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Müde Museen: Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten

Müde Museen: Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten

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Müde Museen: Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten

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4.5/5 (2 Bewertungen)
Länge:
319 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 12, 2014
ISBN:
9783896844569
Format:
Buch

Beschreibung

Museen sind Massenmedien. Aufwendige Ausstellungsprojekte erreichen immense Besucherzahlen; kühne Museumsbauten bilden neue Landmarken. Lauter Erfolgsgeschichten, oder? Doch auch wenn sie es ungern zugeben: Betrieb und Besucher sind gleichermaßen ermüdet. Immer mehr, immer teurer, immer multimedialer - und irgendwie immer dasselbe …

Der Mangel an Ideen und gedanklicher Tiefe, die ängstliche Befriedigung antizipierter Erwartungen und die Selbstreferenzialität des Betriebs gehören für den Philosophen und Kurator Daniel Tyradellis zu den Kernproblemen der Museen. Wichtiger als ein breiteres Spektrum an Exponaten und Präsentationsformen sollten die inhaltlichen Überlegungen sein, die Themen und Thesen einer Ausstellung, die sich von den überholten Oppositionen und Zuordnungen frei machen und dadurch den Museen neue Möglichkeiten eröffnen, mit ihren Objekten und ihrer Expertise umzugehen.

So könnten Ausstellungen entstehen, die jeden Besucher ernst nehmen, das Denken in neue Bahnen lenken und das Museum als einzigartiges Medium nutzen, um Erfahrungsräume anderer Art zu öffnen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 12, 2014
ISBN:
9783896844569
Format:
Buch

Über den Autor


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Müde Museen - Daniel Tyradellis

beitragen.

I. Museum und Ausstellungen – wie und was und für wen?

»Das Museum ist ein gigantischer Spiegel, der es dem Menschen ermöglicht, sich endlich von allen Seiten zu betrachten.«

Georges Bataille¹⁰

Erfolgsmuseen

Die Ankündigung der 2012 veranstalteten Jubiläumstagung »Wozu Museen?« des Deutschen Hygiene-Museums Dresden zitiert den Volkskundler, Ausstellungsmacher und Museumsforscher Gottfried Korff mit den Worten, Museen gehörten zu den »erfolgreichsten und dynamischsten Medien der Informationsgesellschaft«.¹¹ Woran macht sich eine solche Diagnose fest? Es dürfte außer Zweifel stehen, dass Fernsehen, Computer und Internet mit weitem Abstand die erfolg- und folgenreichsten Medien des Informationszeitalters sind, denen gegenüber das Museum eine kaum messbare Reichweite und Relevanz hat. Eine einzige Folge des Tatort wird von durchschnittlich sieben bis elfeinhalb Millionen Zuschauern gesehen – das schafft keine Ausstellung. Korffs Diagnose kann sich also nicht allein auf die Besuchszahlen von Museen beziehen. Legte man diese als Maßstab an, würden auch im Vergleich der Ausstellungsformate nicht unbedingt diejenigen vorne liegen, mit denen er sich vorrangig beschäftigt. So lockt die Sexmesse Venus in Berlin jährlich an die 30.000 Besucher an – in vier Tagen. Eine erfolgreiche kulturgeschichtliche Ausstellung dagegen zählt vielleicht 200.000 Besucher – in sechs Monaten. Sicher, Sex sells, und eine Messe ist nicht unbedingt das Gleiche wie eine Ausstellung, aber Erfolg ist Erfolg. Wirkliche Blockbuster sind im Ausstellungsgewerbe allenfalls im konservativen Kunstbereich möglich, wo auch schon mal die Millionenzahl geknackt wird.

Allerdings stellt sich in unserem Zusammenhang die Frage, worin der kulturelle Gewinn solcher Events liegt, die – mit einem gewaltigen Werbeetat versehen – in erster Linie Sehgewohnheiten und Erwartungen bedienen. Die Ausstellung Das MoMa in Berlin (Neue Nationalgalerie Berlin, 2004) gilt mit 1,2 Millionen Besuchern als erfolgreichste Kunstausstellung Europas in den vergangenen Jahren.¹² Die 8,5 Millionen Euro teure Ausstellung, von denen eine Million alleine in die Werbung floss, bestand aus 212 Kunstwerken, die man gesehen haben »muss« und die aus dem Sammlungsbestand des New Yorker Museum of Modern Art von den dortigen Kustoden ausgewählt worden waren. Es ist nicht zu erwarten, dass der Besucher in Berlin hier irgendetwas erfahren hat, was er nicht schon kannte, außer man unterstellt, dass die schöne Seele bereits durch die Betrachtung von kanonischen Kunstwerken der Moderne an Glanz zulegen würde. Es gilt hier das, was der Soziologe Niklas Luhmann so präzise über die Pornografie schrieb: Man sieht alles und sonst nichts. Der Museumsforscher wird auch diese Art von Ausstellung in seiner Diagnose nicht im Auge gehabt haben.¹³

