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Handelt jetzt!: Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft

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Handelt jetzt!: Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft

Bewertungen:
5/5 (1 Bewertung)
Länge:
241 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 16, 2013
ISBN:
9783864895357
Format:
Buch

Beschreibung

Die internationale Wirtschaftspolitik kann man mit Fug und Recht als Debakel bezeichnen. Nur eine wirklich radikale Änderung in der nationalen und in der internationalen wirtschaftspolitischen Ausrichtung kann ein globales Desaster noch verhindern und das Aufkommen extremistischer Parteien stoppen - ein Aufruf weltweit bekannter und anerkannter Ökonomen.

Das Wort Krise suggeriert, dass es sich bei den weltweiten Verwerfungen, denen wir seit einiger Zeit ausgesetzt sind, um eine Art Naturereignis handelt, das über uns gekommen ist. Dabei ist das Versagen der politischen Klasse und der sogenannten wirtschaftlichen Eliten Schuld an der Misere, unter der weite Teile der Weltbevölkerung leiden. Gleichzeitig aber verzweifeln überall Menschen daran, dass die Politik der Finanzindustrie keinen Einhalt gebietet. Und so sorgen Banken weiterhin für eine massive Umverteilung zugunsten der Reichen.
Fünf der weltweit wichtigsten Ökonomen fordern mit ihrem Manifest eine internationale Zusammenarbeit ein, die für die Teilhabe aller Menschen am Fortschritt sorgt und die strikt am Allgemeinwohl ausgerichtet ist. Eine Neuordnung der Prioritäten in der Wirtschaftspolitik steht dabei ebenso an wie die Beendigung der einseitigen Konzentration auf den Handel. Ein Weltbuch für alle, die wollen, dass sich endlich etwas ändert!
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 16, 2013
ISBN:
9783864895357
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Buch

Über den Autor


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Handelt jetzt! - Heiner Flassbeck

Zeit.

Paul Davidson

Unsicherheit und staatliche Sparpolitik

Entscheidungsfindung in der Volkswirtschaft

Das Wirtschaftsgeschehen ist ein Prozess, der sich in der Zeit vollzieht. Es ist nicht möglich, dass alles gleichzeitig passiert. Die Produktion von Gütern braucht Zeit, und der Verbrauch von Gütern, besonders der langlebigen Güter, braucht viel Zeit. Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich in erster Linie damit, wie Haushalte und Firmen Entscheidungen hinsichtlich ihres Produktions- und Konsumverhaltens treffen, deren Auswirkungen sich erst irgendwann in der Zukunft zeigen.

Um das Verhalten wirtschaftlicher Entscheidungsträger zu analysieren, muss man darüber Annahmen treffen, (a) was sie bezüglich der zukünftigen Ergebnisse ihrer Entscheidung erwarten, und (b) ob diese Erwartungen sich erfüllen. Dieser Zusammenhang ist ganz offensichtlich bei Entscheidungen über Investitionen in Sachanlagen und Ausrüstungsgüter, wo man erst Jahre später weiß, ob die Investition tatsächlich rentabel war. Sobald die Entscheidung getroffen wurde, ist der Investor für die gesamte Lebensdauer der Investition daran gebunden. Investitionen in Sachanlagen und Ausrüstungsgüter sind wie eine Ehe in einer konservativen Gesellschaft: Der Investor und seine Investition sind vereint, »bis dass der Tod sie scheidet«.

Wird die tatsächliche Rendite über die Dauer der Investition der Erwartung des Unternehmers zum Zeitpunkt der Investitionsentscheidung entsprechen? Und wie kam der Unternehmer ursprünglich zu seiner Renditeerwartung?

