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Unser König ist wahnsinnig!: Verrückte Herrscher von Caligula bis Ludwig II.

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Unser König ist wahnsinnig!: Verrückte Herrscher von Caligula bis Ludwig II.

Länge:
342 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
4. Feb. 2014
ISBN:
9783799505284
Format:
Buch

Beschreibung

Überall auf der Welt hat es zu den unterschiedlichsten Zeiten Geisteskranke gegeben, in der Antike ebenso wie in der Neuzeit. Einige von ihnen waren bekannte und mächtige Herrscher - oft mit fatalen Auswirkungen auf ihr Volk.
Hans-Dieter Otto untersucht in seinem Buch neun Fälle berühmter Herrscher, die bei ihren Zeitgenossen als wahnsinnig galten. Er erklärt anhand dieser Fallstudien, wie man zu ihrer Zeit mit Geisteskrankheiten umging und welche Auswirkungen ihre Krankheit auf die Politik ihres Landes hatte.
Herausgeber:
Freigegeben:
4. Feb. 2014
ISBN:
9783799505284
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Unser König ist wahnsinnig! - Hans-Dieter Otto

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Hans-Dieter Otto

Unser König ist wahnsinnig!

Verrückte Herrscher von Caligula bis Ludwig II.

Jan Thorbecke Verlag

INHALT

Der Wahnsinn im Wandel der Zeiten – ein Vorwort

Der »rasende Wüterich« auf dem Kaiserthron Caligula (12–41 n. Chr.)

Ein wahnsinniger Möchtegernkünstler als Brandstifter? Nero (37–68 n. Chr.)

Der irre »Vielgeliebte« Karl VI. von Frankreich (3. Dezember 1368– 21. Oktober 1422)

»Oh Gott, wie rast der Menschen krankes Hirn!« Heinrich VI. von England (6. Dezember 1421–21. Mai 1471)

»La loca de amor« – die Wahnsinnige aus Liebe Johanna von Kastilien (6. November 1479– 12. April 1555)

Der blonde Verrückte aus dem hohen Norden Erik XIV. von Schweden (13. Dezember 1533– 26. Februar 1577)

»Unser König ist wahnsinnig!« Georg III. von England (4. Juni 1738–29. Januar 1820)

Dänische Tragödie Christian VII. von Dänemark (29. Januar 174 9– 13. März 1808)

»Ein ewiges Rätsel bleiben will ich mir und anderen!« Ludwig II. von Bayern (25. August 1845– 13. Juni 1886)

Quellen- und Literaturverzeichnis

Buchveröffentlichungen

Zeitungen und Zeitschriften

Internetquellen sowie elektronische Zeitungs- und Buchversionen

Bildnachweis

Allen bedauernswerten Opfern gewidmet,

denen das Schicksal nicht erspart hat,

in den Klauen einer Demenz

dahindämmern zu müssen.

»Der Tag verging, das Dunkel brach herein,

und Nacht entzog die Wesen auf der Erden

all ihren Müh’n.«

Dante Alighieri (1265–1321)

Divina commedia, zweiter Gesang

Der Wahnsinn im Wandel der Zeiten – ein Vorwort

Auf Zeichnungen oder Gemälden von »Tollhäusern« früherer Jahrhunderte können wir sehen, wie angekettete, geistig umnachtete Gefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen und unter der Aufsicht von »Zuchtmeistern« wie Vieh gehalten werden. Mit verzerrtem Gesicht und weit geöffneten oder verdrehten Augen dämmern sie teilnahmslos dahin, ein schauriger Anblick des Jammers, den man nicht so schnell vergessen kann. Überall auf der Welt hat es zu den unterschiedlichsten Zeiten Wahnsinnige gegeben, in der Antike ebenso wie in der Neuzeit. Bereits in der antiken Mythologie finden sich Beispiele dafür. Medea erdolcht ihre eigenen Söhne, und auch Herkules tötet im Wahnsinn seine Kinder, ebenso wie König Lykurg in Thrakien, der seinen Sohn für einen Weinstock hält und ihm alle Glieder abhackt.

