Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Einschalttote

Einschalttote

Vorschau lesen

Einschalttote

Länge:
255 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Sept. 2015
ISBN:
9783958657366
Format:
Buch

Beschreibung

Die Medien im Jahre 2051. Der Kampf zweier Systeme. Wetten mit tödlichem Ausgang. Abenteuer zum Rande des Wahnsinns. Und darüber hinaus. Überwachung aller Bewegungen. Und Emotionen. Experimente mit Menschenmaterial. Endlos. Kein Ausweichen möglich. Panem et circenses in naher Zukunft. Von der scripted reality ins All der bösen Überraschungen. Todesfälle inklusive.

EINSCHALTTOTE kreiert eine eigene Welt, auf die sich der Leser einlassen muss. Sie wird ihn nie wieder verlassen. Bis zur letzten Seite des Buches.
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Sept. 2015
ISBN:
9783958657366
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Einschalttote

Mehr lesen von Jürgen Alberts

Verwandte Kategorien

Buchvorschau

Einschalttote - Jürgen Alberts

werden.

Kurzinhalt

Die Medien im Jahre 2051. Der Kampf zweier Systeme. Wetten mit tödlichem Ausgang. Abenteuer zum Rande des Wahnsinns. Und darüber hinaus. Überwachung aller Bewegungen. Und Emotionen. Experimente mit Menschenmaterial. Endlos. Kein Ausweichen möglich. Panem et circenses in naher Zukunft. Von der scripted reality ins All der bösen Überraschungen. Todesfälle inklusive.

EINSCHALTTOTE kreiert eine eigene Welt, auf die sich der Leser einlassen muss. Sie wird ihn nie wieder verlassen. Bis zur letzten Seite des Buches. 

Autor

Jürgen Alberts, Jahrgang 1946, Kriminalschriftsteller, lebt und arbeitet in Bremen und Las Palmas. Für seine fast 50 Romane erhielt er einige Auszeichnungen, zuletzt den Ehrenglauser des SYNDIKATS, dem er seit 1988 angehört. Zu seinen Werken zählen historische Romane wie Landru und Fatima, Kriminalromane, darunter eine Serie von 10 Polizeiromanen, die in der Hansestadt Bremen spielen, und Reiseromane, die er zusammen mit seiner Frau Marita schreibt. Mehr unter: www.juergen-alberts.de

„Wo sind die Individual-Hubschrauber, die ihr uns versprochen habt?"

(W.S.Burroughs, 1969)

u p t o w n

1

Die Eingangshalle des MOB ist vierzig Meter hoch. Die Wände aus Ferran, stahlgrau und basaltblau. Auf dem Fußboden Schriftzeichen aus allen Kontinenten und Archipelen. Die Beleuchtung auf Nacht geschaltet. Grelle Blendung. Sobald ein Mitarbeiter eintrifft, flammen hunderte Dioden Leuchten auf. Ein Gigantensaal, fensterlos. Überwachungskameras, Geruchssensoren, Selenzellen.

„Wo bleiben Sie denn?"

Der Satz klingt in seinem Kopf nach, seit mehr als 33 Minuten. In regelmäßigen Abständen repetiert. Körperscanner. Stillhalten. – Augendiagnose: Stillhalten. – Stimmerkennung.

„Willkommen, Jona Tan!"

Das wird sein Name für diesen Tag. Einen Tag, der mit einem großen Triumph aber ebenso mit einer schlimmen Niederlage enden kann.

„Wo bleiben Sie denn?"

Mit schnellen Schritten durcheilt er die Eingangshalle, ruft dem Rezeptionsroboter seinen Tagesnamen zu.

Dann steigt er in die T.

„KO ein!", kommandiert der Lautsprecher.

Augenblicklich versinkt Jona Tan in Bewusstlosigkeit.

Die T schießt ihn nach oben.

