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Von allen Reichtümern
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eBook260 Seiten3 Stunden

Von allen Reichtümern

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Über dieses E-Book

Lebensweisheit und Witz, zarteste Poesie und giftender Sarkasmus, Klugheit und überbordende Erzählfreude: Der italienische Literaturstar Stefano Benni in Höchstform!

Martin, ein älterer Literaturprofessor und Dichter, lebt außerhalb des Dorfes, in einem Haus am Waldrand. Er hat sich gut eingerichtet mit seiner Einsamkeit, schreibt ein Buch, spricht mit seinem Hund und wartet auf E-mails von seinem Sohn, der als Musiker in Amerika lebt. Als in das Haus gegenüber ein junges Paar einzieht, wird sein Gleichgewicht empfindlich gestört: stadtmüde Künstler, die sogleich die Nähe des Älteren suchen. In ihm, einem Maler und Galeristen, sieht Martin sich selbst als jungen Mann. Sie, Tänzerin und Schauspielerin, weckt seine Erinnerung an eine große Liebe. Mit ihr wird er spazierengehen, am blauen See, um den eine dunkle Legende gewoben ist über ein Mädchen, das einst darin verschwand ...

Märchen, Geheimnisse der Vergangenheit und gegenwärtiges Erleben verschwimmen im virtuosen Spiel des Dichters.

Dann wieder poltern sehr prosaische Ereignisse und alltägliche Zumutungen in das Leben des Professors, die Welt zerrt an ihm und will dies und das. Dabei ist Martin vollauf beschäftigt mit diesem neuen alten Gefühl der Liebe.
Und Benni wäre nicht Benni, wenn er den melancholischen Wendungen nicht immer wieder seinen Witz, seine (Selbst-)Ironie und Sprachmächtigkeit entgegensetzen würde. Das Leben im italienischen Dorf schildert er so anschaulich, dass man glaubt, selbst dort zu sein.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum10. März 2014
ISBN9783803141477
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    Buchvorschau

    Von allen Reichtümern - Stefano Benni

    1.

    Lass mich in andrer Musik berichten

    Von mir Lebendem unter den lebenden Dingen

    Lass mich dein schärfster Blick sein

    Dein Herz und die Worte, die du wählst

    Heute entkleidet der Herbstwind die Bäume

    Der brennenden Erinnerungen des Sommers

    Am Boden durchwirbelt er sie, doch wir wissen

    Dass das, was erzählt ist, uns bleibt.

    Siehst du, wie sich alles wandelt und bereit macht

    Der Schlange Haut, des Fuchses Geistesblitz

    Das Stachelschwein, das sein schwarzes Pfeilheer

    Aufbläht, über den Weg kreuz und quer

    Das derbe Wildschwein, der Pferde Trab

    Und ein Hirschkalb, das dich unverhofft überrascht.

    Die Einsamkeit, sie steht den Alten

    Wie ein altes Kleid

    Und in ihren Taschen klimpern

    Die Träume, die sie nicht mehr ausgeben

    Maudit l’amour/ ausgesperrt aus diesen Zimmern

    Schrieb ein Dichter auf die Wand der Zelle

    In die zeit seines Lebens man ihn schloss

    Und seine Pein sollte mein Thema sein.

    Ich bin der Autor der Verse, die Du gerade entdeckt hast, liebenswerte Leserin, lieber Leser.

    Deshalb ist es nur richtig, dass Du etwas mehr über mich erfährst. Mein Name ist Martin. Wie Martin Eden, ein Roman, mit dem ich jahrelang meine Studenten verdorben habe. Oder wie der epische Gaucho Martín Fierro. Oder wie Dean Martin, ein Sänger aus den fünfziger Jahren mit tiefer, schmeichelnder Stimme, so wie meine, die ich modulierte, um meine Studentinnen zu bezaubern. Oder wie martin pescatore, wie man hier in Italien den Eisvogel nennt, der aus der Luft ins Wasser herabstürzt, um ihm ein silbriges Geschöpf zu entreißen.

    Ich gehe auf die Siebzig zu, ein ehrwürdiges Alter, wenn es nicht schamlos ist, und ich lebe allein in einem Haus auf dem Apennin, einsam, aber nicht allzu sehr, in der Nähe eines kleinen Ortes, der mit einigen Bedenbrekfast ausgestattet ist; und einige Kilometer weiter liegt eine kleine Stadt mit einundzwanzigtausend Einwohnern, die mit drei enormen Supermarkt-Outlet-Shoppodromen ausgestattet ist, welche die gesamte Einwohnerschaft fassen können. Meine Behausung ist ein Landhaus, das von einem Wandteppich aus Efeu und Glyzinien überwachsen ist, oben hat es einen kleinen Balkon. Als Wachposten fungieren auf der einen Seite ein Walnussbaum mit majestätischem, aufrechtem Stamm und auf der anderen ein krummer, anarchischer Feigenbaum. Davor habe ich einen Panorama-Patio, wo ich häufig grübele, arbeite oder auf einer Weidenbank einschlummere. Dahinter eine kleinere Veranda, die zum Eichen- und Ahornwald hin liegt, Sitz einer Federviehphilharmonie.

    Gefährte und Knappe ist mir Ombra, ein kräftiger schwarzer Hund, eine Kreuzung zwischen einem Neufundländer und einem Güterzug, wenn er freudig losstürmt. Er respektiert nämlich alle Zwölf Gebote der Hunde außer das elfte, das da lautet:

    Deine Freude sei proportional zu deinem Gewicht.

    Stellt euch vor, wie ich gerade draußen sitze, im Herbst, den Blick auf die fernen Hügel gerichtet, vor einem Computer, der manchmal in der Sonne funkelt. Auf der Wiese fliegen weiße Schmetterlingspaare, die den zukünftigen Schnee vorspielen. Ich bin ein emeritierter Professor, Dichter durch ein einziges Buch sowie fruchtbarer und pedantischer Essayist. Mein meistgelesener Text behandelt den verfluchten Dichter Domenico Rispoli, genannt der Catena, der in einem Irrenhaus starb, als er halb so alt war, wie ich es jetzt bin. Mein Haus hat keine großen Spiegel, aber ich weiß, wie ich aussehe. Ich bin groß und dünn, ich hinke wegen des Ischias, ich habe indianische Wangenknochen, eine spitze Nase und weiße Haare mit einem Büschel, das mir oft in die Stirn fällt und dabei die Landschaft in zwei Hälften teilt und das eine Frau, die von mir wahrscheinlich vor Jahren geliebt wurde, »deine Trauerweide« nannte.

    In der Umgebung und in der Ortschaft, die zwischen meinem Haus und der Stadt mit den Supermärkten liegt, werde ich als sonderbarer, stiller Fremdling angesehen. Das Dorf heißt Borgocornio. Einige meinen, der Name komme von den corniole, den Kornelkirschen, die in den hiesigen Wäldern im Überfluss vorhanden sind. Andere meinen, von seinen wunderschönen, reizbaren Ziegen und deren corna, den Hörnern. Doch ich habe auch eine gehässigere Version gehört. Es ist ein Dorf leidenschaftlicher Jäger, und während der langen Treibjagden versuchen die Ehefrauen sich die Zeit zu vertreiben, indem sie mit Freiwilligen die Betten testen. Der Ort ist fast rundum erneuert, Steinhäuser mit enormen Satellitenschüsseln, Handys, die zwischen Schafen und Schwimmbädern voller ertrunkener, auf dem Rücken schwimmender Bremsen ertönen. Der letzte Stolz, wie das dazu bestimmte Hinweisschild mitteilt: Das Dorf ist Partnerstadt von Hörby (Schweden).

    Es gibt drei architektonische Attraktionen des Ortes:

    - eine Kirche mit Fresken aus dem fünfzehnten Jahrhundert, in immerwährender Restaurierung, in deren Krypta die geheimnisvolle ›Hurenglocke‹ verborgen ist,

    - die Disko Bully, Ziel von Zugedröhnten aus diversen Regionen,

    - die Bar Marlon, deren Leuchtreklame, ein Motorrad in elektrischem Neonblau, kilometerweit sichtbar ist.

    In dieser lieblichen Gegend lebe ich allein, wie ich Euch schon gesagt habe, ich habe einen Sohn namens Umberto, der Musiker im Ausland ist und dessen Anrufe ich sehnsüchtig erwarte. Der Klingelton meines antiquierten Handys, den mir eine Nichte ›heruntergeladen‹ hat, ist Dream a little dream of me mit der Stimme von Ella Fitzgerald und der Trompete von Louis Armstrong. Ich arbeite an einem Computer mit einem regelmäßig dreckigen und verschwommenen Monitor, meine Schreibmaschine ist seit einem Jahr in der Reparatur, als ich sie hinbrachte, war das, als hätte ich verlangt, die Garderobe einer Toten zu erneuern, ich habe dann einen Paläo-Handwerker gefunden, der diese mechanischen Fossilien restauriert, aber seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich erinnere mich mit Sehnsucht an ihren kreativen Lärm.

    Jetzt hingegen ist meine Tastatur sanft und schweigsam. Ich habe mein Herz den Rhythmen der modernen Kommunikation hingegeben, doch ich bleibe misstrauisch. Bildschirme erzeugen Beklemmung, seit die böse Königin das Spieglein an der Wand nach den Top Ten der Schönsten im ganzen Land gefragt hat.

    Ich frequentiere keine jener enormen kybernetischen Tafelrunden, in denen Millionen Menschen mit anderen Millionen kommunizieren. Unter meinen Adelstiteln fehlt das @, der Orden des Heiligen Klammeraffen. Ich besitze jedoch ein Umbertophon, das mir mein Stammhalter geschenkt hat, beziehungsweise einen dieser winzigen Weltenbehälter, mit dem ich Musik aus Kopfhörern hören und ohne hupende Anzeichen überfahren werden kann, wenn ich die Straße überquere. Wenige Personen verkehren in meinem Haus, und Ihr werdet sie alle noch kennenlernen.

    Wie ich mit der Einsamkeit lebe? Manchmal mit wohlwollender Geduld, manchmal mit Kummer. Ich gehe langsam spazieren, koche schlecht, schreibe mit Sorgfalt, schlafe wenig und denke viel.

    Ich denke immer darüber nach, dass ich viele Jahre damit verbracht habe, den Aufreißer zu spielen (Liebhaber oder Schwein, sucht Ihr Euch das Beiwort aus). Und während ich wunderbaren weiblichen Exemplaren hinterherrannte, hatte ich weder Zeit noch Lust, eine feste Partnerin zu suchen, nicht einmal die Mutter meines Sohnes. Macht mir ruhig den Prozess, ich werde die Strafe verbüßen, oder besser: Ich verbüße sie gerade schon.

    In meinem Haus hallen keine anderen Schritte wider, und ich werde von Eros für meine vergangene Unordnung bestraft. Heute habe ich zu Frauen eine trügerische Distanz aufgebaut. In Wirklichkeit träume ich im Schlaf manchmal von Küssen, und dann wird die Glut der vergangenen Feuer wieder in mir geschürt. Doch mittlerweile fühle ich mich wie ein nicht empfehlenswerter und nicht präsentabler Alter, der wacklig läuft und immer gleich angezogen ist, die Hosen mit diversen Essensresten bepinselt und mit Schuhen wie auf Fotos von Auswanderern.

    Ich rasiere mich aus Langeweile, und als einzige Eitelkeit habe ich mein schneeweißes, wallendes Haar behalten sowie drei oder vier provenzalische Hemden, die ich in Paris in der Rue du Seine gekauft habe und deren Kragen von Anmut erzählen. C’est tout.

    Maudit l’amour/ ausgesperrt aus diesen Zimmern

    Schrieb ein Dichter auf die Wand der Zelle

    In die zeit seines Lebens man ihn schloss

    Und seine Pein sollte mein Thema sein.

    Lass mich dir die alte Legende erzählen

    Von der blonden Maid, der schönsten und liebsten

    Die in den falschen Ehehafen nicht einlaufen wollte

    Ein andres eiskaltes Bett wählte sie

    Stieg langsam und weinend hinab in den See

    Gelöst war ihr Haar, und ihre Augen

    Hob sie zum Himmel für immer ab da

    Kornblumen wuchsen, Himmelswasser ist er genannt

    Wanderin in einer Zeit, die die Wanderer verbannt

    Hör mich bei der Flamme eines imaginären Kamins

    Man sagt, dass ihr Schatten noch immer umherirrt

    Stumm fragend, warum man ihr nicht gelassen die Wahl

    Wie zu verschwenden ihr junges Schicksal

    Ich liebe Gespenster, die nicht wollen scheiden

    Die mehr als wir den Tod anfeinden.

    Ich höre auf dem Weg ein neues Geräusch

    Ein schwarzes Auto im Gold der Bäume

    Meinetwegen kommen sie nicht. Doch nun wird

    Jemand meine Einsamkeit sehen

    Der mit dem Finger auf sie zeigen kann

    Lass mich dir erzählen

    Wie eintraten in mein Leben

    Eine geheimnisvolle Frau und ein verletzter Mann.

    Maudit l’amour ist der Anfang eines Gedichts des Catena, eines seiner schmerzhaftesten und strittigsten, zu dem ich mir noch heute Fragen stelle. Es ist einfacher, Euch zu erklären, welche Legende die darauffolgenden Verse inspiriert. Es ist eine Geschichte aus dieser Gegend, die einigen zufolge ihren Ursprung im Mittelalter hat, andere meinen, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Ich habe verschiedene Versionen davon gehört, die schönste von einem alten Truhen- und Sargtischler, der letztes Jahr inmitten seiner duftenden Hölzer gestorben ist.

    Es lebte einst in einem Landhaus auf der anderen Seite des Tals ein blondes Mädchen mit blauen Augen, eine Seltenheit in unserer Gegend, wo die Frauen dunkel sind und einen misstrauischen Blick haben, der nur selten von Gefühlen sanfter gemacht wird. Sie trug ihre Schönheit ohne jegliche Eitelkeit, und sie träumte wie alle jungen Menschen davon, diese einsamen Berge zu verlassen. Ihr Vater, ein Bauer, hielt sie wie ein kostbares Tierchen, nur selten verlangte er von ihr schwere Arbeiten, er begnügte sich mit ihrer Küche. Die Mutter war schon lange tot. Es geschah aber, dass ein Grundstückshändler, ein finsterer und kropfiger Mann, ein Säufer, den die ungerechte Fortuna mit Geld und Hochmut überhäuft hatte, das Mädchen wunderschön und erschöpft auf einem Dorfball kreisen sah und er sich augenblicklich in sie verliebte. Sofort, ohne überhaupt mit ihr zu sprechen, bat er den Vater um ihre Hand. Der Bauer fasste dies als großen Glücksfall auf. Die Tochter würde den Reichsten des Dorfes heiraten. Und er erklärte es ihr vor dem Kamin, ihr blondes Haar vom Widerschein des Feuers vergoldet und dann unerwartete Tränen. Nein, ich will nicht, sagte das Mädchen, er ist ein verabscheuungswürdiger Mann. Du wirst tun, was ich sage, sagte der Vater zornig und verwandelte sich schlagartig in einen unnachsichtigen Kuppler. Die Tage vergingen, sie in ihrem Zimmer eingeschlossen, der Vater den abscheulichen Bräutigam hinhaltend. Der Tag der Hochzeit ward festgesetzt, der weiße Schmetterling eines Hochzeitskleids wurde auf ihr Bett gelegt. Es schien, als habe sich das Mädchen in sein Schicksal gefügt. Doch in der Nacht vor dem Hochzeitsmorgen huschte sie aus dem Landhaus, ihr Rock raschelte in den Lavendel- und Rosmarinsträuchern, dann erreichte sie in der Waldesruhe und im Mondenschein das Wasser. Es war ein kleiner See, der von einem Wildbach geformt worden war, ein blaues Wunder am Fuß einer tonhaltigen überhängenden Felswand. Hier gingen die Jugendlichen des Dorfes baden, und sie erinnerte sich an die Tage, an denen sie sich ihnen angeschlossen hatte, ohne je ein Bad zu wagen, denn sie konnte nicht schwimmen und der See war tief. In jenem Winter war er zur Hälfte gefroren, und sein Wasser war geschmolzenes Silber und Saphir geworden.

    Hier stieg sie Schritt um Schritt auf Schneeregen und Schlamm hinab und ertränkte sich.

    Man sagt, dass an dem Morgen, an dem all dies entdeckt wurde, ein unerwarteter, strahlender Kornblumenteppich am Ufer sprießte, und deshalb wurde der See Himmelswasser genannt.

    Ich habe verschiedene phantasiereiche Versionen in einer einzigen kurzen Version vereint. Tatsächlich gibt es den See noch, auch wenn er weniger blau ist, und die Nachfahren des Händlers besitzen das halbe Tal.

    Doch der Teil der Legende, der mich am meisten interessiert, ist der gruseligste. Er besagt, dass seit jener Nacht das Gespenst des Mädchens immer noch an den Ufern des Sees und in den Wäldern umherschweift und manchmal mit traurigem Blick am Rand des Dorfes auftaucht. Eine Frau, die örtliche Hexe, schwört, sie gesehen zu haben. Ihre blonden Haare seien so lang wie die Schleppe einer Braut gewesen und sie habe ihr mit Kinderstimme gesagt:

    »Warum habt ihr mich nicht die Liebe wählen lassen?«

    Und ich? Warum habe ich gewählt, sie nicht zu wählen? Und warum suche ich ununterbrochen, in den Nebeln, in den Lichtreflexen, in den Luftspiegelungen des Morgengrauens den Schatten des Mädchens, um mit ihr zu sprechen und sie nach ihrer wahren Geschichte zu fragen?

    Dieser Ort ist prächtig, aber er verbirgt bittere Geheimnisse.

    Und auch ich habe welche.

    Doch kommen wir zur Neuigkeit dieses Nachmittags. Meinem Haus gegenüber, nur einen Steinwurf entfernt, unter zwei riesigen, jahrhundertealten Ulmen, steht ein Landhaus, das seit einem Jahr unbewohnt ist, seit der Besitzer, ein bärtiger und unverträglicher deutscher Maler, es verließ, um zum Sterben irgendwo ins abgelegene Indien zu gehen. Es ist fast identisch mit meinem, nur dass es in einem verblassten Blau gestrichen ist, und natürlich ist das Gras, das es umgibt, hoch. Heute Morgen ist ein dicker schwarzer Geländewagen angekommen, eines jener Monster, mit denen die Stauforscher unnötigerweise den Verkehr verstopfen. Die gewaltigen Reifen haben Wolken gelber Blätter aufgewirbelt, und der Lärm hat Amseln und Krähen davonfliegen lassen.

    Drei Personen sind ausgestiegen. Eine ist der Hausbesitzer, ein Händler wie derjenige aus der Legende, ein Grobian mit Schweinsgesicht und barbarischen Umgangsformen. Aufgeregt hat er gestikuliert, sicher hat er von den Vorzügen seines Eigentums geredet, und zwar zu einem Paar. Ein Er in Lederjacke, wohl so um die Vierzig, lange Haare und ein schwarzes Haarbüschel vor der Stirn. Eine Sie mit ellenlangem, blondem Haar, schlank, von weitem wunderschön.

    Von weitem wunderschön. Was verbirgt sich in diesen drei Wörtern? Werde ich Nachbarn haben? Werden sie Einzelgänger sein wie ich, werden wir uns bloß grüßen oder werden sie meine Ruhe in Brand setzen? Ombra ist schon hingelaufen, um sie kennenzulernen, mit seinem großen Schwanz wedelnd, mit dem er fröhlich die Dinge im Haus umwirft. Sie hat ihn sofort gestreichelt.

    Ich habe mich dabei ertappt, jeden Moment dieser Verhandlung zu beobachten. Mir ist in den Kopf gekommen, wie wenige Personen ich in diesem Tal wirklich kenne. Ich habe in jenen beobachteten Gesten einen Hauch gespürt, eine Vorahnung. Sie hat sich zu meinem Haus umgedreht und hat darauf gezeigt, der Händler hat eine Geste mit offenen Armen gemacht, ich glaube, er hat gesagt: Dort lebt ein Professor, ein verrückter, aber harmloser Dichter, der mit den Tieren spricht, aber sehr diskret. (Ich habe seine Meinung wiedergegeben, nicht sein Idiom.)

    Ich werde ein vortrefflicher Nachbar sein, hätte ich am liebsten gerufen. Doch rührt meine alten Wunden nicht an. Respektiert die Asche meines Verlangens. Hört keine Musik in voller Lautstärke. Mästet meinen Hund nicht mit euren Resten. Lasst den Motor eures schwarzen Segelschiffs nicht laufen. Pflastert die Wiese nicht, fällt keine Bäumchen. Und verlangt keine Stille von den hiesigen Nächten. Nachts raunt und schreit hier alles.

    Sie sind weggefahren, und ich habe mich daran gemacht, eine Suppe zu kochen. Irgendetwas, ein Teufelchen, das im Topf versteckt war, hat gemurmelt, dass es von neuem hervorkommen wird.

    Auf der Wiese war mein Freund, das Stachelschwein, gekrönter Zerstörer von Gemüsegärten.

    »Wir haben Besuch«, hat es gesagt.

    »Ja, so ist es. Hoffen wir mal, dass sie nicht so borstig sind wie du und ich.«

    »Jetzt hör aber mal, verdammt, ich bin gesellig, du bist hier der verblödete Alte.«

    (Die Stachelschweine sprechen auf eine gewisse spitze, vulgäre Art.)

    »Gerade du sprichst von Geselligkeit, der du mit diesen Schwertern auf dem Rücken lebst. Ich weiß nicht, ob ich noch Lust auf Nachbarn habe. Erinnerst du dich an die Schreie und die Wutanfälle des Deutschen, und wie er nackt durch die Wiesen lief?«

    »Ihr Menschen macht einen Haufen entsetzlicher Sachen. Einschließlich, uns zu fressen …«

    »Ich habe nie einen Kollegen von dir verspeist.«

    »Du nicht, aber deine Kumpane aus dem Ort schon. Die würden selbst ein Mammut essen, wenn es nicht schon ausgestorben wäre.«

    »Woher weißt du was von Mammuts?«

    »Der Dachs hat ein Buch, in dem etwas davon steht.«

    (Der Dachs, alias Doktor Meles, ist ein jähzorniger Philosoph, der seinen Bau in der Nähe hat.)

    »Naja, jedenfalls glaube ich nicht, dass sie das Haus mieten werden. Zu isoliert und zu kahl.«

    »Meiner Meinung nach«, hat das Stachelschwein, den Kopf wiegend, gesagt, »gefällt es ihnen so, sie werden es ein bisschen putzen und mit technologischem Teufelszeug vollstopfen, und sie werden einen sterilen,

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