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James Bond 20: Niemand lebt ewig
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eBook280 Seiten3 Stunden

James Bond 20: Niemand lebt ewig

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Über dieses E-Book

Auf dem Weg zu einer österreichischen Spezialklinik erreicht James Bond die Warnung, dass jemand ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hat. Der Beginn eines Abenteuers, das ihn nicht nur in die Arme von "La Principessa", der reichen und wunderschönen Sukie Tempesta, führt, sondern auch immer wieder in Situationen, in denen er nur knapp dem Tod von der Schippe springen kann. Als dann auch noch seine Haushälterin May und Miss Moneypenny verschwinden, weiß 007 nicht mehr, wem er noch trauen kann.
SpracheDeutsch
HerausgeberCross Cult
Erscheinungsdatum8. Juli 2015
ISBN9783864254673
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    Buchvorschau

    James Bond 20 - John Gardner

    Applaus

    1

    DER WEG NACH SÜDEN

    James Bond blinkte spät und bremste härter, als es ein Fahrlehrer von Bentley gebilligt hätte. Dann steuerte er den großen Wagen von der E5 auf die letzte Autobahnausfahrt direkt nördlich von Brüssel. Es war lediglich eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn er Straßburg vor Mitternacht erreichen wollte, wäre es sinnvoller, einfach weiterzufahren, der Ringstraße um Brüssel herum zu folgen und dann auf der belgischen N4 weiter Richtung Süden zu folgen. Doch selbst im Urlaub wusste Bond, dass es wichtig war, wachsam zu bleiben. Der kleine Umweg übers Land würde schnell klarstellen, ob ihn jemand verfolgte, und er würde in etwa einer Stunde auf die E40 auffahren.

    Vor Kurzem hatte es eine Anweisung für alle Offiziere des Secret Service gegeben. Darin hatte man ihnen geraten, »ständig auf der Hut zu sein, selbst wenn Sie nicht im Dienst sind, besonders im Urlaub oder im Ausland«.

    Er hatte die morgendliche Fähre nach Ostende genommen, und es hatte eine Verzögerung von über einer Stunde gegeben. Auf halbem Weg hatte das Schiff plötzlich angehalten, man hatte ein Boot zu Wasser gelassen und das Meer in einem weiten Umkreis abgesucht. Nach etwa vierzig Minuten war das Boot zurückgekehrt, und ein Hubschrauber war über ihnen erschienen, als sie weitergefahren waren. Ein wenig später verbreitete sich die Nachricht auf dem gesamten Schiff: Zwei Männer waren über Bord gegangen und galten nun scheinbar als vermisst.

    »Zwei junge Passagiere, die Unfug getrieben haben«, sagte der Barkeeper. »Und dabei sind sie ein wenig zu weit gegangen. Vermutlich wurden sie von den Schiffsschrauben in Stücke gerissen.«

    Sobald er die Zollkontrolle hinter sich gelassen hatte, war Bond auf eine Seitenstraße gefahren, hatte das Geheimfach im Armaturenbrett seines Bentley Mulsanne Turbo geöffnet und sich davon überzeugt, dass seine 9 mm ASP Automatik und die Reservemagazine in Ordnung waren. Dann hatte er den kleinen Einsatzschlagstock herausgeholt, der sich in einem weichen Lederholster befand. Er hatte das Geheimfach geschlossen, seinen Gürtel gelockert und das Holster daran befestigt, sodass der Schlagstock an seiner rechten Hüfte hing. Er war eine effektive Waffe: ein schwarzer Stock, nicht länger als fünfzehn Zentimeter. Wenn ihn jedoch ein entsprechend ausgebildeter Mann einsetzte, konnte er tödlich sein.

    Nun verlagerte Bond sein Gewicht auf dem Fahrersitz und spürte, wie sich das harte Metall beruhigend in seine Hüfte bohrte. Er verlangsamte den Wagen auf eine Kriechgeschwindigkeit von vierzig Kilometern pro Stunde, warf einen Blick in den Rückspiegel, während er die Kurven und Biegungen nahm, und verlangsamte automatisch erneut, sobald er die andere Seite erreicht hatte. Innerhalb einer halben Stunde war er sich sicher, dass ihm niemand folgte.