Die Mehrheit der Ökonomen nimmt an, dass man Unsicherheit über die Zukunft mit einer objektiven Wahrscheinlichkeitsverteilung messen kann, die sich aus heute verfügbaren Marktdaten ermitteln lässt. Sie nehmen grundsätzlich an, dass Investoren »rationale Erwartungen« haben und deshalb die Fähigkeit besitzen, die Zukunft aktuarisch »berechenbar« zu machen.¹ Auf dieser Fähigkeit basiert die Theorie der effizienten Kapitalmärkte: Wenn die Zukunft wirklich statistisch vorhersehbar ist, dann »wissen« Investoren heute bereits, wie hoch die zukünftige Rendite ihrer Investition sein wird. Deshalb werden sie aus Eigeninteresse ihr knappes Kapital für diejenigen Investitionsprojekte verwenden, von denen sie »wissen«, dass sie die im Vergleich zu allen Alternativen größte Rendite erbringen. Investitionen einzelner Wirtschaftssubjekte, die aus Eigeninteresse handeln und die zukünftige Rendite »kennen«, werden deshalb auch einen für die Gesellschaft als Ganzes optimalen Ertrag erzielen. Wenn eine Regierung in irgendeiner Weise in diesen individuellen Entscheidungsprozess eingreift, wird das zu einem weniger effizienten Ergebnis führen. Folglich sind diejenigen, die glauben, dass man das Problem der Unsicherheit durch die Messung einer Wahrscheinlichkeitsverteilung auf der Basis verfügbarer fundamentaler Marktdaten lösen könne, der Ansicht, dass die Wirtschaftspolitik nach dem Laissez-faire-Prinzip handeln solle, das heißt, die Regierung sollte nie regulierend oder in irgendeiner anderen Form ins Marktgeschehen eingreifen.

Bei Entscheidungen über Finanzanlagen gilt dasselbe wie für Investitionen in Sachanlagen; auch hier kennt man die realisierte Rendite über die Dauer der Finanzanlage erst im Nachhinein, das heißt am Ende der Laufzeit dieser Finanzanlage. Wieder können wir fragen, ob die realisierte Rendite derjenigen entspricht, die zum Zeitpunkt der Anlageentscheidung erwartet wurde. Die Antwort lautet: Wenn Unsicherheit mit einer bekannten, objektiven Wahrscheinlichkeitsverteilung gemessen werden kann, dann wird die Renditeerwartung im Augenblick der Anlageentscheidung durch die realisierte Rendite am Ende der Laufzeit bestätigt werden.

Falls es sich bei den Finanzanlagen jedoch um Vermögenstitel handelt, die auf gut organisierten und geregelten liquiden Märkten² gehandelt werden, gibt es immer die Möglichkeit eines »Ausstiegs«: Wenn der Besitzer eines solchen Vermögenstitels der Ansicht ist, dass etwas unerwartet falsch läuft, kann er die Anlage jederzeit auf dem Markt verkaufen. Mit anderen Worten, wenn im Laufe der Zeit etwas Unerwartetes passiert, das Kapitalanleger befürchten lässt, einen Fehler gemacht zu haben, dann können flüssige Anlagen schnell zu Geld gemacht werden, und zwar zu einem Preis, der nahe am letzten Marktpreis des entsprechenden Vermögenstitels liegt. Dadurch vermindert sich das Risiko einer Ertragseinbuße oder gar eines erheblichen Verlustes, das bei Verbleib dieses Titels im Portefeuille bestünde. Folglich ist die Verbindung zwischen Kapitalanleger und seiner Anlage – um im Bild zu bleiben – so wie die Ehe in einer Gesellschaft, in der jederzeit eine Scheidung möglich ist.

Die oben zum Ausdruck gebrachte Vorstellung, dass plötzlich »etwas Unerwartetes geschieht«, ist nur sinnvoll, wenn die Zukunft unsicher ist in dem Sinne, dass sie nicht zuverlässig durch die statistische Analyse von existierenden Marktdaten zum Zeitpunkt einer Investitions- oder Anlageentscheidung vorhergesagt werden kann. Wenn jedoch die Finanzanlage illiquide, das heißt nicht handelbar ist, dann bleibt der Anleger auf seiner Kapitalanlage sitzen, bis dass der Tod sie scheidet, eben auch dann, wenn etwas Unerwartetes geschieht.

Im Gegensatz zu der Vorstellung, dass die Zukunft bekannt ist, wenn man die Wahrscheinlichkeitsverteilung aus existierenden Marktdaten errechnet, ist im analytischen Rahmen von John Maynard Keynes die Zukunft unsicher in dem Sinn, dass man sie heute einfach nicht kennen kann. Folglich kann die Entscheidung, in Sachanlagen und Ausrüstungsgüter zu investieren, nur Ergebnis des unternehmerischen Instinkts (»animal spirits«) sein, nicht jedoch Folge der Berechnung eines gewichteten Durchschnitts von quantitativem Nutzen multipliziert mit quantitativer Wahrscheinlichkeit.³

Die Existenz von organisierten liquiden Finanzmärkten, in denen Kapitalanlagen leicht in Liquidität umgewandelt werden können, ist wichtig für Menschen, die ein gewisses Vermögen investieren wollen, denen aber die Alternative einer langfristigen Kapitalanlage nicht ausreichend attraktiv erscheint; das gilt besonders für diejenigen, die diese Kapitalanlagen nicht selbst verwalten und sehr wenig darüber wissen.

Demzufolge sind Ökonomen hinsichtlich der Bedeutung von Ungewissheit für zukünftige Entwicklungen in zwei größere theoretische Lager gespalten: einerseits die orthodoxen Mainstream-Ökonomen und andererseits die keynesianisch/post-keynesianisch orientierten Ökonomen. Jedes der beiden Lager liefert eine unterschiedliche Erklärung für makroökonomische Probleme und die Rolle der Wirtschaftspolitik bei der Lösung solcher Probleme. Man muss die Unterschiede zwischen diesen zwei Konzepten von Unsicherheit kennen, um die gegensätzlichen philosophischen Auffassungen der beiden Lager zu verstehen. Das eine hängt der Philosophie des Laissez-faire an, also der Philosophie freier Märkte; vom andern Lager wird dagegen die Bedeutung einer aktiven Wirtschaftspolitik unterstrichen, die bei wiederkehrenden gesamtwirtschaftlichen Problemen korrigierend oder wenigstens schadensbegrenzend in den Wirtschaftsablauf eingreift.

Die Annahme, dass alle Unsicherheit auf eine bekannte objektive Wahrscheinlichkeitsverteilung reduziert werden kann, verleitet die orthodoxen Mainstream-Ökonomen zu dem »panglossianischen« Optimismus⁵, dass freier Wettbewerb immer zu gesellschaftlich optimalen Ergebnissen führt. Die Existenz von Börsenblasen, wie zum Beispiel der Dotcom-Blase der 1990er Jahre oder die Immobilienblase in vielen Ländern zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist logisch nicht mit der Mainstream-Analyse vereinbar. Letztere unterstellt, dass der seinem Eigeninteresse folgende, individuelle Entscheidungsträger die existierende Wahrscheinlichkeitsverteilung nutzt, um daraus eine sichere »Kenntnis« der Zukunft zu formen. Nun erlitt die Weltwirtschaft jedoch einen schweren Finanzschock, als der Markt für Subprime-Hypothekardarlehen und daraus abgeleiteter Derivate im Jahr 2007 zusammenbrach. Wie ist es in einer Welt, in der die unsichere Zukunft mittels Wahrscheinlichkeitsverteilung zuverlässig vorhergesagt werden kann, möglich, dass sich an freien Finanzmärkten Blasen bilden, die das globale Wirtschaftssystem ins Chaos stürzen können, wenn sie schließlich platzen?

In einem erstaunlichen »mea culpa«-Bekenntnis vor dem Kongress der Vereinigten Staaten am 23. Oktober 2008 gab der frühere Federal Reserve Chairman Alan Greenspan zu, dass er die Fähigkeit freier Finanzmärkte, Finanzierungsmittel effizient und auch im Sinne der Gesellschaft optimal zu verwenden, überschätzt hatte. Er habe völlig verkannt, dass die Deregulierung von Finanzmärkten sich auf die Wirtschaft derart zerstörerisch auswirken kann, wie das 2007 bis 2008 der Fall war. Greenspan stellte fest: »Ich begreife immer noch nicht ganz, warum es passiert ist, aber soweit ich das Ausmaß und die Ursachen dessen, was passiert ist, verstehe, werde ich meine Ansichten ändern.«

Auch Greenspans Nachfolger als US-Notenbankchef, Ben Bernanke, und die meisten Mainstream-Ökonomen haben den Zusammenbruch der Investmentbanken von 2007 bis 2008 und des Schattenbanksystems mit einer Fehlbewertung von (probabilistischen) Risiken im Hinblick auf zukünftige Ergebnisse erklärt. Würde man dagegen eine statistisch verlässliche Berechnung der Wahrscheinlichkeitsverteilung, die die Finanz- und Investitionsmärkte bestimmt, durchführen, wäre eine »Fehlbewertung« solcher Risiken eigentlich unmöglich.

Die führenden Investmentbanken verwendeten komplexe Computermodelle, die Finanzderivate unter dem Aspekt des »Risikomanagements« wahrscheinlichkeitstheoretisch bewerteten und dabei auf die Analysen von Nobelpreis-Ökonomen zurückgriffen (wie Greenspan in seiner Aussage bemerkte). Diese Modelle wurden von Investmentbanken auch dann noch verwendet, als klar geworden war, dass das mathematische Modell zur Bewertung von Finanzanlagen (capital asset pricing model) des Nobelpreisträgers Myron Scholes zum Zusammenbruch des Hedgefonds »Long-Term Capital Management« beigetragen hatte, in dessen Direktorium Scholes selbst saß. Die »quantitativen Analysten« von der Wall Street behaupteten einfach, sie müssten bessere Modelle entwickeln, das heißt noch kompliziertere Computermodelle, um das Risikomanagement weiter zu verbessern! Auch heute liegt die Lösung unserer Finanzkrise aus Sicht der Mainstream-Ökonomen wieder darin, dass man die Banken bessere Risikomanagement-Modelle entwickeln lässt. Wenn es aber so ist, wie Keynes glaubte, nämlich dass die Unsicherheit über die Zukunft nicht von Wahrscheinlichkeitsrechnungen erfasst werden kann, so ist ein weiterer Kollaps des Finanzsektors nicht auszuschließen.

Diejenigen, die an die Hypothese der rationalen Erwartungen glauben, würden allenfalls zugeben, dass schockartige Ereignisse wie das Platzen von Blasen lediglich kurzfristige, exogene Störungen sind. Wenn wir dem Laissez-faire-Prinzip nur konsequent genug folgten, würden die Volkswirtschaften aller Länder auf lange Sicht zu Vollbeschäftigung und Wohlstand gelangen. Keynes bemerkte dazu, dass solche Vorstellungen der Mainstream-Theoretiker »die größte intellektuelle Errungenschaft« seien, da hier eine hypothetische Welt entworfen werde, die, »obgleich weit entfernt von unseren Erfahrungen, als unsere erfahrbare Welt angesehen wird, in der wir dann dauerhaft leben«.

In diesem Beitrag werden wir Greenspan und anderen zwei Dinge erklären. Zum einen, warum sie falschliegen, wenn sie diese hypothetische Welt zur Grundlage ihres »panglossianischen« Glaubens machen, dass freie Märkte gesellschaftlich optimale Ergebnisse zutage bringen, und zum anderen, wie das Keynes’sche Konzept von Unsicherheit zu der Schlussfolgerung führen muss, dass Laissez-faire-Märkte nicht effizient sein können.

Das Wissen um die Zukunft

Ricardo und seine klassischen Anhänger im 19. Jahrhundert setzten eine Welt voraus, in der vollkommene Gewissheit herrschte. Für alle Haushalte und Unternehmen wurde angenommen, dass sie über vollständiges und korrektes Wissen von einer vorprogrammierten ökonomischen Außenwelt verfügten, die die wirtschaftlichen Ergebnisse in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft bestimmt. Es wurde unterstellt, dass das externe ökonomische Umfeld der Zukunft insofern unveränderlich sei, als es nicht durch menschliches Handeln verändert werden kann. Der Pfad der Wirtschaft sei, wie die Bahn der Planeten in Newtons Himmelsmechanik, durch zeitlose Naturgesetze festgelegt. Da man annahm, dass ökonomische Entscheidungen immer im vollständigen Wissen über diese Gesetze getroffen werden, könnten Haushalte oder Firmen bei ihren Ausgabeentscheidungen nie Fehler begehen. Sie verwendeten ihr ganzes Einkommen für Dinge, von denen sie »wissen«, dass sie in der Zukunft die höchsten Erträge, also den größten Nutzen für Haushalte und die höchsten Profite für Unternehmen, erbringen. Demzufolge könnte es nie ein Mangel an Nachfrage für industrielle Produkte oder für arbeitswillige Arbeitskräfte geben.

Das angenommene vollständige Wissen über die Zukunft bei allen, die in einem klassischen ricardianischen Wirtschaftsmodell Entscheidungen treffen, rechtfertigte eine Laissez-faire-Philosophie. In dieser Vorstellungswelt kann das Handeln einer Regierung niemals einen höheren Ertrag erbringen als die Entscheidungen über die Zukunft in einer Marktwirtschaft vollständig informierter und am eigenen Nutzen interessierter Individuen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts versuchten Ökonomen, das Konzept der Unsicherheit in das theoretische Gerüst Ricardos einzufügen. Wenn in einer Volkswirtschaft nichts sicher ist, wie kann man da bei heutigen Entscheidungen den zukünftigen ökonomischen Ertrag »kennen«? Als Reaktion auf solche Fragestellungen ersetzten klassische Ökonomen Anfang des 20. Jahrhunderts die in der frühen klassischen Theorie gemachte Annahme perfekten Wissens durch die Idee von auf statistischen Wahrscheinlichkeiten basierenden »Risikoprämien« (probabilistic risk premiums) und »Sicherheitsäquivalenten«, durch die versicherungsmathematische Sicherheit ökonomischer Voraussagen erreicht werden sollte.

Bis zu den 1970er Jahren entwickelte sich diese klassische Risikoanalyse zu dem, was Ökonomen die Neue Klassische Theorie der »rationalen Erwartungen« nennen. Darin treffen Individuen ihre Entscheidungen aufgrund ihrer subjektiven Wahrscheinlichkeitsverteilung. Es wird aber angenommen, dass sie zu dem gleichen Ergebnis kommen wie bei einer unveränderlichen objektiven Wahrscheinlichkeitsverteilung. Die heutigen orthodoxen Wirtschaftswissenschaftler interpretieren Unsicherheit in der Ökonomie als gleichbedeutend mit objektiver Wahrscheinlichkeitsverteilung im Hinblick auf zukünftige Ereignisse.⁸ Es wird unterstellt, dass alle Personen in der Lage sind, heute Stichproben aus einem bestehenden Datensatz zu entnehmen und auf dieser Grundlage die statistische Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit der ein beliebiges Ereignis in der Zukunft eintreten wird.

Dieses Hilfsmittel der Annahme von statistisch ermittelten, verlässlichen Wahrscheinlichkeitsrisiken zum Messen der Unsicherheit erlaubt es den orthodoxen Ökonomen, die meisten der philosophischen Schlussfolgerungen unangetastet zu lassen, die ehedem von Ricardo und seinen Anhängern entwickelt worden waren. Auch wenn die Mainstream-Ökonomen Ricardos Modell der perfekten Gewissheit heute ablehnen, akzeptieren sie weiterhin die Existenz einer vorgegebenen ökonomischen Realität (ähnlich der Newton’schen Himmelsmechanik) wie ein Naturgesetz. Diese Realität kann mit unveränderlichen objektiven Wahrscheinlichkeitsfunktionen vollständig beschrieben werden, die denjenigen, die im Modell Entscheidungen treffen, auch vollständig bekannt sind. Die Annahme, dass Leute mit rationalen Erwartungen die objektive Wahrscheinlichkeit schon »kennen« stellt sicher, dass im Durchschnitt von den »fähigsten« Entscheidungsträgern die richtige Wahl getroffen wird und dass diese – im Darwin’schen Sinn – in einer Welt der freien Märkte überleben.

Keynes stellte dazu fest, dass die grundlegenden Axiome der klassischen Theorie, in denen wir die Zukunft kennen, »sich nur auf einen Sonderfall beziehen und nicht allgemein anwenden lassen … Die Merkmale des Sonderfalls, den die klassische Theorie unterstellt, haben nichts mit der Gesellschaft zu tun, in der wir leben. Deshalb führt diese Lehre in die Irre und ist sogar verhängnisvoll, wenn wir versuchen, sie auf erfahrbare Tatsachen anzuwenden«.⁹ Die Annahme, dass Unsicherheit bezüglich der Zukunft auf ein Wahrscheinlichkeitsrisiko reduziert werden kann, dass durch eine existierende Wahrscheinlichkeitsverteilung gemessen wird, ist ein »Sonderfall«, der getragen wird von einem grundlegenden Axiom, das sich auf die erfahrbare Welt nicht anwenden lässt. Keynes’ Warnung im Hinblick auf die Lehre von solch einem »Sonderfall« gilt auch für die heutigen wirtschaftspolitischen Ratschläge der Mainstream-Ökonomen, zum Beispiel in der Diskussion um die staatliche Sparpolitik in den USA, Großbritannien, der Eurozone, China und anderswo.

Unsicherheit und das ergodische Axiom

In der Mainstream-Ökonomie betrachtet man Marktdaten typischerweise als Ergebnis eines »ergodisch« stochastischen Prozesses, wie Statistiker ihn bezeichnen. Tatsächlich hat der Nobelpreisträger Paul Samuelson die Akzeptanz des ergodischen Axioms der Statistischen Theorie zum sine qua non der wissenschaftlichen Methode in der Ökonomie gemacht.¹⁰

Ein Axiom ist definiert als eine Feststellung, von der man annimmt, es handele sich um eine »universelle Wahrheit«, die nicht weiter bewiesen werden muss. Was ist diese universelle Wahrheit der Ergodizität, von der Samuelson behauptet, dass sie notwendig sei, um die Ökonomie zu einer Wissenschaft zu machen?

Um statistische Schlussfolgerungen aus einem Universum von möglichen Beobachtungen zu ziehen, sollte man logischerweise eine Stichprobe aus diesem Universum entnehmen und die Wahrscheinlichkeitsverteilung anhand dieser Stichprobe analysieren. Um statistisch zuverlässige Wahrscheinlichkeitsaussagen über zukünftige ökonomische Entwicklungen machen zu können, sollte man folglich diese Stichproben aus dem Universum der Märkte der Zukunft entnehmen und diese analysieren. Da es aber nicht möglich ist, Stichproben aus der Zukunft zu entnehmen, nimmt das ergodische Axiom an, dass die Zukunft bereits durch die verfügbaren Marktdaten abgebildet wird und dass eine Stichprobe aus der Vergangenheit äquivalent mit einer Stichprobe aus

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