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Adlige auf Tour: Die Erfindung der Bildungsreise

Adlige auf Tour: Die Erfindung der Bildungsreise

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Adlige auf Tour: Die Erfindung der Bildungsreise

Bewertungen:
3/5 (1 Bewertung)
Länge:
310 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 31, 2013
ISBN:
9783799504317
Format:
Buch

Beschreibung

Versklavt in den Gefängnissen nordafrikanischer Beys, als Freiwilliger auf christlichen Korsarenschiffen türkische Handelssegler jagend, die faszinierenden Metropolen des Orients - Istanbul, Damaskus, Kairo oder Smyrna - durchstreifend oder die Flagge Brandenburgs an der westafrikanischen Goldküste hissend.
Überall, wo Abenteuer und Exotik zu vermuten war, zog es Mitglieder deutscher Adelsgeschlechter der Frühen Neuzeit hin, um sich in entfernten und exotischen Ländern einen Namen zu machen. Thomas Freller präsentiert eine Galerie der farbigsten und schillerndsten Vertreter und Vertreterinnen dieser Reisenden und bietet gleichzeitig eine Geschichte der sogenannten "Kavalierstour" vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 31, 2013
ISBN:
9783799504317
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Buch

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Adlige auf Tour - Thomas Freller

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Inhalt

Bibliographie

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Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Thomas Freller

Adlige auf Tour

Die Erfindung der Bildungsreise

Jan Thorbecke Verlag

INHALT

Der Aufbruch in die FREMDE – Motive, Hintergründe und Entwicklungen

Bildung und Frömmigkeit – Humanismus und Gegenreformation

Ein Protestant im Heiligen Land

Bernhards von Hirschfeld Touren in Ägäis und Levante

»Edelfest und gestreng«

Hans Johanns von Hürnheim Reise nach Italien, Kreta, Zypern und Palästina

Zwischen Pilgerfahrt, Abenteuerlust und »weltmännischer« Erziehung

Hans Ludwig von Lichtenstein in Italien, Malta, Palästina und Ägypten

Auf den Spuren eines Rätsels

Rekonstruktion der Palästinareise des Karl Ferdinand von Rechberg im Jahr 1587

Sklave in Tunis

Die tragische Tour des Georg Albrecht von Erbach

»Die wundersamen Wege eines Pilgers«

Friedrich Eckher von Käpfing in Ägypten, Palästina und Syrien

Kavaliere, Generäle und Korsaren – Die Suche nach Ruhm und Ehre

Ahasverus von Lehndorff und seine zehnjährige »Tour d’Europe«

Die geheimnisvollen Touren des Christian August von Holstein-Norburg

Wenn Reisen zur Passion wird

»Der Wunderliche« durchstreift Europa

Ein märkischer Weltmann und die Früchte einer »wissenschaftlichen und feinern Ausbildung«

Hans Adam von Schöning in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, England und Ungarn

Die Sorgen eines Hofmeisters

Die Europareise des Siegfried Innocenz von Lüttichau

Ein Brandenburger auf Korsarenschiffen

Otto Friedrich von der Gröben im Mittelmeer und an der Goldküste

Galanterie und klassische Spuren – Die mediterrane Welt im Spiegel von Beobachtungen des 18. Jahrhunderts

Der Graf von Trausnitz in Italien

Ein zukünftiger deutscher Kaiser und sein »Reisediarium«

Eine Musentochter auf den Spuren des klassischen Altertums

Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth in Frankreich und Italien

Johann Hermann von Riedesel

Der Mentor Goethes in Italien, Griechenland, Ägypten, Spanien und England

Romantik, Tourismus und Exotik – Aufbruch in die Moderne

Eine Gräfin durchforscht Italien

Die Touren der Elisa von der Recke

Ein Fürst in Eile

Herzog Wilhelm zu Nassau in Wien, Rom und Neapel

Geschichten aus Tausendundeiner Nacht

Der »tolle Pückler« in Afrika und im Orient

Bibliographie (Auswahl)

