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Wiederholte Verdächtigungen: Roman
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eBook155 Seiten2 Stunden

Wiederholte Verdächtigungen: Roman

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Über dieses E-Book

Jutta Reichelt erzählt in ihrem schmalen, aber gewichtigen Roman (an dem sie gut sechs Jahre arbeitete) ganz unaufgeregt, fast beiläufig von Menschen, die sich oder anderen keine Auskunft geben, keine Antwort geben können – über sich selbst. Weil sie ihre eigene Geschichte nicht kennen. Weil ihnen die Worte fehlen oder weil sie den erlebten Schrecken niemandem zumuten wollen.
Jutta Reichelt: eine einfühlsame, eine »hintergründige" Wahrnehmerin. Eine Erzählerin mit Tiefgang. Und trotzdem nicht »schwer". Und ja doch: eine richtige literarische Entdeckung.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum9. Feb. 2015
ISBN9783863512385
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    Buchvorschau

    Wiederholte Verdächtigungen - Jutta Reichelt

    Impressum

    I

    Erst als sie die unbenutzte Teetasse auf dem Küchentisch stehen sieht, erinnert sich Katharina daran, dass sie Christophs Rückkehr schon vor zwei Stunden für möglich gehalten hat. Noch einmal überschlägt sie die Zeit, die er gewöhnlich braucht, um Finn zurück zu seiner Schwester nach Köln zu bringen, und wieder kommt sie zu dem Ergebnis, dass er bereits da sein könnte, mittlerweile eigentlich da sein müsste. Es ist sechs Uhr, sie kocht einen neuen Tee und fragt sich, warum er sich noch nicht gemeldet hat. Falls er im Stau steht oder es doch länger gedauert hat bei seiner Schwester.

    Christoph ist jemand, der Bescheid sagt. Er sagt Bescheid, wenn er einkaufen geht und dabei jemanden trifft, mit dem er noch einen Kaffee trinken geht. Er könnte zwei Wochen mit einem Freund zum Wandern fahren und würde sich während der ganzen Zeit nicht melden, aber wenn sie den Zug verpassten und eine Stunde später als geplant ankämen, würde er Bescheid sagen. Nicht, weil Katharina das wollte oder erwartete oder gar forderte. Er findet es selbstverständlich.

    Sie schreibt ihm eine kurze SMS und weiß, dass er sie nicht lesen wird, während er fährt.

    Der Wasserkocher beginnt knackende Geräusche zu machen und Katharina überlegt, was passiert sein könnte, ohne dass etwas passiert ist. Geschichten zu erfinden ist ihr Beruf, ihre tägliche Praxis – es bereitet ihr keine Mühe, sich Unfälle vorzustellen, deren unbeteiligter Zeuge Christoph geworden ist. Sie sieht Männer in Schutzanzügen über ein demoliertes Auto gebeugt, sie sieht, wie sie versuchen, die Insassen zu befreien und sie sieht Christoph am Rand des Geschehens, bemüht, niemandem im Weg zu sein. Er ist sich nicht sicher, ob er wirklich noch gebraucht wird. Ein Polizist hat im Vorbeigehen gesagt, dass er warten solle, dass sie seine Angaben bräuchten und nun steht er da und wartet und möchte nicht drängeln und Umstände bereiten, wo es anderen doch so viel schlechter geht. Aber könnte er dann nicht anrufen?

    Katharina gießt das kochende Wasser in die Kanne und bemerkt erst, als diese schon fast voll ist, dass sie vergessen hat, Tee in den Filter zu füllen. Kleine Pannen, denkt sie und sieht Christoph an einer Tankstelle den Ersatzreifen aus dem Kofferraum heben. Oder hat er jemanden getroffen? Einen Schulfreund oder einen früheren Fußballtrainer? Hat er ausnahmsweise mal die Zeit vergessen?

    Sie überlegt, Anne anzurufen und zu fragen, wann Christoph in Köln aufgebrochen ist, aber sie hat keine Lust, mit Anne zu telefonieren und sie hat noch weniger Lust darauf, dass Anne den Rest des Abends alle halbe Stunde anrufen wird.

    Oder hat sie Christoph nicht richtig zugehört? Hat er gesagt, dass er direkt zu dem Termin führe, den er mit einem Kollegen vom Institut hat? Ich komme sofort zurück, hat Christoph gesagt, weil ich mit Martin verabredet bin. Vielleicht sitzt Christoph schon längst mit Martin in irgendeiner Kneipe und hat sein Handy nicht an oder hört es nicht?

    Katharina holt ihr Handy und drückt die beiden Tasten, die Christophs Nummer aktivieren. Er nimmt nicht ab. Sie schreibt ihm, dass sie vielleicht etwas falsch verstanden hätte, sich aber nun Sorgen mache – er solle sich bitte melden! Er meldet sich nicht.