    Selbst mit der Anordnung im Hinterkopf fand er, dass er vorsichtiger als üblich vorging. Lag das an seinem sechsten Sinn für Gefahr oder womöglich an Ms Bemerkung vor ein paar Tagen?

    »Sie hätten sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für Ihre Abwesenheit aussuchen können, 007«, hatte sein Vorgesetzter ungehalten gebrummt, obwohl sich Bond kaum etwas dabei gedacht hatte. M war für seine mürrische Art bekannt, wenn es um Urlaubsfragen ging.

    »Ich habe aber Anspruch darauf, Sir. Sie stimmten zu, dass ich jetzt meinen Monat Urlaub nehmen könnte. Vielleicht erinnern Sie sich noch, dass ich ihn im vergangenen Jahr verschieben musste.«

    M schnaubte. »Moneypenny wird auch fort sein. Sie wird sich an allen möglichen Orten in Europa herumtreiben. Sie haben doch nicht vor …?«

    »Miss Moneypenny zu begleiten? Nein, Sir.«

    »Ich gehe davon aus, Sie wollen nach Jamaika oder an einen anderen Ihrer üblichen Lieblingsorte in der Karibik«, fuhr M mit einem Stirnrunzeln fort.

    »Nein, Sir. Zuerst geht es nach Rom. Dann fahre ich für ein paar Tage an die Riviera dei Fiori, bevor ich nach Österreich weiterreise, um meine Haushälterin May abzuholen. Ich hoffe nur, sie wird dann schon wieder fit genug sein, um mit mir nach London zurückzukommen.«

    »Ja … ja.« M war noch nicht besänftigt. »Hinterlassen Sie dem Stabschef Ihren vollständigen Reiseplan. Man kann nie wissen, wann wir Sie brauchen.«

    »Schon geschehen, Sir.«

    »Passen Sie auf sich auf, 007. Passen Sie besonders gut auf sich auf. Der Kontinent ist heutzutage eine Brutstätte für Gaunereien, und man kann nie vorsichtig genug sein.« In seinen Augen lag ein strenger, stahlharter Ausdruck. Bond fragte sich, ob sein Vorgesetzter etwas vor ihm verbarg.

    Als Bond Ms Büro verließ, hatte der alte Mann zumindest die Güte, seine Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, dass es bezüglich May gute Neuigkeiten gebe.

    May, Bonds treue alte schottische Haushälterin, schien zu diesem Zeitpunkt die einzige Sorge an einem ansonsten wolkenlosen Horizont zu sein. Während des Winters hatte sie zwei ernsthafte Bronchitisanfälle erlitten, und ihr Zustand schien sich zu verschlechtern. Sie arbeitete schon länger für Bond, als sich einer der beiden erinnern konnte. Tatsächlich war sie abgesehen vom Service die einzige Konstante in seinem nicht gerade ereignisarmen Leben.

    Nach dem zweiten Bronchitisanfall hatte Bond auf einer gründlichen Untersuchung bei einem Arzt bestanden, der für den Service arbeitete und seine Praxis in der Harley Street hatte. May hatte sich zwar gesträubt und darauf beharrt, dass sie »so zäh wie ein alter Wildvogel und noch lange nicht reif für den Kochtopf« sei, doch Bond hatte sie persönlich ins Sprechzimmer gebracht. Darauf war eine quälende Woche gefolgt, in der May von Spezialist zu Spezialist weitergereicht worden war und sich die ganze Zeit über bitterlich beschwert hatte. Doch die Ergebnisse der Untersuchungen ließen sich nicht leugnen. Ihr linker Lungenflügel war stark geschädigt, und es bestand die Möglichkeit, dass sich die Krankheit ausbreiten könnte. Wenn der Lungenflügel nicht sofort entfernt wurde und die Patientin mindestens drei Monate Zwangsruhe und Pflege erhielt, würde May ihren nächsten Geburtstag wahrscheinlich nicht mehr erleben.