Bildnachweis

Der Aufbruch in die Fremde – Motive, Hintergründe und Entwicklungen

Versklavt in den Gefängnissen nordafrikanischer Beys, als Volontär auf christlichen Korsarenschiffen türkische Handelssegler jagend, die faszinierenden Metropolen des Orients – Konstantinopel, Damaskus, Kairo oder Smyrna – durchstreifend oder die Flagge Brandenburgs an der westafrikanischen Goldküste aufrichtend, das waren die Schicksale und Aktivitäten von Mitgliedern deutscher Adelsgeschlechter der Frühen Neuzeit, die sich durch ihre Reisen und Abenteuer in entfernten und exotischen Ländern einen Namen machten. Auf umfangreichem Quellenstudium basierend, präsentiert dieses Buch eine Galerie der farbigsten und schillerndsten Reisenden.

Das Leben und die Karriere dieser Männer waren untrennbar verknüpft mit einigen kulturhistorischen Phänomenen, die uns heute fremd anmuten: Da ist zum einen die sogenannte Kavaliersreise des europäischen Ancien Régime. Diese Form des Reisens war Erziehungsreise, Lehrfahrt und Eintritt in die »berufliche« Welt des Adels gleichermaßen. Nur derjenige, der diese Tour erfolgreich absolviert hatte, galt im Ancien Régime als Mann von Welt, als »honnête homme«, um in der frankophilen Diktion der Zeit zu sprechen. Im allgemeinen wurden die jungen Aristokraten von einem Hofmann oder sogenannten Mentor begleitet. Dieser war ein erfahrener Reisender, häufig hatte er ein Universitätsstudium absolviert. Er diente als Erzieher, Reiseführer und väterlicher Berater. Ziele des Reisens waren die mondänen Zentren des Abendlands: das kulturell und politisch sich immer mehr zur europäischen Hauptstadt entwickelnde Paris, die prosperierenden Handelsstädte Amsterdam und London sowie Rom, die Ewige Stadt. Hinzu kamen die Herzogshöfe von Norditalien, die Metropole Neapel und als südlichster Punkt der Tour Malta, die Residenz des Johanniterordens. Ein Studium auf einer der sogenannten Ritterakademien in Frankreich und Norditalien, häufig auf der berühmten Akademie von Turin, rundete die Kavaliersreise ab.

Der Hofmeister und Mentor hatte auf ein gründliches Studium der Zivil- und Militärwissenschaften zu achten. Die für den jungen Kavalier im 17. Jahrhundert entwickelte Reisetheorie forderte nicht die gründliche Beherrschung einer Einzeldisziplin, sondern die weitgefächerte Kenntnis verschiedener Wissenschaften. Als sogenannte »Kavaliersfächer« galten Rechtswissenschaft, Geschichte, Genealogie, Mathematik, Architektur, Geometrie, Militär- und Festungswesen. Als unabdingbar für den künftigen Funktionsträger am Hof und im Staat galten die »Exercitien« Fechten, Tanzen, Reiten, Jagen, Musizieren und Zeichnen. Sehr wichtig war die Wissenschaft der »Conduite«, worunter man das Beherrschen von protokollarischen Abläufen, Komplimente, Dispute, Besuche und Gegenbesuche, das Auftreten und repräsentative Einkleiden verstand. Zu den nützlichen Rechts- und Staatswissenschaften, zu Politik, Naturrecht und Moral kam das Studium von Heraldik, Statistik und Geographie. Körperliche Fähigkeiten und geistige Bildung sollten ein harmonisches Miteinander ergeben. Mit der Klientel der Kavaliersreisenden senkte sich das Durchschnittsalter der jungen aristokratischen Reisenden auf etwa zwanzig Jahre.

