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Fast ein Leben: Roman

Fast ein Leben: Roman

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Fast ein Leben: Roman

Länge:
208 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 25, 2013
ISBN:
9783842515888
Format:
Buch

Beschreibung

"Meine Oma erzählt nichts. Früher, da habe ich sie nichts gefragt, und jetzt hat sie alles vergessen - ihre Kinder, ihre Heimat, ihren Mann. Natürlich kennt sie auch mich nicht mehr."
Susanne erlebt den zunehmenden geistigen Zerfall ihrer Großmutter und beginnt, sich zu erinnern - an ihre Kindheit, die Erzählungen der "Ome" und ihre Warnungen vor dem Nachtkrabb.
Um dem Verschwinden der Vergangenheit zu begegnen, berichtet Susanne Stationen einer möglichen Lebensgeschichte: vom neunzehnjährigen Dienstmädchen Rosa und wie sie später, kurz vor dem "Dritten Reich", ihren Mann Heinrich kennenlernt, wie sie ihn in den Krieg ziehen lassen muss und nach seiner Rückkehr keine Beziehung mehr zu ihm aufbauen kann.
Petra Mader gelingt es, auf unmittelbar anrührende Weise das Lebensbild einer einfachen Frau zu zeichnen, die zutiefst von ihrer Herkunft und ihrer Familie geprägt ist. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, einer Ehefrau und Mutter, und wie sie in den Verlust der Selbstständigkeit durch die fortschreitende Demenz mündet. Es ist die Enkelin, die ihrer Oma wieder zu einem erinnerten Leben verhilft.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 25, 2013
ISBN:
9783842515888
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Fast ein Leben - Petra Mader

I

»Komm mit, Rosa, bitte.« Rosa und Margret lehnten nebeneinander an der Brüstung der König-Karls-Brücke und sahen hinunter zum Wasen. Margret wies mit dem Kopf auf die Karussells, Buden und Bierzelte.

»Volksfest ist doch nur einmal im Jahr.« Margret nahm die Hände von der Brüstung, richtete sich auf und wandte sich Rosa zu. Wartend, mit federnden Fersen, stand sie jetzt vor ihr.

»Ich weiß nicht.« Rosa sah hinüber zur Fruchtsäule am Ende der Gassen. Beim Vogeljakob würde sie auf keinen Fall noch einmal stehen bleiben. Als ob er nur auf sie gewartet hätte, war er letztes Jahr von seinem Podest gesprungen und auf sie zugeeilt. Dabei schien ein Schwarm Spatzen um seinen Kopf zu flattern, denn aus seinem Mund tschilpte es unaufhörlich.

»Nehmen Sie eine, nein, besser zwei – ein Jahr ist lang, junges Fräulein, wenn man auf den Richtigen noch wartet.«

Rosa trug keinen Ring.

»Wissen Sie was? Nehmen Sie drei, und pfeifen Sie auf die Männer.«

Rosa wollte weitergehen und trat einen Schritt zurück.

»Halt, hoppla«, rief der Vogeljakob, »nicht weglaufen!«

Die Leute blieben stehen, bildeten einen Halbkreis hinter Rosa.

Der Vogeljakob schwang seinen Holzhammer. »Mädchen, dir geb ich Privatunterricht. Umsonst!«

Die Umstehenden lachten.

Schließlich hatte Rosa eine »Vogelstimme« gekauft. Zehn Pfennig! Für ein Stückchen Karton, über den ein Blechkrönchen ein Fitzelchen Pergamenthaut spannte.

»Schwabenfräulein«, rief der Vogeljakob ihnen nach, als sie endlich weitergehen konnten, »denk daran, was du da an deinen Gaumen pressen wirst, hat schon zwischen Gold gelegen!«

Margret ließ sich zurück gegen das Geländer fallen und betrachtete Rosa von der Seite. Ein Kamm hielt eine Strähne ihres Haars über dem linken Ohr. Unerschütterlich, und dabei hatte Rosa feines, völlig glattes Haar.

»Bitte, tu mir den Gefallen.« Margret griff nach Rosas Arm.

