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Schuhe für Ruth: Roman

Schuhe für Ruth: Roman

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Schuhe für Ruth: Roman

Länge:
275 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 25, 2013
ISBN:
9783709975183
Format:
Buch

Beschreibung

Ruth liebt Schuhe. Allerdings kann sie sich als alleinerziehende Mutter nur selten neue leisten. Der Vater ihrer Kinder ist über alle Meere und zahlt keine Alimente. Auch sonst sind die Freiheiten eingeschränkt: das Jugendamt hat ein Auge auf Ruth, dann schneit eines Tages eine Betreuerin ins Haus - die sportliche Nadine soll die Kinder von ihrem Übergewicht befreien.
Wozu Widerstand leisten, wenn alle nur das Beste wollen? Ruths Leben bekommt tatsächlich neuen Schwung. Sie lernt einen netten Mann kennen.
Kann Ruth ihm trauen? Kann sie sich selbst trauen und ihrer Freundschaft mit Gabriele? Gibt man sich mit dem Glück der kleinen Leute zufrieden oder wagt man das Große, wagt man den Schritt über die Grenze, wagt man die Liebe?
Herzenswarm und klug, pointiert und mit viel Sinn für Ironie beschreibt Irene Prugger Ruths Blick auf die Welt - ein Lesevergnügen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 25, 2013
ISBN:
9783709975183
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Schuhe für Ruth

Buchvorschau

Schuhe für Ruth - Irene Prugger

Verlag

Teil I

1

Lange bevor Ruth sich fragte, wie man Menschen und Dinge verschwinden lässt, fragte sie sich, wie es wäre, selbst zu verschwinden: in die Kiste steigen, ein schwarzes Tuch überwerfen und sich auflösen vor den Augen des staunenden Publikums.

Natürlich war dem Magier nicht zu trauen: Mit einer kleinen Verbeugung brachte er die Zuschauer um alles, was ihnen teuer war: Uhren, Medaillons und Perlenketten. Einer Frau zauberte er das Kind vom Schoß. Es tauchte Sekunden später auf der anderen Seite der Bühne wieder auf.

„Es ist nicht dasselbe Kind", behauptete Gabriele.

„Da würde die Mutter aber protestieren", meinte Ruth.

Freiwillige für die Schwebenummer? Ruth ließ die Hand hochschnellen. Der Blick des Magiers glitt über sie hinweg. Man glaubte schon, er würde zur Abwechslung jemanden von weiter hinten erwählen, aber dann schnappte er sich wieder ein paar Eifrige aus den vorderen Reihen.

„Sie sind eingeweiht, sie gehören zum Team. Sonst würde er dich auf die Bühne holen, wir sitzen ja direkt vor seiner Nase", sagte Gabriele.

Ruth dagegen vermutete einen praktischen Grund: Mit zwanzig Kilo Übergewicht kommt man nicht leicht ins Schweben.

Am Höhepunkt der Show zerstückelte der Magier seine Assistentin mit einer Handsäge. Wenig später winkten die Arme der Frau aus einer winzigen Pappschachtel, während ihre Beine auf der anderen Seite der Bühne vom obersten Tritt einer Leiter schlenkerten. Nach einer effektvoll inszenierten Panne – der Kopf saß verkehrt herum auf dem Körper – setzte er die Frau wieder ordnungsgemäß zusammen und sie lächelte ihr bezauberndes Assistentinnenlächeln. „Schöner als vorher", meinte anerkennend ein Mann hinter Ruth.

Zum Schluss, als die Kaninchen kamen, fragte Gabriele: „Muss das sein? Die Nummer kenne ich zur Genüge."

„Nun warte doch erst einmal ab", sagte Ruth.

Es ertönte ein Tusch, der Magier hob die Hand, im selben Augenblick stürmten zwei junge Männer auf die Bühne und entfalteten ein Transparent. Die Aufschrift lautete: „Artgerechte Haltung im Zylinder?"

Während zwei Security-Leute einen der beiden Störenfriede nach draußen führten, hielt der Magier den zweiten am Kragen gepackt. Indessen hüpften am verwaisten Pult abseits der Scheinwerferkegel Kaninchen aus dem Zylinder, zuerst zögerlich – fünf, zehn Kaninchen, dann zwanzig und mehr –, und hoppelten in den Saal. Tumultartiger Lärm brach los, die Zuschauer drängten zum Aufbruch. Ein Mann in der ersten Reihe hielt ein zappelndes Kaninchen an den Ohren und sah sich um.

