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Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön
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Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön
eBook110 Seiten1 Stunde

Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön

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Über dieses E-Book

Ein kraftvoller und feinsinniger Roman über Menschen und deren Schicksale, Männer und Frauen, Anfang und Ende, das Leben und den Tod.

»Andrea Drumbl hat mit ihrer ›Vogelfreiheit‹ eine oft genug unheimliche, manchmal auch schön-morbide Prosawelt geschaffen. - Eine Prosawelt, die ich immer wieder, Kapitel für Kapitel gelesen habe."
SpracheDeutsch
HerausgeberEdition Atelier
Erscheinungsdatum15. Juli 2014
ISBN9783903005525
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    Buchvorschau

    Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön - Andrea Drumbl

    besprechen.

    Erster Teil

    (September)

    Wo sind bloß die Tage hin,

    als alles noch so sanft und jung und federleicht,

    das Leben selbst so hell gebacken

    und von der Sonne heiß,

    man hintenüberfallend aufgestiegen auferstiegen

    in einem sommergoldenen Tanz?

    Ihrer selbst

    In diesem Jahr brach der Sommer alle Rekorde. Der Juni war so heiß und trocken wie noch nie zuvor. Der Himmel war immer blau, und jeden Tag stieg aufs Neue die Sonne auf. Gleißend und heiß, wie für die Unendlichkeit, konnte sie so gänzlich in einen hineinsinken. Nach einem schweren süßen Frühling, in dem alles Gras und Grün so üppig voll aus der Saat ins Kraut geschossen war, brach die Hitzeperiode herein, die Sonne brannte vom Himmel, und eine große Mattigkeit mit einer genauso großen Erschöpfung auf den Straßen senkte sich über die ganze Stadt. Auf den Straßenrändern verdorrten die Blumen im Gras, und auf den Feldern vor der Stadt stand das Getreide dürr und halbreif. Nachts schien es in den Häusern noch heißer und schwüler zu sein, man sehnte den Regen richtig herbei.

    Den ganzen Juli über blieb der Himmel drückend blau, und die Menschen dieser Stadt zeigten sich mit in die Haut gebrannten Sonnenstichen auf den staubigen Straßen, wo die lasche Sommerlichkeit mit ihrer stumpf stehenden Hitze unerträglich lastete. Erst im August setzte der Regen ein, und es wurde schlagartig dunkler und kälter, mit einem blassen, vom Wind verwehten Himmel. Das Laub fiel von den Bäumen, und über dem Boden hing eine nebelverhangene Düsternis.

    So verging der Sommer. Die Blumen schossen weiterhin in die Höhe und in die Breite und wuchsen in Hülle und Fülle. Letzte Vögel sangen im Gebüsch, aber nicht für Günter und nicht für Piotr, nicht für Susana und auch nicht für Felix. Für sie, so könnte man sagen, leuchtete der Mond wie eine fremde Sonne.

    Draußen dunkelte es jetzt, dunkler, immer dunkler wurde es und kalt, und im Lampenlichterschein riss es das Laub vom Baum, und die Blumen hingen traurig welk mit ihren Köpfen im ausgehungerten Gras. Der ganze Tag war voll von durch die Lüfte wehenden, schwebenden, von durch die Lüfte fallenden Blättern.

    In diesem Jahr fielen die ersten Herbstnebel bereits im September über die Stadt und hängten sich wie eine Schaumkaskade über den Fluss. Es roch nach Fäulnis, und über dem Wasser tief unten im Graben schwirrten immer noch schwarze Insektenschwärme. Aus dem Wald mit seinen schwarzen Nadeln und grünen Zapfen kam der rasselnde Ruf eines Vogels, oben hängte sich ein Stück müder Himmel auf und unten am Boden lagen die Wurzelknollen wie grausam verknöcherte Fingergelenke. Die Luft schwirrte noch von Fliegen, dunkel dahin taumelnde Insekten mit hängenden, pendelnden Beinen, fleischig und doch so federleicht.

    Die Nächte waren warm für September und taghell vom Mond, der die meiste Zeit vom Himmel knallte und mit seinem grellgelbgrellen Licht die Straßen unter sich beschien. Es waren der Himmel, diese Nächte im September, diese letzten Feste, diese späten Feiertage.

    Aber der September zeigte sich auch als schwarzer Monat. Vier Menschen starben unabhängig voneinander innerhalb weniger Tage und im Umkreis von nur wenigen Kilometern.

    Sie starben allesamt von eigener Hand.