Politischer und geistesgeschichtlicher Hintergrund dieser Entwicklung war die Etablierung des absolutistischen Gesellschafts- und Verfassungsgefüges. Im 16. Jahrhundert hatten humanistische Gelehrte die Funktionen der fürstlichen Verwaltung und des Rechtswesens vorgeprägt. Mit der vermehrten Einbeziehung des Adels in den »Fürstendienst« und die Ämter des Hofes, der staatlichen Verwaltung und Diplomatie musste dieser sein ständerechtlich verbürgtes herrschaftliches Ansehen jenen Leistungsanforderungen anpassen, das heißt eine akademische Grundausbildung erwerben und durch Kontakte zur internationalen Adelsgesellschaft höfisch-weltläufige Verhaltensweisen erlernen. Orte des Studiums und Praktizierens all dieser Künste und Wissensgebiete waren die Ritterakademien und die Reisen in die führnehmsten Länder, Städte, Schlösser … Europae – wie der Titel eines zeitgenössischen Handbuches bezeichnenderweise lautet.

Im Allgemeinen dauerte eine derartige Tour mehrere Jahre. Zurückgekehrt galt der adelige Zögling als fähig, eine Karriere in Militär, Diplomatie oder Verwaltung zu beginnen. Um es modern und provokativ zu formulieren: Die Adelsgesellschaft des 17. und 18. Jahrhundert war einem vereinten Europa sehr viel näher, als es die dürftigen Erfolge der Brüsseler Technokraten für unsere Zeit versprechen. Man muss sich erinnern: Das Ancien Régime war keine Welt der Nationalstaaten, sondern der Dynastien. Neben den dynastischen Verbindungen und einer französisch orientierten Kultur war es vor allem die Kavalierstour, welche diese im 17. und 18. Jahrhundert bereits fragil gewordene Welt zwischen Paris, Kopenhagen, Warschau und Neapel verband. Aus kultur- und kunsthistorischer Perspektive sind die einschlägigen Berichte eine Fundgrube vielfach verlorenen Wissens: Wie in den Reiseanleitungen, den sogenannten Apodemiken, und den Reiseführern gefordert, enthalten auch viele hier ausgewählte Reisebeschreibungen mehr oder weniger ausführliche Schilderungen über Besuche von Raritäten Cabinets und deren Sammlungen, von Gemälden und von Antiquitäten, natürliche[n] und künstliche[n] Raritäten, wie 1785 Karl von Zinzendorf im »Teutschen Merkur«, der von Wieland herausgegebenen, bekanntesten und erfolgreichsten literarisch-kulturellen deutschen Zeitschrift des späten 18. Jahrhunderts, notiert.

Der Beginn dieser Entwicklung lag im 16. Jahrhundert. Bernhard von Hirschfeld, Hans Ludwig von Lichtenstein oder Hans Johann von Hürnheim, die Protagonisten des sich mit den Reisen in der Epoche des Humanismus beschäftigenden Abschnitts, wurden in eine Zeit des Übergangs hineingeboren. Ungeachtet ihres militärischen und politischen Zerfalls im späten Mittelalter blieben verschiedene ritterliche Lebensformen und Haltungen auch in der Epoche der Frühen Neuzeit erhalten und lebendig. Sie wirkten massiv auf das in Frankreich, England und Italien entwickelte Adelsideal des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, wie auf den neuen Typen des honnête homme, cortegiano oder gentleman. In diesem Konzept des Adels als vera nobilitas erscheint das richtige Handeln nicht nur als das im Leben und Wirken demonstrierte moralisch Gute beziehungsweise Gerechte und Rechtschaffene, sondern vor allem als wissens- und kenntnisgeleitet. Zur methodischen Einübung der Rollenmerkmale der adeligen Standespersonen, der habitualisierten »Tugendübungen« und der Verpflichtung zu ruhmwürdigen Taten gehörte nun auch unabdingbar eine »Gelehrsamkeit« beziehungsweise nobilitas erudita. Der mehr und mehr in den absolutistischen Staatsdienst Eingebundene kann auf diese nobilitas erudita je nach Schwerpunkt weder in Form von Gesetzeskunde (in der verwaltenden Herrschaftsausübung), Staatenkunde (im diplomatischen beziehungsweise auswärtigen Dienst) noch militärischem Fachwissen (als Offizier) verzichten. Gerade die Kavaliersreise bot eine der bevorzugten Gelegenheiten, das theoretisch Erworbene mit Erfahrungswissen zu bereichern. Von Anbeginn war diese Form des Reisens als zutiefst »soziale« Erfahrung konzipiert. Der Gelehrte Peter Ambrosius Lehmann empfiehlt 1736: Die Curiosität eines Reisenden aber muß sich nicht nur begnügen lassen, die Raritäten der leblosen Dinge zu untersuchen. Er muß auch den gelehrten Leuten Visiten geben, und solche Personen besuchen, die in einer Kunst oder Wissenschaft excelliren.