    Die Operation wurde von dem fähigsten Chirurgen durchgeführt, den Bond mit seinen finanziellen Mitteln auftreiben konnte, und sobald es ihr gut genug ging, wurde May in eine weltberühmte Klinik verlegt, die auf ihr Leiden spezialisiert war: die Mozart-Klinik in den Bergen südlich von Salzburg. Bond rief regelmäßig in der Klinik an und erhielt die Information, dass May erstaunliche Fortschritte mache.

    Er hatte am vergangenen Abend sogar persönlich mit ihr gesprochen, und nun lächelte er in sich hinein, als er an den Tonfall in ihrer Stimme und die etwas missbilligende Art zurückdachte, mit der sie über die Klinik gesprochen hatte. Sie organisierte zweifellos das dortige Personal um und ließ jeden, von den Zimmermädchen bis zu den Köchen, den Zorn ihrer Vorfahren aus Glen Orchy spüren.

    »Die wissen hier nicht einmal, wie man etwas Ordentliches zu essen kocht, Mr James, so wahr ich hier stehe. Und die Zimmermädchen könnten kein Bett machen, wenn ihr Leben davon abhinge. Ich würde keinen von denen einstellen – und dabei zahlen Sie dieses viele Geld für meinen Aufenthalt hier. Das ist eine wahrhaft kriminelle Verschwendung, Mr James.«

    »Ich bin mir sicher, man kümmert sich sehr gut um Sie, May.« Sie war zu unabhängig, um eine gute Patientin abzugeben.

    Die gute alte May, dachte er. Sie wollte, dass die Dinge auf ihre Weise gemacht wurden oder gar nicht. Die Mozart-Klinik musste für sie eine Art Fegefeuer sein.

    Er überprüfte den Benzinstand und entschied, dass es klug wäre, vor dem langen Streckenabschnitt auf der E40 noch einmal aufzutanken. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass ihm niemand auf den Fersen war, konzentrierte er sich auf die Suche nach einer Tankstelle. Es war schon nach neunzehn Uhr, daher herrschte wenig Verkehr. Er fuhr durch zwei kleine Dörfer und sah die Schilder, die auf die nahe gelegene Autobahn hinwiesen. Dann entdeckte er auf einem geraden, leeren Streckenabschnitt die leuchtenden Schilder einer kleinen Tankstelle.

    Sie schien verlassen zu sein. Niemand stand an den beiden Zapfsäulen, doch die Tür zu dem winzigen Büro war offen. Ein rotes Hinweisschild warnte, dass es an den Zapfsäulen keine Selbstbedienung gab, also fuhr er mit dem Mulsanne an die Zapfsäule für Super heran und schaltete den Motor ab. Als er ausstieg und seine Muskeln streckte, bemerkte er den Aufruhr hinter dem kleinen Gebäude aus Ziegeln und Glas. Wütende Stimmen ertönten, dann folgte ein dumpfer Knall, als wäre jemand mit einem Auto zusammengestoßen. Bond schloss das Auto mithilfe der Zentralverriegelung ab und marschierte zügig zur Ecke des Gebäudes.

    Hinter dem Büro befand sich ein Werkstattbereich. Ein weißer Alfa Romeo Sprint stand vor den offenen Toren. Zwei Männer pressten eine junge Frau auf die Motorhaube. Die Fahrertür stand offen, und eine aufgerissene Handtasche lag auf dem Boden. Der Inhalt lag um die Tasche herum verteilt.

    »Komm schon«, sagte einer der Männer in grobem Französisch. »Wo ist es? Du musst doch ein bisschen dabeihaben! Her damit.« Der Schläger trug genau wie sein Kumpan eine verwaschene Jeans, ein Hemd und Turnschuhe. Beide waren klein, breitschultrig und hatten gebräunte, muskulöse Arme – raue Burschen wie sie im Buche standen. Ihr Opfer protestierte, und der Mann, der gesprochen hatte, hob eine Hand, um ihr ins Gesicht zu schlagen.

    »Aufhören!« Bonds Stimme knallte wie eine Peitsche, als er sich auf sie zubewegte.

    Die Männer blickten erschrocken auf. Dann lächelte einer von ihnen. »Zwei zum Preis von einem«, sagte er leise. Er packte die Frau an der Schulter und schleuderte sie vom Auto weg.

