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Die Weisheit im Körper: Der biodynamische Ansatz der Craniosacral-Therapie

Die Weisheit im Körper: Der biodynamische Ansatz der Craniosacral-Therapie

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Die Weisheit im Körper: Der biodynamische Ansatz der Craniosacral-Therapie

Länge:
572 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Feb 1, 2013
ISBN:
9783790510188
Format:
Buch

Beschreibung

Diese lange erwartete Veröffentlichung von Die Weisheit im Körper in deutscher Sprache bietet eine umfangreiche Einführung in den biodynamischen Ansatz der Craniosacral-Therapie: Eine manuelle Therapiemethode, die ihre Wurzeln in den osteopathischen Traditionen der Medizin hat und die auf die Lebenskräfte des Körpers und die intrinsische Ganzheit vertraut.

Michael Kern stellt dar, wie es möglich ist, die eingeschlossenen Kräfte und angestauten Belastungen des Lebens, die den Krankheitsmustern und Leiden von Geist und Körper zu Grunde liegen, aufzulösen.

Die Weisheit im Körper ist ein außerordentlich wertvolles Nachschlagwerk für Studenten, Therapeuten und all jene Leser, die das natürliche Bestreben des Körpers nach Heilung verstehen möchten.
Freigegeben:
Feb 1, 2013
ISBN:
9783790510188
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Weisheit im Körper - Michael Kern

Kern

 1 Geschichte und Entwicklung der Craniosacral- Therapie

Würmer würden kein lebendes Holz essen,

in dem der Saft des Lebens fließt;

Rost behindert nicht das Öffnen eines Tores,

wenn die Scharniere jeden Tag benutzt werden.

Bewegung bringt Gesundheit und Leben.

Stagnation bringt Krankheit und Tod.

(Sprichwort aus der Traditionellen Chinesischen Medizin)

1.1 Die Anfänge

Ich bin fest davon überzeugt, dass Fleisch und Blut weiser sind als der Intellekt. Das Körperunbewusste ist der Ort, an dem das Leben in uns wallt. Es lässt uns spüren, dass wir lebendig sind, lebendig bis in die Tiefen unserer Seele und irgendwo in Kontakt mit den lebendigen Bereichen des Kosmos stehen.

D.H. Lawrence

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts untersuchte ein Abschlussstudent der Osteopathie namens William Garner Sutherland im Schullabor einen Satz voneinander getrennter menschlicher Schädelknochen. So wie allen Studenten dieser Zeit war auch ihm beigebracht worden, dass sich die Schädelknochen erwachsener Menschen nicht bewegen, weil ihre Suturen (Knochennähte) miteinander verwachsen. Sutherland fiel jedoch auf, dass die Knochen, die er in seinen Händen hielt, offenbar mühelos voneinander zu trennen gewesen sein mussten.

Wie die Kiemen eines Fisches

Während er sich einige der schrägen Kanten der Suturen ansah, auch die der Schläfen- und Scheitelbeine, hatte Sutherland eine Eingebung, die sein weiteres Leben veränderte und ihn wie ein Blitz traf (Abb. 1.1) (Magoun 1976). Ihm kam die Idee, dass diese Knochennähte wie die Kiemen eines Fisches aussahen und für irgendeine Form von Atembewegung entworfen worden waren. Er verstand weder, woher dieser Gedanke kam, noch war ihm seine Tragweite bewusst, doch er ging ihm nicht mehr aus dem Kopf (Sutherland 1991).

Abb. 1.1 Schräge Kante der Sutur zwischen Schläfen- und Scheitelbein.

Getreu seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung suchte Sutherland nach Beweisen dafür, dass sich Schädelknochen nicht bewegten, so wie er es gelernt hatte. Er schlussfolgerte, dass, wenn die Schädelknochen sich bewegten und diese Bewegung verhindert werden könnte, Auswirkungen feststellbar sein müssten. Also entwarf er einen Helm aus Leinenbändern und Lederriemen, die er in verschiedenen Positionen festziehen konnte, um auf diese Weise jede potenzielle Form der Schädelbewegung zu verhindern.

Die Bewegung der Schädelknochen

Er führte Experimente an seinem eigenen Kopf durch und zog die Riemen erst in die eine und dann in die andere Richtung fest, wovon er innerhalb kurzer Zeit Kopfschmerzen und Verdauungsbeschwerden bekam. Da diese Reaktion nicht seinen Erwartungen entsprach, beschloss er, weiter zu forschen, um mehr herauszufinden. Einige seiner Versuche mit dem Helm führten zu ziemlich schweren Symptomen wie Enge im Schädel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Verwirrtheit. Erstaunlicherweise nahm er ein Gefühl großer Entlastung und eine verbesserte Zirkulation im Schädel wahr, sobald er die Riemen des Helmes in anderen Positionen festzog, er (Sutherland 1967).

Nach vielen Monaten des Manipulierens an seinen eigenen Schädelknochen mit unterschiedlichsten Folgen beendete Dr. Sutherland schließlich seine Forschung, denn er hatte sich davon überzeugen können, dass sich die Schädelknochen Erwachsener tatsächlich bewegen. Zudem hatte er am eigenen Leib erfahren, dass die Schädelbewegungen eine wichtige physiologische Funktion haben mussten. Sutherland widmete die letzten fünfzig Jahre seines Lebens damit, die Bedeutung dieser Bewegung zu erforschen.