Tatsächlich muss man Korffs Kommentar differenzierter betrachten. Der Soziologe Heiner Treinen, auf den sich Korff bezieht, bezeichnet Museen als die »nach den elektronischen Medien (…) am stärksten expandierende kulturelle Institution«.¹⁴ Der Erfolg der Museen erklärt sich also nicht absolut, sondern aus dem Vergleich mit Theatern, Opern und Bibliotheken, denen gegenüber die Museen den prozentual größeren Zuwachs verzeichnen können – was die Aussagekraft der Diagnose denn doch etwas schmälert. Die Gründe dafür, dass das Interesse der Bevölkerung an diesen anderen kulturellen Institutionen mit dem an Ausstellungen nicht mehr mithalten kann, muss nicht unbedingt etwas mit der dynamis der Museen zu tun haben.

Denn zwar sind Museen Massenmedien. Deutschlands Ausstellungshäuser verzeichnen jährlich über 125 Millionen Besuche – Tendenz steigend. Damit gehen mehr Menschen ins Museum als zu den Spielen der Fußballbundesliga. Das könnte eine gute Nachricht sein, scheint es doch die vornehmste Aufgabe von Museen, Wissen und Kultur zu vermitteln. Doch der bloße Besuch sagt nichts darüber aus, ob dieser ein Gewinn ist, ob es kulturell sinnvoller, erfüllender oder gewinnbringender ist, eine Ausstellung zu besuchen oder einen Film im Fernsehen oder Kino zu gucken, Sport zu treiben oder aus dem Fenster zu schauen. Auch die auf den ersten Blick gewaltige Zahl ist bei näherer Betrachtung irreführend. Bei einer Bevölkerung von mehr als 80 Millionen Menschen abzüglich Babys und Kleinkindern, Bettlägerigen, Inhaftierten oder sehr alten Menschen sind das sage und schreibe zwei Museumsbesuche pro Jahr. Bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von ca. 100 Minuten pro Besuch bedeutet das, dass der Bundesbürger im Durchschnitt 0,3 bis 0,4 Promille seiner Lebenszeit im Museum verbringt. Das ist natürlich eine annähernd sinnlose Rechnung, aber sie zeigt die Relationen an.

Abb. 2: Schlange stehen für den schönen Schein – die Ausstellung Das MoMa in Berlin, Neue Nationalgalerie, Berlin 2004

Auch darüber hinaus sind Zweifel angebracht. So kostet eine große kultur- oder kunstgeschichtliche Ausstellung leicht anderthalb bis drei Millionen Euro und mehr. Bei einer sehr erfolgreichen Ausstellung mit 200.000 Besuchern ergibt das Ausgaben von 7,50 bis 15 Euro pro Besucher bei einer durchschnittlichen Einnahme von ca. fünf Euro je Besucher. Das heißt: Jede dieser – erfolgreichen – Ausstellungen ist ein Subventionsprojekt, das ohne Weiteres doppelt so viel kosten kann, wie es einspielt. Nicht in vollem Umfang einberechnet sind dabei die Fixkosten der Ausstellungshäuser; würde man diese berücksichtigen, fiele das Verhältnis noch ungünstiger aus. Der angesprochene Erfolg kann also auch nicht auf kommerzieller, sondern muss auf anderer Ebene zu suchen sein. Bleibt eigentlich nur noch die Bildung.

Auch das ließe sich in Frage stellen. Partiell könnte es sich sogar invers verhalten. Hier wird im Einzelfall virulent, was für die Massenmedien in toto gilt: Das Medium ist die Botschaft. Inhalte zu übermitteln ist möglich, fällt in seiner Relevanz jedoch weit hinter die schlichte Tatsache zurück, dass übermittelt wird. Im Museum gewesen zu sein, heißt nicht, dass sich hier dem Besucher etwas vermittelt hätte, außer eben, dass man im Museum gewesen ist und allerlei Zeugs gesehen hat. Eine Ausstellung bindet Zeit der Menschen, die während dieser annehmen, sie würden sich mit Kultur beschäftigen. Das mag hart klingen, aber wenn eine Ausstellung dem nicht gerecht wird, ist das doppelt ärgerlich. Der Besucher hat Zeit investiert, die für andere kulturelle Aktivitäten nicht mehr zur Verfügung steht. Zudem meint der Besucher, sich informiert und auseinandergesetzt zu haben, während er unter Umständen die Dinge nur so ausschnitthaft, so hermetisch, so verzerrt präsentiert bekommen hat, dass er wichtige und interessante Aspekte noch nicht einmal ignorieren konnte.