    Der Mann, der Bond gegenüberstand, hatte einen großen Schraubenschlüssel in den Händen und hielt Bond eindeutig für leichte Beute. Sein Haar war unordentlich, dicht und lockig, und das mürrische junge Gesicht wies bereits die Narben eines erfahrenen Straßenkämpfers auf. Er sprang in halb geduckter Haltung vor und hielt den Schraubenschlüssel tief. Er bewegte sich wie ein großer Affe, dachte Bond, während er nach dem Schlagstock an seiner rechten Hüfte griff.

    Der Schlagstock, der von derselben Firma stammte, die auch die ASP 9 mm entwickelt hatte, wirkte relativ harmlos – ein fünfzehn Zentimeter langes Metallstück, das mit rutschfestem Gummi überzogen war. Doch als er ihn aus dem Holster zog, vollführte Bond eine ruckartige Bewegung mit seinem rechten Handgelenk. Aus dem mit Gummi überzogenen Griff rutschten teleskopartig weitere fünfundzwanzig Zentimeter gehärteten Stahls, die gleich darauf einrasteten.

    Das plötzliche Auftauchen der Waffe überrumpelte den jungen Schläger. Er hatte den rechten Arm mit dem Schraubenschlüssel erhoben und zögerte eine Sekunde. Bond trat schnell nach links und schwang den Schlagstock. Ein unangenehmes Knacken ertönte, als der Schlagstock auf den Unterarm des Angreifers hinabsauste. Gleich darauf folgte ein Aufschrei. Er ließ den Schraubenschlüssel fallen, kauerte sich zusammen, hielt sich den gebrochenen Arm und fluchte wütend auf Französisch.

    Wieder bewegte sich Bond. Dieses Mal versetzte er seinem Gegner einen leichteren Schlag auf den Nacken. Der Straßenräuber sank auf die Knie und kippte vornüber. Mit lautem Gebrüll warf sich Bond auf den zweiten Schläger. Doch der Mann hatte nicht die Nerven für einen Kampf. Er drehte sich um und wollte davonrennen. Er war jedoch nicht schnell genug. Die Spitze des Schlagstocks erwischte ihn hart an der linken Schulter und brach zweifellos einen Knochen.

    Er schrie lauter auf als sein Partner. Dann hob er die Hände und fing an zu flehen. Bond war nicht in der Stimmung, zwei jungen Rabauken, die eine praktisch hilflose Frau angegriffen hatten, freundlich zu begegnen. Er stürzte vor und rammte dem Mann den Schlagstock in den Schritt, woraufhin sein Gegner vor Schmerzen noch lauter aufschrie. Er verstummte jedoch, als Bond ihm einen schnellen Schlag auf die linke Seite des Halses versetzte. Er hatte absichtlich so gezielt, dass der junge Mann das Bewusstsein verlieren würde, ohne weiteren nennenswerten Schaden zu nehmen.

    Bond trat den Schraubenschlüssel beiseite und drehte sich herum, um der jungen Frau zu helfen, doch sie hatte sich bereits daran gemacht, ihre Sachen vom Boden neben dem Auto aufzusammeln.

    »Sind Sie in Ordnung?« Er ging auf sie zu und bewunderte ihr italienisch anmutendes Aussehen – das lange rote Haar, den groß gewachsenen schlanken Körper, das ovale Gesicht und die großen braunen Augen.

    »Ja. Danke, ja.« Ihre Stimme wies nicht die kleinste Spur eines Akzents auf. Als er näher kam, bemerkte er die Gucci-Halbschuhe, die sehr langen Beine, die in einer engen Jeans von Calvin Klein steckten, und die Seidenbluse von Hermes. »Ich hatte Glück, dass Sie im richtigen Moment vorbeigekommen sind. Denken Sie, wir sollten die Polizei rufen?« Sie warf leicht den Kopf zurück, schob die Unterlippe vor und blies sich Haarsträhnen aus den Augen.

