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Abkehr von Europa? (Telepolis): Obama gegen Romney: Hintergründe und Perspektiven für Europa bis 2016

Abkehr von Europa? (Telepolis): Obama gegen Romney: Hintergründe und Perspektiven für Europa bis 2016

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Abkehr von Europa? (Telepolis): Obama gegen Romney: Hintergründe und Perspektiven für Europa bis 2016

Länge:
232 Seiten
2 Stunden
Freigegeben:
Oct 19, 2012
ISBN:
9783944099774
Format:
Buch

Beschreibung

Die atlantische Partnerschaft ist in der tiefsten Krise seit ihrem Bestehen - mit negativem Ausblick. Wie auch immer die Entscheidung der amerikanischen Wähler im November ausgeht: Europa gehört zu den Verlierern der US-Präsidentschaftswahl 2012. Und daran ist wenig zu ändern, wenn man den zeithistorischen Hintergrund und die darin eingebetteten Überzeugungen der beiden Kandidaten kennt.

Der Politikwissenschaftler Roland Benedikter analysiert die Gründe für den Anti-Europäismus, der in den USA herrscht und die Grundlinien für die Amtszeit des neuen oder alten US-Präsidenten 2013-2016 bestimmen wird. Und er stellt eindringlich heraus, vor welchen Schwierigkeiten die USA selbst stehen. Amerika, "das Land der Mutigen und Freien", ist ein "Land der systemischen und systematischen Ungleichheit" (Al Sharpton) geworden. Die fehlende Gleichheit lähmt den Mut und stellt die Freiheit in Frage. Während die USA nie ein Land der - programmatisch trinitarisch verstandenen - französischen Revolution gewesen sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sondern seit jeher dualistisch begründet waren: also Freiheit (zum Erfolg) und Gleichheit (in der Ausgangslage) auf Kosten der Brüderlichkeit in den Vordergrund stellten, sind sie heute in Gefahr, auch diese Dualität zu verlieren zugunsten einer absolut gesetzten Selbstbezogenheit, die im Motto der Chicago-Schule des Neoliberalismus gipfelt: "Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht." Mit anderen Worten: Egoismus ist der wahre Altruismus.

Benedikt fragt anlässlich der US-Präsidentschaftswahlen 2012 über diese hinaus - in die kommenden Jahre der Präsidentschaft einerseits, in die politischen und strategischen Grundlagen der "Nach-Supermacht"-USA und in das künftige Verhältnis zu Europa andererseits. In einem ausführlichen Gespräch mit Victor Faessel, Programmdirektor des Orfalea Zentrums für Globale und Internationale Studien der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, wird der Frage nachgegangen, wie die Mythologie die US-Politik prägt und ob der "amerikanische Traum" ausgeträumt ist.

Obama wird einen Kurs fahren, der Amerika nicht mehr an der Seite Europas, sondern zwischen Europa und Asien positioniert - mit allen Konsequenzen auch für Amerika selbst, das dadurch weiter "enteuropäisiert" werden wird. Romney strebt hingegen nach einem "Neuen amerikanische Jahrhundert" und hängt einer globalen Vorherrschaftsphantasie Amerikas an. In vielen Bereichen wie etwa Klimaveränderung, Umweltschutz oder soziale Partizipation ist Romney das Gegenbild Europas. Romney könnte insgesamt als der US-Präsident in die Geschichte eingehen, der die gegenseitige atmosphärische Entfremdung auf einen Tiefpunkt der 250jährigen Beziehung treibt.

"Roland Benedikter, einer der besten Kenner der USA im deutschsprachigen Raum, berichtet direkt aus der Quelle amerikanischen Selbstverständnisses. Seine Analyse zu Umfeld, Vorlauf und die Zeit nach den Wahlen schließt nicht nur Porträts der Kandidaten und Szenarien für die Zukunft aus europäischer Sicht ein, sondern bietet auch eine in dieser Form einmalige, vertiefte Analyse des inneren Zustandes der USA und dessen Auswirkungen auf die geopolitische Situation der kommenden Jahre. " - Raimund Krämer, Professor für internationale und vergleichende Politik an der Universität Potsdam.
Freigegeben:
Oct 19, 2012
ISBN:
9783944099774
Format:
Buch

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Abkehr von Europa? (Telepolis) - Roland Benedikter

WeltTrends.

Die historische Konstellation: Post-Empire-Depression des Westens und atlantisches Dilemma

Die US-Präsidentschaftswahlen am 6. November 2012 finden in einer bemerkenswerten historischen Konstellation statt. Man muss sie kennen, um die Kräfte, Interessen und Ideen, die im Spiel sind, zu verstehen.