Ruth hob unwillkürlich die Füße. „Und was jetzt?"

„Wenn er auch nur einen Funken Anstand hat, zaubert er alle wieder in den Hut zurück", sagte Gabriele.

Er tat es nicht. Die Show war zu Ende. Sicherheitsbeamte sorgten für einen geordneten Abgang. Im Foyer wurden die eingefangenen Tiere in rasch herbeigeschaffte Kisten gestopft. Eine Frau trug so selbstverständlich ein Kaninchen unterm Arm, als hätte sie es zur Vorstellung mitgebracht. Ruth überlegte, für die Kinder eines mitzunehmen, aber wo sie wohnte, waren Haustiere verpönt. Außerdem schien es, als wären es lauter übergeschnappte Kaninchen, mit denen man nicht viel Freude haben würde.

Später im Restaurant meinte Gabriele, es sei schon länger bekannt, dass der Meister der Magie bei der Kleintierhaltung nicht pingelig sei. Er hielte die Tauben und Kaninchen in viel zu engen Käfigen. Die Tiere bekämen nicht einmal geeignetes Futter.

Gabrieles Bemerkung erinnerte Ruth, dass sie hungrig war. Ein Blick auf die Speisekarte genügte um festzustellen, dass sie es hier auch bleiben würde. Sie hatte noch ungefähr zwanzig Euro im Portemonnaie.

„Ich nehme den Kalbsbraten. Und du?", fragte Gabriele.

„Bloß Suppe."

„Hast du denn damit genug?"

„Ich denke schon."

„Schade, ich hätte dich gerne eingeladen."

Zu spät, dachte Ruth. Sie sagt es immer eine Sekunde zu spät.

Als Gabriele sich über Kalbsbraten und Kartoffeln hermachte, kaute sie bedächtig wie eine Kuh. Zwischen ihren Zähnen hatte sich ein Stückchen Petersilienblatt verfangen. Es hielt sich hartnäckig bis zur Nachspeise, die sich Gabriele zu Feier des Tages gönnte. Sie gönnte sich immer alles zur Feier des Tages, selbst wenn es nichts zu feiern gab. Es war gleichbedeutend mit ihrem Lieblingsspruch: Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. Für Ruth war das nicht nur ein abgeschmacktes, sondern auch ein frustrierendes Lebensmotto. In der Regel konnte man spätestens um zehn Uhr vormittags, nachdem der Briefträger die Post gebracht hatte, jede Hoffnung begraben.

„Schmeckt’s?"

Gabriele nickte, tupfte sich mit der Serviette an die Lippen und behauptete, abgesehen von diesem Vorfall sei die Show unspektakuläres Mittelmaß gewesen. „Ich kann mir nicht vorstellen, was dir an diesem Taschentrickkünstler gefällt."

Jetzt bloß keine übereilte Antwort, dachte Ruth, das Petersilienblatt im Blick. Man meint Verehrung und Achtung und sagt aus Versehen Verachtung.

„In einem Interview hat er beteuert, dass er die Tiere ordentlich hält."

Gabriele legte das Besteck zur Seite, fasste nach Ruths Hand und tätschelte sie. „Dir kann man wirklich alles erzählen!" In ihrem blauen Kostüm mit der durchbrochenen Goldlitze am Kragen sah sie aus wie eine degradierte Beamtin.

Die Boulevardzeitungen des nächsten Tages schrieben von einem Skandal. Ein Foto auf einer Titelseite zeigte den Magier mit schauriger Miene, ein anderes, wie er den Tierschützer am Kragen gepackt hält. Auf kleineren Bildern die traurigen Augen der in den Kisten zusammengepferchten Kaninchen. Der Tierschutzverein hatte bereits Anzeige erstattet.

Ruth empfand Mitgefühl für den Magier. Gerade jetzt hätte sie sich ihm gern als Freiwillige zur Verfügung gestellt.

Allerdings war auch sie nicht in bester Form.