    »Ich wollte nur tanken.« Bond schaute zu dem Alfa Romeo. »Was ist passiert?«

    »Ich schätze, man kann wohl sagen, dass ich sie mit den Fingern in der Kasse erwischte, und das fanden sie nicht besonders lustig. Der Tankwart liegt bewusstlos im Büro.«

    Die Straßenräuber hatten sich als Tankwarte ausgegeben und sich entschuldigt, als sie auf das Gelände gefahren war. Sie hatten erklärt, die Zapfsäulen seien außer Betrieb, und sie gebeten, den Wagen zu der Zapfsäule hinter dem Gebäude zu fahren. »Ich bin darauf hereingefallen, und sie zerrten mich aus dem Auto.«

    Bond fragte, woher sie von der Sache mit dem Tankwart wisse.

    »Einer von ihnen fragte den anderen, ob er wieder in Ordnung kommen würde. Er sagte, der Mann würde etwa eine Stunde lang bewusstlos sein.« In ihrer Stimme lag keinerlei Anspannung, und als sie ihr wirres, üppiges Haar glatt strich, waren ihre Hände ruhig. »Wenn Sie sich wieder auf den Weg machen wollen, kann ich auch die Polizei rufen. Sie müssen hier nicht warten, wissen Sie?«

    »Sie auch nicht«, erwiderte er mit einem Lächeln. »Diese beiden werden eine ganze Weile lang schlafen. Mein Name ist übrigens Bond. James Bond.«

    »Sukie.« Sie streckte ihre Hand aus. Ihre Handfläche war trocken und der Griff fest. »Sukie Tempesta.«

    Schließlich warteten sie beide auf die Polizei, was Bond mehr als anderthalb Stunden seiner Reisezeit kostete. Der Tankwart war recht schwer verletzt und benötigte dringend medizinische Hilfe. Sukie tat für ihn, was sie konnte, während Bond die Polizei anrief. Um die Wartezeit zu überbrücken, unterhielten sie sich, und Bond versuchte, mehr über sie herauszufinden, denn die ganze Angelegenheit hatte angefangen, ihn zu faszinieren. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass sie etwas vor ihm verheimlichte. Doch so gerissen er seine Fragen auch formulierte, Sukie gelang es immer, ausweichende Antworten zu finden, die ihm absolut nichts verrieten.

    Seine Beobachtungsgabe half ihm ebenfalls kaum weiter. Sie war sehr selbstbeherrscht und hätte alles sein können, von einer Anwältin bis hin zu einer Dame der Gesellschaft. Ihrer Erscheinung und dem Schmuck, den sie trug, nach zu urteilen, war sie recht wohlhabend. Welchen Hintergrund sie auch haben mochte, James Bond kam zu dem Schluss, dass Sukie zweifellos eine attraktive junge Frau mit einer tiefen Stimme, präzisen, sparsamen Bewegungen und einer distanzierten Art war, die sie durchaus ein wenig schüchtern wirken ließ.

    Er fand allerdings schnell heraus, dass sie mindestens drei Sprachen beherrschte, was sowohl auf Intelligenz als auch auf eine gute Ausbildung hindeutete. Ansonsten konnte er nicht einmal ihre Nationalität bestimmen, obwohl die Nummernschilder ihres Wagens genau wie ihr Name italienisch waren.

    Bevor die Polizei mit lautem Sirenengeheul eintraf, war Bond zu seinem Auto zurückgekehrt und hatte den Schlagstock darin verstaut – diese Waffe war in jedem Land illegal. Er unterwarf sich einer Befragung und wurde gebeten, eine Aussage zu unterschreiben. Erst dann erlaubte man ihm, sein Auto vollzutanken und davonzufahren, allerdings nur unter der Bedingung, dass er den Beamten seine Aufenthaltsorte für die nächsten paar Wochen sowie seine Adresse und Telefonnummer in London nannte.

    Sukie Tempesta wurde noch immer befragt, als er davonfuhr. Er fühlte sich seltsam unbehaglich. Er erinnerte sich an den Ausdruck in Ms Augen und fing an, sich Gedanken über die Sache auf der Fähre zu machen.