Von einem übergeordneten historischen Blickwinkel aus betrachtet, stehen die im ersten Abschnitt dieses Buches präsentierten Abenteuer an der Wende zum allmächtigen, Verwaltung und Leben seiner Bürger streng ordnenden Nationalstaat und zu einem die Welt nach seinen Vorstellungen formenden Europa. Als die Reisenden dieser Epoche geboren wurden, waren die Reichsstände im gesamten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und die alte Ordnung bereits durch aufstrebendes Bürgertum, neue merkantile Konzepte, Luthers Reformation und die schwindende Kraft des Kaisertums geschwächt. Es ist die Periode, in der gerade der süddeutsche Raum durch die Aktivitäten der Fugger, Welser, Tucher, Baumgartner oder Hochstetter durch die sich anbahnenden Glaubenskriege und die habsburgische Weltmachtpolitik einschneidende religiöse, ökonomische und politische Veränderungen erlebte. Die Formen und Ziele des aristokratischen Reisens sind dafür kulturhistorisch und mentalitätsgeschichtlich eindrucksvolle Dokumente. Eine nähere Betrachtung dieser Aufenthalte an den italienischen Universitäten und Akademien, dem spanischen und dem französischen Hof, in den merkantilen niederländischen und englischen Metropolen, der Johanniterresidenz Malta, eine Untersuchung der Wahrnehmung der Ungläubigen im Osmanischen Reich und der heiligen Stätten des Christentums im Nahen Ostens lohnt sich also nicht allein aus der Sicht biographischer Recherche, sondern auch im Rahmen einer allgemeinen kulturhistorischen Erforschung dieser entscheidenden Übergangsperiode vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zum Absolutismus und in die Neuzeit.

Von den starren Reglementierungen der späteren streng absolutistisch und zentralistisch regierten Staaten waren diese Formen der Fremderfahrung allerdings noch weit entfernt. Auch im 17. Jahrhundert bot ein Aufbruch in das Ausland noch einen gewissen Freiraum. Wie an den in diesem Buch präsentierten Reisen eines Ahasverus von Lehndorf, Hans Adam von Schöning, Christian August von Holstein-Norburg oder Georg Albrecht von Erbach dokumentiert, konnte es noch zum Ausleben persönlicher Interessen und Sehnsüchte kommen. Bereits eine Generation später hatten die deutschen Landesfürsten des Absolutismus auch das Reisen und Studieren im Ausland reglementiert. Schon während der Kriege mit Frankreich in den 1680er Jahren hatten einzelne Reichskreise und Reichsstände das vom Kaiser erlassene vorübergehende Reiseverbot als willkommenen Akt im Sinne ihrer eigenen merkantilistischen und bildungspolitischen Vorbehalte begrüßt. Selbst als der Frieden im Vertrag von Rijswijk wiederhergestellt war, widerrief etwa Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg das 1689 für seine Untertanen ausgerufene Reiseverbot nicht. Besonders König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der sogenannte Soldatenkönig, widersetzte sich heftig den Reise- und Studienplänen seines Adels. In bester merkantilistischer Tradition sollte es zu keinerlei Kapitalabfluss ins Ausland kommen. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kam es mit den veränderten Modellen des aufgeklärten Absolutismus und staatlich geförderter Wissenschafts- und Forschungsreisen wieder zu einer Liberalisierung des Reisens.