»Ich weiß nicht.«

»Mir zuliebe.«

»Wenn’s sein muss.«

In den Festzelten entlang der Wirtsbudenstraße wurden die üblichen Lieder gespielt. Auf jedes Lied folgte ein Tusch, auf jeden Tusch das Prosit der Gemütlichkeit. Drinnen stemmten sie die Maßkrüge über die Tische. Prost! Die Steinkrüge hieben gegeneinander. In der darauffolgenden Stille wurden die Krüge zum Mund geführt und die Köpfe in den Nacken gelegt. Geschluckt wurde mit weit offener Gurgel. Als wären sie plötzlich zu schwer geworden, krachten Sekunden später die Krüge auf die Tische. Das nächste Lied wurde angestimmt.

Ohne Mann konnten sie natürlich in keines der Zelte gehen. Aber in die Bodega vielleicht – »wenigstens in den Sakka-Sakka-Eispalast oder einen Likör beim Obst-Paule. Holunder ist gut oder Schlehen oder Schwarze Träuble.« Margret blieb vor einer der Buden stehen, die zwischen den Stirnseiten der großen Zelte standen.

»Margret, nein …«

Aber Margret hatte sich entschieden. »Zweimal Schwarze Träuble, bitte.«

Meinen Opa habe ich nicht mehr kennengelernt, und so büßt er nichts ein von seinem Charme. In den Erzählungen meiner Mutter steckt er die Fotos seiner Kameraden in den Christbaum und singt traurige Lieder, während meine Oma schimpft über die Bilder, die im Baum nichts zu suchen haben, und meint, die Singerei, die habe doch keinen Wert.

Niemand weiß, wie er so werden konnte. Sein Vater war Tagelöhner auf dem Land und zeugte eine Tochter und sieben Söhne. Drei der Kinder überlebten das erste Jahr nicht. Sie waren wieder Engelein geworden, sagten die Eltern und der Pfarrer. Im Herrgottswinkel hingen ihre Fotos, und ohne die Engelein wäre es für die Familie wohl noch schlimmer gekommen, als der Vater beim Holzeinschlag von einem Baum erschlagen wurde. Agatha, die Älteste, war vierzehn, Eugen war zwölf, so blieben noch drei, für die seine Mutter Paulina zu sorgen hatte. Heinrich war sechs. Als er elf war, meldete sich sein Bruder Eugen freiwillig und zog gegen Frankreich. Eugen kam nicht wieder, aber er war immerhin mit Stiefeln an den Füßen, in eine neue Uniform gekleidet und von der Mutter geküsst, fortgegangen. An seinem neunzehnten Geburtstag packte mein Opa deshalb seinen Rucksack und ging nach Schwäbisch Gmünd, um sich bei der Reichswehr zu bewerben.

Heinrich sah Margret und Rosa die Gasse heraufkommen. Seit einer halben Stunde stand er rauchend an einem der Stehtische beim Obst-Paule. Für die letzten Züge kniff Heinrich die Zigarette zwischen Daumen- und Zeigefingernagel. Die Stummel, die er schließlich zu Boden schnippte, waren kaum fingernagelgroß.

Sein Stubenkamerad Franz und er hatten gemeinsam zum Wasen fahren wollen, aber Franz hatte den ganzen Tag auf dem Rücken gelegen, die Hände auf dem Bauch gefaltet, vorsichtig die frische Luft atmend, die durch das geöffnete Fenster strömte. Mehrere Male sprang er auf und hastete mit nach vorne gebeugtem Oberkörper, ein Handtuch vor den Mund gepresst, zur Toilette. Sein Würgen hörte man bis auf den Flur. Wenn Franz mit geröteten Augen zurück ins Zimmer kam, betupfte er Schläfen und Wangen mit Pitralon und legte sich wieder auf den Rücken. »Der Gustav mit seinem Selbstgebrannten! Das Zeug trink ich nie wieder.«

Nach dem Mittagessen stellte sich Heinrich vor den Spiegel und bürstete sein Haar. »Bürsten, bürsten, immer bürsten, hundert Bürstenstriche jeden Tag«, murmelte er und sah seinen Arm sich heben und senken und die Bürste von Schläfen oder Stirn über den Schädel zum Hinterkopf gleiten. »Bürsten, bürsten, immer bürsten.«

Heinrich sah über seine Schulter im Spiegel hinüber zu Franz. Wie aufgebahrt lag er da. In ein paar Stunden würden die Kameraden zurückkommen, die Ausgang hatten oder ein freies Wochenende. Die einen prahlend, andere schweigsam, fast alle schlecht gelaunt und viele aggressiv. Heinrich überkam sein Sonntagsgefühl. In diesem Moment hatte er beschlossen, alleine zum Wasen zu fahren.