Einige von diesen Verrückten sind bekannte und mächtige Herrscher gewesen. Diesen historischen Gestalten aus dem Römischen Reich, England, Frankreich, Spanien, Schweden, Dänemark und Deutschland werden wir in chronologischer Reihenfolge begegnen. So können wir genau verfolgen, was man zu verschiedenen Zeiten unter Wahnsinn verstanden und wie sich der Umgang mit Wahnsinnigen, speziell ihre ärztliche Betreuung und Versorgung, gewandelt hat.

Genie und Wahnsinn liegen oft dicht beieinander. Schon der griechische Philosoph Demokrit behauptet etwa 400 Jahre vor Christus, kein großer Dichter sei ohne Wahnsinn. Ein paar Jahrzehnte nach Christus erweitert der römische Philosoph Seneca diese Feststellung zu der Erkenntnis, es habe überhaupt noch keinen großen Geist ohne einen Schuss Wahnsinn gegeben. Doch damit ist nicht das gemeint, was unsere heutige Psychiatrie unter dem Begriff versteht. Die griechischen und römischen Philosophen sahen im Wahnsinn einen Zustand der Besessenheit (von einer Gottheit), einen Zustand der Erregtheit und Ekstase, der Entrücktheit und Inspiration. Die Herrscherpersönlichkeiten, auf die wir treffen werden, sind nicht in diesem Sinne geistig entrückt. Sie sind vielmehr wahnsinnig im klinischen Sinn.

Der Begriff Wahnsinn ist nicht nur sprachlich unscharf. Die Psychiater unserer Tage befassen sich nicht mehr mit ihm. Sie sprechen von Geisteskrankheiten, Gemütsleiden oder Psychosen, speziell von Schizophrenie. Sie wird als ein »Spaltungsirresein« definiert. Der »Duden medizinischer Fachausdrücke« beschreibt diese Gruppe von chronischen, meist erblichen, progressiven und oft im jüngeren Lebensalter beginnenden Leiden mit Denkzerfall, Sinnestäuschungen, Wahnideen und absonderlichem Verhalten. Ältere Bezeichnungen wie Dementia praecox (»Jugendirresein«) werden nicht mehr verwandt, weil sie nicht treffend sind. Im Lateinischen bedeutet »demens« so viel wie »unvernünftig«, »wahnsinnig«, »blöd«. Im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter Demenz ganz allgemein den krankheitsbedingten Abbau der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Von den Schizophrenen abzugrenzen sind die Schizoiden. Der »Pschyrembel«, das klassische deutsche klinische Wörterbuch, das 2013 bereits seine 264. Auflage erreicht hat, klassifiziert sie als eigenartige, ungesellige, überempfindliche, oft stumpfe Persönlichkeiten, die meist auch »autistisch« von der Welt abgesondert sind. In der Form »bleibender psychopathischer Dauerverfassungen« sind sie als »prämorbide Form« der Schizophrenen anzusehen, als eine Art Vorstufe.

Die Juristen wiederum haben einen ganz anderen Sprachgebrauch. Sie reden von Unzurechnungsfähigkeit, nach heutiger Terminologie von Schuldunfähigkeit. Wer ohne Schuld handelt, kann nicht bestraft werden. Nach § 20 unseres deutschen Strafgesetzbuchs handelt ohne Schuld, »wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln«. Die genannten Merkmale sind in der allgemeinen Medizin und Psychologie nicht gebräuchlich. Sie werden allenfalls von der Forensik verwandt, der Gerichtsmedizin. Das macht die Sache noch komplizierter. Auch kulturgeschichtlich ist der Begriff des »Wahnsinns« nicht leicht einzugrenzen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmen nämlich fast ausschließlich die gesellschaftlichen Konventionen, wer als verrückt zu gelten hat und wer nicht. Ob eine Abweichung von dieser Norm noch als bloßes seltsames, verschrobenes Verhalten hingenommen oder bereits als wahnsinnig eingestuft wird, hängt von diesen Bräuchen ab. Und die sind wiederum abhängig von der jeweiligen Zeit, dem Ort sowie den sozialen Gegebenheiten. Aus welcher Perspektive wollen wir folglich beurteilen und nach welchen Kriterien wollen wir entscheiden, welche Herrscher verrückt waren oder nicht? In den zurückliegenden Jahrtausenden und Jahrhunderten hat es sicherlich eine ganze Reihe von sehr sonderbaren Menschen gegeben, die man anhand der verfügbaren Fakten und Quellen aus heutiger Sicht mit einer gewissen medizinischen Berechtigung als geisteskrank bezeichnen könnte. Wenn ihre Zeitgenossen sie nun aber nicht als wahnsinnig betrachtet haben, was dann?