In zehn Sekunden auf dreihundert Meter Höhe. Vorbei an den 50 Stockwerken, in denen Computer und Roboter arbeiten, vorbei an den unteren Chargen des MOB, vorbei an den Erholungsetagen, die mit Grünanlagen und kleinen Seen bestückt sind, vorbei an...

„KO aus!"

Jona Tan reckt sich, reibt über die Augen. Seit der letzten Linsen-OP hat er wieder Blitze im linken Augapfel. Die Künstliche Ohnmacht stimuliert jedes Mal sein Schmerzzentrum. Er muss diese Krankheit ernst nehmen, sonst erblindet er bald gänzlich.

Kaum hat er die T verlassen, ertönt wieder die metallische Stimme. Sein Persönlicher IT.

„Wo bleiben Sie denn, Jona Tan? Wir haben einen gespottet."

Seit er diese Position innehat, kann er sich täglicher Präsenz nicht mehr entziehen. Alle seine Mitarbeiter arbeiten zuhause, müssen sich nicht im MOB einfinden, wenn ein call kommt. Schon mehrfach hat er versucht, mit den Leitenden darüber zu sprechen, ob man ihn nicht wenigstens zwei Tage pro Arbeitseinheit entbehren könne. Keine Chance, hieß es. Seine Position als I-Hunter erfordere...

Jona Tan eilt in die Schaltzentrale. Wie erwartet, keiner seiner Kollegen anwesend. Flimmernde Bildschirme, blinkende Leuchtdioden und ein screenmaster so groß wie eine Häuserwand.

Der weiße Fleck. Leicht zu spotten.

Ein rascher Blick über die gesamte Bildfläche.

Nur ein einziger weißer Fleck.

Keine Angaben, keine Datenbank, nichts.

Ein weißer Fleck. Ein Makel. Inmitten von leuchtenden Punkten.

Eine Bedrohung. White spots must be eliminated.

Jona Tan lässt sich die Koordinaten des weißen Flecks geben. Kein Zweifel, der Mann hält sich illegal in seinem Zuständigkeitsbereich auf, wenn auch an der Peripherie. SEKTOR 14, outskirts, beliebtes Versteck für Zielpersonen. Jetzt muss er eine Maßnahme ergreifen. Wie er das hasst. Ansopax oder Letaleinsatz?

Alle anderen Objekte auf dem Riesenschirm werden begleitet von leuchtenden Punkten. Grün für weibliche Objekte, rot für männliche. Wenn er mit dem lighter auf einen dieser Punkte geht, erscheinen sämtliche verfügbaren Daten über die Objekte: letzte Aufenthaltsorte, Hoffnungen, Kontobewegungen, Ängste, Erfahrungen und Zukunftswünsche inklusive. Rund zehntausend Daten reichen aus, ein Objekt einzustufen. Nicht zuletzt um herauszufinden, wie dessen Prognose ist. Die zu erwartete Lebensdauer einer Person ist eine der letzten nicht geklärten Desiderate des MOB.

„Was schlagen Sie vor, Jona Tan?"

Er starrt auf den Bildschirm.

„Was wissen wir? Ist es ein Mann, eine Frau?" Er fragt, um Zeit zu gewinnen.

„Entscheiden Sie... jetzt!"

Der Befehlston seines Persönlichen IT, alarmiert.

„Ansopax, antwortet Jona Tan. „Wir müssen jemanden an das Objekt heranspielen und es markieren.

„Ihre Verantwortung." IT, ruppig wie immer. Eines Tages wird er ihn austauschen müssen. Tan überlegt, wie es dem weißen Fleck gelingen konnte, beide Chips aus dem Körper entfernen zu lassen. Ab dem 12.Lebensjahr wird jedem Objekt ein Datenchip im linken Arm implantiert, der ihn für alle Zeiten gläsern werden lässt. Bewegungsprofile, vollständige Datensätze, zehntausend Infos. In der letzten Zeit häufen sich die Fälle, in denen sich Objekte diesen Datenchip herausoperieren ließen. Sie werden als Staatsfeinde Nr. 2 geführt. Von dem anderen Chip wissen nur die obersten Etagen des MOB und deren geheimdienstliche Mitarbeiter in den Gebärstationen.

