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Neuer Kampf der Geschlechter (Telepolis): Über Sexismus, Feminismus und die Krise der Männer

Neuer Kampf der Geschlechter (Telepolis): Über Sexismus, Feminismus und die Krise der Männer

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Neuer Kampf der Geschlechter (Telepolis): Über Sexismus, Feminismus und die Krise der Männer

Länge:
288 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Feb 11, 2013
ISBN:
9783944099859
Format:
Buch

Beschreibung

Das vom stern im Januar 2013 dargestellte Altherrengebaren von Rainer Brüderle, der gerade nach der verlorenen Niedersachenwahl von den Liberalen zum Hoffnungsträger gekürten worden war, wurde zum medialen Aufreger. Schnell war man bei einer Sexismus-Debatte und tobte anscheinend ein neuer Kampf der Geschlechter, als ob nicht schon länger die Geschlechtsidentitäten zerfallen und sich sich von LGBT (lesbisch, schwul, bisexuell, trans) etwa zu LGBTQIA (zusätzlich queer oder questionable, intersex und asexuell) vervielfältigt hätten. Auf den ersten Blick haben sich Positionen kaum verändert. Im Unterschied zu früher wurden allerdings die Stimmen lauter, dass nicht alleine die Frauen von den Männern unterdrückt würden, sondern dass sich vermehrt die Männer vom angeblich siegreichen Feminismus diskriminiert sehen und sich als das neue schwache Geschlecht empfinden.

Das Telepolis-eBook geht den Sexismusvorwürfen nach und zeigt anhand von Essays, Berichten über Studien zu den Geschlechterverhältnissen und Interviews mit Wissenschaftlern, Feministinnen und mit Frauen und Männern, die mittlerweile eher den Mann benachteiligt sehen, was sich in der letzten Zeit bereits an Kampfpositionen und veränderten Perspektiven aufgebaut hat. Dabei kommen natürlich auch der Sexismus in der Sexismus-Debatte und die Kritik zur Sprache, dass die Gender-Politik überhaupt ein "Stellvertreterkrieg" ist.

Weil zum Geschlechterkampf auch die gelebte und propagierte Sexualität gehört, darf diese auch nicht fehlen. Während die einen vom sexuellen Glück schwärmen ("Gesundgevögelt"), nervt die anderen die zur Schau gestellte und zur Norm gewordene sexuelle Freiheit ("Wie geht's dir, was kochst du, hast du es schon einmal anal probiert?"), überdies scheint es einen Trend zur Asexualität zu geben ("Sex? Nein, danke!") und fordert der Ethikrat die Anerkennung eines "dritten oder unbestimmten Geschlechts".
Freigegeben:
Feb 11, 2013
ISBN:
9783944099859
Format:
Buch

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Buchvorschau

Neuer Kampf der Geschlechter (Telepolis) - Heise Zeitschriften Verlag

Impressum

Herausgeber: Florian Rötzer

Neuer Kampf der Geschlechter

Über Sexismus, Feminismus und die Krise der Männer

Umschlaggestaltung & Herstellung: Michael Schuberthan

ISBN 978-3-944099-85-9 (V1)

Copyright © 2013 Heise Zeitschriften Verlag GmbH & Co KG, Hannover

Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten.

Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne die schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und daher strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit größter Sorgfalt kontrolliert. Weder Herausgeber, Autor noch Verlag können jedoch für Schäden haftbar gemacht werden, die in Zusammenhang mit der Verwendung dieses Buches stehen.


Heise Zeitschriften Verlag GmbH & Co KG

Karl-Wiechert-Allee 10

30625 Hannover

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Vorwort

Sexismus-Debatte

Jörg Friedrich

Ist das peinlich!

Selbstbeherrschung auch nach ein paar Gläsern Wein wird verlangt, um Peinlichkeiten zu vermeiden und nicht als unkultivierter Wilder zu gelten

Fritz Effenberger

Aufschrei, Sexismus und die Krise der Männlichkeit

Nach dem #Aufschrei gegen Sexismus von Politikern und anderen Männern. Und was machen wir jetzt?

Rüdiger Suchsland

Die zweigeteilte Frau und der eine Körper des Mannes

Sex, Lügen und keine Tapes: Was ist eigentlich Sexismus?

Stephan Schleim

Sexismus in der Sexismus-Debatte

Auch Frauen können sich sexistisch verhalten

Positionen im Geschlechterkampf

Reinhard Jellen

Den Frauen in unserem Land geht es sehr gut

Monika Ebeling, frühere Gleichstellungsbeauftragte in Goslar, wendet sich gegen die einseitige Parteilichkeit für Frauen

Reinhard Jellen

Eindeutig ein Stellvertreterkrieg

Die Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek über die Gender-Ideologie

Reinhard Jellen

Der Feminismus und die freie Begegnung der Geschlechter

Ralf Bönt über Männerdiskriminierung, Political Correctness und Beruhigungsmittel in Kondomen

Ulrike Heitmüller

Mädchen, pass auf, sonst wirst Du gefickt!

Oder: Wie gehen wir mit den schwächeren Mitgliedern unserer Gesellschaft um?

Reinhard Jellen

Pornographie wird überwiegend als harte Arbeit präsentiert

Nina Power über den letzten Stand von Feminismus, Neoliberalismus, Pornographie, Konsumismus und Unterdrückung

Florian Rötzer

Konkurrenz, Karriere und Kollaps

Neue Männer braucht die Gesellschaft, manche fühlen sich benachteiligt, entwertet und verstört

Reinhard Jellen

Männer werden mittlerweile auf sehr vielen Gebieten diskriminiert

Eckhard Kuhla über die Genderideologie

Reinhard Jellen

Quotenregelungen sind eine subtile Form der Frauenverachtung

Klaus Funken über seine Erfahrungen mit der Geschlechterpolitik in der SPD

Reinhard Jellen

Die Linke und der Sex

Barbara Eder über linke Sextheorie, den Sex im Neoliberalismus und die Aufwertung der Arsch-Zone

Reinhard Jellen

Patriarchen beißen bei mir auf meine harte Klit

Skandalrapperin Lady Bitch Ray über den Bitchsm-Feminismus und die vaginale Selbstbestimmung

Rüdiger Suchsland

Feminismusdämmerung - jetzt schlagen die Männer zurück

Warum der Sieg der Frauenbewegung ihre Niederlage ist

Schlaglichter zur Geschlechterdiskussion

Thomas Pany

Sexismus am Arbeitsplatz: Durchaus ein Grund für disziplinarische Maßnahmen

Laut einer Untersuchung haben Frauen und Männer eine sehr ähnliche Einschätzung darüber, was als sexuelle Belästigung empfunden wird

Florian Rötzer

Frauen haben bei Intelligenztests die Männer überholt

Nach dem bekannten Intelligenzforscher Flynn könnte die Doppelaufgabe, die Familie zu managen und eine berufliche Karriere zu verfolgen, die Frauen intelligenter gemacht haben

Florian Rötzer

Das Ende der Hypergamie?

Mit steigender Ausbildung überholen hier die Frauen die Männer, was auch bedeutet, dass sich nun vermehrt die Männer hoch- und die Frauen herunterheiraten

Florian Rötzer

Wer hat Erfolg im universitären Dschungel?

Australische Wissenschaftlerinnen glauben die Gründe gefunden zu haben, warum Frauen in der ökologischen Nische Universität nach dem Studium benachteiligt sind

Florian Rötzer

Resignieren die Männer?

Frauen ist die Karriere schon wichtiger als Männern in den USA, es studieren auch mehr Frauen als Männer an den Hochschulen und machen einen Abschluss

Florian Rötzer

Deprimierende Ausblicke für Männer

Sozioökonomisch wird das männliche Rollenbild mehr und mehr untergraben, sagen US-Wissenschaftler

Florian Rötzer

Studentinnen werden von Professoren als weniger kompetente Wissenschaftler als Studenten eingestuft

Bei völlig identischen Voraussetzungen würden auch Professorinnen in den Fächern Physik, Chemie und Biologie eher Studenten als Studentinnen einstellen

Florian Rötzer

Die Mütter und der Sexismus

Mütter beeinflussen nach einer Studie Töchter und Söhne, die Väter nur ihre Söhne, allerdings ist ihr Sexismus stärker ausgeprägt

Sexualität und Geschlecht

Reinhard Jellen

Gesundgevögelt

Susanne Wendel über die schönste Hauptsache der Welt

Ayleen Saskia Habersfeld

Wie geht's dir, was kochst du, hast du es schon einmal anal probiert?

Früher war Sexualität ein Tabu, heutzutage ist es etwas, was in der Schlange im Supermarkt diskutiert wird. Wer's nicht mag, gilt als Spießer.

Ayleen Saskia Habersfeld

Sex gegen Geld - na und?

Nach der Enthüllung, dass manche Unternehmen Sexparties für ihre Angestellten organisieren, wird Sex gegen Geld mal wieder als schlimm und typisch Mann abgeurteilt - dabei hat gekaufter Sex viele Vorteile

Twister (Bettina Hammer)

Um Körbchengrößen besser

Prostitution wird meist mit Zwangsprostitution gleichgesetzt, dabei kann Prostitution so lustig sein - wie man im Fernsehen sieht.

Florian Rötzer

Mehr Sex in Ehen mit traditioneller Aufteilung der Hausarbeit?

Wenn Männer nicht waschen, kochen, putzen, sondern dies ihren Ehefrauen überlassen, dann sollen die Paare nach einer US-Studie häufiger Sex haben als solche in einer egalitären Beziehung

Ulrike Heitmüller

Wird der Mann mit der Geburt seiner Tochter zu einer Pussy?

Tom Wilt über Geschlechterdifferenzen, Körperhygiene, Erziehung und christliche Weltanschauung

Florian Rötzer

Sex? Nein, danke!

Während man in Umfragen gerne zu hören bekommt, wie viele hundert Mal durchschnittlich im Jahr gevögelt wird, könnte die Wirklichkeit doch ein wenig anders aussehen

Skadi Frankenstein

Geschichte vom Jungen, der ein Mädchen sein wollte

Das Mädchen und das Sexualitätsdispositiv

Skadi Frankenstein

Das Schweigen der Transsexuellen

Das Europäische Parlament hat die andauernde Pathologisierung transsexueller Menschen auch in der EU scharf verurteilt, aber darüber spricht man nicht

Florian Rötzer

Anerkennung eines dritten oder unbestimmten Geschlechts

Der Ethikrat fordert die Achtung des Selbstbestimmungsrechts von intersexuellen Menschen bei operativen Eingriffen und die Möglichkeit, sich im Personenstandsrecht nicht mehr zwischen weiblich und männlich entscheiden zu müssen

Vorwort

Das vom stern im Januar 2013 dargestellte Altherrengebaren von Rainer Brüderle, der gerade nach der verlorenen Niedersachenwahl von den Liberalen zum Hoffnungsträger gekürt worden war, wurde zum medialen Aufreger. Schnell war man bei einer Sexismus-Debatte und tobte anscheinend ein neuer Kampf der Geschlechter, als ob nicht schon länger die Geschlechtsidentitäten zerfallen und sich von LGBT (lesbisch, schwul, bisexuell, trans) etwa zu LGBTQIA (zusätzlich queer oder questionable, intersex und asexuell) vervielfältigt hätten. Auf den ersten Blick haben sich Positionen kaum verändert. Im Unterschied zu früher wurden allerdings die Stimmen lauter, dass nicht alleine die Frauen von den Männern unterdrückt würden, sondern dass sich vermehrt die Männer vom angeblich siegreichen Feminismus diskriminiert sehen und sich als das neue schwache Geschlecht empfinden.

Das Telepolis-eBook geht den Sexismusvorwürfen nach und zeigt anhand von Essays, Berichten über Studien zu den Geschlechterverhältnissen und Interviews mit Wissenschaftlern, Feministinnen und mit Frauen und Männern, die mittlerweile eher den Mann benachteiligt sehen, was sich in der letzten Zeit bereits an Kampfpositionen und veränderten Perspektiven aufgebaut hat. Dabei kommen natürlich auch der Sexismus in der Sexismus-Debatte und die Kritik zur Sprache, dass die Gender-Politik überhaupt ein Stellvertreterkrieg ist.

Weil zum Geschlechterkampf auch die gelebte und propagierte Sexualität gehört, darf diese nicht fehlen. Während die einen vom sexuellen Glück schwärmen (Gesundgevögelt), nervt die anderen die zur Schau gestellte und zur Norm gewordene sexuelle Freiheit (Wie geht's dir, was kochst du, hast du es schon einmal anal probiert?), überdies scheint es einen Trend zur Asexualität zu geben (Sex? Nein, danke!) und fordert der Ethikrat die Anerkennung eines dritten oder unbestimmten Geschlechts.

Sexismus-Debatte


Jörg Friedrich

Ist das peinlich!

Selbstbeherrschung auch nach ein paar Gläsern Wein wird verlangt, um Peinlichkeiten zu vermeiden und nicht als unkultivierter Wilder zu gelten

Wenn eine Person in dezenter Atmosphäre zu laut redet, wenn jemand zu ernstem Anlass mit offenem Hemd erscheint, wenn in die Stille hinein einem Menschen ein lautes, wenn auch natürliches Geräusch entfährt oder wenn jemand Abends an der Bar nach dem dritten Glas Wein anfängt, einer anderen Person indiskrete Komplimente zu machen - jedes Mal ist das Verhalten vor allem eines: peinlich.

Sich peinlich zu verhalten ist ein schwerer Vorwurf, derjenige, dem das Urteil gilt, er habe sich peinlich benommen, muss sich schämen, hat sich zu entschuldigen. Peinlich ist es, aus der Rolle zu fallen. Das bedeutet, dass es für eine bestimmte Situation, einen Ort, einen Moment, ein genau vorgegebenes Verhalten gibt, das erlaubt, das angemessen ist, jede andere Handlung jedoch nicht gestattet, jedenfalls nicht akzeptiert ist.

Peinlichkeit ist daran gebunden, dass es in einer bestimmten Situation für alle Beteiligten eine vorgeschriebene Rolle gibt, der entsprechend sie sich zu verhalten haben. Die Voraussetzung für die Möglichkeit der Peinlichkeit ist, dass die Gemeinschaft sich in klar abgegrenzte und klassifizierte Situationen teilen lässt, und dass es für jede dieser Situationen eine Menge angemessener Verhaltensweisen gibt. Der Mensch, der Peinliches vermeiden will und kann, reduziert sich selbst auf eine Rolle, ein paar eingeübte Verfahren zu agieren und vor allem eine Menge von Methoden, alles zu unterdrücken, was nicht erwünscht und als peinlich sanktioniert ist.

Kulturvolle Selbstbeherrschung

Wir betrachten es für gewöhnlich als große kulturelle Leistung, dass wir uns angemessen verhalten. Alle Begriffe, die positiv belegt sind, verweisen darauf: Wir sprechen von einem kulturvollen Menschen, der sich zu benehmen weiß, wenn er die Regeln der jeweiligen Gesellschaft - und damit meinen wir eben die Gesellschaft, in der er sich gerade befindet - beherrscht, und das bedeutet vor allem, dass er sich selbst beherrschen kann. Sich beherrschen, das ist die Voraussetzung dafür, dass Peinliches vermieden wird, und diese Beherrschung erwarten wir von jedem, der dazu gehören will.

Die soziale Funktion dieser Selbstbeherrschung ist aber weniger, wie oft geglaubt wird, dass soziale Beziehungen überhaupt ermöglicht werden, sondern der Zweck dieses so genannten kulturvollen Verhaltens, das in Wahrheit eher ein künstliches ist, besteht in der Grenzziehung, die damit auf einfache Weise ermöglicht wird. Wer sich peinlich verhält, der kann ausgesondert werden, er gehört nicht dazu. Er ist, genau besehen, der Wilde, weil er unkultiviert ist.

Die Idee des Peinlichen setzt zweierlei voraus: zum einen, dass es eine Bewertbarkeit menschlichen Verhaltens gibt. Dies kommt bereits im Reden von einem angemessenen Verhalten zum Ausdruck, denn darin steckt das Maß, das Messen, und die Möglichkeit, das Verhalten einer Situation anzumessen. Wer misst, der vergleicht und bewertet, denn man misst einen Wert, und der Wert muss der richtige sein, damit er angemessen ist.

Erstaunlicherweise ist Verhalten umso mehr angemessen desto mehr es durch Training und Selbstbeherrschung ermöglicht wird. Was der Mensch auf natürliche Weise tut oder tun möchte, kann schnell peinlich werden, was er sich antrainiert hat, indem er sich die Natürlichkeit abtrainiert, ist das Angemessene, das Peinlichkeiten vermeidet. Dabei kommt es am Schluss zu einer absurden Verkehrung: Wem es gelingt, alles Natürliche so sicher zu vermeiden, dass das angemessene Künstliche bei ihm als leicht und selbstverständlich erscheint, dem wird dann - lobend und bewundernd - Natürlichkeit bescheinigt.

Die meisten Situationen unseres Zusammenlebens selbst sind künstlich, und alles Natürliche wird in die engste Privatheit verbannt, sodass der als besonders natürlich bewundert wird, der sich in der Künstlichkeit der Öffentlichkeit sicher bewegt, die doch genau besehen nur durch Gewöhnung als selbstverständlich und notwendig richtig betrachtet wird.

Dressur und Distanz

Die andere Voraussetzung der Idee des Peinlichen ist, dass man überhaupt meint, dass der Mensch sein Verhalten jederzeit steuern könnte, dass Selbstbeherrschung nicht nur anzustreben, sondern auch jederzeit möglich wäre. In Wirklichkeit erreichen wir solche Selbstbeherrschung nur durch dramatischen Verzicht. Wir bleiben von vornherein und jederzeit kontrolliert und distanziert, um die zarten und verletzlichen Fassaden unserer Künstlichkeit nicht unbedacht zu riskieren. Wir schweigen oder benutzen Floskeln, um uns nicht durch offenes freies Reden eine Äußerung zu erlauben, die als peinlich bewertet werden könnte. Wir halten Abstand, um unsere Sinne, die sich der Dressur besonders entziehen, nicht zu reizen.

Jeder weiß, dass in so genannter lockerer Stimmung die Gefahr von Peinlichkeit wächst. Das liegt nicht so sehr daran, dass wir glauben, dass dann mehr erlaubt wäre - dann könnte es ja nicht peinlich werden -, sondern dass wir in diesen Momenten die Kontrolle verlieren, die Selbstkontrolle, die wir für eine wesentliche Eigenschaft des Mensch-Seins halten, denn Selbstkontrolle wird seit langem mit Vernunft identifiziert, und vernünftig zu sein, so sagt man, zeichnet den Menschen doch vor den Tieren aus.

Dass wir aber nur vernünftig sein können, wenn wir uns kontrollieren und reduzieren, wenn wir uns in besonders künstliche, konstruierte Situationen begeben, sollte uns zu denken geben. Es könnte sein, dass im Peinlichen das Menschliche eigentlich in der ganzen Kraft aber auch Unberechenbarkeit aufblitzt, das in der Künstlichkeit des rationalen Handelns verborgen bleibt.

Man könnte die Struktur der ganzen Gesellschaft unter dem Aspekt beschreiben, wie wir mit den Peinlichkeiten der Menschen umgehen, die öffentlich wahrgenommen werden. Peinliches Verhalten etwa von Schauspielern oder Musikern wird im Gerede des Publikums ganz anders behandelt als das von Wirtschaftsbossen oder Politikern. Interessant ist, dass wir verschiedenen Personen in unterschiedlichem Maße erlauben, sich peinlich zu verhalten, dass unsere Toleranzbereitschaft für Peinliches unterschiedlich ist.

Genauer gesagt, verbieten wir genau einer Gruppe von Menschen jegliches peinliche Verhalten, den aktiven Politikern. Es gibt keine andere Gruppe, bei der peinliches Verhalten auch nur annähernd so stark sanktioniert würde wie bei Politikern. Zwar setzt sich jeder Mensch, der sich in die öffentliche Wahrnehmung begibt, dem Gerede über Peinlichkeiten seines Verhaltens aus, aber etwa bei prominenten Künstlern oder Sportlern dominiert eher die Schadenfreude oder die bloße Unterhaltung, während gleiches Verhalten bei Politikern als verurteilenswert sanktioniert wird. Macht ein alternder Schauspieler abends in der Hotelbar einer Journalistin Komplimente, die als peinlich bewertet werden, so macht er sich beim größten Teil des Publikums schlicht zum Gespött, handelt es sich um einen alternden Politiker, so wird sein Verhalten zum politischen Skandal.

Die Parallelwelt der Repräsentanten

Es sind verschiedene Argumentationen möglich, das zu rechtfertigen. Politiker, so sagt man z.B., hätten eine Vorbildfunktion. Es kann dahingestellt bleiben, warum eine solche Funktion bestehen sollte, denn aus dem oben Gesagten sollte schon deutlich geworden sein, dass es überhaupt fraglich ist, inwiefern die Vermeidung dessen, was heute als peinlich sanktioniert ist, überhaupt pauschal als vorbildlich angesehen werden kann. Das gleiche gilt für das Argument, Politiker sollten oder würden uns repräsentieren und müssten sich deshalb selbstverständlich besonders sicher so verhalten, wie wir uns gern repräsentiert sehen würden.

Die Fragen, die differenziert zu stellen wären, können hier nur angedeutet werden. Abschließend sei jedoch auf das Problem hingewiesen, welcher Menschenschlag für ein Leben als Politiker noch in Frage kommt, wenn wir ihnen jede Peinlichkeit verbieten wollten oder könnten. Vermeiden von Peinlichkeit ist, wie gesagt, nur durch Reduktion des Menschen auf eine Rolle, eine Funktion möglich, und es ist nur jenen möglich, die das Rollenspiel perfekt und jederzeit beherrschen.

Vom Politiker erwarten wir, dass er immer, wenn er beobachtet werden könnte, Politiker ist, obwohl doch das Politiker-Sein ebenso wie das Lehrer-Sein oder das Fußballer-Sein lediglich eine Rolle ist, die eigentlich nur in bestimmten Situationen angemessen ist und auch nur in diesen Situationen gespielt werden sollte. Ein Lehrer etwa, der auch im Schiurlaub nicht vom Lehrer-Sein lassen kann, würden wir als eindimensionalen Menschen betrachten. Wir würden ihn auffordern, doch mal locker zu sein, sich gehen zu lassen. Dem Politiker ist das verwehrt. Das hat zwei Konsequenzen.

Erstens versuchen die meisten, die eine Laufbahn als Politiker einschlagen, das Rollenspiel weitgehend zu perfektionieren, sodass sie aus der Rolle, die nur für bestimmte Situationen geübt ist, nicht mehr herausfinden. Mit diesen Menschen ist ein normales Gespräch und Nähe nicht mehr möglich, die Angst vor der Peinlichkeit lässt sie in Floskeln und Distanz erstarren. Zweitens schaffen sich Menschen, denen in der Öffentlichkeit nichts Peinliches passieren darf, eine private Parallelwelt. Das heißt, sie bleiben als Menschen unter sich, und nur als Politiker betreten sie die Welt aller anderen.

Es entsteht eine Parallelgesellschaft, in der sich ausgerechnet jene

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