Mit den Reisen Herzog Ferdinand Albrechts von Braunschweig-Lüneburg, des unter dem Pseudonym »Graf von Trausnitz« tourenden bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht von Wittelsbach – des späteren Kaisers Karl VII. – oder der Wilhelmine von Bayreuth liegen uns sogenannte Fürstenreisen vor. Diese weisen einige Elemente auf, die bei den Touren »gewöhnlicher« Aristokraten nicht zu beobachten sind. Häufig legten sich die reisenden Mitglieder der Hocharistokratie ein »offizielles« Inkognito zu. In einem stillschweigenden Übereinkommen wurden auf diese Weise der wahre Status des Reisenden inoffiziell angezeigt und so die Annehmlichkeiten der Kontaktaufnahme zu den ausländischen Würdenträgern ermöglicht, gleichzeitig aber auf den Verhaltenskodex und die damit verbundenen Kosten einer offiziellen Fürstenreise verzichtet. Entsprechend wurden auch die Gastgeber der Pflicht enthoben, die hochgestellten Gäste mit vollem Zeremoniell zu begrüßen und zu betreuen. Der Kulturwissenschaftler Jochen Bepler schreibt zusammenfassend: »Im Prinzip war das Inkognito ein Spiel, das davon lebte, dass die Gesprächspartner die Regeln des Inkognito anerkannten, auch wenn ihnen die wahre Identität des Reisenden durchaus bewusst war.«

Im allgemeinen gilt für das Phänomen der Fürstenreisen oder der Erziehungsreisen von Prinzen, was auch bei der allgemeinen Kavaliersreise zu beobachten ist: In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts näherte sich diese Form des Reisens im mittel- und nordeuropäischen Raum ihrem Ende. In den auf ökonomischem und staatspolitischem Feld noch an traditionellen, feudalen Formen festhaltenden Ländern des katholischen Südens setzten sie sich noch einige Jahrzehnte weiter fort. Gründe für das Ende dieser Form des Reisens nach West- und Südeuropa waren zum einen der Wandel des Bildungsideals und die Verbesserung der einheimischen Universitäten und Akademien, zum anderen das Bestreben der Souveräne der Frühaufklärung, derartige kostenintensive Reisen wegen dem mit ihnen verbundenen bedeutenden Kapitalabfluss in das Ausland einzuschränken.

Mit den im dritten und vierten Abschnitt dieses Buches vorgestellten Reisen eines Johann Hermann von Riedesel oder der Elisabeth von der Recke begeben wir uns nun nicht nur in ein anderes Jahrhundert, sondern nähern uns auch einer anderen Form des Reisens. Der Adelige des späten 18. Jahrhunderts tourt nicht mehr durch Frankreich, England und Italien, um seine weltmännische Erziehung zu vollenden und mit den im Ausland gesammelten Erfahrungen und Kenntnissen seine Karriere in Staatsdienst und Gesellschaft zu beginnen. Das Jahrhundert Voltaires, Rousseaus und Friedrichs des Großen kennt den Adeligen und betuchten Großbürgersohn, der sich aus ganz subjektiven und persönlichen Gründen in die Fremde begibt. Die Reise wird damit zum genießerischen Erleben der Fremde. Vorreiter dieser Bewegung waren die reichen englischen Aristokraten und Kaufmannssöhne, doch Franzosen und Deutsche folgten bald. Ein verbindendes Element gab es: die neu erwachende Faszination der klassischen Antike. So verschieden die Interessen der englischen, französischen, deutschen oder russischen Mittelmeerreisenden der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch waren, fast alle versuchten die neu ausgegrabenen Monumente von Herculaneum und Pompeji und andere bekannte Stätten der römischen und griechischen Kultur in Italien zu besichtigen. Damit gerieten auch die antiken und zuvor kaum besuchten Stätten Siziliens und Griechenlands in das Blickfeld.