    Um kurz nach Mitternacht war er auf der E25 zwischen Metz und Straßburg. An der Grenze nach Frankreich hatte er erneut aufgetankt und einen ganz passablen Kaffee getrunken. Nun war die Straße fast verlassen, daher konnte er die Rücklichter des Autos vor sich bereits gute vier Kilometer, bevor er es überholte, sehen. Er hatte den Tempomat auf hundertzehn Kilometer pro Stunde eingestellt und sauste auf diese Weise an dem großen weißen BMW vorbei, der mit etwa fünfzig Kilometern pro Stunde dahinzuschleichen schien.

    Aus Gewohnheit zuckten seine Augen kurz zum Nummernschild des Wagens, und er prägte sich die Aufschrift sowie das Nationalitätskennzeichen D ein, das das Auto als ein deutsches auswies.

    Etwa eine Minute später wurde Bond sehr wachsam. Der BMW hatte Fahrt aufgenommen und bewegte sich auf die mittlere Spur zu, blieb jedoch die ganze Zeit über in seiner Nähe. Die Entfernung variierte zwischen fünfhundert und weniger als einhundert Metern. Er trat vorsichtig auf die Bremse, schaltete den Tempomat aus und beschleunigte. Einhundertdreißig. Einhundertvierzig! Der BMW war immer noch da.

    Dann, als er noch etwa fünfzehn Kilometer von den Außenbezirken Straßburgs entfernt war, bemerkte er ein weiteres Paar Scheinwerfer direkt hinter sich auf der Überholspur, das schnell näher kam.

    Er fuhr auf die Mittelspur und schaute abwechselnd auf die Straße vor sich und in den Spiegel. Der BMW war ein wenig zurückgefallen, und innerhalb von Sekunden wurden die näher kommenden Lichter größer. Der Bentley schwankte leicht, als ein kleines schwarzes Auto wie ein Düsenjet an ihm vorbeiraste. Es musste an die hundertsechzig Kilometer pro Stunde schnell sein, und in seinen Frontscheinwerfern konnte Bond nur einen flüchtigen Blick auf das Nummernschild erhaschen, das voller Schlammspritzer war. Er glaubte, dass es sich um ein Schweizer Fahrzeug handelte, denn er war sich fast sicher, auf der rechten Seite des Nummernschilds das Wappen des Kantons Tessin entdeckt zu haben. Er hatte nicht einmal genug Zeit gehabt, die Automarke zu erkennen.

    Der BMW blieb nur für ein paar weitere Augenblicke in seiner Position. Dann verlangsamte er und fiel zurück. Plötzlich sah Bond einen Blitz im Rückspiegel: eine karmesinrote Kugel, die hinter ihm auf der Mittelspur explodierte. Er spürte, wie der Bentley durch die Schockwelle erbebte, und beobachtete ihm Spiegel, wie Klumpen aus brennendem Metall über die Autobahn taumelten.

    Bond erhöhte den Druck aufs Gaspedal. Nichts würde ihn um diese Uhrzeit dazu veranlassen, anzuhalten und sich einzumischen, vor allem nicht auf einem so einsamen Streckenabschnitt. Plötzlich wurde ihm klar, dass ihn diese unerklärliche Gewalt, die ihn schon den ganzen Tag über zu umgeben schien, auf seltsame Weise erschüttert hatte.

    Um elf Minuten nach eins fuhr der Bentley auf Straßburgs Place Saint-Pierre-le-Jeune und kam vor dem Hotel Sofitel zum Stehen. Das Nachtpersonal verhielt sich ehrerbietig. Oui, Monsieur Bond Non, Monsieur Bond. Aber natürlich läge seine Reservierung vor. Das Gepäck wurde aus dem Auto geholt, und er fuhr den Bentley selbst auf den Privatparkplatz des Hotels.

    Die Suite erwies sich als fast zu groß für eine einzige Übernachtung, und es gab sogar einen Obstkorb mit Empfehlung des Managers. Bond wusste nicht, ob er beeindruckt oder wachsam sein sollte. Er war seit mindestens drei Jahren nicht mehr im Sofitel gewesen.

    Er öffnete die Minibar und mixte sich einen Martini. Zufrieden stellte er fest, dass die Bar mit Gordon’s Gin und anständigem Wodka ausgestattet war, auch wenn er sich mit einem einfachen Lillet-Wermut begnügen musste, anstatt seinen

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