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Betongötter: Roman - Mit einem Nachwort von Rosalinde Sartorti

Betongötter: Roman - Mit einem Nachwort von Rosalinde Sartorti

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Betongötter: Roman - Mit einem Nachwort von Rosalinde Sartorti

Länge:
168 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 25, 2014
ISBN:
9783905951448
Format:
Buch

Beschreibung

Finnland in den 1970er Jahren. Unweit der Hauptstadt Helsinki entsteht eine Betonsiedlung, in deren Schatten noch die Ku¨he grasen. Die Tu¨rme sollen ein Zeichen sein von Modernität und von Zukunft, sie sind die naive Vision einer besseren und gerechteren Welt. Das ist die Kulisse, in die uns Markku Kivinen fu¨hrt, ohne diese Welt der Zeitenwende selbst zu beschreiben. Er lässt fu¨nf Typen, vier Jungen und eine Religionslehrerin, erzählen. Im Stil von Tagebucheinträgen verarbeiten sie ihre Erlebnisse, ihre Einsamkeit in der Clique, ihre sexuellen Begierden, ihre Enttäuschungen und u¨ber allem die Machtspiele, mit denen sie andere erniedrigen und selbst erniedrigt werden.
In den ebenso nu¨chternen wie ehrlichen Berichten spiegelt sich das pralle Leben der Jugendlichen, immer wieder gebrochen durch die höchst unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten auf die selben Ereignisse. Wie nebenbei entsteht so ein grandios komponiertes Gesellschaftsporträt einer Generation, die mit großen Hoffnungen in ein Leben voller Enttäuschungen aufbrach.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 25, 2014
ISBN:
9783905951448
Format:
Buch

Über den Autor


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Betongötter - Markku Kivinen

FILI.

DAS IST DAS AUTO – DAS VON NISSI GEBAUTE

MARJA-LIISA

Mir kommen die Tränen. Ich gehe über den Hof. Man hat mich öffentlich gedemütigt, entblößt. Die Mädchen stürmen auf mich zu.

– Frau Lehrerin, Frau Lehrerin !

Mein Gesicht zeigt keine Spuren. Ich lächle. Bald werde ich kein Lächeln mehr haben, keine Freude mehr an den Blicken der Kinder.

Ich fühle keine Scham, denn ich kann gar nicht entehrt werden. All die Verachtung kann mich nicht treffen, woher sie auch kommen mag, sie bleibt außen vor. Nur die Tränen kommen. Nicht, weil ich mich schämen würde, sondern der Kinder wegen. Wie viele Blicke auf mich gerichtet sind, und wie sie sich bemühen. Wie schön, wenn die Klasse leise wird. Sie sind so bemüht, und das ist schön. Ihre Gedanken sind bruchstückhaft, ohne klare Konturen, alles dreht sich nur um Alltägliches. Doch das Vertrauen der Kinder berauscht mich geradezu. Sie werden ihren Weg schon finden.

– Frau Lehrerin, ich bin fertig.

Dann ganz schnell in den Flur, auf den Hof, in die Sonne.

Ich fühle mich irgendwie lächerlich, aber es lohnt nicht, irgendeiner Sache nachzutrauern. Ich gehe über den Hof, bergab. Ich muss einfach weg.

Irgendwo in mir bricht sich etwas Bahn. Ich wandere auf dem schmalen Grat von Wahnsinn und Verdammnis. Daneben gibt es nur eine große Leere. Aber genau deshalb habe ich keine Angst vor dem Hier und Jetzt.

Sie wollten mich. Sie haben mich mit ihren Blicken entkleidet und mich mit Riemen auf die bloße Haut geschlagen.

Die Tränen kommen. Sie fließen wie das klare Wasser eines Baches, so, wie die Wellen der Lust über meine Schenkel fließen. Jetzt bin ich auf der Straße. Ich spüre noch einmal, wie sich Voittos Wärme in mir ergießt. Und ich habe keine Angst.

ICH

Ich steige die Feuerleiter hinauf bis zum Rand des Daches. Putte ist schon oben, er geht übers Dach, stolpert kurz, richtet sich wieder auf. Das Blechdach kracht unter seinen Schritten. Ich steige weiter hinauf, bis aufs Dach, ich gehe ganz vorsichtig und setze mich rittlings auf den First. Von hier oben sieht es sehr seltsam aus.

Ganz breit und flach liegt dort unten der Supermarkt Elanto. Das Verbindungsdach zum Flachbau scheint fast den Boden zu berühren. Nissi behauptet, neulich sei jemand vom Zentralturm gesprungen. Hat einfach losgelassen und ist runtergeknallt in den Tod. Daran darf man hier nicht denken. Das drückt einem die Luft ab.

Auf der anderen Seite spielen die Kleinen aus unserm Haus Seilhüpfen. Im Hof von Elanto steht ein Lieferwagen für Brote. Ich klettere langsam hinunter, auf halber Höhe trete ich beinahe noch an einer Sprosse vorbei. Ganz langsam komme ich auf die Höhe des Verbindungsdachs. Ein Gefühl der Erleichterung, hier entlangzugehen. Von hier aus kann man schon springen.

