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Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft

Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft

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Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft

Bewertungen:
4/5 (2 Bewertungen)
Länge:
120 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Feb. 2013
ISBN:
9783867895477
Format:
Buch

Beschreibung

Feridun Zaimoglu hat die wilden und radikal authentischen Bekentnisse junger Männer türkischer Abstammung aus der Sprache dieser 'Kanakster', einer Mischung aus heimatlichen Dialekten und Straßendeutsch, in all ihrer Härte und Poesie in ein lesbares, nahezu hörbares Deutsch übertragen: Ein schriller, anarchischer Kanon der Misstöne aus dem Kosmos von Kanakistan, einem unbekannten Landstrich am Rande der deutschen Gesellschaft - ein veritables und kräftiges Stück Literatur.
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Feb. 2013
ISBN:
9783867895477
Format:
Buch

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Kanak Sprak - Feridun Zaimoglu

Zaimoglu

Kanak Sprak

24 Mißtöne vom

Rande der Gesellschaft

Wie lebt es sich als Kanake in Deutschland, war die Frage, die ich mir und anderen gestellt habe. Kanake, ein Etikett, das nach mehr als 30 Jahren Immigrationsgeschichte von Türken nicht nur Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den »Gastarbeiterkinder« der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz führen.

Es begann damit, daß die Idee einer temporären »Gastarbeit« in Deutschland sich als nicht lebbar herausstellte: »Gastarbeiterkinder« wurden geboren, »Immigranten der zweiten Generation«, die erste Generation der Kanaken. In Deutschland wuchsen sie auf, hier gingen sie zur Schule. In der Schule wurde deutsch, zu Hause türkisch gesprochen. Sie wohnten in engen, schäbigen Verschlägen und kalten Häusern, in denen es von der Decke tropfte und die Wände Risse zeigten. Die Mütter standen den ganzen Tag in der Küche; zeigten die ersten Gebrechen. Die Väter bekamen krumme Rücken, Magengeschwüre und griffen öfter zum Prügelstock. Die Mädchen werden auf ihre traditionelle Rolle als Ehefrau vorbereitet. Ihre prägenden Erfahrungen machen sie aber außerhalb des Elternhauses.

Auf der Straße, im Supermarkt, in der Disco ist von Zumutung die Rede, vom vollen Boot und vom seidenen Geduldsfaden. In den Klassenzimmern wird es still, wenn die »Kümmel« eintreten. Aufgeweckte Kinder werden zu Problemfällen gestempelt und wandern in die Sonderschulen. Die Deutschen versuchen, aus der Misere schlau zu werden. Studien werden in Auftrag gegeben, Statistiken erstellt, die Migrationsforschung zeitigt Ergebnisse: Man spricht von der Ambivalenz, die das Leben in zwei Kulturen mit sich bringe, einem Generationenkonflikt in der türkischen Familie und schließlich vom fehlenden Integrationswillen. Wahlrecht, doppelte Staatsbürgerschaft etc. sind noch nicht einmal öffentliche Themen.

In dieses Klima hinein wird die zweite Kanakengeneration geboren. Sie ist, wie die meisten Deutschen, weit davon entfernt, der Türkei mehr Beachtung zu schenken als einem Urlaubsland. Sie erlebt, wie die alten und erschöpften Gastarbeiter ihre Koffer packen. Viele Türken nehmen das Rückkehrhilfegesetz in Anspruch und ziehen mit der Abfindung in die Heimat zurück, auf daß sich ihr Traum vom Leben noch zu Lebzeiten erfülle. Die Kinder werden aus dem vertrauten Milieu herausgerissen und im Land ihrer Väter und Mütter einer Zwangsassimilation ausgesetzt. Nicht wenige Kinder begehen Selbstmord, viele erkranken auf Dauer psychosomatisch. Sie werden in den türkischen Dörfern und Städten als »Deutschländer« angefeindet.