Ein gutes Beispiel dafür ist der ägyptische Pharao Amenophis IV., der von 1375 bis 1358 vor Christus gelebt hat und unter dem Namen Echnaton bekannt geworden ist. Der unkriegerische, kränkliche und körperlich schwächliche junge Mann ist so weich und zart, dass einige Forscher vermutet haben, er sei eine Frau gewesen. Er erhebt den Sonnengott Aton zum obersten Gott. Dieser wird als blanke Sonnenscheibe mit menschlichen Händen am Ende der Sonnenstrahlen dargestellt und verehrt. Da Echnaton felsenfest davon überzeugt ist, er sei der Sohn Atons, lässt er sich selbst als Gott anbeten. Diesen Kult setzt er mit brachialen Methoden durch. Seine Herrschaft wird deshalb auch als schwarze Periode in der Geschichte Ägyptens bezeichnet. Als Echnatons Mutter stirbt, bestattet er sie, getrennt vom Vater, in seinem eigenen späteren Grab. Damit will er, als Atons Spiegelbild, den Vater gänzlich ausschalten und seinen Mitmenschen eine Selbstzeugung suggerieren. Nach heutigen Vorstellungen ist dieses Verhalten nicht normal. Es deutet auf eine schwere Psychose hin, spricht aber zumindest für eine schizoide Persönlichkeit. In den Augen der Zeitgenossen war dieses Verhalten jedoch durchaus normal. Sie glaubten tatsächlich, er sei der Sohn des neuen obersten Sonnengottes.

Zur Problematik der richtigen Einordnung Wahnsinniger kommt noch eine schwierige Frage hinzu. Soll sich die Darstellung in diesem Buch auf die pathologischen Züge der ausgewählten Persönlichkeiten beschränken? Die Antwort lautet: »Nein«. Reine Pathografien sind eine recht heikle Sache. Eine Beschränkung auf die bloße Schilderung der Fakten und Umstände, die mit der Krankheit zusammenhängen, wäre einseitig. Sie würde das Bild verzerren. Der Achtung und dem Respekt gegenüber den betroffenen Personen sind wir es schuldig zu versuchen, jeweils den ganzen Menschen darzustellen, die ganze Persönlichkeit zu erfassen, wenn auch nur in der knappen Form einer Fallstudie. Dabei müssen wir versuchen, uns möglichst auf Tatsachen zu stützen, auf Fakten, die für den Leser nachprüfbar sind. Wenn der wahnsinnige Herrscher allerdings schon seit Jahrtausenden tot ist, ist das so gut wie unmöglich. Selbst wenn nur Jahrhunderte dazwischen liegen, ist dies je nach Quellenlage schwierig. Voltaire ging sogar so weit zu behaupten, nur ein Scharlatan könne sich anmaßen, einen Menschen zu schildern, mit dem er nicht zusammengelebt hat. Da es keiner biografischen Darstellung gelingen kann, einen Toten wieder zum Leben zu erwecken, müssen sich die Charakterskizzen der toten Herrscher darauf beschränken herauszufinden, was für Menschen sie gewesen sind und wie sich ihr Wahnsinn geäußert hat.

Ein weiteres Anliegen dieses Buches ist es aber auch, den Blick freizugeben auf unterschiedliche Epochen der Geschichte und bemerkenswerte Gestalten aus dem Umfeld der wahnsinnigen Könige und Kaiser sowie auf dramatische Geschehnisse, die mit ihnen verbunden sind. In nicht wenigen Fällen bedeutet die Geisteskrankheit eines Herrschers weit mehr als eine persönliche Katastrophe. Das ganze Land kommt in Bedrängnis, Not und Elend machen sich breit, und es drohen Bürgerkriege oder Invasionen feindlicher Mächte. Wir werden auch sehen, wie die von Misstrauen, Intrigen und Rivalitäten geprägte Atmosphäre eines Königshofes den geistigen Zusammenbruch eines jungen und leicht zu beeinflussenden Königs fördern kann und der auf ihm lastende große politische Druck gute Bedingungen für den Ausbruch von Wahnsinn schafft. Das Buch will kein wissenschaftliches Fachbuch sein, sondern es will den Leser in erster Linie in leicht lesbarer Form unterhalten und ihm mit interessanten Informationen ein buntes Panorama öffnen. Bei der Spurensuche werden manche weniger bekannte Details zutage treten.