»Zwei Mädchen in Stellung«, dachte er jetzt, »unter diesem Titel könnte man die beiden rahmen.« Natürlich hatte sich die Kleinere bei der Größeren untergehakt, und beide trugen gerade geschnittene Röcke in einer unheiklen Farbe. Kurze, steile Abnäher, an deren Spitzen der Stoff kleine Tütchen warf, hielten solche Röcke in der Taille. Heinrichs Mutter saß ganze Tage und drei viertel Nächte über ihre Nähmaschine gebeugt und nähte für eine Konfektionsfirma derartige Röcke. Das kleinere Mädchen redete. Sie ging an den Tresen. »Zweimal Schwarze Träuble, bitte.« Als der Wirt eingeschenkt hatte, nahm sie die Likörgläser vom Tresen und sah sich suchend um.

Die Größere wirkte ärgerlich.

Heinrich nahm sein fast leeres Glas vom Tisch, trat einen Schritt zurück und bot den Mädchen mit einer knappen Verbeugung seinen Tisch an. Als Margret die Gläser abgestellt hatte, trat er mit einem raschen Schritt wieder an den Tisch und stellte sich vor. Die Größere sah empört hinaus auf die Gasse.

»Zum Wohl, meine Damen.« Heinrich war nicht gerne allein, und die Kleinere lächelte.

Rosa griff nach ihrem Glas. Sie würden austrinken und weitergehen. Der Likör schmeckte gut. An der Innenseite des Glases sackte ein wenig von der öligen Flüssigkeit langsam zurück in die Spitze des Glases. An Weihnachten hatte sie immer das Glas der Mutter auslecken dürfen. Rosa schob ihre Zunge hinein. Ihre Augen wanderten zueinander, als sie ihrer Zunge mit dem Blick zu folgen versuchte, ein fleischfarbenes Dreieck erschien vor ihren Augen. Schielend drehte sie das Glas um ihre Zungenspitze. Erst als sie es vom Mund nahm, bemerkte sie Heinrichs Blick. Er hatte sie beobachtet! Rote, wolkige Flecken erschienen auf ihrem Hals.

»Der scheint gut zu sein. Trinken Sie noch einen mit?« Heinrich schnippte eine seiner winzigen Kippen zu Boden.

»Nein«, sagte Rosa.

Margret hob die Schultern und neigte den Kopf zur Seite.

»Dreimal Schwarze Träuble«, rief Heinrich zum Tresen hinüber.

Dieses Mal ließ Rosa einen kleinen Rest im Glas. Sie vermied seinen Blick, sah hinaus in die Gasse, als wäre sie bestellt, die Vorbeigehenden zu zählen.

»Nein«, würde sie sagen zu jedem seiner Vorschläge. Das war offensichtlich. Die Kleinere dagegen fragte ihn, wo er stationiert sei, und wiegte ihren Oberkörper leicht im Takt zu der Musik aus den Zelten. Sie hieß Margret, die andere Rosa.

Als Heinrich Margret fragte, ob sie schon an der Fruchtsäule gewesen seien, blieb Rosa unbeweglich. Allmählich verblassten die letzten Flecken Rot auf ihrem Hals. Zu dritt machten sie sich auf den Weg ans Ende des Festplatzes, wo Fruchtsäule, Viehpferche und Traktoren an den Ursprung des Festes erinnerten.

»Darf ich Ihnen ein Nägele schießen?«

Auf den Theken der Schießbuden standen große Schalen kurzstieliger Nelken. Das waren die Nägele. Die Frauen trugen sie im Knopfloch. Einen Volltreffer oder insgesamt hundert Punkte musste der Schütze erreichen, um eine dieser Nelken zu bekommen. Eine Frau in männlicher Begleitung zwar, aber ohne Nägele, das war beschämend für beide.