Diese neue Form des Reisens beinhaltete jedoch auch politischen Sprengstoff. Nicht wenige Reisende standen in engem Kontakt mit jenen Kreisen, die über Staats- und Regierungsformen der Republiken in der Antike diskutierten, und kannten die staats- und erziehungstheoretischen Studien Montesquieus und Rousseaus. Angeregt von Montesquieus Überlegungen über den Zusammenhang von Volkscharakter und Klima formulierten die Reisenden Beobachtungen über Erscheinung und Mentalität der in der Fremde angetroffenen Frauen und Männer. Es sind diese an den Physiokraten und französischen philosophes sowie an den Überlegungen Winckelmanns geschulten Beobachtungen über das Leben und Schaffen der mediterranen Bevölkerung, an denen sich die Kritik an Institution und Herrschaft der Kirche und am Verhalten der eigenen Kaste entzündete. Reisende wie Johann Hermann von Riedesel reduzierten ihre Rolle während der Sizilien-, Griechenland- und Levantereisen niemals auf die von gewissenhaften Sachwaltern Winckelmanns. Hier macht sich bereits die Sprengkraft der mit der Faszination der Ästhetik antiker Kunst einhergehende Diskussion griechischer und römischer Rechts- und Staatskonzepte für die Betrachtung aktueller Zustände bemerkbar. Bei Riedesel deutet sich bereits an, was sich wenige Jahrzehnte später auf politischer und gesellschaftlicher Ebene gerade in Frankreich und Italien teilweise gewaltsam entladen sollte. Die Kritik entzündet sich vor allem am Vergleich der aktuellen Situation in Italien und Sizilien – mit indirektem Bezug auf die Situation in den deutschen Ländern – mit der antiken Größe und der angeblich reinen demokratischen Staatsform der römischen und griechischen Republiken.

Das 18. Jahrhundert sah also das allmähliche Ende der traditionellen Kavaliersreise. Mit dem veränderten Umfeld der Nationalstaaten des frühen 19. Jahrhunderts hatte sich diese Form des Reisens überlebt. Eigene Landesuniversitäten, starre Verwaltungen, die napoleonischen Kriege und spezifischere Karriereanforderungen ließen den Idealtyp des umfassend gebildeten honnête homme früherer Jahrhunderte zum Anachronismus werden. Viele hier vorgestellten Protagonisten, etwa Ahasverus von Lehndorff oder Otto Friedrich von der Gröben, zählten kaum achtzehn Jahre, als sie zu ihren mehrjährigen Bildungsreisen nach Frankreich, England und Italien aufbrachen. Der Aristokrat des frühen 19. Jahrhunderts benötigt das Reisen nicht mehr, um Grundlagen einer umfassenden Bildung zu erwerben und damit die Voraussetzungen für eine Karriere in Armee oder Verwaltung – er reist zum Pläsier, aus Fachinteresse oder um den Pflichten der Mode und des guten Tons zu entsprechen. Die Reisen beinhalteten nicht mehr Universitäts- oder Akademiebesuche und einen breitgefächerten Kanon der Beobachtung der Bildungs-, Verwaltungs- oder Wirtschaftssysteme des jeweils besuchten Landes, sie konzentrierten sich vielmehr auf das Bestaunen historischer Monumente, auf ästhetische Schauspiele und die Folklore der fremden Regionen. Die Touren des Adels und der Bourgeoisie beinhalteten damit mehr und mehr moderne, »touristische« Elemente. Äußeres Zeichen dafür sind eine merkliche Verkürzung der Reisezeit und die Aufhebung der Unterschiede zwischen den Touren begüterter Vertreter der Bourgeoisie und jenen des Adels. Die hier vorgestellten Reisen der Elisabeth von der Recke, des Herzogs Wilhelm zu Nassau und des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau zeigen die verschiedenen Facetten dieser neuen Formen der Annäherung an die Fremde.