Dass also Museen immer mehr Besuche verzeichnen können, sagt eigentlich noch nichts darüber aus, ob dies als Erfolg zu werten ist, auch wenn man nicht die Zahl, sondern den Bildungseffekt zum Kriterium erhebt. Dieser Effekt ist schwer zu messen (und wird gerade deshalb so gerne zum Argument gemacht), was nicht bloß empirische Gründe hat. Über die zu vermittelnden Inhalte herrscht Unklarheit, und die Antwortversuche unterscheiden sich je nach Museumstyp deutlich voneinander.

Angesichts dieser Situation ließe sich, eine gewisse Galligkeit vorausgesetzt, Gottfried Korffs Satz auch ins Gegenteil wenden: »Museen sind die erfolglosesten und atavistischsten Medien der Informationsgesellschaft.« Sie sind ein Ärgernis. Sie horten und verwalten Unmengen von Objekten und folgen dabei Gesetzen und Prinzipien, die kein Außenstehender nachvollziehen kann. Aus ihrer bloßen Existenz schließen sie, dass man sie braucht. Es wäre an der Zeit, den feuilletonistischen Schmusekurs mit dieser Institution aufzugeben.

So etwas zu sagen, ist nicht ohne Risiko, denn sofort werden die Stimmen all jener laut, die die Chance wittern, diese eigentlich doch unverzichtbare kulturelle Institution loszuwerden und damit Kosten einzusparen. Sorge um diesen inzwischen fast zum Automatismus gewordenen Vorgang im Kulturbereich mag ein Grund für die positive Bestandsaufnahme sein.

Im Folgenden geht es mir jedoch darum, das Potenzial dieser Institution sichtbar zu machen. Das Problem sind nur bedingt das Geld, die Besucher oder die Politiker, sondern die Strukturen und, horribile dictu, die Mitarbeiter der Museen. Natürlich hören diese das nicht gerne. Doch die meisten wissen aus der Praxis, dass hier viel im Argen liegt, und nicht wenige enthusiastisch Gestartete verbrennen ihre Energien in dem zunehmend verzweifelten Bemühen, etwas daran zu ändern. Gegen Institutionen ist man als Einzelner, egal wo, auf verlorenem Posten.

Und die Museen stellen keine kleine Institution dar; etwa 6500 bis 6800 gibt es in Deutschland, und sie beschäftigen grob geschätzt etwa 80.000 bis 90.000 Menschen, woran sich eine um ein Vielfaches größere Zahl von Personen knüpft, die projektbezogen und temporär für ein Museum arbeiten: von der Firma, die museumspädagogische Dienste anbietet, bis zum freiberuflichen Kurator, von den auf die Präsentation von Ausstellungsexponaten spezialisierten sogenannten »Hängeteams« bis hin zu unabhängigen Gestaltern und Architekten.

Nicht nur auf den ersten Blick sind das enorme Zahlen, die auch im internationalen Vergleich herausragen. Im Schnitt teilen sich je zwei Gemeinden bzw. 12.500 Bürger ein Museum – das ist ein Verteilerschlüssel, der deutlich macht, dass sich über dieses Medium tatsächlich nachhaltig Einfluss ausüben ließe. Schaut man sich die Zahlen genauer an, sieht man etwas ernüchtert, dass davon knapp die Hälfte Heimatmuseen sind, also ein Museumstyp, der sich – Ausnahmen bestätigen die Regel – in Agonie befindet. Die große Zahl der Besuche ist nicht auf diese, sondern in erster Linie auf größere Museen, insbesondere Freiluftmuseen und Kunstmuseen zurückzuführen mit ihren Blockbustern. Nur bedingt aussagekräftig ist diese Zahl auch deshalb, weil Ausstellungen zu einem großen Teil von Touristen besucht werden; in einer Stadt wie Berlin macht ihr Anteil bis zu 75 Prozent der Besucher aus. Manchmal sind diese Ausstellungen selbst Anlass des Stadtbesuchs, oftmals gehört das jeweilige Museum unabhängig vom konkreten Ausstellungsthema zum kulturellen Pflichtprogramm. Sobald eine Stadt von einer Billigfluglinie angesteuert wird, steigen die Museumsbesuche merklich an. Auch deshalb ist es schwierig zu sagen, ob die Zahl ihrer Besucher viel mit der Qualität einer Ausstellung zu tun hat.