Merja ist bei den anderen Mädchen. Nissis Schwester Hanna, die mit dem Kuhblick, ist auch da. Nissi hat viele Schwestern, aber sie sind ihm egal. Sirkka ist wie eine kleine Katze, und Kirsi ist sehr gut in der Schule. Sie versucht immer, wie eine Erwachsene zu sprechen. Merjas großer Bruder heißt Juha Kauranen. Ykä nennt ihn Bauer. Er hat eine Menge Comic-Hefte. Tex Willer, Adler der Nacht, ist immer schnell mit der Pistole. Der bärtige Kerl trinkt immer Rum und hat ein breites Gesicht.

Im Hof von Elanto liegen tote Fische. Klein-Keke fragt, ob sie in den Pfützen gelebt haben. Sie sind tot, sie sind gestorben, genauso wie die Menschen und wie die Fliegen. Man darf nicht sterben. Man muss lächeln. Sonst stirbt alles.

KOJOTE

Oben auf dem Hügel, da, wo Linkku wohnt, rauschen die großen Bäume. Ich kann die Mutter hören, wie sie sich in der Nähe des Holzschuppens bewegt. In den Hochhäusern mit den großen Fenstern, in die man hineinschauen kann, ist schon Licht. Gleich fliegt dort eine Supermarine Spitfire vorbei. Sie schießt schon, in die Fenster hinein : Peng ! Peng ! Kabumm ! Bauer trägt eine Gasmaske. Bei seinem Anblick möchte man schreien. Von den Dächern der Häuser in der Kaskenkaatajastraße sieht man fast bis zum Meer. Ykä sagt, alles hier sei früher Meeresgrund gewesen. Der Wind zerschneidet die Luft, berührt das Gesicht, dem kann man nicht entfliehen.

Die Träume kommen einfach über mich. Ich spüre, wie vertraut sie mir sind. Ich liege hier in meinem Bett und lasse sie kommen, lasse sie einfach kommen. Ganz oben auf dem Felsvorsprung steht ein einsamer Wanderer mit einem dreckigen Filzhut und einem Stab in der Hand. Das Feuer und das Wasser der Bibel. Ich spreche Moses an. Er aber brüllt und brummt etwas Unverständliches. – Jetzt nehmen wir den Psalm so und so vor, sagt die Lehrerin. Ich kann mich nicht erinnern. Ein komischer Geruch schwebt um die Lehrerin. Ihr müsst die Hausaufgaben machen, sagt sie. Wieso ? Warum ? Wen kümmert es ? Es sind immer dieselben Träume, sie sind mir so vertraut.

Immer derselbe Traum. Die Müllwagen fahren die leeren Straßen entlang. Sie kommen von überallher, sammeln immer neuen Müll. Das Meer schwemmt lauter altes Zeug an Land, Eimer, Brillen, Plastikschaufeln, hölzerne Autos, Gitarrensaiten, Schaumstoff, Milchtüten, Matratzen, Zahnprothesen. Die Menschen klammern sich an diese Sachen, probieren mal die Zähne aus, stellen Stühle unter ihre Ärsche.

Da kommt jemand. Wer zum Teufel kommt denn jetzt ? Ist es Mutter ? Ja, es ist Mutter. Und, Gott verdammt noch mal, noch jemand anderes. Wieder irgend so ein Sack mit ihr. Wer, wessen, wem, wen ? So skandieren wir in der Klasse. Er, seiner, ihm, ihn ? Ich bleibe hier, wer auch immer es sein mag. Der, dieser, dieses, diesem, diesen. Wir, unser, uns, uns.

– Ach, hier wohnst du. Nicht schlecht, wenn man ein eigenes Haus hat. Immerhin, ein eigenes Haus. Was ? Du hast einen Sohn ? Bist ja keine Jungfrau mehr, verdammter Mist !

– Na, du denkst doch nicht etwa, ich hätte das Ding nur zum Pissen benutzt. Komm schon !

– Na, dann Hallöchen ! Und der Junge geht raus, wenn wir mit dem Bumsen anfangen. Das ist hier kein Volksfest. Wo hast du denn den Schnaps ? Und du Scheißlümmel, scher dich raus ! Oder wie ? Hau ab, verflixt, raus in die Nacht.

Ich liege ganz unbeweglich und halte still. Ich rühre mich nicht. Mutter sieht verstört und unsicher an mir vorbei. Der Sack kommt keuchend in meine Nähe. Fängt an zu rempeln.

– Nun komm schon ! Mach, dass du hier wegkommst !

Plötzlich kotzt mich alles an. Ich versuche, ihm eins auf die Schnauze zu geben, und treffe seine Backe richtig gut. Er aber wird wütend, fällt über mich her und brüllt. Sucht etwas zu packen, findet vor dem Herd ein Holzscheit und los geht’s. Der erste Schlag trifft auf die Decke, die ich ihm entgegenwerfe. Dann aber zielt er direkt auf meinen Kopf, ich ducke mich weit hinunter und versetze ihm einen solchen Stoß, dass er auf dem Boden landet. Ich schlage ihm ins Gesicht, es ekelt mich an. Gottverdammt, ich schlage mit voller Kraft. Dann aber gelingt ihm ein richtig guter Schlag. Es ist, als ob mein Ohr platzen würde, und der ganze Kopf dröhnt. Ich möchte atmen, doch er schlägt schon wieder zu, trifft die Hände, aber ich spüre gar nichts. Ich renne auf den Hof, und mein Arm tut scheißweh. Er muss gebrochen sein. Der ganze Arm kaputt. Es tut so weh, wenn ich versuche, den Arm anzuheben. Ich kann ihn nicht bewegen. Ach, was das bloß wieder ist.

Ich laufe hinaus, um den Hof herum. Vom Feld zieht der Geruch des Schweinestalls herüber, wirklich widerlich, aber es berauscht mich. Ich gehe in die andere Richtung. Die Bäume sind fest im Boden verankert. Ihre Schatten sind überall. Ich atme tief ein.

PENA

Die ganze Clique geht in den Wald. Ykä geht voraus. Er kommandiert die anderen die ganze Zeit herum. Zuerst geht es an der Kabelfabrik vorbei, dann bergab, den alten Kanonenweg entlang.

Überall Baustellen. Wir sind noch immer ganz hoch oben. Ich schaue den Abhang hinunter, wo die Schottermaschine steht. Dort geht es steil hinab. Klein-Keke fängt an zu schubsen.

– Lass uns doch mal sehen, wie das Dickerchen vom Felsen runterplumpst.

Der Kerl spinnt total. Zum Glück kommt Ykä zu Hilfe.

– Jetzt hörst du damit auf oder du kriegst mal richtig eins auf die Schnauze.

Ykä zieht mich vom Felsvorsprung weg. Als er merkt, dass ich völlig außer Fassung bin, bringt er mich auf einem Stein zum Sitzen.

– Na gut, willkommen im Klub !

Die Steine werden von einem Laster in die Schottermaschine geschüttet. Sie fallen laut polternd und donnernd in den Schacht hinein und kommen als Schotter heraus. Wir schauen das eine Weile an, und niemand sagt was. Dann geht Ykä wieder voraus. Zwischen den Bäumen blitzt Wasser auf. Das Meer kann es nicht sein. Vorne gibt es eine große Baustelle. Da wird eine Schule gebaut, sagt Ykä. Wir überqueren die Heide am Kiefernwäldchen, und vor uns liegt eine große Sandgrube. An der gegenüberliegenden Seite steht eine rote Baubaracke, und in der Grube kreisen die ganze Zeit Lastwagen.

– Hier entsteht das Zentrum von Tapiola. Das rote Haus ist das Büro der Wohnungsbaugesellschaft.

Ykä weiß immer mehr als die anderen.

Auf dem Boden der Sandgrube gibt es viele große Wasserlachen. Irgendein Kerl läuft in der Grube hin und her. Er hat ein weißes Netz in der Hand, fängt Schmetterlinge damit oder auch was anderes.

– Hey, was machst du denn da ?

Ich sammle Insekten. Schaut euch das mal an.

Er hat all die Siebensachen eines Sammlers, die Hülsen und die Nadeln. Er holt etwas aus dem Netz. Es ist kein Schmetterling, sondern eine Bremse. Er durchsticht sie mit einer Nadel.

– Solltest du dafür nicht Äther dabeihaben ?

– Das hier ist der schärfste Moment. Seht mal, wie sie sich vor Schmerz windet.

Doch eigentlich sieht man gar nichts. Man hört nur ein leises Knacken, der Körper der Bremse zuckt einmal kurz und kaum wahrnehmbar. Dann bleibt sie in der schmutzigen Dose liegen.

– Überhaupt sind Schmetterlinge nicht die besten. Wenn man eine Bremse tötet, fühlt man das bis in den Gaumen und bis in die Augen.

Der Kerl nimmt seinen Kescher und fängt an, ihn durch einen der Tümpel in der Sandgrube zu ziehen.

– Was willst du denn da schon fangen ?

– Egel. Seht mal hier.

Im Netz stecken mehrere Egel. Der Kerl nimmt sie in die Hand und wirft sie in die Dose.

– Ich hab’ das Sammlerzeug von meinem Alten bekommen. Der war in den Staaten und hat’s von dort mitgebracht. Ich fang’ gar nicht erst an zu sammeln, scheiß drauf. Aber die Egel hier sind toll. Wir sitzen eine Weile herum. Dann fragt Ykä den Kerl nach seinem Namen.

– Sie nennen mich Stockfisch. Ich wohne im Westend. Mein Alter

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