Der weiße Fleck auf dem screenmaster muss davon erfahren haben.

Sonst könnte ihn das MOB einer direkten Bestrafung unterziehen.

Jona Tan prüft das Umfeld.

Hat der weiße Fleck Kontakt mit jemandem?

Die Zielperson sitzt an einer Theke. Vor sich ein gelbliches Gesöff. Die Arme vor der Brust verschränkt. Alles genau zu sehen. In gestochen scharfen Bildern.

Zwei Stühle weiter eine Frau: 37 Jahre, Datendealerin, zweimal geschieden, Erfahrungen als Perlentaucherin, keine Kinder, Angst vor Massenveranstaltungen, Ausbildung in gods own continent, 3 Jahre Internierung wegen illegalen Infoschmuggel, Hoffnung auf den großen scoop, auf der Suche nach einem Geschäfts- und/oder Lebenspartner...

Sie sprechen nicht miteinander.

Jona Tan blättert durch die Datensammlung, die diese Frau für jeden I-Hunter gläsern werden lässt.

IT: „Wir kriegen so schnell niemand in seine Nähe! Ein Letaleinsatz ist sinnvoller!"

Jona Tan lehnt sich zurück. Fällt seinem IT nicht auf, dass auch dazu jemand in die Nähe gebracht werden muss... Letaleinsätze haben immer fatale Folgen, auch wenn es sich nur um einen weißen Fleck handelt. Es gibt Leute, die davon erfahren, Leute, die mit der Nachricht handeln, Leute, die sich empören – jeder Letaleinsatz schürt die Erregung unter den Objekten nur noch mehr.

„Nein, wir warten ab!", sagt Jona Tan. In einer halben Stunde steht die Sitzung des BoC an. Dann muss er ein Ergebnis präsentieren. Die wollen keine halben Sachen. Speziell, wenn es um die Staatsfeinde der Kategorie 1 geht. Und um so einen handelt es sich bei jedem weißen Fleck. Immer wieder entwischen derartige Zielobjekte dem MOB. Wechseln den Kontinent. In Zeiten, in denen Reisen so teuer ist wie früher eine ganze Behausung. Sie verschwinden von den screens, als besäßen sie Tarnkappen. Tan kann nicht einmal sicher sein, dass es sich um einen seit langem gesuchten Staatsfeind handelt. Nur ein weißer Fleck, der hin und wieder erscheint.

Weiße Flecken eliminieren! Seit Wochen auf dem gläsernen Boden in der Eingangshalle zu lesen. In allen Sprachen, in denen die Mitarbeiter des MOB miteinander kommunizieren. Sogar in karelisch. Der screenmaster zeigt einen schwarzen Leuchtpunkt, der sich schnell auf das Gebäude zu bewegt, in dem sich das Zielobjekt befindet.

Der Agent Komataran33. Ausgerechnet, denkt Tan. Hatte er mit dem nicht beim letzten Einsatz große Probleme, als es um die verdeckte Aktion gegen eine Widerstandszelle im SEKTOR 34 ging? Damals hat er wild um sich geballert, zwei Tote, sieben Schwerverletzte, ohne nennenswerten Ertrag in bezug auf die endgültige Ausschaltung der Zelle?

Jona Tan nimmt Kontakt mit dem Mann auf.

„Du gehst an ihm vorbei, grüßt freundlich die Frau und schlägst ihm das Ansopax auf den Rücken, als würdest du einen alten Kumpel treffen. Verstanden?"

„Man hat mir gesagt: Letaleinsatz."

„Ansopax hab ich angeordnet."

„Hab ich nicht dabei."

„Dann besorg dir welches, du..."

