise. Schon der Titel seines Buches unterstellt, dass La Badie ein Hollywoodstar gewesen sei. Das traf aber nicht zu. Sie drehte in New York. Hollywood wurde erst später das Zentrum der Filmindustrie. Außerdem macht er sie ohne Nachweis fünf Jahre jünger (1893 geboren), bestimmt Montreal zu ihrem Geburtsort und behauptet, der Autounfall sei schon im April und nicht erst im August 1917 passiert, was nachweislich falsch ist.

Außerdem hatte der Reporter den Wagen wohl selbst gar nicht gesehen, sondern sich die Beschädigung der Bremsleitungen von einem Mechaniker erzählen lassen. Und den Hite-Unfall auch noch ins Spiel zu bringen erscheint vollkommen abstrus. La Badie und Hite wurden schlicht Opfer der in den USA früh ausbrechenden Automanie, die schon 1917 zu fast 10 000 Verkehrstoten in Gods own country geführt hatte.

Übrigens ging ein zweiter Blogger noch weiter; er vermutete, dass der Sohn von La Badie gar nicht der Sohn von ihr und Wilson gewesen sei, sondern der von ihr und Wallace Beery, einem anderen bekannten Stummfilmstar, und der Sohn habe auch nicht Woodrow geheißen, sondern John F. Kennedy (!).

Verschwörungswahrscheinlichkeit: 10 %

3 Ernst Pöhner (1870 – 1925)

Ernst Pöhner, heute kaum mehr bekannt, war ein politischer Verbrecher und Faschist in hohen Staatsfunktionen. Ein früher Wegbereiter des Dritten Reiches.

Er wurde am 11. Januar 1870 in Hof als Sohn von Johanna Pöhner und ihrem Mann, dem Stadtsekretär Johann Pöhner, geboren. Pöhner jun. machte nach Abitur, Studium und Militärdienst eine geradezu beispielhafte Juristenkarriere. 1904 wurde er Landgerichtsrat. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Hauptmann der Reserve teil. Er war ab 1915 Oberlandesgerichtsrat und sodann gnadenloser Leiter des Gefängnisses Stadelheim. Die bayerische SPD-Regierung von Johannes Hoffmann machte ihn nach Kriegsende und nach der äußerst blutigen Niederschlagung der Bayerischen Räterepublik ab Mai 1919 zum Münchner Polizeipräsidenten. Pöhner entpuppte sich als der geborene Konterrevolutionär in Staatsfunktion. Er verhinderte die juristische Verfolgung von rechten sogenannten Fememorden meist an linken Politikern oder Demokraten oder einfach an Menschen, die Waffenlager in Bayern verrieten. Er förderte illegale Waffensammlungen, unterstützte rechte herummarschierende Banden, half der faschistisch-rechtsterroristischen Organisation Consul, die herausragende Politiker der Weimarer Republik wie den Finanzminister Matthias Erzberger und den Außenminister Walther Rathenau ermordeten, und gewährte den Mördern und Drahtziehern wie dem Freikorpsführer Hermann Ehrhardt Unterschlupf. Gegenüber dem späteren SA-Führer Ernst Röhm äußerte er einmal, es gäbe noch viel zu wenig Fememorde.

Pöhner beteiligte sich nach dem Kapp-Putsch im März 1920 an der Verjagung der sozialdemokratischen Regierung Hoffmann in Bayern und unterstützte das sich daraufhin konstituierende Diktatoren-Triumvirat Gustav Ritter von Kahr, Hans Ritter von Seißer und Otto von Lossow. Er holte Wilhelm Frick, einen Nazi der ersten Stunde, ins Polizeipräsidium und machte ihn zum Leiter der politischen Abteilung. Frick wurde später der erste Nazi-Minister in Thüringen, nach der »Machtübernahme« 1933 Reichsinnenminister und 1946 in Nürnberg als Kriegsverbrecher gehängt.

Pöhner trat als Gegner der Aufhebung des Ausnahmezustands 1921 als Polizeipräsident zurück. Er wurde im gleichen Jahr zum Rat am Obersten Landesgericht in München ernannt und schloss sich den Nazis an. Gemeinsam mit Hitler war er an der Vorbereitung des Bierkellerputsches vom November 1923 beteiligt. Er war nach dem geplanten Staatsstreich als Bayerischer Ministerpräsident vorgesehen, gilt als Mitautor von Hitlers faschistischer Verfassung aus demselben Jahr, die schon die Judenverfolgung und für zahlreiche »Vergehen« wie z.B. »demokratische Betätigung« die Todesstrafe vorsah. Wegen Beteiligung am Putsch, der mehr als ein Dutzend Menschen das Leben kostete und in dessen Verlauf auch schon Juden gefangen genommen und mit dem Tod bedroht wurden, wurde er am 1. April 1924 wegen Hochverrats zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft in Landsberg verurteilt. Von dieser Strafe musste er allerdings Anfang 1925 nur knapp drei Monate absitzen. Schon zuvor hatte er sich mit den Nazis zerstritten und war im Dezember 1924 als Mitglied des Landtages zur Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) übergelaufen, einer faschistischen Konkurrenzpartei.

Der Weg in den Tod

Am 11. April 1925 verunglückte er kurz nach seiner Freilassung mit seinem Auto bei Feldkirchen tödlich. Bei seiner Beerdigung trat die SS erstmalig öffentlich auf. Hitler lobte ihn in Mein Kampf: »Der damalige Polizeipräsident Ernst Pöhner und sein treuer Berater, Oberamtmann Frick, waren die einzigen höheren Staatsbeamten, die schon damals den Mut besaßen, erst Deutsche und dann Beamte zu sein.« Was deutlich untertrieben sein dürfte. Pöhner sei der Einzige gewesen, »der nicht um die Gunst der Massen buhlte, sondern sich seinem Volkstum verantwortlich fühlte. […] Der Hass von Juden und Marxisten war für ihn das einzige Glück inmitten des Elends unseres Volkes.« Hitler rückte ihn damit in die Nähe eines Märtyrers.

Verschwörungstheorie

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab der Sohn Pöhners dem Institut für Zeitgeschichte eine Erklärung folgenden Inhaltes: Er und seine Mutter Grete Pöhner seien damals im Auto mitgefahren, das kurz vor dem Unfall von zwei schwarzgekleideten Motorradfahrern abgedrängt worden sei. Einen habe seine Mutter auch erkannt, das sei Edmund Heines gewesen, ein SA-Mann, zugleich Anführer der Münchner Ortsgruppe des Freikorps Rossbach und Fememörder. Diese Version lenkt also den Verdacht auf eine Racheaktion der Nazis.

Zutreffend?

Dass die Nazis nicht vor Morden in den eigenen Reihen zurückschreckten, ist allgemein bekannt. Ebenso war Hitler extrem nachtragend und rachsüchtig gegenüber Abweichlern, die schnell als Verräter galten oder als Konkurrenten um die Macht. So wurden Ernst Röhm und zahlreiche andere Missliebige, darunter auch Kahr, einer der Mitkämpfer Pöhners, später (1934) im Auftrag Hitlers ermordet (in der »Nacht der langen Messer«, dem sogenannten Röhm-Putsch). Dass sie aber zur Renegatenbeseitigung einen Verkehrsunfall inszeniert hätten, scheint relativ unlogisch zu sein, da man ja nie wissen kann, ob so etwas tatsächlich tödlich endet. Nazis haben ihre »Abweichler« lieber erschossen. Gleichwohl ist es nicht ausgeschlossen. Ich halte es aber eher für unwahrscheinlich, da Hitler Pöhner ja auch noch nach dessen Tod lobte.

Heines, den Pöhners Witwe bezichtigte, einer der Mörder ihres Mannes zu sein, wurde übrigens von Hitlers Killern im Zuge des Röhm-Putsches am 30. Juni 1934 in eine Falle gelockt, aus dem Bett heraus, in dem er mit seinem Fahrer lag (Heines war wie Röhm schwul), verhaftet und am selben Tag in Stadelheim liquidiert.

Verschwörungswahrscheinlichkeit: 20 %

4 Antoni Gaudí (1852 – 1926)

Gaudí wurde am 25. Juni 1852 in der Nähe von Tarragona als Sohn einer armen Kupferschmiedfamilie geboren. Zeitlebens von Rheuma geplagt, schaffte es Gaudí, zu studieren und Architekt zu werden. Der Industrielle Eusebi Güell, den er auf der Weltausstellung 1878 in Paris traf, entpuppte sich in der Folge als sein wichtigster Mäzen. Gaudí baute ihm ein Haus und den berühmten Park Güell. Sein Stilmix aus Jugendstil, neuer Gotik und maurischen Einflüssen (als katalanischer Modernismus bezeichnet) führte zu zahlreichen eigenwillige Bauten, die auch heute noch in ganz Barcelona zu sehen sind und zu den größten Tourismusattraktionen zählen. Am berühmtesten ist die ewige Baustelle der Sagrada Família, an der seit über 132 Jahren gearbeitet wird. Gaudí – der selbst 43 Jahre an seiner »Kirche für die Armen« gewerkelt hatte – gilt zwar als Moderner, wurde und wird aber von vielen belächelt. Einige finden seine Bauten abscheulich. Mir gefallen sie. Vor allem, weil sie nicht viereckig sind und etwas Pflanzenhaftes haben. Vor über 30 Jahren stand noch sehr wenig von der Sagrada, heute geht es wesentlich schneller voran mit dem Bau. Man kann hoffen, die Eröffnung noch zu erleben.

