Die dunklen Seiten der Begabung: Eine empirische Biographieanalyse eines hochbegabten Jugendlichen
Von Laura Staats
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Über dieses E-Book
Die erziehungspsychologischen Auswertung und die Sammlung von Dokumenten eines dieser begabten Kinder bilden den Ausgangspunkt dieser Analyse von Laura Staats. Sie beleuchten "die dunklen Seiten der Begabung" eines Betroffenen und zeigen seinen Weg der Neuorientierung sowie Begleitung bis hin zu seinem Abitur. Es wird dargestellt, wie Lerner und Lernbegleiter Schritt für Schritt zusammenarbeiten, "die Wende" vorbereiten und letztlich umsetzen.
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Buchvorschau
Die dunklen Seiten der Begabung - Laura Staats
Studie.
I Theorieteil
1. Phänomenologie von Hochbegabung
1.1 Definition und Abgrenzung
In der Diskussion um Hochbegabung existiert eine Vielzahl von unterschiedlichen Begrifflichkeiten und Auslegungen hinsichtlich ihrer Definition. Neben der oft uneinheitlichen Definition werden in der Literatur Begriffe wie „hochintelligent, „besonders befähigt
und „talentiert" häufig synonym verwendet. Dies liegt nach Hahl (1999) im Speziellen daran, dass die Verwendung verschiedener Begrifflichkeiten nicht nur deskriptiv anmutet, sondern auch immanente Bewertungen nach sich zieht.
Schon der Begriff „Begabung unterliegt in der wissenschaftlichen Diskussion keiner einheitlichen Definition, was eine klare Eingrenzung erschwert. Dennoch wurde vor allem mit Blick auf das erhöhte Interesse an der (Hoch)Begabungsforschung immer wieder versucht, Kategorien zu skizzieren, in dessen Rahmen eine genauere Klassifikation möglich wird. Eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik ist in Deutschland ab 1980 zu verzeichnen, während man sich zuvor nur vereinzelt mit Hochbegabung auseinandersetzte und in diesem Rahmen von „Genie
oder „Talent sprach. Hierbei wurde zumeist davon ausgegangen, dass eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit der Thematik hinsichtlich der geringen Anzahl an Hochbegabten unbegründet sei, dass Hochbegabte keiner Förderung bedürfen oder dass Hochbegabung kein zentrales Phänomen sei, da es nur Kinder aus privilegierten Elternhäusern betreffe. Dennoch war auch der Mythos, dass Hochbegabung mit Geisteskrankheit korreliert, seit der Debatte um „Genie und Irrsinn
weit verbreitet (vgl. Schmidt 1977).
Erst die Publikationen des Bundesministeriums für Forschung und Bildung (1985) oder die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Förderung besonders Befähigter (1981) prägten den Aufschwung zur Forschung und Förderung von Hochbegabten. Trotz zahlreicher Publikationen, die diesen im Laufe der Jahre folgten, bleibt die einheitliche Eingrenzung und Definition erschwert. Es existiert eine Vielzahl von Modellen und theoretischen Konstrukten, die auf jeweils unterschiedlichen Determinanten beruhen. Den wohl bis heute einflussreichsten Faktor stellt hierbei die Intelligenz dar.
1.1.1 Intelligenz
Hochbegabung wird bis heute maßgeblich über die Intelligenz definiert. Diese wird, neben anderen Faktoren, die zur Diagnostik dienen, zumeist als determinierendes Kriterium dafür herangezogen. Unter Intelligenz wird grundsätzlich die Fähigkeit zu intellektuellen Leistungen (vgl. Schweizer, 2006) verstanden, wobei sich die Definitionen von Intelligenz nur geringfügig voneinander unterscheiden. Stern liefert hierbei eine der geläufigsten Definitionen und äußert sich zur Eingrenzung von Intelligenz wie folgt:
„Intelligenz ist die allgemeine Fähigkeit eines Individuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen; sie ist die allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens" (Stern 1920: 3).