Also traten die Männer an die Schießbuden, ließen sich ein Gewehr geben, beugten ein Knie, legten an, zielten. Einen halben Schritt hinter ihnen standen die Frauen und lächelten tapfer. Zufrieden, dass er sich bemühte für sie. Aber was, wenn er nicht träfe?

Bevor die Männer das Gewehr sinken ließen, hatten sie alle getroffen. Bloß, dass das Nägele manchmal recht teuer wurde.

»Für mich nicht«, sagte Rosa. Seine Frage hatte sie immerhin gehört, obwohl sie weiterhin zur Seite schaute, als hätte sie einen steifen Hals, und ihre Tasche entschlossen an sich drückte.

»Nur eine also, kommen Sie.«

Der erste Schuss ging daneben. Ohne die Scheibe zu streifen, bohrte sich die kleine Stahlkugel in die Rückwand der Bude. Der zweite Schuss riss einen kleinen Fetzen Papier aus dem oberen Rand der Scheibe.

»Da stimmt was nicht.« Ärgerlich stieß Heinrich den Kolben des Gewehrs auf die Theke.

Margret kicherte und zog die Schultern höher. Rosa trat einen Schritt weiter in die Gasse hinaus. Heinrich besah sich Kimme und Korn. Sein Gesicht entspannte sich. Er legte das Gewehr auf die Theke und schob es in Richtung des Schaustellers, der ihn, scheinbar mit dem Zurechtrücken der Nelkenschalen beschäftigt, beobachtete. »Gib mir ein anderes, eins das trifft. Und noch mal drei Schuss.«

Zwei Schüsse später hatte Margret ihr Nägele.

»Was war mit dem Gewehr?« Es war Rosa, die ihn fragend ansah.

»Das Visier war verstellt.«

Das war Betrug! Rosa schluckte. Trotzdem hatte er die drei Schüsse ohne Murren bezahlt. Rosa sah sich hilfesuchend nach Margret um, aber Margret hielt den Kopf gesenkt. Sie fädelte eben den Stiel der Nelke durch ein Knopfloch ihrer Jacke. Rosa wandte ihren Blick den anderen Buden an der Gasse zu.

»Die drei dicksten Mädchen« sollten in der Bude schräg gegenüber zu sehen sein. Ernst und gewichtig saßen sie auf dem Plakat vor dem Eingang der Bude nebeneinander. »Elsa, Elvira und Bertha – das siebte, neueste Weltwunder!«

Als Kinder glaubten mein Bruder und ich fest an Lionel, den Löwenmenschen. »Halb Mensch, halb Tier«, so hatte Onkel Dieter es uns erzählt. Er war es auch, der meine Oma manchmal dazu bewegen konnte, Lionels Bild aus der Pralinenschachtel mit den Fotos zu holen. Natürlich gibt es keine Löwenmenschen. Vielleicht haben wir deshalb später nicht mehr nach dem Bild gefragt.

Ich bin ihre Enkelin. Warum also nicht die Tür des Wohnzimmerbüfetts öffnen und die Pralinenschachtel herausnehmen?

»Scho recht«, sagt Ome, als ich ihr sage, dass ich mir ihre Fotos ansehen möchte.

Ich finde die Schachtel an ihrem alten Platz im Büfett und stelle sie zwischen uns auf den Tisch. Obenauf liegt noch die braune, knisternde Folie, mit der wir früher Sonnenbrille spielten. Ome sitzt, die Hände im Schoß, bei mir und sieht zu, wie ich die Bilder ausbreite.

Ein Bild der Familie. Das Mädchen links trägt die Schürze mit Blumenmuster, die meine Oma mir einmal beschrieben hat. Aber das kann nicht meine Oma sein, mit unbezähmbarem, dunklem Haar und weit in die Breite gezogener Nase und Mund.

Die Große mit dem Kind auf dem Arm, das muss meine Oma sein. Auch der Vater und die Söhne tragen Schürzen, die dünnen Leinenbänder über dem Bauch geknotet, an den Füßen Stiefel mit gebogenen Sohlen und einer langen, eng gesetzten Reihe Haken zum Schnüren.

Das Porträt eines Mannes in einer Uniformjacke; nur die dunklen Stellen auf Jackenkragen, Schultern und über der Brusttasche lassen erkennen, dass er früher einmal militärische Rangabzeichen trug. Mein Opa.

Ich lege das Foto vor Ome auf den Tisch.

»Den kenn i scho«, sagt sie und sieht das Bild freundlich interessiert an. »Glaubsch, s liegt mr uff dr Zong.«

»Das ist dein Mann. Mit dem warst du verheiratet, Ome«, sage ich.

»Ach so«, entfährt es ihr, »nadierlich!« Sie schlägt sich gegen die Stirn.

Das Bild von Lionel. Eine abgegriffene Postkarte, ein Druck, so offensichtlich falsch in den Farben wie eine schlechte Farbkopie. In roten Kniebundhosen posiert Lionel auf einem grünen Kanapee. Die Unterschenkel stecken in weißen Kniestrümpfen und auf den Schuhen prangen silbrig glänzende Schnallen. Lionels Oberkörper ist unbekleidet und mit blonden Locken bedeckt, denen die natrongetränkten Pinselstriche des Retuscheurs deutlich anzusehen sind. Augenbrauen, Kopfhaar und Bart fließen zu einer mächtigen Mähne zusammen, die irgendwo auf seinem Rücken endet.

»Sieh mal, Ome.«

»Des isch dr Lionel«, sagt sie ohne Zögern und greift nach der Postkarte. »Des isch fei a echte Fodegrafie«, fügt sie hinzu und nickt bestätigend mit dem Kopf. Sie wirkt nachdenklich. »Des war a scheener Ma.«

»Hast du den gekannt, Ome?«

Sie sieht sich in ihrem Wohnzimmer um. »Hier dren war i fei scho oft«, sagt sie.

»Gut möglich. Schließlich wohnst du hier seit fast sechzig Jahren.«

»Wer? I?« Sie ist verunsichert.

»Ja, du. Oder was meinst du, wer hier wohnt? Der Hans-Bär vielleicht?!«

»Wer? Dr Hans-Bär?« Ihr Rücken richtet sich auf, sie legt eine Hand auf meinen Unterarm und flüstert mir zu: »Des ka scho sei, dass hier dr Hans-Bär wohnt.« Vergnügt lachend lässt sie sich zurück gegen die Stuhllehne fallen.

Rosa interessierte sich nicht für die drei dicksten Mädchen. Ihr war es egal, dass sie zusammen mehr als zwölfhundert Pfund wogen. Niemand hier war wie Lionel, über dessen Arme, Brust, Schultern und Rücken goldgelbe Locken flossen. Selbst seine Stirn, Wangen und Nase waren mit Haaren bedeckt. Lionel, der Löwenmensch, halb Mensch, halb Tier, so stand es auf Plakaten und Postkarten.

Vom Frühjahr bis in den späten Herbst reisten Lionel, Fräulein Louisle, Herr Meerlein und der Riese Machnow mit dem Sedlmair durch das Land. Sogar in Italien waren sie schon gewesen.

Fräulein Louisle, die im Winter manchmal in die Lichtstube kam, hatte es ihnen erzählt. Eines Abends hatte Herr Meerlein Fräulein Louisle begleitet. Er war, obwohl kaum größer als sie, sehr kräftig und trug das Fotoalbum für sie.

Am liebsten ließ sich Fräulein Louisle neben Kirchtürmen fotografieren. Neben einem Turm, den Blick nach oben gerichtet, komme ihre außergewöhnliche Kleinheit am besten zur Geltung, meinte sie. Den Einwand, dass neben Türmen alle, ja selbst großgewachsene Leute, klein wirkten, überhörte sie. Niemand, selbst der Sedlmair nicht, konnte sie dazu bringen, sich neben einen Hund, eine Gans oder ein Kind zu stellen oder sich mit baumelnden Beinen auf einen Stuhl zu setzen, um zu zeigen, wie klein sie war. Nur wenn partout kein Turm zu finden war, durfte der Riese Machnow seine Spezialschuhe anziehen und sich zum Fotografieren neben sie und eine Sehenswürdigkeit ihrer neuen Spielstätte stellen.

Sonntag vor Allerseelen kehrten Lionel und die anderen nach Söhnstetten zurück und bezogen auf dem Weihnachtshof an der Römerstraße Winterquartier. An Allerseelen kamen sie, Lionels Gesicht

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