Erkenntnisse aus der Historie und aus anderen Kulturen

Obwohl in den meisten westlichen Ländern die Beweglichkeit der Schädelknochen abgestritten wurde, war diese Idee anderen Kulturen nicht fremd. Es existieren verschiedene asiatische Medizinrichtungen, wie z.B. die Akupunktur und Ayurveda, die schon lange von den subtilen Bewegungen im Körper wissen und ihren Ursprung im Fluss der Lebenskraft bzw. in der Lebensenergie sehen. Dieses Wissen war auch schon in der russischen Lehre der Physiologie ein traditioneller Bestandteil, und in Italien lehrten die Anatomen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, dass die Schädelnähte Erwachsener nicht vollständig zusammenwachsen, sondern lebenslang kleinste Bewegungen zulassen (Sperino o.J.).

In Indien übte man seit Jahrhunderten Manipulationen am Schädel aus, und auch die alten Ägypter und Angehörige der peruanischen Paracus-Kultur (2000 v. Chr. bis 200 n. Chr.) entwickelten entsprechende Behandlungsmethoden (Milne 1995). Der Philosoph und Wissenschaftler Emmanuel Swedenborg beschrieb im 18. Jahrhundert eine rhythmische Bewegung des Gehirns, die sich in regelmäßigen Zyklen von Ausdehnung und Kontraktion zeigt (Swedenborg 1938).

Die Atmung des Gewebes

Bereits zu Beginn seiner Untersuchungen bemerkte Dr. Sutherland, dass er ein unwillkürliches System von „Atmung in den Geweben erforschte, das für die Erhaltung der Gesundheit von Bedeutung ist, und dass dessen Fähigkeit, Bewegung auszudrücken, lebendiges von totem Gewebe unterscheidet. Er spürte, dass alle Körperzellen eine rhythmische „Atmung zeigen müssen, um optimal funktionieren zu können. Viele seiner Forschungsergebnisse waren das Resultat aus der Kombination profunder Anatomiekenntnisse mit einem feinen Tastsinn und seiner Wahrnehmungsfähigkeit. Er entdeckte, dass die subtilen Atembewegungen mit feinfühligen Händen zu ertasten sind und dass diese Bewegungen viele klinische Informationen liefern.

Ein interdependentes System

Dr. Sutherland erkannte, dass die Bewegung der Schädelknochen in engem Zusammenhang mit anderen Geweben steht und dass das Membransystem, das mit den Schädelknochen an deren Innenseite durchgehend verbunden ist, ein wesentlicher Bestandteil dieses Phänomens ist. Ebenso bedeutsam war seine Feststellung, dass das zentrale Nervensystem und die cerebrospinale Flüssigkeit (C.S.F.), in der das Gehirn schwimmt, eine rhythmische Bewegung zeigen. Teil dieses Systems ist auch das Kreuzbein über seine duralen Verbindungen zum Schädel. Auf diese Weise existiert im Innersten des Körpers eine wichtige „Infrastruktur, die aus Flüssigkeiten und Geweben besteht und eine sich gegenseitig beeinflussende, feine, rhythmische Bewegung ausdrückt. Als Dr. Sutherland tiefer in die Ursprünge dieser Rhythmen eintauchte, fiel ihm auf, dass nicht von außen einwirkende muskuläre Kräfte für diese Bewegung verantwortlich sind. Er schloss daraus, dass sie von einer „Lebenskraft hervorgerufen werden müssen, die dem Körper innewohnt. Diese Kraft bezeichnete er als Breath of Life, den Atem des Lebens, ein Begriff aus der biblischen Schöpfungsgeschichte (Sutherland 1967).

1.2 Der Breath of Life

Stellen Sie sich vor, Sie wären eine elektrische Batterie.

Die Elektrizität scheint die Kraft zu besitzen, Sauerstoff zu entzünden

oder zu verteilen, woraus wir belebenden Nutzen ziehen.

Wir fühlen uns gut, wenn sich die Elektrizität frei durch unser ganzes

System bewegen kann. Ist sie an mancher Stelle abgeschnitten,

hat dies Blockierungen zur Folge.

Dr. A. T. Still (1981)

Die dem Körper innewohnende Lebenskraft, den Breath of Life, betrachtete Dr. Sutherland (1967) als Antriebskraft oder Zündfunken hinter den von ihm entdeckten Rhythmen. Andere Therapeuten bezeichneten diese Kraft auch als den Atem der Seele im Körper, in Anspielung auf die Quelle dieses Phänomens. Man geht davon aus, dass der Breath of Life eine feine, aber dennoch starke Kraft, die so genannte Potency, in sich trägt, die feine Rhythmen generiert, wenn sie in den Körper eintritt (Sutherland 1991).¹ Dr. Sutherland erkannte, welch außerordentlich wichtige Rolle die C.S.F. für den Ausdruck und die Verteilung der Potency des Breath of Life spielt. Wenn die Potency von der C.S.F. aufgenommen wird, entsteht eine gezeitenartige Bewegung, die man auch als longitudinale Fluktuation bezeichnet. Dieser Bewegung kommt eine große Bedeutung bei der Verbreitung des Breath of Life im Körper zu. Solange sie sich ausdrücken kann, ist der Mensch gesund.