Die Messung der Intelligenz erfolgt durch Intelligenztest, wobei Hochbegabung in den meisten Publikationen ab einem Intelligenzquotienten von 130 angesetzt wird. Es existieren allerdings wissenschaftliche Beiträge, in denen der Grenzwert abweicht (140 bei Terman, 125 bei Rost). Der Intelligenzquotient berechnet sich hierbei in Abhängigkeit von Intelligenzalter und Lebensalter, das heißt bei einem Durchschnittswert von 100 wird von einer Übereinstimmung von Intelligenz und Alter ausgegangen. Testergebnisse berufen sich demnach neben dem Intelligenzquotienten auf die Ermittlung des zugrunde liegenden Prozentranges. Ein Intelligenzquotient von 100 erzielt hierbei einem Prozentrang von 50, das heißt er entspricht 50 Prozent der Altersgruppe innerhalb einer Normalverteilung.
Zum Vergößern: Grafik antippen/anklicken
Abbildung 1: Normalverteilung der Intelligenzquotienten (Holling et al. 2004: 14)
Die obige Gaußsche Normalverteilung zeigt den Intelligenzquotient (horizontale Achse) in Abhängigkeit zur Verteilung innerhalb der Bevölkerung (vertikale Achse). Die unter der Kurve befindlichen Abschnitte stellen hierbei die prozentuale Häufigkeit des zugrunde liegenden Intelligenzquotienten dar. Demnach haben 68,2 Prozent der Bevölkerung einen Intelligenzquotienten zwischen 85 und 115 und befinden sich somit im Normalbereich. Als hochbegabt gelten wiederum 2,2 Prozent der Bevölkerung. In einigen Publikationen findet sich weiterhin eine Differenzierung zwischen hoch- und höchstbegabt, wobei grundsätzlich ab einem Intelligenzquotienten von 150 von einer Höchstbegabung ausgegangen wird (vgl. Jost, 1999).
In Bezug auf die Hochbegabungsdiagnostik besteht hierbei die Problematik, dass Intelligenztests für die Messung von überdurchschnittlicher Intelligenz nicht konzipiert sind, das heißt ihre Vorhersagegüte ist innerhalb des Normalbereiches relativ genau, während die Messung besonders niedriger und besonders hoher Intelligenz Ungenauigkeiten aufweist. Besonders in Bezug auf Intelligenztests für Kinder stellt dieses Phänomen eine Hürde innerhalb der Diagnostik dar.
Neben der klassischen Intelligenztheorie existiert eine Vielzahl von erweiterten Intelligenztheorien, die sich darauf berufen, dass sich Intelligenz aus weitreichenderen Faktoren zusammensetzt als dem reinen Intelligenzquotienten. Exemplarisch sei hier Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen genannt, die von verschiedenen kognitiven Fähigkeiten ausgeht. Gardner (1983) unterscheidet hierbei folgende Intelligenzen:
• Sprachliche Intelligenz
• Logisch-mathematische Intelligenz
• Musikalische Intelligenz
• Räumliche Intelligenz
• Körperlich-kinästhetische Intelligenz
• Naturalistische Intelligenz
• Interpersonale Intelligenz
• Intrapersonale Intelligenz
Besonders die musikalische und die körperlich-kinästhetische Intelligenz finden in klassischen Intelligenztests keine Betrachtung. Nach Gardner würde eine besondere Begabung in diesen Bereichen auch zur Identifikation von Intelligenz führen, die jedoch durch einen Test unberücksichtigt bliebe.
Auch die inter- und intrapersonale Intelligenz gewinnt, gerade im Rahmen der Diskussion um emotionale und soziale Intelligenz, innerhalb der Intelligenzforschung immer mehr an Bedeutung. Dennoch unterliegen Intelligenzmodelle wie Gardners immer wieder der Kritik. Klassische Intelligenztests sind deswegen bislang die grundlegende Determinante zur Feststellung von Hochbegabung. Trotz der Tatsache, dass diese, besonders mit Blick auf die Testgütekriterien, bislang kaum durch andere Verfahren ersetzbar scheinen, werden sie von einer Reihe von Autoren und Forschern abgelehnt. Diese verweisen auf den Einbezug differenzierterer Kriterien zur Diagnostik, plädieren also auch für eine Testung von Kompetenzen abseits des Intelligenzquotienten. Während die Intelligenztestung also eine eindimensionale Betrachtungsweise darstellt, berufen sich andere theoretische Ansätze auf die Mehrdimensionalität von Begabung.
