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Du wolltest deine Sterne: Sylvia Plath und Ted Hughes

Du wolltest deine Sterne: Sylvia Plath und Ted Hughes

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Du wolltest deine Sterne: Sylvia Plath und Ted Hughes

Bewertungen:
3/5 (67 Bewertungen)
Länge:
472 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 24, 2014
ISBN:
9783942374590
Format:
Buch

Beschreibung

Sylvia Plath und Ted Hughes verliebten sich 1956 und heirateten schon nach wenigen Monaten. Dass sie beide dichteten, war wesentlich für die Anziehung zwischen ihnen. Beide waren ehrgeizig, getrieben zu ihrer Kunst - und von Herzen gewillt, sich gegenseitig zu fördern und zu fordern. Sechs Jahre lang. Bis Hughes mit einer anderen Frau ein Kind zeugte, und Plath, zermürbt von dem Balanceakt zwischen Muttersein und Schreiben, in Depressionen versank und sich schließlich im Februar 1963 mit 30 Jahren das Leben nahm.

Diane Middlebrook führt die Geschichte des Künstlerpaares weit über Sylvia Plaths Tod hinaus fort. Die letzten Kapitel widmet sie Ted Hughes, den die Bedeutung dieser großen Liebe und seiner Rolle als Sylvias Ehemann bis zu seinem Tod 1998 nicht losließ.

Der Autorin gelingt das Kunststück, die Beziehung der beiden ohne Fragen nach Schuld und ohne ­voyeuristische Details darzustellen. Klug und voller Umsicht arbeitet sie die Faszination wie die Nöte heraus, die ein Paar erlebt, wenn es sich im Geist so nahe ist und gleichzeitig Kunst, Alltag und Familien­leben zu bewältigen hat.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 24, 2014
ISBN:
9783942374590
Format:
Buch

Über den Autor


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Du wolltest deine Sterne - Diane Middlebrook

verwandelt.

1

KENNENLERNEN (1956)

Ted Hughes glaubte, das Schicksal hätte ihn zu Sylvia Plaths Ehemann bestimmt. In Birthday Letters schrieb er: »Dass uns das Sonnensystem an diesem Tag vermählte«, und steckte die astrologischen Koordinaten sehr genau ab. Das Datum war Samstag, der 25. Februar 1956 im Tierkreiszeichen Fische; der Ort die Universität Cambridge, wo Hughes eineinhalb Jahre zuvor sein Studium abgeschlossen hatte. Unter der Woche wohnte er kostenlos in einer Londoner Wohnung und arbeitete in einem glanzvoll klingenden Job bei der Filmgesellschaft J. Arthur Rank als Redakteur für eingesandte Filmmanuskripte. Die Wochenenden verbrachte er jedoch weiterhin in Cambridge und traf sich mit Freunden. Die meisten von ihnen waren Dichter, die noch an der Universität eingeschrieben waren, ehrgeizige, idealistische angehende Künstler, mit denen er in jenem Winter gemeinsam eine kleine Literaturzeitschrift herausgab, das St. Botolph’s Review. Einer der Autoren, ein Amerikaner namens Lucas Myers, wohnte in einem ehemaligen Hühnerstall hinter dem Refektorium der Kirche St. Botolph’s, am Rande des Campus. Sein Wohnort gab der Zeitschrift den witzigen Namen – diese Dichter waren entschieden gegen alles Etablierte. Am Erscheinungstag boten ihre Freunde das St. Botolph’s Review an den Colleges in Cambridge feil und verbreiteten die Nachricht, dass die Veröffentlichung an diesem Abend mit einer Party in Falcon Yard gefeiert würde. Sylvia Plath kaufte dem amerikanischen Vetter von einem der Dichter ein Exemplar ab, und er lud sie zu dieser Party ein.

Plath nahm die Einladung sofort an; auf eine solche Gelegenheit hatte sie gewartet. Sie studierte mit einem Fulbright-Stipendium für zwei Jahre in Cambridge Literaturwissenschaft, nachdem sie am Smith College, einem angesehenen Frauen-College in Neu-England, ihr Examen abgelegt hatte. In den Vereinigten Staaten hatte sie bereits bescheidene Literaturpreise gewonnen, und ihre Texte erschienen in amerikanischen Zeitschriften wie Harper’s Magazine, Mademoiselle, The Nation und Atlantic Monthly. Als sie in Cambridge ankam, merkte sie schnell, wie eng vernetzt die literarische Welt in England war; selbst die bescheidensten studentischen Veröffentlichungen wurden von Londoner Verlegern, die ihrerseits oftmals ehemalige Cambridge-Studenten waren, nach neuen Talenten durchforstet. Im Januar waren zwei Gedichte von ihr in einer kleinen Zeitschrift namens Chequer abgedruckt worden – und nicht nur veröffentlicht, sondern zu ihrem Erstaunen auch verrissen worden, in einer kämpferischen kleinen Zeitung namens Broadsheet, die alle zwei Wochen per Hand von einigen St.-Botolph-Dichtern vervielfältigt wurde. Formalisierte Verse, auf die Plath sich so hervorragend verstand, missfielen den Männern, die Plaths Gedichte rezensiert hatten, prinzipiell, und was ihnen nicht gefiel, machten sie herunter. »Altbackene und eklektische Künstlichkeit«, waren die Worte des Rezensenten für Plaths Stil, und er fügte noch hinzu: »Meine bessere Hälfte sagt ›Bluff, Bluff‹, aber das will ich so nicht sagen; wer weiß, vielleicht ist sie ja hübsch?«

Sylvia Plath, 1955

Die gehefteten Seiten von Broadsheet wurden von den Dichtern vor Ort begierig gelesen, und es kränkte Plath sehr, so schlecht behandelt zu werden. Erstmals war sie hier dem Machismo der englischen Literaturszene ausgeliefert. Am meisten machte ihr allerdings der kleine Refrain zu schaffen: »Bluff, Bluff«. Plath war sich ihrer eigenen Unzulänglichkeiten bewusst, und es war ihr nicht lieb, dass sie anderen auffielen. Die Diktion des Kritikers brachte sie auf eine Idee. Wollte er wissen, ob sie hübsch war? Er sollte sie kennenlernen. Sie zog rote Partyschuhe an und bändigte ihren Pagenkopf mit einem roten Haarband. Dann ging sie mit ihrem Date für den Abend in eine Bar, wo sie sich mit einigen Gläsern Whiskey stärkte. Doch ehe sie sich betrank, hatte sie sich noch auf eine andere Art gestärkt: sie hatte einige Gedichte aus dem St. Botolph’s Review auswendig gelernt.