Ausdrucksformen von Gesundheit

Dr. Sutherland ging davon aus, dass die Potency des Breath of Life eine grundlegende „Intelligenz in sich trägt. Seinen Erkenntnissen zufolge kann der Behandelnde diese intrinsische Kraft zur Unterstützung der Gesundheit wirkungsvoll einsetzen (Sutherland 1967). Die Potency überträgt die lebensnotwendige „Blaupause der Gesundheit, die auf zellulärer Ebene als grundlegendes und kraftvolles Ordnungsprinzip wirkt und für das ordnungsgemäße Funktionieren aller Körpersysteme wichtig ist. Ähnliche Konzepte finden sich auch in vielen traditionellen Therapieformen, die ebenfalls ihr Augenmerk auf die ausgewogene Verteilung der Lebenskräfte im Körper richten.²

In einem gesunden System, das sich durch natürliche, ausgewogene und kräftige Rhythmen auszeichnet, wird das lebensnotwendige ordnende Prinzip im Körper harmonisch verteilt. Die rhythmischen Bewegungen sind in erster Linie ein Zeichen der Gesundheit; sie gewährleistendie Verteilung des ordnenden Prinzips des Breath of Life im Körper. Bewegungseinschränkungen können deshalb weit reichende Folgen haben. Aus diesen Überlegungen ergeben sich zwei Grundannahmen der Craniosacral-Therapie:

Leben drückt sich als Bewegung aus.

Es gibt eine eindeutige Beziehung zwischen Bewegung und Gesundheit.

Dr. Harold Magoun (1951), ein Student und Kollege von Dr. Sutherland, beschrieb das intelligente Wirken des Breath of Life wie folgt:

„Alles Leben offenbart sich in Energie oder Bewegung. In gewisser Weise kann es ohne Bewegung nur den Tod geben. Zudem ist Bewegung wesentlich für die Funktion. Die Bewegung muss jedoch intelligent und zielgerichtet sein, damit sich der lebendige Organismus der Umwelt gegenüber erfolgreich behaupten kann. Folglich muss diese Bewegung von einer höheren Instanz geführt und dirigiert werden. Diese universelle Intelligenz muss hinunter zu jeder einzelnen Zelle oder zum einzelnen Organismus geführt werden. Sonst gäbe es nur Chaos. Aber was ist diese höhere Intelligenz? Wie findet diese Übertragung statt? Niemand weiß es gewiss. Sicher ist, dass es sich bei dieser Intelligenz oder bei diesem ‚Etwas’ um eine positive und unwiderlegbare Tatsache handelt, die von den größten Wissenschaftlern der Welt immer wieder hervorgehoben wird."

Die Primäre Respirationsbewegung

Dr. Sutherland nannte das zusammenhängende System aus Geweben und Flüssigkeiten im Inneren des Körpers den „Primären Respirationsmechanismus" (P.R.M., Abb. 1.2). Da die subtile rhythmische Bewegung dieser Gewebe nicht der willkürlichen Kontrolle der Muskeln unterliegt, wird dieser Mechanismus manchmal auch als „unwillkürlicher Mechanismus bezeichnet. Den Ausdruck „primär verwendete Sutherland, weil diese Bewegung allen anderen Bewegungen zu Grunde liegt und sie eine Manifestation des Lebensstroms selbst ist. Jede Zelle zeigt diese Primäre Respirationsbewegung, im Folgenden Primäratmung genannt, ihr ganzes Leben lang. Viele verschiedene Symptome und Krankheiten sowohl auf körperlicher als auch psychischer Ebene können auf Störungen in der Primäratmung zurückgeführt werden.

Der Körper zeigt natürlich weitere wichtige Rhythmen wie etwa den Herzschlag oder die Lungenatmung. Obwohl auch sie lebenserhaltend sind, stellen sie sekundäre Bewegungen dar, da sie nicht die Hauptursache für den Ausdruck von Leben im Körper sind. Ohne den Breath of Life wären diese anderen Rhythmen nicht vorhanden. Deshalb wird die Lungenatmung manchmal auch als „sekundäre Atmung bezeichnet (Sutherland 1967).

Abb. 1.2 Der Primäre Respirationsmechanismus (P.R.M.).

Den Beweis für die Existenz der Primäratmung bekam Dr. Sutherland bereits zu Beginn seiner Arbeit: In den 1920er Jahren hielt er sich in einem Landhaus am Lake Erie in den Vereinigten Staaten auf. Eines Tages herrschte am Seeufer Aufruhr, als ein Ertrunkener, der zu viel illegal gebrannten Alkohol getrunken hatte, aus dem Wasser gezogen wurde. Als Dr. Sutherland das Ufer erreichte, lag der Mann auf dem Boden und zeigte keine normalen Lebenszeichen wie Atmung und Herzschlag mehr. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, waren fehlgeschlagen. Nach kurzem Überlegen platzierte Dr. Sutherland seine Hände seitlich am Kopf des Mannes und löste eine schaukelnde Bewegung der Schläfenbeine aus, um die Primäratmung zu stimulieren (Sutherland 1967). Er hatte Erfolg, und innerhalb weniger Sekunden setzten Atmung und Herzschlag wieder ein, der Mann kam zu Bewusstsein und erholte sich vollständig. Für Dr. Sutherland bestätigte diese Erfahrung, welch ungeheure Kraft die Arbeit mit dem Breath of Life hat.

Lebenserhaltung durch den Breath of Life

Routinierte Yogis, die scheinbar magische Meisterleistungen vollbringen, beschreiben in zahlreichen, glaubwürdigen Berichten ebenfalls die Bedeutung dieser Kraft für die Erhaltung der Gesundheit. Die Yogis lassen sich bis zu sieben Tage ohne Zugang zu Luft, Wasser, Nahrung oder Licht eingraben, sie sind überzeugt, dass sie nicht nur auf Grund der Lungenatmung am Leben bleiben. Stattdessen halten sie ihre Körperfunktionen offenbar durch tiefe Meditation und Bewusstsein aufrecht. Es scheint, als ob sie viele der sekundären physiologischen Körperfunktionen vorübergehend unterbrechen und sich dabei den primären Ausdruck des Breath of Life bewahren können. Ihr Überleben hängt also von ihrer Fähigkeit ab, mit diesem lebensspendenden Grundprinzip in Kontakt zu bleiben.

