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Einen Blick werfen: Literaturnovelle
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eBook84 Seiten1 Stunde

Einen Blick werfen: Literaturnovelle

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Über dieses E-Book

Lakonisch, melancholisch und mit beißendem Witz: Joachim Zelters tragikomische Novelle beschreibt einen Literaturbetrieb, in dem es um Vieles geht, kaum mehr aber um die Literatur selbst. In dem Autorinnen und Autoren wichtiger sind als ihre Werke – und Lebensläufe bedeutsamer als jede sprachlich-literarische Fähigkeit.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum1. Okt. 2013
ISBN9783863512088
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    Buchvorschau

    Einen Blick werfen - Joachim Zelter

    Literatur.

    Er meldete sich in der Dritten Person. Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben. So begann der Brief. In der Dritten Person. So wie Caesar in der Dritten Person von sich geschrieben hatte. Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben. Keine fünf Jahre ist das her. Aus dem Nichts kam dieser Brief. Er erreichte mich als E-Mail. Noch immer denke ich an die Tragweite dieses ersten Briefes. Was zum Beispiel passiert wäre, wenn ich diesen Brief gar nicht beantwortet hätte. Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben. Warum gerade ich, dem er das mitteilen wollte, dass er ein Buch geschrieben hatte. Und warum gerade ich, der auf eine solche Mitteilung reagieren sollte. Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben. Dann machte er eine kleine Pause, ein paar Leerzeilen …, und fügte hinzu: Er würde Ihnen gerne was schiecken.

    Ich antwortete postwendend: Bitte nichts schicken. Was immer er auch zu schicken gedachte. Dass sich auf meinem Schreibtisch Berge von Arbeit stapelten. Also bitte nichts schicken. Das antwortete ich ihm, und erst jetzt bemerkte ich die Schreibweise des Wortes schiecken. Schon diese Schreibweise weckte meine Befürchtungen. Er würde gerne was schiecken. Das klang nach Umständlichkeit und Verschrobenheit und Arbeit. Also antwortete ich: Bitte nichts schicken. In welcher Schreibweise auch immer er mir etwas schicken wollte. Bitte nichts schicken.

    Später entdeckte ich im Anhang seiner E-Mail eine Datei, die dem Brief beigefügt war, womit seine Frage, ob er mir etwas schicken dürfe, von Anfang an obsolet war. Er schickte. Was immer ich dazu auch sagen würde. Er schickte. Das Geschickte war schon längst auf meinem Computer. Noch bevor ich die Frage überhaupt gesehen oder bedacht hatte. Er schickte.

    Er schickte einen Lebenslauf. Als ob er damit signalisieren wollte: Sehen Sie, es ist doch nur ein Lebenslauf. Geboren in Namangan, Usbekistan, Übersiedlung der Familie nach Pakistan, von dort ausgewandert nach Ägypten. Religion Koptisch. Davor andere Konfessionen. Offiziersanwärter. Eine erste Chinareise. Eine zweite Chinareise. Kamelreitlehrer. Pyramidenführer. Tauchlehrer. Übersiedlung nach Deutschland. Begegnung mit Gerhard Schröder. Koch auf einem Flussschiff. Studium der Byzantinistik und Ägyptologie …

    Der Lebenslauf lese sich in der Tat wie ein Abenteuerroman, antwortete ich ihm, um irgendetwas zu antworten, denn als Abenteuerroman wollte er den Lebenslauf wohl verstanden wissen – ein Lebenslauf wie ein unabweisbares Schaut-nur-her. Hier bin ich. Das bin ich.

    Er dankte. Selim Hacopian dankt. Er dankte für meine Antwort – so einsilbig und knapp meine Antwort auch gewesen war. Und er fragte: Ob ich ein Buch für ihn signieren würde? Er meinte ein Buch von mir, das er eigens gekauft und gelesen hatte und das er gerne noch einmal lesen wollte. Sobald ich es signiert habe. Und er schickte mir – auf dem Postweg – mein Buch, in das er eine Markierung gemacht hatte, wo ich es am besten für ihn signieren sollte. Also signierte ich: Für Selim Hacopian mit allen guten Wünschen. Und ich steckte das Buch in einen Umschlag und brachte es zur Post.

    Er dankte, fast überschwänglich, mit einer Reihe von E-Mails und auch mittels einer gewaltigen Postkarte, die er mir geschickt hatte: Danke! Mehrere Male klingelte das Telefon. Auf der Anzeige war immer dieselbe Nummer zu sehen, genau die Nummer, die er mir auf die Postkarte geschrieben hatte, um ihn anrufen zu können. Er sprach nicht direkt auf meinen Anrufbeantworter. Er holte vielmehr Luft. Er atmete. Oder wartete. Bis ich abnehmen würde. Oder bis er selbst irgendwann auflegte. Aus der Umständlichkeit des aufgelegten Hörers klang Enttäuschung – und die Frage: Ob ich denn nicht mit ihm sprechen wolle? Er würde so gerne mit mir sprechen. Über mein Buch und über andere Dinge. So jedenfalls klang die Art des aufgelegten Hörers.

    Ich erklärte ihm per E-Mail, dass ich sehr beschäftigt sei, in nächster Zeit auch unterwegs zu einer Schriftstellertagung – und dann zu einer Lesereise.

    Lesereise?

    Ja, Lesereise.

    In regelmäßigen Abständen schrieb er mir nun E-Mails und fragte mich danach: Wie war Lesereise? Oder: Hoffe angenehme Lesereise. Ich antwortete nicht. Und als ich – nach weiteren Briefen, die er gesendet hatte – doch antwortete, da erklärte ich, dass ich bereits erneut auf dem Sprung sei, zu einer weiteren Lesereise. Lesereise auf Lesereise. Immer weitere aufeinander aufbauende oder ineinander verschachtelte Lesereisen.

    Dann hörte ich eine Stimme. Ich war in der Stadt beim Einkaufen und hörte jemanden rufen: Herr Schrieftsteller! Ich eilte weiter, so als hätte ich mit dieser Stimme nichts zu tun, und auch nichts mit dem Wort Schriftsteller

    Herr Schrieftsteller!

    In immer kürzeren Abständen.

    Herr Schrieftsteller!

    Ich antwortete im Weiterlaufen, mit immer schneller werdenden Schritten, dass es jetzt nicht gehe, dass ich unterwegs sei zu letzten Besorgungen – fast hätte ich gesagt: Besorgungen vor einer weiteren Lesereise, doch ich sagte etwas anderes, während ich mit großen Schritten weiterlief und er – eine untersetzte Gestalt – mir mit kleinen Schritten und leichten Verbeugungen folgte. Herr Schrieftsteller. Im Spiegel eines Schaufensters sah ich den Größenunterschied: ich ungewöhnlich groß, er außergewöhnlich klein. Eine kindhafte Erscheinung. In dienerhaften Bewegungen lief er hinter mir her, immer ein oder zwei Schritte hinter mir, ohne eine zu große Distanz zwischen uns aufkommen zu lassen.

    Er fragte nach meiner Lesereise. Er sagte nicht Lesereise, sondern Leserreise.

    Wie war

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