Tan vermutet, dass dieser Fehler nicht zufällig ist. Man leitet seine Anweisung nicht weiter. Will man ihn brüskieren? Er wird dem Board of Chancellors eine Antwort geben müssen, warum er nicht bereit war, den weißen Fleck augenblicklich zu eliminieren.

Wenn Ansopax an einer Zielperson haftet, hat sie noch sieben Tage zu leben. Das könnte sieben Tage zu lang sein. Niemand weiß, was dieser weiße Fleck als nächstes plant. Die Anschläge, die in immer rascherer Folge den Kontinent erschüttern, beschäftigen das Board seit Wochen. Das Thema steht auf der Tagesordnung an erster Stelle. Ansopax markiert jede Zielperson für die Überwachungsbildschirme violett, macht es möglich, sie zu verfolgen, ganz gleich auf welcher Insel oder welchem Kontinent sie sich bewegt. Vielleicht hat der weiße Fleck Hintermänner, Sympathisanten,, vielleicht führt er uns zu weiteren Staatsfeinden, vielleicht entdecken wir sogar eine bisher geheime Widerstandszelle - so will Tan seine Entscheidung begründen. Wenn sich erst mal herumspricht, dass in jedem Objekt zwei Chips stecken... Schon häufiger ist im BoC darüber spekuliert worden, welche Folgen es haben könnte...

„Noch zwanzig Minuten, Jona Tan."

Er muss mit allen Mitteln versuchen, von dieser täglichen Präsenz wegzukommen: sein Persönlicher IT, der ihn an kurzer Leine hält, sein nerviger Befehlston, der enorme Zeitdruck. Vielleicht war es doch ein Fehler, die Beförderung, immerhin hat er mehrere Stufen auf einmal übersprungen, so widerspruchslos zu akzeptieren.

Der schwarze Leuchtpunkt.

„Hast du jetzt Ansopax dabei?"

Komataran33 japst, bekommt kaum Luft, muss sich wirklich beeilt haben.

„Sie tragen die Verantwortung", presst er hervor.

„Wer sonst?"

Tan verfolgt auf dem screenmaster, wie sich der Agent der Theke nähert, ein bisschen zu offensichtlich, aber weder die Datendealerin noch das Zielobjekt scheinen Kenntnis von ihm zu nehmen.

Ansopax wurde im vorletzten Krieg mit dem Reich der Mitte entwickelt – eine biologische Waffe mit doppelter Nutzung: hochgiftig in ihrer Kurzzeitwirkung, bisher gibt es dazu kein Antidot, und problemlose Sichtbarmachung für sämtliche elektronischen Überwachungssysteme. Selbst auf seinem tragbaren micromaster wird Jona Tan ihn in Zukunft spotten können.

Der Agent stolpert.

Eine Knallcharge, dieser Komataran33. Hab ich ihm nicht gesagt, wie er es machen soll... Im letzten Moment klammert er sich an die Zielperson. Reißt sie samt Barhocker zu Boden.

Die Frau hilft ihnen hoch. Deutlich sichtbar: ihre Schadenfreude.

Sofort leuchten beide Personen auf.

Auch Komataran33 hat sich kontaminiert.

Das Hellviolett des Ansopax unterscheidet sich von allen anderen Farben auf dem Riesenschirm...

„Ein Letaleinsatz wäre einfacher gewesen", bekommt Tan zu hören. Auf die Reaktionen seines Persönlichen IT kann er sich verlassen. Aggressiver Tonfall, was denn sonst.

Die Stigmatisierten stehen nebeneinander. Der Agent hat schnell das Weite gesucht. Neben seinem schwarzen Punkt leuchtet es hellviolett. Schade um den Mann, denkt Jona Tan. Auch dafür wird er sich rechtfertigen müssen. Agenten sind teuer in der Anschaffung, selbst wenn dieser ein nutzloser Trottel gewesen ist. Von ElektroRobotIndustries gefertigt. Halb Mensch, halb Maschine. Die Firma wird versuchen, Teile von ihm zu retten und wieder zu verwenden.