Der Ausdruck des Breath of Life auf zellulärer Ebene ist eine elementare Grundvoraussetzung für Gesundheit, denn wenn die Rhythmen des Breath of Life unterdrückt oder eingeschränkt werden, werden das grundlegende, ordnende Prinzip des Körpers behindert und die Gesundheit gefährdet. Das wichtigste Anliegen der Craniosacral-Therapie ist deshalb, diese rhythmischen Ausdrucksformen der Gesundheit zu stärken. Dies geschieht, indem der Therapeut auf sanfte Weise der Primäratmung hilft, sich in träge gewordenen Bereichen voll wiederherzustellen.

1.3 Die Verbreitung der Methode

Die Natur heilt, der Doktor pflegt.

Paracelsus

Dr. Sutherland entwickelte verschiedene therapeutische Ansätze, mit deren Hilfe die immanente Kraft des Breath of Life nutzbar gemacht und Einschränkungen der Primäratmung gelöst werden können. In den 1930er Jahren begann er andere Osteopathen auszubilden, was er unermüdlich bis zu seinem Tod im Jahr 1954 fortsetzte. Der größte Teil der damaligen Osteopathen lehnte seine Arbeit zunächst ab, da sein Denkansatz einige lang gehegte Überzeugungen in Frage stellte. Die klinischen Ergebnisse waren jedoch so oft derart beeindruckend, dass sich eine kleine Gruppe osteopathischer Kollegen um ihn scharte, die bei ihm studieren wollten. In den 1940ern bot die erste osteopathische Schule in den USA einen Aufbaukurs namens „Osteopathy in the Cranial Field" unter der Anleitung von Dr. Sutherland an, und kurz darauf folgten weitere Kurse. Dieser neue Zweig der Osteopathie wurde als Craniale Osteopathie bekannt, und als sich ihr guter Ruf ausbreitete, bildete Sutherland weitere Lehrer aus, um die steigende Nachfrage zu decken. Die angesehensten Mitglieder dieser frühen Lehrerschaft waren Dr. Viola Fryman, Edna Lay, Howard Lippincott, Anne Wales, Chester Handy und Rollin Becker.

Doch heute wird die Methode Sutherlands von einigen osteopathische Kollegen noch immer nicht gelehrt und kann häufig nur als Aufbaukurs studiert werden, weshalb viele praktizierende Osteopathen sie nicht anwenden. Das Angebot an solchen Aufbaukursen nahm in den letzten Jahren jedoch zu.

Dr. John Upledger

Mitte der 1970er Jahre war Dr. John Upledger der erste Therapeut, der auch Personen ohne osteopathische Ausbildung in einigen dieser therapeutischen Fertigkeiten unterrichtete. Dr. Upledgers Faszination für die Thematik der Primäratmung wurde geweckt, als er während einer chirurgischen Rückenoperation assistierte. Man bat ihn, einen Teil des duralen Membransystems, welches das Rückenmark umhüllt, beiseite zu halten, während der Chirurg eine Kalkablagerung entfernen wollte. Zu seiner Verlegenheit war Upledger nicht im Stande, die Membran festzuhalten, weil sie sich unter seinen Fingern andauernd rhythmisch bewegte (Upledger 1991).

Dr. Upledger nahm an einem Aufbaukurs in Cranialer Osteopathie teil und begann daraufhin selbst klinisch zu forschen. Im Laufe der Jahre entwickelte er sowohl einige klare und praktisch anwendbare Betrachtungen zur Wirkung von Traumata auf den P.R.M. als auch einen Ansatz für die Arbeit mit traumatischen Erfahrungen, der Körper und Geist umfasst, die so genannte Methode des Somato-Emotional Release. Dr. Upledger trug viel dazu bei, die Craniosacral-Therapie auf der ganzen Welt bekannt zu machen.

Als Dr. Upledger mit seiner Lehrtätigkeit für Therapeuten ohne osteopathische Vorbildung begann, begegnete er großem Widerstand unter den Mitgliedern dieses Berufszweiges, denn diese meinten, dass eine vollständige osteopathische Ausbildung als Grundlage für die Ausübung der craniosacralen Methode notwendig sei. Viele Osteopathen sind nach wie vor dieser Auffassung, und dieses Thema ist immer noch Grund für Diskussionen und Auseinandersetzungen. Viele sehen in der Craniosacral-Therapie aber eine eigenständige, im Gesundheitswesen eingegliederte Therapieform, die nicht die alleinige Domäne der Osteopathen bleiben muss. Unabhängig von der osteopathischen Ausbildung, sind gute Anatomie- und Physiologiekenntnisse und Wissen über medizinische Diagnosen unerlässlich, um die craniosacrale Arbeit behutsam und kompetent anwenden zu können. Außerdem braucht es die Zeit und eine fundierte Ausbildung, um die entsprechenden Fertigkeiten zu entwickeln. Seit einigen Jahren bieten bedauerlicherweise auch viele unzureichend ausgebildete Personen die Craniosacral-Therapie an.