Die bleiben, wissen davon, wissen, daß sie nicht zurückkehren können. Auf das ungemütlicher, gar bedrohlich werdende Deutschland reagieren türkische Eltern mit der Forderung nach unbedingter Treue zur Tradition, mit dem Bekenntnis zum Gastarbeiter-Ethos in den Ghettos. Manche entdecken die Religion neu. Eine mögliche Assimilation erstickt im Korsett deutscher Paragraphen. Der Weg in die endgültige Auflösung der Gruppe, die nie eine homogene »Ethnie« gewesen ist, ist vorgezeichnet. Als selbstbewußtes Individuum aber existiert der Kanake auch nur auf dem Paßfoto. Er lebt in dem Gefühl, minderwertig zu sein, fehlzugehen oder auf Abwege zu geraten. Manch einer wandert als krankes Exotikum in die geschlossene Abteilung: Impotenz als freiwillige Selbstverstümmelung, Depressionen, Schizophrenie. Die draußen bleiben, sind einer neuen Form modischer Vereinnahmung ausgesetzt: dem Märchen von der Multikulturalität.

Der Kanake taugt in diesem Falle als schillerndes Mitglied im großen Zoo der Ethnien, darf teilnehmend beobachtet und bestaunt werden. »Türkensprecher« gestalten bunte Begleitprospekte für den Gang durch den Multikulti-Zoo, wo das Kebab-Gehege neben dem Anden-Musikpavillon plaziert wird.

Eine weinerliche, sich anbiedernde und öffentlich geförderte »Gastarbeiterliteratur« verbreitet seit Ende der 70er Jahre die Legende vom »armen, aber herzensguten Türken Ali«. Sie verfaßt eine »Müllkutscher-Prosa«, die den Kanaken auf die Opferrolle festlegt. Die »besseren Deutschen« sind von diesen Ergüssen »betroffen«, weil sie vor falscher Authentizität triefen, ihnen »den Spiegel vorhalten«, und feiern jeden sprachlichen Schnitzer als poetische Bereicherung ihrer »Mutterzunge«. Der Türke wird zum Inbegriff für »Gefühl«, einer schlampigen Nostalgie und eines faulen »exotischen« Zaubers.

Die deutschen Ausländerbeauftragten sind froh, mittels ABM und BSHG 19 eine Stelle gefunden zu haben und stümpern mit dem Viertelwissen ehemaliger Honorarkräfte vor sich hin. Aber schon um einen Namen für seine Klientel ist man verlegen: »Gastarbeiterkind«, »ausländischer Mitbürger« oder eben doch »Türke«? Der Volksmund weiß es besser: Er spricht vom »Kümmel« und »Kanaken«.

Den Kanaken schiebt man Sitten und Riten zu wie einen Schwarzen Peter. Von außen betrachtet kommen sie nur als amorphe Masse von Lumpenproletariern vor, die man an Äußerlichkeiten und »spezifischen Eigenarten« zu erkennen glaubt. Auch wenn sie zu einer endgültigen Entscheidung gezwungen würden, die Kanaken suchen keine kulturelle Verankerung. Sie möchten sich weder im Supermarkt der Identitäten bedienen, noch in einer egalitären Herde von Heimatvertriebenen aufgehen. Sie haben eine eigene innere Prägung und ganz klare Vorstellungen von Selbstbestimmung. Sie bilden die eigentliche Generation X, der Individuation und Ontogenese verweigert worden sind.

Längst haben sie einen Untergrund-Kodex entwickelt und sprechen einen eigenen Jargon: die »Kanak-Sprak«, eine Art Creol oder Rotwelsch mit geheimen Codes und Zeichen. Ihr Reden ist dem Free-Style-Sermon im Rap verwandt, dort wie hier spricht man aus einer Pose heraus. Diese Sprache entscheidet über die Existenz: Man gibt eine ganz und gar private Vorstellung in Worten.

Die Wortgewalt des Kanaken drückt sich aus in einem herausgepreßten, kurzatmigen und hybriden Gestammel ohne Punkt und Komma, mit willkürlich gesetzten Pausen und improvisierten Wendungen. Der Kanake spricht seine Muttersprache nur fehlerhaft, auch das »Alemannisch« ist ihm nur bedingt geläufig. Sein Sprachschatz setzt sich aus »verkauderwelschten« Vokabeln und Redewendungen zusammen, die so in keiner der beiden Sprachen vorkommen. In seine Stegreif-Bilder und -Gleichnisse läßt er Anleihen vom Hochtürkisch bis zum dialektalen Argot anatolischer Dörfer einfließen. Er unterstreicht und begleitet seinen freien Vortrag mimisch und gestisch. Die reiche Gebärdensprache des Kanaken geht dabei von einer Grundpose aus, der sogenannten »Ankerstellung«: Die weit ausholenden Arme, das geerdete linke Standbein und das mit der Schuhspitze scharrende rechte Spielbein bedeuten dem Gegenüber, daß der Kanake in diesem Augenblick auf eine rege Unterhaltung großen Wert legt. Ballt der Kanake beispielweise die rechte Faust, um sie blitzschnell zu öffnen und die Hand zu fächern, will er seine Mißbilligung oder seine Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Streicht er sich mit einem angefeuchteten Zeigefinger über eine Augenbraue, so möchte er seine Kompetenz oder einen gelungenen Spruch anerkannt wissen. Und über die einzelne charakteristische Gebärde hinaus signalisiert der Kanake: Hier stehe ich und gebe mit allem, was ich bin, zu verstehen: Ich zeige und erzeuge Präsenz.

Weil sich die Kanak Kids in den Straßen bewegen, sprechen sie einen sich laufend weiterentwickelnden symbolischen Jargon, der häufig als blumige Orientalensprache mißverstanden wird. Dieser Folklore-Falle mußte meine Nachdichtung entgehen. Deshalb enthält die deutsche Übertragung nur die Anrede »Bruder« und nicht gözüm (mein Auge), gözümün nuru (mein Augenlicht) oder vieles andere. Der Kanake sagt, wörtlich übersetzt, »Haßhand teilt gerne aus, bricht sich aber viele Knochen« und meint »wer von Haß erfüllt ist, greift ohne Rücksicht auf Verluste zur Gewalt«. Der Kanake sagt »Gott fickt jede Lahmgöre« und meint »wenn man weiterkommen will, muß man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen«. Dies war bei der Nachdichtung ebenso zu berücksichtigen wie die Tatsache, daß der Kanake nicht mit einem »stino«-Sproß aus gutbürgerlichen Kreisen gleichgesetzt werden darf, der four-letter words kultiviert und mit der Bierdose in der Hand vor einem Kaufhaus »anzuecken« versucht.

Die folgenden »Protokolle« sind in einem Zeitraum von anderthalb Jahren entstanden. Sie sind das Produkt »detektivischer« Nachforschungen im »Milieu«, im Kiez der Männer. Am öffentlichen Leben in den Szenen der Kanaken-Ghettos nimmt hauptsächlich der Mann teil, der Frau dagegen wird bedeutet, sie habe sich aus der männlichen Welt herauszuhalten. Sie steht unter Hausarrest, von der Außenwelt abgeschnitten und für jeden Fremden, somit auch für mich, unerreichbar. Ich tauchte ab in den »Lumpen-Hades«, suchte den Kanaken auf in seinen Distrikten und Revieren, Ghetto-Quartieren und Stammplätzen, in seinen Verschlägen und Teehäusern. Es war nicht einfach, gegen das anfängliche Mißtrauen anzukämpfen, das der Kanake »dem Studierten« gegenüber empfindet. Vertrauensbildende Maßnahmen waren vonnöten, um ihn davon zu überzeugen, daß ich ihn nicht »an die Alemannen verkaufe«. Erst nach Tagen und Wochen vorsichtigen Kennenlernens traf man sich zum ersten richtigen persönlichen Gespräch. Ich stellte die eine schlichte Frage: Wie lebt es sich hier in deiner Haut? Sie sprachen aufs Band, manchmal machte ich mir Notizen oder behielt, wenn sich eine sofortige Niederschrift situationsbedingt verbot, das Gesagte im Gedächtnis. Zudem prägte ich mir das nonverbale Umfeld der Kanak-Sprak ein, das reiche Repertoire an Mimik und Gebärden. Ich verbrachte viel Zeit mit den Befragten, um einen stimmigen Gesamteindruck zu gewinnen.

Um in eine der Kanak-Szenen eingeführt zu werden, benötigt man einen »Bürgen«, der den Nimbus eines »sauberen görs« besitzt, auf den man sich hatte bereits öfter verlassen können. Er begleitet den Neuling und stellt ihn seinen Brüdern als »unseresgleichen« vor, als einen, der »uns nicht wesensfremd« ist. Danach muß sich der Neue allein im Milieu behaupten. Die Brüder überzeugen sich von seiner Kodextauglichkeit, und erst wenn er sich als »reinperson« und »taffmann« erwiesen hat, kann er Fragen stellen. Ein Beispiel: In einem Cafe treffen sich junge Kanaken zum Billard, an Wochenenden

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