    Günter oder

    Der Flügeltanz

    Angefangen hatte das alles damals, als er noch ein kleiner Junge war, in seinem Kindsein, da hatte es angefangen. Es hatte damals, in diesem Augenblick, tief unter seinen Augenlidern angefangen, denn dort unten saß er, dieser Blick in seinen Augen, mit dem alles seinen Lauf genommen hatte, denn schon damals saß sie dort, unter seinen Augenlidern, diese Verzweiflung, die ihn anstarrte, aus seinen Augen heraus, und die er sich später so sehnlich wegwünschte, mit einem verzweifelten Wunsch auf seinen purpurnen Lippen mit dem jungenhaften Flaum darauf. Schon damals war es für ihn zu spät zu leben, schon damals gab es für ihn diese tödliche Stille, die nachts an seine Fensterscheibe klopfte und an dunklen Wänden hochhüpfte und die er wie Zungenspitzen im Nacken spürte – ihn umschmeichelnd und liebkosend, ein verheißungsvoller Zauber.

    Ein Flügeltanz.

    Später dann hatte er sich fallen lassen, nachdem ihm die Tabletten im Hals stecken geblieben waren und ihm einen ungeheuerlichen Brechreiz verursacht hatten, einen Brechreiz auf das Leben. Er hatte sich fallen lassen, hatte sich fallen lassen aus diesem verdammten Fenster, das im vierten Stockwerk lag und das ihm alles versprach und alle Farbe erdrückte, als das Dunkle vom Himmel stürzte und alle Wolken mit sich riss. Und dort ein Seufzer, hängengeblieben in einer Ecke, ein Schluchzen, das gegen die Scheibe prallte – ein viel zu Müdes, ein viel zu Vieles mit viel zu viel Erregung in der Luft, sie nagte zu sehr an seiner Haut.

    An jenem Abend in diesem September aber, da erwachten die Silhouetten der Stadt wieder einmal so müde und matt wie so oft zuvor im fahlen Schein der Abenddämmerung, und immer mehr entfernte sich das Tageslicht, bis sich die Häuser in der grauen Dämmerung verloren und die Schleier, die durch die Fensterscheibe fielen, vom Grau ins Schwarze wechselten. Eine laue Septembernacht hing über der Stadt.

    In der Dunkelheit schlichen die Stunden dumpf und träge dahin, während sich draußen eine unheimliche Finsternis über die Straßen spannte. Irgendwo schwirrte noch ein kleines Insekt, ein kurzes Surren, dann nichts mehr. Kein Ton war mehr zu hören in dieser Stille, die bedrohlich war. Und hinter dünnen Wolken stand der Mond, stumpfgrau und fahl, ein schwerer Schatten, der aus dem Nichts herauszukriechen schien und vor dem sich ein uralter Baum in die Nacht hinein erhob. Er sah bedrohlich aus mit seinem knorrigen Stamm voller Furchen und Risse, und die Luft um ihn herum schwamm in Nebeln, die wie dünne Schatten einen Walzer tanzten, die wie dünne Schatten einen Wiener Walzer tanzten, während trübe Luft vom Boden aufstieg und sich mit der Dunkelheit zu einer verzerrten Fratze vermischte. Langsam und leise pirschte sich diese Fratze der Dunkelheit an Günter heran, der wie betäubt in die Finsternis starrte, in dieses furchtbare Grauen, bei dem er sich so verlassen, so alleingelassen fühlte, bis sich das schwarze Loch der Nacht endgültig über die Stadt ausbreitete. In diesem Moment war Günters Gesicht so grau und leer wie seine Zukunft, und der Blick in seinen verhangenen Augen war ein dunkler. Es war der Blick eines Verzweifelten, eines zutiefst gebrochenen Menschen. Günter schaute in das Dunkel, blickte direkt in den Rachen dieses schwarzen Grauens, das ihn umgab, doch der Himmel dieser Nacht starrte ihn nur an, tat ihm nicht mehr weh. Dann trat Günter ans Fenster und sah, wie die Umrisse der Häuser aus den dunklen Schatten hervortraten. Lange schaute er diese Gemäuer an, die vergeblich der Nacht trotzten, bevor sie im Sog der Dunkelheit allmählich verschwanden.

    Verletzt und von großem Schmerz erfüllt dachte Günter, als er am Fenster stand, daran, dass es, seit er Janka nun zum ersten Mal nach Jahren wieder zufällig auf der Straße gesehen hatte, so war, als habe er selbst keinen eigenen Willen mehr. Er spürte, dass er sie tief in seinem Herzen immer noch liebte. Er war betäubt in einem Wirbel sinnlicher Verwirrungen. Und er verzehrte sich nach ihr. Sie jedoch hatte ihn unmissverständlich zurückgewiesen, auch dann noch, als er ihr sein Herz zu Füßen legte. Tief in seinem Inneren fühlte er nun sein Wesen wie eine verschmutzte Wunde, die nicht mehr heilen konnte. Er fühlte sich

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