Die Craniale Osteopathie und die Craniosacral-Therapie

Dr. Upledger prägte den Ausdruck „Craniosacral-Therapie, als er anfing, eine größere Gruppe von Studenten zu unterrichten. Mit dieser Bezeichnung wollte er die von ihm entwickelten, therapeutischen Ansätze von anderen unterscheiden. Außerdem konnte die Bezeichnung „Cranialer Osteopath nicht von Therapeuten, die keine osteopathische Ausbildung absolviert hatten, getragen werden.

Häufig begegnet mir die Frage nach dem Unterschied zwischen Cranialer Osteopathie und Craniosacral-Therapie? Obwohl es sich laut Dr. Upledger (1995) um zwei verschiedene Methoden handelt, sind die Unterschiede nicht so offensichtlich. Ihre Wurzeln sind dieselben, und sie haben vieles gemeinsam, aber es entwickelten sich unterschiedliche Zweige. Eine Vielzahl therapeutischer Fertigkeiten wird inzwischen sowohl von Osteopathen als auch von Therapeuten ohne osteopathische Ausbildung eingesetzt, so dass weder die Craniale Osteopathie noch die Craniosacral-Therapie exakt definiert werden können. Was man jedoch sagen kann, ist, dass Craniosacral-Therapeuten in der Praxis oft direkter mit den emotionalen und psychischen Aspekten einer Krankheit arbeiten. Ich werde in diesem Buch den Ausdruck „craniosacral" verwenden, um alle Bestandteile der Arbeit, von den frühen Pionieren der Cranialen Osteopathie bis hin zu den neueren Entwicklungen, zu beleuchten – ich tue dies in dem Bewusstsein, mich damit auf politisch glattes Parkett zu begeben.

Biodynamik und Biomechanik

Die „biodynamische Craniosacral-Therapie betont die Arbeit mit jenen ursprünglichen Kräften, die unser „Funktionieren bestimmen. Der Fokus des biodynamischen Ansatzes, auf den sich dieses Buch bezieht, ist darauf ausgerichtet, diese organisierenden Kräfte auf kooperative und respektvolle Weise sowohl für die Diagnose als auch die Behandlung einzusetzen. Wie später noch erläutert werden wird, hat ist dies nutzbringend für Diagnose und Behandlung.

Im Gegensatz dazu richtet die „Biomechanik" ihr Augenmerk stärker auf die Ergebnisse oder Folgen dieser organisierenden Kräfte (z.B. Gewebespannungen im Körper), anstatt sich direkt auf die dahinter liegenden Kräften selbst zu beziehen. Biomechanisch arbeitende Therapeuten setzen relativ aktive Behandlungstechniken ein. Man könnte sagen, dass biomechanische Behandlungen eher von außen nach innen ablaufen, während biodynamische Behandlungen von innen nach außen wirken.

Craniosacrale Biodynamik

In der biodynamischen Craniosacral-Therapie ist man der Ansicht, dass das gesunde Funktionieren des Körpers von der Fähigkeit der Potency des Breath of Life, sich überall frei im Körper bewegen zu können, bestimmt wird (Sutherland 1991). Dieses Verständnis steht in direkter Verbindung zu den bahnbrechenden Ansichten Dr. Sutherlands, der in seinen letzten Lebensjahren seine Aufmerksamkeit interessanterweise mehr und mehr auf die direkte Arbeit mit der Potency als therapeutischem Werkzeug richtete (Sutherland 1967). Er erkannte, dass Gesundheit eine Folge der Wiederherstellung des Ausdrucks dieser Lebenskraft ist. Dr. Rollin Becker, Dr. James Jealous und Franklyn Sills trugen wertvolle Erkenntnisse zur Funktionsweise dieser Naturgesetze bei, die unsere Gesundheit maßgeblich steuern.

Das Interesse an der craniosacralen Arbeit hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, und die Craniosacral-Therapie wird inzwischen in vielen Ländern rund um die Welt gelehrt und ausgeübt. Da die Arbeit häufig keinen klaren gesetzlichen Rahmen hat, wurden in vielen Ländern Berufsverbände gegründet, die entsprechende Verhaltensregeln zur Qualitätssicherung aufstellten. Im Adressverzeichnis am Ende dieses Buches (s. S. 319) finden Sie eine Kontaktadresse, über die Sie weitere Informationen zur biodynamischen Craniosacral-Therapie, zu Praktizierenden sowie zu Ausbildungen und Seminaren erhalten können.


¹ Anmerkung d. Übers.: Bei dem Begriff Potency handelt sich um einen feststehenden Begriff der biodynamischen Craniosacral-Therapie, der übersetzt sowohl Kraft und Energie als auch Potenzial bedeutet.

² Anmerkung des Autors: Dieses Konzept findet sich in chinesischen, ayurvedischen und tibetischen Medizinrichtungen und wurde von Hippokrates als „die heilende Kraft der Natur" bezeichnet.

 2 Das craniosacrale Konzept

Der gleiche Strom des Lebens,

der Tag und Nacht durch meine Adern fließt,

fließt durch die Welt und tanzt in rhythmischen Maßen.

Es ist das gleiche Leben,

das freudvoll durch den Staub der Erde schießt

in losen Gräsern und ausbricht in rauschenden Wogen

von Blättern und Blumen.

Es ist das gleiche Leben,

das in der Ozeanwiege von Tod und Geburt geschaukelt wird,

wie Ebbe und Flut.

Rabindranath Tagore (1913)

2.1 Die drei „Tides"

Das Leben manifestiert sich in einem Ablauf von Fluktuationen:

auf und ab, Hunger, Schlaf, Erwachen, Arbeiten, Ruhen etc.