    Sie glaubt nicht, dass er direkt mit dem Auto zu der Verabredung gefahren ist. Ein kleiner Unfall, denkt Katharina. Eine Schürfwunde an der Stirn, vielleicht ein Schleudertrauma. Nichts Gravierendes. Aber zur Sicherheit haben sie ihn ins Krankenhaus gebracht. Und nun sitzt er da irgendwo, in einem langen Gang und darf nicht telefonieren. Oder kann jeden Moment aufgerufen werden. Zum Röntgen oder um einen Verband angelegt zu bekommen.

    Es ist nun acht Uhr und sie schaltet den Fernseher an, vielleicht ist ja doch etwas Größeres passiert. Der Euro und ein Autozulieferer, der pleitezugehen droht, und ein Atomkraftwerk in Tschechien, das angeblich viel unsicherer ist als alles, was in Japan herumsteht.

    Sie würde jetzt am liebsten Wein trinkend und rauchend mit Mechthild telefonieren. Aber sie möchte alle Verbindungswege frei halten. Vielleicht hat Christoph sein Handy verloren, dann wird er auswendig nur die Festnetznummer wissen.

    Sie darf nicht telefonieren, sie sollte auch keinen Wein trinken – aber was kann sie unter diesen Umständen abhalten zu rauchen? Sicherlich nicht die Tatsache, dass sie vor drei Jahren damit aufgehört hat.

    Der Zigarettenautomat steht schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite. Sie stellt das Telefon auf die lauteste Stufe, sie hat genug Münzgeld, sie lässt die Tür offen stehen und dann hat sie keine Karte dabei, die sie als Erwachsene identifiziert, die brauchte man vor drei Jahren noch nicht. Es sind zwanzig Meter bis zur Heerstraße und dort ist direkt auf der Höhe der Kreuzung ein Kiosk. Sie wird da jetzt hingehen, sie wird die Tür offen lassen, und wenn jemand einbricht und wenn das Telefon klingelt und sie nicht abnehmen kann und wenn sie nie wieder aufhören kann zu rauchen – dann ist das alles Christophs Schuld!

    Niemand bricht ein und niemand hat angerufen. Nach einem Feuerzeug sucht sie vergeblich, aber Streichhölzer findet sie, und als sie auf dem Balkon an die Hauswand gelehnt steht, denkt sie, bestimmt ist überhaupt nichts passiert – außer dass ich idiotischerweise wieder mit dem Rauchen anfange!

    Es schmeckt nicht, es wird ihr auf eine unangenehme Weise schwindlig, aber trotzdem hat Katharina das Gefühl, dass es ihr gut tut.

    Sobald sie die Zigarette ausgedrückt hat, geht sie in die Küche. Im Kühlschrank liegt eine Zucchini, auch Tomaten. Christoph wird sich freuen, wenn sie ihn mit einem warmen Essen begrüßt. Als sie den fein gewürfelten Knoblauch vom Schneidebrett in ein kleines Glasschälchen umfüllen will, stößt sie mit dem Messer gegen das Glas. Das helle Klirren lässt sie an ihr Handy denken. Sie schaut auf das Display und kann nicht glauben, dass das Signal für eingehende Nachrichten ausgeschaltet ist.

    »Habe mich idiotisch in eine Sache verrannt und brauche ein bisschen Zeit, da wieder rauszukommen. Mach dir nicht zu viel Sorgen – bin weder spielsüchtig, noch habe ich eine Straftat begangen und untreu war ich dir auch nicht. C.«

    Was soll das, denkt sie, wählt verärgert Christophs Nummer und bekommt mitgeteilt, dass der Teilnehmer gerade nicht erreichbar sei.

    Sie versucht es erneut, sie schreibt ihm auch, dass sie keine Ahnung habe, was das solle und später, dass sie diese Aktion unglaublich blöd fände. Er solle aufpassen, dass er bei seiner Ankunft nicht über eine nach Wein und Zigarettenqualm stinkende Freundin stolpern würde und er solle es unbedingt unterlassen, ihr deswegen irgendwelche Vorwürfe zu machen.

    Am nächsten Morgen denkt sie für einen langen Moment, dass ihr gravierendes, aber vorübergehendes Problem darin besteht, dass sie furchtbare Kopfschmerzen hat. Dann erinnert sie sich und steht auf, um nach Christoph zu sehen, ob er sich in seinem Zimmer aufs Sofa gelegt hat. Sie flucht vor sich hin und bildet sich ein, dass eine Geräuschlosigkeit in dem kleinen Haus liegt, die ihr, bevor sie auch nur eine Tür geöffnet hat, schon verrät, dass er nicht da ist.

    Was bin ich für ein Idiot, denkt sie und nimmt in der Küche eine Kopfschmerztablette und direkt noch eine zweite. Auf dem Küchentisch liegen die Zigaretten, sie wirft die nur noch halb volle Packung in den Abfalleimer. Auf dem Handy ist keine neue Nachricht.

    Katharina liest die alte und versucht über den Text nachzudenken, aber sie denkt an eine andere Frau. Sie verflucht sich selbst, den billigen Rotwein und Christoph und fragt sich, warum Christoph so eine Nachricht schicken sollte, wenn es um eine andere Frau ginge. Das könnte er doch viel einfacher haben. Er könnte einen Tag oder auch zwei in Köln bei seiner Schwester und Finn bleiben. Anne geht es gerade nicht so gut. Anne braucht meine Hilfe. Natürlich. Und natürlich würde Anne ihm jedes Alibi geben, das er haben wollte. Und wenn Anne eine Grippe hätte oder eine Magenverstimmung oder irgendein anderes Stimmungstief, dann könnten auch schnell drei oder vier Tage daraus werden.

    Sie geht ins Badezimmer, und während das heiße Wasser auf ihre Kopfhaut und ihre Schultern prasselt, kommt ihr die Situation auf einmal ganz unspektakulär vor. Christoph braucht eine Auszeit. Wahrscheinlich hat es überhaupt nichts mit ihr zu tun, sondern mit seinen unklaren Jobs oder Perspektiven oder mit dieser ständigen Hin- und Herfahrerei mit Finn. Wahrscheinlich will er nur mal in Ruhe über sein Leben nachdenken. Die Aufregung, der Ärger, auch die Nachrichten, die sie auf Christophs Mailbox gesprochen hat – das alles ist ihr nun ein bisschen peinlich.

    Während ihr Blick auf Christophs Handtuch mit der Werder-Raute fällt, beschließt sie, ihm das zu sagen. Die Mailbox ist jetzt ausgeschaltet, also schreibt sie ihm. Dass die Situation seltsam sei, dass sie keine Ahnung habe, was mit ihm los sei, aber dass sie gestern wohl trotzdem etwas übertrieben habe und dass ihr das nun leidtue. Meld dich mal!, schreibt sie und löscht es dann wieder, bevor sie die Nachricht abschickt. Wenn Christoph Ruhe braucht, soll er sie bekommen.

    Fred hat bereits den Tapeziertisch auf dem Bürgersteig aufgebaut, als Katharina im Antiquariat ankommt.

    Ach Fred, begrüßt ihn Katharina. Bald bezahlst du mich nur noch fürs Nichtstun! Sie nimmt ihm die Bücherkiste ab, die er gerade nach draußen bringen will, und stellt sie so ab, dass für Fred der Zugriff auf die anderen Kisten blockiert ist. Du machst aus mir einen alten Mann, sagt Fred. Du hast eine viel zu gute Meinung von mir, entgegnet Katharina, ich brauche dringend einen Kaffee und möchte nicht, dass du deine Zeit mit Kistenschleppen verplemperst.

    Fred kichert und wendet sich der Kaffeemaschine zu, die in dem kleinen Raum so überdimensioniert wirkt, als würde auf einem Karussell ein echtes Motorrad stehen.

    Katharina hat er vor zwei Wochen nicht nur einen Kaffee, sondern seinen ganzen Laden angeboten und Katharina weiß nicht, was sie davon halten soll. Ob sie das Angebot, das ein echtes Geschenk zu sein scheint, annehmen kann. Oder will. Sie ist sich sicher, dass Fred keinerlei Hintergedanken damit verbindet und schämt sich, dass sie das manchmal dann doch für möglich hält. Zumal ihr noch nicht einmal einfällt, was er von ihr wollen könnte. Dass sie ihn pflegt, wenn er einmal alt und gebrechlich ist?

    Ich stelle mir das so vor, hatte Fred gesagt: Alles bleibt, wie es ist. Wir arbeiten beide wie gewohnt, nur dass du etwas mehr Geld verdienst als bisher! Ich wünsche mir, dass das Antiquariat so lange wie möglich erhalten bleibt. Aber du entscheidest. Es soll dir kein Klotz am Bein sein!

    Fred war klar, dass sie darüber nachdenken musste, dass sie überrascht war, aber Katharina befürchtet, dass er nicht so recht verstehen kann, warum sie ihm nicht allmählich zusagt. Sich bedankt. Obwohl sie weiß, dass er genug Geld hat. Das Haus, in dessen Erdgeschoss sich der Laden befindet, gehört Fred – so wie drei oder vier weitere Häuser. Große Häuser mit zahlreichen Mietern. Es ist eben eine höchst individuelle Form von Autorenförderung, hat Fred gesagt. So ist es jedenfalls gemeint. Wäre es dir lieber, wenn ich dich jeden Monat mit tausend Euro sponserte? Und du hier nicht zu arbeiten bräuchtest? Da hätte Katharina fast eingeschlagen.

    Jetzt fragt sie sich, ob die Kaffeebohnen während

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