Der Weg in den Tod

Am 7. Juni 1926 soll sich Gaudí auf den Weg zu der Baustelle seiner Sagrada Família gemacht haben, andere behaupten, er habe einen Spaziergang gemacht. Eine weitere Version spricht davon, er sei auf dem Weg in die Kirche der Kongregation des heiligen Philipp Neri gewesen. Am glaubwürdigsten ist wohl die Version, dass er von der Baustelle kam und zur Kongregation wollte, um zu beten.

Mitten in Barcelona wurde er von einer Straßenbahn der Linie 30 erfasst und mitgeschleift. Wer dabei unaufmerksam war, ließ sich nicht mehr klären. Gaudí zog sich schwere Verletzungen (Rippenbrüche, Hirnquetschung etc.) zu. Seine ohnehin nachlässige und ärmliche Kleidung wurde durch das Mitschleifen noch mehr zerrissen und beschmutzt. Deswegen sollen sich mehrere Taxifahrer geweigert haben, den alten Mann (72) nach dem schweren Unfall zu befördern. Man hielt ihn angeblich für einen Penner. Schließlich wurde er wohl von der Guardia Civil in das Armenkrankenhaus Hospital de la Santa Creu i Sant Pau gebracht und auch dort nicht erkannt. Ein Freund suchte und entdeckte ihn nach drei Tagen, wollte ihn in ein anderes Hospital bringen lassen, aber Gaudí lehnte ab. Sein Platz sei bei den Armen – so die Legende. Er starb noch am selben Tag. Tausende von Menschen säumten die Straßen, als sein letzter Weg ihn in die Gruft der Sagrada Família führte, wo er heute noch ruht.

Es gibt Automobilisten, die behaupten, Trams seien genauso gefährlich wie Kfz. Für mich sind sie zwar an und für sich sehr nützliche Fahrzeuge, eine willkommene Alternative zum Kfz. Aber sie sind auch nicht ganz ungefährlich, jedoch lange nicht so gefährlich wie Kfz. Gaudí ist im Übrigen der einzige mir bekannte prominente Tramtote. Und dass einheimische Taxifahrer einen nicht mitnehmen, kenne ich aus eigener Erfahrung, vor allem wenn man wie ein Migrant aussieht.

Seit der Jahrtausendwende läuft übrigens ein Seligsprechungsverfahren für Gaudí. Die Leser sind aufgefordert, von ihm vollbrachte Wunder zu melden. Der Bau der Sagrada Família ist ja leider noch nicht vollbracht.

5 Isadora Duncan (1877 – 1927)

Isadora Duncan war die wohl berühmteste Tänzerin ihrer Zeit. Die Tochter von Joseph und Mary Duncan kam am 27. Mai 1877 in San Francisco zur Welt. Schon mit sechs nahm sie Tanzstunden. Als junges Mädchen schloss sie sich in Chicago einer Tanz-Company an, war aber mit dem dort gepflegten Tanzstil nicht einverstanden. Mit 16 änderte sie ihren Vornamen Angela in Isadora. Erfolg hatte sie allerdings erst in Europa. Sie reiste 1898 nach London und Paris, finanzierte mit ihren Auftritten ein eigenes Studio und tourte mit der berühmten Loie Fuller, einer Pionierin des modernen Tanzes, durch ganz Europa. Fuller war auch die »Serpentinentänzerin« (die Sepentinen mit langen weitausladenden Gewändern formte) in einem frühen Stummfilm der Gebrüder Lumière (1896).

Duncan wiederum entwickelte einen völlig neuen, freien, nichtklassischen, griechisch beeinflussten Tanzstil, war Wegbereiterin der Emanzipation der Frauen und bisexuell. 1904 gründete sie in Berlin eine Tanzschule für junge Mädchen.