1.1.2 Theoretische Ansätze
Neben dem klassischen Intelligenzkonzept werden von einigen Autoren auch mehrdimensionale Konzepte zur Eingrenzung von Hochbegabung herangezogen. Diese unterscheiden sich jeweils in ihrem Fokus auf verschiedene Faktoren. Die fünf bedeutsamsten Kategorien zur Hochbegabungsdefinition nach Lucito (1964) werden im Folgenden vorgestellt und durch weitere Konzeptvorstellungen ergänzt (vgl. Lucito, 1964 zit. nach Feger und Prado, 1998):
(1) Ex-post-facto Definitionen: Hochbegabt ist, wer aufgrund einer außergewöhnlichen Leistung rückwirkend als hochbegabt postuliert wird.
Neben der Wertung der spezifischen Leistung enthalten diese Definitionen auch eine soziale Komponente; als hochbegabt erkannt, wird also der, dessen Leistung im Rahmen des sozialen Milieus geschätzt wird. Defizite zeigen solche Definitionen insofern, als dass allein die Entdeckung eines Talentes über die Identifikation von Hochbegabung entscheidet und somit recht willkürlich verbleibt. Welche Kriterien tatsächlich zur Diagnostik dienen, sind darüber hinaus sehr subjektiv.
(2) IQ-Definitionen: Hochbegabt ist, wer bei einem Intelligenztest einen entsprechenden Grenzwert, der meist bei 130 liegt, erreicht hat.
(3) Prozentrang-Definitionen: Hochbegabt ist, wer in einer Stichprobe durch einen Intelligenzwert zum obersten Prozentrang zu zählen ist. Dieser Prozentrang entspricht zumeist einem Wert von 2 Prozent .
(4) Soziale Definitionen: Hochbegabt ist, wessen Fähigkeiten oder zugesprochene Sonderbegabung von der Gesellschaft als wertvoll erachtet werden.
Hier gelten ähnlich Kriterien wie bei den Ex-post-facto Definitionen. Hochbegabung liegt demnach nur vor, wenn ein Talent von der breiten Masse geschätzt wird.
(5) Kreativitäts-Definitionen: Hochbegabt ist, wer originelle und produktive Leistungen erbringt, die auf Kreativität zurückzuführen sind.
Bei diesen Definitionen wird das Merkmal der Intelligenz durch Kreativität ersetzt. Problematisch erscheint dies deswegen, weil Kreativität im Gegensatz zu Intelligenz schwer abzugrenzen und definieren ist. Kreativität ist darüber hinaus kein statisches Merkmal, das heißt ein gutes Resultat in einem Kreativitätstest kann nicht zwangsläufig wiederholt werden.
Lucito stellt eine eigene Definition von Hochbegabung an, die sich an dem Guilfordschen Modell der Intelligenz orientiert und besagt, dass von Hochbegabung dann zu sprechen ist, wenn ein Potential im kritischen und produktiven Denken zu erkennen ist, das zukünftig von Nutzen sein wird. Er fügt hierbei die Bedingung einer adäquaten Erziehung und Förderung hinzu. Weitere Klassifikationsversuche finden sich auch bei Mönks und Mason (2002), welche die verschiedenen definitorischen Versuche wie folgt kategorisieren:
(1) Genetisch orientierte Definitionen: Hochbegabt ist, wer einen entsprechenden Intelligenzquotienten vorweist.
Definitionen, die unter diese Kategorie fallen, orientieren sich an den genetischen Dispositionen eines Menschen, sie gehen also davon aus, dass Intelligenz ein stabiles, angeborenes Merkmal ist.
(2) Kognitiv orientierte Definitionen. Hochbegabt ist, wer entsprechende Leistung in Bezug auf Denkprozesse und Gedächtnis erbringt.
(3) Leistungsorientierte Definitionen: Hochbegabt ist der, dessen Fähigkeiten sich in Leistung äußern
Bei diesen Definitionen steht das Resultat der Begabung im Vordergrund, das heißt eine entsprechende, sichtbare Umsetzung von Potential ist erforderlich.
(4) Umweltorientierte Definitionen: Hochbegabt ist der, dessen Begabung im Rahmen der vorherrschenden Strukturen erkannt und gewertet wird.