Als wichtigster Grund jedenfalls für den seit Jahren anhaltenden Anstieg der Besuchszahlen gilt nach Erhebungen des Instituts für Museumskunde die wachsende Zahl von Sonderausstellungen, von denen es in Deutschland jährlich etwa 10.000 gibt.

Dass vor allem diese für das stetige Anwachsen der Besuchszahlen verantwortlich zeichnen, liegt auf der Hand: Sonderausstellungen können und sollen zugespitzter sein; sie können Exponate zeigen, die sonst anderswo oder gar nicht zu besichtigen sind; sie erproben neue Präsentationsformate und -technologien und wirken dadurch potenziell vielfältiger, aktueller, unterhaltender. Temporäre Angebote erzeugen eine größere Aufmerksamkeit und erhöhen den »Druck« (›Nur noch drei Wochen!‹), einen anvisierten Besuch auch in die Tat umzusetzen. Zudem sind Sonderausstellungen Anlass für Werbemaßnahmen, Plakatierungen etc., die die Aufmerksamkeit für ein Museum als solches erneuern und die Berichterstattung in anderen Medien aktivieren. Medien definieren die Lage, und sie definieren auch, was als Erfolg gilt.

Es bedeutet dies allerdings auch, dass die Erfolgsgeschichte des Museums, wenn sie denn eine ist, nicht aufs Konto der Dauerausstellungen der Museen geht – also das, was nach der Vorstellung der meisten Mitarbeiter den Kern ihrer Arbeit und die Identität ihres Museums ausmacht. Der Erfolg ginge dann auf etwas zurück, was, wie es der Name schon sagt, für ein Haus eine Besonderheit darstellt – zumal solche Sonderausstellungen immer öfter gar nicht aus den Museen selbst heraus entwickelt werden, sondern von extern Arbeitenden – sodass man böswillig sagen könnte, der Erfolg kommt nicht von innen, sondern von außen.

Ausstellungsarten und Arten auszustellen

Wenn im Folgenden vom Museum die Rede ist, ist das gemeint, was eigentlich nur einen Teil davon ausmacht: die Ausstellung, die Summe all dessen, was dem Besucher präsentiert wird.¹⁵ Für die meisten Besucher sind sie der Anlass ihres Museumsbesuchs, wobei der Bauboom der letzten Jahrzehnte oftmals das Museumsgebäude selbst zum Grund des Besuchs hat werden lassen.

Nichtsdestotrotz ist das Museum mehr als nur Gebäude und Ausstellung. Es ist, der offiziellen Definition des International Council of Museums (ICOM) nach, ebenso Stätte des Sammelns und Erhaltens (viele Museen haben Lager und Depots, deren Umfang das in der Ausstellung zu Sehende um ein Vielfaches übersteigt) wie des Forschens. Hinzu kommen je nachdem angegliederte Angebote wie eine Fachbibliothek, ein Café oder Restaurant, Seminarräume, Kinosäle etc. Auch wenn es hier vordringlich um Ausstellungen gehen wird, so sollte man doch die anderen Funktionen im Hinterkopf haben. Sie beeinflussen den Charakter und das Selbstverständnis eines Museums ebenso, wie sie Zeit und andere Ressourcen der Institution und ihrer Mitarbeiter beanspruchen.¹⁶

Das Spektrum der Museen ist weit: Es reicht von privat finanzierten Ein-Personen-Unternehmen bis hin zu staatstragenden Häusern mit mehreren Hundert Mitarbeitern, von 16 m2 bis zu 73.000 m2 Ausstellungsfläche, von drei Sammlungsobjekten bis hin zu mehr als einer halben Million – zählt man jeden Käfer einer naturhistorischen Sammlung einzeln, sind es noch weit mehr. Die Etats reichen von null Euro bis hin zu mehreren Millionen jährlich. Es versteht sich von selbst, dass die ausstellerischen Möglichkeiten der verschiedenen Häuser sehr unterschiedlich sind und dass für ein kleines Museum schon die Produktion einzelner neuer Objektschilder ein finanzielles Problem darstellt, während andere über spektakuläre Ankäufe, mehrsprachige Audioguides und GPS-Tracking in den Räumen nachdenken dürfen.