2

Verreisen ist die angenehmste Art zu verschwinden. Doch dazu reichte das Geld nicht. Und welches Ziel hätte Ruth ansteuern sollen? Als junges Mädchen war sie in Gedanken auf ferne Inseln mit versteckten Stränden geflüchtet. Sie schwamm gerne, weil ihr das Wasser Auftrieb gab, doch sich im Badeanzug sehen zu lassen war eine Qual. Im Schwimmbad lag sie regungslos im Schatten, und wenn der sich verzog, lag sie regungslos in der Sonne und riskierte einen Sonnenbrand, statt aufzustehen, ihre Decke zu nehmen und sie an einem besseren Platz auszubreiten.

Florian stolperte ausgerechnet im städtischen Freibad über sie.

„Joijoi, was liegt denn da im Weg?"

Sein rauer Charme war wind- und wettergegerbt. Er hatte jahrelang als Techniker auf Frachtschiffen gearbeitet, bevor er sich für einen Job bei einer Logistikfirma in seiner Heimat entschied. Der Reisende aus Passion wollte sesshaft werden. Am besten mit einer Frau, die wusste, wo sie hingehörte. Warum nicht gleich mit einer Frau, die sich kaum vom Fleck rührte. Sie kamen einander gerade recht. Ruths Neugier auf die Welt war groß, aber theoretischer Natur. Wenn sie nebeneinander lagen, den Plafond einer billigen Absteige im Auge, erzählte er ihr von seinem Leben auf dem Schiff und dachte sich für sie schöne Reisen aus, von denen die meisten im Hafen der Ehe endeten. Dabei spürte er die sensibelsten Zonen ihres Körpers auf, bezeichnete ihre Schenkel als rosige Schinken, küsste ihre Ohren und meinte: „Ich kenne niemanden, der so gut zuhören kann wie du!"

Weil sie fürchtete, die Enge einer Schiffskabine nicht zu ertragen, lehnte Ruth es ab, auf eine gemeinsame große Fahrt zu gehen. Immerhin ließ sie sich dazu bewegen, mit Florian in eine andere Stadt zu ziehen, zweihundert Kilometer von ihrem Heimatort entfernt und ebenfalls ohne direkten Zugang zum Meer.

Wie viele angepasste Menschen war Ruth im Grunde schwer zu beeinflussen, sie konnte überall zuhause sein und bewahrte sich auch in der Beziehung zu Florian mehr Unabhängigkeit, als Außenstehende vermutet hätten. Möglicherweise setzte ihm das zu. Er begann, sich nächtelang in Lokalen herumzutreiben. Geheiratet hätte sie ihn trotzdem gerne, bloß schlief er nun meistens ein, bevor er seine Geschichten zu einem glücklichen Ende brachte. Schließlich machten die Umstände Druck, Ruth wurde schwanger. Als sie erfuhr, dass sich Zwillinge ankündigten, freute sie sich, weil ihnen das Schicksal gleich die doppelte Portion Glück zugeteilt hatte.

„Zwei?, fragte Florian. „Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal für dich?

Das so selbstverständlich hingesagte „für dich" ließ Ruth nicht stutzig werden. Sie war daran gewöhnt, dass alle sie in ihrer Lebenstüchtigkeit unterschätzten. Vier Monate vor Flos und Vanessas Geburt packte er seinen Seesack und brach noch einmal zu einer Reise auf. Drei Wochen hätte sie dauern sollen, inzwischen zog sie sich Jahre hin. Zu Anfang traf ein Abschiedsbrief mit vagen Erklärungen ein, aus dem nicht hervorging, ob der Abschied für immer gedacht sei. Er schrieb, er sehe sich vorläufig nicht imstande, so viel Verantwortung zu übernehmen, aber er werde ihr Geld zukommen lassen. Danach kamen in unterschiedlichen Abständen Ansichtskartengrüße aus Indien, Australien, Südamerika und dem Rest der Welt. Seit dem zweiten Jahr seines Verschwindens stand auf den Karten immer bloß Florians Name zu lesen, als könne der Name allein einen Menschen in Erinnerung rufen.

Ihre Eltern, die alles vorausgesehen hatten, drängten Ruth, den Schwerenöter, der sich gewiss mit einer anderen Frau aus dem Staub gemacht hätte, zu vergessen und mit den Kindern nach Hause zu kommen. Allein würde sie es doch nicht schaffen. Ruth aber wollte nicht mehr ins Elternhaus zurück. Der Bevormundung endgültig entwachsen, spann sie ihre eigenen Thesen, inspiriert von einer Serie abenteuerlicher Vermisstengeschichten eines Wochenmagazins. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau dahinter steckte, aber ganz sicher war sie nicht. Die Schiffe in Florians Erzählungen hatten stets Frauennamen gehabt.

Bis die Kinder zwei Jahre alt waren, langten überraschend regelmäßig und in vorgeschriebener Mindesthöhe die Alimente auf dem Konto ein, dann war plötzlich Ebbe. Der Gesetzmäßigkeit der Gezeiten entsprach das genauso wenig wie der gesetzlichen Regelung zur Unterhaltspflicht. Trotzdem war Florian nicht restlos untergetaucht: Noch immer kamen Ansichtskarten an seine alte Adresse.

Ruth klebte sie in geradlinigen Reihen an eine Wand in der Küche. Kleine Inseln inmitten eines überschwappenden Ozeans. Die Kinder sollten sich ein Bild davon machen, welche Meere ihr Vater befuhr. Für Fernweh hatte Ruth durchaus Verständnis und wenn es ihn am anderen Ende der Welt ergriff, kam er eines Tages vielleicht wieder zurück.

Der kommt nicht wieder und recht hat er, wenn man sie so ansieht, sagten die Leute hinter Ruths Rücken.

Im Erdboden versinken wäre eine Möglichkeit.

Das Gefühl, gut für die Kinder zu sorgen, hatte Ruth vor allem dann, wenn sie schwere Einkaufstaschen nach Hause schleppte und die Mahlzeiten zubereitete. Zugegeben nicht immer die gesündesten. Die Kinder mochten knusprig gebratenes Fleisch und Süßes und sie war froh, wenn sie aßen und satt wurden. Diäten hielt sie nie lange durch. Vor leeren Tellern war der ganze Tag nicht ausgefüllt.

Als Vanessa und Flo in den Kindergarten kamen, verschaffte ihr Gabriele eine Halbtagsstelle in der städtischen Leihbibliothek, wo ihr die Ruhe gefiel und die überschaubare Ordnung. Zuhause, in diesem Sammelsurium unterschiedlichster Gebrauchsgegenstände, geriet oft alles durcheinander. Außerdem war das Flüstern und Raunen in der Bibliothek ein anderes als jenes, das sie manchmal hinter ihrem Rücken vernahm. In die labyrinthartigen Räume mit ihren tausenden still flirrenden Welten einzutauchen war fast so gut wie verschwinden. Ruth begeisterte sich wieder fürs Lesen und legte an Gewicht zu. Dass Lesen schlank macht, hatte sie ohnedies nicht erwartet.

Mit der Zeit hörte sie auf, mit dem Schicksal zu hadern. Sie hatte kein schlechtes Gewissen, wenn sie Vanessa und Flo erlaubte, nachmittags vorm Fernseher zu sitzen, während andere Mütter ihre Kinder von einem Privatunterricht zum nächsten zerrten und von einer Sportstunde zur nächsten schubsten. Wegen Hyperaktivität brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Im Übrigen waren es durchaus neugierige, aufgeschlossene Kinder. In der Schule hielten sie sich im mittleren Drittel, und dass es beim Sport nicht so lief, gefiel zwar den Sportlehrern nicht, doch auf deren Trillerpfeifenkommandos brauchte zum Glück außerhalb des Unterrichts niemand zu hören.

„Es sind wunderbare Kinder, bestätigte Taufpatin Gabriele, „allerdings sind sie zu dick, das sieht man mit freiem Auge.

„Veranlagung, behauptete Ruth. „Gegen Veranlagung kannst du nichts machen.

Dann schneite eines Tages wieder eine Beraterin ins Haus. Es sah aus, als steckte diesmal die Schule dahinter, die Frau deutete das jedenfalls an. Volksschulen schienen neuerdings Horte umfassender Volkserziehung zu sein, wo außer den arglosen Eltern jedes greifbare Element ins pädagogische Konzept einbezogen wird – Omas und Opas, Zweiterzieher, Stiefgeschwister, Freunde der Familie, Freundin des Vaters, Freundin der Mutter, Freund der Mutter, nahe Angehörige, entfernte Verwandte, Haustiere und Kinderärzte.

„Es geht um die Kinder", sagte die Beamtin, die unangemeldet kam, aber dennoch etwas korrekt Offiziöses ausstrahlte und einen Ausweis vorzeigte. Mit diesem Satz wird in allen Sprachen der Welt Druck ausgeübt.

„Stimmt was nicht mit den Kindern?"

„So kann man das nicht sagen."

„Also stimmt was nicht mit ihnen!"

„Sie sind, na ja, ein bisschen übergewichtig."

„Ach, das wächst sich aus!"

„Mag sein. Aber vielleicht sollte man nicht so lange warten." Der Blick auf Ruths Rundungen war unmissverständlich.

„Ich denke, unser Gewicht ist unsere Sache", sagte Ruth, ihrer Meinung nach sehr überzeugend.

Die Frau schob einen Fuß in die Tür. Gewiss, meinte sie und ihre langen, silbernen Ohrgehänge blitzten geschäftig, aber es gäbe jetzt Maßnahmenpakete zur Unterstützung der Volksgesundheit, ein kostenloses Angebot des Gesundheitsministeriums als Gratisvorsorge gegen Folgekrankheiten, und es wäre gewissermaßen unverantwortlich … Im hallenden Stiegenhaus machten sich ihre Worte treppauf, treppab in die verschiedenen Stockwerke auf, wo hinter den dünnen Wänden die Nachbarn bequem mithören konnten.

Ruth hob abwehrend die Hand. „Wir kommen gut zurecht. Wir brauchen nichts. Wir kaufen niemandem etwas ab. Wir spenden nichts. Wir treten keiner Partei bei und wechseln auch nicht die Religion. Es wäre mir lieber, wenn Sie jetzt gehen würden!"

„Ich sagte doch, dass es um die Kinder geht!"

Minuten später saß die Frau in Ruths Küche und sah sich um. Aus dem Wohnzimmer drang das Geknalle von Schüssen. Die Kinder gaben sich sonst lieber mit singenden Zwergen und lustigen Kobolden ab, meistens jedenfalls. Manchmal sahen sie sich auch diese Schreckensfiguren mit den zackigen Schädeln an oder die Schlitzohren mit den abgesäbelten Ohrläppchen; sie lachten, wenn die Trickfilmmaus in den Stromkreis und die Trickfilmkatze unter die Rolltreppe geriet und plattgedrückt wurde wie ein stufenförmig ausgelegter Teppich. Es waren ganz normale Kinder. Doch das war hier wohl nicht als Verteidigung vorzubringen. Was dann?

„Ich liebe meine Kinder!"

„Daran besteht kein Zweifel."

„Ich sorge gut für sie. Es fehlt uns an nichts. Natürlich, es fehlt der Vater. Ich habe versucht, ihn zu ersetzen, nicht durch andere Väter, nur durch mich selbst, was leider nicht möglich ist … nun ja, alles, was ich sagen kann: Ich führe ein anständiges Leben."

Was einen moralischen Lebenswandel betraf, wäre Ruth zwangsläufig nicht schlecht ausgestiegen. Aber darauf legt heutzutage das Amt keinen Wert. Mindestens einmal pro Quartal erkundigte sich eine Sozialarbeiterin, wie Ruth verhüte. Wenn sie sagte, es sei nicht nötig, behauptete die Frau, es sei immer nötig, vor allem, wenn man keinen festen Partner habe, und ließ als Abschiedsgeschenk eine Gratispackung Kondome auf dem Tisch liegen, die mit ihren fahlen Hautfarben nicht einmal als Dekoration für Kindergeburtstage zu gebrauchen waren.

Es gehe nicht um Moral, sondern um eine vernünftige Lebensweise, um die Veränderung von Gewohnheiten, erklärte die Beamtin. Man müsse lernen, Essen nicht als Belohnung und Zuwendung einzusetzen. Gefragt sei Bewegung in frischer Luft, ein bisschen Sport und gesunde Ernährung. Die Familie bekomme kostenlos für zehn Monate eine Betreuerin zur Verfügung gestellt. Diese werde gemeinsam mit Ruth einen Ernährungs- und Bewegungsplan ausarbeiten und auch praktische Hilfe erteilen.

„Sie wollen für Ihre Kinder doch nur das Beste, nicht wahr?"

Das darauf folgende Schweigen ließ den Zweifel ziemlich groß werden.

Ruth kaufte ein, kochte, probierte neue Rezepte aus, wog ab und würzte, richtete an, servierte und fütterte auch, wenn es sein musste. Das war doch ebenfalls Zuwendung. Die Kinder waren gesund und hatten einen gesunden Appetit. Zugegeben, ein wenig mehr Unternehmungsgeist hätte nicht geschadet, aber sonst lief hier alles in geordneten Bahnen. Oder fiel ein harmonisches Zusammenleben nicht ins Gewicht?

„Vielleicht geben Sie uns einfach einen kleinen Vertrauensvorschuss?" Die Beamtin schob sich mit einer lässigen Bewegung die Haare zurecht, wobei sich eines ihrer silbernen Ohrgehänge in einer Strähne verfing. Nicht dass Ruth etwas am Aussehen dieser Frau gelegen wäre, aber es störte die Symmetrie. Nervös begann sie an ihren eigenen, schmucklosen Ohren zu zupfen, erst am einen, dann am anderen, worauf sich die Beamtin ihrerseits ans Ohr fasste. Der Silberanhänger baumelte nun wieder frei.

„Was ist, wenn die Kinder nicht mitmachen wollen?"

Die Frau lächelte nachsichtig. „Kinder sind Kinder. Dabei sollten wir es belassen."

3

Ruth war durchaus gewillt, sich einer fachkundigen Autorität unterzuordnen, vor allem, wenn man ihr den Glauben ließ, die Wahl zu haben. Aber hatte sie die Wahl? Das Amt führte Aufzeichnungen über sie, soviel war sicher, auch wenn niemand solche erwähnt hatte. Gabriele meinte, es könne nicht schaden, neue Impulse und praktische Hilfe zu bekommen. „Ich denke, es wird allmählich Zeit, dass du deine Zukunft und die deiner Kinder in die Hand nimmst. Oder etwa nicht?"

Statt zu antworten, schob Ruth sich ein Stück Kuchen in den Mund.

Sie hatten sich diesmal in der Konditorei vis à vis des neuen Fitnesscenters getroffen. Ruth wollte es sich zumindest einmal ansehen. Das ging von außen so gut wie von innen. Die Fassade der Vorderseite war vollständig verglast und einsichtig wie ein Puppenhaus. In den verschiedenen Auslagen mühten sich Menschen an Heimtrainern, Ergometern, Steppern und Laufbändern ab. Einige der Trainierenden trugen Kopfhörer. Es war anzunehmen, dass sie Musik hörten oder Bänder mit Durchhalteparolen abspulten. Wahrscheinlich hätten die meisten bei einem Marathon mitlaufen können, aber es sah aus, als wendeten sie vergebens ihre Energie dafür auf, die kleine Strecke über die Straße bis zur Konditorei zurückzulegen.

Man konnte nicht wegsehen, den Kaffee und die Süßigkeiten genießen, in einer Zeitschrift blättern, sich miteinander unterhalten, man war gezwungen, hinzustarren auf die sich abplagenden Körper. Die Gespräche passten sich den Lauf- und Tretrhythmen an und stockten, als sei jemand vom Zusehen außer Atem gekommen. Auch Gabriele schaute fasziniert hinüber.

„Abnehmen beginnt im Kopf", sagte sie und schob energisch die Reste ihres Kuchens zur Seite.

Ruth nickte. Ja, diesen Eindruck hatte sie auch.

Gabriele hielt viel auf die schlanke Linie, hatte aber wegen ihres Hangs zum genüsslichen Schlemmen selbst ein paar Kilo zu viel auf den Hüften. Ruth fragte sich, ob ihr das wahre Ausmaß bewusst war. Drei Kleidergrößen weniger, aber manchmal tat Gabriele, als trennten sie Welten. Sie pries Ruth ständig Rezepte der gesunden Küche an, doch mit den exklusiven Zutaten hätte sie sich Monat für Monat pleite gekocht. Litschi-Kompott war höchstens etwas für Weihnachten. Frisches Bio-Gemüse mochte noch so nahrhaft sein, die Finanzlage entschied für die abgelegene Supermarktware mit den Minus-fünfzig-Prozent-Aufklebern. Es waren allerdings nicht nur Vernunftgründe ausschlaggebend.

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