Sie hatte Liebesaffären mit Gordon Graig, einem berühmten Bühnenbildner, und mit Paris Singer, einem Mann aus der Singer-Nähmaschinendynastie. Mit beiden hatte sie ein Kind: mit Graig die Tochter Deidre (1906) und mit Singer den Sohn Patrick (1910). Beide Kinder wurden 1913 Opfer eines Kfz-Unfalls. Der Chauffeur des Wagens vergaß nach einem Halt, beim Aussteigen die Handbremse zu ziehen, und das Auto rollte mit beiden Kindern und der Kinderschwester in die Seine, wo alle drei ertranken. Nach dem Unfalltod ihrer Kinder begann sie zu trinken und nahm zu. Sie selbst überlebte 1913 und 1924 zwei schwere Kfz-Crashs. Erst der dritte Unfall sollte sie töten.

»Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: Es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lang vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene, verbogene, halbverbrannte Automobile. […] Wilde, prachtvoll aufreizende Plakate an allen Wänden forderten in Riesenbuchstaben, die wie Fackeln brannten, die Nation auf, endlich sich einzusetzen für die Menschen gegen die Maschinen, endlich die fetten, schöngekleideten, duftenden Reichen, die mit Hilfe der Maschinen das Fett aus den andern pressten, samt ihren großen, hustenden, böse knurrenden, teuflisch schnurrenden Automobilen totzuschlagen.«

Hermann Hesse, Der Steppenwolf, 1927

Ihr neuer Tanzstil, den sie in weiten Gewändern und meist barfuß zelebrierte, wurde bejubelt, löste aber auch mehrere Skandale aus. Vor allem das Entblößen nicht nur ihrer Arme und Beine, sondern auch ihrer Brüste führte zu heftigen Reaktionen im Publikum. Zudem heiratete sie 1922 den 18 Jahre jüngeren russischen Dichter Sergei Jessenin, mit dem sie auch in die kommunistische Sowjetunion reiste. Seitdem trug sie immer wieder einen roten Schal, mit dem dekoriert sie gerne die Marseillaise tanzte. Jessenin verließ sie 1923 und beging zwei Jahre später Selbstmord. Er schnitt sich dazu die Pulsadern auf. Ein drittes Kind Duncans starb nach der Geburt.

Der Weg in den Tod

Am 14. September 1927 wollte sie, inzwischen 50-jährig, in Nizza zusammen mit ihrem damaligen Freund Ivan Falchetto eine Spritztour mit einem Sportwagen unternehmen. Bis heute ist strittig, ob es sich um einen Bugatti oder ein Almicar handelte. Sie trug ihren berühmten langen roten Schal, der sich in den Speichen des Hinterrades verfing. Beim Anfahren wurde sie dadurch erdrosselt bzw. brach sich das Genick. Dass Falchetto, der am Steuer saß, nach wenigen Metern stoppte, nützte nichts. Im Krankenhaus stellte man Frakturen der Nase, der Wirbelsäule, des Kehlkopfes, eine zerrissene Halsschlagader sowie den Tod fest.

Ihre Lebensgeschichte wurde 1968 von Karel Reisz – zusammen mit Tony Richardson, John Schlesinger und Lindsay Anderson, ein Erneuerer des englischen Kinos (New English Cinema, British New Wave) – mit Vanessa Redgrave in der Hauptrolle verfilmt: Isadora. Hier geschieht das Unglück während der Fahrt und in einem Bugatti. Redgrave wurde in Cannes ausgezeichnet, wiewohl ihr Tanzen mehr dem einer Hupfdohle gleicht. Doch offensichtlich entsprach dieser Stil tatsächlich dem Duncans, wie wenige Stummfilmaufnahmen belegen.

6 Friedrich Wilhelm Murnau (1888 – 1931)

Er war einer der bedeutendsten und besten Regisseure des Stummfilms, wenn nicht gar der beste. Murnau, geboren am 28. Dezember 1888 in Bielefeld, hieß eigentlich Plumpe. Er war der Sohn des Tuchfabrikanten Heinrich Plumpe und seiner Frau Ottilie, einer Lehrerin.

1892 zog die Familie nach Kassel, kurz nach der Jahrhundertwende auf die Wilhelmshöhe. Plumpe studierte Philologie, Kunstgeschichte und Literatur in Berlin und Heidelberg. Max Reinhardt entdeckte ihn in Heidelberg auf einer Studentenbühne. Plumpe war schwul, hing dies, um den Diskriminierungen seiner Zeit zu entgehen, aber nicht an die große Glocke. Sein Freund, der Dichter Hans Ehrenbaum-Degele, führte ihn in die Kunstszene Berlins ein. Eine Reise 1909 zum im Alpenvorland gelegenen Städtchen Murnau, vermutlich zusammen mit Ehrenbaum-Degele, inspirierte ihn, den

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über 99 Crashes denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen