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Secret Agency

Secret Agency

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Secret Agency

Länge:
257 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Dez. 2012
ISBN:
9783943562170
Format:
Buch

Beschreibung

Die Büroräume sind auf lebensfeindliche Temperaturen herabgekühlt, der Chef ist eine Katze, der einzige Kunde eine esoterische Lebensberatung und die Kollegin am Schreibtisch gegenüber die große Liebe. Musas neuer Job als Werbetexter in der Secret Agency ist so bizarr wie die Ereignisse, die auf den Tod des Geschäftsführers folgen und ihn in ein Abenteuer stürzen, das die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit so sehr verwischen lässt, dass kein Glas Raki mehr Abhilfe schaffen kann. Auch im Bewerbungsgespräch war nie die Rede davon, dass Musa sich mit Problemen auseinandersetzen müsste, die sich nicht durch einige Flaschen Bier in der Bar lösen lassen, sondern ihn auf eine Reise durch Istanbul, Paläste und übers Meer schicken.

Alper Canigüz erzählt eine rasante Geschichte, in der sich die Kreativwirtschaft in eine Mördergrube verwandelt und tödlicher Ernst sich mit absurdem Humor abwechselt.
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Dez. 2012
ISBN:
9783943562170
Format:
Buch

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Buchvorschau

Secret Agency - Alper Canigüz

Beyatlı.

1.

Als ich erfuhr, dass Jorge Luis Borges und Kemalettin Tuğcu ein und dieselbe Person waren, hielt ich das für die schrecklichste Tatsache in meinem Leben. Doch wie sehr hatte ich mich getäuscht.

Damals glaubte ich felsenfest, die ganze Welt hätte sich gegen mich verschworen. Ich hatte keine Arbeit, konsumierte viel zu viel Alkohol und war wohl auch ziemlich einsam. Klar gab es da noch ein paar Leute. Şaban zum Beispiel. Kennengelernt hatten wir uns beim Militärdienst. Wir waren in derselben Kompanie und schliefen im selben Schlafsaal, aber wir redeten nicht viel miteinander; hallo, hallo, mehr nicht. Eines Tages dann, also nach dem Militärdienst, als ich auf dem Eminönü-Platz die Vögel fütterte, stupste mich jemand an der Schulter. Ich sah hoch: es war Şaban. Zuerst dachte ich, wir würden nach einem kurzen Austausch über unsere Befindlichkeiten wieder unserer Wege gehen, aber so war es nicht. Irgendwann saßen wir im Pierre Loti, blickten auf die Kloake, die einstmals ein herrliches Panorama gewesen sein soll, und tranken Tee. Wie war es ihm ergangen? Er hatte beschlossen, aus seinem Dorf wegzuziehen. Vor einigen Wochen war er nach Istanbul gekommen und hatte angefangen zu arbeiten. Als was? Als Selbständiger. Was genau er tat? So etwas wie An- und Verkauf. Etwas in der Richtung. Er wollte wahrscheinlich nicht, dass ich nachhakte. Und wie es mir ging? Gut ging’s mir. Vor dem Militärdienst hatte ich in einer Werbeagentur als Texter gearbeitet, das wusste er doch, oder? Nein, das wusste er nicht. Doch, so war das, ich hatte vor dem Militärdienst in einer Werbeagentur gearbeitet. Aber jetzt schrieb ich Texte für ein Fernsehprogramm. Es gab doch diesen berühmten Entertainer, ja, den kannte er, und genau für den schrieb ich die Gags. Sehr glücklich war ich offen gestanden nicht. Aber was soll’s, von irgendetwas musste ich ja leben. Wenn ich wenigstens vernünftig verdient hätte, aber das tat ich nicht. Ich war ein erwachsener Mann und lebte immer noch bei meiner Mutter. Şaban meinte, das sei doch kein Problem, er habe eine Dreizimmerwohnung in Beşiktaş gemietet, sie sei riesig, und erschwinglich sei sie auch, und wenn ich mir die Hälfte der Miete leisten könnte, dann könnte ich bei ihm einziehen. Also echt, meinte er das im Ernst? Doch wie sollte das gehen? Ich bedankte mich, lehnte das Angebot aber ab. Ich sollte mich nicht so anstellen, wieso sollte das nicht gehen? Außerdem kenne er sich nicht gut aus in Istanbul und fühle sich einsam. So könnten wir uns gegenseitig Gesellschaft leisten. Moment mal, ich musste darüber nachdenken. Wie war noch seine Telefonnummer? Und so führte ein netter Zufall dazu, dass mein Waffengefährte zwei Wochen später auch mein Wohngefährte wurde.

Şaban war ein prima Mitbewohner. Er redete zwar nicht viel, war aber nicht kühl; er war zwar ordentlich und penibel, störte sich aber nicht an meinem Chaos; er war zwar religiös genug, um jeden Morgen in aller Herrgottsfrüh zum Gebet aufzustehen, aber kein einziges Mal hörte ich ihn von den wunderbaren Tugenden des Islam reden. Und das war längst nicht alles, was interessant war an ihm. An einem Abend etwa konnte er einen riesigen Tulum-Käse mit nach Hause bringen, den seine Familie aus dem Dorf geschickt hatte, und an einem anderen Abend Sushi. Wenn er beim Essen etwas lesen wollte, so konnte dies ein Text von Mevlana, aber auch ein Pornoheft sein. Obendrein studierte er beide Lesestoffe mit dem gleichen distanzierten Interesse und unterstrich bei beiden gern die eine oder andere Zeile – und ich fürchte, er meinte das nicht als Scherz. Kurz und gut, Şaban war völlig anders als all die Menschen, die ich bisher kennengelernt hatte. Seine Eigenschaften, die, einzeln betrachtet, mehr oder minder normal erschienen, formten in der Summe ein merkwürdiges Ganzes. Ich konnte ihn offen gesagt nicht recht einordnen, fühlte mich mit ihm aber definitiv wohl. Und das war wichtiger als alles andere.

Es war keine allzu große Überraschung, als die Sendung, für die ich die Beiträge schrieb, aus dem Programm genommen wurde. Dass diese vorhersehbare Katastrophe nur einen Monat nach meinem Umzug in die neue Wohnung passierte, brachte mich allerdings in eine äußerst schwierige Lage. Als ich Şaban unter Entschuldigungen die Situation schilderte und sagte, ich müsse ausziehen, verkündete mein großherziger Freund, dass er das niemals zulassen und die Miete allein bezahlen würde, bis ich wieder Arbeit gefunden hätte. Wenn ich unbedingt wollte, könnte ich es ja als eine Art Schulden ansehen. Wie konnte ich das bei Şaban jemals wieder gutmachen?

Ungefähr ein Vierteljahr war seit meinem Rausschmiss vergangen, als eines Abends unser Telefon klingelte. Şaban aß gerade einen Backmischung-Kuchen mit Erdbeermarmelade und las dabei eine alte Ausgabe der Zeitschrift Hayat, und ich sah mir bei meiner zweiten Flasche Wein mit blutunterlaufenen Augen eine der beliebten TV-Talkshows an und fluchte vor mich hin. Da wir uns beide voll auf unsere Aktivitäten konzentrierten, reagierten wir eine ganze Weile nicht auf das Klingeln. Schließlich nahm Şaban ab und sagte dann: »Für dich.«

Ich stand auf, warf dabei meinen Stuhl um und nahm ihm den Hörer aus der Hand. »Ja, bitte?«

»Musa Bey?« Eine nette Stimme. Einer Dame gehörend.

»In persona«, erwiderte ich, pleite und bereit zum Flirt.

»Hier spricht die Secret Agency«, sagte die Dame am anderen Ende mit dieser Fröhlichkeit, die so typisch ist für Überbringer froher Botschaften.

»Verzeihung, wer ist am Apparat?«

»Die Secret Agency. Eine Werbeagentur. Sie haben unseren Namen wohl schon gehört?«

»Ja, klar«, stotterte ich.

Der Name sagte mir gar nichts. Zugegeben, nach so viel Alkohol hätte ich sogar den Namen meiner Mutter vergessen, aber das steht auf einem anderen Blatt.

»Wir suchen einen Texter, und wenn Sie es einrichten könnten, würden wir Sie gern zu einem Gespräch einladen.«

Ich war aufgeregt. »Eigentlich … passt es mir im Moment nicht so recht.«

Die Frau lachte auf. »Es muss nicht sofort sein. Wann können Sie kommen?«

»Morgen. Morgen könnte ich kommen. Aber bitte nicht zu früh.« Früh am Morgen musste ich aufstehen und mich übergeben.

»In Ordnung. Wie wäre es mit 11 Uhr?«

»Ja. 11 Uhr ginge.«

»Ich gebe Ihnen die Adresse. Wenn Sie bitte notieren.«

Ich drückte die Hand auf die Muschel und rief Şaban. Er war gerade damit beschäftigt, die Zähne der Bikinifrau auf dem Titelblatt seiner Zeitschrift schwarz anzumalen. Ich gab ihm ein Zeichen, etwas aufzuschreiben, und wiederholte mit lauter Stimme die Adresse, welche die Dame mir nannte. »Okay. Mit wem habe ich gesprochen?«

»Ähm, ich heiße Mehtap, aber das Gespräch werden Sie mit Tunçay Bey und Gürcan Bey führen.«

»Ja, natürlich, verzeihen Sie. Ich bin ein wenig durcheinander …«

»Und Şeytan Bey wird natürlich auch dort sein.«

Pause … Pause … Pause … Ich hatte mich garantiert verhört. »Prima.«

»Gute Nacht, Musa Bey. Bis morgen.«

»Was gibt’s?«, fragte Şaban, nachdem ich aufgelegt hatte.

»So was wie ein Stellenangebot«, antwortete ich und sank in einen der Stühle.

»Um diese Zeit?«

Die Wanduhr zeigte 21 Uhr 30.

»Der Anruf kam von einer Werbeagentur. Die arbeiten immer bis spät in die Puppen.«

»Viel Glück. Wann hast du dich denn beworben?«

»Gar nicht«, sagte ich und goss mir noch ein Glas Wein ein. »Ich kann mich nicht erinnern, mich bei so einer Agentur beworben zu haben.«

»Dann müssen sie irgendwie gehört haben, dass du einen Job suchst«, meinte Şaban gottergeben, wobei er fortfuhr, einen Angler auf die Schulter der Bikinifrau zu kritzeln. »Das ist eben Gottes Werk.«

»Ach ja«, bestätigte ich. »Aber du irrst dich, es war einer seiner Engel.«

Die Secret Agency saß in einem Gebäude in Asmalımescit, das der Stiftungsbehörde gehörte. In einem der Häuser also, die man spottbillig für neunundvierzig Jahre mieten konnte. Dazu musste man über gute Beziehungen verfügen, so hatte ich zumindest gehört. Wahrscheinlich von dem Inhaber der Agentur, für die ich vorher gearbeitet hatte und der sich zu gern in einem solchen Objekt eingemietet hätte. Was ihm nicht gelungen war, hatte die Secret Agency anscheinend geschafft.

Ich trat durch die gigantische alte Tür und nannte dem netten, rundlichen Wachmann meinen Namen.

»Oh, Musa Bey. Wir erwarten Sie schon«, sagte er und betätigte einen Knopf unter seinem Tisch. Mit einem Piepton öffnete sich das Drehkreuz zwischen mir und den Aufzügen am Eingang.

»Sie fahren bitte in die erste Etage.«

Als ich in den ultraschnellen Lift stieg, begriff ich endlich, was mir seit Betreten des Gebäudes so merkwürdig vorgekommen war: die Kälte. Es war eiskalt im Haus. Draußen herrschte Sommer und es war ungewöhnlich heiß, doch hier handelte es sich um eine übertriebene Kühlung, die nicht damit zu erklären war, dass man die klimatischen Verhältnisse an die Bedürfnisse des menschlichen Körpers anzupassen versuchte. Steigerte man auf diese Weise etwa die Leistung der Mitarbeiter?

Als ich aus dem Aufzug trat, fand ich mich vor einem riesigen, protzigen Schreibtisch wieder. Zwei dunkelhaarige Sekretärinnen, eine sexier als die andere, empfingen mich mit einem Lächeln. Eine der beiden musste mich gestern Abend angerufen haben. Ich näherte mich der Dame, die sexier und ranghöher zu sein schien. »Mehtap Hanım?«

»Ja, bitte?«

»Ich bin Musa«, stellte ich mich vor. »Ich komme wegen des Vorstellungsgesprächs.«

»Eine Minute, bitte«, erwiderte Mehtap, als würde sie sich mitnichten an unser Telefonat vom Vorabend erinnern. Höchstwahrscheinlich traf das auch zu. Dann drückte sie auf eine Taste ihres High-Tech-Apparats. »Musa Bey ist hier.«

Nach einer Stille von zirka vier bis fünf Sekunden, die mir übrigens völlig unlogisch erschien, ertönte aus dem Lautsprecher eine hohe Männerstimme: »Schicken Sie ihn herein.«

»Sie werden erwartet«, sagte die sexy, dunkelhaarige und dienstältere Mehtap und zeigte mit der Hand von sich aus gesehen nach links. »Bitte in diese Richtung, am Paravent nach rechts, das gegenüberliegende Zimmer.«

Nachdem ich vor besagtem Zimmer tief Luft geholt hatte, klopfte ich an.

»Kommen Sie rein!«, ertönte von drinnen eine schrille Stimme.

Es dürfte nicht übertrieben sein, wenn ich das Bild, das sich mir beim Betreten des Raumes bot, als seltsam bezeichne. An zwei Tischen, die im rechten Winkel zueinander standen, saßen zwei Männer. Der kleinere Tisch stand weiter von der Tür entfernt und gehörte einem traurigen Mann im Anzug. Er musste um die vierzig sein. Sein Stirnhaar war ein wenig gelichtet, seine Miene betrübt. Was heißt betrübt – aus seinen Augen liefen regelrecht die Tränen. Als hätte er meine Anwesenheit gar nicht bemerkt, hatte er seinen Blick irgendwo in die Ferne – und nach unten – gerichtet und weinte still vor sich hin. Auf dem größeren Tisch, der, so vermutete ich, der Person mit der größeren Verantwortung gehörte, streckte sich ein schwarzer Kater mit glänzendem Fell, und dahinter saß ein seltsamer Typ, lang und dünn und mit Schlitzaugen. Er trug ein verschlissenes T-Shirt und komische Shorts; seine Füße steckten in Socken und riesigen blauen Sandalen. Auf dem Tisch standen ein Glas mit einem Strohhalm und irgendeiner Flüssigkeit sowie ein kleiner Eiskübel, der weiß der Kuckuck wozu dienen sollte. Im Gegensatz zu dem weinenden Mann starrten mich diese Jammergestalt und der Kater aus unbeweglichen Augen an.

»Entschuldigen Sie.« Mein Blick fiel unweigerlich auf meinen potentiellen Vorgesetzten mit dem älteren Gesicht. »Wenn Sie wünschen, kann ich auch später wiederkommen.«

»Nein, nein«, meinte die Bohnenstange mit den Sandalen. »Es ist nicht so, wie Sie denken. Ich bin Tunçay. Aber nicht Tuncay, wenn ich bitten darf, sondern Tunçay. Herzlich willkommen.«

»Musa«, drückte ich ihm die Hand und wandte mich beklommen an den anderen Tisch.

»Gürcan«, wimmerte der andere, wobei er mir weder die Hand schüttelte noch mir ins Gesicht sah.

»Bitte, setzen Sie sich hier hin«, bot Tunçay Bey mir den Sessel vor seinem Schreibtisch an.

Ich setzte mich auf den mir zugewiesenen Platz. Ich räusperte mich und sah mich um. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich sagen sollte. Deshalb sagte ich, obwohl ich den Kater eigentlich für eine grässliche Kreatur hielt: »Was für ein süßes Kerlchen«, und streckte meine Hand aus, um ihn zu streicheln. Wie immer das gottverdammte Vieh es auch anstellte – jedenfalls zog ich, vom Sessel hochspringend, meine Hand zurück. Ich war kreidebleich geworden. Tunçay Bey sagte gar nichts, doch schien sich ein vages Grinsen auf seinem Gesicht anzudeuten.

»Sie sind Texter«, begann Tunçay Bey.

»So könnte man es nennen.«

»Schön. Wir benötigen einen Werbetexter. In erster Linie entwerfen wir Inserate. Dazu kommen Broschüren, Flyer, solche Sachen eben. TV-Werbung machen wir nur selten. Eigentlich haben wir bislang noch gar keine Werbung im Fernsehen gemacht, aber sollte unser Kunde sein Budget erhöhen, wäre auch daran zu denken.«

»Ihr Kunde?«, unterbrach ich ihn. »Sie haben also nur einen Kunden?«

»Der geringsten Anzahl von Kunden den bestmöglichen Service bieten: Das ist die Philosophie unserer Agentur.«

»Der geringsten Anzahl, ja?«

»Genauso ist es. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie feststellen, dass bestmöglicher Service zwangsläufig zur geringsten Anzahl führt. Wie dem auch sei, das sollte Sie nicht weiter interessieren. Wir möchten, dass Sie so bald wie möglich bei uns anfangen.«

Um ehrlich zu sein, ich war verblüfft. Sie würden mich also nicht in einer Flut von unsinnigen Fragen über meine Vergangenheit, Ausbildung und Hobbys ertränken? Genau genommen schien es ein gutes Zeichen zu sein, dass sie diese Stufe des Gesprächs, deren Sinnlosigkeit sowohl dem Arbeitgeber als auch dem Bewerber von Anfang an bewusst war, übersprangen. Was hatte es mit diesem Firmenchef auf sich, der völlig indifferent in katatonischer Haltung an seinem Tisch Rotz und Wasser flennte?

»Verzeihung, aber ich hätte gern etwas gewusst«, warf ich ein, »ich habe nur wenig Erfahrung in der Werbung. Und weil meine besten Sachen auf Druck der Kunden hin im Müll gelandet sind, verfüge ich noch nicht einmal über eine vernünftige Mappe. Deshalb interessiert mich: Warum ich?«

»Wir haben Ihren Namen im Abspann zu Stunden des Seufzens gelesen«, gab Tunçay Bey völlig unerwartet zur Antwort. »Wir mochten dieses Programm sehr. Hatten Sie nicht die Texte zu dieser Sendung geschrieben?«

Unweigerlich musste ich lachen. »Ach Gott! Wenn Sie mich fragen, war das Programm ein einziges Fiasko! Der Moderator setzte alles daran, meine Texte zu ruinieren. Vor jeder Sendung musste ich mich stundenlang abmühen, um ihm zu erklären, wo in den Beiträgen denn die Gags steckten und wie er sie zu sprechen hatte.«

»Wir mochten das Programm trotzdem«, erwiderte Tunçay Bey eisig.

Was hätte ich dazu sagen sollen?

»Was soll ich dazu sagen?«, sagte ich. »Vielen Dank.«

»Wie sieht es mit Ihren Gehaltsvorstellungen aus?«

Ehrlich gesagt hatte ich keinerlei Vorstellungen. Schnell überschlug ich grob die Miete und die Ausgaben für den Haushalt und addierte dazu noch ein bisschen Taschengeld. Ich gab mir den Anschein, selbstsicher zu sein, und sagte: »Wenigstens zweitausend Lira.«

»Und höchstens?« So blöd, wie ich war, hätte ich beinahe auch diese Frage beantwortet. Zum Glück bemerkte ich genau im richtigen Moment Tunçay Beys spöttisches Grinsen und schwieg. In der Tat gab es nichts Dämlicheres, als bei einem Vorstellungsgespräch ein Minimum an Einkommen zu fordern.

»In Ordnung, Musa Bey«, meinte Tunçay Bey. »Der Betrag ist angemessen. Wie gesagt, wir hätten gern, dass Sie baldmöglichst anfangen, am besten bereits morgen. Arbeitsbeginn ist um 9 Uhr, Feierabend um 17 Uhr. Danach und an den Wochenenden müssen Sie nicht arbeiten, es sei denn, eine besondere Situation macht es erforderlich.«

Tunçay Bey hatte mich also eingestellt, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, sich mit anderen zu besprechen. Der einzige Grund für Gürcan Beys Anwesenheit schien die Tatsache zu sein, dass die beiden sich das Büro teilten. Was es mit der am Telefon erwähnten dritten Person auf sich hatte, die bei dem Gespräch dabei sein sollte, wusste ich nicht. Entgegen der Ernsthaftigkeit, die die Sekretärin an den Tag gelegt hatte, hielt sich offensichtlich niemand allzu lange mit der Einstellung von Mitarbeitern auf.

»Vielen Dank«, sagte ich. »Ich werde morgen um neun hier sein.«

»Viel Erfolg, Musa Bey«, sagte Tunçay Bey. Während er sich anschickte aufzustehen und dabei seinen Sessel nach hinten schob, fragte er, weil es wohl so üblich war: »Haben Sie noch eine Frage?«

»Ja«, enttäuschte ich den Herrn der Sandalen. Behutsam platzierte er seinen Hintern wieder in seinem Sessel. »Warum ist es hier so kalt?«

»Weil Kälte gesund ist«, antwortete Tunçay Bey todernst. »Alles Böse entspringt der Hitze. Haben Sie nie darüber nachgedacht, warum alle Lebewesen mit längerer Lebenserwartung über eine niedrigere Körpertemperatur verfügen? Oder warum Leute, die wieder zum Leben erweckt werden möchten, wenn nach Hunderten von Jahren das Geheimnis der Unsterblichkeit des Menschen gelüftet sein wird, ihre Körper nicht verbrennen, sondern lieber einfrieren lassen?«

»Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht«, erwiderte ich und stand auf. »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen einzuwenden, wenn ich im Pullover im Büro erscheine.«

»Wir mischen uns nicht in Ihre Kleidung ein, aber wenn Sie das tun, ist es nicht gesund für Sie.«

»Das kürzeste Leben auf bestmögliche Weise leben: Nennen Sie das meine Lebensphilosophie. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie feststellen, dass das bestmögliche Leben zwangsläufig zum kürzesten Leben führt.«

Begeistert darüber, ein derart fulminantes Finale hingelegt zu haben, schüttelte ich der Bohnenstange die Hand und winkte dem immer noch mit demselben Eifer heulenden Gürcan Bey. »Bis morgen. Und richten Sie Ihrem anderen Partner bitte meine Hochachtung aus.«

»Welchem anderen Partner?«

»Ihre Sekretärin, Mehtap Hanım, erwähnte gestern bei ihrem Anruf, dass wir zu dritt sein würden. Irgendwie dachte ich, dass Sie Partner wären …«

»Genau genommen ist er unser Boss«, sagte mein unsympathischer neuer Generaldirektor. Aus seinem lasziven Gebaren ließ sich unschwer folgern, dass er zu der Gattung von Führungspersonen gehörte, die ihre Gönner anhimmeln.

»Gestern Abend hatte ich meine Sinne nicht ganz beisammen«, meinte ich. »Als Mehtap Hanım seinen Namen nannte, dachte ich, und jetzt werden Sie bestimmt lachen, sie hätte Şeytan Bey gesagt. Hahaha …«

»Sie haben ganz richtig gehört«, sagte Tunçay Bey mit der gleichen lasziven Stimme. »Şeytan Bey ist unser Chef, und ich kann sagen, dass er sehr von Ihnen angetan ist.«

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