Die Party war schon voll im Gange, als Plath in Falcon Yard eintraf und mit ihren roten Schuhen die Treppen zur Women’s Union hochstieg, wo eine Jazzcombo auf das laute Stimmengewirr einhämmerte. Plath arbeitete sich durch die Menge, und man wurde auf sie aufmerksam. Umgehend machte sie den Rezensenten ausfindig, der sie eine Schwindlerin genannt hatte; er erwies sich als ein kleiner Kerl, »beängstigend blass und voller Sommersprossen«, beim persönlichen Kennenlernen eher wenig beeindruckend – auch Plath beurteilte Dichter nach ihrem Aussehen. Sie klatschte Männer ab, mit denen sie tanzen wollte, und machte lauthals ihre Späße mit ihnen. Am Ende des großen Saales fiel ihr ein gut aussehender Typ auf, von dem sich herausstellte, dass es Ted Hughes war, einer der beiden Dichter, deren Texte sie am Nachmittag auswendig gelernt hatte. Er merkte, wie sie ihn beobachtete, kam lässig auf sie zu und blickte ihr in die Augen. Sie begann, gegen die Musik anzubrüllen, und er merkte, dass sie Zeilen aus einem Gedicht von ihm rezitierte. Er brüllte zurück: »Gefällt’s dir?« Sie zogen sich in ein Zimmer nebenan zurück, wo sie in Ruhe reden konnten, und er schenkte ihr Brandy nach und entschuldigte sich knapp für die schlechte Besprechung in Broadsheet, obwohl er insgeheim die Meinung des Rezensenten teilte. Sie lieferten sich ein paar Wortgefechte, Plath keck und aufgedreht. Er küsste sie heftig, und sie konterte – sie biss ihn in die Wange, bis es blutete. Er riss ihr das Haarband und die silbernen Ohrringe ab und ging hinaus.

Ted Hughes verließ die Party mit seiner damaligen Freundin. Noch wusste er nicht, dass das Sonnensystem ihn vermählt hatte. Aber er trug einen Ehering in Form einer Bisswunde, und ein paar Wochen lang zeigte sich auf seiner Wange eine Narbe ähnlich ihrer Narbe auf der rechten Wange unter dem Auge, über die er in den bevorstehenden Monaten mehr erfahren sollte.

Hughes war an diesem Abend nicht auf der Suche nach einer Frau. Ganz im Gegenteil – er hatte keine Ahnung, wie es mit seinem Leben weitergehen sollte. Als er in Cambridge sein Studium abgeschlossen hatte, beschloss er eher spontan, sich um die Einwanderung in Australien zu bewerben, wo sein älterer Bruder Gerald sich niedergelassen hatte. Die australische Regierung gewährte arbeitswilligen Briten eine freie Überfahrt; Hughes stellte sich ein Leben als Jäger und Fischer vor, so wie Gerald es als eifriger Sportler führte. Aber Hughes verschob seine Bewerbung für die gewährte Frist von zwei Jahren – er hatte keine Eile. Im März 1955 – möglicherweise hatte er gerade keinen Job – schrieb er Gerald plötzlich, dass er »unverzüglich« käme, aber dann verschob er doch alles wieder. Im Februar 1956 war seine Einwanderungsfrist fast verstrichen, und so reaktivierte Hughes die Bewerbung in der Hoffnung, dass die lange Warteliste ihm noch neun Monate in England lassen würde. Dennoch war ihm klar, dass ihm jederzeit die Zuteilung einer Schiffspassage drohte, und ihn bedrängte die Frage: Was wollte er überhaupt in Australien tun? Als Lehrer arbeiten? Oder als Tagelöhner? Anderseits, wie lange konnte er noch das Leben von der Hand in den Mund ertragen, das er in London und Cambridge führte? Angesichts dieser entmutigenden Sorgen mögen die Schmeicheleien, mit denen Plath ihn bei der Party überhäufte, besonders willkommen gewesen sein. Sie hatte aus dem St. Botolph’s Review ein Gedicht ausgesucht, das männliche Aggression glorifizierte. Es beginnt mit der Zeile: »When two men meet for the first time« /»Wenn zwei Männer sich zum ersten Mal begegnen«, und es fährt fort mit der Beobachtung, dass einander fremde Männer sich bei der kleinsten Provokation wie Tiere angreifen, weil das Tier in ihnen immer noch lebendig ist:

Ihr Blut schießt

eh sie’s merken in ihre Nackenfedern

Plath hatte sich Hughes mit den letzten Worten des Gedichtes an den Hals geworfen: »Ich war’s, ich.« – Und Hughes hörte bei ihrer ersten Begegnung, wie Sylvia Plath seine Worte so wissend aussprach, als habe sie selbst sie geschrieben.

Sie hatte sie nicht geschrieben, aber sie kannte die Hintergründe: das Gedicht war geprägt von Sigmund Freud und D. H. Lawrence, die zu jener Zeit als wesentlich für die literarische Bildung galten. Hughes hatte als Teenager begierig Lawrence gelesen, und dessen berüchtigte Stilisierung von »Blutbewusstsein« scheint offen in dem Gedicht auf, das Plath sich ausgesucht hatte. Plath hatte dieselben Bücher gelesen, und sie war derselben Verzauberung erlegen – die Anspielung auf Lawrence konnte ihr nicht entgehen. Der erste telegrafische Austausch zwischen Plath und Hughes an jenem Abend war eine Partyspielerei und eine Schlüsselszene in sechs Silben: »Ich war’s, ich.« »Gefällt’s dir?« Als er sie küsste und sie ihn biss, spielten sie eine archaische Szene, die aus einem Roman von Lawrence hätte stammen können.

»Ted Huge«

Ted Hughes hat an jenem Abend vielleicht nicht nach einer Frau Ausschau gehalten, aber Sylvia Plath hielt Ausschau nach einem Mann, und Ted Hughes entsprach genau ihren Kriterien. »Dieser große, dunkle, stattliche Kerl«, nannte sie ihn am nächsten Tag in ihrem Tagebuch, »der einzige, der groß genug war für mich.« Er war eine auffallende Erscheinung, über eins achtzig groß, und er war kräftig gebaut. Im Winter trug er gerne einen schweren braunen Militärledermantel aus der Vorkriegszeit, durch den seine Schultern breit wirkten und der seiner schäbigen Kleidung einen Hauch von Boheme verlieh.

Ungepflegtes Aussehen war zu jener Zeit in Cambridge völlig ungewöhnlich. Hughes war sich der sozialen Ängste, die durch auffällige Kleidung zum Ausdruck kam, durchaus bewusst: Jungs wie er versuchten durch exzentrische Aufmachung der Geringschätzung von Jungen von teuren Privatschulen etwas entgegenzusetzen. Karl Miller, ein Zeitgenosse von Hughes, erinnerte sich, dass die auffallendsten Studenten sich »in einer verrückten Übertreibung der Mode à la Edward kleideten – Röhrenhosen aus Tweed, bestickte Westen mit Revers, zerknitterte Krawatten, hauchdünne flache Kappen«. Winters wie sommers trug Hughes dieselben unförmigen schwarzen Klamotten. Er kaufte den Cordstoff billig bei einer Fabrik, die einem wohlhabenden Mitglied seiner Familie mütterlicherseits in West Yorkshire gehörte, und er färbte ihn selbst. Sein Kommilitone Glen Fallows meinte, er sähe aus, »als wäre er gerade nach einer stürmischen Nacht aus einem Fischkutter gestiegen«. Einer seiner Dichterfreunde, Philip Hobsbaum, war weniger wohlwollend: »Ted war widerlich. Er hatte stinkende alte Cordhosen und dicke Schuppen in seinem fettigen Haar.«

Hughes war eigentlich ziemlich schüchtern und in Gesellschaft scheu, aber er verbarg seine Unsicherheit hinter seiner faszinierenden Art zu reden. Zur Unterhaltung ging er gern in die Kneipen von Cambridge, wo die Studenten sich mit Volksliedern die Zeit vertrieben. Hughes hatte eine kräftige Stimme, die klangvoll und unüberhörbar war, und die Eigenheiten seines Heimatdialektes aus Yorkshire waren trotz seiner hervorragenden Bildung unüberhörbar. In den Erinnerungen von Leuten, die ihn in seiner Jugend kannten, kursieren viele Anekdoten über diese Stimme. Eine der besten Geschichten stammt von dem Amerikaner Ben Sonnenberg. Anfang der sechziger Jahre war er einmal mit Hughes im Hause des amerikanischen Dichters W. S. Merwin eingeladen. »Ich fühlte mich wie Hazlitt, der Coleridge zum ersten Mal trifft: seine Wärme und Energie waren umwerfend«, schreibt Sonnenberg. »Ich fiel tatsächlich vom Stuhl. Als er mir vom Boden aufhalf, schrieb ich in mein Notizbuch, ›hörte er nicht auf zu reden, und ich spürte das Vibrieren seiner Stimme durch seinen Arm.«‹ Die englische Schriftstellerin Emma Tennant erzählt, wie Hughes 1976 bei einer quirligen Londoner Party reglos mittendrin saß und jedem, der zuhörte, ein weitschweifiges Märchen erzählte; sie zerrte ihn zum Tanzen und unterbrach ihn lang genug, um eine Affäre mit ihm anzuzetteln. Im Lauf der Jahre gab es viele Frauen, die ihn lang genug unterbrechen wollten, um mit ihm eine Affäre anzuzetteln. Hughes sei »der größte Verführer von Cambridge« – hieß es, als Plath ihn kennenlernte, und sie hörte den Klatsch von dem Mann, der sie zu der Party begleitete.

Ted Hughes, 1960

Aber schon ehe sie ein Auge auf ihn geworfen hatte, meinte Plath, sie hätte etwas Wichtiges über ihn gelernt, indem sie seine Texte las, und da hatte sie Recht. Er hatte nur wenige Gedichte und Essays veröffentlicht, in ganz kleinen Zeitschriften, zumeist unter Pseudonym. Aber seit er sechzehn war, glaubte Hughes an seine Berufung zum Dichter, und zwar mit hohem Anspruch. Er wollte ein Dichter wie W. B. Yeats werden, mit dessen Werk er sich leidenschaftlich beschäftigt hatte, schon auf der Schule und auch während seiner Jahre in Cambridge. Nach seiner Entdeckung von D. H. Lawrence wollte Hughes auch ein Dichter wie D. H. Lawrence werden; am Ende erfüllte er sich beide Wünsche auf höchst originelle Weise. 1956 war er noch dabei, seine Berufung zu finden – dieses Gefühl, zu etwas berufen zu sein, war der Hintergrund für seine Freundschaft mit jenen eher fanatischen jungen Studenten, deren Texte im St. Botolph’s Review erschienen.

Einer von ihnen war Daniel Weissbort, mit dem Hughes eine Zeitschrift für Lyrikübersetzungen gründete. Als sie sich kennenlernten, war Weissbort unbeholfen bemüht, Dylan Thomas nachzuahmen. »Ich kam in dem Jahr nach Cambridge, nachdem Thomas gestorben war, und ich erinnere mich genau, dass ich schreiben wollte wie er. Und natürlich war die Vorstellung vom Dichter als einem wilden Bohemien sehr attraktiv, auch wenn ich eigentlich nicht wusste, was das alles bedeutete.« Für Hughes war der ideale wilde Künstler Beethoven – er sagte oft, das intellektuell Nützlichste in Cambridge sei für ihn gewesen, dass er Beethoven hörte. Der Dichter Peter Redgrove erinnerte sich, wie er zum ersten Mal die Begeisterung von Hughes für Beethoven mitbekam. »Ein merkwürdiges Geheule drang durch die Tür, wie ich es noch nie gehört hatte – ich war damals nicht musikalisch. Ich klopfte an und trat ein. In dem hell erleuchteten Zimmer drehte sich auf einem Handgrammofon eine schwarze Scheibe: dies war also das Geheule. Erst war ich vollkommen verwirrt. Hughes’ physische Präsenz besaß etwas, das ich noch nie erlebt hatte. Sie hatte etwas sehr Bestimmendes – ich kannte sehr wenige Menschen, welche die Fähigkeit hatten, in ihrer Haltung eine Art Wissen zum Ausdruck zu bringen.« Hughes teilte Redgrove mit, dass sie Beethovens letztes Quartett hörten. »›Es ist, als wäre die ganz Musik in die ersten Takte gedrängt, die anschließend entwirrt werden‹«, erklärte Hughes. »›Guck mal, dies ist der Komponist!‹ – Und er nahm eine stirnrunzelnde Gipsmaske von der Wand. ›Und so ist er gegangen‹ – er wackelte mit diesem Gesicht auf mich in Brusthöhe zu. ›So groß war er, und so ist er gegangen.‹« Genauso intensiv machte Hughes Sylvia Plath mit Beethoven bekannt, sobald sie gemeinsame Zeit verbrachten.

Doch insgesamt kommt die Universität Cambridge in dem Mythos, den Ted Hughes als etablierter Autor aus seinen eigenen Lebensdaten destillierte, schlecht weg. Cambridge war »eine fast tödliche Einrichtung, wenn man nicht entweder Wissenschaftler oder ein Gentleman werden wollte.« Hughes war nicht zum Gentleman geboren und wollte auch nicht Wissenschaftler werden – nur etwas Glück und besondere Überredung hatten ihn überhaupt nach Cambridge gebracht. Das Glück hatte ihn als Elfjährigen getroffen: nachdem er die Vorprüfung zu der hervorragenden Schule in Mexborough, jener Bergarbeiterstadt in South Yorkshire, wo er aufwuchs, nicht bestanden hatte, konnte seine Mutter den Direktor – einen Kunden im Tabakladen der Familie Hughes – dazu überreden, ihren Sohn dennoch zur eigentlichen Aufnahmeprüfung zuzulassen. Die bestand er dann, indem er einen Aufsatz über seinen Wunsch schrieb, Wildhüter zu werden. Acht Jahre später schnitt er schlecht bei der Aufnahmeprüfung für das Pembroke College ab, aber sein Lehrer schickte dem Master von Pembroke ein Bündel mit Gedichten von Hughes, und damit wurde er zugelassen – als Außenseiter.

Hughes war 1951 in Pembroke angekommen, nachdem er als Funkmechaniker bei der Royal Air Force seinen Militärdienst absolviert hatte. In Fylingdales, einer Drei-Mann-Dienststelle im Moor von North York, hatte er so wenig zu tun, dass er lesen und die Zeit nutzen konnte, um seinen literarischen Geschmack zu schulen. Er versuchte es mit den Gedichten von Walt Whitman, konnte sich aber nicht in den Rhythmus einlesen, und auch mit Rilke probierte er es vergeblich. Selbst mit einer Sammlung zeitgenössischer Dichtung, die er mitgenommen hatte, kam er nicht zurecht. Was er dann las, waren die Bibel seiner Mutter und die Werke von Shakespeare. In Pembroke wollte er englische Literatur studieren und sich für seinen Traumberuf als Dichter vorbereiten.

Allerdings war die Universitätsausbildung eher dazu angetan, einen Literaturkritiker aus ihm zu machen. Der wichtigste Mann in der Literatur in Cambridge war zu dieser Zeit F. R. Leavis, der auf die Generation von Hughes einen nachhaltigen Einfluss ausübte, indem er die Literaturanalyse als eine elegante Form von Gnadenlosigkeit betrieb. Hughes hatte selbst ein Talent für den sadistischen intellektuellen Stil von Leavis und verstand dessen Attraktion. Aber für den Klüngel um jene Wissenschaftler, deren Einfluss dann für das berufliche Fortkommen entscheidend werden sollte, hatte Hughes wenig übrig. Außerdem trat er weder Clubs bei noch trieb er Sport. »Er war schon begeistert für das Ouijaboard und das Okkulte«, sagte der spätere Schriftsteller Brian Cox, der mit Hughes gut befreundet war. »In Pembroke kursierten Geschichten darüber, wie erschreckend intensiv er sich auf diese Dinge einließ.« Dazu gehörte sein Interesse für Astrologie, mit der er sich bereits so auskannte, dass es für einen unvergesslichen Vortrag über »Das Ausmaß des Grauens« am Pembroke reichte. Hughes hatte die Astrologie von seiner Schwester Olwyn gelernt, ehe er nach Cambridge ging, berichtete sein Freund Lucas Myers: »Er liebte die opulente Zeichensprache der Symbole, die Konjunktionen und Oppositionen, die planetaren Einflüsse von Sonne und Mond, die Häuser und Aszendenten, die zur Beschreibung des menschlichen Wesens und Schicksals herangezogen werden«; aber das habe er alles nicht wörtlich genommen. »Für Ted war Astrologie keine Wissenschaft, sondern ein Instrument zum lebendigen Ausdruck intuitiver Einsichten.«

Am Studium aber war er uninteressiert. In seinen Literaturseminaren saß Hughes lediglich die Zeit ab, sie stillten seinen Hunger nach dem Wilden in der Kunst überhaupt nicht. In seinem zweiten Cambridgejahr erlebte er eine Krise, die in einem märchenhaften, prophetischen Traum gipfelte. Er hatte bis spät in die Nacht an einem Essay für ein Seminar über die Literatur des achtzehnten Jahrhunderts gearbeitet, als sich die Tür öffnete und ein Mann in Gestalt eines Fuchses ins Zimmer trat. Das Tier war angesengt und blutig, als käme es aus dem Kamin. Die Gestalt ging zum Schreibtisch, legte die ausgestreckte Hand auf das Blatt, das Hughes gerade beschrieb, und sagte, Hughes solle aufhören. Als die Erscheinung die Hand wegzog, sah Hughes auf der Seite einen blutigen Handabdruck.

Diese Geschichte erzählte Hughes zeitlebens immer wieder in unterschiedlichen Varianten, und schließlich schrieb er sie zur Veröffentlichung auf. Es überrascht kaum, dass die Geschichte sich über Jahre außerordentlich wandelte, aber der Zweck der Erzählung änderte sich nicht: hier war die Erklärung, warum Hughes das Studium der englischen Literatur abbrach und sich in Archäologie und Anthropologie einschrieb. Dies war eine praktische Entscheidung, weil er sich von dem verlangten Stoff schon vieles selbst angeeignet hatte. Von früher Kindheit an hatten ihn Volksmärchen fasziniert, und in Cambridge fühlte er sich zu jener anthropologischen Literatur hingezogen, welche die von ihm so sehr bewunderten modernen Dichter beeinflusst hatte: T. S. Eliot, Robert Graves, D. H. Lawrence und W. B. Yeats.

Im Juli 1954 absolvierte Hughes sein Examen, und er schnitt ziemlich gut ab; Sylvia Plath sollte 1957, als sie – anders als Hughes – ihr Literaturstudium abschloss, genau dieselbe Note bekommen – respektabel, aber nicht überragend, wie ihre strengste Biografin es formuliert. Aber Künstler brauchen keine Glanznoten, und Hughes wollte Künstler sein. Er zog nach London und schrieb weiter Gedichte, jobbte hier und da und merkte dabei – typisch für die Zeit nach dem Studium –, dass seine akademische Bildung wirtschaftlich nutzlos war.

Er lehnte es ab, in sein Elternhaus in Yorkshire zurückzugehen, wo seine sich sorgende Mutter ihn gerne aufgenommen hätte, möglicherweise mit dem Gedanken, Ted im Textilgeschäft der Familie unterzubringen. Dies wurde von seinem reichen Onkel Walt geführt, der Hughes bald nach seinem Weggang aus Cambridge eingeladen hatte, bei einer Reise auf den Kontinent sein Fahrer zu sein. Sie besichtigten Schlachtfelder; sein Onkel war an der Somme verwundet worden, als er in Hughes’ Alter war, und die Eindrücke prägten sich Hughes tief ein und tauchen später in einigen Gedichten wieder auf. Sie kosteten auf dieser Reise auch Wein des Bordeaux, und der Geschmack sollte später das Synonym für das Versprechen von Wohlstand sein, der ihm verheißen schien. Aber arbeiten wollte er für seinen Onkel nicht. Als er nach diesen Ferien nach London zurückkam, fing er als Tellerwäscher in der Kantine des Londoner Zoos an. Danach fand er Arbeit im Sicherheitsdienst; in seiner freien Zeit machte er bei Zeitungswettbewerben mit, und manchmal gewann er dabei etwas Kleingeld. An seinen Bruder Gerald schrieb er, dass er im Winter eigentlich auf einem Nordseefrachter anheuern wolle, aber ihm klar sei, dass ihre Mutter vor Entsetzen zusammenbrechen würde, wenn der Sohn mit seinem Cambridge-Examen so etwas täte.

Aber die ganze Zeit las und schrieb Hughes Gedichte. In seinen Zigarettenpausen im Zoo beobachtete er die großen Katzentiere, und über eines davon schrieb er gleich ein Gedicht. Sylvia Plath bewunderte »The Jaguar« in einer Cambridger Literaturzeitschrift, noch ehe sie Hughes kennenlernte, und er war immer stolz auf dieses Gedicht. Als er dann für den Sicherheitsdienst arbeitete, übernahm er die Nachtschicht, um lesen und schreiben zu können, während er pro Nacht acht Pfund verdiente. Wenn er freihatte, war er regelmäßig bei dem Dichter Philip Hobsbaum zu Gast, den er flüchtig aus Cambridge kannte. Hobsbaum hatte ein möbliertes Zimmer nahe der Edgware Road, wo sich Dichter zu Lesungen und Literaturgesprächen trafen. Bei einem dieser Anlässe, so erinnerte sich Hobsbaum, las Hughes stundenlang Passagen aus dem mittelalterlichen Versepos Sir Gawain and the Green Knight vor und nahm sich dabei mit Peter Redgroves Tonbandgerät auf.

Viel lieber wäre Hughes ein respektabler Job beim Fernsehen oder beim Film gewesen, so wie es ein stolzer Cambridge-Absolvent erwarten konnte – und wie Philip Hobsbaum einen hatte. Doch für Hughes bedeuteten in dieser Welt, in der das Äußere zählte, seine lässigen Bohemienallüren ein Problem. Laut Hobsbaum hinterließ Hughes einen ungemein schlechten Eindruck in der glitzernden Umgebung eines Fernsehstudios, wenn er ihn dort im Büro zum gemeinsamen Lunch-Drink abholte. »Ted bot in seinem kratzigen Mantel einen Kontrast zu den glitzernden Stars, die das Foyer bevölkerten«, erinnerte sich Hobsbaum. »Seine Gewohnheit, seitlich zu sitzen, während er auf mich wartete, und unsere Kunden misstrauisch anzublicken, beunruhigte unsere steife Empfangsdame, Miss Westbrook. Einmal fragte sie mich: ›Meinen Sie, dass bei Mr Hughes im Kopf alles in Ordnung ist?‹« Hobsbaum war es dann, der dafür sorgte, dass Hughes bei J. Arthur Rank angestellt wurde, um Zusammenfassungen von Romanen zu schreiben, die als mögliche Filmskripte eingereicht worden waren – so dass er mit dem Zug zu den Pinewood Studios in Slough pendelte und an den Wochenenden weiter nach Cambridge, wo er im Hühnerstall von Lucas Myers auf dem Boden nächtigte und seine frisch geschriebenen Gedichte in das St. Botolph’s Review brachte. Was ihn zu Sylvia Plath führte.

Die schrille Amerikanerin

Solcherlei Klatsch über Ted Hughes zirkulierte vermutlich in Cambridge, als Plath nach der Party in Falcon Yard Erkundungen über ihn einzog. Sie selbst war schon vor der Party in gewisser Weise berüchtigt. Es gab etwa zehnmal so viele männliche Studenten wie Studentinnen, und alle Frauen wurden genau in Augenschein genommen. Plath muss als schrill und penetrant gegolten haben, sogar im Vergleich zu den anderen Amerikanerinnen, die in Cambridge eingeschrieben waren – angeblich fand selbst Ted Hughes sie anfangs zu »aufdringlich«. Sie war voreingenommen, ungeduldig, manchmal arrogant und immer auf dem Sprung, sogar wenn sie saß, wie sich eine ihrer Mitbewohnerinnen in Cambridge erinnert: »Ein Fuß … wackelte immer ungeduldig, und die Finger beider Hände spielten immer miteinander – wobei die Finger sich verknäulten und verknoteten und die Daumen sich eher feindselig gegenüberstanden und mit den Nägeln aufeinander einstachen.« Auf dem Fahrrad trat sie kräftig in die Pedale, »Kopf und Schultern nach vorne strebend, als würde purer Wille und nicht ihre Beine sie vorwärtstreiben.« Die Vehemenz war unabhängig von der Bedeutung der jeweiligen Fahrt, sie war vielmehr typisch. »Sie fuhr eher wie ein leidenschaftliches kleines Mädchen.«

Smith College, Party für Studentinnen im ersten Jahr, Sylvia Plath vorne, Dritte von links

Plath war kein kleines Mädchen, sie war ein großes Mädchen: etwa eins fünfundsiebzig groß, schlank, wohlproportioniert, mit langem Oberkörper und breiten Schultern. Obwohl sie einen guten Appetit hatte, hielt sie ihr Gewicht normalerweise unter fünfundsechzig Kilogramm. Ihr auffallendstes Merkmal war eine physische Vitalität, die, allen Berichten zufolge, nicht mit einer Kamera einzufangen war; Leute, die sie kannten, einschließlich Hughes, meinten, dass es keine Fotos gab, die ihrem Aussehen gerecht wurden. Sie konnte ihre Nase nicht leiden: Sie fand sie »dick« und weich, und weil sie anfällig für Nebenhöhleninfektionen war, war die Nase oft mit dickem Schleim verstopft; darin schwelgte sie seltsamerweise in ihrem Tagebuch, und dies mehr als einmal – die Eingangspassage von James Joyces Ulysses hatte ihr die Freiheit gegeben, über Rotz zu schreiben. Sie pflegte mit der Zunge beim Sprechen die Luft zu prüfen und hatte, wenn sie nervös war, die Angewohnheit, sich auf die Lippen zu beißen, bis sie rissen. Sie tadelte sich selbst oft für Angewohnheiten, die sie kindisch fand. Aber insgesamt scheint ihr gefallen zu haben, wie sie aussah, sie war nicht auf ihre Schönheitsfehler fixiert und hielt sich stolz und gerade. Zu ihrer guten Haltung äußerten sich sogar ihre Lehrer. Einer ihrer Freunde bemerkte einmal, dass sie mit ihren »festen Muskeln« und ihrem »sportlichen Sex« angab. Plath nannte sich in ihren Briefen und Tagebüchern »sportlich«, aber wer sie beim Sport gesehen hatte, fand ihre Bewegungen eher kraftvoll als elegant oder koordiniert. In ihrem autobiografischen Roman Die Glasglocke bemerkte sie über ihr Alter Ego Esther Greenwood, dass sie keine gute Tänzerin war, und auch Plath hinterließ bei anderen denselben Eindruck. Vielleicht meinte Plath mit »sportlich«, dass sie physischen Mut besaß. 1952, als sie zum ersten Mal auf Skiern stand, brach sie sich ein Bein, weil sie sich mit Mordsgeschwindigkeit auf eine Piste für fortgeschrittene Skiläufer wagte. In ihrem ersten Jahr in Cambridge saß sie zum ersten Mal auf einem Pferd, einem angeblich gutwilligen Hengst namens Sam, der mit ihr durchging. Plath konnte Zügel und Steigbügel nicht halten, aber sie hatte Kraft genug, sich an seinen Hals zu klammern, während er auf die Straße zwischen Autos und Fahrräder galoppierte und dann auf dem Bürgersteig die Fußgänger verjagte. So viel Angst und Schrecken und Gefahr berauschte sie – und bot sich als gute Story an, die sie in Briefe an ihre Freunde zu Hause einbaute.

Plath hatte auch keine Hemmungen, ihren Körper zu zeigen. In Cambridge schrieb sie für die Universitätszeitung Varsity einen Artikel über Mode und posierte für Fotos als Illustrationen. Eines dieser Fotos wurde auf der Titelseite abgebildet, das andere im Text: Plath in einem Neckholder-Badeanzug schräg von unten fotografiert, so dass ihre langen wohlgeformten Beine zur Geltung kamen. Sie zeigen gut ausgebildete Muskulatur in den Schenkeln und Waden, vermutlich vom kräftigen Fahrradfahren.

Als Plath ihrer Mutter den Zeitungsausschnitt nach Hause schickte, betitelte sie ihn: »Mit lieben Grüßen von Betty Grable.« Allerdings zeigte sich hier ein anderes charakteristisches Merkmal von ihr: Plath war sich nicht bewusst, wie ihre Selbstdarstellung die britischen Empfindlichkeiten störte und ihre amerikanischen Kommilitonen in Cambridge ärgerte, die gerade eben nicht wegen ihrer nationalen Zugehörigkeit auffallen wollten. Für die Briten war Plath die Karikatur einer Amerikanerin, grell, auffallend gekleidet, überschwänglich. Kam sie in eine neue Umgebung und lernte neue Menschen kennen, war ihre erste Reaktion überschäumend lautes Aah und Ooh. Für ihr Gefühl war das schlichte Freundlichkeit. Sie war schon immer darauf bedacht gewesen, einen guten Eindruck zu machen, denn sie war auf Stipendien angewiesen, wie das Fulbright-Stipendium, das ihr Studium in Cambridge ermöglichte. Sie hatte sich sogar bemüht, ihr Aussehen anzupassen, ehe sie den Atlantik überquerte. Ihre Haarfarbe war von Natur aus hellbraun, von ihr euphemistisch als »deutsches Blond« bezeichnet; in den Sommerferien ließ sie es in den Vereinigten Staaten zu einem Ton färben, den sie gerne »platin« nannte. Dieses Etikett entsprach Hollywoood – Marilyn Monroes Haarfarbe war platinblond, und Plath liebte die Vorstellung von sich selbst als einem »flatterhaften goldigen Geschöpf«, das Spaß ohne Ende hat. Aber ehe sie das Schiff nach England bestieg, ließ sie sich die Haare wieder hellbraun färben; sie meinte, so wirke sie fleißig und ernsthaft.

Ihre lebhafte Mimik und die ausdrucksvollen braunen Augen machten am meisten Eindruck und waren mit der Kamera nicht einzufangen. Ihre Haut hatte eine ungewöhnliche Farbe, wie durchscheinendes Wachs oder Zellophan. Sie hatte volle, aufreizende Lippen, die sie mit rotem Glanzlippenstift betonte. Beim Zuhören setzte sie einen starren Blick auf, der einen verunsicherte. Ihre Seminarleiterin in Cambridge erinnerte sich, wie ihr Plath zum ersten Mal im Hörsaal auffiel. Ohne etwas über Sylvia Plath zu wissen, war sie beeindruckt von »der konzentrierten Gefühlsstärke ihres prüfenden Blicks, wodurch sie einen hässlichen, fast groben Gesichtsausdruck bekam, noch betont durch das extreme Rot ihres kräftig angemalten Mundes und die herabgezogenen Mundwinkel.« An das dezente Benehmen englischer Mädchen gewöhnt, fragte sie sich, ob Plath Jüdin wäre. Eine von Plaths Mitbewohnerinnen fand ihr Gesicht »stets erhellt von Interesse an oder Aufmerksamkeit für etwas oder jemanden … Entweder redete sie, oder sie hörte angeregt zu …, oder sie las still mit sehr wachen und aufmerksamen Augen.« Insgesamt war ein Zusammensein mit Plath alles andere als entspannt, auch wenn nicht jeder das als unangenehm empfand.

Das Tagebuch-Ich

Plath hatte die Party in Falcon Yard mit ihrem Begleiter für jenen Abend verlassen und war mit zu ihm nach Hause gegangen, um mit ihm zu schlafen und dann ganz früh am Sonntagmorgen in ihr eigenes Bett zurückzukehren. Sechs Stunden später wachte sie mit einem schlimmen Kater auf. Sie konnte sich nicht auf den Essay über Racines Phèdre konzentrieren, den sie für ein Tutorial in der folgenden Woche vorbereiten sollte. Stattdessen verbrachte sie fast den ganzen Tag mit einem sehr langen, literarischen Tagebucheintrag.

Dem Anschein nach besteht ein Tagebuch aus Notizen über den Alltag. Aber oft ist das Tagebuch eines Schriftstellers eher wie eine Ballettstange für die Ballerina: sie macht Übungen vor einem Spiegel und beobachtet dabei, wie perfekt sie aussieht bei ihren schwierigen Bewegungsabläufen, die genau stimmen sollen. Versucht eine Figur zu skizzieren, eine Szene darzustellen, die Umgebung zu beschreiben: Essen, Kleidung, Geräusche, Einrichtung, Wetter. Oder nach innen gewendet eine großartige Phantasie zu sezieren. Im Wirrwarr ihrer Konflikte herumzuwühlen. Sich selbst Mut zuzusprechen.

Plath schrieb keine Gedichte in dieses Tagebuch. Ihr ging es zumeist darum, Passagen zu entwerfen, die eines Tages in einen Roman passen würden. Plaths Vorbild war J. D. Salingers Fänger im Roggen mit einem Ich-Erzähler, den Plath das »Tagebuch-Ich« nannte, »das auf seine Weise auch vereinfacht werden muss, doch nur so, dass es sich auf die Vorstellung hin entwickeln kann, die ich heute vom Leben habe«. Interessant ist, wie Plath das fiktive »Ich« von den Ansichten der Autorin unterscheidet. Sie betont, dass sich die Phantasie der Autorin durch eine weibliche Figur entfaltet, die nicht identisch mit der Autorin ist, auch wenn diese Figur aus den Erfahrungen der Autorin entsteht: »Dieses blonde Mädchen … Lass sie das Lebensgefühl dieser Generation ausdrücken. Der deinen.«

Im Februar 1956 verfolgt Sylvia Plath mit ihrem »Tagebuch-Ich« zwei Ziele. Das eine: sich zu verlieben; das andere: die Entwicklung zur Schriftstellerin. Als Plath also eine Schilderung der St.-Botolph’s-Review-Party entwarf, notierte sie Szenen, Charaktere und Atmosphäre – als Teil der Geschichte von der Suche nach einer idealen Liebe – und überhöhte die Geschichte, indem sie handwerkliche Tricks der Profession einsetzte. »Man hat keine Chance, ›Leben festzuhalten‹, wenn man kein Notizbuch führt«, ermahnte sie sich.