Innerhalb dieser Definitionen spielt neben dem sozialen Milieu, der Familie, Schule und Peers, auch die aktuelle gesellschaftliche Lage eine immense Rolle. So determinieren gesellschaftliche Phänomene, Werte, Normen und Überzeugungen die Identifikation von Hochbegabung.
Jedem dieser Kategorisierungsversuche liegen jeweils unterschiedliche Kriterien zugrunde, die dem heutigen Stand der Begabungsforschung als singulative Faktoren unzureichend erscheinen. In Kapitel 1.1.3 sollen daher Mehrfaktorielle Modelle von Hochbegabung Betrachtung finden, die jeweils unterschiedliche Kriterien miteinander kombinieren. Zunächst erscheint es jedoch wesentlich, Hochbegabung und Hochleistung beziehungsweise Potential und Performanz zu differenzieren, da auch dieses Kriterium innerhalb der Hochbegabtenforschung zentral ist und auch in den Mehrfaktoriellen Modellen von immenser Bedeutung ist.
1.1.3 Hochbegabung und Hochleistung: Zu Begabungspotential und Performanz
„Im Hinblick auf Intelligenzleistungen ist der Mensch begabt, geht es aber um die Aneignung der geistigen Produkte unserer Kultur durch den Einzelnen, so wird der Mensch begabt" (Roth 1952: 397).
Durch dieses Zitat wird eine weitere Differenzierungskategorie im Rahmen der Hochbegabtenforschung deutlich. Eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Kategorien von Intelligenz oder differenziert orientierten Definitionen reicht oft nicht aus, um dem Phänomen Hochbegabung gänzlich gerecht zu werden. Es verlangt demnach zwischen einer differenzierten Betrachtung von Potential und Performanz, denn nicht jeder Hochbegabte wird unweigerlich zum Hochleister. In diesem Sinne unterscheiden einige Autoren zwischen fluider und kristalliner Intelligenz, bei der es sich um eine genetische Disposition beziehungsweise um Umwelt bedingte Lernerfahrungen handelt.
Dass die fluide Intelligenz also als vererbte Funktionsfähigkeit angesehen und somit Bestandteil eines menschlichen Individuums ist, entscheidet noch nicht darüber, ob jemand dieses Potential auch tatsächlich nutzt. Viel eher beruht Hochleistung auch auf der Umsetzung von kristalliner Intelligenz und setzt somit eine gezielte Förderung durch das soziale Milieu voraus.
Obwohl auch die Diskussion um die Anlage-Umwelt-Debatte im Rahmen der Hochbegabtenforschung von Bedeutung war und ist, gehen Holling und Kanning (1999) davon aus, dass eine adäquate Förderung sowohl zur Entstehung als auch zur Entfaltung von Hochbegabung immanent ist und die Anlage-Umwelt-Debatte somit an Bedeutung verliert. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Unterscheidung zwischen einem statischen und einem dynamischen Begabungsbegriff zu verweisen.
Während der statische Begabungsbegriff von einer unveränderlichen, angeborenen Begabung ausgeht, die durch äußere Einflüsse nicht zu determinieren ist, besagt der dynamische Begabungsbegriff, dass Begabung weniger angeboren als durch Förderung beeinflussbar ist. Als gesichert kann gelten, dass nicht jeder Hochbegabte im Verlauf seiner Entwicklung zum Hochleister wird, was auf verschiedenste Faktoren zurückzuführen ist. Hierbei ist jede Leistung auf ein bestimmtes Begabungspotential zurückzuführen, nicht jedes Potential mündet aber in Leistung. Besonders bei der Thematisierung von Underachievement, das im weiteren Verlauf nähere Berücksichtigung finden wird, ist diese Unterscheidung von spezieller Wichtigkeit. Im Rahmen dieser Arbeit wird demnach von einem dynamischen Begabungsbegriff ausgegangen, der die Notwendigkeit von Förderung impliziert und der Tatsache gerecht wird, dass Potential nicht automatisch in Leistung mündet. Hochbegabung soll also als „individuelles Potential für herausragende Leistung [betrachtet werden]" (Heller, 2000: 241), nicht aber als Garant für