In den einzelnen Zeitepochen, in die dieses Buch führt, haben die Mediziner auf die Frage, wodurch der Wahnsinn hervorgerufen wird sowie ob und wie er geheilt werden kann, verschiedene Antworten gefunden. Bereits um 400 vor Christus erklärt der berühmteste und schon zu Lebzeiten hochverehrte Mediziner der Antike, der auf der Insel Kos lebende griechische Arzt Hippokrates, die Entstehung von Krankheiten aus dem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, zum Teil auch Wasser. Deshalb behandelt er die Krankheiten vorwiegend durch Lebensumstellung und Diät, aber auch durch Arzneien und operative Eingriffe. Auf dieser hippokratischen Saftlehre beruht bis in die frühe Neuzeit hinein auch die übliche Behandlungsmethode des Wahnsinns: Abführmittel, Klistiere, Aderlässe und Schröpfen durch erhitzte, direkt auf die Haut gesetzte Schröpfgläser. Rund 600 Jahre später nimmt der griechische Arzt Galenos (Galen) von Pergamon an, dass unausgewogene Mischungsverhältnisse der Säfte auch zu Geistesstörungen führen können, die durch Wutanfälle, aber auch durch Angstzustände, Apathie und tiefe Traurigkeit gekennzeichnet sind. Galenos glaubt, dass bei zu lange anhaltender Unausgewogenheit der Säfte eine körperfremde Masse entsteht, die verbrannte schwarze Galle, die er »melancholia adusta« nennt. Sie steigt ins Gehirn und führt zu Halluzinationen, Tobsuchtsanfällen, Weinkrämpfen und allgemeinem Wahnsinn.

An diesen Behandlungsmethoden des Wahnsinns, der in der Vorstellung der meisten Menschen des Mittelalters durch den Teufel verursacht oder von Hexen gebracht wird, halten die akademisch ausgebildeten Ärzte bis ins 16. Jahrhundert hinein fest. Zudem versuchen sie, mit Reliquien zu heilen. Der Schweizer Gelehrte Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, stellt dies in Frage. Seine auf der Basis von Alchemie und Astrologie entwickelte, bewusst christliche Medizin läuft in der Behandlung des Körpers mit chemischen Substanzen der Vorstellung vom Gleichgewicht der Körpersäfte zuwider. Aber auch für ihn sind Wahnsinnige keine dem Menschsein entrückte Wesen, sondern kranke Menschen, die der Hilfe bedürfen.

Das ändert sich ab 1650 mit dem Beginn der Aufklärung. Im Zeitalter der Vernunft werden alle noch stärker als zuvor ausgegrenzt, die als unvernünftig angesehen werden und außerhalb dessen stehen, was nach dem Weltbild der Aufklärung unter Anstand, Sittlichkeit und Menschlichkeit im Sinne von Gleichheit und Würde verstanden wurde: Bettler, Erwerbslose und Vagabunden ebenso wie Dirnen, Geschlechtskranke und behinderte Menschen. Und eben auch die Wahnsinnigen. Sie werden von der Gesellschaft separiert wie im Mittelalter die Leprakranken. Der französische Historiker, Philosoph, Psychologe und Soziologe Michel Foucault hat diese Problematik in seinem 1961 erschienenen grundlegenden Standardwerk »Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft« explizit und im Detail dargestellt. Er schildert, wie der Wahnsinn als das »Andere der Vernunft« von der Gesellschaft systematisch ausgeschlossen und durch »komplexe Prozeduren rationaler Kontrolle und Disziplinierung« zum Schweigen gebracht wurde. Man sperrt die Wahnsinnigen zusammen mit Sträflingen und anderen aus der Gesellschaft Verbannten ohne Unterschied in einen gemeinsamen Raum ein und quält sie mit Folterwerkzeugen, um ihnen ihre Tollheiten auszutreiben und sie auf diese Weise wieder zur Vernunft zu bringen. Man glaubt, sie seien unempfindlich gegenüber Hunger, Durst, Hitze und Kälte, gibt ihnen deshalb nur wenig zu essen und zu trinken, hält sie fast nackt und stellt sie bisweilen gegen ein Entgelt sogar zur Schau. Der englische Arzt Thomas Willis schreibt 1684: »In der Tat gibt es für die Heilung von Irrsinnigen nichts Wirksameres oder Notwendigeres als ihre ehrerbietige heilige Furcht vor denen, die sie für ihre Peiniger halten … Rasende Irrsinnige werden eher und sicherer durch Bestrafung und harte Behandlung in einem eingeengten Raum geheilt als durch Arznei oder Medizin.« Wie wir noch sehen werden, bleiben auch gekrönte Häupter von diesen brutalen Methoden nicht verschont.

Als der französische Arzt Philippe Pinel, seit 1794 leitender Arzt im Pariser Hospital Salpêtrière und Begründer der Psychiatrie, seinen Patienten die Ketten abnimmt und sie an die frische Luft führt, tritt ein allgemeiner Umschwung ein. Pinel gesteht den Geisteskranken zu, dass sie als Kranke einen Rechtsanspruch auf ärztliche Hilfe haben. Die neuen Erkenntnisse zum Verständnis von Geisteskrankheiten, die Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Psychiatrie gewonnen werden, sollen uns nicht weiter interessieren, denn der letzte wahnsinnige König, dem in diesem Buch ein biografisches Porträt gewidmet ist, stirbt 1886. Stattdessen machen wir nun einen weiten Sprung zurück in die ferne Vergangenheit, um im antiken Rom dem ersten wahnsinnigen Herrscher dieses Buches zu begegnen.

Der »rasende Wüterich« auf dem Kaiserthron Caligula (12–41 n. Chr.)

Gaius Julius Callistus schüttelt verwundert den Kopf. Der zurzeit einflussreichste und mächtigste Beamte am römischen Cäsarenhof hat eine Einladung des Kaisers Caligula erhalten, mit ihm zusammen an seiner festlichen Tafel zu speisen. Als ehemaliger Sklave hat er es weit gebracht. Das lag sicherlich auch daran, dass seine hübsche Tochter Nymphidia eine der Geliebten des Kaisers gewesen ist. Aber die schriftliche Einladung ist nicht der Grund, warum sich Callistus und einige andere hochrangige Adlige und Senatoren, die sie etwa um das Jahr 40 nach Christus herum ebenfalls bekommen haben, erstaunt die Augen reiben. Der Grund ist die Unterschrift. Da steht statt Caligula der Name Incitatus, was so viel bedeutet wie »Heißsporn«. So heißt das Lieblingspferd des Kaisers. Er hat ihm in seinem Palast einen Stall aus Marmor errichtet mit einer Krippe aus Elfenbein. Das Zaumzeug ist mit Edelsteinen besetzt und die Pferdedecken bestehen aus kostbaren purpurnen Stoffen. Die geladenen Gäste sind sich einig: Das ist nicht mehr normal! Und als sie während des üppigen Festgelages mit ansehen müssen, wie Incitatus aus goldenen Schüsseln Hafer serviert wird und der Kaiser verlauten lässt, er werde Incitatus demnächst zum Konsul machen, kommen sie nicht auf den Gedanken, dass er sich vielleicht nur über sie lustig machen will. Für sie steht es fest: Caligula ist wahnsinnig geworden.

Diesen Incitatus-Vorfall können wir bei Gaius Suetonius Tranquillus nachlesen, einem der bedeutendsten römischen Geschichtsschreiber, im Deutschen meist kurz Sueton genannt. Er berichtet darüber in seinem Hauptwerk »De vita caesarum«, einer nach 120 nach Christus erschienenen und fast vollständig erhalten gebliebenen Sammlung von zwölf Biografien römischer Alleinherrscher, die von Gaius Julius Caesar bis Domitian reicht. Sueton lebte rund 100 Jahre nach Caligula und bekleidete einen hochrangigen Sekretärsposten am Hofe des Kaisers Trajan. In dieser privilegierten Stellung hatte er sehr wahrscheinlich Zugang zu den Staatsarchiven. Aber es war nicht seine Absicht, der Nachwelt eine möglichst genaue Schilderung der Epoche zu hinterlassen. Sueton war kein Geschichtswissenschaftler im heutigen Sinne. Er sah sich mehr als Schriftsteller, der seine Zeitgenossen in erster Linie mit guter Rhetorik und einer besonderen literarischen Komposition unterhalten wollte. Deshalb streute er geschickt auch viel an Klatsch und Gerüchten in seine Beschreibungen hinein, so dass sich heute kaum noch exakt ermitteln lässt, was Wahrheit ist oder was Anekdote. Obwohl die moderne Geschichtswissenschaft Suetons Berichte seit einigen Jahrzehnten einer intensiven Quellenkritik unterzogen und ihnen eine Tendenz zur Denunziation unterstellt hat, gelten sie im Allgemeinen als zuverlässig. Für den Zeitraum, der uns hier interessiert, wollen wir daher Sueton folgen und ihm auch die Schilderung des Incitatus-Vorfalls abnehmen. Dies umso mehr, als auch andere antike Berichterstatter den »rasenden Wüterich«, wie Sueton den Kaiser genannt hat, als wahnsinnig geschildert haben. Der römische Philosoph Seneca, ein Zeitgenosse Caligulas, der ihn sogar persönlich gekannt hat, bezeichnet ihn als »irrsinnige Bestie«. Die Autoren Plinius der Ältere und Flavius Josephus berichten einige Jahrzehnte später ebenfalls über seinen »Wahn« und seinen »verwirrten Geist«. Auch Tacitus, der berühmteste Historiker der römischen Kaiserzeit, dessen Aufzeichnungen über die Regierungszeit Caligulas leider verloren gegangen sind, spricht Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Christi in seinen »Annalen« vom »verwirrten Verstand« des Kaisers, fügt allerdings hinzu, »dass es ihm gleichwohl nicht an Redekraft mangelte«. Und Anfang des 3. Jahrhunderts verfasst Cassius Dio eine umfangreiche »Römische Geschichte«, in der er erwähnt, Caligula habe »den Verstand verloren«. Bis heute hat sich in der Geschichtsschreibung dafür der Begriff »Caesarenwahnsinn« erhalten. Caligula ist der erste römische Kaiser, der als Verrückter in die Geschichte eingegangen sowie als Monster beschimpft und gehasst worden ist.

Sein Leben beginnt mitten im Krieg. Seine Mutter Agrippina (die Ältere), eine Enkelin des Kaisers Augustus, bringt ihn, wie Sueton berichtet, am 31. August 12 nach Christus im 40 Kilometer südlich von Rom gelegenen Antium, dem heutigen Anzio, zur Welt und nennt ihn Gaius. Im Gedenken an den großen römischen Feldherrn und Staatsmann werden die Namen Julius Caesar hinzugefügt und schließlich auch noch der Name Germanicus. So heißt sein Vater. Dieser ist ein Neffe des Kaisers Tiberius, der ihn auf Geheiß von Augustus als Sohn adoptieren musste. Als der kleine Gaius zwei Jahre alt ist, nehmen ihn seine Eltern mit ins ferne Germanien in ein Feldlager am Rhein. Hier ist Germanicus Oberbefehlshaber der römischen Legionen. Im Kampf gegen die rechtsrheinischen Germanenstämme, die wenige Jahre zuvor unweit des Teutoburger Waldes unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius drei römische Legionen vernichtend geschlagen hatten, ist Germanicus bereits zu beträchtlichem Ruhm gelangt. Aufgrund seiner stattlichen Erscheinung sowie seiner Leutseligkeit und Offenheit erfreut er sich bei allen Bevölkerungsgruppen größter Beliebtheit und Popularität. Er gilt als Held und wird insbesondere von seinen Soldaten verehrt. Im Jahr 14 wollen sie ihn anstelle des unbeliebten Tiberius sogar zum neuen Kaiser ausrufen. Es kommt zu einer Meuterei, die Germanicus nur mit Mühe niederschlagen kann. Als der kleine Gaius zusammen mit seiner Mutter aus dem Feldlager in Sicherheit gebracht werden soll, nehmen einige Soldaten beide als Geiseln. Zur Belustigung der Offiziere ziehen sie dem weinenden Knaben kleine Militärstiefel an. Ein solcher Nagelschuh heißt »caliga« und wird von allen Legionären bis hin zum Offizierrang getragen. Fortan hat der kleine Gaius den Spitznamen »Caligula«, was so viel bedeutet wie »Stiefelchen«. Er wird zum Maskottchen des Legionslagers und gewinnt die Zuneigung und Gunst der Soldaten. Seine ganze Kindheit über läuft er nur noch in Soldatenkleidung herum. Aber er hasst den Namen Caligula, unter dem er in der Geschichte berühmt geworden ist, und lässt später jeden bestrafen, der ihn benutzt.

Als Germanicus im Frühsommer des Jahres 17 nach Rom zurückkehrt, kann der fünfjährige Caligula zusammen mit seinen vier Geschwistern auf einem mitfahrenden Wagen aus nächster Nähe verfolgen, wie sein Vater am 26. Mai mit einem außergewöhnlich pompösen Triumphzug für seine Feldzüge in Germanien geehrt wird. Schon im Herbst desselben Jahres darf er seine Eltern in die Provinz Syrien, begleiten, wo Germanicus die Verwaltung neu organisieren soll. Mit sieben Jahren steht Caligula erneut im Zentrum bedeutender Ereignisse. Diesmal sind sie allerdings trauriger Natur. Denn Germanicus erkrankt plötzlich und stirbt völlig überraschend am 10. Oktober des Jahres 19 im Alter von nur 34 Jahren unter geheimnisumwitterten Umständen. Noch auf dem Krankenlager beschuldigt Germanicus den mit ihm verfeindeten Statthalter von Syrien, Calpurnius Piso, er habe ihn vergiftet. Daraus erwachsen wilde Gerüchte. Hinter dem Mordkomplott stecke der misstrauische Kaiser Tiberius, heißt es in Rom. Er habe seinen Adoptivsohn beseitigen wollen, weil dieser im Volk und vor allem bei den Soldaten beliebter gewesen sei als er selbst. Der frühe Tod seines Vaters ist ein schwerer Schicksalsschlag für den Knaben und auch ein gravierender Einschnitt in seinem Leben. Bisher hatte er unter der Obhut seiner Eltern erfahren, wie sich die Verehrung für den beliebten Germanicus auch auf ihn, das »Soldatenstiefelchen«, übertrug. Jetzt muss er im aristokratischen Milieu Roms die Gewaltmaßnahmen des verhassten Kaisers Tiberius miterleben, der in ständiger Angst vor Verschwörungen auch vor Morden und Hinrichtungen nicht zurückschreckt.

Dem zehnjährigen Caligula wird bewusst, dass auch seine Mutter Agrippina und seine beiden 16- und 17-jährigen Brüder in die Machtkämpfe um die Nachfolge auf dem Kaiserthron verstrickt sind. Wie Tacitus uns mitgeteilt hat, ist Agrippina tatsächlich darauf aus gewesen, einen ihrer Söhne als leibliche Nachkommen des Augustus vorzeitig zur Herrschaft zu bringen. Der von seinem Amt überforderte und die Öffentlichkeit scheuende Tiberius, den Tacitus als glatzköpfig, arrogant und heimtückisch schildert, hat sich mittlerweile resigniert in seine Villa auf der Insel Capri zurückgezogen und dem mächtigen Prätorianerpräfekt Lucius Seianus – im Deutschen kurz Sejan genannt – die täglichen Staatsgeschäfte übertragen. Der intrigante Sejan redet auf den Kaiser ein, die Germanicusfamilie sei eine akute Bedrohung für ihn. Es sei der Wunsch des Volkes und der Soldaten, dass Agrippinas ältester Sohn Nero (nicht zu verwechseln mit dem späteren Kaiser) so schnell wie möglich den Thron besteige. Daraufhin lässt Tiberius im Jahr 27 Agrippina und Nero verhaften und unter Arrest stellen. Auf den Straßen Roms läuft das Volk zusammen, hält die Bilder der beiden empor und verlangt vergeblich ihre sofortige Freilassung. Im anschließenden Prozess vor dem Senat wird Nero zum Feind des römischen Staates erklärt und zusammen mit seiner Mutter Agrippina auf die Inseln Pandataria und Pontia verbannt. Es ist bis heute nicht geklärt, ob sein Tod im Jahr 30 darauf zurückzuführen ist, dass man ihn verhungern ließ, oder ob er sich selbst das Leben nahm, nachdem ihm der Henker, wie Sueton berichtet, Stricke und Haken für seine Hinrichtung gezeigt hatte. Seine Mutter hält noch drei Jahre in der Verbannung aus. Dann begeht sie Selbstmord, als sie erfährt, dass auch ihr Sohn Drusus der Verschwörung bezichtigt und in Rom in ein Gefängnis geworfen worden war, wo man ihn elendig verhungern ließ.

Jetzt ist von der Familie des Germanicus nur noch Caligula übrig. Die brutalen Ereignisse hat er hautnah miterleben müssen. Sie sind ganz sicher nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Nach der Verhaftung seiner Mutter wird der Fünfzehnjährige jäh aus seinem familiären Umfeld gerissen. Man steckt ihn zusammen mit seinen beiden jüngsten Schwestern Drusilla und Livilla, die in seinem Leben noch eine bedeutsame Rolle spielen werden, in den Haushalt seiner 84-jährigen Urgroßmutter Livia, der Ehefrau des ersten Kaisers Augustus und Mutter seines Nachfolgers Tiberius. Als sie zwei Jahre später stirbt, kommt Caligula in den Haushalt seiner Großmutter Antonia Minor, der Mutter des Germanicus. In beiden Häusern ist er nur noch von Frauen umgeben. Es spricht Einiges dafür, dass die schweren Belastungen und traumatischen Erlebnisse bereits in dieser Zeit zu einer psychischen Erkrankung Caligulas beigetragen haben. Sueton spricht zwar nur davon, Caligula habe in seiner Kindheit an Epilepsie und ständiger Schlaflosigkeit gelitten. Aber auch diese Symptome können an der Entstehung der späteren schweren Psychose – ein Begriff, der in der damaligen Medizin noch völlig unbekannt war – mitgewirkt haben. Der lang aufgeschossene Jüngling mit den spindeldünnen Beinen und dem dicken Bauch ist hypernervös und überaus ängstlich. Wenn ein Gewitter heranzieht und es donnert, verkriecht er sich unter seinem Bett. Schon in der Jugend wirkt sein extrem blasses Gesicht wegen der eingefallenen Schläfen und tief liegenden Augen sowie der breiten, finsteren Stirn etwas unheimlich. Caligula fürchtet um sein Leben. Denn er weiß, dass nun auch er ins Visier des Prätorianerpräfekten Sejan geraten ist und vermutlich auch gegen ihn als letzten verbliebenen Thronfolgekandidaten ein Prozess vorbereitet wird. Da erscheint es ihm wie eine Rettung, als er Ende des Jahres 30 völlig überraschend vom Kaiser Tiberius den Befehl erhält, Rom sofort zu verlassen und zu ihm auf die Insel Capri zu kommen.

Hier verleiht ihm Tiberius als Erstes die Toga Virilis aus weißer Wolle. Damit gilt der achtzehnjährige Caligula offiziell als Erwachsener. Dieser feierliche Akt vermittelt zugleich den Eindruck, Caligula sei in der Gunst des Kaisers gestiegen und von ihm als Nachfolger auserkoren. Tatsächlich ist seine Einstellung gegenüber Caligula jedoch nach wie vor gespalten und eher negativ. Er bevorzugt seinen leiblichen Enkel Tiberius Gemellus, den er ebenfalls zu sich nach Capri geholt hat. Gemellus ist zwar sechs Jahre jünger als Caligula, aber das fällt für eine mögliche Nachfolge auf dem Thron noch nicht ins Gewicht. Denn abgesehen von unansehnlichen Furunkeln, die Gesicht und Körper bedecken, ist der 72-jährige Tiberius gesund und noch recht rüstig. Während auf seinen Befehl in Rom die Prozesse und nachfolgenden Hinrichtungen

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