Wenn wir anfangen, wahrzunehmen,

dass es hinter diesen Fluktuationen etwas Unveränderliches gibt,

dann hören wir auf, uns gestört zu fühlen.

Itsuo Tsuda (1992)

Das craniosacrale Konzept richtet seinen Fokus auf die subtilen Ebenen von Geist, Körper und Seele. Die Basis hierfür bildet das Verständnis für die Arbeit des Breath of Life und seine Bedeutung bei der Verteilung der lebenswichtigen Kräfte der Gesundheit.

In diesem Kapitel werden wir einige Aspekte des ganzheitlichen physiologischen Systems des Breath of Life, des so genannten Primären Respirationssystems (P.R.S.), kennenlernen, wozu wir auch Vergleiche zur modernen Physik und Biologie anstellen werden.

Leben als Bewegung

Wie bereits erwähnt, drückt sich Leben als Bewegung aus, eine fundamentale Wahrheit, die alle lebenden Zellen zeigen. Sie atmen mit dem Breath of Life, der sie vitalisiert und die zahlreichen Funktionen aufrechterhält, die für das Überleben notwendig sind.

Der Breath of Life zeigt sich im Körper in wellenartigen Rhythmen, die sich als feine, willensunabhängige Bewegungen der Flüssigkeiten und Gewebe präsentieren. An dieser Bewegung, die zuerst im Innersten des Körpers nach oben steigt, sind das zentrale Nervensystem, die cerebrospinale Flüssigkeit (C.S.F.) und die umliegenden Membranen und Knochen maßgeblich beteiligt. Die Manifestation dieser Rhythmen im Körper ist ein Zeichen für die erfolgreiche Verteilung des Breath of Life und ein Indikator für gesunde Körperfunktionen.

Abb. 2.1 Die Primäre Inhalation und Exhalation.

Die Rhythmen des Breath of Life laufen in Zyklen ab, die sich durch zwei Bewegungsphasen auszeichnen, die man sich als „Einatmung und „Ausatmung vorstellen kann. Diese Phasen werden als Primäre Inhalation und Primäre Exhalation bezeichnet. In der Inhalationsphase läuft eine feine Bewegung in den Flüssigkeiten und Geweben ab, während der Flüssigkeiten und Gewebe anschwellen und sich gleichzeitig einerseits zu den Seiten hin ausdehnen, also breiter werden, und andererseits auf der anterior-posterioren (sagittalen) Achse schmaler werden. Während der Exhalationsphase geschieht das Gegenteil: eine Bewegung, die in die unteren Teile des Körpers zurückweicht und bei welcher der Körper auf horizontaler Ebene schmäler wird. Der gesamte Ablauf orientiert sich an der Mittellinie des Körpers (Abb. 2.1).

Abb. 2.2 Das Primäre Respirationssystem (P.R.S.).

Diese Bewegungen zeigen sich in allen Körperteilen und produzieren Rhythmen, die wissenschaftlich messbar sind und von sensiblen Händen ertastet werden können. Die Kombination aus einer Inhalations- und einer Exhalationsphase bezeichnet man als Zyklus.

Aus dem innersten Kern unseres Seins entspringen aufeinander folgende Rhythmen, die zu einem ganzen System primärer Respirationsbewegung führen. Bisher wurden drei wesentliche Rhythmen identifiziert, die alle Inhalations- und Exhalationsphasen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausdrücken und als die drei Gezeitenströmungen, die so genannten Tides, bezeichnet werden (Abb. 2.2).

Jede der drei Tides ist eine Manifestation des Breath of Life auf verschiedenen Funktionsebenen und jede einzelne entfaltet sich innerhalb der anderen, wodurch Rhythmen innerhalb von Rhythmen entstehen. Diese Rhythmen sind bekannt als:

Cranialer Rhythmischer Impuls (C.R.I.)

Mid Tide

Long Tide.

2.1.1 Cranialer Rhythmischer Impuls

Bei der Übertragung des Breath of Life in den Körper entsteht eine leicht schaukelnde Bewegung der Flüssigkeiten, Knochen, Membranen und Organe. Einzelne Gewebsstrukturen schaukeln sanft wie Boote auf der Wasseroberfläche. Diese Bewegung, die man als Cranialen Rhythmischen Impuls (C.R.I.) bezeichnet, findet mit einer durchschnittlichen Frequenz von acht bis zwölf Zyklen pro Minute statt. Der C.R.I. ist in erster Linie ein Ausdruck dafür, wie sich einzelne Teile des Körpers in Beziehung zueinander bewegen.

Während jeder Phase des C.R.I. drückt jedes einzelne Gewebe ein spezifisches Bewegungsmuster aus, das oft als craniosacrale Bewegung bezeichnet wird. Die Mittellinienstrukturen des Körpers schaukeln dabei in Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen (Flexion und Extension). Parallel dazu schaukeln die paarigen Strukturen nach außen und innen (Innen- und Außenrotation). Die Flexions- und die Außenrotationsbewegung zeigen sich in der Inhalationsphase des C.R.I.; die Extension und die Innenrotation gehören zur Exhalationsphase. Die Körperflüssigkeiten (d.h. die C.S.F.) zeigen diese Bewegung als longitudinale Fluktuation: Sie steigen während der Inhalation im Köper nach oben und weichen während der Exhalation wieder nach unten in Richtung Füße zurück. Diese Bewegungen sind wie einzelne Wellen, die sich auf einer tieferen Welle fortbewegen. Eine genauere Beschreibung dieser Bewegungsmuster finden Sie in Kapitel 3.

Der C.R.I. ist die äußerste (d.h. auch oberflächlichste) Ausdrucksform des Breath of Life. Er ist das Ergebnis des Aufeinandertreffens unserer tieferen, gesunden Kräfte mit den Konditionierungen oder Erfahrungen, die im Körper festgehalten sind.

Experimentelle Forschung

Der C.R.I. wurde bereits in zahlreichen Experimenten gemessen. Bereits im Jahr 1963 konnte die Osteopathin Dr. Viola Frymann an einem Schädel die winzigen Kontraktions- und Expansionsbewegungen eindeutig aufzeigen (Frymann 1971). Diese Experimente waren die ersten, die eine rhythmische Bewegung der Schädelknochen, die weder mit dem Herzschlag noch der Lungenatmung in Zusammenhang steht, eindeutig wissenschaftlich nachwiesen. Seitdem gelang vielen Forschern die Aufzeichnung und Messung dieses Phänomens. So wurden 1978 in einem Experiment der Pulsschlag und die Lungenatmung zusammen mit Messwerten der feinen rhythmischen Bewegungen an unterschiedlichen Regionen des Kopfes aufgezeichnet (Tetambel et. al 1978). Dank dieser Aufzeichnungen weiß man heute eindeutig, dass der C.R.I. eine von der Herz- und Lungenfunktion unabhängige Bewegung ist.

Die Bewegungen, die durch den C.R.I. entstehen, sind so winzig klein, dass sie nur in Mikrometern anzugeben sind (ein Mikrometer ist ein Tausendstel Millimeter). Die größte an den Suturen gemessene Bewegung beträgt 40 Mikrometer, was der Hälfte der Dicke eines Blatt Papiers entspricht (Milne 1995).

Die Ärzte John Upledger und Zvi Karni führten einen Versuch durch, bei dem sie feine Bewegungen am Kopf und Sacrum aufzeichneten. Sie benutzten dafür hochsensible Dehnungsmessstreifen und maßen Veränderungen im elektrischen Potenzial der Haut (Upledger 1979). Da ihre Instrumente Bewegungsveränderungen aufzeichneten, die auch gleichzeitig über manuelle Palpation festzustellen waren, bestätigten diese Experimente, dass menschliche Hände derart kleine Bewegungen ertasten können.

In anderen Experimenten maß Dr. John Upledger mit Kollegen den C.R.I. bei Komapatienten und Personen mit chronischen neurologischen Erkrankungen. Wieder maßen sie mit den Dehnungsmessstreifen und kontrollierten durch manuelle Palpation. Sie fanden heraus, dass diese Patienten alle einen langsameren C.R.I. aufwiesen, mit einer Frequenz, die nur halb so schnell war wie die eines normalen C.R.I. (Karni et al. 1983). Außerdem konnten Upledger und Karni auch nachweisen, dass die rhythmischen Bewegungen im gesamten Körper zu spüren sind.

Übung zum Erspüren der Rhythmen am eigenen Körper

Vielleicht können Sie diese Bewegungen an Ihrem eigenen Kopf erspüren. Suchen Sie sich für die folgende Übung einen ruhigen, bequemen Sitzplatz und legen Sie Ihre Hände behutsam und leicht auf Ihrem Kopf. Berühren Sie mit den Handinnenflächen die Seiten Ihres Kopfes so sanft, dass die Hände gerade noch in Kontakt sind (Abb. 2.3.). Vielleicht fällt Ihnen diese Position leichter, wenn Sie sich im Sitzen etwas nach vorne beugen und Ihre Ellbogen auf den Knien aufstützen.

Nehmen Sie als erstes bewusst Ihren Herzschlag und dann Ihre Lungenatmung war. Prüfen Sie, ob Sie noch etwas anderes spüren können. Ihre Aufmerksamkeit richten Sie dazu auf das Gewebe unter Ihren Händen. Vielleicht können Sie eine feine Bewegung wahrnehmen, die langsamer als Ihr Herzschlag und Ihre Atmung ist, und die sich hinter diesen beiden Bewegungen abspielt. Lassen Sie Ihre Hände auf Ihren Schädelknochen schweben, so als ob Ihre Hände sachte auf Korken liegen würden, die auf einer Wasseroberfläche tanzen. Wenn Sie zu fest drücken, hindern Sie die „Korken" am Ausdruck ihrer Bewegungen, also lassen Sie sie schweben. Schaffen Sie in sich selbst einen Raum, der es Ihnen ermöglicht, jegliche Empfindung wahrzunehmen.

Nehmen Sie mit Ihren Händen ein feines Anschwellen und Abschwellen von Flüssigkeit, das einer Wellenbewegung ähnelt, wahr? Dies könnte die longitudinale Fluktuation der C.S.F. sein. Spüren Sie, wie sich die Korken zu den Seiten hin ausdehnen und wieder zusammen ziehen? Dies könnte die Außen- und Innenrotation der seitlichen Schädelknochen sein. Vielleicht spüren Sie auch eine Atmung im Gewebe, die so genannte Motilität.

Abb. 2.3 Palpation des eigenen Rhythmus.

Unterschiedliche Frequenzen

Die Frequenz des C.R.I. ist im Vergleich zu Herzschlag und Atmung relativ stabil und schwankt nicht so stark aufgrund von Einflüssen aus unserer Umgebung. Herz und Lunge zeigen, abhängig vom Aktivitäts- oder Ruhezustand, große Frequenzunterschiede, denn sie reagieren auf Veränderungen in der Umgebung und auf intensive Emotionen. Herz und Lunge passen sich zwar deutlicher sichtbar an, aber auch die Frequenz des C.R.I. kann sich als Reaktion auf die Lebensumstände verändern. Diese Schwankungen weisen darauf hin, dass sich etwas auf einer tieferen Funktionsebene verändert hat. Der C.R.I. wird beispielsweise häufig bei akuten Krankheiten und bei Fieber schneller. Durch diese Beschleunigung wird das ordnende Prinzip des Breath of Life, das in den Rhythmen enthalten ist, besser verfügbar. Auch wenn jemand Angst hat oder sich in einem hyperaktiven Zustand befindet, beschleunigt sich sein C.R.I. Dagegen verlangsamt sich der Rhythmus tendenziell bei chronischer Müdigkeit oder Erschöpfung, bei Depressionen und bei andauernden Kopfschmerzen oder Erkältungen. Auch Bewegungseinschränkungen im Gewebe (so genannte Restriktionen), die im Gewebe festgehalten sind, beeinflussen den C.R.I. deutlich. Im Vergleich zu den tieferen Rhythmen des Breath of Life, zur Mid Tide und zur Long Tide, ist die Frequenz des C.R.I. relativ instabil.

Der C.R.I. liefert uns ein Abbild dafür, wie unsere Gesundheit an äußere Einflüsse gekoppelt ist. Das macht ihn zu einem nützlichen Messinstrument für mentale, emotionale und physiologische Muster. Die Palpation des C.R.I. eignet sich also, um den Grad von Gesundheit oder Krankheit sowohl in psychischer als auch in physischer Hinsicht einzuschätzen.

Der Ursprung von Bewegung

Innerhalb unseres Berufsstandes gab es immer wieder zahlreiche Diskussionen darüber, was genau der Ursprung der rhythmischen Impulse sei. Manche Therapeuten meinen, dass diese in Folge der zyklischen Produktion und Resorption der C.S.F. entstehen (eine genauere Beschreibung dieser Vorgänge finden Sie in Kapitel 3). Andere sind der Meinung, dass der Ursprung in der Bewegung des zentralen Nervensystems liege, oder dass der C.R.I. von unwillentlichen Muskelkontraktionen erzeugt werde, die zur rhythmischen Bewegung der Schädelknochen und des zentralen Nervensystems führen (Milne 1995). Wieder andere gehen von einer Kombination unterschiedlicher Faktoren aus, inklusive der Lungenatmung und der arteriellen Pulsation. In der Entrainment Theorie (Theorie der Frequenzkopplung) wird von einer Vereinigung unterschiedlicher Bewegungen und Pulsationen gesprochen, die von beiden beteiligten Personen, dem Therapeuten und dem Patienten, hervorgebracht werden (McPartland und Mein 1997). Laut dieser Theorie entsteht ein kohärenter Rhythmus, wenn beide Pulsationen miteinander in Gleichklang kommen.

Obwohl eindeutig weiterer Forschungsbedarf auf diesem Gebiet notwendig ist, besteht trotzdem kein Zweifel daran, dass die rhythmische Bewegung real und palpierbar ist. Welche Mechanismen auch immer den C.R.I. produzieren oder verbreiten, es bleibt die Frage bestehen, was diesen Mechanismus antreibt. Wenn wir den tatsächlichen Ursprung dieser Bewegung finden wollen, gibt es einen guten Grund zu der Annahme, dass ihr eine lebensnotwendige Kraft, nämlich die Potency des Breath of Life, zu Grunde liegt. Da dieser Zusammenhang in der mechanisch ausgerichteten Craniosacral-Therapie häufig nicht berücksichtigt wird, möchte ich ihn an dieser Stelle noch einmal betonen.

Zusammenfassend ist zu sagen: Die oberflächlichste, rhythmische Ausdrucksform des Breath of Life ist der so genannte Craniale Rhythmische Impuls (C.R.I.). Die meisten Praktizierenden machen auf dieser Ebene ihre ersten Erfahrungen mit der Primäratmung, und viele Therapeuten richten auch später das Augenmerk ihrer Arbeit auf diesen Rhythmus. Es gibt jedoch eine tiefere und langsamere, rhythmische Bewegung, die dem C.R.I. zu Grunde liegt.

2.1.2 Mid Tide

Viele Craniosacral-Therapeuten begegnen in ihrer Arbeit diesen langsameren gezeitenartigen Rhythmen, die hinter dem C.R.I. liegen und seine Antriebskraft darstellen (Sills 2001, Becker 1997, Jealous 1996). Auch sie drücken sich in Zyklen von Inhalation und Exhalation aus, und obwohl diese Rhythmen noch etwas feiner als der C.R.I. sind, sind auch sie palpierbar. Einer dieser speziellen Rhythmen ist die Mid Tide („mittlere Gezeitenströmung"), die eine Frequenz von ungefähr 2,5 Zyklen pro Minute hat (Sills 2001). Der biodynamische Ansatz der Craniosacral-Therapie richtet sein Hauptaugenmerk auf diese tieferen Tides und deren Ursprung.

Die Mid Tide ist eine wesentliche Ausdrucksform unserer Gesundheit, da sie die verfügbare Bio-Energie bzw. die biodynamische Potency überträgt, die den Körper vitalisiert. Während der Inhalation steigt die Mid Tide im Körper auf und dehnt sich zu den Seiten hin aus – eine Bewegung, die sowohl die Potency als auch gleichzeitig die Flüssigkeiten und Gewebe miteinbezieht. Sie alle atmen zusammen wie „ein Ding". In der Exhalationsphase bewegt sich die Mid Tide den Körper entlang nach

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