Drei weltpolitische Entwicklungen erzeugen drei prägende Fluchtlinien internationaler Politik der Gegenwart:

Der Aufstieg Asiens;

die mittlerweile mehr als sechsjährige politische, wirtschaftliche und Identitäts-Krise Europas;

die innere Blockade Amerikas durch eine in der Geschichte der USA nie dagewesene ideologische Polarisierung zwischen Republikanern und Demokraten, die die Bevölkerung weltanschaulich zutiefst spaltet.

In ihrer historischen Gleichzeitigkeit und Wechselwirkung haben diese drei Dimensionen zu einer fortgesetzten, scheinbar unaufhaltsamen Relativierung des ehemals führenden Westens in der globalen Konstellation geführt.

Damit ist eine dreifache Bewegung verbunden:

1. Der mehr oder weniger bewusste Übergang der USA von einer absoluten in eine relative Hegemonie. Barack Obamas Wendung weg vom Atlantik hin zum Pazifik, weg von Europa hin zu Asien erfolgt seit 2009 im Rahmen der neuen Asia First US-Sicherheitsstrategie, womit eine Abwertung Europas verbunden ist. Obamas Ziel ist die Positionierung Amerikas in einer dritten, einer Meta-Position zwischen Europa und China. Seine Annahme ist, dass Amerika dadurch in eine flexiblere und kreativere Lage kommt, zwischen Ost und West zu manövrieren, und aus der dritten Position heraus beide Pole als Verfügungsmasse bespielen kann, wodurch er und seine Administration, darunter führend Hillary Clinton, sich die Rettung der zumindest relativen Hegemonie der USA erhoffen.

2. Der Wandel von Begriff, Voraussetzungen und Konnotationen von Supermacht. Vieles spricht dafür, dass wir gegenwärtig einen massiven Wandel des Begriffs der Supermacht erleben: Sie wird nicht mehr militärisch definiert, sondern wirtschaftlich. Es kann sein, dass wir bereits in einigen Jahren nur mehr riesige Wirtschaftsmächte, darunter möglicherweise an erster Stelle das nicht-expansive China, haben, die nur mehr sehr kleine Armeen haben, die in keiner Weise mehr mit den heutigen vergleichbar sind. Das heißt, der Begriff der Supermacht verlagert sich von militärischen und politischen immer stärker auf wirtschaftliche und finanzielle Dimensionen. Diese werden immer mehr Politik- und Diplomatie-Dimensionen in Echtzeit, technologisch gestützt, umgreifen und durchdringen, und damit immer mehr beeinflussen.

Amerika ist auf den Tiefenübergang von militärischer zu ökonomischer und wirtschaftlicher (einschließlich Währungs-) Macht derzeit schlecht vorbereitet. Seine Wirtschafts- und Finanzkraft sinkt, ebenso wie die diese jahrzehntelang legitimierenden, macht- und expansionspolitisch eingegliederten Ideologien wie der Neoliberalismus, der, worauf u.a. der ehemalige französische Premierminister Francois Fillon zu Recht hinwies, mit den Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrisen seit 2007 an sein Ende kommt.

3. Der zwar noch nicht objektive, aber doch subjektiv spürbare Niedergang der zwei Hauptpfeiler der demokratischen Gemeinschaft auf internationaler Bühne: den USA und Europa in politischer, wirtschaftlicher und sozialpsychologischer Sicht - während interessanterweise die globale kulturelle Vorherrschaft der US-Populärkultur weiterhin unangefochten bleibt. Daraus resultiert die strategische Hoffnung der Obama-Administration, weiche Macht (soft power), also Kultur-, Ideen- und Lebensstil-Führung könne den Verfall harter Macht (hard power), also Militär-, Wirtschafts- und diplomatischer Macht kompensieren. Nicht zuletzt soll weiche Kulturmacht den mit dem Ende des Erdöls nahenden Fall des US-Dollars als Weltreservewährung verhindern, also das Ende der Dollar-Hegemonie (Präsidentschaftskandidat Ron Paul) sowohl über seine natürlichen Grundlagen hinaus verzögern wie zuindest teilweise ersetzen. Dabei ist Europa, also der Kontinent, wo amerikanische Populärkultur global wirtschaftlich nach wie vor am erfolgreichsten ist, nur ein Stabilisierungsfaktor, da hier keine Steigerung möglich ist; wichtiger sind in expansiver Hinsicht Asien, Afrika, Russland und der Nahe Osten, während Südamerika aufgrund seiner starken, auch kulturell breiten Ablehnung der USA kaum eine Rolle in den globalen US-Strategien spielt.

Diese Entwicklung hat bereits seit der Endphase der zweiten Amtszeit von George W. Bush begonnen, kam aber erst mit Barack Obamas Amtsantritt am 20. Januar 2012 voll zum Durchbruch. Sie hat in Summe eine Post-Empire- oder Nach dem Höhepunkt-Depression des Westens auf beiden Seiten des Atlantik ausgelöst. Diese Depression scheint seit einigen Jahren ihrerseits zu einer zunehmenden gegenseitigen Entkoppelung von Interessen, einer rasch wachsenden Grundsatz-Entfremdung, ja zu einem möglicherweise bevorstehenden Ende der atlantischen Nachkriegs-Partnerschaft (Mark Leonard) zu führen.

Gab es Anzeichen einer solchen Auseinanderentwicklung zwischen den USA - einschließlich ihres Spezialverbündeten Großbritannien - und Kontinentaleuropa bereits im strategie- und kulturpolitischen Gefolge der Terroranschläge des 11. September 2001 und spätestens seit dem darauf folgenden Irak-Krieg, die in der aufsehenerregenden Anti-Amerika-Aktion europäischer Intellektueller um Jürgen Habermas, Jacques Derrida, Umberto Eco und Fernando Savater Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas vom 31. Mai 2003 erstmals gipfelten, so hat die atlantische Entfremdung ironischerweise gerade jener US-Präsident mit den höchsten Zustimmungswerten in Europa vollzogen und strategisch ganz offiziell geweiht, der in Deutschland bereits vor seinem Amtsantritt als eine Art neuer politischer Messias gefeiert wurde: Barack Obama. War der in Europa gehasste und verspottete George Bush paradoxerweise der letzte Atlantiker, der an der Zentralbedeutung der Beziehung USA-Europa für die globale Entwicklung eisern, wenn auch mit klarer Hierarchie: USA Führungsmacht, Europa Vasallenmacht festhielt, so besteht seit Barack Obamas Amtsantritt und seiner Verkündigung eines pazifischen Jahrhunderts Amerikas (Hillary Clinton) ein immer offener zutage tretendes atlantisches Dilemma.

Das gegenwärtige atlantische Dilemma besteht im wesentlichen in folgendem: Der strategische Abbau, ja Rückzug der USA aus der europäischen Hemisphäre und die gleichzeitige, beispiellose Abkoppelung Großbritanniens von der Entwicklung auf dem Kontinent zugunsten seiner offenen Rückkehr in die große Familie angelsächsischer Völker (Margareth Thatcher), der es seit jeher weit stärker und mit ungleich größerer Überzeugung als Europa zugehörte, haben ein innereuropäisches Vakuum erzeugt. Dieses Vakuum zu füllen und als verantwortliche europäische Binnen-Leitmacht auf dem europäischen Kontinent an die Stelle der USA zu treten, ist im Hinblick auf Größe, Wirtschaftsmacht und geopolitische Positionierung nur eine Nation in der Lage: Deutschland. Nur Deutschland kann als Führungsmacht in die Leerstelle stoßen, welche die Abwendung Amerikas (und Großbritanniens) hinterlassen haben - wozu es von seinen europäischen Nachbarn und Partnern auch immer stärker aufgefordert ist, je mehr seine wirtschaftliche Sonderstellung als Gewinnerland der Eurozone wächst. Die US-Regierung weiß das und ist mangels Alternativen und angesichts der Notwendigkeit europäischer Einheit und Ausrichtungsklarheit im Prinzip damit einverstanden.

Zugleich herrscht in der liberal-demokratischen US-Regierung unter Obama großes Misstrauen gegen das aufsteigende Deutschland – weit größeres als noch unter Bush. Denn Deutschland, der Abwendung Obamas auf Grundlage der Asia First-Strategie gewiss, betreibt als Reaktion eine eigenständige Außen-, insbesondere China-Politik. Die außergewöhnlich intensive und rasche Annäherung zwischen Deutschland und China im Rahmen einer special relationship von atemberaubender Geschwindigkeit und beispielloser Intensität mit fünf Besuchen Angela Merkels und Guido Westerwelles im Rahmen eines einzigen Jahres ist Amerikas heutiger pazifischer Regierung ein Dorn im Auge, da es im Pazifik in immer offenere Auseinandersetzung mit der neuen G-2 Macht China verwickelt ist, die sein Hauptkonkurrent ist und nach Erwartung Obamas für die nächsten Jahrzehnte sein wird.

Der Kern des atlantischen Dilemmas besteht in dieser Situation darin, dass sich die westliche Allianz trotz der im Prinzip Obama-freundlichen europäischen Regierungen, welche den heutigen Zustand der republikanischen Partei ebenso flächendeckend und durchgängig verabscheuen wie deren aktuelle Exponenten, in tiefem gegenseitigem Misstrauen wiederfindet. Europa hat Misstrauen gegen die Abwendung der USA vom Atlantik und gegen deren neue Pazifikzentrierung; die USA misstrauen den entstehenden Führungskonstellationen auf dem europäischen Kontinent und der neuen deutschen Außenpolitik. Obwohl letztere nur Ausdruck eines neuen Pragmatismus sein mag, wirkt sie auf die sich rasch enteuropäisierende US-Regierung wie eine bewusste Reiz- und Provokationspolitik. Umgekehrt fühlen sich europäische Politiker bereits seit Obamas Amtsantritt regelmäßig und geradezu systematisch von Obama brüskiert und durch seine herablassende Geringschätzung, die er bei jeder Gelegenheit offen äußert, provoziert.

Damit befindet sich die atlantische Allianz, also der wichtigste Pfeiler globaler Demokratie, in der problematischsten Phase seit dem Vietnamkrieg, wenn nicht gar in schleichender Auflösung, während doch beide atlantischen Mächte ohne einander nicht sein können. Zugleich herrscht ein in der Nachkriegsgeschichte so kaum je dagewesenes, verdecktes Machtspiel zwischen den USA und Europa. David Camerons Vorstoß vom Oktober 2012, es solle zwei getrennte EU-Budgets geben: Eines für die Euro-Ländern unter Führung Deutschlands, ein anderes für die Nichteuro-Länder unter Führung Großbritanniens ist nichts anderes als Ausdruck der aus Misstrauen geborenen Machtspiele um Europa, die letztlich von der amerikanischen Regierung ausgehen. Der Vorschlag wurde nicht allein von Camerons Regierung geboren, sondern wesentlich aus der Obama-Administration lanciert. Er dient in seinem Kern der Eingrenzung Deutschlands.

Die US-Präsidentschaftswahlen vom 6. November erfolgen am Überschneidungspunkt dieser Entwicklungen, und damit auf dem vorläufigen Höhepunkt der Post-Empire-Depression des Westens und des atlantischen Dilemmas. Sie erfolgen zweitens vor dem Hintergrund der inneren Spaltung Amerikas zwischen links und rechts. Und sie vollziehen sich drittens zeitgleich mit dem in der neueren Geschichte ebenfalls beispiellosen generationalen Machttransfer Chinas vom November-Dezember 2012 – womit im Pazifik die Karten neu gemischt werden könnten. Während Romney darauf mit Strategie eines Neuen amerikanischen Jahrhunderts reagiert, will Obama bei Wiederwahl an der Asia First-Strategie festhalten. Beides hat unterschiedliche Auswirkungen auf die historische Konstellation, und vor allem auch auf Europa.

In vier Kapiteln soll im Folgenden dieser Konstellation in Hintergründen und Perspektiven nachgegangen werden.

Kapitel 1 fragt nach der Bedeutung der Wahlen für Europa – über den Wahltermin hinaus. Es skizziert die Haltungen Obamas und Romneys zum alten Kontinent und die daraus erwachsenden Perspektiven für die Jahre 2013-2016 – je nachdem, ob der Präsident nun Obama oder Romney heißt. Dabei zeigt sich, dass die Spielräume und Unterschiede begrenzt sind. Beide möglichen Gewinner sind an Partei- und globalpolitische Logiken und Strategien gebunden, die die kommende Ausrichtung bis 2016 in Grundzügen vorhersehbar machen.

Kapitel 2 rekapituliert die Strategien der republikanischen Konkurrenten Obamas und das republikanische Rennen vor dem Hintergrund der innenpolitischen Situation Amerikas. Dadurch wird die Position Mitt Romneys klarer, aber auch die Perspektiven und Spielräume für die republikanische Politik nach dem 6. November, unabhängig vom Ausgang der Wahlen.

Kapitel 3 stellt die Weltanschauung Obamas und ihre grundlegende Bedeutung für seine Politiken dar. Der Zusammenhang zwischen Weltanschauung, Religion und Politik bleibt für die USA auch nach dem Niedergang der innenpolitischen Begeisterung für Obama weiterhin ein wesentlicher, und zwar unter anderem deshalb, weil kontextpolitische Faktoren (wie Weltanschauung, Sozialpsychologie und Ideengeschichte) in Amerika im Unterschied zu Europa gleich wichtig, wenn nicht gar wichtiger als Partei- und Institutionenpolitiken sind.

Kapitel 4 schließlich beleuchtet in Form eines Gesprächs mit Victor Faessel, dem Generalsekretär des Weltkonsortiums Globaler Studien an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, den in Europa immer noch zu wenig beachteten, für ein Verständnis Amerikas aber entscheidenden Zusammenhang zwischen Mythologie und Politik für Inhalte und Verlaufslogiken des Wahlkampfs. Die im Wahlkampf zutage getretenen Mythologeme werden für das Verständnis der inneren Logik und für die äußere Berechenbarkeit Amerikas weiterhin zentral bleiben – unabhängig vom Wahlausgang. Denn sie stellen Grundpfeiler jedes möglichen Verständnisses Amerikas dar.

Wohin zielt das Gesamtunterfangen?

Das vorliegende Büchlein fragt anlässlich der US-Präsidentschaftswahlen 2012 über diese hinaus – in die kommenden Jahre der Präsidentschaft einerseits, in die politischen und strategischen Grundlagen der Nach-Supermacht-USA und in das künftige Verhältnis zu Europa andererseits. Nach dem berühmtem Diktum des ehemaligen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld gibt es vier Arten des Wissens über Zeitentwicklungen, die sich interessierte Zeitgenossen zur Urteilsbildung über historische Wegscheiden wie die US-Wahl verdeutlichen sollten, um richtig zu urteilen: 1. Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. 2. Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. 3. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen. 4. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen. Wenn Rumsfeld damit richtig liegt, dann dient dieses Büchlein dazu, das Verständnis für die Konstellation in den heutigen USA und die Hintergründe und Perspektiven der Präsidentschaftswahlen näher an Punkt 1 heranzuführen.

Dieser Text versteht sich als Beispiel angewandter kontextueller Politikanalyse – also eines Ansatzes zum Verstehen politischer Zusammenhänge, der über Institutionen- und Parteipolitik hinausgeht, um Faktoren wie Sozialpsychologie, Zivilreligion und soziale Schichtungsentwicklung einzubeziehen. Der daher notgedrungen inter- und transdisziplinäre Ansatz der kontextuellen Politikanalyse ist in den USA vorwiegend, in Kontinentaleuropa noch unterentwickelt.

Ich danke Victor Faessel für das Gespräch, Christoph Strawe für Mitarbeit bei seiner Übersetzung aus dem Amerikanischen und Florian Rötzer für die Idee zu diesem Buch und die schnelle Durchführung. Mein Dank gebührt darüber hinaus den Organisatoren der Tagung Hegemonie und Multipolarität. Weltordnungen im 21. Jahrhundert der Rosa-Luxemburg Stiftung in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift WeltTrends an der Universität Potsdam vom 11.-12. Oktober 2012, wo ich unter dem Titel USA – Niedergang eines Hegemons? Aspekte der folgenden Analyse vorstellen konnte. Ich danke hier insbesondere Erhard Crome, Lutz Kleinwächter und Raimund Krämer.

Roland Benedikter

Freeman Spogli Institut für internationale Studien, Europazentrum, Stanford Universität / Orfalea Zentrum für Globale und Internationale Studien, Universität von Kalifornien in Santa Barbara

Oktober 2012

Obama gegen Romney: Was bedeuten die US-Präsidentschaftswahlen für Europa?

Der US-Präsidentschaftswahlkampf 2012 zwischen Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Willard Mitt Romney, der am 6. November entschieden wird, offenbart zentrale Aspekte der gegenwärtigen Post-Empire-Depression des demokratischen Westens.

Unabhängig von vorwiegend medial bedeutsamen Seitengefechten wie den Nominierungen der Vizekandidaten oder Wahlkampfgeräuschen wie Obamas - nach jahrelanger Untätigkeit - plötzlichen, dabei nur allzu offensichtlich innenpolitisch gemeinten Drohungen gegen Syrien und Iran seit August 2012, war die Endphase des Wahlkampfs durch drei tiefergehende und langfristig bedeutsame Paradoxien gekennzeichnet. Diese drei Paradoxien betreffen den Kern der atlantischen Beziehungen, die künftige globalstrategische Positionierung der USA zwischen Europa und Asien, aber auch die Zukunft der demokratischen Gesellschaften insgesamt. Sie

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