Das Drama ihrer Partnersuche hatte schon manche Seite dieses Tagebuchs gefüllt, denn sie hatte dort ihre Affäre mit einem jungen Amerikaner festgehalten, der derzeit an der Sorbonne studierte, Richard Sassoon. Sie hatte ihn im Sommer ihres letzten Studienjahres am Smith College kennengelernt, als er in Yale studierte. Er nahm gerade an einem Seminar für kreatives Schreiben teil, als er die Korrespondenz mit Plath aufnahm, und nutzte seine Briefe als Kladde für Hausaufgaben, die dann für den Seminarschein angerechnet wurden. Sassoon war geistig aufgeweckt und anspruchsvoll – seine vielen Briefe sind voller Anspielungen auf Malerei, Dichtung und Dinge, die man am besten französisch beließ. Plath sah in ihm schon damals einen Franzosen und genoss seine Zügellosigkeit, seine Weltgewandtheit und seinen Hang zum Exotischen. Seine Familie lebte in North Carolina, doch der Familienstammbaum hatte auch einen attraktiven englischen Zweig: Richard war ein entfernter Vetter des Dichters Siegfried Sassoon.

Ihre Beziehung wurde enger, und Sassoon war leidenschaftlich, vertraulich und brachte sein Begehren offen und poetisch zum Ausdruck (»ein Teil von mir schläft an deinem Hals und bringt Genuss in den Lauf des Lebens«, schrieb er nach einem ihrer gemeinsamen Wochenenden). Seine Briefe lassen vermuten, dass er Sexspiele mochte, auch so etwas wie Spanking. Er führte Plath in Restaurants und ins Theater aus, wenn sie sich zu glamourösen Wochenenden in New York verabredeten. Plaths Tagebuch hält genau fest, was sie in diesen Liebesnächten aßen und tranken.

Im Herbst 1955, zur gleichen Zeit, als Plath nach Cambridge ging, wechselte Sassoon von Yale an die Sorbonne. In den Weihnachtsferien fuhr sie über den Ärmelkanal, um ihn zu besuchen. Es war ihr erster Paris-Aufenthalt, der später in ihrer Erinnerung zu einem romantischen Wiedersehen mit »dem nervösen Jungen & Feigen und Orangen« wurde, in einem »traurigen Pariser Zimmer vom Blau des Inneren einer Ritterspornblüte«. Sie verbrachten mehrere Tage in Paris – Plath wohnte im Hotel, um den Anschein von Anstand zu wahren – und fuhren dann zusammen an die Côte d’Azur, die sie mit einem Motorroller bereisten, wiederum eine romantische Episode, die sie literarisch festhielt, sobald sie nach Cambridge zurückkehrte.

Während dieser Ferien in Frankreich allerdings führte ein Streit dazu, dass Sassoon sich zurückzog, und Plath war besorgt, dass er ihr nun

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Leser-Rezensionen

  • (5/5)
    Dieses Buch stellt eine ausgezeichnete, kluge Darstellung und Analyse von Leben, Werk und Ehe dieser beiden Schriftsteller dar.Um beider Leben gibt es so viel Mythenbildung und Tragik, dass es wohltuend ist, dieses wertungs- und vorurteilsfreie, bestens recherchierte Werk zu lesen. Ich kannte wenig von Sylvia Plath und nichts von Ted Hughes. Die Autorin kann auch f?r Laien sehr gut darstellen, worin das Besondere an den Werken dieser Autoren besteht und durch Zitate aus den Gedichten illustrieren. Eine wirklich tolle Biographe.
  • (5/5)
    This is not a biography , its a life on its own.
    I havent read a book as intense as this , the last book I felt strongly attached to was Gabriel Garcia Marquez: living to tell the tale, and this book really topped it.
    why ?
    at first glance you might think this will be totally dedicated to Hughes's life with Sylvia Plath on his own perspective.
    well . . you are mistaken my friend.
    I thought I knew Plath, even a little, to say she is a favorable poet of mine, an icon, though finished her life against God will and against the will of her loved ones.
    but yet she is an icon, not because she sits beside Emily Dickinson on the american female poetry throne, but because she is Sylvia, a combination of lives in one person, a puzzle no one "but no one" would ever predict or solve.
    this book was an attempt to solve Sylvia puzzle through Hughes window. this is the most literary productive marriages in the history of modern " or ever " world.
    they wrote, published, gone mad together, until Hughes gone further mad and cheated on her . .
    this is not a book of pointing fingers or looking for who's fault is it that Sylvia left this world on purpose .
    the book tells their story, goes deep back in their pasts, present and future!
    what really fascinates me about the book is its ability of being a regular reader book, as if you are looking to two normal people , unknown, but have issues , and reach the end of it with hughes death in 1998.
    another aimed to reader is the literary critic, you will find poems detailed explanation, and other writings by the two writers.
    You will get an understanding on why and when each piece was written.
    the third approach is for psychological interested people, this is the last one of which I have realized, I bet there is even more.
    you will be astonished on how much you "DONT" know about them, the writer made a great job, I couldn't believe the book ended, the ending music made me sure its done. Sadly I moved the headphone away and looked to the stained glass , gladly , shocked. . and loving the knowledge I gained , the books I am ought to buy . . and the life experience I lived and it wasn't mine . . .
  • (3/5)
    This book was not what I thought it was going to be. When the title involves the word "marriage" I expect a little more of the actual information about the marriage of Ted Hughes and Sylvia Plath. Instead of actual events from there marriage, we get lots of literary analyses of how their poetry echoed and reacted to each other.That's all well and good but this book leaves out huge amounts of actual details from the writers' lives. Even the discussion of the poetry was shallow because there was a wealth of work that Hughes and Plath that even I as an amateur Plath reader know of and found the omission of... interesting.There is so much information about Plath and Hughes' actual life together that would have been nice to include in a book ostensibly about their marriage. It's not a bad book but it's not great either. I am largely meh about it, sadly.
  • (3/5)
    As if we didn't need a new demonstration, we learn that poets' lives can be trivialized just as thoroughly as politicians' and actors' (or anyone else's for that matter). The Taylor/Burton of 20th century literature. PS -- he never got over her, as was only fitting.