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Das Herzjuwel der Erleuchteten
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eBook356 Seiten6 Stunden

Das Herzjuwel der Erleuchteten

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Über dieses E-Book

Der Grundtext dieses Buches ist eine meisterhaft in Versen verfasste Belehrung. Er wurde im 19. Jahrhundert von Patrul Rinpoche (1808-1887) geschrieben, einem der bemerkenswertesten Lehrer seiner Zeit. Dilgo Khyentse kommentiert den grundtext mit großer Einfühlung und Weisheit.
Patrul Rinpoches frische und eindrucksvolle Verse und Dilgo Khyentses zeitgemäßer Kommentar bilden zusammen eine umfassende Anleitung zur buddhistischen Praxis.
SpracheDeutsch
HerausgeberTheseus Verlag
Erscheinungsdatum8. Juli 2015
ISBN9783899018677
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    Buchvorschau

    Das Herzjuwel der Erleuchteten - Dilgo Khyentse

    Das Herzjuwel der Erleuchteten

    Das Herzjuwel

    der Erleuchteten

    Die Übung von Sicht,

    Meditation und Verhalten

    Eine Abhandlung

    heilsam am Anfang,

    in der Mitte und

    am Ende

    Grundtext von Patrul Rinpoche

    Kommentar von Dilgo Khyentse Rinpoche

    Titel der Originalausgabe:

    The Heart Treasure of the Enlightened Ones

    erschienen bei Shambhala Publications Inc., 300 Massachusettes Ave.

    Boston, MA 02115, U.S.A.

    © 1992 by S.H. Dilgo Khyentse Rinpoche

    Übersetzung ins Deutsche:

    Padmakara Übersetzungen,

    Sabine von Minden und Corinna Chung

    www.weltinnenraum.de

    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

    Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

    detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

    über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    ISBN Print 978-3-89901-726-7

    ISBN E-Book 978-3-89901-867-7

    Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

    Vorwort

    Ich freue mich sehr, daß diese tiefgründige mündliche Erläuterung von Dilgo Khyentse Rinpoche, dem Oberhaupt der Schule der Alten Überlieferung, zu Za Patrul Rinpoches Thog mtha bar gsum du dge ba’i gtam übersetzt und unter dem Titel Das Herzjuwel der Erleuchteten veröffentlicht wird.

    Patrul Rinpoche, ein in jüngster Vergangenheit im Land des Schnees erschienener großer Bodhisattva, war ein herausragender und gelehrter Dharma-Praktizierender. Er gab »Die Unterweisung, die heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende ist – das Herzjuwel der geheiligten Übung von Sicht, Meditation und Verhalten« zum Wohl all derer, die Befreiung erlangen möchten. Sie umfaßt alle wesentlichen Dharma-Lehren und ist, ihrer tiefen Bedeutung und schönen sprachlichen Form wegen, ein wahres Lebenselixier.

    Ich hoffe und bete, daß durch die Veröffentlichung dieser Belehrung die Menschen in Ost und West zu geistigem Frieden im einzigartigen Glück des Mitgefühls und der Liebe finden.

    Der Dalai Lama

    8. Februar 1991

    Auf Vorschlag des Dalai Lama hat Dilgo Khyentse Rinpoche die in diesem Buch enthaltenen Lehren im Februar 1984 in Delhi, Indien, gegeben. Zwei Jahre später hat er in seinem Kloster in Nepal und im Juli des gleichen Jahres in der Dordogne in Frankreich zusätzlich Belehrungen über den gleichen zugrundeliegenden Text erteilt, die in diesem Band eingefügt wurden.

    Inhalt

    Vorwort des Dalai Lama

    Zur Einführung

    Einleitung

    Wie wir diese Belehrungen aufnehmen sollten

    Der Inhalt dieser Belehrungen

    DIE ANFANGSVERSE

    Die Huldigung

    Weshalb Patrul Rinpoche diese Verse verfaßt hat

    TEIL EINS:

    Die Mängel in unserem Zeitalter des Niedergangs

    TEIL ZWEI:

    Sicht, Meditation und Verhalten im Mahāyāna

    Die drei Pfade

    DER PFAD DER SUTRAS

    Die Zufluchtnahme

    Der Erleuchtungsgeist

    Die Läuterung

    Die Darbringung von Opfergaben

    Guru Yoga

    DER PFAD DER TANTRAS

    Ermächtigung

    Reine Wahrnehmung

    Die Entwicklungsstufe

    Vajrakörper

    Vajrarede

    Vajrageist

    Nach-Meditation

    Die Vollendungsstufe

    Die Natur des Geistes

    Die vier Yogas

    Aufeinsgerichtetsein

    Einfachheit

    Ein-Geschmack

    Nicht-Meditation

    UMWANDLUNG DER SINNESWAHRNEHMUNGEN, EMOTIONEN UND AGGREGATE

    Die sechs Sinnesobjekte

    Formen

    Laute

    Gerüche

    Geschmack

    Gefühle

    Geist

    Die fünf Emotionen

    Haß

    Stolz

    Begierde

    Eifersucht

    Unwissenheit

    Die fünf Skandhas

    Form

    Empfindung

    Bewertung

    Willensregung

    Bewußtsein

    Die vier wesentlichen Punkte in bezug auf Körper, Rede, Geist und Dharmakāya

    Körper

    Rede

    Geist

    Dharmakāya

    Abschluß des zweiten Teils

    TEIL DREI:

    Die Entschlossenheit, sich aus Samsāra zu befreien

    Samsarische Aktivitäten aufgeben

    Tun

    Reden

    Unruhiges Hin und Her

    Essen

    Denken

    Besitz

    Schlafen

    Die dringende Notwendigkeit zu praktizieren

    Den Geist meistern

    DIE SCHLUSSVERSE

    Die Widmung des Verdienstes

    Epilog

    Anmerkungen

    Patrul Rinpoche

    S. H. Dilgo Khyentse Rinpoche

    Der Grundtext

    Zur Einführung

    In diesem Buch erläutern zwei große Meister des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts den gesamten buddhistischen Weg, beginnend mit der grundlegenden Motivation und gipfelnd in der direkten Erfahrung der absoluten Wirklichkeit, jenseits allen begrifflichen Denkens.

    Der Ausgangstext ist ein Gedicht, aus einer langen Reihe von Versen bestehend, das Patrul Rinpoche, der einer der bedeutendsten Lehrer seiner Zeit war, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfaßt hat. Patrul Rinpoche war kompromißlos in seiner Auslegung der Lehre und lebte – frei von jeder Bindung an Besitz oder weltliches Ansehen, das ganze östliche Tibet durchwandernd und nur unter Bäumen und in Gebirgshöhlen Zuflucht suchend – das, was er lehrte. Er war ein ruppiger Mann, dem Oberflächlichkeit und Heuchelei ein Greuel waren, und eine erste Begegnung mit ihm muß manchmal etwas Irritierendes gehabt haben. Wer ihn dann jedoch näher kennenlernte, war tief berührt von der Kraft seiner Weisheit, seiner Gelehrtheit, seinem Humor und seiner großen Güte.

    Dieses Gedicht hat er auf Bitten eines seiner vertrauten Schüler hin, in einer entlegenen Höhle nahe der tibetisch-chinesischen Grenze, niedergeschrieben. Am Anfang steht eine schonungslose Schilderung der Scheinheiligkeit und Falschheit, die im alltäglichen Leben regieren. Patrul Rinpoches Schlußfolgerung daraus ist, daß man sich diesem Sumpf der Unwahrheit verweigern muß. Er gibt dann eine kurze Beschreibung der hauptsächlichen Übungen auf dem buddhistischen Weg, beginnend mit dem Erkennen dessen, was unbefriedigend ist an der normalen Welt der Verblendung und Unwissenheit. Er erklärt die vorbereitenden Übungen, die Stufen der Entwicklung und Vollendung und die nichtkonzeptuelle, gegenstandslose Meditation der Mahāmudrā und Dzogchen. Gegen Ende kehrt er zu seinem ursprünglichen Thema zurück und fordert uns eindringlich auf, kritisch unsere eigenen weltlichen Beschäftigungen zu überprüfen und sorgfältig darüber nachzudenken, was wir eigentlich mit dem, was uns noch von unserem Leben bleibt, anfangen wollen.

    Patrul Rinpoches Sprache ist meisterhaft. Funkelnd vor Witz, Wortspielen und poetischem Genie, verliert sie nie ihre prägnante und freimütige Klarheit. Bei der Übersetzung aus der tibetischen in die englische Sprache haben wir alles getan, um zumindest eine leise Ahnung des Originalstils zu erhalten. Keine Übersetzung wird ihm jedoch nur annähernd gerecht werden können. (Für Leserinnen und Leser mit Kenntnis im Tibetischen ist der Originaltext als Anhang beigefügt.)

    Hinter der dichterischen Virtuosität von Patrul Rinpoches Versen steht jedoch noch etwas anderes. Der Sinn von Texten wie diesem war es, ein anschauliches und leicht zu erinnerndes Rahmenwerk abzugeben, das, ausgefüllt mit persönlichen Unterweisungen, dazu dienen konnte, den großen Schatz von angesammelter Erfahrung, Wissen und Weisheit durch mündliche Belehrung, Übung unter Kontrolle des Lehrers und persönlichem Kontakt mit ihm, unversehrt über die Generationen hinweg vom Meister auf den Schüler zu überliefern.

    Eine ganze Anzahl dieser Verse sind dadurch bekannt geworden, daß sie in den Werken nachfolgender Verfasser zitiert werden. Aber erst als ein Ganzes und Teil der lebendigen mündlichen Überlieferung erhalten sie ihre volle Bedeutung. Die Schüler Patrul Rinpoches praktizierten, verwirklichten und übermittelten die Tradition glücklicherweise mit der gleichen Sorgfalt wie ihre Vorgänger. Und so ist heute, zwei Generationen später, Khyentse Rinpoche in der Lage, uns dieses Vermächtnis an Erfahrung und Weisheit weiterzugeben.

    Sein Kommentar ist deshalb auch nicht etwa eine erweiternde Deutung der Verse des Ausgangstextes. Er enthält vielmehr genau die Unterweisungen, die Patrul Rinpoche seinerseits von seinen eigenen Lehrern erhalten hat und die zurückgehen auf Jigme Lingpa, auf Longchenpa, auf die großen Lehrer Padmasambhava und Vimalamitra.

    Obgleich in Buchform vorliegend, sollte nicht vergessen werden, daß es sich hier nicht um einen Text handelt, den Khyentse Rinpoche schriftlich verfaßt und anschließend überarbeitet und korrigiert, gekürzt und abgeändert hat. Rinpoche hat ihn gesprochen, so wie er ist, ohne Unterbrechung, ohne Denkpausen. Jedem, der einmal einer seiner Belehrungen beigewohnt hat, ist dieser bemerkenswerte Stil vertraut. Als ob er aus einem unsichtbaren Buch in seinem Gedächtnis ablesen würde, fließt Khyentse Rinpoches Rede mühelos und gleichmäßig, ohne zu stocken oder den Faden zu verlieren, dahin. Die Sätze sind, auch wenn lang und komplex, immer grammatikalisch perfekt und vollständig. Das Thema wird von Anfang bis Ende, innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit und genau in Übereinstimmung mit dem Fassungsvermögen der Zuhörer abgehandelt. Diese ungewöhnliche Fähigkeit beschränkte sich keineswegs auf die Lehren einer bestimmten Überlieferung. Khyentse Rinpoche war in der Lage, sich auf seinen Reisen in einem Kloster gleich welcher Tradition auf seinem Sitz niederzulassen und genau in der entsprechenden Überlieferung zu lehren.

    Im September 1991, als die Übersetzung aus dem Tibetischen ins Englische ihr Endstadium erreicht hatte, ging Khyentse Rinpoches außergewöhnliches Leben zu Ende. Er war einundachtzig Jahre alt. Sein ganzes Leben hatte er lernend, praktizierend und lehrend verbracht. Immer mit der gleichen Würde, im gleichen ununterbrochenen Strom von Güte, Humor und Weisheit, galt all sein Tun, Tag und Nacht, wo immer er sich befand, der Bewahrung und Übermittlung der verschiedenen Formen der buddhistischen Lehre, deren einer der herausragendsten Repräsentanten unserer Zeit er fraglos war.

    In seiner Jugend lebte und praktizierte Khyentse Rinpoche, ähnlich wie Patrul Rinpoche, in der unwegsamen Einsamkeit der Berge. Und auch sein späteres Leben verlor nie – vor welchem Hintergrund es sich auch abspielte – sein Merkmal unkomplizierter Einfachheit. Was diese beiden außerordentlichen Meister als Gemeinsamkeit hatten, war die kompromißlose Art und Weise, die Lehren zu leben, zu atmen. Beide besaßen die Gabe, ungeachtet der Verschiedenheit des kulturellen Milieus, die Menschen dazu anzuregen, ihre sich gesetzten Ziele zu hinterfragen. Beide verfügten über die große praktische Erfahrung und Weisheit, sie dazu führen zu können, ihren eigenen Weg zu einer wirklichen Anwendung der Lehren zu finden.

    Die Fragen, denen wir uns in diesem Buch gegenübersehen, sind heute so aktuell und gültig wie damals. Khyentse Rinpoche selbst hat diese Belehrungen für eine Veröffentlichung ausgewählt, als einen Text, der uns alle anregen kann, über unser Leben nachzudenken, und der gleichzeitig einen vollständigen Überblick über die Anschauung und Übung der drei großen Fahrzeuge der buddhistischen Lehre gibt. Die Lebendigkeit und Prägnanz von Patrul Rinpoches Versen und Khyentse Rinpoches verständliche und lebensnahe Erklärungen geben zusammen ein Ganzes, das in seiner Art einmalig ist.

    Beide, Patrul Rinpoche und Khyentse Rinpoche, haben großen Nachdruck darauf gelegt, daß die Lehren als etwas gesehen werden, was gelebt werden muß; als etwas, das uns frische, unverbrauchte Luft zuführt; als ein Weg, die Dinge zu erfahren, wie sie in Wirklichkeit sind. Von daher freuen wir uns, daß dieser Text veröffentlicht wird, und wir hoffen, daß die Leserinnen und Leser ihn anregend und hilfreich finden werden und auf ihr Leben anwenden.

    John Canti

    DAS HERZJUWEL

    DER ERLEUCHTETEN

    Einleitung

    All die unendlich vielen Lebewesen in den Weiten des Universums – auch die winzigsten Insekten –, streben nach Glück und wollen Leid vermeiden. Aber sie alle sind auf ihrer Suche nach dem Glück unfähig zu erkennen, daß dieses einzig und allein aus rechtem Verhalten entsteht. In ihrem Bestreben, dem Leiden zu entgehen, merken sie nicht, daß dieses durch ihr eigenes unheilsames Verhalten verursacht wird, und so wenden sie sich unwissentlich ab vom Glück und versinken im Leid.

    Sich Glück und Zufriedenheit zu erhoffen, ohne negatives Verhalten aufzugeben, ist so absurd, als ob man seine Hand ins Feuer halten würde und erwartet, daß sie nicht verbrennt. Gewiß, niemand will leiden, will krank sein, frieren oder hungern. Solange wir jedoch immer weiter falschem Verhalten Raum geben, wird unser Leiden nie ein Ende nehmen. Ähnlich ist es mit dem Glück. Wir werden es nie finden, es sei denn, wir bemühen uns um das rechte Verhalten, um gute Taten, Worte und Gedanken. Dieses Verhalten müssen wir selbst einüben, es kann weder gekauft noch einem anderen entwendet werden, und noch nie hat es jemand durch puren Zufall erlangt.

    Bei allem, was wir tun, sind Körper, Rede und Geist beteiligt, wobei es der Geist ist, der unser Tun und das, was wir reden, bestimmt, da Körper und Rede von sich aus keine Aktivität einleiten können. Wenn wir ihm die Zügel schießen lassen, nehmen negative Verhaltensweisen überhand, und auf diese Weise kommt es dazu, daß wir alle unzählige Male durch den Kreislauf des Samsāra¹ wandern müssen.

    Für jedes dieser zahllosen Leben waren wir auf Eltern angewiesen, und in der Tat sind wir so unzählig viele Male geboren worden, daß jedes einzelne fühlende Wesen² irgendwann einmal unser Vater, unsere Mutter gewesen sein muß. Der Gedanke, daß die, die alle einmal unsere Eltern waren, hilflos wie Blinde, die den Weg verloren haben, durch Samsāra irren, wird uns unweigerlich mit großem Mitgefühl erfüllen. Doch damit allein ist es nicht getan, was sie brauchen, ist wirkliche und tatkräftige Hilfe. Aber auch das Spenden von Nahrung, Kleidung, Geld oder Zuneigung wird ihnen nur vorübergehende und begrenzte Zufriedenheit bereiten, sofern unser Geist noch durch Haften an den Dingen eingeengt ist. Wir müssen eine Möglichkeit finden, sie restlos vom Leiden zu befreien, und dies kann nur durch das Praktizieren und Anwenden des Dharma³ geschehen.

    Bemühen Sie sich also, bevor Sie diese wertvollen Unterweisungen erhalten, um die richtige Einstellung oder Motivation, das heißt, sich nicht nur zum eigenen Wohl in die Lehren zu vertiefen und sie zu praktizieren, sondern an erster Stelle darum, alle Wesen aus dem Ozean des Samsāra zu befreien und sie zur vollen Erleuchtung zu bringen. Dies ist die umfassende und reine Bodhichitta-Gesinnung.

    Bodhichitta, »der Erleuchtungsgeist«, hat zwei Aspekte, von denen einer alle Wesen, der andere die Weisheit betrifft. Der erste Aspekt bedeutet unparteiisch allen Wesen zugewandtes Mitgefühl, ohne Unterschiede zwischen Freund und Feind zu machen. Dieses Mitgefühl im Sinn, sollten wir jede gute oder segensreiche Tat ausführen – und sei es nur das Opfern einer einzigen Butterlampe oder die Rezitation eines einzigen Mantra – zusammen mit dem Wunsch, daß dies allen lebenden Wesen, ohne Ausnahme, zugute kommt.

    Um den Wesen tatsächlich zu helfen, reicht es jedoch nicht aus, einfach nur Mitgefühl für sie zu empfinden. Dies zu veranschaulichen, wird oft die Geschichte einer Mutter mit gelähmten Armen erzählt, die hilflos mitansehen muß, wie ihr Kind von der Strömung eines Flusses fortgerissen wird. So überwältigend ihr Mitgefühl auch sein mag, es ermöglicht ihr nicht, ihr ertrinkendes Kind zu retten. Alles, was getan werden kann, um die Wesen aus dem Leiden zu erretten und sie zur Erleuchtung zu bringen, müssen wir auch tatsächlich ausführen.

    Wir hatten das Glück, in einer Welt geboren zu werden, in der ein Buddha gelebt und den Dharma gelehrt hat; außerdem haben wir einen spirituellen Lehrer gefunden und von ihm Unterweisungen erhalten. Es liegt nun in unserer Hand, dieses kostbare menschliche Leben dazu zu nutzen, auf dem Weg zur Befreiung voranzukommen.

    Es heißt: »Das Leben als menschliches Wesen kann dich zur Erleuchtung führen, das Leben als menschliches Wesen kann dich zur Hölle führen«. Je nach unserer Motivation und der Richtung, die wir einschlagen, können wir entweder große Weise werden und Buddhaschaft erlangen oder durch und durch böse werden und nach unserem Tod geradewegs zur Hölle gehen. Diese beiden verschiedenen Richtungen zu unterscheiden, wird uns durch die Dharma-Belehrungen ermöglicht; sie zeigen uns, was getan und was vermieden werden sollte.

    Noch fehlt uns die Fähigkeit, anderen spürbar zu helfen. Wenn aber allem, was wir in dieser Hinsicht tun, die Motivation zu Grunde liegt, das Leiden anderer zu lindern, wird sich dieses beständige Streben schließlich erfüllen. Motivation bündelt die Wirkkraft unseres Handelns, so wie ein Bewässerungskanal das Wasser dahin bringt, wo es benötigt wird. Von ihr hängt alles ab. Wenn wir nur nach einem langen, erfüllten Leben streben, wird dies das Äußerste sein, was wir bestenfalls erreichen können. Wenn wir uns jedoch sehnlichst wünschen, alle Wesen aus Samsāra zu befreien, werden wir schließlich imstande sein, diese edelste der Absichten auszuführen. Es ist deshalb außerordentlich wichtig, unser Streben nicht auf geringfügigere Ziele auszurichten.

    Einst war eine Mutter mit ihrem Kind im Begriff, in einem kleinen Boot einen reißenden Strom zu überqueren. In der Mitte des Flusses wurde die Strömung so stark, daß ihr Boot anfing zu kentern. Den drohenden Untergang vor Augen, dachte die Mutter nur: »Wenn doch mein Kind gerettet würde«, während das Kind nur den einen Gedanken hatte: »Wenn doch meine Mutter gerettet würde«. Obwohl das Boot sank und beide ertranken, wurden Mutter und Kind durch die Kraft und reine Selbstlosigkeit ihres Wunsches unmittelbar in einem himmlischen Buddhagefilde⁴ wiedergeboren.

    Der zweite, die Weisheit betreffende Aspekt von Bodhichitta ist das Verwirklichen der Leerheit, um Erleuchtung zum Wohl der anderen zu erlangen. Diese beiden Aspekte von Bodhichitta – die geeigneten Mittel des Mitgefühls und die Weisheit der Leerheit – sollten nie voneinander getrennt sein. Sie sind wie die Schwingen eines Vogels. Um fliegen zu können, braucht er sie beide. Erleuchtung kann nicht allein durch Mitgefühl erreicht werden und auch nicht allein durch die Verwirklichung der Leerheit.

    Etwas Gutes aus einem ganz gewöhnlichen Motiv heraus zu tun, wird uns sicherlich ein gewisses Glück bringen, doch nur für kurze Zeit. Diese Art von Glück vergeht schnell, und wir werden weiter hilflos durch Samsāra irren. Wenn aber andererseits all unser Handeln, Reden, Denken durch Bodhichitta verwandelt wird, nehmen unsere Zufriedenheit, unser Wohl und Glück ständig zu und werden unerschöpflich. Die Frucht eines Verhaltens, dessen Richtschnur Bodhichitta ist, kann nie mehr durch Haß oder andere negative Emotionen zerstört werden, anders als die eines ethischen Verhaltens, das nicht den gleichen edlen Hintergrund hat.

    Immer ist es also der Geist, der bei unserem Tun die entscheidende Rolle spielt, und aus diesem Grund zielen die buddhistischen Lehren auf seine Vervollkommnung. Der Geist ist der Herrscher. Körper und Rede sind Diener, die seine Befehle ausführen müssen. Der Geist faßt Vertrauen, im Geist entstehen Zweifel, Liebe und Haß.

    Wenden Sie deshalb den Blick nach innen und prüfen Sie ihre Motivation; sie gibt den Ausschlag, ob das, was Sie tun, gut oder schlecht, positiv oder negativ ist. Der Geist ist wie ein durchsichtiger Kristall, der die Farbe des Stoffs annimmt, auf dem er sich befindet: er wird gelb auf gelbem Stoff, blau auf blauem Stoff und so fort. In gleicher Weise färbt Ihre Einstellung Ihren Geist und bestimmt den Charakter Ihres Handelns, gleichgültig, wie dieses nach außen hin wirkt. Das Wesen dieses Geistes ist nichts Jenseitiges und Unwägbares, sondern immer und unmittelbar präsent. Wenn Sie jedoch wissen wollen, wie seine Beschaffenheit ist, finden Sie nichts Rotes, Gelbes, Weißes oder Grünes, nichts Eckiges oder Rundes, nichts von der Form eines Vogels, Affen oder von irgendeiner anderen Beschaffenheit. Der Geist ist einfach das, was unzählige Gedanken hervorbringt und erinnert. Ist der Strom der Gedanken heilsam, haben Sie Ihren Geist gezähmt; ist der Gedankenstrom negativ, ist der Geist nicht gezähmt.

    Den Geist zu bändigen und heilsam zu machen erfordert Beharrlichkeit. Lassen Sie nie den Gedanken zu: »Buddha ist vollkommen erleuchtet und Chenrezi⁵ ist die Verkörperung des Mitgefühls. Ich gewöhnlicher Mensch, wie kann ich denn jemals den anderen helfen?« Seien Sie nicht kleinmütig. Im gleichen Maß, wie Ihre Motivation immer umfassender wird, wächst auch Ihr Vermögen, heilsam zu handeln. Auch wenn Sie jetzt noch nicht die gleichen Fähigkeiten wie Chenrezi besitzen, so haben Sie doch den Weg, der dazu führt: die Dharmapraxis. Wenn Sie beständig den Wunsch in sich wachhalten, anderen nützlich zu sein, wird die Kraft, dies auch tatsächlich zu verwirklichen, sich ganz von alleine einstellen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Wasser immer bergabwärts fließt.

    Die meisten Schwierigkeiten rühren daher, daß man nicht an andere denkt. Blicken Sie bei allem, was Sie tun, prüfend in den Spiegel Ihres Geistes, um zu sehen, ob Ihre Motive egoistisch oder altruistisch sind. Auf diese Weise gewinnen Sie allmählich die Fähigkeit, Ihren Geist in jeder Situation zu meistern, und erlangen – den großen Meistern der Vergangenheit nachfolgend – Erleuchtung innerhalb eines einzigen Lebens. Ein heilsamer Geist ist

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