Die Kavaliers- oder adelige Bildungstour war natürlich nicht die einzige Form des frühneuzeitlichen Reisens. Mit der Tradition der Pilgerreise existierte ein weiteres Phänomen, das Bürger und Aristokraten gleichermaßen zu einem Aufbruch in die Fremde motivierte. Wie einige der in diesem Buch vorgestellten Beispiele bezeugen, wurden im 16. und 17. Jahrhundert beide Formen nicht selten kombiniert. Auch die Entwicklung der Pilgerreisen war stark von politischen und sozialen Umständen abhängig. Die hier ausgewählten Reisen eines Hans Ludwig von Lichtenstein, Karl Ferdinand von Rechberg oder Hans Johann von Hürnheim nach Italien, Palästina und Ägypten dokumentieren beispielhaft das Aufeinandertreffen des Alten mit dem Neuen: des säkular motivierten Aufbruchs zu einem Erziehungs- und Studienaufenthalt in der Fremde und einer mittelalterlichen Traditionen folgenden Pilgerreise zum Heiligen Grab. Die hier geschilderten Touren ins Heilige Land stehen daher erkennbar im Spannungsfeld der Zeitenwende vom Humanismus zu den allmählich sich etablierenden Paradigmen der Gegenreformation und Formen barocker Frömmigkeit.

Die reine Pilgerreise nach Palästina in mittelalterlicher Tradition begann nach 1500 merklich zurückzugehen. Der Herausgeber der Reiseaufzeichnungen des nahezu zeitgleich mit Hans Ludwig von Lichtenstein oder Karl Ferdinand von Rechberg den Nahen Osten bereisenden Nürnberger Patriziers Karl Nützel, Anton Ernstberger, notiert für die Reichsstadt Nürnberg: »Schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts nahm die Zahl der aus Nürnberg ins Heilige Land ziehenden Pilger stark ab. Als die Reichsstadt dann lutherisch geworden war, verschwanden die Fahrten, die bisher nur von altkirchlich frommen Gläubigen unternommen wurden, für einige Zeit aus dem Bereich des religiösen Geschehens gänzlich. Erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts tauchte wieder der eine oder andere Nürnberger unter den deutschen Jerusalem- und Orientpilgern auf.«

Die Aufzeichnungen des Nürnberger Hl. Kreuz-Spitals bestätigen diesen allgemeinen Rückgang der Pilgerbewegung. In den Anweisungen des Jahres 1582 für den Spitalmeister wird betont, dass die Hl. Kreuz-Stiftung eigentlich für Pilger bestimmt sei, dieweil aber anjetzo deren wenig mehr vorhanden, mögen arme frembde durchreisende Priester und sonsten arme unverdechtige mans und Weibs Personen … eingelassen werden; jedoch nicht lenger dan ein nacht beherberigen und dass dieselben innerhalb eines monats nicht widerumb ansuchen sollen. Am Ende des Jahrhunderts nimmt die Zahl der deutschen Jerusalempilger – nicht zuletzt als Auswirkung der Gegenreformation – wieder zu.

Auf den ersten Blick erinnern die im ersten Abschnitt des Buches vorgestellten Touren der Herren von Lichtenstein, Hürnheim, Hirschfeld, Rechberg oder Eckher von Käpfing mit den Stationen Venedig, Ragusa (Dubrovnik), Konstantinopel (Istanbul), Tripoli, Damaskus und Palästina an das Muster einer spätmittelalterlichen Pilgerreise in das Heilige Land. Im Allgemeinen hatte eine derartige Reise ihren Ausgangspunkt in Venedig, dem Tor zur Levante. Die gut organisierte Route der Pilgerschiffe hatte sich dabei seit dem hohen Mittelalter kaum verändert und folgte der östlichen Adriaküste nach Kreta und Zypern und endete in den Häfen Jaffa oder Tripoli. Der Landweg über den Balkan und Konstantinopel wurde zwar von manchen Pilgerführern empfohlen, jedoch selten benutzt. Besagter Weg führte von Ragusa landeinwärts über die Balkanhalbinsel nach Konstantinopel und von dort mit dem Schiff zu den Häfen Syriens und Palästinas. Doch waren die Unternehmungen Lichtensteins, Hürnheims, Hirschfelds oder Rechbergs weit mehr als Pilgerreisen. Als Söhne des humanistischen Zeitalters hatten sich die deutschen Ritter von den alten Vorgaben längst emanzipiert. Zwar bereisten sie auch das Heilige Land, doch ging das Spektrum ihrer Beobachtungen weit über Religiös-Biblisches hinaus. Sie interessierten sich für Sitten

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