Die Gründe für oftmals ermüdende Ausstellungen sind jedoch nicht primär finanzieller Art, und ein kleines Museum mit einem vergleichsweise kleinen Etat kann gewitztere Ausstellungen präsentieren als ein aus dem Vollen schöpfendes Haus. Wichtiger als der finanzielle Aufwand und die damit verbundenen Möglichkeiten ist die inhaltliche Arbeit, sind die Ideen und die spezifische Umsetzung, die eine Ausstellung tragen. Hierzu ist auch entscheidend, wie die inhaltliche Arbeit im Haus verankert ist, in welchem Freiraum sie stattfindet und wie weit sie in die Struktur und Abläufe des Hauses eingreifen kann. Das ist eine der zentralen Fragen dieses Buches: Wie lassen sich, ausgehend von den jeweils gegebenen Mitteln, interessante Ausstellungen entwickeln, bzw. was sind die Gründe, die dem entgegenstehen? Hierbei ist zu beachten, dass die verschiedenen Museen je nach Gattung sehr unterschiedliche Praktiken des Zeigens und Vermittelns üben, die nicht ohne Weiteres aufeinander abzubilden sind.

Auch zwischen den Ausstellungen lässt sich noch einmal differenzieren: Es gibt Dauerausstellungen, Sonderausstellungen und Wanderausstellungen. Sie folgen unterschiedlichen Funktionsprinzipien, was in der Diskussion über die Qualität einer Ausstellung zu berücksichtigen ist. Eine Dauerausstellung muss viele Jahre (in der Regel mindestens zehn, manchmal aber auch für die Ewigkeit) »funktionieren«, d.h., sie muss sowohl von der materiellen Produktion (Haltbarkeit) als auch von den zu zeigenden Exponaten (in aller Regel hauseigene) und der methodischen Präsentation (eher konservativ als thesenhaft-experimentell) anders gedacht werden als eine Sonderausstellung. Eine Wanderausstellung wiederum muss baulich flexibel und inhaltlich weitgehend unabhängig vom konkreten Ort sein.

Daneben gibt es eine Reihe experimenteller Formen des Ausstellens, allen voran die »Intervention«, die keine ganze Sonderausstellung darstellt, sondern sich in eine bestehende Dauerausstellung einnistet, um andere Perspektiven auf sie zu gewinnen. Diese Art von Verjüngungsspritze ist nicht zuletzt deshalb so attraktiv, weil eine Intervention sehr viel weniger kostet als eine Sonderausstellung, naturgemäß weniger Raum beansprucht und das Bestehende nicht grundsätzlich in Frage stellt – wobei hier die Akzeptanz seitens der Verantwortlichen der jeweiligen Dauerausstellung begrenzt ist. Interventionen stellen ein gutes Labor für kuratorische Experimente dar und können Impulse geben für die behutsame Umgestaltung von Dauerausstellungen und die prinzipielle Möglichkeit, die Dinge auch einmal anders anzugehen.

Nicht jedes Museum verfügt über eine Dauerausstellung oder eigene Sammlung, einige beziehen ihre Identität aus dem Profil der gezeigten Sonderausstellungen. Auch diese unterscheiden sich je nach Museumsgattung. Etwas künstlich lassen sich einige Grundtypen differenzieren. Im Kunstbereich ist dies trotz aller Vielfalt vergleichsweise übersichtlich: Neben Einzelausstellungen, die nur einem Künstler gewidmet sind, gibt es vor allem Gruppenausstellungen, in denen Kunstwerke verschiedener Künstler gemeinsam gezeigt werden. In der überwiegenden Zahl der Fälle werden das Künstler sein, die aus ein und derselben Zeit stammen. Dies gilt auch für Gruppenausstellungen, die zugespitzt als Themenausstellungen zu bezeichnen wären. Bei diesen kommt es gelegentlich zu einer gemeinsamen Präsentation von Kunstwerken unterschiedlicher Epochen – was sofort als außergewöhnliche Maßnahme registriert wird. Dass darüber hinaus auch nicht-künstlerische Exponate gezeigt werden, kommt so gut wie nicht vor, und tatsächlich ist dies das sicherste Unterscheidungsmerkmal der Museumstypen, über das sich der Laie jedoch meist keine Gedanken

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