Tan kann hören, was die beiden miteinander sprechen. Der Sender ist platziert, wenigstens etwas hat Komataran33s Einsatz gebracht. Ihr Gespräch dreht sich um Leute, die in midtown arbeiten. Jona Tan scannt alle Namen, die erwähnt werden. Er stellt sofort fest, dass die zwei an der Theke sich schon länger kennen. Bei einem Letaleinsatz hätte er gar nichts über die beiden erfahren.

Zehn Minuten später ist die Sitzung des BoC.

2

„Wir wissen immer noch nicht, um wen es sich handelt, Jona Tan! Macht Sie das nicht nervös?"

„Sie sollten sich untersuchen lassen, warum Sie so zögerlich mit Staatsfeinden umgehen!"

„Auch beim letzten Mal haben Sie eine folgenschwere Fehlentscheidung getroffen. Der Anschlag auf die Peoples Bank geht auf ihr Konto. Schon vergessen?" Jona Tan sitzt auf einem Drehstuhl und wendet sich den Mitgliedern des BoC zu, die auf unterschiedlichen Bildschirmen zugeschaltet sind. Die halten sich bedeckt, versteckt in ihren luxurehomes, und lassen mich die Drecksarbeit machen, denkt er.

„Laut Statistik haben wir einen Zuwachs an Staatsfeinden der 2. Kategorie von 7,5%. Dieser Trend ist außerordentlich bedrohlich!"

„Das Zielobjekt könnte zu einer Zeitbombe werden."

„Sie lassen ihn laufen, ohne genau zu wissen, was er als nächstes plant."

Nicht zum ersten Mal muss sich Jona Tan diese Vorwürfe anhören. Die Mitglieder des BoC reagieren verstört auf alles, was sich gegen das postdemokratische System wenden könnte. Ihr einziges Mittel: Letaleinsatz. Als würde der helfen, gärende Unruheherde im Keim zu ersticken. Eine viertel Stunde muss er sich die Beschwerden anhören, das Zielobjekt nicht umgehend ausgeschaltet zu haben. Tan hat sich angewöhnt, die BoC-Mitglieder sprechen zu lassen. Dann geht es um andere Bereiche, in denen dringender Handlungsbedarf besteht. Was machen die bestellten Programme von Jamie Jones? Wie weit sind die Arbeiten am Moskauhelm? Wann gelingt endlich der Durchbruch in Sachen Matrix der Lebenserwartung?

Jona Tan erfährt, dass die Projektleiterin der Forschungsgruppe Moskauhelm bei einem Testlauf gestorben ist. Ein schwerer Rückschlag für die Pläne des MOB. Die Frau, die sie ersetzen soll, hat wahrscheinlich nicht genügend Erfahrung, um das Projekt rechtzeitig fertig zu stellen. Auch die Programme des besten Inventers sind noch nicht auf Sendung gegangen – das postdemokratische System taumelt...

Auf seinem micromaster verfolgt Tan, wie sich die hellvioletten Punkte bewegen. Die Zielperson hat mit einer langen Umarmung die Datendealerin verabschiedet, nachdem er für beide die Drinks bezahlt hat. Wahrscheinlich dieses neumodische Zeugs Tamla, das in midtown Furore macht.

Jetzt verlässt er die Bar in Richtung Aufzug. Wie schade, dass er noch gar nichts über ihn weiß, denkt Jona Tan, aber er hütet sich diesen Gedanken laut zu äußern und ist froh, dass die BoC-Mitglieder sich jetzt mit anderen Fragen beschäftigen.

Als Jona Tan noch Kyle Wesley hieß und in gods own continent lebte, seine Ausbildung als I-Hunter liegt kaum mehr als zwei Jahre zurück, war seine Lieblingsbeschäftigung, in fremde Systeme und Netzwerke einzubrechen und dort Aufruhr zu erzeugen. Er war in der Lage, Sicherheitssperren und Zugangscodes zu überwinden. Als man ihn dabei erwischte, wie er die Datensammelstelle für Ex-Warriors torpedierte, wurde er vor die Alternative gestellt: Internierung für zehn Jahre ohne Zugang zu einem Rechner oder Integration in das postdemokratische System mit Versetzung auf einen anderen Kontinent inklusive einer neuen Identität. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. Zehn Jahre auf sein Lieblingsspielzeug zu verzichten, kam für ihn jedoch nicht in Frage. Dazu war er zu gerne Nerd.

„Was meinen Sie, Jona Tan, sollten wir nicht das Experiment vorzeitig abbrechen?"

„Welches Experiment?", fragt er, obwohl er genau weiß, wovon der Leitende des BoC spricht.

„Ihre Kräfte werden in den nächsten sieben Tagen gebunden sein, nur um diese eine Zielperson zu verfolgen... und dabei gibt es dringlichere Dinge zu erledigen."

Welche, denkt Jona Tan? Ich bin doch euer wichtigster Spürhund, um die weißen Flecken zu eliminieren. Wer sonst sollte das für euch tun?

Aber auch diese Überlegungen behält er für sich.

Seit seinem rasanten Aufstieg im MOB hat er gelernt, dass es besser ist, die klügsten Gedanken zu verstecken und nicht aufmüpfig seine Meinung auszuposaunen. So gerne er das immer tat. Die Feiglinge im BoC, die das Sagen haben, trauen sich seit Jahren nicht mehr auf die Straßen, obwohl bei ihnen gar keine Gefahr für Leib und Leben besteht. Ihre Gesichter hat keiner je gesehen. Niemand weiß, wer in uptown regiert.

„Wir verkürzen die Lebensdauer dieser Zielperson um vier Tage. Wenn sich in den nächsten 72 Stunden nicht herausgestellt hat, was das Objekt vorhat, kommt es zum Letaleinsatz."

Tan weiß, dass drei Tage viel zu kurz sind, um den Mann gläsern werden zu lassen. Er muss Agenten an ihn heranspielen, Datenbanken durchforsten, immerhin ist sein Gesicht jetzt bekannt und er kann mithören, was die Zielperson sagt, Tan braucht Iris-Werte, ausgefeilte Stimmanalysen, nicht nur sein gegenwärtiges Vorgehen ist interessant, wichtiger sind Vergangenheiten, ist er irgendwo bereits auffällig geworden, hat er Kontakte zu anderen weißen Flecken.

Als man Jona Tan als I-Hunter integriert hatte, wurde ihm häufig versichert, alle Objekte seien lückenlos erfasst. Durch die beiden Chips würde das MOB niemals die Kontrolle auch nur über ein einziges Objekt verlieren. Dann tauchten die ersten weißen Flecken auf und schon breitete sich Panik aus. Jedenfalls beim BoC.

„Geben Sie mir fünf Tage, sagt Jona Tan. Er versucht es mit einem Deal. „In fünf Tagen krieg ich alles aus ihm raus. Umlegen lassen können wir ihn immer noch.

„Ich verbitte mir dieses unbotmäßige Wort, bekommt er umgehend zu hören. „In unserem postdemokratischen System will niemand jemanden umlegen lassen.

Ach so. Jona Tan unterdrückt sein Mienenspiel. Auch diese Kunst hat er gelernt

3

Zwei Stunden später hat Jona Tan herausgefunden, dass es sich bei dem weißen Fleck um seinen Zwillingsbruder Kido handelt, der sich einer Gesichtsreformation unterzogen hat.

Die neue Kosmetechnik, die in goc entwickelt worden ist, erlaubt es jedem Zahlungsfähigen so auszusehen, wie er

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Einschalttote denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen